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Freitag, November 14, 2008

Estland und die Aussenwelt

Dieses Video macht mich nachdenklich. Es ist 1988, die Perestroika ist schon weltbekannt. Trotzdem werden auf militärischer Seite noch Prinzipien auf beiden Frontstellungen getestet, im Westen und im Osten. Hier geht es um die Durchfahrtserlaubnis für Schiffe nach einem Vertrag, der aber von der Sowjetunion nicht anerkannt wurde. Die eine Seite fordert das internationale Recht, die andere zeigt ihre Meinung dazu. Millionenteures Kriegsgerät wird dabei benutzt. Eine Episode, die mir unbekannt war. Und da liegt mein Unbehagen: Wir interessieren uns nicht für die militärischen Aspekte der internationalen Beziehungen, grundsätzlich nicht, weil: Frieden ist besser.
Also, was bedeutet die Nato-Mitgliedschaft Estlands, was passiert eigentlich, wenn russische Flieger im Nato Luftraum, von mir aus auch umgekehrt auftauchen, die Geschichten bekommt man Jahre später vielleicht im Detail berichtet, wie diese hier, ein sowjetisches Kriegsschiff versucht im Schwarzen Meer die amerikanische Yorktown zum Abdrehen zu zwingen :

Hier der Originalpost im Blog "Information Dissemination", von dem der Hinweis auf das Video stammt:
On a February Day on the Black Sea in 1988

Interessant sind in dem genannten Blog die Verweise auf russischsprachige Blogs zum gleichen Thema. Dort kann man die Sichtweise der russisch/sowjetischen Seite erfahren, die Militärs beider Seiten gehen respektvoll miteinander um, die Politik setzt aber die Rahmenbedingungen. In diesem Zusammenhang spielt Kommunikation zwischen beiden Gegnern eine große Rolle. Am Ende sind sich die Soldaten aber bewusst, wir führen Befehle aus. Ein schönes Lehrstück.

Donnerstag, Juli 24, 2008

Setukesen beiderseits der Grenze


Eine Minderheit in Estland sind die Setukesen. Sie leben vor allem im Südosten an der Grenze zu Russland.
Der deutsche Wikipedia-Artikel nennt Zahlen, danach wohnen noch einige tausend auf der östlichen Seite um Petsori.
Setumaa ist benannt nach dem orthodoxen Volk der Setukesen (oder Seto bzw. Setu), deren Stammheimat Setumaa ist. Sie sprechen Seto, eine finno-ugrische Sprachen, die am nächsten mit dem Estnischen verwandt ist. Die Setukesen haben eine starke eigene Tradition und Identität. Die Kultur und Folklore unterscheiden sich von der estnischen und russischen. Besonders ihre Volksdichtung und ihr Liedgut sowie die Mythologie (vor allem um den heidnischen Gott Peko) haben Jahrhunderte überdauert. Heute leben nur noch ca. 5.000 Setukesen in Setumaa (andere Zahlen sprechen von 10.000 bis 13.000 Setukesen in ganz Estland und 3.000 bis 4.000 in Russland) und sind gegenüber Esten und Russen in der Minderheit.

Wie so oft gibt es verschiedene Zahlen über Minderheiten, ein bemerkenswert unaufgeregter Artikel in The Moscow Times spricht von etwa 300 außerhalb Estlands. Klingt wie ein Bericht über die letzten Mohikaner:
Dwindling Seto Numbers Feel Estonia's Pull

Die Seto-Flagge:

Mittwoch, März 05, 2008

Moskau Wahltag


Moscow, Election Day
Originally uploaded by Neeka
Aber auch in Estland wurde gewählt. Denn um die 80-000 bis 100 000, und jetzt ist die Bezeichnung Russen im Sinne der Staatsbürgerschaft korrekt, konnten an den Präsidentschaftswahlen in Russland teilnehmen.
Über die genauen Minderheitenzahlen in Estland, überwiegend russischsprachige Bürger, lässt sich hervorragend streiten. Denn ein Teil ist und war schon lange Estnisch, ein Teil ist (noch) staatenlos und ein dritter besitzt die russische Staatsbürgerschaft. Noch habe ich die Wahlergebnisse aus Estland nicht vorliegen, ich hoffe ich kann sie noch nachliefern.
Foto, aufgenommen von Neeka einer ukrainischen Journalistin.


Update: Auf der Suche nach den Ergebnissen der Wahl bin ich auf dieses Online-Interview (2007) mit dem Bürgermeister (head of administration) von Narva Mikhail A. Stalnukhin gestoßen. Es gibt einen guten Überblick über die wichtigen Themen, die auf der russisch-estnischen Seite diskutiert wurden.

Mittwoch, Oktober 31, 2007

Grenz - Meditationen

Grenzen wecken schnell Emotionen, besonders wenn sie nicht leicht passiert werden können.
So war es an der deutsch-polnischen Grenze und den kilomterlangen LKW-Staus vor über 10 Jahren. Die Warteschlangen am damals engen polnisch-litauischen Übergang sind vielen Betroffenen noch in Erinnerung.
Und 1991 war vorübergehend der Übergang von Russland nach Estland dicht. Von Ivangorod nach Narva. Daraus lassen sich leicht Schlagzeilen machen:
"Nieder mit der Grenze" titelte in einem Beitrag DER SPIEGEL 52/1992 in der Serie: Die Leiden der Russen. LKWs wurden bei nicht ganz formal richtigen Papieren zurückgeschickt, die Wartedauer war lang von russischer nach estnischer Seite:

Nicht wenige in Russland äusserten ihre Angst wegen des Warenabflusses Richtung Baltikum. Das hat sich nun geändert. 2007 stauen sich die LKWs auf estnischer Seite. Und es sieht so aus als seien die Gründe ähnlich wie damals nach Polen und Litauen. An der Landesgrenze wurde erst spät investiert. Mit steigendem Gütervolumen leiden die Fahrer am meisten.
Hier das Meditationsvideo, aufgenommen von Narva bis zum Ende der Warteschlange, von Pudrumulk:

via Larko, der darauf hinweist, dass auch in Finnland die gleiche Situation herrscht. Also "normale" europäische Zustände, wie wir sie von früher kennen.

Dienstag, März 20, 2007

Russland - Estland

In den letzten Wochen zieht das Ringen um die Deutungshoheit über den 2. Weltkrieg zwischen Estland und Russland weitere Kreise.
Der Guardian, eine der wichtigsten britischen Publikationen, veröffentlichte eine Stellungnahme des estnischen Botschafters in London mit heftigen Leser-Reaktionen im Kommentarteil. Via 'A Step At A Time': Replying to Propaganda.
Ein weitere Übersicht zum Verhältnis mit Russland wurde aus Tel Aviv gepostet. Paul Abelsky: Russian Diasporas Struggle to Integrate in Latvia and Estonia
Ein Auszug:
"Russia's understanding of history is to be blamed for the conflict situation," said Kadri Liik, director of the Tallinn-based International Center for Defense Studies.
"Russians are restoring something close to the Soviet interpretation of history, and they haven't yet understood basic things to bring them closer to Estonia. Most Russians think the USSR won the war thanks to Stalin, but he was an ally of Hitler, and maybe the great sacrifice in the war could have been a lot less without him."

After joining the EU and NATO in 2004, Estonia has not felt constrained to air its grievances, although it has found little overt support inside the European establishment. The burden of mending the ties between the two countries, according to Liik, is on Russia and its ability to reassess the Soviet past. "Estonia wants a constructive relationship and no one is setting any conditions," she said. "Moscow's reaction is so emotional because it feels we are invading their concept of history. The process of reconciliation should happen naturally. If Russia is unable to take a critical view of history, it is going to be a problem for its relations with the rest of the world."


Update: Ich habe gerade über Abelsky recherchiert, besser gesagt: gegoogelt. Der Post aus Tel Aviv sagt nicht viel aus. Abelsky arbeitet auch für RussiaProfile.org . Dort steht zu seinem Lebenslauf:
Paul Abelsky was born in Minsk, Belarus, and grew up in the Chicago area after immigrating to the United States in 1991. Educated in European history at Amherst College and Yale University, he has worked as a journalist in Russia since 2004.

Und der Artikel stammt ursprünglich von dieser Webseite.

Montag, Juli 04, 2005

Aufregung um Grenzvertrag mit Russland


Putin meint, Estland habe neuerdings wieder Gebietsansprüche an Russland, da die estnischen Parlamentarier in der kürzlich hinzugefügten Präambel des neuen Grenzvertrages auf den Friedensvertrag von 1920 hinweisen. Da gehörte Ivangorod (links) noch zur estnischen Republik. Rechts liegt Narva. Foto ist um 1918 enstanden. Wahrscheinlich während der deutschen Besatzung. Siehe Fotoserie. Posted by Picasa

Ria Novosti:
SVETLOGORSK (Kaliningrad region), July 3 (RIA Novosti) - Russia's decision to revoke its signature on the border agreement with Estonia was right because the reference to the Tartu treaty might entail territorial claims, President Vladimir Putin told a press conference in Svetlogorsk Sunday."We did not denounce the agreement because it had not been ratified. We revoked the signature and did the right thing," Putin said.

"Even if we do not take into account political appraisals of the past, any juridical grounds for territorial claims of one country against another in the modern united Europe are absolutely inadmissible."

Russia and Estonia signed the land and sea border agreement in Moscow on May 18. However, Russia revoked its signature on June 27.


Die Gebietsansprüche sind aber reine russische Interpretationen. Russland fühlt sich als Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Spricht man aber Moskau auf deren Verträge an, ist das auf einmal ein ganz andere Geschichte.

Dienstag, Juni 21, 2005

Der Grenzvertrag mit Russland - Das estn. Parlament stimmt zu


Der Grenzvertrag mit Russland ist auf estnischer Seite vom Parlament mehrheitlich abgesegnet worden. Hillar Metsa kommentiert das lakonisch mit: Der Klügere gibt nach. Seine täglichen Zeichnungen können bei epl.ee unter Karikatuur abgerufen werden.
In der Darstellung ist links der Lange Hermann, der große Turm der ehemaligen Ordensburg (Tallinn) und nationales Symbol, dargestellt, rechts der Kreml in Moskau.

Update 22.06., es geht weiter, zu früh die Akte geschlossen, ein Hinweis bei russland.RU :
Russland wird die Klauseln, die das estnische Parlament in den russisch-estnischen Grenzvertrag bei dessen Ratifizierung eingetragen hat, nicht akzeptieren, ist der Vorsitzende des Föderationsrats (Oberhaus des russischen Parlaments), Sergej Mironow, überzeugt.

Posted by Hello

Mittwoch, Mai 18, 2005

Realpolitik

Die Reaktionen in Estland über das Grenzabkommen (vorheriger Blog) sind ziemlich ablehnend. Viele sehen hier Realpolitik am Werk und einige haben ihre Meinung darüber beim lettischen Nachbarn geäußert. Lettland hat immer noch keinen Grenzvertrag mit Russland. Aus dem Internetportal delfi.lv


Estonian, 18.05.2005 13:57
What a shame! I am not proud about our politicians!
I think that Estonian parlamentarians do not dare to ratify it before Latvia has signed the border treaty with Russia. If you succeed to conclude the treaty with Latvian declaration, it is a great success of Latvian diplomacy.
If not, then...

Polls show that more than 60% of Estonian population were against signing the border treaty now.
Estonian politicians are playing their games over our heads. I will ask in written from my MEP, I have chosen, what will be his position when they start to vote in parliament.

Voldis, 18.05.2005 13:58
Estīši var izdarīt, bet letiņi, kā vienmēr nekā. Nu nevajag mums to Abreni. Ja Streipam, kas tur savu vecvecāku māju bildē redzējis vajag,lai brauc un kārto papīrus. Kompensāciju saņems.

!!!, Ainārs, 18.05.2005 13:59
Paldies, paldies!


2 Estonian, 18.05.2005 14:10
It is a shame that your governement signed the treaty deliminating border between two states! You left over 4000 estonian citizens in Russia. Its a shame. Latvian constitution does not allow changes in state territory without referendum of nation.

Andra, 18.05.2005 14:10
Hello,I`m writing from Estonia,our goverment sold our people out and mr.Paet is an idiot.All estonian people think so.If you could see the comments,that are in www.delfi.ee!!!!


Das war die Umfrage von Gallup, die hier erwähnt wurde. Aus den Kommentaren von postimees.ee:

Rahvas arvab nii
18.05.2005 12:23
Rahvas - Eesti Vabariigi PS § 1 kohaselt kõrgeima võimu teostaja - arvab nii:

Gallupi lõpptulemus EPL-is seisuga
KOLMAPÄEV 18. mai 2005 [12:20]

Kas Eesti peaks 18. mail kirjutama alla Eesti-Vene piirilepingule?

jah 38%
ei 62%
Kokku vastajaid: 5173


Ablehnung 62%, Ja 38%

Grenzabkommen Estland -Russische Förderation

Grenzabkommen wird heute durch den russischen und estnischen Außenminister unterzeichnet.
Seit 6 Jahren bereit: Russland und Estland unterzeichnen heute ihr Grenzabkommen
Damit auch Teil der EU-Außengrenze festgelegt
Vertrag wird danach noch von Parlamenten ratifiziert
Estland und Russland wollen heute in Moskau das seit sechs Jahren zur Unterschrift bereit liegende Abkommen über die Festlegung der gemeinsamen Grenze unterzeichnen. Nach der Unterzeichnung durch die Außenminister beider Länder, Sergej Lawrow und Urmas Paet, muss der Vertrag noch von den jeweiligen Parlamenten ratifiziert werden. Mit der Grenze zwischen Estland und Russland wird auch die EU-Außengrenze in diesem Abschnitt völkerrechtlich fixiert. News-Networld


Aber Vorsicht: Erstmal nur die Außenminister, und die russische Duma hat gezeigt, dass sie bockig sein kann. Eigentlich verzichtet Estland auf größere Teile seines Staatsgebietes aus der ersten Unabhängigkeitsperiode. Aber russische Politiker fabulieren wieder so lange bis SIE selbst als Opfer dastehen.
Besser ist es einen genaueren Blick auf die Grenzregion zu werfen, in der die Minderheit der Setukesen lebt, beiderseits der Kontrolllinie. Hier ein Einblick in die Problematik über Sprache, Schule, Zusammenarbeit zwischen Voru (Est) und Petseri (Rus)

Samstag, Mai 14, 2005

Kriegserinnerungen - Vor dem Unterzeichnen des Grenzvertrags mit der Russischen Förderation am 18.Mai 2005

Estnischer Panzerzug Nr.3 im Unabhängigkeitskrieg 1918-1920

Dies sind Aufzeichnungen über die Kriegswirren 1914-1920 im Baltikum. Bisher unveröffentlicht. Von E.Lüdtke über ihren Vater Verner Palmberg. 1920 wird der Friedensvertrag, der auf ewig gelten sollte,mit der Sowjetunion abgeschlossen.  Posted by Hello
Werner Palmberg 1913
Im August 1914 brach der 1.Weltkrieg aus. August, ein Freund meines Vaters, schrieb auf offener Karte auf Deutsch: “Es lebe der Krieg, mögen es die Deutschen büßen!³ Wahrscheinlich ironisch gemeint. Verner trug die Farben der nichtschlagenden Verbindung ESTONIA, nannte sich stud.chem. und machte viele Radtouren in Mittelestland. 1915/16 wurde die Universität nach Moskau verlegt, bedingt durch die vordringenden deutschen Truppen. Er muss sich aber nur kurz in Moskau aufgehalten haben, da es dorthin nur wenige Briefe gibt. Bis zum August 1916 studierte er im Rigaer Polytechnischen Institut, Chemische Abteilung, dann wurde er in das russische Heer eingezogen und kam in die Offiziersschule nach Odessa. Leider hat mein wortkarger Vater nur sehr wenig vom Kriege erzählt. Nur von Odessa schwärmte er: vom schönen Strand und den weißen Häusern an der Küste. Nach seiner Ausbildung als Fähnrich der Infanterie bekommt er Heimaturlaub und wird anschließend gleich hinter den Ural nach Sibirien - Irbit versetzt. Die Fahrt des frischgebackenen Fähnrichs ging erstmal von Reval - St.Petersburg - Moskau, zusammen mit seinem Schulkameraden John, nach Kasan. Dort wurde ihnen das 168. Reserve Infanterieregiment in Irbit zugewiesen. Er untersteht dort dem Regimentsstab der 8. Kompanie. Das Leben in Sibirien war recht eintönig. Im Sommer hoffen sie in den wildreichen Wäldern, auf Jagd gehen zu können. Ein Höhepunkt war der jährliche Fellmarkt, mit 10. Millionen Goldrubeln Umsatz. Ein Bekannter verkaufte 15 000 Eichhörnchenfelle. Eigentlich wollte mein Vater in seinen Erinnerungen noch ausführlich über Irbit schreiben: In der Umgebung die vielen Kriegsgefangenen, Bären, das angefrohrene Ohr im Sturm, essen von Zedernnüssen, Tataren - und endlich auch die ersten Demonstrationen mit angehefteten Rosetten im März 1917. In diesem Jahr ereignen sich in Russland große Dinge. Der Zar dankt ab und wurde mit seiner ganzen Familie verhaftet. Kerenski übernahm die provisorische Regierung. Es wurde der gregorianische Kalender statt des julianischen eingeführt. Verner war nun plötzlich am 3.11 statt am 22.10.1895 geboren. Am 13.April 1917 wurde er ins Sibirische Reserve-Pontonbataillon in Jaroslaw versetzt. Die Fahrt führte wieder endlos über Jekaterinenburg - Perm - Wjotka - Wolodja. 6 Monate führte er dort wieder, wie damals, das typische Soldatenleben in der Reserve: Sprengarbeiten auf der Wolga, Brückenbau, Kartenspielen im Offizierskasino.
WWI Russian officers on a pontoon
Am 15 Oktober 1917 begleitete er mit Remmel (Schulkamerad) ein Kommando Soldaten für das 12. Pontonbataillion nach Dorpat. Er durfte zu einem 6-tägigen Urlaub nach Reval. Ende Oktober fuhr er wieder über Dorpat zurück zu seiner Kompanie, die in Hoppenhof bei Walk an der späteren lettischen Grenze stand. Dort wohnte er auf dem Bauernhof Krewan im Laizenschem Landbezirk. In November war aber nun die bolschewischtische Revolution ausgebrochen. Kerenski war gestürzt worden, Lenin und Trotzki hatten die Herrschaft ergriffen und im Dezember mit Deutschland einen Waffenstillstand geschlossen. Die russische Armee befand sich in Auflösung.
Der Oberkommandierende des russischischen Heeres, der Matrose Krylenko befahl, alle Offiziere zu Soldaten zu degradieren. Am 7.12.1917 wurden allen Offizieren die Epauletten abgeschnitten. In Estland wurde der Belagerungszustand ausgerufen und eine Welle von Verhaftungen des deutschen Adels und der estnischen Intelligenz begann. Verner wurde mit allen gewesenen Offizieren einer ärztlichen Durchmusterung unterworfen. Er wurde aus Krankheitsgründen freigestellt und fuhr zu einem 6-monatigen Urlaub nach Hause zu seinen Eltern nach Reval in die Dörptsche Straße. Von dieser Musterung³ in Dorpat erzählte uns meine Mutter Näheres: Bevor Verner vor dem Militärarzt antrat, wäre er mehrfach im Dauerlauf um Dorpat gerannt. So trat er schweißüberströmt mit wild klopfendem Herzen zur Untersuchung an. Der “Herzfehler³, der ihm bescheinigt wurde, verhalf ihm zum Heimaturlaub. Aber nicht immer ging es so gut ab. Offiziere wurden auch erschossen, die Deutschen in Turnhallen, Kinos, Gefängnisse und im Hafen interniert und nach Sibirien verschleppt. Die Front der deutschen Truppen rückte immer näher. Am 23.2.1918 verlassen die roten Garden Reval fluchtartig. Am 24.2.1918 veröffentlicht der estnische Ältestenrat ein Manifest an alle Völker Estlands zur Rettung des Landes und erklärt Estland zur selbstständigen Republik. Die in der Nacht gebildete Regierung konnte nicht mehr zusammentreten, da am 25.2. die deutschen Truppen Reval einnehmen und andere Gremien zur Verwaltung des Landes einsetzen. Während dieser Zeit arbeitet Verner als Student in der chemischen Fabrik R.Mayer.

Im November 1918 brach in Deutschland die Revolution aus. Die deutschen Truppen zogen sich aus Reval zurück und die roten kommunistischen Truppen strömten über Narva und Petseri wieder ins Land. Aber nun nahmen die Esten ihr Schicksal selber in die Hand. Die bürgerliche Regierung kehrte ins Amt zurück. Die Republik Eesti wurde ausgerufen, die Landesfahne war blau-schwarz-weiss. Im Dezember erscheint ein englisches Geschwader im Revaler Hafen. Die Deutschen hatten die estnische Regierung nicht anerkannt. Ihre Vorstellungen gingen dahin, das Baltikum als Großherzogtum unter Friedrich von Mecklenburg zu vereinnahmen. Nachdem nun auch England die Republik anerkannt hatte und Waffen lieferte, mußte das Deutsche Reich es auch tun. Im Blitztempo wurde in Estland ein Heer aufgestellt, unterstützt durch finnische Freiwillige. Verner wurde als einer der Ersten eingezogen. er stellte sich als einfacher Soldat vor (die Roten hatten ihn ja degradiert). Dies war wieder typisch mein Vater. Uniformen, Orden und Ehrenzeichen waren ihm suspekt. Natürlich wurde er sehr schnell von seinen alten Kameraden geoutet. Ausserdem brauchte das estnische Heer dringend Offiziere, da die meisten von den Roten in ihr Heer vereinnahmt worden waren. Zuerst machte Verner Dienst im Ingenieurbataillon. Mitte 1919 wurde er zum Chef des Wachkommandos der 1. Division bestimmt. Im Mai diente er in der 5. Kompanie des Reservebataillons der Panzerzüge in Südestland. 50 Jahre später, nach einer eindrucksvollen Vorführung des Breitwandfilms “Dr. Schiwago³ in Berlin, wurde mein Vater gesprächig. Von den wunderschönen Aufnahmen von Sibirien animiert, erzählte er mir von seinen Erfahrungen als Offizier in einem Panzerzug (im Film kommen Episoden vor, die die Panzerzugszenen mit dem berühmt-berüchtigten roten General Strelnikow beinhalten). Als er im Panzerzug diente, gerieten sie in einen Stellungskrieg mit den Roten. Sie lagen in vorderster Linie in Schützengräben. Es war kalt und sehr neblig. Ihm unterstanden alle estnischen Soldaten, und er hatte die Verantwortung. Da tönten plötzlich Lautsprecher über das Niemandsland: “Genossen, kommt rüber zu uns, wir haben Schnaps in Mengen!³ Wie gesagt es war dunkel und der Nebel immer dicker. Im Laufe der Nacht dezimierte sich seine Mannschaft immer mehr. Es wurde für ihm immer ungemütlicher. - Ende seiner Erzählung. Ich daraufhin ganz aufgeregt: “Ja, mein Gott, was war dann - Pappi?³ “ Am nächsten Morgen waren sie alle wieder da.³ “Aber - wieso denn?³ “Noh, Wodka war drüben alle !³
Kama WWI Russia
Die Baltendeutschen bildeten freiwillige Baltenregimenter und kämpften zusammen mit den Esten für ihre Heimat. Am ersten Jahrestag der Unabhängigkeit war Estland freigekämpft.
In Lettland waren die Verhältnisse ganz anders. Es bildete sich eine baltische Landeswehr, die zum Teil mit der Eisernen Division (Restbestände aus dem deutschen Heer) zusammen gegen die einmarschierenden Roten und zur Befreiung von Riga kämpften. Dies war sehr verständlich und nötig, da die baltische Bevölkerung fürchterlich unter dem roten Terror litten. Leider unternahm der Kommandeur der baltischen Landeswehr v. Manteuffel einen Staatstreich. Er setzte in Libau die neugebildete lettische Regierung ab und eroberte Riga. Die Roten waren endgültig geschlagen. Er wollte die Macht der baltischen Barone zurückgewinnen. Nun kamen aber die Esten den Letten zu Hilfe. Am 22. Juni 1919 standen sich bei Wenden die Esten und die baltische Landeswehr gegenüber. In einer sehr blutigen Schlacht siegten die Esten. Wenden wurde ein nationales Symbol. Zum ersten Mal seit 700 Jahren hatten die Esten erfolgreich gegen die baltischen Barone gekämpft und gesiegt. Diese Ereignisse haben jahrzehntelang das baltischdeutsch-lettische Verhältnis in Lettland belastet, während die Esten weit lockerer zu ihren Baltendeutschen standen. Leider wurde gerade die Enteignung des Großgrundbesitzes beschlossen, als die Nachricht vom Sieg bei Wenden eintraf. Daher auch die Festlegung der Restgüter auf 50 Hektar. Trotzdem: die estnische Regierung erließ 1925 ein Minderheitenstatut, das im Völkerbund als vorbildlich zitiert wurde. Die Deutschen erhielten eine Kulturselbstverwaltung und etwas, das einmalig in Europa und auf der Welt war: Jeder Bürger konnte seine Nationalität selber bestimmen und sich in das entsprechende Nationalregister eintragen.
Zurück zum Jahre 1920. Gott sei Dank war mein Vater schon am 2.4.1920 im Zuge der Demobilisierung zur Beendigung seines Studiums freigestellt. Am 2.8.1920 wurde er endgültig aus dem estnischen Heeresdienst entlassen.

Anmerkung:
1920 wird durch den Friedensvertrag in Tartu die Grenze zur Sowjetunion festgelegt und die Republik Estland von Moskau anerkannt.
1939 arbeitet Verner Palmberg bei der Abteilung Gasschutz/Chemische Kriegsführung des Verteidigungsministeriums der estnischen Regierung in Tallinn. Ihm wird von seinen Vorgesetzten dringend geraten, das Land vor dem Einmarsch der Roten Armee zu verlassen (Hitler-Stalin-Pakt). Er wandert bereits im Oktober 1939 zusammen mit den Baltendeutschen aus. Zurückbleibende estnische Offiziere werden nach Besetzung des Baltikums durch die Sowjetunion 1940 nach Sibirien deportiert und dort zum Teil hingerichtet.
Vor über zwei Jahren kam ein Film in die estnischen Kinos. Ein Film über das Entscheidungsjahr 1918 und die Rolle der Tartuer Studenten im Unabhängigkeitskrieg. Es wurde der bis dahin erfolgreichste Kinoerfolg: Nimed Marmortahvlil, hier der Trailer. Anmerkung: Das Eesti Sõjamuuseum, Estonian War Museum, hat über die Jahre ein Projekt verwirklicht. Eine Liste mit der Laufbahn aller etwa 10 000 Offiziere des Landes von 1918 bis 1940. Unter ohvitser ist Verner Palmberg aufgelistet. Er diente auf dem Panzerzug Nummer 3. Ausserdem wurden unzählige Fotos aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges auf der Seite des Rahvusarhiivs veröffentlicht. The National Archives of Estonia. Darunter viele Fotos mit dem Panzerzug Nr. 3 im Sommer 1919. foto, soomusrong nr 3, suurtüki platvorm "Onu Tom" esiplaanil 75 mm õhutõrje suurtükk., KLM FT 1105 F 1105:41, Eesti Sõjamuuseum - Kindral Laidoneri Muuseum, http://www.muis.ee/en_GB/museaalview/113897 Eesti Sõjamuuseum - Kindral Laidoneri Muuseum

Donnerstag, Mai 12, 2005

Seltenheitswert: Lob aus Russland

Die online-Ausgabe russland.RU berichtet über die bevorstehende Unterzeichnung des Grenzvertrages zwischen Russland und Estland. Bei der Ankündigung gab es einen herben Seitenhieb aus Moskau in Richtung Lettland. Die Grenzen waren zu Sowjetzeiten geändert worden, die aber jetzt vertraglich geregelt werden.

Die Unterzeichnung des Vertrages mit Estland über die Staatsgrenze und über die Festlegung der Seegrenzen im Finnischen Meerbusen sowie in der Bucht von Narva ist für den 18. Mai geplant, teilte Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag in der Sitzung der russischen Regierung mit.

"Wir bekamen (von der estnischen Seite) die Zusicherung, dass es keinerlei einseitige Interpretationen nach dem Muster der lettischen Albernheiten geben wird", erläuterte der Minister.

Ihm zufolge wurde mit Estland vereinbart, "dass die Frage der Staatsgrenze mit Unterzeichnung des Vertrages für immer und endgültig gelöst ist".

Der Vertragstext ist mit der estnischen Seite vollständig abgestimmt worden und entspricht dem russischen Gesetz über die Staatsgrenze, so Sergej Lawrow.