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Mittwoch, September 23, 2015

Ehrenrettung zwischen den Fronten?

Elmo Nüganen stellt sich keine leichten Aufgaben. Als Theaterregisseur ist er eigentlich bekannt für seine Adaptionen estnischer und russischer Novellen, seit 1992 Direktor des Stadttheaters Tallinn. Seit seinem Film "Nimed marmortahvlil" (zu deutsch: "Die Namen auf der Marmortafel", Estland 2002) könnte er als Chefkoordinator bei der Verbildlichung estnischer Geschichte gelten. Damals, weit vor dem 100.Jahrestags des Kriegsbeginns, war zumindest die deutsche Öffentlichkeit noch nicht eingestellt auf die estnische Variante des Kriegsausgangs: am Ende stand, nach hartem Ringen und mit dem Glück vom Zusammenbrechen zweier übermächtig scheinender Kriegsgegner profitieren zu können, die Unabhängigkeit Estlands.

Heute ist Nüganen einer der bekanntesten Regisseure Estlands. Aber er ist auch Schauspieler: erst kürzlich wurde "Mandarinen" (Mandariinid) für den Oscar nominiert, eine georgisch/estnische Koproduktion, in dem Nüganen eine Hauptrolle spielt; der Film schaffte es immerhin bis in die Endrunde der letzten fünf. Jetzt könnte Nüganen dieses Ziel als Regisseur erneut anvisieren: sein neuer Film "1944" (deutscher Arbeitstitel "Brüder / Feinde") wurde von Estland für die 88th "Academy Awards" 2016 vorgeschlagen.

Hintergrund des Films sind die Ereignisse bei den "Blauen Bergen" auf der Halbinsel Sõrve (Sworbe) auf Saaremaa (Ösel) gegen Ende des 2.Weltkriegs. Die Halbinsel war Schauplatz erbitterter Schlachten zwischen der deutschen Wehrmacht und der sowjetischen Roten Armee. 1944/45 beim Rückzug der Wehrmacht fanden tausende Soldaten hier den Tod. "Vend vena vastu" - ein Motto des Films: Brüder gegen Brüder.
Esten, die bei den Deutschen mitkämpfen mussten, Esten die auf der Seite der Sowjets standen. In diesem Fall die Geschichte von Karl und Juri. Der Filmtrailer stellt heraus: "Esten, in einem Krieg der anderen." So mögen sich manche Esten gefühlt haben, zwischen den Mühlsteinen der Großmächte, nach damals gerade mal zwei Jahrzehnten eines unabhängigen Landes. Möglichst objektiv wolle der Film das Schicksal diesser Männer darstellen, ihre Hoffnungen, Ziele, ihre Vorlieben und Träume. Kinobesucher dürfen gespannt sein - denn bei anderen filmischen Versuchen gerieten die filmischen Geschichten nur allzu oft entweder zu unscharfer Kriegsheldenverehrung, oder zur knatternden und knallenden Show von Spezialeffekten. Einseitige estnische Rechtfertigung nach dem Motto "unsere Motive waren stets ehrenhaft" wäre sicherlich ebenso fehl am Platze.

Seit Kinostart im Februar 2015 hatten den Film in Estland bereits nach 40 Tagen über 100.000 Menschen gesehen. Ein nach estnischen Maßstäben vergleichbares Debut legten nur Nüganen's "Marmorfafeln" hin. Der deutsche Titel "Brüder - Feinde" klingt noch ein wenig vorläufig und holprig: einfacher und schlichter wäre "feindliche Brüder". Produziert haben den Film die estnische "Taska Film", gegründet von Kristian Taska, Sohn des estnischen Filmemachers Ilmar Taska. Partner ist "MRP Matila Röhr Productions" aus Finnland. Die Realisierung wurde unterstützt vom Estnischen Filminstitut,dem estnischen Verteidigungsministerium, und privaten Sponsoren.

In der Sowjetzeit waren auf Sõrve Raketen stationiert. Ich persönlich hätte mir dieses Thema auch gut als estnisch-russische Koproduktion vorstellen können - aber nein, wie schade. Gegenwärtig sind Vergleiche der Auswüchse des Machtstrebens von Hitler und Stalin leider in Russland wenig in Mode. Einige im Internet eingestellte Ausschnitte bieten Anlaß für Diskussionen (zumindest Fragezeichen): ob Überschriften wie "Waffen SS in action" wirklich den Sinn des Filmes wiedergeben? Solange ich den Film nicht selbst gesehen habe fehlt allerdings die Vergleichsmöglichkeit, ob diese Szenen wirklich aus dem Nüganen-Film stammen. Die Reaktionen der "User" stimmen ebenfalls nachdenklich, zum Beispiel diese: "Whoah! An actual movie that shows how useless Russian actually were and how accurate Germans are."Bewunderer des "MG-42" melden sich dort ebenfalls zu Wort. Ähnliche Ausschnitte werden im Internet auch unter dem Schlagwort "battle on Tannenberg line" publiziert - natürlich nur mit solchen Teilen, die vermeintlich heroisch für die deutsche Seite enden. Von estnischer Seite sind einige "Making-off"-Szenen zu sehen, in denen besonders die Musik herausgestellt wird: Voldemar Kuslap und sein 'Lied von der fernen Heimat' (Laul kaugest kodust). Andere Szenen stammen offenbar von Privatpersonen. Und das Portal "PCGames" stilisiert den Film als "Antikriegsdrama". Auf "FilmTV" schreibt Jessica Neumayer: "Ein Anti-Kriegs-Drama, das vor allem durch seine Emotionalität punktet. Der Gewissenskonflikt der Soldaten, die auf ihre eigenen Landsleute schießen müssen wird so deutlich, dass man ihn fühlen kann. Brüder Feinde ist kein gewöhnlicher Kriegsfilm, weil er von allem etwas hat. Fans der Kriegsfilmreihen kommen auf ihre Kosten, aber ebenso ist der Film sehr gefühlvoll und hat auch ein paar kleine Witze bereit. Also wer etwas Ernsthaftes, zum Nachdenken sehen und dabei gut unterhalten werden möchte, ist hiermit gut bedient."
Im Internet ist die Diskussion um diesen Film offenbar schon ein paar Schritte weiter als in den Kulturspalten der Tageszeitungen.

Anfang Oktober kommt der Film auch in die deutschen Kinos.

Mehr über Elmo Nüganen / FilmTrailer deutsche Fassung

Samstag, April 12, 2008

Ende April - Eine Wiederholung?

Tallinn erlebte letztes Jahr den Höhepunkt der Auseinandersetzung um ein sowjetisches Kriegsdenkmal. Einiges deutet darauf hin, dass sich in diesem April zumindest wieder ein gewisse Spannung aufbaut. Die Gruppe Night Watch plant Aktionen, im Hirve-Park unterhalb des Parlaments wird es eine Veranstaltung geben.

Was ist also das Problem mit der "Befreiung" Estlands durch die Sowjetarmee 1944. Viele Esten empfinden es nicht als Befreiung. Das besagte Monument gilt nun auch vielmehr den Gefallenen der Roten Armee von 1941 bis Kriegsende.
Ein Beispiel aus dieser Zeit: Ein Este schreibt auf Deutsch einen Brief aus Tallinn an seine Verwandten. Er schreibt über die sowjetischen Luftangriffe. Er ist kein Sympathisant der deutschen Besatzung. Es ist sein letzter Brief, er wollte nach Saaremaa gehen, doch seine Spuren verlieren sich dort, als die Front weiter Richtung Westen zieht. Die erste Seite von dreien dokumentiere ich im Original, der gesamte Text:
Estland 1944

Reval, den 18 März 1944

Liebe Eleonore,
Ihr Brief was Sie den 2.III.44 schrieben, haben wir den ?.III. dankend erhalten. Es freut dass Ihr unsre Päckchen erhalte habt. Im Zeitung werdet Ihr wohl gelesen haben, dass der Feind [sowjetische Angriffe] den 9ten und 10ten März von 18.30 bis 3.30 Uhr die Stadt angriff. Die Zeitung schrieb dass ungefähr 300 Flieger sind gewesen. Feuer haben beläuchtete die ganze Stadt. Haus wo wir wohnten ist abgebrannt. Gott sei dank wir kamen beide unbeschädigt aus dem Drümmer hervor.
mitnehmen könnten wir nichts, denn das Haus war augenblicklich in Flammen. War noch Glück, dass wir beide worden Paltor anzogen. Die Arbeitsstelle wo ich arbeite ist noch 1/4 nach, eben arbeite ich wohl noch da. Ich weis noch nicht wie es bleibt, gehn wir nach Oesel [Saaremaa] oder bleiben wir hier. Eben wohnen wir bei Ilves bekannten. Reval Liiva 7-5
Bitte schreiben Sie auf diese Adresse. Wenn wir andersweitig sind, so wird sie den Brief zu uns schicken. Bitte grüssen Sie Werner und all Kinder von mir. Es grüsst Sie Herzlich
Karl


Er schafft es nur bis zur Insel. Andere packen die Koffer fliehen nach Schweden bevor die Sowjetarmee näher rückt. Wer also weiß,was mit Karl Palmberg 1944 geschehen ist, bitte melde sich.
Und diese Briefe poste ich, weil ich weiß, dass diese Familien keine Anhänger des deutschen Weges, der Besatzung waren, im Gegenteil. Karin und Familie fliehen nach Schweden und wandern 1949 nach Kanada aus.

Estland 1944 3. Teil


Sonntag, Juli 31, 2005

Nachrichten - News - Neuigkeiten

INFOBALT-NEWSLETTER August 2005 (Auszug)
kostenlos zu beziehen per Mail an: post@infobalt.de

Nachrichten-Kurzzusammenfassung Juni-Juli 2005

Die Grenzen aufgezeigt
Kurz nach den Moskauer Feierlichkeiten zu 60.Jahre Kriegsende hatten am 18. Mai in Moskau die Außenminister Sergej Lawrow und Urmas Paet einen Grenzvertrag unterzeichnet. Nicht nur die beiden betroffenen Staaten atmeten auf, auch die europäischen Nachbarn sahen mit Wohlwollen, dass offensichtlich doch der beiderseitige Wille zur Beseitigung schwieriger Problemstellungen vorhanden war.
Am 27.Juni jedoch zog Russland seine Zustimmung zu dem Vertrag wieder zurück. Die estnische Seite habe in unzulässiger Weise dem Text neue Erklärungen hinzugefügt, so die russische Haltung.
Tatsächlich hatte die Präambel des Beschlusses des estnischen Parlaments über die Ratifizierung des Grenzvertrages Bezug genommen genommen auf zwei bestimmte Dokumente: das am 20. August 1991 vom Obersten Sowjet der Estnischen Republik verabschiedete Dokument "Über die staatliche Unabhängigkeit Estlands" und die Deklaration des Parlaments vom 7. Oktober 1992. Darin wiederum wird aber eindeutig auf die "rechtswidrige Okkupation" Estlands hingewiesen - ein Thema, über das Russland das Gespräch verweigert. Für Russlands Präsident Putin sind es "unannehmbare Thesen".

Stimmabgabe per Internet noch verzögert
Eigentlich passt es ja zu Estlands neuem Ruf in Europa: bei mobiler Kommunikationstechnologie führend und innovativ - warum soll da nicht eine Stimmabgabe bei Wahlen in Estland zuerst eingeführt werden? Steuererklärung und Reisepaßantrag schicken viele estnische Bürger bereits elektronisch an die entsprechenden Ämter.
Das estnische Parlament hatte das "E-Voting" mit knapper Mehrheit beschlossen, die entsprechende Software war einsatzbereit. Aber Präsident Rüttel legte sein Veto ein. Er bemängelte unter anderem, dass die Wähler ihre Entscheidung bis zur Schließung der Wahllokale auch elektronisch wieder ändern können sollten.
Nun wird das estnische Verfassungsgericht die Frage entscheiden müssen. Die Mehrheit des estnischen Parlaments hat den Einsatz des neuen Systems bei den Regionalwahlen im Herbst im Auge.

Angeregte Reisetätigkeit
Eine Reihe deutscher Politiker und Funktionsträger öffentlicher Institutionen besuchte in den vergangenen Wochen Estland. Bundespräsident Köhler besuchte Tallinn, und war bei der Wiedereröffnung der Johanniskirche in Tartu anwesend. Ebenso war eine Delegation der Freien Hansestadt Hamburg unter Führung von Bürgermeiser von Beust in Estland zu Gast, genauso wie eine Delegation des deutschen Städte- und Gemeindebundes.

Mittwoch, Mai 04, 2005

Russland-EU-Baltikum


Die Geschichtsbetrachtungen in Europa bleiben Stückwerk. Noch nicht einmal in der EU gibt es eine klare Einstellung gegenüber dem Datum des 8.Mai , dem Ende des 2.Weltkrieges, besonders wenn es als Siegesfeier der Sowjetunion über den Faschismus in Moskau begangen werden soll. Die baltischen Staaten hatten es mit zwei, eigentlich 3 Besetzungen zu tun. Zweimal durch die Sowjetunion einmal durch das Deutsche Reich. Ausserdem gab es unter kommunistischer Fremdherrschaft einen Höhepunkt der Deportationen nach Sibirien im Jahre 1949.
Ein aktueller Artikel in DIE ZEIT versucht die Position der Balten zu erklären, aber es bleibt Stückwerk. Solange die alten EU-Mitglieder sich nicht mit der Stalinherrschaft und der Folgezeit beschäftigen, werden wir uns die gewohnten Geschichtsklischees weiterhin um die Ohren hauen müssen. Es fehlen TV-Dokumentationen, Medienberichte über die sowjetische Seite der Besetzung Osteuropas nach dem Hitler-Stalinpakt 1939. Wir Deutsche haben unsere 2. Weltkriegs-Ikonen, die wir regelmäßig abrufen: zum Beispiel den Rotgardisten auf dem Reichstag, aber wir kennen nicht zum Beispiel dieses Foto, wo Deutsche und Sowjets die gemeinsame Besatzungsgrenze kontrollieren, nachdem sie Polen in der Mitte aufgeteilt hatten.

Wo Russen Täter waren (Johannes Voswinkel)
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Moskau will die Polen und Balten in der EU marginalisieren

Moskaus Anklage der baltischen Staaten gilt denn auch kaum der landsmännischen Hilfe, die sich auf Schulbücher und russische Studienplätze beschränkt. »Russlands Ziel ist die Marginalisierung der Balten und Polen in der EU«, erklärt der frühere estnische Außenminister Toomas Hendrik Ilves. »Außerdem soll die Bedeutung der Union zugunsten bilateraler Beziehungen geschmälert werden.« Deshalb erinnern die Balten auch an Westeuropas Verantwortung für das Münchner Abkommen 1938 und die Konferenz von Jalta. Aus den Fehlern der historischen Kompromisse mit Diktatoren sollen Schlüsse für die Gegenwart gezogen werden. »Wir müssen in unserer Politik gegenüber Russland demokratische Werte, Menschenrechte und Moral einfordern«, sagt ein lettischer Diplomat. »Es ist nicht unser Schicksal, Moskau zu gefallen. Wir brauchen eine klare, offensive Strategie aller EU-Länder.«

Doch Europas Russlandpolitik prägen die Staatschefs der größeren Länder mit Männerfreundschaften und der Kungelei um Gasleitungen. Für den früheren estnischen Außenminister Ilves stellt der Vierergipfel zwischen Chirac, Schröder, Zapatero und Putin im März ein eklatantes Beispiel der alten EU-Ignoranz dar. »Die Westeuropäer haben dort die baltischen Staaten auf die Tagesordnung gesetzt«, erzählt er, »aber keinen von ihnen zuvor konsultiert. Da fühlen wir uns erneut isoliert.« Die Ernüchterung über die europäische Solidarität habe dem Baltikum bereits eine neue politische Lehre beschert: »Wenn es hart auf hart geht, wird nur Amerika uns verteidigen.«


In den USA wird sehr genau wahrgenommen, dass die Europäer ständig den Vorwurf erheben, im Nahen Osten gehe es NUR UMS ÖL, die Amerikaner drehen den Spieß bereits um. Den Europäern gehe bei Russland NUR UMS GAS.Posted by Hello

Montag, April 25, 2005

Kriegsende am 8.Mai 1945 in Estland ?


Viele Esten mögen nicht das Kriegsende Anfang Mai feiern. Warum nicht? Posted by Hello

Eine Antwort kann dieses Foto geben. Es zeigt das Hissen der Roten Fahne auf dem Langen Hermann, dem alten Burgturm neben dem Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Tallinn. Es erinnert an eine ähnliche Szene mit den Soldaten auf dem Reichstag in Berlin, aber das Datum ist hier ein völlig anderes: Die Esten hatten es nach Abzug der deutschen Wehrmacht im Sommer 1944 geschafft, wieder ihre eigene, blau-schwarz-weiße, über dem Stadtzentrum von Tallinn aufzuziehen. Doch nicht lange, ab dem 22. September 1944 galt Estland zum zweiten Mal nach 1940/1941 wieder als Territorium der Sowjetunion. Im Sommer befanden sich viele Esten auf der Flucht vor der Roten Armee Richtung Ostsee, um nach Schweden, Deutschland und andere Nachbarländer zu entkommen. Wer zurückblieb und auf den vorbereiteten sowjetischen Verhaftungslisten stand, landete erstmal im Gefängnis, 1949 erfolgte dann die große Deportationswelle nach Sibirien. Gleichzeitig tauchten tausende Männer (genannt Waldbrüder) in den Untergrund ab und begannen einen Partisanenkrieg, der in Litauen nach 1945 sogar zu offenen Feldschlachten mit sowjetischen Einheiten führte.