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Donnerstag, Juli 03, 2025

Im Kindergarten

Mitte Oktober wird es Regional- und Gemeinderatswahlen in Estland geben. Für gewöhnlich überbieten sich da im Wahlkampf die Parteien in Selbstdarstellung. In der Hauptstadt Tallinn wirkt sich das dann so aus, dass die im Stadtrat bisher regierende Vier-Parteien-Koalition wackelt; neben Eesti 200, die Vaterlandspartei (Isamaa), und den Sozialdemokraten (SDE).versucht sich offenbar besonders Reformpartei neu zu positionieren. 

Vor wenigen Tagen verkündeten Vertreter der Reformpartei: "Wir können mit dem gegenwärtigen Bürgermeister nicht weitermachen." (err) Statt dessen wurde aber kein Kandidat der eigenen Partei, sondern Unternehmer Urmas Sõõrumaa für das Bürgermeisteramt vorgeschlagen (reform). Als ausschlaggebender Grund wurde angegeben, man habe sich nicht mit den bisherigen Koalitionspartnern auf eine Abschaffung der Kindergarten-Gebühr einigen können. Bürgermeister und Sozialdemokrat Jevgeni Ossinovski reagierte umgehend und entließ seine beiden Stellvertreter Pärtel-Peeter Pere und Viljar Jaamu (beide Reform Partei). (err) Ordentlich was los in der estnischen Hauptstadt! 

Hauptstadtgeschacher 

Sozialdemokrat Vladimir Svet sprach sich daraufhin für Direktwahlen des Tallinner Bürgermeisters aus und bezeichnete die gegenwärtigen Vorgänge als "Polittheater". Es lohnt aber ein Blick zurück auf die vergangenen Jahre. Für sehr lange Zeit, in den Jahren 2005 bis 2021, konnte die Zentrumspartei über eine absolute Mehrheit im Stadtrat Tallinn verfügen. Danach gab es eine Koalition mit den Sozialdemokraten, die bis 2024 hielt, als der damals amtierende Bürgermeister Mihhail Kõlvart (Zentrum) durch ein Misstrauensvotum abgewählt wurde - indem die Sozialdemokraten mit der Opposition stimmten. Damals wirkte sich dieser Vorgang ziemlich negativ auf die Umfragewerte der Sozialdemokraten aus (err). Sozialdemokrat Jevgeni Ossinovski wurde dann Nachfolger im Bürgermeisteramt, brauchte aber drei Wahlgänge um gewählt zu werden. 

"Ich habe nicht die Absicht, noch vor den Wahlen Bürgermeister zu werden", ließ Ex-Bürgermeister Kõlvart (Zentrum) jetzt verlauten lassen (err) Erwartet wird von vielen dennoch, dass er früher oder später ins Amt des Bürgermeisters zurückkehren wird. 

Gebührenwettbewerb

Den Streit über die Kindergarten-Gebühr halten viele für nur vorgeschoben, denn deren Abschaffung sei schon länger versprochen und bisher von niemand realisiert worden. Zudem lohnt ein Blick in andere Gemeinden, wo die Reformpartei regiert - wie zum Beispiel Tartu: auch dort ist die Kindergarten-Gebühr bisher nicht abgeschafft worden. Immerhin zahlen Eltern in Tartu 81€ pro Monat, während in Tallinn die Gebühr von 71.25€ auf 50€ gesenkt wurde (und eine weitere Senkung auf 35€ ins Auge gefasst war). Aus der Gemeinde Rae, im "Speckgürtel" von Tallinn gelegen, werden sogar Gebühren von 132.90€ gemeldet - es gibt allerdings auch abgestufte Modelle, ab dem dritten Kind ist es dann gebührenfrei (err)

Die ganze Diskussion findet allerdings im "Windschatten" des Großen Estnischen Sängerfests statt. Da setzen vielleicht einige darauf, dass Estinnen und Esten politische Streitfragen in dieser Zeit weniger beachten oder schnell vergessen. 

Digitale Statistik 

Bei insgesamt ungefähr einer Million Wahlberechtigten in Estland lassen sich Wahlstatistiken relativ leicht in Prozent umzurechnen: wenn also 600.000 Menschen zur Wahl gehen sollten, sind das auch ungefähr 60%. 
Seit 1999 ist der Prozentsatz der Wahlberechtigten, die vor dem eigentlichen Wahltag schon ihre Wahlentscheidung treffen, beständig angestiegen - für 2025 ist zu erwarten, dass etwa 200.000 Personen online per Internet wählen (das wird vom 13. Oktober an möglich sein) Bei den letzten Kommunalwahlen 2021 machten Online-Wähler/innen 64,6% aller derjenigen aus, die bereits vor dem Wahltag vorab wählten, also 46,9% aller Wähler/innen insgesamt. Auffällig auch: Die Wahlmöglichkeit online nutzen in Estland deutlich mehr Frauen als Männer. (valimised

Mittwoch, Dezember 18, 2024

Bauen für die Skyline

 "Himmelskratzer" heißen sie auf Englisch, im Deutschen werden die Wolken gekratzt, der estnische Begriff "Pilvelõhkuja" scheint sogar eine "Sprengung" der Wolken zu beabsichtigen.

"Wolkenkratzer, die das Stadtbild sichtbar prägen, finden sich eher in den Skylines wirtschaftlich prosperierender Großstädte", so schreibt es zumindest das estnische Wikipedia, und weist zusätzlich darauf hin, dass Gebäude in Tallinn von einer Höhe über 45m als "Hochhäuser" und höher als 124m als "Wolkenkratzer" bezeichnet werden. Warum gerade 124 Meter? Nun, die Oleviste-Kirche (Olaikirche) in Tallinn ist, inklusive Turm, 123,7 Meter hoch. Auch das 2007 fertig gestellte "Swissôtel Tallinn" erreicht nur 117 Meter (der Fernsehturm von Tallinn ist mit 314 Metern allerdings höher).

Hochhäuser als Symbole

Und noch einmal Wikipedia: "Heutzutage sind Wolkenkratzer häufig an Orten zu finden, an denen Land knapp und teuer ist, beispielsweise im Zentrum von Großstädten. Wenn der Eigentümer die Etagen des Gebäudes vermietet, kann er pro Grundstückseinheit unter dem Gebäude ein sehr hohes Einkommen erzielen." 

Nun will Tallinn wieder hoch hinaus. Welche Symbolik dabei Leitfaden ist, bleibt vorerst unbekannt. Aber bis 2035 sollen drei weitere Male die Wolken "gesprengt" werden. Das Stichwort dazu heißt "Maakri" - ein Teil der Innenstadt in Tallinn, wo auch schon in den vergangenen Jahrzehnten moderne Gebäude errichtet wurden. 

Geschichte und Gegenwartsmix

Maakri ist stolz auf seine Geschichte: es seien Keramikfragmente gefunden worden, so teilt uns "Maakri-Hub" mit, die von menschlichen Aktivitäten an diesem Ort schon in der Zeit zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. künden würden. Und im 15. und 16. Jahrhundert seien an dieser Stelle Gebäude errichtet worden, ab dem 18. Jahrhundert war der Stadtteil unter der Bezeichnung "Kivisilla" bekannt. Auf alten deutschen Landkarten ist unter anderem die "Maker Straße" zu erkennen. 

Und weiter erfahren wir, dass rund um die Maakri-Straße alles bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts alles aus Kopfsteinpflasterstraßen bestand, später aus asphaltierten Gehwegen. In den 1980iger und 1990iger Jahren sei aber vieles abgerissen worden was hier stand - auch eine der Grundlagen für die gegenwärtigen Planungen. 

Wie Pilze aus der Maakri-Straße ...

Es gibt aber auch noch denkmalgeschützte Gebäude in der Maakri-Straße, und so entstand in der letzten Zeit eine sehr "kontrastreiche" Bebauung, allein schon was die Gebäudehöhen angeht. Nun wurden die Gewinner eines Architekturwettbewerbs bekannt gegeben zur weiteren Entwicklung dieses Stadtteils. Hier ist unter anderem interessant, dass sämtliche Wettbewerbsunterlagen ausschließlich in estnischer Sprache eingereicht werden mussten, und auch Englisch nicht zugelassen war. 

Koordiniert wurde die Ausschreibung vom Unternehmen "Capital Mill", ein 2008 gegründetes Unternehmen, das Dienstleistung zur Entwicklung von Immobilien anbietet. Die prämierten Entwürfe mit der Bezeichnung "Trinity" stammen vom Architekturbüro "Molumba". Drei separate Hochhäuser sollen gebaut werden: mit offen zugänglichen Zwischengeschossen. Das höchste der drei neuen Bauwerke innerhalb des Maakri-Komplexes erreicht 30 Stockwerke und damit über 100 m Höhe (structurae). Den Wettbewerbsvorgaben zufolge muss fast die Hälfte des Quartiers in einen landschaftlich gestalteten Stadtpark umgewandelt werden, von dem die Entwickler hoffen, dass er zum Herzstück des Gebietes wird. (err)

Es wird geschätzt, dass der gesamte Planungsprozess etwa 10 Jahre dauern könnte. Spätestens dann wird sich also die Skyline der Stadt Tallinn wieder weithin sichtbar verändern.

Donnerstag, November 07, 2024

Oben ohne

Es gibt ja manchmal eine Diskussion darüber, wie dieses in Estland und den baltischen Nachbarn beliebte und bekannte Verkehrsmittel deutsch übersetzt werden sollte: Oberleitungs-Bus, O-Bus, oder doch lieber Trolleybus? Als im Juli 1965 in Tallinn der Betrieb von elektrisch betriebenen Bussen samt Oberleitungen eröffnet wurde, gab es sie in Vilnius (seit 1956) und Riga (seit 1947) schon lange. (tlt)

Wer jemals in überfüllten Trolleybussen unterwegs war, den wird vielleicht auch nicht verwundern, dass die Betreibergesellschaft "Tallinna Linnatransport TLT" ganz offiziell 8 Passagiere Aufnahmekapazität pro Quadratmeter Busfläche berechnete. Reisebuchautor Klaus Schameitat ist offenbar ein Fan der Tallinner Oberleitungs-Gefährte, denn er hat eine umfangreiche Infoseite dazu, illustriert mit zahlreichen eigenen Fotos, ins Internet gestellt.

Ab jetzt, oder sehr bald: Akutrolle

Ab dem 1. November wurden die 4 bisherigen Trolleybuslinien in Tallinn eingestellt; auf diesen Strecken werden jetzt - vorübergehend, wie es heißt - herkömmliche Busse eingesetzt (err). Dies bedeutete aber nicht die Abschaffung der Trolleybusse, so Bürgermeister Mihhail Kõlvart (tallinn.ee). "Wir wollen ein möglichst breites Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln bereitzustellen, um den Bedürfnissen der Stadtbewohner gerecht zu werden“, so Kõlvart. Ziel sei es, den öffentlichen Nahverkehr bis 2035 emmissionfrei zu betreiben.

Ab 2026 sollen also 40 neue batteriebetriebene Busse auf den bisherigen Linien eingesetzt werden - estnisch "Akutrolle" genannt. (tallinn.ee) Die bisher eingesetzten Fahrzeuge hätten ihre maximale Nutzungsdauer erreicht, 38 ausrangierte Trolleybusse der Marke Solaris Trollino sollen jetzt im Rahmen einer Auktion verkauft werden. Die Gesamtkosten dieses fünf bis sechs Jahre dauernden Umstellungsprojektes werden auf 40 bis 50 Millionen Euro veranschlagt.

Im Stadtzentrum werde nun das unnötig gewordene Oberleitungsnetz abgebaut, während in der Mustamäe- und der Sõprus-Straße eine für die neuen Trolleys geeignete Ladeinfrastruktur gebaut werden soll - die Busse sollen mindestens 25km mit einer Aufladung fahren können.  

Trauer, oder Vorfreude? 

Inzischen gibt es Reaktionen von Trolleybusfans. Videoclips mit der Bezeichnung "Trolleybus auf seiner letzten Fahrt in Tallinn" gibt es gleich mehrere auf den gängigen Portalen (Youtube1 / Youtube2 / instagram) zu finden. Andere schreiben von einer "Trolleybus Renaissance". 

Trolleybus-Oberleitungsnetz in Tallinn
Zu Spitzenzeiten betrieb Tallinn schon einmal neun Linien mit Trolleybussen - einige wurden inzwischen auf reguläre Busse umgestellt.

Ob sich auch die Bezeichnungen für die neuen akkubetriebenen Gefährte in Tallinn ändern wird? Oder wird sich vielleicht die Bezeichnung "Akutrolle" auch im Englischen und Deutschen durchsetzen?

Beim baltischen Nachbar in Vilnius spielen Trolleybusse offenbar auch in Zukunft noch eine größere Rolle als in Tallinn. Gerade erst wurden für Vilnius 73 neue Fahrzeuge angeschafft (siehe auch: Youtube), und am internationalen "Tag ohne Auto" (gelegentlich auch "Mobilitätswoche" genannt) fahren in Vilnius "Retro-Trolleybusse" als Attraktion. Den Vergleich mit Riga hingegen scheut Kaido Padar, Chef von TLT, nicht: immerhin sei der Fahrpreis pro km in der estnischen Hauptstadt rund 30% günstiger als beim lettischen Nachbarn (err).

Mittwoch, Dezember 27, 2023

zu neuen Ufern

Bisher schweift der Blick von Tallinns Altstadt
ziemlich frei Richtung Ostsee: war da noch was?
Wie nahe die estnische Hauptstadt Tallinn am Wasser gelegen ist, erleben zum Beispiel die Kreuzfahrttouristen jedes Mal bei Einfahrt in den Hafen: eigentlich können auch schon vom Schiff aus gute Erinnerungsfotos gemacht werden. Nur wenig mehr als 10 Minuten Spaziergang, die Altstadt Tallinns in fußläufiger Reichweite. Aber: Tallinn kann mehr, so denken offenbar die örtlichen Stadtplaner, und veröffentlichten jetzt Ideen einer völligen Umgestaltung des Ostseeufers nahe des Stadtzentrums. 

Vor allem geht es um "das Meeresufer rund um die "Linnahall", also das, was heute schlicht "Stadthalle" genannt wird. Erbaut 1980 als "Wladimir-Iljitsch.-Lenin-Palast für Kultur und Sport", pünktlich zu den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau (die Segelwettbewerbe fanden in Tallinn statt). Bis zur Einweihung der "Saku Suurhall" im November 2001 war die Linnahall die größte Mehrzweckhalle Estlands, entworfen von Riina Altmae und Raine Karp (architektuul)

Seit 2010 steht sie leer, die Türen sind geschlossen. Investoren wurden gesucht, ein Einblick ins Innere der leer stehenden "Linnahall" wurde vorübergehend als "einzigartiges Erlebnis für Architekturliebhaber" verkauft (visittallinn). Auch Christopher Nolans Film „Tenet“ wurde hier gedreht,

Vor einigen Wochen wurden nun die Pläne vorgestellt, wie dieser ganze Bereich in Zukunft aussehen könnte. Eine neu gestaltete Linnahall, daneben eine Bibliothek, Parks, Wasserspiele und Springbrunnen. Aber offenbar sind noch nicht alle wichtigen Entscheidungen getroffen worden. Zwar heißt es, die bisherige "Linnahall" solle "Konzertsaal und Konferenzzentrum" werden. Aber die Entscheidung über "Abriss oder Neukonstruierung" ist wohl noch nicht gefallen. (err)

 Die Zielsetzung bestehe in der "Nutzung neuer städtischer Räume, Grünflächen und öffentlicher Verkehrsmittel", so wird Tallinns Bürgermeister Mihhail Kõlvart zitiert. (err) Ein Radiobeitrag aus Österreich bezeichnete die "Linnahall" mal als "heißen Sowjet-Dinosaurier" und bilanzierte demzufolge: "Für Immobilieninvestoren ist der Bau potthässlich, gehört abgerissen, weil in Prime-Lage am Meer, und durch schicke Appartmentkondos ersetzt." (FM4/ORF) Aber die Autorin zitiert, wie so viele andere auch, Architekturhistoriker Andres Kurg. Er hat die Linnahall wohl am intensivsten untersucht, auch in Form von mehreren Veröffentlichungen. Kurg erzählt zum Beispiel, dass an der "Linnahall" auch Studierende und Rentner mitbauen mussten, weil sie sonst nicht rechtzeitig zu den Olympischen Spieln 1980 fertig gerworden wäre. Und er weiß auch, dass der heutige kathastrophale Zustand mitverursacht wurde durch schlechte Baumaterialien zu Sowjetzeiten. 

Die aktuellen Entwicklungspläne der Stadt Tallinn sehen 10 Jahre bis zur Realisierung vor. Ob das machbar ist? 330 Millionen Euro soll es kosten. Da ist zu vermuten, dass es nicht die letzte, und schon gar keine endgültige Aussage zu diesem Thema ist. 

Samstag, Februar 04, 2023

Tallinn - grün und wild

Die estnische Hauptstadt Tallinn hat gegenwärtig etwa 435.000 Bewohner/innen, etwa 27 Menschen pro Hektar Fläche (2797 pro km²). In Tallinn leben etwa 33% der Gesamtbevölkerung Estlands. Dazu bietet Tallinn auch Arbeitsplätze: 43% aller Arbeitnehmer/innen findet ihren Job in der Hauptstadt. (stat.ee) Da sollten wir eigentlich vermuten: wer dieses Gedränge an Menschen nicht mag, der / die hat genug Platz im übrigen Estland, wo es teilweise nur 10 menschliche Wesen pro Quadratkilometer gibt. Ein Zehntel des estnischen Territoriums ist mit nur 1–2 Einwohnern pro Quadratkilometer dünn besiedelt.

Doch wie eine neue Untersuchung zeigt, leben in Tallinn auch eine Menge Tiere. Im Auftrag der Stadt untersuchte "Elusloodus OÜ" die im Stadtgebiet lebenden Tierpopulationen. In den Grünflächen und Parks der estnischen Hauptstadt laufen Hunderte von Füchsen, Rehe und Hasen herum. Aber auch 20 - 30 Elche und ebenso viele Biber haben Tallinn als ihren Lebenraum erkoren, dazu auch 15 Dachse. Bären und Luchse wurden zwar auch schon mal gesichtet, allerdings nur als Kurzzeitgäste. (err)

Tallinn darf im Jahr 2023 den Titel "European Green Capital" tragen (im Jahr zuvor war das Grenoble in Frankreich, 2024 wird es Valencia sein). "Als eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Europas, UNESCO-Weltkulturerbe, zeichnet sich Tallinn auch durch eine vielfältige und mosaikartige Landschaft aus, die auch als Lebensraum für seltene Arten dient." Dieser Begründung stimmte offenbar auch die Europäische Kommission zu. (Imgagefilm / Youtube) Allerdings werden die Aktivitäten dieses Jahres erst jetzt, am 8. Feburar, in Brüssel offiziell gestartet (greentallinn) Vieles, was dann auf der Agenda der Stadt steht, ist - typisch Estnisch - digital ausgerichtet.

Montag, Oktober 31, 2022

Denk mal, ach denk doch mal ...

Während internationale Medien zur Zeit vornehmlich über den Abriss von Denkmälern in Estland berichten - vor allem solchen, in denen eine Verherrlichung von Sowjetideologie gesehen wird - werden in Estland auch Denkmäler neu errichtet. Granit aus Schweden und China wurde verarbeitet vom estnischen Künstler Vergo Vernik, der zusammen mit dem Architekt Toivo Tammik für sein Kunstwerk "Kopf des Staates" verantwortlich zeichnet, dass am 21. Oktober 2022, nach mehrfachen Terminverzögerungen, in Tallinn eingeweiht wurde, und das an Ex-Präsident Konstantin Päts erinnern soll.

Offenbar sind auch darüber nicht alle begeistert. "Hier ist so gut wie alles falsch!" - mit diesem drastischen Urteil wird in der estnischen Presse Kunsthistoriker Gregor Taul zitiert. Er habe in seiner Ausbildung gelernt, meint Taul, der Unterschied zwischen einem Denkmal und einer einfachen Skulptur liege darin, dass an der Stelle des Denkmals etwas passiert ist und genau an diese Stelle erinnert wird. Taul erwähnt die ebenfalls neu errichtete Skulptur zu Ehren von Jaan Kross als besseres Beispiel - denn Kross habe ja wirklich in der Nähe des jetzigen Denkmal-Standortes gelebt. Und er weist darauf hin, dass es wohl eine sehr alte Tradition der Menschen sei, mit dem Aufstellen von Denkmälern sozusagen "ihr Territorium zu markieren". 

Zudem sei es gegenwärtig allgemeine Praxis, meist nur Männern durch Denkmäler zu gedenken. Offenbar konkret untersucht hat Gregor Taul das Beispiel Dänemark: dort seien von insgesamt 2500 Skulpturen ganze 2400 Männern gewidmet, dazu noch 50 sogar Tieren. Bezüglich des nun in Tallinn platzierten Riesenkopfes zum Gedenken an Päts hält Taul auch den Ort für fragwürdig: "Vielleicht in Viimsi", meint er, "dort neben dem Kriegsmuseum. Aber direkt neben dem Theater? So ein wuchtiger Kopf?" (ERR) Auch Mart Kalm, Rektor der Estnischen Akademie der Künste, war schon mit einer Äusserung zitiert worden, das Werk stelle "keine große Leistung aus Sicht der estnischen Kunst" dar. Aber es sei eben ein sehr einflussreicher Teil der estnischen Gesellschaft gewesen, der sich für ein Gedenken an Päts eingesetzt habe. Und so, wie das Denkmal jetzt aussähe, sei es eben auch als Kompromiss zwischen verschiedenen Interessengruppen zu sehen (ERR).

Es gibt aber weitere bekannte Persönlichkeiten, die sich zu dem Thema bereits öffentlich äußerten (fast durchweg Männer offenbar). Anders Härm, ebenfalls Kunsthistoriker, meint man habe eigentlich doch das beste aus den Vorschlägen des durchgeführten Wettbewerbs ausgesucht. - Dem entgegnet Erkki Bahovski, Journalist und Herausgeber der Zeitschrift "Diplomaatia": "Mich erinnert dieses Denkmal an faschistische Hauptquartiere, wo immer das Bild von Benito Mussolini hing" (ERR). Kunsthistorikerin Alexandra Murre wiederum prognostiziert, in einigen Jahren werde man sich an den Denkmal-Kopf gewöhnt haben, der heute vielleicht einfach noch recht grob gemeisselt aussähe (ERR).

Am Morgen des 31. Oktober, also "pünktlich zu Halloween", könnte man sagen, versahen dann Unbekannte den Denkmalskopf mit Zorro-Maske und Bandera-Kopftuch - eine Verzierung, die von den Behörden schnell wieder entfernt wurde (ERR)

Das neue Denkmal, auch dem 100.Gründungstag der Republik Estland gewidmet, soll erinnern an Konstantin Päts (1874-1956), der als einer der bedeutensten Politiker der Zwischenkriegszeit, also der ersten Periode der estnischen demokratischen Republik, angesehen wird. Er wurde von den Sowjetbehörden nach Sibirien deportiert und starb dort 1956. Doch manche sehen in der Figur Konstantin Päts auch Wiedersprüche der estnischen Demokratie. "Ich denke, es gibt zu viel Romantik heute bei der Betrachtung der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg" so sagt es Historiker Igor Kopõtin (ERR). "Die Rolle von Päts für die estnische Geschichte ist zumindest kontrovers". Er spielt auch darauf an, dass Päts, bis dahin mehrfach Regierungschef und Minister, am 12. März 1934 ein autoritäres Regime errichtete. 1938 wurde er dann zum Präsidenten gewählt. Manche nennen Päts daher "Diktator von Estland", andere heben eher hervor, dass er im Volk sehr beliebt gewesen sei.

Bereits vor zwei Jahren wurde auch im Toila Oru Park in Ida-Virumaa ebenfalls ein Denkmal für Konstantin Päts eingeweiht. Dort hatte Päts eine Sommerresidenz. (ERR) Auch in der Nähe des Geburtsorts von Päts, heute zur Gemeinde Tahkuranna gehörend (südlich von Pärnu), befindet sich bereits ein Päts-Denkmal - es ist eine Wiederherstellung eines 1940 zerstörten Monuments. Und wer in Rakvere sich befinden sollte, kann ebenfalls "Päts" genießen - ganz kulinarisch, denn hier ist es der Name eines kleinen Restaurants.


Montag, Februar 21, 2022

Begegnung mit Jaan

Nun wird man ihm auch beim Spaziergang durch Tallinns Altstadt begegnen - und Touristen werden ihn kaum noch ignorieren können, denn die neu errichtete Statue zu seinem Gedenken steht direkt vor der Touristinformation. Mikhail Kõlvart, Bürgermeister von Tallinn, war persönlich bei der Einweihung anwesend und wird mit den Worten zitiert: "die Geschichte der Stadt Tallinn und Kulturgeschichte haben durch die Werke von Jaan Kross viel gewonnen". (err / tallinn.ee)

Geboren war er 1920, gestorben ist er 2007 im Alter von 87 Jahren. Es war nicht nur die Idee der estnischen Literaturszene, dass er auch mit dem Nobelpreis gebührend hätte geehrt werden können. Er übersetzte unter anderem Heine, Brecht, Shakespeare und Balsac ins Estnische. Aber ihm wird auch der Satz zugeschrieben, Estland sei aus einem Gefängnis gekommen und in einem Warenhaus gelandet. 2010 wurde ein Jaan-Kross-Literaturpreis geschaffen - der aktuelle Preisträger ist der Literaturwissenschaftler Jüri Talvet.

Die Überlegungen zu einem Denkmal für Jaan Kross konkretisierten sich rund um seinen 100. Geburtstag, aber es wurden verschiedene mögliche Standorte diskutiert (Baltic Times). Nun steht die Statue mit Blick direkt auf das Haus des Schriftstellerverbandes, in dem Jaan Kross zusammen mit seiner Frau Ellen Niit einige Jahre gewohnt hatten.

Palju õnne sünnipäevaks - typisch estnische Ehrung?
Google erinnerte an Estlands bekanntesten Schriftsteller

Die Statue wurde als Ergebnis eines Designwettbewerbs vom Bildhauer Jaak Soans erstellt (unter Mitwirkung der Architekten Karmo Tõra und Mark Kovalenko) und soll die Stadt Tallinn 165.000 Euro gekostet haben. In Deutschland ist Soans vor allem in Schwerin bekannt, denn auch die dort noch immer standhaft erhaltene Lenin-Statue wurde 1985 von ihm geschaffen (hauspost / Deutschlandfunk FAZ / dreesch-schwerin)


Montag, Dezember 20, 2021

Bauen in Groß-Amerika

Als "Komsomoli"-Straße hat dieser Teil der Innenstadt der estnischen Hauptstadt Tallinn einige Jahrzehnte erlebt. 1991 wurde die Straße in "Suur-Ameerika" (Groß-Amerika) umbenannt. Eine Vorausahnung? Nun veröffentlichte das estnische Außenministerium Pläne, gerade an dieser Straße - nomen est omen - den Neubau der US-Botschaft vorzusehen. 

So sieht der Planungsentwurf für das neue
Botschaftsgebäude aus

Um ein Mehrfaches größer als im bisherigen Botschaftsgelände an der Kentmanni 20 soll es hier zugehen, in einer Höhe von wahrscheinlich neun Stockwerken. Aber über Details verhandeln die US-Behörden derzeit noch mit der Stadtverwaltung. Betont wird, dass im Gegensatz zum gegenwärtigen Standort keine Straßensperrungen oder Änderungen des Verkehrsflusses nötig werden. (ERR)

Ursache für die Straßenbenennung sind jedoch nicht einfach estnische Träume von Amerika, ähnlich wie die Sprüche von Ex-Präsident Trump. Hier soll bereits Ende des 18. Jahrhunderts einmal ein Gasthaus gestanden haben, das sich "Ameerika" nannte. 1877 bereits wurde eine Straße danach benannt, die allerdings damals einen anderen Verlauf hatte.

Bei der Bombardierung Tallinns am 9.Mai 1944 wurden viele an der Straße befindliche Häuser zerstört. Vor dem 2.Weltkrieg befand sich auch eine der größten Schuhfabriken Estlands in diesem Bereich, sowie bis 1996 ein Sportstadion für Kinder und Jugendliche (Tallina Lastestaadion). 

Für das gegenwärtige US-Botschaftsgebäude fallen jedes Jahr 400.000 € Mietzahlungen an einen privaten Eigentümer an. Beim neuen Gebäude soll die Eigentümerschaft dann in die Hände der US-Regierung übergehen. 

Nebenbei interessant ist, dass Estland momentan gar keinen amtierenden US-Botschafter hat. Botschafter James D. Melville trat im Sommer 2018 zurück und führte unüberbrückbare Differenzen mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump dafür an. Dieser ernannte dann William Ellison Grayson als Nachfolger - der jedoch sein Amt niemals in Estland antrat. Für den inzwischen amtierenden neuen Präsident Joe Biden steht die Ernennung eines neuen Botschafters für Estland noch aus. (ERR)

Freitag, November 05, 2021

Trolley ohne

Trolleybusse, also Busse die ihre Energie aus Oberleitungen beziehen (manche nennen sie auch O-Busse), fahren in der estnischen Hauptstadt Tallinn seit 1965 - erst kürzlich wurde das 55.Jubiläum des Tallinner Trolleybusverkehrs gefeiert (tlt.ee). Das Betreiberunternehmen "Tallinna Linnatranspordi" betont aus diesem Anlass, Trolleybusse seien heute besonders wichtig für die Bewohner/innen der Stadtteile Mustamäe, Väike-Õismäe, Kristiine, Põhja-Tallinn and Kesklinn. 

Nun gibt es aber Pläne, bis 2025 keine Diesel-Busse und bis zum Jahr 2035 in Tallinn nur noch Busse mit Elektroantrieb einzusetzen (err). Um das zu erreichen, sollen nach und nach 650 Elektrobusse neu gekauft werden (err). Das Aus für die traditionellen Trolleybusse? "Trolleybusse werden stufenweise aus dem Stadtbild von Tallinn verschwinden", hieß es schon öfter in estnischen Presseberichten - ohne allerdings konkrete Daten zu nennen. (err / Baltic Times) Noch gibt es 50 Trolleybusse, eingesetzt auf nur noch vier von ehemals neun Linien.

Seit wenigen Wochen werden nun neue Fahrzeuge für die Tallinner Trolleybusflotte getestet. Die Fahrzeuge mit der Bezeichnung Solaris Trollino 24 MetroStyle sollen vor allem in der Lage sein, eine kurze Zeit auch ohne Stromabnehmer, also ohne Kontakt zu den Oberleitungen fahren zu können. Ein Fahrzeug, das auch bereits einen Designpreis abräumte (omnibusrevue) Auch in der slowakischen Hauptstadt Bratislava wurden bereits Probefahrten absolviert (busstreff).

den ganzen Bus auf ein Foto bekommen?
Schwierig ...

Das Gefährt aus Polen kann einige Kilometer mit bordeigenen Batterien bestreiten, die durch die Oberleitung aufgeladen werden. Das bringt die Tallinner Stadtplaner/innen auf neue Ideen. Zum einen wird über Express-Linien nachgedacht, "Metro-Busse" genannt, bei denen diese Fahrzeuge auf Hauptstraßen in Verkehrsspitzenzeiten eingesetzt werden und Kreuzungen schneller passieren können sollen. (Postimees) Außerdem ist statt Seitenspiegeln ein spezielles Kamerasystem eingebaut, das den "toten Winkel" eliminieren soll und den Fahrer vor anderen Verkehrsteilnehmer/innen wie Fahrradfahrer/innen oder Fußgänger/innen warnt.

Setzen offenbar eher auf die
Variante "selbstfahrend":
Uschi von der Leyen, Ministerpräsidentin
Kallas

Andererseits sind diese "Doppelgelenkbusse" auch 24 Meter lang, und damit doppelt so lang wie ein regulärer Bus, drinnen sollen 200 Passagiere Platz haben. Kaufpreis: 800.000 Euro. "So können wir vielleicht mit der zusätzlichen Energie aus den Batterien auch Stadtteile erreichen, die bisher unerreichtbar schienen", sagt Deniss Boroditš, Vorstandsmitglied bei "Tallinna Linnatranspordi AS". Immerhin koste so ein Metrobus dreimal weniger als eine Straßenbahn (err). "Der Elektrobus, das wird wie ein Trolleybus ganz neuer Art sein", versucht Boroditš die Nostalgiker zu trösten (err)

Bis Dezember werden nun zunächst die Trollino-24-MetroStyle-Busse in Tallinn getestet. Vorteil für Fahrgäste: einfach zusteigen und abfahren - Ticketkontrollen gibt es in den Testbussen nicht. Und wer die Fahrt mit Trolleybussen so richtig genießen kann, dem/der wird vielleicht auch das Lied von Viktor Tsoi vom "Троллейбус –Trolleybus” durch den Kopf gehen (ein Tipp des estnischen Bloggers "Flatfish") "We look out the window, with some hope at least, on the trolley-bus that goes to the east ..."

Dienstag, Oktober 20, 2020

Krise und Kreuzfahrten

Aufgrund der Corona-Krise, den erforderlichen Sicherheitsmaßennahmen, und einiger Schwierigkeiten auf Kreuzfahrten der Saison 2020 stand die Kreuzfahrtbranche monatelang still. Geplante Schiffsneubauten wurden gestrichen, einige Schiffe verkauft. Kreuzfahrtschiffe gelten als Umweltsünder, Sinnbild für Luxus und Konsum und den desaströsen Einfluss des Menschen auf die Natur. Das Bordpersonal muss teilweise bis zu elf Monate ohne Urlaub durcharbeiten, stellte die "Stiftung Warentest" fest. Und manche schalten auch umweltverträgliche Abgasfilter einfach ab, sobald das Schiff auf hoher See ist - meint Greenpeace.

Bevor die Krise ausbrach, hatten die internationalen Reedereien bereits so viele neue Kreuzfahrtschiffe bestellt, dass die deutschen Werften schon fast bis ans Ende des laufenden Jahrzehnts ausgelastet sind.

In der Abwägung sei es "besser, mit weniger Auslastung zu fahren als nicht zu fahren", meint inzwischen TUI-Kreuzfahrtchefin Wybke Meier im "Tagesspiegel". AIDA-Cruises will sogar spezielle "Ausnahmeregeln" von den strengen Corona-Bestimmungen (NDR). Die norwegische "Hurtigrouten" sagte dagegen bis Ende 2020 alle Fahrten mit ihren Expeditionsschiffen komplett ab (t-online). Und dort, wo Kreuzfahrten wieder stattfinden, sind die Veranstalter deutlich nervöser - und untersagen ihren Gästen auch schon mal die Weiterfahrt, wenn sie sich nicht an die Regeln halten (merkur). 

Kreuzfahrten ohne Landgang?  Auch in Tallinn war der Strom der Kreuzfahrttouristen in den vergangenen Jahren unverkennbar. Wer einen Rundgang durch die Altstadt plante, brauchte eigentlich nur mal kurz im Hafen zu schauen: Kreuzfahrtschiff da, Altstadt voll. 334 Kreuzfahrtschiffe hätten 2020 eigentlich in Tallinn anlegen sollen, zwischen dem 27. April und dem 19. Oktober 2019 seien in Tallinn über 650.000 Passagiere von Bord gegangen (nordisch-info).

Nun: eine Sommersaison ohne Kreuzfahrtgäste. Und was meldet Tallinn im Oktober? Der Vanasadam (Altstadthafen) wird kräftig erweitert, und wird - danke Krise - nun früher fertig als geplant. Schon im Mai 2021 soll das neue Terminal fertig sein (err). Die estnischen Kreuzfahrtoptimisten schreckt der andauernde Ausnahmezustand offenbar nicht ab: 20 Millionen Euro Kredit machten es möglich (err). Und wenn die Kreuzfahrtschiffe doch ausbleiben? Im Hafenareal sollen auch noch fünfstöckige Wohnblöcke entstehen, und eine Strandpromenade. Eine ebenfalls noch zu bauende Fußgängerbrücke soll die einzelnen Terminals verbinden (err). Wer sagt da noch, dass Estlands Zukunft immer digital und virtuell sein muss?

Sonntag, Mai 17, 2020

Neuer Zustand

Nein, ein "Ausnahmezustand" bestehe in Estland nicht mehr - jedenfalls nicht mehr nach dem 18.Mai, so kündigte es Regierungschef Ratas an (err). Unsere Maßnahmen erlauben es uns jetzt, zu einem normaleren Leben zurückzukehren," meinte Ratas. Man müsse jedoch wachsam bleiben.

Die Nachbarn aus Litauen und Lettland dürfen jetzt einreisen, ohne erst mal 14 Tage in Quarantäne geschickt zu werden. Für Einreisende aus Finnland sind genaue Bedingungen genannt: wenn keine Krankheitssymptome vorliegen, dürfen Finninnen und Finnen die in Estland arbeiten oder studieren einreisen, ebenso alle die aus familiären Gründen, also wegen einer anstehende Hochzeit oder Beerdigung, einreisen wollen.

Am meisten Aufsehen erregten in der vergangenen Woche jedoch die Bären, die freilaufend auf den Straßen der estnischen Hauptstadt gesichtet wurden. "Wenn drei, vier, fünf Wochen lang niemand auf den Straßen herumläuft und sie stört, werden sie eben mutiger," meinte der estnische Zoologe Aleksei Turovski (err). Eine andere Bemerkung wird Einwohner*innen Tallinns wohl kaum beruhigt haben: "Wenn sie aus dem Winterschlaf kommen, sind die Bären eben auch am hungrigsten." - Turovski gibt auch Tipps für Begegnungen mit Bären: "Flüstern sie nicht, sprechen Sie in normaler Lautstärke." Aber ob Hauptstädter*innen dieselbe Wortwohl wie ihre Zoologen wählen werden, muss offen bleiben. Turowski empfiehlt Sätze wie diesen: "Hallo Teddy, schön dich zu sehen!"

Die estnische Polizei hatte die Suche nach den nahe des Freilichtmuseums (Vabaõhumuuseum) gesichteten Bären, bei der auch fliegende Drohnen und Suchhunde im Einsatz waren, ohne Ergebnis wieder abgebrochen. Insgesamt wird geschätzt, dass mehrere hundert Braunbären in Estland leben.

Samstag, Mai 02, 2020

Estnische Opernlegende

"In diesen Zeiten", wie man im Moment so gerne sagt, also "in diesen Zeiten" müssen leider auch runde Geburtstage anders gefeiert werden als geplant. In Estland ist das zum Beispiel Georg Ots - den manche vielleicht auch als Name eines Schiffes kennen mit dem sie schon gefahren sind, oder sie haben im gleichnamigen Hotel übernachtet. Georg Ots (1920-1975) hätte in diesem Jahr 100. Geburtstag feiern können - und da das nur wenige erreichen, wird dieses runde Datum ja meist von den Verehrern und Verehrerinnen begangen.

Ganz abgesehen davon, dass das erwähnte Schiff illegal verschrottet worden sein soll, sind für Anfang September 2020 zwei Gala-Jubiläumskonzerte zu Ehren der estnischen Opernlegende Georg Ots geplant - ob sie auch stattfinden können, die Opernfreund*innen hoffen noch. Ots spielte auch in vielen Filmen mit - und unter der Regie von Peeter Simm wurde seine Lebensgeschichte 2007 auch verfilmt (Titel "Georg", imdb / efis/ Filmkritik). Ots, der auch italienisch, russisch, deutsch und finnisch sang, war der Star estnischer Opernaufführungen schon in den 1950iger Jahren gewesen, seien es in Gershwin's "Porgy & Bess", Mozarts "Don Giovanni", Bizet's "Carmen", Verdi's "Maskenball" oder "Eugen Onegin" von Tschaikowsky. Und "G.Otsa" - so heißt auch eine der Straßen, die zur Nationaloper hinführt.

In Umkehrung eines oft genutzten Spruches: doch, nahezu
alle Besucherinnen und Besucher der estnischen
Nationaloper werden in Zukunft "an Georg Ots vorbeikommen" ...
Nun werden in Zukunft die Besucher*innen noch mehr an Estlands bekanntesten Opernsänger erinnert: direkt am Eingang der Estnischen Nationaloper wird eine Skulptur des Künstlers aufgestellt werden. Die Gestaltung übernimmt gleich ein ganzes Team, bestehend aus dem Bildhauerpaar Ilme und Riho Kuld, dem Landschaftsarchitekt Kristofer Soop, und dem Architekt Ott Alver. Eine Expertenjury prämierte das Siegerprojekt der Ausschreibung mit 10.000 Euro. Vadim Belobrovtsev, stellvertretender Bürgermeister Tallinns, zeigte sich besonders angetan von den "dynamisch-abstrakten Formen" des neuen Denkmals (Baltic Times / ERR).

Georg Ots war 1975 - auf dem Zenit seiner Karriere - im Alter von nur 55 Jahren verstorben.Auch eine Musikschule in Tallinn trägt inzwischen seinen Namen - und die Liste der Absolventen dieser Schule ist beeindruckend: Arvo Pärt, Veljo Tormis, Erkki-Sven Tüür, Neeme Järvi, Eri Klas, Olav Ehala, Jaak Joala, Sven Grünberg, oder Raivo Tafenau - sie alle machten hier ihren Abschluss.
Eigentlich sollte "Mr. Georg Ots" auch als Oper auf die Bühne gebrachte werden - jedoch sind die Aufführungen unter der Regie des Russen Dmitri Bertman, bereits 2019 auf den Operntagen Saaremaa uraufgeführt, gegenwärtig im Zuge der Corona-Einschränkungen vorläufig abgesagt.

Trailer zum Film "Georg Ots" / Doku-Filmausschnitt /

Donnerstag, Juni 20, 2019

Start der Citybienen

Nicht nur die Verkehrsplaner in Deutschland erwarten gegenwärtig den großen Boom der E-Scooter - auch in Estland sind die Verleiher startbereit. Schon zur angelaufenen Touristensaison werden die Gäste in Tallinn E-Scooter ausleihen können.

"Bzzzz is coming", wirbt eine der neuen Scooter-Verleiher, die Firma CITYBEE, ein Start-up aus Litauen, der auch in Estland bisher mit Carsharing-Angeboten bekannt wurde. Doch wird die "Bzzz-Freude" wirklich so groß sein? Der Domberg ist steil und führt über Pflasterstein-Straßen, der Weg zum Museum wie das "Kumu" oder zum Flughafen wird von Gästegruppen meist mit dem Bus zurückgelegt. Vom Hafen ins Stadtzentrum - eine zu kurze Strecke. Wo also sollen E-Scooter überhaupt fahren? Quer durch Kalamaja, oder rund um die Altstadt? Bisher ist es wohl nur der Reiz des Neuen.

So ist es vielleicht auch typisch,dass es E-Scooter in Tallinn nur als ergänzendes Angebot zum Autoverleih / Carsharing geben wird. Oder vielleicht werden wir auch Leihwagen-Fahrer/innen sehen, die am See Peipsi wieder aussteigen und dort dann ihren E-Scooter auspacken, als Anreiz für die ganze Familie? Allerdings wird in Estland die E-Scooternutzung auf Personen ab 18 Jahren beschränkt werden.

Mit etwa 15 Euro pro Tag liegt die Ausleihgebühr leicht über der für ein Fahrrad. Die Nutzer/innen sollen allerdings verpflichtet werden, die Scooter nur an festgelegten Orten wieder zurückzulassen, so der zweite Tallinner Anbieter "Bolt" (bisher "Taxify"). "Tallinn ist die Heimatstadt von Bolt", so wirbt das Unternehmen für seine Dienste. Grundlage ist immer die Nutzung per Smartphone und App. "Bolt" sei in Estland auch der große Konkurrent des Verkehrsdienstleisters "Uber", so berichtete bereits die "New York Times". Es ist vor allem eine schöne Story über Markus Villig, der mit 19 Jahren "Bolt" gründete, auf Saaremaa aufwuchs und die Skype-Gründer seine Vorbilder nennt. Wie die deutsche AHK weiß, wird diese Firma auch von der deutschen Daimler unterstützt.

Sind E-Scooter also nur scheinbar eine umweltfreundliche, weil abgasfreie Alternative im Verkehr? Auch bei massenhaftem Einsatz von E-Autos - sofern das so kommen wird - ist ja noch nicht bewiesen, dass so die Umwelt tatsächlich besser wegkommt. Erste Richtlinie scheint vor allem zu sein: "alles easy"! Easy nutzen, easy bezahlen. Vielleicht sollten wir also die E-Scooter vorerst als das nehmen, was sie sind: ein weiteres Spielzeug für die Spaßgesellschaft. Und natürlich eine Option für diejenigen, die sich in Estland sowieso an den digitalen Angeboten orientieren.
Oder, weitere Option: die Angebote werden genutzt, weil sie von anderswo her bereits bekannt sind. "Bolt" zum Beispiel ist auch in Helsinki, London, Paris, Riga und Vilnius aktiv, ja sogar in Melbourne und Moskau. Da dürfte doch der Ausflug nach Estland für den Kunden/ die Kundin eine der leichteren Übungen sein - und andere Firmen ziehen sicherlich nach.

Montag, März 11, 2019

Tunnelchinesisch

Schon häufig wurden Varianten eines möglichen Tunnelbaus zwischen Tallinn und Helsinki diskutiert - bereits die bestehenden intensiven Beziehungen zwischen den beiden Hauptstädten ließen manche von "Talsinki" reden. Der Begriff soll auf ein Essay des Schriftstellers Jaan Kaplinski aus dem Jahr 1992 zurückgehen. 1994 soll es die ersten Gespräche über ein Tunnelprojekt gegeben haben, 2008 wurde zwischen den beiden Stadtoberhäuptern eine Absichtserklärung zum Bau eines unterirdischen Eisenbahntunnels unterzeichnet (Baltic Times). Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben, aufgrund deren Ergebnisse die EU eine Mitfinanzierung 2009 ablehnte.
eine finnische Variante der Tunnelträume
Dennoch hielten manche estnischen Politiker einen Tunnelbau lange für wichtiger als den Bahnausbau des RAIL-BALTICA-Projekts.

Gern wird das Projekt mit dem 1994 eröffneten Tunnel zwischen Frankreich und Großbritannien verglichen, das bei einer Bauzeit von sechs Jahren mehr als 15 Milliarden Euro kostete. Erst 20 Jahre nach seiner Fertigstellung erwirtschaftete der Eurotunnel erste Gewinne - also ein absehbar jahrelang teures Ingenieursvergnügen. Ein Tunnel zwischen Helsinki und Tallinn würde 60 - 80 km lang sein müssen.
auch ein eigenes Wappen haben
findige Finnen bereits erschaffen
"Ein Tunnel würde alle wirtschaftlichen Probleme lösen," so ließ sich 2013 der Finne Joakim Helenius zitieren, der als möglicher Inmvestor angesehen wurde (err). Der einige Jahre für Verkehrsfragen zuständige EU-Kommissar Siim Kallas hielt ein Tunnelprojekt allerdings immer für unrentabel (err). 2014 kam der Name "Talsinkifix" für das Projekt auf, oder auch "FinEst Link". Inzwischen wurden schon 9 Milliarden Euro als Baukosten genannt (yle). Ein Stück Land wurde auf der Halbinsel Viimsi bereits dafür auserkoren eventueller Tunneleingang zu werden, es gab einen Ideenwettbewerb für Architekten, und in E-Estonia hat das Projekt natürlich auch inzwischen bereits eine eigene Webseite (siehe auch: Talsinki.info)

2017 kamen Vermutungen auf, das Tunnelprojekt könnte das Interesse chinesischer Investoren erregen (fin-land.net). Entsprechende Kontakte wollte unter anderm der finnische Unternehmer Peter Vesterbacka geknüpft haben. "Ich habe gehört, dass viele Menschen in Finnland sagen, dass sie das Gefühl haben, auf einer Insel zu leben. Aber es muss nicht so sein," so ließ sich auch der estnische Ministerpräsident Ratas zitieren (dw).

Allerdings gibt es wohl einen Unterschied zwischen allgemeinen Überlegungen von Politiker/innen und Beamt/innen, und manchmal geradezu ihm Stile von Marktschreiern vorgetragenen Ideen derjenigen, die gerne beim Geldeinsammeln für ein solches Projekt selbst viel Geld verdienen würden. So jemand ist zweifellos Vesterbacka, der sich selbst ausgezeichnet gut zu vermarkten versteht. Es gelang ihm erst kürzlich wieder, das Projekt erneut in die Schlagzeilen zu bringen - angeblich soll es nun konkrete Angebote der "Touchstone Capital Partners" aus China geben, so berichten estnische und finnische Medien (err / reuters)
Seit 2016 arbeitet Vesterbackas Beteiligungsunternehmen "FinEst Bay Area Development" an eigenen Plänen für ein Tunnelprojekt und beabsichtigt nach Informationen des Unternehmens in den nächsten Monaten die Einzelheiten einer Zusammenarbeit mit "Touchstone" auszuarbeiten. Bisher sei eine Finanzierung aus zwei Drittel Krediten und ein Drittel Risikokapital vorgesehen. Touchstone strebe dabei eine Beteiligung an dem Projekt an, die Mehrheit der Anteile würden aber in finnischem Besitz bleiben.

Finnen und Chinesen sorgen für das Wohl von Estland? Urmas Paet, Ex-Kultur- und Ex-Aussenminister und eigentlich der neoliberalen Seite zugeneigt, zur Zeit Abgeordneter im Europaparlament, rät zur Vorsicht mit chinesischen Investitionen in Europa (err). Tunnelexperten aus der Schweiz meinen zu wissen, die Chinesen wollten mit einem "Monsterbohrer" mit 17m Durchmesser in Estland anrücken (wo doch der Bohrer beim Bau des Gotthard-Tunnels nur Meter 9,5m Durchmesser hatte!) (blick) Und mit dem Aushub, der beim Tunnelbau übrig bleibt, könne angeblich eine neue Insel aufgeschüttet werden, die 50.000 Menschen Platz zum Wohnen biete. Der "Martime Herald" möchte gleich auch noch japanische oder chinesische Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Helsinki und Tallinn zum Einsatz bringen - einmal unter der Ostsee hindurch in nur 20 Minuten, allerdings pro Fahrt für 50 -100 Euro.

Zur Befeuerung der einen oder anderen Fantasie scheint das Thema jedenfalls gut zu taugen.Inzwischen ist aber bereits von 15 - 20 Milliarden Euro Kosten die Rede. Aber selbst wenn dieses Geld plötzlich von irgend einer Druckpresse hergestellt würde - eine Fertigstellung vor 2040 wird es wohl nicht geben. Schlagzeilen macht immer derjenige, der eine frühere Fertigstellung verspricht. "Warum sollen wir langsamer als die Chinesen fahren?" so die rhetorische Frage von Peter Vesterbacka (Huvudstadbladet). Kritischere Stimmen haben ausgerechnet, dass selbst nach Fertigstellung Finnland und Estland Unterhaltungskosten von jährlich 280 Millionen Euro tragen müssten - gerechnet auf einen Zeitraum von 40 Jahren. Da freut sich jede/r estnische Lokalpolitiker/in, der/die auch auf dem Lande mal eine Straße ausgebessert haben möchte.

Sonntag, Juni 24, 2018

Ausgegraben

In Tallinn sind bei Bauarbeiten offenbar größere Mengen Funde gemacht worden, die aus mittelalterlicher Zeit stammen sollen. An der Ecke der beiden Straßen Väike-Patarei 1 / Jahu 6 wurden auf bisher 1000m² Untersuchungsfläche insgesamt 15.000 Einzelteile von Archäologen sichergestellt - die Mehrzahl der Gegenstände sollen aus dem 15. Jahrhundert stammen.

Vermutungen gehen dahin, dass der Boden teilweise aus Resten eines religiös genutzten Gebäudes stammen, teilweise aus einer Werkstatt zur Lederfabrikation. Unter den Fundsachen sind auch eine Christus darstellende Elfenbeinfigur, Pilgerabzeichen, Fragmente von Glasfenstern und Fabelwesen im gothischen Stil. Weiterhin auch Schachfiguren, Würfel, Pfeilspitzen, Lederschuhe und Keramikfragmente. Fachleute halten auch die aus Holz gefertigten Gegenstände für besonders wertvoll, da sie sich im Boden an dieser Stelle relativ gut erhalten hätten.

Die Fundstelle soll nun über den Sommer weiter untersucht und die Artefakte gesichert werden. Bei Voruntersuchungen zur Erteilung einer Baugenehmigung an dieser Stelle waren aus archäologischer Sicht keine Auffälligkeiten festgestellt worden. Die Funstellen befinden sich auf der Baustelle zum Wohnkomplex mit dem Projektnamen "Mündriku", in der Nähe des Stadtteils Kalamaja, am Rande der Altstadt.

Montag, Oktober 16, 2017

Estlands Kommunalwahl: viel E-Vote bei verhaltener Begeisterung

Nicht nur in Österreich und im deutschen Bundesland Niedersachsen wurde am vergangenen Sonntag gewählt: in Estland fanden Kommunalwahlen statt.

E-Wahl-Rekord
Ein erstes interessantes Ergebnis war schon vor Schließung der Wahllokale bei den heutigen Kommunalwahlen in Estland bekannt: es gibt einen neuen "E-Rekord" - 27,6% der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme online ab; das war während einer zehntägigen Zeitspanne vor der Wahl möglich. Zusammengezählt wählten 306.508 Estinnen und Esten vorab, 186.034 davon digital.

Stabiles Zentrum, weniger Vaterland, viel unabhängig
Der locker Jogger: aus einem
Wahlspot der "Zentrumspartei"
Die "Eesti Keskerakond" (Zentrumspartei) erhielt 27.3% der Stimmen, 26,8% entfielen auf unabhängige Wahllisten, und 19,5% erreichte die Estnische Reformpartei (Eesti Reformierakond). Weitere 10,3% Stimmen erreichten die Sozialdemokraten (Sotsiaaldemokraatlik Erakond), 8% die Vaterlandspartei & Res Publica (Erakond Isamaa ja Res Publica Liit IRL), 6,7% die Konservative Volkspartei (Eesti Konservatiivne Rahvaerakond EKRE), während die estnischen Grünen (Erakond Eestimaa Rohelised) estlandweit lediglich 0,8% der Stimmen auf sich vereinen konnten (siehe auch: estnisches Wahlamt).Die Veränderungen gegenüber der Wahl 2013 sind schwierig zu berechnen, da es diesmal einen neuen Zuschnitt der Wahlbezirke gab. Landesweit verlor die konservative IRL durch einen Absturz von 17.2% auf 8% am meisten, während die nationalkonservative EKRE erstmals antrat. Die Reformpartei gewann landesweit 5,8% hinzu, die Zentrumspartei verlor 4,6%, für die Sozialdemokraten entschieden sich 2,2,% weniger.

Tartu und Tallinn konstant
Estlands größte Städte bleiben poltisch da, wo sie schon bisher waren: in Tallinn gewann die Zentrumspartei 40 der 79 Mandate und damit die absolute Mehrheit (44,4% der Stimmen); eine Besonderheit war dabei allerdings, dass Ex-Taekwondo-Sportler Mihhail Kõlvart mit 24.712 Personenstimmen weit mehr Zustimmng auf sich vereinen konnte als der eigentliche Bürgermeisterkandidat des Zentrums, Taavi Aas. Kõlvart trat im Stadtteil Lasnamäe an, dort wo Ex-Parteichef Savisaar immer gute Resultate eingefahren hatte. Savisaar selbst war nicht mehr als Spitzenkandidat nominiert worden, trat aber auf einer eigenen Liste an und gewann so ein Direktmandat im Stadtrat. Allerdings steht er noch wegen einer Korruptionsanklage vor Gericht - der Ausgang wird darüber entscheiden, ob er sein Mandat antreten darf.
Beobachter schließen aber nicht aus, dass wegen der knappen Mehrheit im Stadtrat Tallinn die Zentrumspartei dennoch einen Koalitionspartner einladen könnte. 
In Tartu blieb die Reformpartei mit 37,4% an der Spitze der Beliebtheit - das reicht für 20 von 50 Stadtratssitzen. Bürgermeister bleibt also wahrscheinlich Urmas Klaas. Die Sozialdemokraten folgen mit 8, das Zentrum mit 7 Sitzen. Die EKRE bekommt noch 6, die IRL 3 Mandate. Die konservative IRL verlor auch hier am stärksten: ein Absturz von 21,08% auf 7,4%.

Estnische Kommentatoren weisen vor allem darauf hin, dass es die Zentrumspartei von Regierungschef Jüri Ratas geschafft hat, auch ohne Edgar Savisaar in Tallinn wieder die absolute Mehrheit zu holen. Die teilweise problematische Vergangenheit von Savisaar sei nun Geschichte und habe für die Zentrumspartei keine Bedeutung mehr, heißt es.
Außerdem sei es ein klares Zeichen, dass wiederum über 180.000 Wählerinnen und Wähler dem "E-Vote" vertrauten, trotz kürzlich offenbarten theoretisch möglichen Manipulationsmöglichkeiten. Estinnen und Esten vertrauen eben E-Estonia. Allerdings zeigte die vergleichsweise niedrige Wahlbeteiligung von 53,4% (2013 = 57,97%) nur lauwarme Begeisterung für die wichtigen politischen Fragen an.

Samstag, September 30, 2017

Flughafenupdate

Vielleicht hätte sich noch vor 10 Jahren niemand gedacht, wie viele Menschen tatsächlich den Lennart-Meri-Flughafen in Tallinn benutzen würden. Der 1936 eröffnete Flughafen ist heute Arbeitsplatz für etwa 2000 Menschen und über 80 Firmen.
In den Sommermonaten sind es pro Monat etwa 250.000 Passagiere, davon laut Flughafenstatistik 54% Estinnen und Esten. Und momentan, während der EU-Ratspräsidentschaft Estlands, lernen wohl die meisten europäischen Spitzendiplomaten, die sich in Tallinn treffen, die Vorzüge eines rationell arbeitenden Flughafens kennen.

Von ehemals 240.000 Fluggästen im Jahr 1993 steigerte sich die Zahl der Kundinnen und Kunden am Tallinn Airport auf über 564.000 (1998), 716.000 (2003) 1,38 Millionen (2010) auf schließlich 2,2 Millionen im Jahr 2016. Während im Jahr 1998 noch 30% aller Flüge ab Tallinn nach Helsinki gingen, so teilen sich dieses Drittel Marktanteil heute drei Städte: Helsinki, Riga und Frankfurt. Bis 2020 steht dem Flughafen nun ein "Facelifting" bevor: 130 Millionen Euro werden in eine Erneuerung der Anlagen investiert und die Landesbahn ist auf 3490m verlängert worden (siehe Jahresbericht 2016).

Eine Neuigkeit ist seit dem 1. September 2017 in Betrieb: die Straßenbahnlinie 4 der Tallinner Verkehrsbetriebe wurde bis zum Flughafen verlängert (ERR). Neue Fahrzeuge gab es gleich auch noch dazu: das Modell "Urbos AXL", "für den Betrieb unter den schwierigen klimatischen Bedingungen Estlands konzipiert, von -40 ºC bis 40 ºC", wie CAF, der spanische Hersteller, versichert. Damit die Linie 4 tatsächlich den Flughafen erreicht, wurde eigens Tallinns erster Straßenbahntunnel gebaut.
Was noch fehlt? Estlands "erste Garage". Trotz verbesserter Anbindung des Öffentlichen Nahverkehrs geht offenbar niemand davon aus, dass insbesondere die Estinnen und Esten - die 54% der Kund/innen am Flughafen Tallinn ausmachen - ihre Autos stehen lassen, wenn sie zum Flughafen wollen; 1.100 Fahrzeuge soll die unterirdische Parkgarage nach der Fertigstellung 2019 einmal aufnehmen können, auf drei Ebenen. Die gegenwärtige Parkraumkapazität von 450 Fahrzeugen hält das Flughafenmanagement für das angestrebte Entwicklungspotential in Zukunft für zu wenig (ERR).

Samstag, Juli 29, 2017

Zwei fahren lassen

Estland ist Internet - Tallinn ist Verkehrspolitik. Nein, das bedeutet nicht die Abwesenheit von W-lan und estnischen IT-Startups in der Hauptstadt. Aber zumindest erzeugte die Einführung des (für die Einwohner) kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs 2013 für einiges Aufsehen - und immerhin ist dieses Experiment ja bisher weder abgebrochen noch gestoppt worden.

Nun ist die estnische Hauptstadt bereit für ein neues Experiment: Ab sofort verkehren in Tallinn selbstfahrende (fahrerlose) Busse - so verkündete es stolz die speziell zur estnischen EU-Präsidentschaft eingerichtete Webseite. Bei genauerem Hinsehen wird aber auch klar, dass die vorgesehene Proberoute erstens nur etwa 600m lang ist, und andererseits fast nur geradeaus führt. Das Ganze geschieht im Bereich zwischen dem Hafen und der Altstadt - also wohl vor allem auch ein Marketing-Projekt, denn hier kommen fast alle Touristen und Gäste der Stadt vorbei.
100.000 Euro kostet das Projekt, so sagen die Organisatoren. Diese Summe soll aber weitgehend von den Partnern der Stadtverwaltung Tallinn übernommen werden - von privaten Investoren Microsoft Estonia über den Militärausrüster MILREM, Blockchain-Spezialist Guardtime, und DSV Transport und Logistik und die Reederei TALLINK.

Allerdings sind die Esten in diesem Fall nicht die ersten: ähnliche Busse wurden bereits 2016 in Helsinki getestet (Guardian), und auch die Finnen verwiesen damals auf die ersten, die selbstfahrende Busse in den öffentlichen Verkehr brachten: die Niederländer (mit sechs Passagieren und 200m Strecke). Die Finnen aber waren offenbar auch auf ihre Straßenverkehrsordnung stolz: dort sind Fahrer für Fahrzeuge gar nicht zwingend vorgesehen. Dennoch wurde der Betrieb auf einer weitgehend abgezäunten Route durchgeführt.

"Da 90% der Verkehrsunfälle durch menschlichen Irrtum verursacht werden, wird der Easysmile EZ10 den Schlüssel zur Erhöhung der Verkehrssicherheit darstellen", so der Leitspruch der Herstellerfirma "Easysmile", die ihren Hauptsitz in Frankreich besitzt (siehe auch Präsentations-Video). Der Praxistest in Tallinn ist übrigens limitiert: die beiden Busse fahren auf einer Straßenbahnstrecke, die gegenwärtig modernisiert wird. Daher wird es die beiden "Selbstfahrer" vorerst nur im August 2017 geben. Das Verkehrsrecht in Estland wurde aber für weitere Projekte angepasst: solange eine Person den Betrieb überwacht und im Notfall eingreifen kann sind selbstfahrende Fahrzeuge zugelassen.