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Montag, September 10, 2007

Vor zwanzig Jahren in Estland

Estland wird erstmals Thema westlicher Nachrichten 1987. Noch vier Jahre wird die Sowjetunion existieren, dann ist Schluss. Ein erster Spiegelartikel aus der noch unbekannten Region. Auch danach wird es noch Monate und Jahre dauern, bis regelmäßig berichtet wird.
Spiegel 17/1987 "Mit Rock gegen Streik"
Zwangseinsatz estnischer Reservisten in Tschernobyl

In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1986 ergingen in Estland Einberufungen von 4000 Reservisten zu zweimonatigen Militärübungen. ...
Die Ärzte, sagt Kippar, mußten reihenweise Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen aus dem Umkreis von 30 Kilometern um den Katastrophenort vornehmen. Die Traktor- und Lkw-Fahrer hatten radioaktiv verseuchten Boden abzutransportieren- oft nur mit Schaufeln oder sogar den nackten Händen. ...

Über"explosive Stimmung", "Erhebung oder Streik" berichtete im August 1986 die estnische Partei-Jugendzeitung "Noorte Hääl". Am Manuskript des Autors Tonis Avikson hatte die Zensurbehörde 42 Änderungen verlangt. Avikson wurde ins ZK der KP Estlands zitiert. Da er mit den Änderungen nicht einverstanden war, drohte man ihm, ihn selbst nach Tschernobyl zu schicken. Der Journalist verfaßte eine vier Seiten lange Selbstkritik.
Zwölf der Streikenden wurden zum Tode verurteilt. Im Juli erhielt der Ingenieur Gunnnar Hagelberg, Reserveleutnant bei den Fallschirmjägern, seine Einberufung nach Tschernobyl, wo man ihm zehn Soldaten mit dem Befehl zuteilte, auf Arbeitsverweigerer zu schießen. Im August kehrte er strahlenkrank nach Estland zurück; er starb zwei Wochen später.


Glückliche Gorbi Zeit, böse Esten. Kann mir den sarkastischen Seitenhieb nicht verkneifen. Das waren Zeiten vor dem Internet.

Dienstag, April 25, 2006

Tschernobyl aus estnischer Sicht

Vor zwanzig Jahren ereignet sich der Tschernobyl-Gau. Die daruffolgenden Wetterbewegungen, die das freigesetzte radioaktive Material mit sich führen, lässt viele Mitteleuropäer das Schlimmste befürchten: Die Angst vor Verstrahlung.
Während der Folgezeit haben viele Esten noch viel unmittelbarere Sorgen. Männer werden zur "Liquidierung" der Schäden in die Ukraine zwangsrekrutiert.
Laut der Zeitschrift Pogrom 3/87 wird dem Journalisten Tonis Avikson gedroht, selbst dorthin zu Aufräumarbeiten geschickt zu werden, wenn er weiterhin entgegen der Zensurbestimmungen über Tschernobyl berichte.
Auch das TIME MAGAZINE greift die Situation auf:
While the experts argued, workers labored to restore the land around Chernobyl. A newspaper in Soviet Estonia reported that military reservists from that Baltic republic were being forced to participate in the Chernobyl cleanup. The men were said to be working 14-hour days washing down buildings and trees and digging up contaminated topsoil. ''They are like squirrels in a running wheel,'' wrote Journalist Tonis Avikson. He noted that the reservists staged work stoppages when their Chernobyl tour of duty was extended from two months to six, and the ''air was filled with strong words, words fueled by disappointment, indignation, despair.'' Despite this harsh picture, the reporting was apparently an officially approved effort to squelch false rumors about even worse conditions.

Daneben nennt Pogrom noch eine weitere Ungeheuerlichkeit:
Die Versorgung der Bevölkerung mit Molkerei- und Fleischprodukten wird seit Ende Juni 1986 in Estland immer schwieriger. Offiziell heißt es nur, daß der Milch-und Fleischplan in der estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik nicht erfüllt worden sei. Das Plansoll für diese Waren ist jedoch wegen nötiger Lieferungen in die Ukraine erhöht worden.
Im Gegenzug werden radioaktiv belastete Lebensmittel aus der Ukraine (Butter, Zucker, Süssigkeiten, Fruchtsäfte) als "brüderliche Hilfe" nach Estland geschickt. Im August wird das Fleisch- und Konservenkombinat in Tallinn gezwungen, 30 Tonnen Fleisch, teilweise hochbelastet, aus der Ukraine entgegenzunehmen. Dieses Fleisch muß bei der Wurstherstellung des Kombinats mit einem Anteil von zehn Prozent "untergemischt" werden. In Poltsamaa ist hochradioaktiv belastete Margarine, die im weißrussischen Gomel hergestellt wurde, auf dem Markt.

Hier noch ein paar wissenschaftliche Zahlen:
Department of Epidemiology and Biostatistics, Institute of Experimental and Clinical Medicine, Tallinn, Estonia.

Nearly 2% of the male population of Estonia aged 20-39 years were sent to Chernobyl to assist in the cleanup activities after the reactor accident. A cohort of 4,833 cleanup workers was assembled based on multiple and independent sources of information. Information obtained from 3,704 responses to a detailed questionnaire indicated that 63% of the workers were sent to Chernobyl in 1986; 54% were of Estonian and 35% of Russian ethnicity; 72% were married, and 1,164 of their 5,392 children were conceived after the Chernobyl disaster.