Posts mit dem Label Tourismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tourismus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, Juli 07, 2026

Mehr als nur "cool" ...

Soll Estland mit "kühlem Sommerwetter" um Touristen werben? „Wir möchten eigentlich nicht, dass die Leute nur deshalb nach Estland kommen, weil es anderswo zu heiß ist", so wird Agnia Nasti zitiert,  Teamleiterin bei der estnischen Wirtschafts- und Innovationsagentur. „Wir möchten lieber, dass unsere Gäste Estland entdecken, weil es dort etwas zu tun und zu erleben gibt, weil es dort großartige Veranstaltungen gibt, die man anderswo nicht findet.“ (err)

Wenn Hitzewellen durch Europa fegen, wird auch gern auf angenehme Sommertemperaturen im kühleren Norden verwiesen. Für interessierte Touristen wurden bisher eher estnische Kultur, Natur, Küche und lokalen Erlebnisse herausgestellt. Aber Estland als Zufluchtsort vor hohen Temperaturen? 

Die Reisegewohnheiten könnten sich auch ändern. "Visit Estonia" führt aktuell folgende Gründe auf, warum Touristen sich Estland als Reiseziel aussuchen sollten: 
- die Luft in unseren Städten gehört zu den saubersten der Welt!
- 98 % unserer Flüsse führen Trinkwasser
- 51 % der Fläche Estlands sind von Wäldern bedeckt
- 21 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind biozertifiziert
- 23 % der Fläche stehen unter Naturschutz und sind für die Öffentlichkeit zugänglich
- an jedem beliebigen Ort sind Sie nie mehr als 10 km von einem Moor entfernt

Ganz so unterschiedlich klingen solche Argumente gar nicht im Vergleich zu jemand, der oder die sich gerade bei 40 Grad Hitze in einer südeuropäischen Steinwüste aufhält. Es ist doch verlockend: immer kühles Trinkwasser, direkt aus dem Fluss, jede Menge Schatten in kühlen Wäldern, und überall frische Luft! Es kann so einfach sein!  

Freitag, November 01, 2024

10 Minuten gegen die 22

Es gibt Tage, wo niemand danach fragt, ob nun Reformationstag, Halloween oder Allerheiligen gefeiert wird. So ein Tag brach am Donnerstag dieser Woche in Estland an: "Jätku leiba" ("mehr Brot", oder auch "möge das Brot ausreichen") war das Motto. Nein, hier geht es nicht um Bäcker und Backstuben, sondern um die von der estnischen Regierung geplante allgemeine Erhöhung der Mehrwertsteuer: ab 2025 soll diese 24% (bisher 22%) betragen und auf nahezu alle Dienstleistungen angewandt werden (vatcalc).

"Nur Norwegen und Dänemark noch höhere Mehrwertsteuersätze", klagt der estnische Hotel- und Restaurantverband. 360 Restaurants, Cafés und Hotels schlossen sich am 31.10. dem Protest an und legten für die Zeit zwischen 12:30 und 12:40 Uhr die Arbeit nieder (es wurden keine Kundinnen und Kunden bedient). "Statt den Export anzukurbeln und die Wirtschaft zu fördern, erhöht der Staat einfach die Steuern, ohne in die wirtschaftliche Erholung zu investieren", so Protestkoordinatorin Killu Maid. Auch der Tourismus habe sich noch nicht vollständig von den pandemischen Zeiten erholt. (ERR)

Die estnische Regierung, allen voran Regierungschef Kristen Michal, benennt ganz offen, warum die Steuern erhöht werden. Eine "Verteidigungssteuer" aus drei Elementen soll es geben: Anhebung des Mehrwertsteuersatzes um 2 Prozentpunkte ab 1. Juli 2025, eine zusätzliche Steuer von 2 Prozent auf das steuerpflichtige Einkommen natürlicher Personen ab 2026, und eine Steuer von 2 Prozent auf Unternehmensgewinne. (ERR). Das Verteidigungsministerium hatte einen zusätzlichen Finanzbedarf von 1,6 Milliarden Euro angemeldet. Alle Ministerien werden aufgefordert, in den nächsten drei Jahren jeweils 10% ihres Budgets einzusparen. Laut Michal sollen nur Renten, innere Sicherheit, Polizei und Lehrpersonal von den Kürzungen ausgenommen werden.

Verantwortliche Stellen im Nachbarland Lettland verkünden, dass dort keine Erhöhung der Mehrwertsteuer geplant sei (sehr wohl aber die Steuern auf Alkohol, Treibstoff, Tabak und Glücksspiel). Die Protestaktion des Gastgewerbes fand aber dennoch gleichzeitig in allen drei baltischen Ländern statt - die Gastronomie werde in diesen Ländern ähnlich wie in Estland höher besteuert als anderswo in Europa, und Aufgrund des Anstiegs der Rohstoff- und Arbeitskosten machen sie sich auch Sorgen um die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der Dienstleistungen.(ERR / Postimees)

Donnerstag, Mai 30, 2024

Estnischer Sommer: Hungern, Holzski und Skandale?

 Manchmal sind auch touristische Infos irritierend, wenn es um Estland geht. Sagen wir mal so: man sollte sich rechtzeitig orientieren, worum es wirklich geht. Das ist auch bezüglich der Aktivitäten für den Sommer 2024 so, wozu der Estnische Touristikverband nun Informationen zusammengestellt hat (err). Da sind Dinge angekündigt, die näheres Hinsehen verdienen. 

Baltische Skandale?

Da ist zunächst BALTOSCANDAL, in Rakvere im Norden Estlands, vom 3.-7. Juli. Dieses Festival kann immerhin schon sein 30. Jubiläum feiern, dürfte also auch dem entsprechenden Fachpublikum in Europa bereits bekannt sein. Wer trifft sich dort? Die blumenreiche Webseite verrät es nicht auf den ersten Blick.
Ich übernehme hier mal die Erklärung der lettischen Nachbarn von "theatre.lv": "Baltoskandal hat nichts mit einem 'Skandal' zu tun - der Name setzt sich zusammen aus den Wörtern Baltikum und Skandinavien. Es handelt sich um ein zeitgenössisches Theaterfestival in Rakvere, im Norden Estlands. Die Stadt ist nur ein wenig größer als Limbaži. Das Festival wird von etwa 5000 Menschen besucht. Sie kommen aus aus dem ganzen Land und auch aus anderen Ländern. Die Aufführungen beginnen um 14:00 Uhr und enden gegen 1:00 Uhr nachts. Es dauert 4 Tage."

Beim Blick in die Geschichte der bisherigen Festivals zähle ich 14 deutsche Beteiligungen zwischen 1990 und 2022, und nur selten lässt sich gleich am Namen ablesen, wo sie herkamen (einmal "Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz", einmal "Kammertheater Neubrandenburg"). Oft sind es, wie überall im Programm, Aufführungsbeteiligte verschiedener Nationalitäten. 2024 gibts aber gleich zwei deutsche Beiträge. Dabei ist unter anderem Robert Henke, also eigentlich ein Musiker - der Autritt geht wohl eher in Richtung einer Performance (Webseite). Und Florian Malzacher präsentiert im Rakvere Theater ein Buch mit dem Titel "Die Kunst der Montage". 

Holzski im Sommer? 

Bei der Suche danach, was auf dem "Treskifest" geboten wird, ist zu empfehlen besser keine KI zu benutzen - sonst könnte eine künstlich gefütterte Intelligenz noch auf die Idee kommen, das Wort "Treski" aus dem Norwegischen zu übersetzen (Tre = Baum / Holz). Nein, es sind hier keine Loipen für Holzskier gespurt - "Treski" ist einfach der Name eines kleinen Dorfes im äußersten Südosten Estlands, und hier wurde 2021 eine neue Freilichtbühne fertig gestellt. Auch hier ist die Zahl 3 von Bedeutung - es findet nun zum dritten Mal ein Festival statt. Die Veranstalter beschreiben es so: "Treski ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um etwas Besonderes zu erleben. Wir laden Sie ein, Kultur, Musik und friedliche Natur zu genießen und außergewöhnliche Erinnerungen zu schaffen." Vom 9.-11. August 2024 gibts hier vor allem Musik, vorwiegend von Bands aus Estland.

Etwas abgelegen liegt der Ort allerdings schon: wer mit der Bahn kommt, müsste in Orava aussteigen, 8 km entfernt (die Bahnfahrt dauert von Tartu aus etwa 1 Stunde). Autofahrern empfehlen die Veranstalter doch bitte nicht allein zu kommen sondern andere mitzunehmen - um Kosten und nötige Parkplätze zu sparen. Einen Tag vor Beginn, am 8. August, gibt es schon Workshops und Diskussionen - die sogenannte "Treski inspiration conference". Und wer teilgenommen hat, bringt sich vielleicht "Treski"-Shirts oder andere Werbeartikel mit und machen den Ort (der offiziell inzwischen weniger als 100 Einwohner/innen hat) dann auch etwas bekannter in der Welt.  

Freiwillig hungern? 

Auch für das Festival das vom 14.-18. August stattfindet, müssen wir "alle Ecken Estland" erkunden. Es findet in Narva-Jõesuu statt, und auch die Deutschen wissen inzwischen, dass Narva ebenfalls nahe der Grenze zu Russland liegt. Und falls jemand den Festival-Titel HUNGERBURG allzu ernst nehmen sollte: doch, doch, die Lebensmittelversorgung ist dort völlig normal. Die Veranstaltung ist ein Projekt des "Tartu Uus Teater" (Neues Theater Tartu), eine Einrichtung die ihre Arbeitsweisen in einem "'Manifesto" formuliert: "Das Neue Theater Tartu ist eine offene Plattform für neue Ideen."

Benannt ist das Festival nach dem sogenannten "historischen Ortsnamen" von Narva-Jõesuu: ihren heutigen Ortsnamen erhielt die Stadt offiziell erst im Jahr 1890. Ein Ort, der auch als Kurort bekannt ist und mit seinen 2600 Einwohner/innen (nur 13% davon Est/innen) seit 1993 Stadtrechte verliehen bekam. Also müsste ja deutsches Publikum besonders interessiert sein? Kennen Sie denn das alte Hungerburg nicht? (sowie manche immer gern von Dorpat, Reval oder Wesenberg reden?)

Auch hier gilt: bitte keine künstliche Intelligenz oder Google einsetzen. Sonst finden Sie zum Beispiel einen Stadtteil von Innsbruck (auch unter "Quaeldich.de" zu finden), den Gutshof Hungerburg in Bitburg in der Eifel (mit Pferdepension), eine Künstlerkolonie in Berlin oder eine Sandinsel ganz im Norden Deutschlands, an der dänischen Grenze. Alles falsch! möchte man da ausrufen. Aber auch wer nach "Hungerburg in Estland" sucht, findet bisher die Hinweise eher im "Lexikon der Wehrmacht", als Hinweis auf ein KZ-Außenlager der Nazis, oder eben in alten Fotos und Ansichtskarten. Theaterfreunde, bitte verändert Europa!

Samstag, März 23, 2024

Bremsversuch

Wer mit dem Thema Digitalisierung beruflich zu tun hat, ist vielleicht schon einmal auf Dienstreise in Tallinn gewesen. Kostenfreies Wlan, Paketzustellung mit selbstfahrenden Fahrzeugen, selbstfahrende Busse, digitale Krankenakte, E-Residency und Wählen per E-Voting.  Es scheint in zwei Richtungen zu gehen: neben den digitalen Lösungen die (klimafreundlich) elektrischen. 

Scootermania

Stolz wird der "Äike T" als erster in Europa produzierter E-Scooter bezeichnet (rideaike). Auch "Volt" kommt aus Estland, weiterhin ist "Bolt" auch in Deutschland, in über 50 Städten von Augsburg bis Wolfsburg, mit E-Scooterverleih dick im Geschäft. Man könnte meinen, "E-Scooter" sei die Bezeichnung für "Estland-Fahrzeug". 

Geschwindigkeitsangaben
bei "ÄIKE"

Da wird es vielleicht verwundern, wenn gerade Tallinn die "Freiheiten" der E-Scooterfahrer einschränken möchte. "Maximal 20 km/h Geschwindigkeit ist absolut ausreichend", so wird Vladimir Svet, stellvertretender Bürgermeister der estnischen Hauptstadt, zitiert (err). "Wenn wir die Gefährdung von Fußgängern nicht ausschließen können, wird die Gesellschaft vielleicht ähnliche Lösungen wie in Paris einfordern, wo E-Scooter ganz verboten wurden." 

Zu schnell, zu viele

Es wird auch darauf hingewiesen, dass in der norwegischen Hauptstadt Oslo nur maximal 8 km/h erlaubt seien. Dort seien vielfach auch die Notaufnahmen der Krankenhäuser überfüllt gewesen, wegen vieler Unfälle gerade zur Nachtzeit. Konsequenz: in Oslo gilt jetzt auch ein Nachtfahrverbot zwischen 23 und fünf Uhr morgens (Tagesschau). 

Nun sind in der Innenstadt von Oslo auch nur noch insgesamt 8.000 E-Roller zugelassen, und die E-Scooter-Anbieter beklagten "ein Ende der Mikromobilität". In Tallinn dominieren vor allem "Bolt" und "Tuul" das Geschäft mit E-Scooterverleih. Wobei beide Firmen eigentlich darauf setzen, dass die Kundinnen und Kunden sich einfach die firmeneigene App herunterladen und dann dort einen Roller leihen, wo immer in Europa sie gerade sind. "Tuul" gehört zur "Kõu Mobility Group", wo auch die schon genannte "Äike" und auch der Fahrrad- und E-Bike-Hersteller "Ampler" zu finden sind. Hier wird "nachhaltige Mikromobilität" propagiert. 

In Tallinn soll es Uneinigkeit zwischen den E-Scooter-Anbietern gegeben haben. Demgegenüber sind sich aber die Stadtverwaltung und die Verkehrspolizei einig, nicht nur die zulässige Höchstgeschwindigkeit weiter abzusenken, sondern auch gesonderte Parkzonen für E-Scooter in der Innenstadt auszuweisen, die auch mit Ladestationen ausgerüstet sein sollen. Vizebürgermeister Vladimir Svet wünscht sich auch von der estnischen Regierung, dass Gesetzeslücken geschlossen werden. "In anderen Ländern, so wie auch bei unserem Nachbar Lettland, können die Städte und Gemeinden die Regeln für E-Scooter und Parken selbst festsetzen", meint er. Am liebsten würde man auf einzelnen Straßen 25 km/h erlauben, in der Nähe von Kindergärten oder Schulen aber nur 15 Km/h. (ERR)

Donnerstag, August 24, 2023

Gast und Freundschaft

Nein, das hat Estland nicht verdient. Sicher, es könnte noch ein paar mehr Touristen geben, noch immer ist das Niveau von 2019 nicht wieder erreicht, so meldete es auch zuletzt das Estnische Amt für Statistik. Aber zumindest die Hauptstadt Tallinn hat ja auch schon einiges von denjenigen touristischen Trends mitbekommen, die sich nicht unbedingt positiv auswirken auf die Menschen, die dort wohnen und leben, wo es passiert. 

Zuerst kam der Alkoholtourismus aus Finnland. Dann kamen die ausufernden "Stag-Parties" - man könnte es auch "Junggesellen-Sauftouren" nennen. Inzwischen offenbar ein festes Segment mit klarem Label bei viel Bier, Stripper-Yachten, Nachtclubs und eigener Webseite. Wem das nicht ausreicht, der kann auch eine "VIP-Party" (Very Important Party) machen mit Paintball, Crashcar-Rennen und Waffenübungen als "ultimate anger management" (so verspricht die Werbung). Aktivitäten für "echte Männer" eben.

Es soll ja Städte geben, wo Hotels und Restaurants eindeutige Hinweise (no stag!) bereits an der Eingangstür kleben haben. - Andere Aktivitäten, von dem, was sich so Tourismus nennt, beeinträchtigen eher die Natur. Vielleicht auch die Menschen, die auf dem Dorf oder in Gegenden mit wenig menschlicher Besiedlung leben. Da stellte doch neulich ein Beitrag in der österreichischen Zeitung "Der Standard" fest, dass ein Aufenthalt in Norwegen selbst für "Wildcamper" nicht mehr "einsam" genannt werden könne. Etwas ironisch heißt es dort, auch an "jungfräulichen Gletschern" und "unbeleckten Felskanzeln" würden täglich "nur wenige Tausende Menschen" ihre Selfies machen. Norwegen sei eben "Sehnsuchtsort der Wildcamper". Da sei doch "das Baltikum" eine Alternative, so die These im "Standard".

Gut, wir kennen, was Skandinavien angeht, das dortige "Allemansrätt" (Jedermannsrecht). Es erlaubt vor allem, fast überall für eine Nacht zu bleiben - unter der Maßgabe, keine Schäden anzurichten und nichts Übles zu hinterlassen. Gibt es in Estland eigentlich Ähnliches? Aber ja, meint "Nordisch-Info", in Estland werde es "igamehe õigus" genannt, und niemand dürfe der Zutritt zur Küste, zum Wald oder zu Seen und Flüssen verwehrt werden. Wer übernachten will, möge höflich den Besitzer fragen, heißt es hier. Abgesehen davon, dass es sicher nicht leicht wird, immer "Besitzer" zu finden, empfehlen aber Portale wie "Caravanya" Ähnliches; "Trekkingstrails" bietet sogar eine europaweite Übersichtskarte und verweist auf die "Guidelines for nature tourists". Viele Portale, so zum Beispiel "Camperstyle" informieren allerdings sehr ungenau und "deutschlandtypisch" einfach über "Baltikum", weisen also nicht einmal darauf hin, dass es sich hier um drei unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen Gesetzgebungen geht. Hier bleibt es bei der schlichten Empfehlung "Dass du dich dabei an die üblichen Benimmregeln hältst und dich unauffällig und ruhig verhältst, sollte selbstverständlich sein". 

So entsteht dann manchmal eine Art "Heimlichtuerei" - wer sich eher "unauffällig" verhalten will, kommt in der Praxis sicher auch in wenig eindeutige Situationen. Angekommen auf einer schönen Waldwiese, einem einsamen Küstenstreifen einer estnischen Insel, oder an einem schönen Aussichtsplatz - wer möchte da schon laut nach einem "Besitzer" rufen? "Estland-typisch" steht dann da manchmal sogar ein Schild mit einer Telefonnummer, die man anrufen möge. Aber wie viele machen das? 

"Standard"-Autor Sascha Aumüller hat uns Leserinnen und Lesern eben auch nicht verraten, warum auch in Norwegen inzwischen "Wildcamper" aus Deutschland nicht mehr ganz so beliebt sind. Gut. Norwegerinnen und Norweger bemühen sich jeden Sommer aufs Neue, ausgesprochen freundlich mit allen Gästen umzugehen (Norweger im November oder März zu treffen, kann da manchmal sehr lehrreich sein!). Und manche Schlagzeilen stehen dann eben auch nur in der norwegischen Heimatpresse. Dass zum Beispiel über Zufahrtsbeschränkungen zu norwegischen Inseln diskutiert wird, da im Sommer regelmäßig die ganze Inselküste rundrum von Touristen zugeparkt wird. Gerne von Wohnmobilen. 

Und ebenso ist in Norwegen bekannt, dass eben Deutsche nicht nur gerne in Wohnmobilen anreisen, sondern dort auch vorzugsweise ein riesiger Kühlschrank enthalten ist. Da gibt es inzwischen offenbar nicht wenige "Spezialisten", die in Norwegen massenweise Lachs aufkaufen, diesen im eigenen Kühlschrank oder Gefriertruhe lagern, und ihn dann zu Hause in Deutschland weiterverkaufen. Motto: billig leben im Gastland, möglichst noch ein gutes Geschäft machen dabei (das funktioniert übrigens auch bei einigen anderen Fischarten noch). 

Für Estland gibt es da eher noch ein anderes Problem. Weiterhin beliebt ist ja die Etikettierung der Reiseziele als "Baltikum". Zusätzlich auch noch in enge Zeitrahmen gepresst, organisieren viele Veranstalter die Reisegruppen so, dass sie ein Bus von Ort zu Ort bringt. Manchmal wird dazwischen dann noch ein paar Kilometerchen Rad gefahren, gewandert oder eine Sehenswürdigkeit erkundet. Für die Busse müssen jedenfalls, manchmal auch spontan, Standorte gesucht werden, Parkplätze an möglichst attraktiven Orten, wo dann die Reisenden Anlaufstellen haben um entweder dort wieder in den Bus einzusteigen, oder wo oft auch noch eine ausgiebige Pause einer großen Gruppe stattfindet, manchmal mit Fleisch und Würstchen frisch vom Grill. Ich habe es selbst erlebt, dass dann ein kleines Schild "privat" solche zwar kurzen, aber in schöner Regelmäßigkeit immer wieder stattfindenen "Partys" nicht verhindert. Nein, Herr Aumüller, es wäre wirklich nicht schön, wenn sich solche Gewohnheiten noch weiter auf die schönsten Orte Estland ergießen würden. Nun ja, vielleicht bauen die Est/innen ja auch noch ein paar Lachsfarmen?

Sonntag, Juli 10, 2022

Estnischer Sommer 2022 - mit oder ohne Touristen?

Die estnische Tourismuswerbung versucht
die Deutschen zu erinnern:
Brot, Natur, Adelsspuren, estnische Sprache
und ... - alles schöner als Berlin!

In früheren Jahren, als die erneute Selbstständigkeit der baltischen Staaten für manche Deutsche vielleicht eher eine Überraschung darstellte, war ein Land wie "Estland" kein Urlaubziel (Island? Ästland?). Auch noch nach dem Beitritt zur Europäischen Union war es sicher nicht leicht, touristische Vorzüge dem deutschen Publikum nahe zu bringen. Nun aber muss offenbar vieles von neuem beginnen: nach drei Jahren mit Corona-Einschränkungen nun ein Sommer in direktem Kontakt zu unkalkulierbarem Kriegsgeschehen in den Nachbarländern im Osten. 

"Im Baltikum bleiben die Urlauber weg" - so diagnostiziert es Markus Nowak für den MDR, allerdings mit deutlichem Schwerpunkt auf Litauen. Evely Baum-Helmis von der estnischen Tourismusagentur "Visit Estonia" versucht es zumindest nicht negativ auszudrücken, wenn es hier heißt, man könne derzeit nicht sagen, wo "die Auswirkungen der Erholung von der Pandemie enden und wo die aktuellen Auswirkungen des Krieges beginnen." 

Derweil heißt es in Estland, besonders der Inlandstourimus erreiche Rekordwachstum (err). 249.000 Touristen seien im Mai gezählt worden, 176% mehr als im Jahr zuvor (stat.ee). Allerdings läge das gegenwärtige Niveau immer noch 50% unter den Zahlen vor der Pandemie 2019, und im Mai 2021 sei die Gästezahl eben auch besonders niedrig gewesen. 

Da wirken neueste Nachrichten aus der Hotelbranche sicher ermutigend, die von einer "Rückkehr der deutschen Touristen" berichten - viele Gruppen aus Deutschland, die nach Kriegsbeginn zunächst ihre Reise abgesagt hätten, kehrten nun langsam doch wieder nach Estland zurück. (err) Allerdings lohnt auch ein Blick auf die absoluten Zahlen: gegenwärtig ist von 922 Beherberungsbetrieben in Estland die Rede (err) - vorherige Statistiken wiesen noch über 1300 aus (entspr. 20.000 Gästezimmern / bisher 24.500, und 40.000 Betten / bisher 59.000 (stat.ee)

In der deutschsprachigen Presse macht Estland im Moment andere Schlagzeilen: "die Bedrohung ist real" (ZDF), "Frauen bereiten sich auf den Krieg vor" (heute.at), "keine Angst vor Eskalation" (ZDF), und zuletzt "überall werden Sirenen installiert" (Berliner Zeitung). 

Andererseits gibt es Berichte wie in der ARD, dem zufolge in vielen anderen Ländern ein Urlaub sehr viel teurer geworden ist (tagesschau). Zwar heißt es dort "Abseits der Touristenzentren locken Schnäppchen" - doch letztendlich geht der Blick der allermeisten Deutschen doch wohl nur Richtung Südeuropa. "Da wir weniger Touristen hatten, mussten wir die Preise leicht anheben," sagt Ain Käpp, Chef einiger Hotels in Estland (err). "Auch die 50%ige Erhöhung bei den Fährtickets wirkt da nach. Viele Hotels müssen momentan erst mal die Verluste aus der Corona-Zeit wieder aufholen. Aber das Preisniveau ist immer noch niedriger als in Skandinavien oder dem übrigen Europa."

Samstag, Januar 29, 2022

Insel ohne Õ

Wer vielleicht, schon wegen schwieriger Reiseumstände, seit 2019 nicht mehr auf estnischen Insel Saaremaa war, wird sich vielleicht wundern: nun gibt es neue Grenzen. Nein, keine Angst - es ist weder eine Zollgrenze, noch muss ein Passdokument vorgezeigt werden. Es ist lediglich ein ausdrücklicher linguistischer Hinweis: der Buchstabe Õ, auf desssen Existenz alle Estnisch-Sprechenden sonst so stolz sind, gilt in weiten Teilen der Insel Saaremaa nicht. 

Nun wird auch jeder Gast, mehr oder weniger dezent, auf diesen sprachlichen Umstand hingewiesen; anfangs waren sogar Straßenschilder aufgestellt worden, die allerdings von der estnischen Straßenverwaltung beanstandet wurden.

Nun ist es einfach ein 5 Meter großes Õ, aufgestellt an der Straße zwischen Kuressaare und Kuivastu. Taavi Pae, Professor der Geografie und einer der Initiatoren dieser Aktion, wird mit den Worten zitiert: "Es gibt ja viele Witze über dieses Thema, aber dieses Zeichen steht auch als Bekenntnis zu unserer kulturellen Identität. Es gibt eben doch auch Dialekte in der estnischen Sprache, und es ist wichtig sie zu achten." (err)

Als wissenschaftliche Grundlage wird meist auf die Untersuchung von Theodor Kaljo aus dem Jahr 1928 verwiesen, der die genaue Sprachgrenze analysierte und eigene Aufzeichnungen machte (Saarte Hääl).

Rattasõit või rattasöit? fragte auch "Visitsaaremaa" etwas scherzhaft ("Radfahren oder Radfahren"), weist aber doch auf Otto Wilhelm Masing hin, der zuerst auf die Existenzberechtigung des Õ hingewiesen hatte. Und inzwischen hat der Buchstabe selbstverständlich einen eigenen Wikipedia-Eintrag. 

Ob es ehemals deutsche Besiedlung oder schwedischer Einfluss war, die das Ö auf Ösel hinterließen? Da wird die gebotene Information ungenau. Aber, es bleibt dabei: ein Besuch beim Õ / Ö, vielleicht eine neue Touristenattraktion! Und, vielleicht als "Geheimtipp": es gibt auch ein Ö-Restaurant - das befindet sich allerdings in Tallinn.

Dienstag, Mai 04, 2021

Seltener Kirchgang

Es gibt ja verschiedene Ansichten, ob Estland ein christliches Land ist. Zu Zeiten frisch errrungener Unabhängigkeit, Anfang der 1990iger Jahre, wurde es denjenigen ohne jede Landeskenntnis meist so erklärt: Litauen ist katholisch, Lettland und Estland evangelisch-lutherisch. 

Das Kirchengebäude von Tõrva - im Krieg stark beschädigt,
zu Sowjetzeiten eher als Lager genutzt, heute vor allem
Ort vieler Kulturveranstaltungen

Laut estnischen Denkmalschutzbehörden gibt es noch etwa 450 alte Kirchen ist Estland. Aber es gibt unterschiedliche Perspektiven: die lutherische wie die orthodoxe Kirche in Estland wiesen dem Staat die Schuld zu, dass viele dieser Kirchen mehr oder weniger stark renovierungsbedürftig sind - verlottert und vernachlässigt zu Sowjetzeiten. Soll also auch der Staat die Renovierungskosten bezahlen? 

Kirche und Staat sind in Estland bereits seit 1920 getrennt - und nicht erst seit Sowjetzeiten. Das wiederum wäre ein gutes Argument auch der Kirche die Verantwortung für die Instandhaltung der Gebäude zu überlassen. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Kirchengemeinden in Estland auch Eigentümer der Kirchen - aber die Zahl der Kirchgänger/innen geht ständig zurück. Gemäß einer Untersuchung des "Eesti Uuringukeskus" ist die Anzahl derjenigen Menschen im Alter zwischen 15 und 74 Jahren, die sich in irgendeiner Form als "religiös" bezeichnen, in den letzten fünf Jahren von 20% auf 19% zurückgegangen (ERR). Erzbischof Urmas Viima versucht es postiv zu sehen: immerhin hätten ja 63% ausgesagt dass sie sich dem Christentum "nahe" fühlen.

Als Atheisten bezeichnen sich inzwischen 9% der Estinnen und Esten. Die Zahl derjenigen, die an keinerlei Gottheit irgendwelcher Art zu glauben angeben, ist von 44% auf 31% gesunken. Damit ist aber auch gleichzeitig klar: niemand könnte ganz selbstverständlich behaupten, die Mehrheit der Menschen in Estland seien gläubige Christen. 69% sagen sogar ganz klar, dass sie im Untersuchungsjahr 2020 nie einen Gottesdienst in der Kirche besuchten hätten - 15% geben die Anzahl der Kirchbesuche auf ein- oder zweimal an. 

Immerhin befürworteten 62% aller estnischsprachigen Einwohner/innen Estlands eine am Christentum orientierte Erziehung in den Schulen (bei den Russischsprachigen 48%). 

Ganz neu ist das Projekt der "offenen Kirchen", die jetzt durch eine eigene Internetseite erkundbar gemacht wurden. Aber das bringt vielleicht eher Pluspunkte auf der touristischen Seite, und die Gemeindepfarrer/innen werden diese Gäste wohl weiterhin nur um Spenden bitten können - zu bezahlten Tourismusführer/innen werden sie sicher nicht werden. 

Übersicht zu Kirchen in Estland

Dienstag, Oktober 20, 2020

Krise und Kreuzfahrten

Aufgrund der Corona-Krise, den erforderlichen Sicherheitsmaßennahmen, und einiger Schwierigkeiten auf Kreuzfahrten der Saison 2020 stand die Kreuzfahrtbranche monatelang still. Geplante Schiffsneubauten wurden gestrichen, einige Schiffe verkauft. Kreuzfahrtschiffe gelten als Umweltsünder, Sinnbild für Luxus und Konsum und den desaströsen Einfluss des Menschen auf die Natur. Das Bordpersonal muss teilweise bis zu elf Monate ohne Urlaub durcharbeiten, stellte die "Stiftung Warentest" fest. Und manche schalten auch umweltverträgliche Abgasfilter einfach ab, sobald das Schiff auf hoher See ist - meint Greenpeace.

Bevor die Krise ausbrach, hatten die internationalen Reedereien bereits so viele neue Kreuzfahrtschiffe bestellt, dass die deutschen Werften schon fast bis ans Ende des laufenden Jahrzehnts ausgelastet sind.

In der Abwägung sei es "besser, mit weniger Auslastung zu fahren als nicht zu fahren", meint inzwischen TUI-Kreuzfahrtchefin Wybke Meier im "Tagesspiegel". AIDA-Cruises will sogar spezielle "Ausnahmeregeln" von den strengen Corona-Bestimmungen (NDR). Die norwegische "Hurtigrouten" sagte dagegen bis Ende 2020 alle Fahrten mit ihren Expeditionsschiffen komplett ab (t-online). Und dort, wo Kreuzfahrten wieder stattfinden, sind die Veranstalter deutlich nervöser - und untersagen ihren Gästen auch schon mal die Weiterfahrt, wenn sie sich nicht an die Regeln halten (merkur). 

Kreuzfahrten ohne Landgang?  Auch in Tallinn war der Strom der Kreuzfahrttouristen in den vergangenen Jahren unverkennbar. Wer einen Rundgang durch die Altstadt plante, brauchte eigentlich nur mal kurz im Hafen zu schauen: Kreuzfahrtschiff da, Altstadt voll. 334 Kreuzfahrtschiffe hätten 2020 eigentlich in Tallinn anlegen sollen, zwischen dem 27. April und dem 19. Oktober 2019 seien in Tallinn über 650.000 Passagiere von Bord gegangen (nordisch-info).

Nun: eine Sommersaison ohne Kreuzfahrtgäste. Und was meldet Tallinn im Oktober? Der Vanasadam (Altstadthafen) wird kräftig erweitert, und wird - danke Krise - nun früher fertig als geplant. Schon im Mai 2021 soll das neue Terminal fertig sein (err). Die estnischen Kreuzfahrtoptimisten schreckt der andauernde Ausnahmezustand offenbar nicht ab: 20 Millionen Euro Kredit machten es möglich (err). Und wenn die Kreuzfahrtschiffe doch ausbleiben? Im Hafenareal sollen auch noch fünfstöckige Wohnblöcke entstehen, und eine Strandpromenade. Eine ebenfalls noch zu bauende Fußgängerbrücke soll die einzelnen Terminals verbinden (err). Wer sagt da noch, dass Estlands Zukunft immer digital und virtuell sein muss?

Sonntag, Juli 29, 2018

Und wie nu nach Ruhnu?

Bereits kurz vor den Mitsommerfeiern gab es eine böse Überraschung für die touristischen Dienstleister auf der kleinen estnischen Insel Ruhnu: die seit 2012 im Einsatz befindliche Fähre "Runö" war mit Maschinenschaden im Hafen von Pärnu liegen geblieben und machte so die Anreise vieler Sommergäste wochenlang unmöglich.(bnn)

Zwar fährt gelegentlich noch eine weitere kleine Fähre vom lettischen Roja aus nach Ruhnu, aber viele Gäste hatten Aufenthalt und Anreise ja bereits gebucht, und so blieb kaum eine Alternative. Und damit nicht genug: die "Amalie", als Ersatzschiff für die "Runö" herbeigeholt, konnte Ende Juni ebenfalls den Hafen nicht verlassen - "starke Winde" wurden diesmal als Grund genannt. "Amalie" sollte wenigstens eine Verbindung nach Saaremaa möglich machen - wenn auch langsamer, kleiner und unbequemer als die reguläre Lösung.

Während bei der "Runö" unterdessen erst einmal der Motor komplett ausgebaut wurde - ein neuer musste bei Volvo in Schweden bestellt werden - waren estnische Politiker mit recht seltsamen Aussagen zur Stelle. "Ruhnu war immer schon ein extremer Ort zum Leben und für Besuche," so locker sah es Janek Mäggi, estnischer Minister für öffentliche Verwaltung. Nun hat sich auch Wirtschaftsministerin Kadri Simson zu Wort gemeldet. Auch ihre Aussage klingt wenig hilfreich, aus Sicht der Einwohner der Insel: "Sie haben diese Katamaran-Fähre gewollt doch selbst gewollt!". (ERR)

Dem vorausgegangen war ein Brief aus Ruhnu an die Ministerin, in dem die Tauglichkeit des eingesetzten Schiffes für die Route anzweifelte. Die Ministerin wiederum beruft sich auf die Aussagen der estnischen Seefahrtsverwaltung, der zufolge die "Runö" allen Anforderungen entspricht. Bereits seit 2012 habe das in Estland gebaute Schiff auch schon mehrere Verbesserungen bekommen, um eine sichere Fahrt und eine zuverlässige Verbindung zwischen der Insel in beide Richtungen - Saaremaa und Pärnu - zu gewährleisten. 2009 hatte das Ministerium eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die drei verschiedene mögliche Lösungen zum Ergebnis hatte. Diese wurden dann den Einwohnern auf Ruhnu präsentiert, und die Gemeinde habe sich dann für den Katamaran entschieden.

Inzwischen hat die "Runö" den regelären Fährbetrieb, mit einem komplett neuen Motor, wieder aufgenommen. Das Schiff war 2012 auf der "Baltic Workboats AS (BWB)" gebaut worden und war Teil eines EU-geförderten Projekts zur Förderung der Verkehrsverbindungen zwischen den estnischen Inseln und dem Festland gewesen. 1998 wurde die BWB von den beiden Geschäftsleuten Margus Vanaselja und Märten Väikmaa gegründet - ein estnisches Vorzeigeprojekt des "Made-in-Estonia". Drei weitere Schiffe wurden bei "BWB", die bis dahin vor allem schnelle Patrouillenboote gebaut hatten, in Auftrag gegeben: die "Ormsö" (Linie nach Vormsi), die "Abro" (Abruka-Linie) und die "Kihnu virve" (Kihnu und Manija). Zusätzlich baute "Reval Shipbuilding" die "Wrangö" für die Linie nach Prangli - kleine Schiffe, die außer ein paar Dutzend Passagieren noch maximal zwei Autos oder einen LKW mitnehmen können. 

Ein weiteres Boot kam im April 2017 dazu. Die "Soela" soll zwischen Hiiumaa und Saaremaa verkehren, ist 45m lang, hat ein Fassungsvermögen von 200 Personen plus 22 PKWs und kostete 9,4 Millionen Euro (85% EU-finanziert).

"Der Fährverkehr nach Ruhnu kostet 530.000 Euro jedes Jahr," erinnert Minister Mäggi, "dazu 420.000 Euro für die die Flugverbindung von Mai bis Oktober. Das ist das Dreifache des Gesamtbudgets der Inselgemeinde." Von Pärnu aus fliegt ein kleines, achtsitziges Flugzeug die Strecke nach Ruhnu. Die Insel hat gegenwürtig 170 Einwohner. Bei solch hohen Kosten sei es einfach nicht möglich, kurzfristig auch noch einen Plan B in der Schublade bereit zu halten. (ERR) "Schon als 1918 Estland seine Unabhängigkeit errang, da bekamen die Insulaner das erst irgendwann im Mai heraus, nachdem das Eis geschmolzen war."

Der estnischen Regierung kann aber momentan schwerlich vorgeworfen werden, die Sorgen in Ruhnu vergessen zu haben. Erst kürzlich wurde ein weiteres ambitioniertes Projekt (Eesti Energia) eröffnet, gar nicht weit vom Flugplatz: eine 150KW-Solaranlage, die zur nachhaltigen energetischen Selbstversorgung beitragen soll. Auch die seit 2007 bestehende Windenergieanlage soll in Kürze erneuert werden. (ERR)

Mittwoch, Dezember 06, 2017

Bitte kein Verlustgepäck!

Estinnen und Esten mögen ja vielleicht denken, überall - außer in Estland - könnte es langweilig sein. Jedenfalls sind die Verkehrswege voller - Staus, Verzögerungen, Verspätungen. So war es vielleicht ein gelangweilter estnischer Fluggast, der irgendwo auf der Welt, gehindert am Rückflug nach Hause, sich seinen Koffer nahm und diesen als Spielgrund für vielleicht sein Schach- oder Mühlespiel nutzte, um sich die Zeit kurzweiliger zu gestalten - könnte ja sein, dass der Akku des Smartphones schon lange leer war.

Und irgendwie so - oder so ähnlich - könnte die Idee entstanden sein, Spiele direkt außen am Koffer dauerhaft anzubieten: allzeit bereit, sozusagen; auf diese Art werden auch Zwangspausen zur kurzweiligen Angelegenheit.

Koffer mit Spieledesign - eine Idee aus Estland. "Playluggage ist kein normaler Koffer, er ist ein Statement," schreibt der Hersteller. Die Firma "Playluggage" bietet Koffervarianten für Backgammon, Mensch Ärger Dich nicht, Mühle, Dame, Poker und einiges mehr; alle Spielfiguren sind inklusive und mit Magneten versehen - auf diese Art und Weise schrecken selbst hoher Seegang oder ruckelige Zugfahrten nicht.

In Deutschland sind die Spiele-Koffer bisher bei "Metro" und "Galerie Kaufhof" zu haben. Leila Tamm und Martin Rungi, Verkaufsleiter bei "Playluggage", stellten vor einigen Monaten (mit Unterstützung von "Enterprise Estonia") neun Koffervarianten bei Kaufhof in Köln vor, berichtet "EstonianWorld". Außerdem werden auch Oberflächen angeboten, auf denen es sich mit Buntstiften selbst zeichnen lässt - so wird wahrscheinlich auch das Interesse der Kleinsten an Muttis oder Vatis Reisegepäck steigen. Vielleicht ist dann am Flughafen Tallinn demnächst zu hören: "Mutti, müssen wir den Koffer denn wirklich schon aufgeben?"

Nein, keine Sorge - die Spielekoffer werden meist in etwas kleineren Ausmaßen angeboten, so dass das gute Stück auch als Handgepäck fürs Flugzeug taugt.
Eigentlich sei die Ausgangsidee gewesen, einzigartige und leicht wiedererkennbare Kofferdesigns zu schaffen, die das eigene Stück auf dem Kofferband schnell auffindbar macht - so die Produzenten.
Spiele-Koffer mit
eigenem Design -
da gibt es sicher noch
viele neue Ideen ...

Auch in Finnland, Italien, Spanien, China und Australien haben sich schon Geschäftspartner gefunden. Allerdings werden die Koffer momentan noch in China hergestellt - bei anhaltendem Erfolg soll die Produktion in einiger Zeit nach Estland verlagert werden, so die Herstellerfirma.

Gegründet 2010, gibt es bisher erst 10 Mitarbeiter/innen (siehe: Trade with Estonia). Und für wen bisher doch noch nicht die richtige Spielidee dabei war: Koffer werden auch mit eigenen, selbst ausgesuchten Illustrationen oder Fotos der Kund/innen produziert. Also dann: auf dass dieses gute Stück dann nie mehr verloren geht!

Dienstag, März 15, 2016

Echt bärig!

Nein - keine Waldkapelle, und kein Örtchen für's
dringende Bedürfnis - eher eine Mensch-Versteck-Station
in Meister Petz' Revier
Estland, das Land des baltischen Tigers, des freien Internets und der frisch restaurierten Gutshöfe - zuviel Klischees? Fürs neue Jahr hat die estnische Tourismusindustrie noch mal tief in die Ideenkiste gegriffen und bietet etwas an, was nicht jede touristische Destination hat - in Europa schon gar nicht: Besichtigung beim Bären. Hier verbirgt sich hinter "Mietung von Deckung" ein Besuch bei Meister Petz: für einen guten Schuß - mit dem Fotoapperat.

"Haben Sie schon mal im Wald einen Bären getroffen?" fragte "VisitEstonia" schon 2010, und versprach gleichzeitig eine Wahrscheinlichkeit von über 90%. In diesem Fall ist dann meist ein Waldgebiet nordöstlichen Landkreis Ida Virumaa gemeint: Alutaguse. Zwischen Hochmoor und Sumpf sollen hier etwa 100 Bären leben - und dieses Angebot haben schon etliche Reiseveranstalter als Attraktion ins Programm genommen.

Nun wäre ein Ausflug mit Tierbeobachtung das eine - aber hier sollen die Gäste im Bärenrevier auch übernachten. Ein Quartier, was bei "VisitEstonia" noch "gemütlich und bequem" genannt wird, im Falle konkreten Interesses aber mit Vorsichtsmaßnahmen bedacht wird: keinen Lärm machen, keine stark riechenden Parfums benutzen, nicht nachts die Schutzhütte verlassen - so ist es auch in den zugänglichen Erfahrungsberichten nachlesbar.
Für alle, die sich daher erstmal langsam herantasten wollen, weist der "Looduskalender" auch auf andere tierische Sehenswürdigkeiten hin: Zwergschnepfen, Moorschneehühner, Bartkauz, Flughörnchen oder Wölfe - "Alutaguse von seiner ganz eigenen geheimnisvollen Aura umgeben", so die estnischen Naturschützer.

Leider enden die Angebote aber nicht bei der Tierfreundlichkeit. Als "einzigartiges Erlebnis" feiern auch die Jäger ihr privates Vergnügen - die Bärenjagd. Hier wird die Zahl der Bären in Estland auf 800 geschätzt, und behauptet "diese Zahl steige erheblich". Also Bärenschwemme in Estland? Jäger aus dem Ausland befreien die Estinnen und Esten von ihrer Not? Daran darf gezweifelt werden - eher wahrscheinlich ist auch hier eine vielversprechende und sichere Einnahmequelle für die Veranstalter. Vor allem im August, September und Oktober verschwinden also mindestens zweierlei Interessierte in den estnischen Wäldern: die einen mit Zooms und Speicherkarten, und auch die anderen machen Fotos: Beweisfotos vom Mensch als Ordner und Richter über Leben und Tod. Zählt man die auf den Seiten verschiedener Anbieter die Abschußstatistiken zusammen, so wurden 2007 in Estland 27 Bären erschossen, 2008 waren es 37, 2010 schon 65. Die Jagdveranstalter werben mit "flexiblen Preisen", "hoher Trophäenmöglichkeit" und "Extrapakete für Ihre Begleitung und Ihre Kinder, damit auch sie den Urlaub genießen" (Märchen von Meister Petz vorlesen, während Pappa im Wald ist?). An Verboten wird an dieser Stelle nur eines genannt: "Jagd mit Bogen und Armbrust".

Vielleicht ist die freie Natur in Estland einsam und menschenleer genug, dass Tierfreunde und Tierjäger sich nicht über den Weg laufen werden - allerdings sollte die estnische Tourismuswerbung vielleicht auch etwas sensibler mit dem Thema umgehen. Die im Internet einsehbaren "Dankesbriefe" der Jagdgäste sprechen bisher dafür, dass gewöhnlich eher Elche gejagd werden (was ja auch in Skandinavien eine weit verbreitete "Leidenschaft" ist). Estland hat schon manches Thema neu erfunden und erfolgreich zur Imagewerbung genutzt - wenn sich allerdings herausstellen sollte, dass lokale Veranstalter für die einen die süßen Bären fürs Fotoshooting herausputzen, um dann seine Gewohnheiten und Aufenthaltsorte so genau zu kennen, um die Tiere den nächsten Besuchern vor die Flinte treiben zu können, hätten die angeblichen Naturschätze Estlands in beiden Fällen eine große Gemeinsamkeit: sie wären lediglich Objekte zum Geldmachen geworden.
Alutaguse hat sich flexibel aufgestellt: auch ein "Abenteuerpark" wurde hier fertig gestellt, der vielseitige Angebote anderer Art bietet: Kletterstrecken im Wald, ein Sportzentrum mit Schwimmbad, Sauna und gesunder Ernährung - mit einer Vielzahl von Spielen und Unterhaltung. Typisch estnisch eben.

Montag, September 29, 2014

Spaß in den Ruinen

Offenbar gibts in Estland auch Freizeitspaß abseits der Reisekataloge. In dieser Saison - die ja auch einige sehr sonnige Tage hatte - scheint es einige neue Trends zu geben. Zum Beispiel Baden und Tauchen im Steinbruch: die alte Grube von Rummo scheint hier besonders attraktiv zu sein. 
Sogar die Touristikbüros werben schon mit dem
morbiden Charme dieser trendigen Badestelle - hier
ein Foto aus "Visit Harju"

Den Informationen zufolge, die zu diesem Ort zugänglich sind, arbeiteten hier früher Insassen des Gefängnisses von Murru - offenbar kein Grund, der heute jemand abschreckt oder zurückhält. Es gab auch Zeiten, da hier Straflager eingerichtet waren. Seit 1938 - im Krieg und in der gesamten Sowjetzeit - wurde hier Kalkstein abgebaut. 2004 musste die Anlage noch Beispiel für die "Los Angeles Times" herhalten, dass die Zustände in den Gefängnissen des neuen EU-Mitglieds Estland noch sehr verbesserungsbedürftig seien. Seit 2012 steht nun alles leer, die Immobilie sucht Käufer.

Die wahre Attraktion aber entstand offenbar, als die Entwässerung des Geländes gestoppt wurde. In raschem Tempo soll der Wasserstand angestiegen sein und es ist so etwas wie eine "blaue Lagune" entstanden. Selbst Maschinen sollen vom Wasser überströmt sein, so dass ein wahrer "Abenteurspielplatz" entstanden ist, nicht nur für Freizeitbadende, sondern auch für Taucher und Unterwasserfotografen. An sonnigen Tagen kennzeichnen nun skurille Kalksteingebilde neben azurblauem Wasser die Gegend. "A really cool place", wie Blogger Rannu und gibt zu: "ich hatte Fotos von anderen im Internet gesehen und bin gleich hingefahren." Der Reiseblog "When on earth" warnt: "Beachten Sie, Rummu ist ein nicht offiziell zugelassener Platz zum Schwimmen und Tauchen. Das bedeutet, er ist 24Std.zugänglich, aber obwohl der Besuch nichts kostet lohnt es sich wohl mindestens etwas Geld in ein Touristenhandbuch zu investieren, um den Besuch etwas sicherer und angenehmer zu machen." Ähnlich legt es auch die offizielle Tourismusseite "Visit Harju" nahe.

Wer immer noch glaubt, ein Besuch in Rummu wäre eine Art Geheimtipp, der braucht nur bei Fotoportalen wie "Flickr" das Stichwort "Rummu" eingeben und Hunderte von Fotos ansehen können von Menschen, die schon da waren. Ähnlich viele Filmchen sind bei Youtube eingestellt.Sogar ein "Architekturvideo" gibt es zu bestaunen.
Die Innenräume des verlassenen Gefängnistrakts hingegen mussten auch schon mal als Kulisse für ein Video der Synthpop-Band "Kasaky" herhalten.

Donnerstag, Mai 29, 2014

Schmutzige Schweizer

"In Spanien und Frankreich badet man im Dreck!" so schrieb diese Woche die Schweizer Boulevardzeitschrift "20Minuten". Und nicht nur das:  trotz dieser aufsehenerrregenden Überschrift muss im Text zugestanden werden, dass in Spanien 96,9% und in Frankreich 94,1% aller untersuchten Küstenbadestellen in Ordnung sind. Vielleicht wurde es den zuständigen Redakteuren an dieser Stelle zu langweilig, es folgt dann der Satz: "Am anderen Ende der Skala rangiert Estland, wo die Wasserqualität bei nur 6 Prozent der Badeorte in Ordnung" sei.

Das verlangt eine Nachfrage - vorausgesetzt, der Gedanke so weit im Norden Europas Baden zu wollen, ist für die empfindlichen Schweizer nicht gar zu verrückt. Die Datenquelle ist in diesem Fall der jährliche Bericht zur Qualität der Badegewässer in Europa, herausgegeben von der Europäischen Umweltagentur (EEA). Dort steht nachzulesen (sinngemäß aus dem Englischen übersetzt):
- 70% aller untersuchten Gewässer befinden sich in Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien
- Estland weist unter allen EU-Ländern tatsächlich den höchsten Prozentsatz an nicht adäquater oder mangelhafter Gewässerqualität aus: 5,7% (in Zahlen ausgedrückt allerdings nur 3 unzureichende von 53).

Auch einsame Strände mit guter Wasserqualität:
bald gehts wieder los mit dem Badespass
an der estnischen Ostsee (im Bild ein Strand
auf Saaremaa)
Eines ist also schon mal klar: nicht 6% saubere Gewässer sind in Estland zu erwarten, sondern 94,3%. Und auch Spanien und Frankreich fallen nur dann negativ auf, wenn man nur die Statistik aller 28 EU-Staaten liest. Unzureichende Gewässerqualität wird in Frankreich bei 3,5% und in Spanien bei 3.3% festgestellt - da dort zahlenmäßig viel geprüft wird, fallen die absoluten Zahlen auch hoch aus: in Frankreich 116 unzureichende Gewässer, in Spanien 71.

Wirklich bedenklich fallen aber die Ergebnisse für die Schweiz selbst aus - aus deren Sicht Franzosen, Spanier oder Esten eben nur deshalb "dreckig" sein können, da in der EU-Statistik die Schweiz nicht genannt ist. Wer den ausführlichen Bericht liest (auf der EEA-Webseite frei verfügbar), dem fällt schnell auf, dass 2012 noch 335 Gewässer in der Schweiz geprüft wurden, 2013 aber lediglich 167. Grund angeblich: 172 Gewässer wurden fürs Baden dauerhaft geschlossen.
von den 167 geprüften Schweizer Gewässern waren 37 nicht bewertbar, weil zu selten Proben entnommen wurden (das sind schon 22,2%!). So kommt es, dass der Bericht nur für 77,8% der Schweizer Inlandgewässer ausreichende Qualität bescheinigt (einer der niedrigsten Werte aller Länder!). Na, wenn das die "Schweizer Taktik" ist: bei Problemen die Gewässer für die Öffentlichkeit schließen, oder gar keine Proben nehmen ...

Die Probleme in Estland dagegen scheinen hauptsächlich zu sein, dass bei der geringen Gesamtzahl der Badeplätze einzelne "schwarze Schafe" schon mit einer statistitisch relativ hohen Zahl herausstechen (bei den Inlandgewässern 1 Gewässer, bei den Küstengewässern 2). Die Stellen mit unzureichender Badewasserqualität befanden sich in Alt-Pärnu, in Karepa an der Nordküste und am Anne-Kanal in Tartu. Kurzzeitige Probleme gab es auch in Kuresaare auf Saaremaa, dies wurde aber extremen Wetterbedingungen zugeschrieben, Badevorbote konnten nach einiger Zeit wieder aufgehoben werden.
Also: auf in die estnische Badesaison!

EEA Bericht Badegewässer in Europa    /   EEA Badegewässerbericht für Estland

Detaillierte Zahlen zu den einzelnen Messungen (estnisch)

Montag, April 22, 2013

Estland zum Beispiel

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der estnische Regierungschef Andrus Ansip loben sich gerne gegenseitig - soviel haben wir gelernt in der vergangenen Woche. Oder, wie es bei "Reuters" nachzulesen ist: "Deutschland und Estland preisen sich als Modelle der EU".
Aus deutscher Sicht mögen ja die Presseerklärungen und das Selbstlob, was Politiker bei solchen Anlässen gern verbreiten, eher nebensächliche Bedeutung haben - vielleicht ist es in den Augen der deutschen Öffentlichkeit bestenfalls eine Anerkennung dafür das Estland inzwischen nicht mehr ganz unbekannt ist in Europa. Estland seinerseits arbeitet daran in Deutschland nicht als eines derjenigen Länder gesehen zu werden, die "nur an unser Geld wollen", wie es Kritiker der EU-Erweiterung manchmal sagen.
Wie "typisch estnische Schlagzeilen" liest sich da der Estland Bericht den die WAZ am 12.4. brachte: "Ein Besuch in der ersten Internet-Republik". Gäbe es ein Land wie Estland nicht - denken sich dabei vielleicht die Leser - so könnte es auch virtuell erfunden sein. Die deutsche Seite fügt das Thema Datensicherheit hinzu - und schon kann die Diskussion ziemliche Längen einnehmen.

Regierungsmüde? Wir nicht.
Wer nur ein Jahrzehnt zurückschaut wird aus estnischer Sicht vielleicht feststellen, dass fast  "nebenbei" nun Wirklichkeit geworden ist, was Estland ebenso wie Lettland und Litauen anzustreben versuchten: noch vor wenigen Jahren fanden deutsch-estnische Treffen fast nur "auf dem Weg zu" statt. Kurz vor Treffen mit russischen Politikern meistens, oder vor Gipfeltreffen mit osteuropäischen Themen. Heute hat ein deutsch-estnisches Treffen seine eigene Agenda. Das ist anerkennenswert, auch aus Sicht der deutschen Politik, und empfehlenswert auch für zukünftige Regierungschefs. Da bleibt das sogenannte "Baltikum" allenfalls der Wetterkarte vorbehalten - von Estland ist die Rede.

Die gewählten Schwerpunktthemen entsprechen natürlich den politischen Prägungen der beiden Hauptakteure. Ansip, wie Merkel naturwissenschaftlich ausgebildet (er Chemiker, sie Physikerin), hat ebenfalls Erfahrung mit einer ungewöhnlich langen Amtszeit als Regierungschef: seit April 2005 ist er ununterbrochen Estlands Ministerpräsident, und damit ein paar Monate länger noch als seine deutsche Kollegin. Und da Estland momentan mit der Einführung des Euro noch einen Schritt mehr gewagt hat als seine südlichen "baltischen" Nachbarn, kann in den entsprechenden Presseerklärungen auch allein vom "Modell Estland" die Rede sein. Ansip seinerseits stellt sich deutlich an die Seite Deutschlands und Merkels, wenn er sagt: "Ich bin davon überzeugt, dass meine Kollegin Angela Merkel nicht nur Deutschland gut führt, sondern sie ist auch eine gute Führungskraft für die ganze EU. Ich bin davon überzeugt, dass sie in der Europäischen Union auch Estland vertritt. " (siehe: Pressekonferenz 17.4.)

Estland für die Wirtschaft, Estland für die Bayern
Nun könnte man spitzfindig sein und sagen: nun ja, Russland liegt ja auch außerhalb der EU, und die Esten behalten es sich vor, zum nahen Nachbarn im Osten eine eigene Meinung zu haben. Hierzu gäbe es in der CDU sicherlich verschiedene Meinungen: wenn Putin gerade bei einem wichtigen Wirtschaftstreffen wie der Hannover-Messe stürmisch kritisiert wird sind die meisten CDU-Wirtschaftspolitiker wahrscheinlich doch eher peinlich berührt. Ansip sagte hierzu nichts - er wurde aber auch nicht danach gefragt. Lieber erklärte er den Ausbau der Bahnstrecke nach Estland ("Rail Baltica") für wichtig für alle drei baltischen Staaten (im Wissen, dass zumindest Lettland bei diesem Thema momentan sehr zögerlich agiert). Oder der Ausbau der Verbindungen im Energiesektor sei vordringlich. Wie schon bekannt.
Nur die vom Büro des Regierungschefs in Estland verbreitete Meldung enthält sehr feine Kritik, wenn man das denn so lesen möchte: Deutschland rangiert bei den Investitionen in Estland "nur" auf Rang acht, aus der Sicht Estlands ist Deutschland Handelspartner Nr.5, beim estnischen Außenhandel hält Deutschland einen Anteil von 7,5%. Und der Anteil deutscher Touristen in Estland stieg (gemäß statistischen Daten) im dritten Jahr in Folge an und liegt jetzt bei 111.251 deutsche Gäste in Estland im Jahr 2012; auch das kann sicherlich noch mehr werden - lediglich 6% der Übernachtungen in Estland buchen deutsche Touristen, und sehr viele übernachten selten außerhalb von Tallinn, und sehr wenige buchen mehr als zwei Übernachtungen.

Selbstdarstellung in weiß-blau: Bayern prägt
dieses Jahr das Deutschland-Bild in Tallinn
Auch Ansip besuchte ja diesmal "nur" Berlin. In Tallinn gibt es diesertage allerdings auch genug "Deutsches" - einen "deutschen Frühling", zu dem die Deutsche Botschaft, das Goethe-Institut und das Land Bayern eingeladen hatten (Programm siehe "Saksa Kevad"). Nun distanziert sich Rest-Deutschland, besonders der nördliche Teil, ja sowieso gern von den Bajuwaren und wird wahrscheinlich eher mit dem Kopf schütteln, wenn der "deutsche" Beitrag einer Ausstellung im Kunstmuseum KUMU ausgerechnet in "bunt angemalten BMWs" besteht ("bayrische Kultur", oder schlicht "Poduct Placement"?). Den estnischen Erwartungen wird es allerdings wahrscheinlich entsprechen: Autos, Bier, "Volksmusik" und Billig-Einkauf - was soll Deutschland auch sonst bieten? Vielleicht hatten die Bayern Glück, dass sie mangels estnischer Fußball-Begeisterung nicht auch noch mit Deutschlands reichstem Fußballklub auftraten - angesichts der nun bekannt gewordenen Hoeneß-Verfehlungen. Jeder weitere Kommentar sei aber denjenigen Estinnen und Esten vorbehalten, die den "deutschen Frühling" (der meteorologisch ja eher auf sich warten ließ) miterlebt haben.

Mittwoch, März 27, 2013

Trojanisches Hotel, oder Botschaft der Freiheit?

In den Büchern von Sofi Oksanen taucht es als Thema auf, aber auch diejenigen Reisenden, die Tallinn bereits in den 80er Jahren besucht haben, werden sich gut erinnern: das Hotel VIRU war damals ein ganz besonderer Ort. Gebaut mit finnischen Firmen, streng sowjetisch überwacht, war das Hotel Viru einer der seltenen Berührungspunkte der östlischen und westlichen damaligen Welt. Ein neuer Dokumentarfilm dazu kommt in diesem Monat in die finnischen Kinos.


(Trailer zu einem neuen Dokumentarfilm zum Hotel Viru in Tallinn) 

Produktionspartner des Films in Estland ist "Amrion Productions", die nach Projekten wie "Poll", und die "Lotte"-Kinderfilme sich auch in Deutschland einen Namen gemacht haben sollte. "Oratorium für Hotel Viru" (Oratoorium Viru hotellile) lautet offenbar der Arbeitstitel für das erst kürzlich abgeschlossene Projekt, aber es ist englisch auch von "Embassy for freedom" als Filmtitel zu lesen. Für das Drehbuch des 79min-Streifenbs zeichnen Margit Kilumets und Taru Mäkelä verantwortlich, das Produktionsbudget belief sich auf 289.000 Euro. Die Hotels der Sokos-Hotelgruppe, zu denen das "Viru" heute gehört, haben bereits die Möglichkeit des Kaufs der Doku auf DVD in allen angeschlossenen Hotels angekündigt. 

Vorberichte in finnischen Medien verheißen interessante Einblicke ins sowjet-estnische Leben damals, die der Film aufgreift. Ein Beispiel: der Hoteldirektor erzählt aus dem Jahr 1984, als Moskau entschied die Olympischen Spiele in Los Angeles zu boykottieren. "Das sowjetische Fernsehen zeigte also nichts von der Olympiade. Also reiste fast die gesamte Moskauer Elite ins Viru-Hotel nach Tallinn, wo das finnische Fernsehen bequem zu sehen war!" 

Info der Sokos-Hotelgruppe zum Film / Info zum Film (bisher nur Finnisch)
Kinosto Ltd. / Amrion Productions  / Interview mit Taru Mäkelä (finnisch) / Filmtrailer (finnisch)

Freitag, August 05, 2011

Reisewetter

Die allgemeine Groß- wetterlage über Europa bleibt weiterhin wie sie ist: die Europä- ische Kulturhauptstadt Tallinn hat offenbar einen guten Draht zu den Wettermachern - auch wenn der 30.Juli mal einen starken Platzregen brachte. 

Die Hotels in Tallinn sind absolut ausgebucht. Bisher haben in den ersten sechs Monaten des Jahres 2011 über eine halbe Million Gäste die verschiedenen kulturellen Aktivitäten und Events in der estnischen Hauptstadt besucht. Über eine Million Passagiere wurden im Hafen von Tallinn abgefertigt, allein 875.000 davon auf der Linie Tallinn-Helsinki, 108.000 bewältigte die Linie nach Stockholm, 112.000 waren Kreuzfahrtpassagiere, und immerhin 12.000 nutzten die Linie Tallinn-St-Petersburg (Zahlen aus "Estonian Review").
Am Sonntag, den 21.August wird es einen eigenen ISLAND-TAG im Rahmen der Kulturhauptstadt-Aktivitäten geben - zum Gedenken daran, dass Island der erste Staat war der die Erneuerung der estnischen Unabhänigkeit vor 20 Jahren anerkannte. Klar dass das Ganze auf dem Islandi väljak stattfinden wird. Bereits einen Tag vorher gibt es das "Freiheitsfest" - aus ähnlichem Anlaß, unter anderem mit "Brainstorm", Mari Boine und Sinead O'Connor.
Also - wer dem weitgehend verregneten deutschen Sommer dieses Jahr entgehen möchte - sogar wettermäßig konnte Tallinn gut mithalten.

Und was schreibt die deutschsprachige Presse? "Ein perfekter Städtetrip" diagnostiziert die Neue Züricher Zeitung. "Der Norden leuchtet" befindet ZEIT ONLINE. Viele Berichte gab es auch kürzlich zur U20-Leichtatlethik EM in Tallinn.
Wenn nun noch die ewig wiederkehrende Zelebrierung von angeblichen Heldentaten früherer SS-Soldaten nicht wäre, könnte das Bild und der Sommer in Estland gänzlich ungetrübt sein. Mitten im Tallinner Kultursommer wird nun auch wieder Krieg gespielt (Stichwort "ERNA Feldzug", eine Spezialeinheit die gegen die Rote Armee eingesetzt wurde und 1941 das Vorrücken Nazideutschlands unterstützte). Kriegswettspiele, wenigstens ohne Beteiligung aus Deutschland. Aber das Nachstellen und gleichzeitiges Idealisieren von Kriegsereignissen ist sowohl eine merkwürdige Sportart wie auch nicht ins Bild einer fröhlichen Kulturhauptstadt passend.