Donnerstag, April 20, 2006

Estland als Vorbild


So sieht es jedenfalls das Cato-Institute in Washington D.C.. Diese Organisation ist bekannt für ihre wirtschaftsliberalen Ideen. Obwohl hier Nähe zu den Republikanern besteht, liegt das Cato-Institute nicht immer auf einer Linie mit der Politik, sondern kann auch in Oppposition zur Regierung stehen,siehe Englischversion Wikipedia.
In regelmäßigen Abständen wird der Milton-Friedman-Preis verliehen, benannt nach einem Nobelpreisträger der Wirtschaft. Folgerichtig wurde diesmal die Auszeichnung an Mart Laar vergeben, ehemaliger Premierminister Estlands, der einer der Hauptakteure der wirtschaftsliberalen Revolution in den Umbruchsjahren der 90er war.
Aus der Pressemitteilung - "Walking on water":
But as Laar, who served two terms as prime minister, has pointed out, he is not an economist: "I had read only one book on economics . Milton Friedman's Free to Choose. I was so ignorant at the time that I thought that what Friedman wrote about the benefits of privatization, the flat tax and the abolition of all customs rights, was the result of economic reforms that had been put into practice in the West. It seemed common sense to me and, as I thought it had already been done everywhere, I simply introduced it in Estonia, despite warnings from Estonian economists that it could not be done. They said it was as impossible as walking on water. We did it: we just walked on the water because we did not know that it was impossible."

Der Preis ist immerhin mit 500 000 Dollar dotiert. Hier der Blogeintrag zu Mart Laar vom Oktober 2005.

Dienstag, April 18, 2006

Übersetzungsflaute

In den letzten Jahren hat die Anzahl der veröffentlichten Übersetzungen von Romanen und Erzählungen aus dem Estnischen ins Deutsche abgenommen. Die beste Zeit waren die 90er, als zwei Verlage für regelmäßige Neuerscheinungen sorgten. Das bietet Gelegenheit sich einen Überblick über das bisher Vorhandene zu schaffen. Das hat Kerttu Wagner bei einem Vortrag in Wien getan (pdf-Format). Zwar war das bereits im Jahre 2003, aber wie gesagt, es gibt noch nicht viel Neues dem hinzuzufügen. Am Ende resümiert sie:
Was ich mir für die Zukunft wünsche und ich hoffe, Sie teilen meine Meinung, ist,
dass es eine Normalität wird, wenn auch nicht so eine alltägliche Normalität wie es
zum Beispiel der Fall bei der französischen oder spanischen Literatur ist, ein Werk
eines estnischen Autors oder Autorin in der Buchhandlung vorzufinden, es zu kaufen
und zu lesen. Hoffentlich überwindet die Kritik endlich diese Schock- und
Überraschungsphase „Estland - existiert - doch noch - und hat sogar hervorragende
Autoren“ und kommt zu sachlicheren Analysen.
WEBFU [Wiener elektronische Beiträge des Instituts für Finno-Ugristik] 2003
” Kerttu Wagner ISSN 1609-882X Seite 13
Der Satz aus Professor Martens´ Abreise über Martens´ nationale Zugehörigkeit, den
die ausländischen Kritiker so gern zitieren und den man allegorisch auf den
Bekanntheitsgrad der estnischen Literatur und Estland insgesamt im westlichen
Ausland aus estnischen Sicht übertragen könnte sollte endlich ausgedient haben:
„Aber Sie als Russe? Ach, Sie sind gar kein Russe? Also, Sie als Deutscher, nicht
wahr – Ach Sie sind nicht Deutscher? Ja, was sind Sie denn? Wie? Eskimo? Nein?
Este? Was sind denn das für welche?“ (J. Kross. Professor Martensi ärasôit. Tallinn,
202).

Im Vortrag geht sie auch auf das Übel der Zweitübersetzungen ein, vor allem der Übertragung vom Estnischen ins Russische und von dort ins Deutsche. Dazu ein paar polemische Spitzen auf Seite 6 des Vortragskripts.

Sonntag, April 16, 2006

Estland durch die Kamera

Manche behaupten, die jungen Esten seien besessen, ihre digitalen Privatfotos ins Netz zu stellen. Zum Beispiel: "Ich und die Chemiestunde letzte Woche", entsprechende Programme dafür gibt es genug.
Daneben betreiben einige aber noch die traditionelle Fotografie. Einer von ihnen ist Darius. Aus seinem Fotoweblog hier die Aufnahmen aus Gesellschaft und Politik: Redner vor Elchgeweih, aus dem Parlament, der Präsident usw..

Dienstag, April 11, 2006

Ich dachte, ich sei eine Exotin, wenn ich nach Estland gehe ...

Deutsche Studierende, die mal ein Semester in Estland verbringen, erwarten offensichtlich immer noch ein nordisches Exotendasein. Etwa 40 deutsche Gast-Studierender gibt es gegenwärtig an der Universität der alt-ehrwürdigen Stadt Tartu - so berichtet es Alexandra Frank für die Europazeitung CAFE BABEL.
Vor Wölfen und Bären sei vorher gewarnt worden, so berichtet Frank von den Erzählungen deutscher Studierenden. Und im Winter könnte man erwarten, es sei den ganzen Tag dunkel.
Aber in der Realität gestaltet sich dann das Leben und das Studium in Tartu doch ein wenig anders, und die meisten äussern sich zufrieden mit ihrer Wahl. "Die Seminargruppen sind klein, die Dozenten motiviert und das Angebot an englischsprachigen Kursen groß," wird eine Studentin zitiert.


Sogar im Wohnheim gibt es Internetzugang, und an die Sowjetzeit erinnert nur wenig, so geben es weitere studentische Schilderungen zu Tartu auf CAFE BABEL wieder. "Und wo in Europa kostet schon das Bier nur 1,50 Euro?"

Präsidentschafts-Algebra

Oder Arithmetik? Egal, mit Mathe kommt man hier erfahrungsgemäß nicht viel weiter: Schlagzeile des Wochenbeginns in Estland ist die Aufstellung der Präsidentschaftskandidaten. Für nur 1,5 Millionen Einwohner und mehreren im Parlament vetretenen Parteien ist die Auswahl an Kandidaten für das Präsidentschaftsamt erstaunlich hoch. Pro Partei gibt es wenigstens drei Bewerber. Einzige Einschränkung, es gibt auch parteienübergreifende Kandidaten. Toomas Hendrik Ilves ist gleich von dreien aufgestellt worden und befindet sich so gesehen in der Spitzenposition:

• Reformierakond: Paul-Eerik Rummo, Laine Jänes, Toomas Hendrik Ilves

• Res Publica: Ene Ergma, Jaak Aaviksoo, Jaan Männik

• Sotsiaaldemokraatlik Erakond: Toomas Hendrik Ilves, Liina Tõnisson, Jaak Aaviksoo

• Keskerakond: Toomas Varek, Enn Eesmaa, Aadu Must

• Isamaaliit: Peeter Tulviste, Jaan Manitski, Toomas Hendrik Ilves

Allikas: PM


Da der Präsident nicht direkt gewählt wird, sind Verschiebungen wie bei den vorangegangenen Abstimmungen möglich.

Freitag, April 07, 2006

Ice Age - Es taut, aber langsam

Hier die neuesten Eismeldungen von der Ostsee. Die Finnen haben da einen sehr praktischen Dienst mit Kartengraphiken, wo die grauen Zonen die Zentimeterstärke der Ostseevereisung angeben. Der Frühling lässt auch in Estland auf sich warten. Im März war die Eisdecke zwischen Tallinn und Helsinki sogar geschlossen.

Donnerstag, April 06, 2006

Noch ein Präsidentschaftskandidat

Bei der letzten Wahl war Peeter Tulviste Konkurrent des jetzigen Präsidenten Arnold Rüütel. Tulvistes Partei Isamaaliit hat ihn gegenwärtig neben zwei weiteren Kandidaten aufgestellt. Über Ilves haben wir schon berichtet. Obwohl Tulviste beiläufig als Akademiker bezeichnet werden könnte, hat er aber schon früh gezeigt, dass er auch jenseits des universitären Elfenbeinturms Spuren hinterlassen kann.
Am 28. Oktober 1980 war er einer von 40 Unterzeichnern eines offenen Protestbriefs aus der Estnischen SSR. Es war die Zeit, als Breschnew scheinbar noch ewig die UDSSR regieren würde. Opposition bedeutete genau das Gegenteil eines ruhigen Lebens innerhalb des Sowjetsystems. Hier ein Auszug:
Gewisse Facetten des estnischen Nationalbewußtseins sind leicht verletzbar, und jede Unachtsamkeit gegenüber solchen Gefühlen kann ernste Konsequenzen haben. Die ausgeprägte Empfindsamkeit der Esten namentlich im Hinblick auf ihre Sprache läßt sich unschwer aus dem Umstand verstehen, daß die Deutschen, die hier jahrhundertelang die Oberherren waren, die estnische Sprache als Kulturträger für zu schwach, ja nutzlos erklärten. Den gleichen Standpunkt nahm das der deutschen Herrschaft folgende zaristische Regime ein. Die Esten freilich widersetzten sich solcher Pressionen. Für sie gewann die Sprache eine symbiotische Bedeutung, die sie bis auf den heutigen Tag an ihren harten Kampf um menschliche Würde erinnnert.

1991 war das Ziel erreicht. Estland konnte selbst über seine Sprach- und Bildungspolitik entscheiden. Peeter Tulviste, später Leiter der wichtigsten Universität in Estland, berichtete dazu aus anderer Perspektive auf einer Veranstaltung in Münster 1996 zum Thema 5 Jahre Unabhängigkeit:
Peeter Tulviste in Münster(Mitte)
...
Auch ging er[Peeter Tulviste] auf die Probleme der russischen Bevölkerung ein: Nur 8,5% betrage der Anteil russischsprachiger Studenten an der Universität Tartu. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung müßte er eigentlich bei etwa 30% liegen. Einen Grund für die geringe Zahl sehe er nicht in Sprachbarrieren oder Diskriminierung, sondern u.a. in der mangelhaften Aufklärung über Bildungsmöglichkeiten in den russischsprachigen Siedlungsgebieten. Vor zwei Jahren [1994]machten Repräsentanten der Uni Tartu eine Informationsfahrt nach Narva in den Nordosten des Landes. Kaum jemand wußte dort, daß man auch als russischsprachiger Bürger in Tartu studieren könne.

aus InfoBlatt Baltische Staaten 2/96
Zu der Zeit gab es noch Möglichkeiten, das Grundstudium auf Russisch zu absolvieren. Interessant wäre die aktuelle Situation. Welche Unis bevorzugen die Studenten aus Narva?

M/S Estonia - 12 Jahre nach dem Untergang

Zeitungsartikel aus den Jahren 94/95 mit den alten Schuldzuweisungen. Die Untersuchungen gehen mittlererweile in eine andere Richtung. 1994 geschah eine der "größten Schiffskatastrophen" der Nachkriegszeit mit dem Untergang der M/S Estonia in der Ostsee während eines Herbststurms. Bald begann die Ursachenforschung des Unglücks. Schon mit den ersten Nachrichten gab es Schuldzuweisungen. Gegen den deutschen Schiffsbauer, das Wartungsteam, die Crew, die schwedischen Kontrollbehörden, grundsätzlich Bedenken gegen den Bautyp RORO-Fähren, deren Ladeluken in der Nähe des Meeresspiegel öffnen. Eine offizielle Kommission wurde von den betroffenen Staaten eingesetzt. Doch deren Abschlußbericht wurde immer wieder angegriffen. Private Untersuchungen wurden angestellt, sogar eine Tauchexpedition zum Wrack organisiert. Jutta Rabe, die deutsche Journalistin und ihr Buch zum Untergang der Estonia, wurden vor allem bei uns bekannt. Aber international ist auch der schwedische Schifffahrtsexperte Björkman dabei. Hier seine detaillierten Darstellungen in jüngster Zeit. Nun ist die Sache aber in Estland wieder auf Regierungsebene gelandet. Im März wurde ein Report einer Expertenkommission erstellt und im April veröffentlicht, der die schwachen Stellen des Untersuchungsberichts auflistet. Die Akten werden noch nicht geschlossen. Update 13.04.: Wie geht es weiter? Die Frankfurter Rundschau berichtet hier.

Dienstag, April 04, 2006

Estland-Einsteiger

Wieder kommt ein Blogger,"russlandversteher", das erste Mal nach Estland und wieder von Russland aus. Wir hatten bereits ein Post im Frühjahr dazu aufgegriffen. Hier sein erster Eindruck: "Estnifiziert".

Montag, April 03, 2006

Reden oder Schweigen

Wer einmal Filme des finnischen Regisseurs Kaurismäki gesehen hat,der weiss, warum Schweigen eine große Rolle bei den beiden Nachbarn Finnland und Estland spielt. Nehmen wir als Beispiel den Film Tatjana:
Mit "Tatjana" hat Kaurismäki sozusagen das Destillat seiner bis dahin geschaffenen Filme gedreht: Ein seltsam zeitlos anmutendes Roadmovie, dessen schwermütige Helden ohne ein Ziel vor Augen durch eine ebenso schwermütige Landschaft fahren, die Bekanntschaft zweier Frauen machen, ohne sie wirklich kennenzulernen, vor allem aber ständig Kaffe oder Wodka trinken. So werden die spärlichen Requisiten des Films - die Kaffeemaschine, der Schallplattenspieler, der alte schwarze Wagen der Marke Wolga - zu Hauptdarstellern, die sich von ihren menschlichen Pendants nur dadurch unterscheiden, daß sie nicht sprechen können.

Und jetzt der entscheidene Satz:
Doch von dieser Möglichkeit machen Reino und Valto (Matti Pellonpää und Mato Valtonen) ohnehin kaum Gebrauch, und in seinem letzten Film "Juha"(1998) hat Kaurismäki dann vollständig auf gesprochene Worte verzichtet.


Ich selber habe es schon öfter erlebt, dass selbst mit guten Freunden das Gespräch in einem gemütlichen Cafe in Tallinn plötzlich in den Stand By Modus fallen kann. Das Erstaunliche dabei, es entsteht kein peinlicher Moment, weil es nichts mehr zu sagen gibt. Genau diese Situation reflektiert ein Este, den die Zeitläufte nach Dubai in die Vereinigten Arabischen Emirate verschlagen hat:
When it comes to discussions and stuff, then quite often estonians don't say out loud things that are obvious for them whereas in many other cultures people are saying out everything that comes to their mind. I've seen this in many international conferences and noticed it among my friends. This leads me to my question: do you have to all the time prove how much you know by saying out everything you know? Sure, when you don't say this or that, other people don't know that you know. You know? I know people that whenever they can are trying to show off their knowledge or say something just for the sake of seeming smart. Seeking recognition? Ego gratification? Or built-in and the person is not even aware of this? I'm not saying it's a bad thing. Nobody likes a smartass, but still. Perhaps it's even better like this. You can raise other people's opionion on you better this way. Or lower it, if you're dumb. As the joke is, its better to be silent and let people think you're stupid than opening your mouth and proving they're right.

Estland und die Neue Hanse in Osnabrück


Die Vorbereitungen auf die Hansetage im Juni in Osnabrück schreiten voran.Hier das große Banner mit den Mitgliedern der Neuen Hanse. Ein Programmpunkt aus estnischer Sicht steht schon fest. Der Dirigent Tonu Kaljuste wird das Osnabrücker Symphonieorchester bei einem Konzert im Theater leiten.
Heutzutage werden die positiven Seiten der historischen Hanse betont, dass aber die Hanse auch anders gesehen werden kann, dazu gibt es bereits einen älteren Beitrag im Estlandblog.

Freitag, März 31, 2006

Anmerkung zur "Singenden Revolution"


Der Eindruck könnte entstehen, dass in den Jahren 1988-1991 vor allem die Chormusik eine entscheidene Rolle gespielt hat. Nicht nur. Besonders die Musik von Alo Mattiisen, der die Rock-Pop-Musik zur Revolution lieferte, spielte bei den Jüngeren eine herausragende Rolle. Mattiisen verstarb schon 1996, er war erst 35.
Hier ein Song von 1988, einer von vielen, von der Webseite Music Export Estonia.

Dienstag, März 28, 2006

Was ist eine Kulturhauptstadt?

Vielleicht das hier. Eine Stadt mit einem Stadion nur für Sänger. O.k., Riga in Lettland besitzt das auch. In regelmäßigen Abständen finden hier nationale Chorwettbewerbe statt. Aber einmalig ist das trotzdem. Grund genug sich als Kulturhauptstadt Europas zu bewerben. Von diesen Orten stammt der Begriff "Singende Revolution" von 1988 als Estland, Lettland und Litauen noch zur Sowjetunion gehörten und diese Republiken sich für den Weg zur Unabhängigkeit entschieden.

Tallinn gegen Tartu

In Estland gibt es ernsthafte Bestrebungen für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2011. In Frage kommen nur Tallinn, die Hauptstadt, oder Tartu die zweitgrößte aber wichtigste Universitätsstadt. Anlaß genug, um sich in den Webportalen von Delfi und Postimees gegenseitig zu beharken. Hier vorweg die Selbstdarstellung Tallins zur Bewerbung. Das Kulturministerium hat für die Hauptstadt entschieden. Es gibt eine alte Rivalität zwischen beiden Städten, dazu gehörten sogar Stimmen, die für eine Hauptstadt Tartu warben.

Blick in die Zukunft - Präsidentschaftswahlen

In Estland werden zur Zeit die Kandidaten der politischen Parteien für die anstehende Präsidentenwahl ernannt. Toomas Hendrik Ilves hat da gute Aussichten, er war auch schon Aussenminister. Auf seiner offiziellen Homepage finden sich zahlreiche Texte dazu. Einer fällt dabei besonders auf. 2001 verfasst, werfen die "Reflections of Estonia's Foreign Policy Landscape" kein gutes Licht auf die deutsche Diplomatie und ihr Verhältnis zu Estland. Einmal beschreibt er eine Periode aus der Zeit der Unabhängigkeitsbewegung, als ein deutscher Gelehrter im Frühjahr 1991 anreiste und mehr als nur anriet von der Idee der Unabhängigkeit Abstand zu nehmen. Ein weiteres Mal 1997 wurde dem estnischen Aussenminister in Deutschland erklärt, Estland könne nicht EU-Mitglied werden, da es sonst auch Aussichten auf die NATO-Mitgliedschaft habe, aber das wäre nicht im deutschen Interesse. Das soll ein "security adviser" im Bundeskanzleramt gesagt haben.

Der ganze Text (unauthorisierte Übersetzung, Englisch)hier im pdf-Format.

Diese Episode 1997 scheint so unglaublich, das Treffen mit dem Berater des Bundeskanzleramtes sollte geheim und inoffiziell bleiben. Ich hoffe, dass das Ganze im estnischen Original nicht so einen harten Unterton hat.

Kleine Randnotiz zu Ilves, da der letzte Post von den estnisch-schwedischen Beziehungen handelte: Er wurde in Stockholm geboren.

Montag, März 27, 2006

Lennart Meri und die Estland-Schweden

Die schwedisch-estnischen Verbindungen haben einen historischen Hintergrund, der in Deutschland kaum wahrgenommen wird.
In den letzten Tagen wurde dies deutlich, als die Estlandschweden an Lennart Meri erinnerten.
...
President Meri hade även en gedigen kunskap om svenskestland och personlig anknytning till Nuckö, där han även lät uppföra presidentens sommarresidens.

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Die Vereinigung weist darauf hin, dass Meri eine Sommerresidenz in Nuckö errichten ließ. Dieser Ort gehörte bis 1944 zu dem Siedlungsgebiet der Schweden in Estland. Nach dem Hitler-Stalin Pakt 1939 wurde die Situation bedrohlich, besonders für die gesellschaftlich aktiven Estlandschweden.
...
Föreningen förbjöds omedelbart vid den sovjetiska ockupationen i juni 1940 och förblev otillåten framgent i hemlandet fram till Sovjets sammanbrott. Dess siste ordförande, Mathias Westerblom från Gutanäs på Nuckö, deporterades i juni 1941 liksom den siste folksekreteraren, Nils Blees från Höbring i Rickull, för att aldrig återvända. Bägge lär ha avrättats i Sibirien. Kustbon blev också omedelbart förbjuden. Sovjets ockupation av Estland innebar vidare att flertalet öar längs kusterna, svenskarnas traditionella boplatser, avhystes och blev militärbaser, samt att mängder av unga män på ett enligt folkrätten otillåtet sätt tvångsmobiliserades.

...
Zuerst verlor Estland 1940 seine Unabhängigkeit und wurde der Sowjetunion einverleibt. Noch bevor die Wehrmacht angriff, wurden am 1. Juni 1941 wichtige Repräsentanten der Schweden nach Sibirien deportiert. Darauf weist das Zitat oben hin.Erwähnt werden Mathias Westerblom und Nils Blees. Als 1944 die Rote Armee nach Westen Richtung Baltikum vorstieß, verließen 80% der schwedischen Bevölkerung Estland, zum Teil in kleinen Booten über die Ostsee.
Ausserdem gibt es eine weitere sehenswerte Seite zu den Estlandschweden, hier mit einigen historischen Aufnahmen.

Samstag, März 25, 2006

Das erste Mal

Morgen wird es für die Esten ein emotionales Staatsereignis geben. Und das ist eher selten für die unterkühlten Nordeuropäer. Das erste Mal in der Geschichte wird ein frei gewählter Präsident in einem unabhängigen Estland beerdigt. Schwedens Ex-Premier Carl Bildt ist dafür angereist und berichtet hier. Er durfte eine der wenigen Abschiedsreden halten:
...
He was the foremost of Estonians and among the foremost of Europeans. He knew only too well that the fate of a small nation is always linked to what happens well beyond its immediate boundaries.

For him, Europe wasn’t only the richness of its diverse cultural heritage, within which his Estonia had its proud place.

For him – in this time of ours - it was also the imperative of building of freedom and democracy and security together, with firm bonds also stretching across the wide Atlantic Ocean and – let that not be forgotten – reaching out to the Russia whose culture he cherished so deeply.

...

Das ist ein Zeitungsbericht der Eesti Sonumid über eine der umstrittensten Entscheidungen, die Lennart Meri mitgetragen hat,hier im Gespräch mit dem Schweden Lars Grundberg. Es geht um den Abzug der russischen Truppen 1994. Als Gegenleistung durften bereits pensionierte sowjetische Offiziere in Estland bleiben. Das Foto unten zeigt eine 1992 verlassene sowjetische Militäranlage nahe Voru im Südosten Estlands.

Hier die Fotos der Trauerfeier vom 26. März, ETV und die Fotos vom Nachrichtenportal DELFI. Hier die Fotos von Postimees.

Freitag, März 24, 2006

Russischer Nebel

russland.Ru
...
Lettland und Estland sind weniger demokratische Staaten als Weißrussland. Diese Meinung hat der Direktor des russischen Instituts für politische Studien, Sergej Markow, am Donnerstag bei einem Gespräch mit Journalisten vertreten. "Was Sanktionen betrifft, so müssen sie gegen Lettland und Estland verhängt werden, die überhaupt 25 Prozent ihrer Bevölkerung aus dem politischen Leben verbannt haben", sagte Markow mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen in Weißrussland.

"Ich werde nicht unaufrichtig sein und behaupten, die Wahlkampagne in Weißrussland sei voll und ganz demokratisch abgelaufen", unterstrich der Politologe. "In Weißrussland gilt Lukaschenko als Retter des Landes vor Oligarchen und Banditen", ergänzte er.
...
der Link hier.


Das nennen sie also Politik lehren. Sie können demnach noch nicht einmal rechnen. Vielleicht gibt es Politologen, die sich aus Prinzip nicht mit Mathematik beschäftigen. Wer weiss? Was sollen dennn diese 25 Prozent Minderheit in Estland bedeuten? Die Russen mit russischem Pass, die Staatenlosen, oder was? Die Zahlen sind bekannt, Giustino hat sie zusammengefasst:
BNS - Number of Non-Citizens Down to 10 Percent

What is Russian Foreign Minister Sergei Lavrov going to complain about in five years?

According to Baltic News Service, "As of the end of November the country had 136,533 residents of undefined citizenship.". BNS quoted the Estonian Population Minsitry as saying that "since 1992 until this November 30 Estonian citizenship by naturalization had been granted to 137,617 people."

And according to the Estonian Statistical Office there are 1.35 million people in Estonia. Which means non-citizens in 2005 account for 10.1 percent of the population, and declining.

10 Prozent Staatenlose und es werden weniger. Das ist die Bevölkerungsgruppe, die noch nicht an Wahlen teilnehmen kann. Was die Politologen in Moskau und sonstwo verbreiten ist Propaganda, und nicht nur das. Ihre Informationen sind falsch.
Und Giustino hat gleich noch die Kontroverse über die Sprachregelung in Schulen aufgegriffen, hier seine Meinung dazu.

Mittwoch, März 22, 2006

Die Zeiten haben sich geändert- EU Aussenpolitik


Kaum zwei Jahre leben wir nun in der erweiterten EU und das zeitigt Folgen. Besonders in der EU-Aussenpolitik. War Estland 1992 noch mit Selbstfindung beschäftigt, das Foto zeigt den Estnischen Präsidenten Lennart Meri mit der bis dahin "tödlichsten Waffe" des Landes, so nimmt das kleine Land nun Einfluß auf die Entscheidungen der Europäer. Es geht um nichts anderes als das Verhalten zu Weißrussland, es geht um Demokratie oder Wegducken vor den Ereignissen in Minsk.

Belarusnews.de 17.02.2006
Vor der Wahl in vier Wochen aber scheint Bewegung in die europäische Weißrussland-Politik gekommen zu sein. Befeuert von den osteuropäischen Neulingen wie Polen und den Baltenstaaten beschäftigt sich die EU nun deutlich intensiver mit seinem ungeliebten Nachbarn. ¸¸Den weißrussischen Nichtregierungsorganisationen müssen wir mehr Aufmerksamkeit schenken, sagt etwa Estlands Außenminister Urmas Paet, ¸¸denn sie binden jene Menschen ein, die etwas verändern wollen. Über die Stiftung Open Estonia Foundation unterstützt Estland zivile Organisationen in Weißrussland, hilft Journalisten und schickt 14 eigene Beobachter zur Wahl.

Noch nie hat es im Europaparlament derart viele Debatten über Weißrussland gegeben. Vor zwei Wochen sprach sogar der Herausforderer Lukaschenkos, Alexander Milinkiewitsch, vor den Abgeordneten und ließ sich anschließend die Hilfe der EU zusagen. Die EU-Kommission fördert westliche Radioprogramme, mit denen die Menschen im Lukaschenko-Land mit unabhängigen Informationen versorgt werden sollen. Sogar mit einer Ausweitung der Sanktionen wie dem Einfrieren von Vermögen droht Brüssel, falls die Abstimmung im März gefälscht werde. Und erst im September hatte die Europäische Union Einreiseverbote für jene Weißrussen verlängert, die in eine Affäre um das Verschwinden von Oppositionellen verstrickt sind.


Hier setzt sich fort,was bei der Orangenen Revolution in der Ukraine schon einmal stattgefunden hat: die sogenannte "Einmischung" der neuen EU-Länder in die "inneren Angelegenheiten" der Nachbarstaaten.
Oder anders formuliert, die Unterstützung der Opposition, auf deren Wunsch hin. Von wo sonst sollte diese Hilfe auch kommen?
Hier ein estnischer Politiker, der in seinem Blog Weißrussland als Hauptthema behandelt: Silver Meikar, er hat die letzten Tage in Minsk verbracht. Larko berichtet darüber.

Montag, März 20, 2006

Reich werden in Estland

Wie geht das? Man sollte Teilinhaber einer expandierenden Softwarefirma werden. Wie bei der Firma Skype, die in der Spitze schwedisch dominiert ist aber bei der die Software in Tallinn entwickelt wird. So ist es auch bei Playtech. Die Entwickler sitzen in Tallinn, und die Firma ist an die Börse gegangen. Und das erfolgreich mit einer sogenannten IPO in London. Ein Este besitzt jetzt bei heutigem Stand 35 Millionen Euro. Jüri Kaljundi berichtet darüber, hier.

Zwei Freunde

Jaan Kross, der bekannteste Schriftsteller Estlands und Freund Lennart Meris wird offiziell eine Erinnerungsrede am 26. März für den verstorbenen Präsidenten (1992-2001) halten.
Beide verband die Sorge um das Weiterbestehen Estlands, seiner Kultur und Sprache. Beide waren in der Sowjetzeit in den Osten der Union verbannt.
Wie skeptisch wir im Westen vor über 15 Jahren noch gegenüber der Zukunft eines unabhängigen Estlands waren, zeigt ein Interview der FAZ. Dort wurde folgende Frage an Jaan Kross gestellt:

FAZ: Geben zwanzig Jahre Unabhängigkeit (1920-1940) die Garantie dafür, daß das Baltikum politisch, ökonomisch und kulturell im internationalen Wettbewerb bestehen kann?

Kross: Die Frage zwingt mich zu einer Gegenfrage. Gehen wir einmal davon aus, daß ein halbes Jahrhundert im Leben eines Volkes nicht viel mehr ist als ein halbes Jahr im Leben eines Menschen. Und nehmen wir einmal an, ein Durchschnittsbürger hat vor fünf, sechs Monaten duch einen Schlag vor die Stirn das Bewußtsein verloren. Nun beugen sich die Ärzte über ihn und kratzen sich nachdenklich am Kopf. Lohnt es sich, ihn zu erwecken? Denn wer oder was garantiert, daß er nach fünf Monaten des Scheintodes seine frühere Tüchtigkeit wiedergewinnt?


Anders als Lennart Meri, der vor seiner Politikerkarriere Schriftsteller, Historiker und Filmemacher war, erging es Kross folgendermaßen:

Rheinischer Merkur (1997)
Jaan Kross begann schon in den achtziger Jahren, seine selbsterlebte Deportation literarisch aufzuarbeiten, nicht nur in dem auf deutsch erschienen Erzählband "Die Verschwörung". Wohl auch vor diesem Hintergrund beschloß er, kurzzeitig im neuen estnischen Parlament mitzuarbeiten. "Aber da bin ich dann auch mit Neumeilenstiefeln herausgestürmt", witzelt er. Seine Neugierde hatte er befriedigt, der Sache Estlands könne er mehr von seinem Schreibtisch aus helfen.

Donnerstag, März 16, 2006

Zwei Nachbetrachtungen zu Lennart Meri

Ein Amerikaner beschreibt seine Gedanken und persönlichen Erinnerungen an den ehemaligen Präsidenten Estlands: Ross Mayfield, ein junger Berater damals mitte der 90er jetzt in Palo Alto lebend, USA.
Radio Free Europe berichtet über eine Legende gewordene Szene bei George Bush vor über 15 Jahren.

Dienstag, März 14, 2006

Mehr über Lennart Georg Meri

Weitere Nachbetrachtungen, erste Reaktionen aus der Bloggerszene zu Lennart Meri sind zu lesen bei
- Paul Goble / englisch (Death of a Statesman)
- Lauretta Blogger / estnisch
- Hello Estonia / englisch (zwei Beiträge: Leader of Independence Movement, und "Wednesday is a day of mourning")
- Vilhelm Konnanders Weblog / englisch (Lennart Meri dead)
- Online Kondolenz-Buch / estnisch
- Jaanus on the Internet / englisch
- Aet aus Estland / estnisch (Hüvasti, Härra President)
- Feuilles d'automne / französisch (Lennart Meri est mort)
- kurvakujuryytel Blogger / estnisch (nädal poliitikas)
- Paranka / estnisch (Kurb)
- Pia Kusik / englisch (Sad day for Estonians)
- Mats Hilli, Vasa, Finnland / schwedisch (Lennart Meri dog inatt)
- Moi, Estland / englisch (He passed away at the Estonian Language day...)
- Cicero, London / englisch
- Fotos von Jens-Olaf zu Lennart Meri

und sonst noch:
- Kurzbiographie zu Lennart Meri, verfasst vom estnischen Aussenministerium (englisch)
- Beileidsschreiben von Bundeskanzlerin Angela Merkel
- Nachruf der FRANKFURTER RUNDSCHAU Online
- Infotext des MDR Fernsehens

Wir haben einen großen Europäer verloren - Lennart Meri


So spontan und unberechenbar konnte Lennart Meri auftreten. Palastwache vor der Residenz Kadriorg in Tallinn
Foto: Meie Lennart, Tänapäev Verlag 2000








Estonian President Lennart Meri
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Lennart Meri, Estlands Präsident von 1992-2001, ist gestorben. Er war ein europäischer Politiker, der wie nur wenige verstand, auch über den eigenen nationalen Horizont zu blicken. Fast bei jedem Staatsbesuch oder bei seinen zahllosen im Ausland gehaltenen Reden konnte er Verbindungen zwischen Estland und dem Gastgeber entdecken. Hinzu kam, dass er öffentlich auf Französich, Deutsch, Englisch, Russisch, Finnisch und anderen Sprachen in Interviews Antwort geben konnte.

Hier der Präsident bei der Wiedereröffnung der estnischen Botschaft in Berlin 2001. (pdf Datei)
Hier eine Rezension, der in Interview-Form gehaltenen und einzigen auf deutsch erschienen Biografie über Lennart Meri.



Und Meri beim Pro Baltica Forum in Hamburg.














Der Präsident in Berlin, hier beim Besuch seiner Grundschule, in der Nähe der estnischen Botschaft, wo sein Vater für einige Jahre als Legationsrat tätig war.



Bereits während der Sowjetzeit ging er an die Grenzen aller Möglichkeiten, um ein unabhängiges Leben führen zu können. Ein riskantes Unterfangen. Hier auf einer Expedition nach Ostsibirien.

Mittwoch, März 01, 2006

Post-sowjetisches Tallinn 1992 und 2003


Post Soviet Tallinn 1992
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Zwei stellvertretende Fotos. Das erste zeigt weder alt noch neu, sondern typische Sowjetatmosphäre im Jahr 1 nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Links in den blinden Fenstern sind Löcher.Sie bedeuten: Ungebetenen Besuchern wird nicht geöffnet.

Das zweite Foto bedeutet alt UND neu, aber auf eine etwas andere Art. Nun kann man die Entwicklung zur Kommerzialisierung bedauern. Das Gebäude im Hintergrund gehört einer Bank. Es ist eines der Hochhäuser, die allmählich die Altstadt Tallinns einrahmen. Aber bitte nicht von den schönen Zeiten vorher schwärmen.