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Dienstag, Februar 24, 2026

Künstlich, aber getestet

Was weiß eine künstliche Intelligenz über Estland? Estnische Forscherinnen und Forscher wollten es genauer wissen. Sie nahmen sich sechs bekannte KI-Modelle vor und stellten diesen sehr spezielle Fragen. 

Intelligentes Plaudern 

Das bekannteste darunter ist wohl "Chat GPT", vom US-Unternehmen "Open AI" entwickelt, mit weltweit mehreren Hundert Millionen Nutzer/innen. "Gemini 3" entstand aus "Deep Mind" und "Google Brain". "Grok" wurde von Elon Musks "xAI" entwickelt. "Mistral" ist das bekannteste Sprachmodell europäischer Herkunft, entwickelt vom französischen "Mistral AI". Und "Claude" schließlich wurde von ehemaligen Mitarbeiter/innen von "Open AI" entwickelt. 

Mit einbezogen wurde noch "Llama EstLLM", speziell von der TU Tallinn, der Universität Tartu und dem Institut für estnische Sprache entwickelt, um es mit estnischem Sprachmaterial zu trainieren. 

Estnisch fragen 

20 Fragen wurden insgesamt gestellt, fokussiert auf estnische Sprache und estnische Kultur. Zum Beispiel wurde gefragt, was Juri Lotman mit dem Begriff "Semiospähre" meinte, oder wie der erste Satz des Romans "Kevade" ("Frühling") von Oskar Luts vollständig lautet. Wie viele Vokale enthält das estnische Wort "Jäääär"? 

Ja, früher einmal gab es Lexika, kiloschwere Bücher in mehreren Bänden. Im digitalen Zeitalter war es bisher oft geübte Gewohnheit, bei "Wikipedia" nachzuschauen (oder sogar dort als Autor/in eigenes Wissen mit anderen zu teilen).  - Heute werden auf "dumme" Fragen aller Art vor allem sekundenschnelle Antworten erwartet - von einem imaginären Gegenüber nach Art einer "KI". 

Dialektische Haushaltsgeräte 

Kairit Sirts, außerordentliche Professorin für Sprachtechnologie am Institut für Informatik der Universität Tartu, berichtet allerdings auch von überraschenden Ergebnissen. Eigentlich seien sämtliche getesteten KI-Modelle auf einem ähnlichen Niveau. Doch Sirts zufolge habe man zum Beispiel nicht mit Groks Estnisch-Fähigkeiten gerechnet. Im Gegensatz zu mehreren Mitbewerbern wusste das Modell sogar, wie man „Staubsauger” im Võro-Dialekt sagt: pudsunudsija, natürlich.(ERR)

Das bedeutet wahrscheinlich noch nicht, dass sich südestnische Haushalte nun freuen können, wenn eine KI das Staubsaugen erledigt - und die estnische Forscherin gibt zu: niemand weiß, wie die verschiedenen Modelle trainiert werden.  

Jedenfalls spiele auch die Formulierung der Fragestellung eine Rolle, welche Antworten darauf erfolgen - meint Forscherin Sirts. Und Tanel Alumäe, Professor für Sprachverarbeitung und Leiter des Labors für Sprachtechnologie an der Technischen Universität Tallinn betont, dass alle KI-Modelle gegenwärtig noch Fehler machen, und zwar mehr als ein Mensch. Er hat KI-Modelle sogar getestet, ob sie fähig sind Wörter zu deklinieren oder Grammatik zu korrigieren. 

Estnische Intelligenz kennt Estland nicht?  

Ist es überraschend, dass ausgerechnet das estnische KI-Modell am schlechtesten abschnitt? Hier wird das Training ausschließlich auf Basis offen zugänglicher Daten vollzogen, das gesamte Trainingsmaterial ist somit auch überprüfbar - aber das zur Generierung von Antworten verwendete Datenvolumen ist deutlich geringer - etwa 100-mal kleiner als das führender kommerzieller Modelle, heißt es. (ERR) Forscherin Kairit Sirts sieht es positiv und findet das Ergebnis sogar ermutigend, denn man plane ja noch eine Weiterentwicklung. 

Ein anderer Teil der Rechtfertigung bezieht sich auf Schwierigkeiten mit dem Urheberrecht. "Um die Frage nach dem Anfangssatz des Romans 'Kevade' beantworten zu können, muss man den Roman gelesen haben; Bücher sind jedoch kompliziert, da sie dem Urheberrecht unterliegen“, erklärt Sirts. Infolgedessen sind viele grundlegende Werke der estnischen Kultur nicht in den estnischsprachigen Schulungsmaterialien enthalten, die Forschern bisher zur Verfügung stehen.

Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass andere KI-Modelle ihren Stoff ohne Rücksicht auf Urheberrechte benutzen? Wissenschaftlerin Sirts sagt dazu nur: "Wir möchten offen und ehrlich vorgehen". Man wolle ja nicht mit den kommerziellen Technik-Giganten konkurrieren. Aber: „Mit einem offenen Modell, das auf unserem eigenen Server läuft, kann sichergestellt werden, dass Daten das Gebäude nicht verlassen. Dies ist in Szenarien mit sensiblen oder vertraulichen Informationen von Bedeutung.“ Schließlich gäbe es genug Gründe, sich nicht völlig abhängig zu machen von Anbietern, die dann ihre Daten in den USA oder China verarbeiten. Es sei wichtig, Fachwissen zu sammeln, damit nicht große Unternehmen die Preise bestimmen könnten. "Wenn wir in der Lage sind, ein offenes Modell zu nutzen, das derzeit das beste auf dem Markt ist, und dessen Leistung in estnischer Sprache zu verbessern, dann haben wir ein gewisses Maß an Kontrolle über die Situation“, fügte Sirts hinzu.(ERR)

Donnerstag, April 10, 2025

Bildung jetzt auch künstlich

An Schulen in Estland soll es in Zukunft mehr künstliche Intelligenz geben - aber nein, das bedeutet nicht das Lehrerinnen und Lehrer nun durch Roboter oder Plastikpöppel ersetzt werden sollen. Vor einigen Wochen kündigte Präsident Alar Karis den "TI-Hüpe" (den "KI-Sprung") an, und mit dieser Initiative, benannt nach dem "Tiigri-Hüpe" ("Tigersprung"), der symbolisch die Digitalisierung Estlands einleitete, soll mehr künstliche Intelligenz in den Schulen nutzbar gemacht werden. Die estnische Regierung hat dazu ein Partnerschaftsabkommen mit "OpenAI" abgeschlossen, der Firma die auch "ChatGPT" entwickelte. (Estonian World Review / Forbes)
 

Nur die klügsten

"Wir werden nicht diejenigen sein, die künstliche Intelligenz am meisten nutzen, aber am klügsten", so lässt sich Präsident Karis zitieren. Und Linnar Viik, einer der Initiatoren des "TI-Hüpe", meint: "Künstliche Intelligenz wird uns nicht die Jobs der Zukunft ersetzen, sondern diese Jobs werden Menschen einnehmen, die KI klug nutzen können." 
In einer ersten Projektphase erhalten am 1. September 2025 20.000 Schüler an Hoschulen (Klassen 10–11) und 3.000 Lehrer Zugang zu KI-basierten Lernanwendungen. Danach soll das Programm dann auf Berufsschulen und neue Schüler der 10. Klasse erweitert werden und letztendlich weitere 38.000 Schüler und 2.000 Lehrer im Jahr 2026 erreichen. (ti-hupe.ee)
 

KI zum Sonderpreis

Programme wie "ChatGPT Edu" sollen dann in Estland eingesetzt werden. Dazu berichten Portale wie "decoder", "cointelegraph" oder "Unidigital", dass die US-Firma auch bei deutschen Hochschulen schon angeklopft und "Bildungsrabatte" angekündigt habe; als Alternative stünde aber auch "HAWKI" (datenschutzkonform) zur Verfügung. 
Auch die Uni Göttingen nutzt KI-Programme, weist aber auch auf Schwierigkeiten hin: es gebe keine Garantie, dass von einer KI generierten Texte auch stimmen, denn die KI "lerne" auch aus Falschinformationen. 
 
Workshops zur Weiterbildung von Lehrkräften an Schulen oder Universitäten bietet in Estland eine "Eesti Haridustehnoloogide Liit" EHTL (Union der estnischen Bildungstechnologen) an (750 Euro pro Kurs). Dabei gilt als "Bildungtechnologe", wer "Mitarbeiter einer Bildungseinrichtung ist, die ein modernes Verständnis für Lernen und Kompetenz in der digitalen Technologie hat." Schon 120 Schulen hätten sich für solche Workshops angemeldet, heißt es (err). Gut ausgebildete Menschen auf diesem Gebiet wurden auch schon mal als "Geheimwaffe des estnischen Bildungswesens" angesehen. 
 

Künstlich, aber gesteuert

"Die Sorge ist, ob das, was die Schüler gegenwärtig mit KI tun, tatsächlich nützlich ist, ob sie ihnen hilft, zu lernen", meint Diana Veskimägi, Vorsitzende der EHTL. Ilona Tragel dagegen, Professorin für Estnische Sprache an der Universität Tartu, sorgt sich eher darum dass die bisherigen KI-Trainingsprogramme eher mit englischer Sprache entwickelt worden seien. "Wenn Schülerinnen und Schüler häufig großen Mengen an Text ausgesetzt sind, die in Estnisch zu sein scheinen, aber tatsächlich den englischen Satzstrukturen folgen - und, noch schlimmer, nur dem englischsprachigen Weltwissen - dann kann es problematisch werden", meint sie. (err)
 
Und auch die estnische Behörde für Cybersicherheit ("Information System Authority" RIA) möchte noch ein Wörtchen mitreden. "Wenn es keine klaren Richtlinien gibt, dann laden Studierende alles Mögliche, also Schuldokumente, persönliche Daten, auch etwas von zu Hause in diese Systeme hoch - daher sollten die Schulen und Hochschulen auch eigene Sicherheitssysteme entwickeln," sagt RIA-Repräsentant Lauri Tankler. (ERR)

Montag, März 03, 2025

Ausgeskeipt

Es gab Zeiten, da hing das Telefon noch an einer Schnur, oder es war in Telefonzellen zu finden. Und in Estland gab es Zeiten, als öffentliche Telefone nur scheinbar zufällig mal funktionierten. Aber noch bevor diese kleinen Geräte in unseren Alltag Einzug hielten, die heute nahezu jeder und jede täglich mit sich herumträgt, wurde Skype erfunden.

Das war 2003. Für Estland war es noch die schwierige Übergangszeit: warum müssen diese kleinen baltischen Länder unabhängige Staaten sein? Auf der europäischen Bühne schienen noch nicht alle verstanden haben, warum das für Estland unverzichtbar ist. Und Estland war noch kein Mitglied von EU und NATO, einige brachen noch auf zu trügerischen Billigjobs in Irland oder England, oder ins scheinbare Traumland USA. 

Drei Einhörner

Es ist tatsächlich wahr, dass einer der drei IT-Entwickler, der "Skype" mit erfand, mit Nachnamen "Tallinn" hieß: Ahti Heinla, Priit Kasesalu und Jaan Tallinn. Offenbar haben alle drei versucht, ihr durch den Verkauf von "Skype" verdientes Geld wieder zu investieren: Ahti Heinla ist an den "Starship"-Robotern beteiligt, die in Tallinn an vielen Stellen die Pakete ausliefern. Priit Kasesalu hat auch "Kosmonaut", das erste kommerzielle Computerspiel in Estland mit entwickelt, und arbeitet heute bei Ambient Sound Investment. Über Jaan Tallinn heißt es, er sei zu einem der bekanntesten estnischen Expoerten zu "künstlicher Intelligenz" (KI) geworden und nun führender Investor und Anwalt für KI-Sicherheit. Außerdem sei er Anhänger von Kryptowährungen und halte einen großen Teil seines Vermögens in Bitcoin. Er hat unter anderem in "DeepMind" investiert, das inzwischen zu "GoogleDeepMind" geworden ist. (investinestonia)

Von der Öffentlichkeit vergessen scheint inzwischen, dass es mit Toivo Annus noch einen weiteren Beteiligten an der Skype-Erfolgsgeschichte gab. Er starb 2020 im Alter von nur 48 Jahren (estonianworld). Microsoft hatte den Web-Anruf-Pionier "Skype" 2011 für 8,5 Milliarden Dollar (rund 8,2 Milliarden Euro) gekauft.

Steigendes Selbstbewußtsein

Estland hat inzwischen den Minderwertigkeitskomplex, als kleine Nation keinen Einfluss in der Welt zu haben, abgelegt - das schrieb im vergangenen Jahr Journalistin und Schriftstellerin Airika Harrik. Vor 20, 30 Jahren hätten sich die Esten als kleine, arme Menschen gesehen, die durch die Winde der Geschichte herumgeworfen würden; inzwischen aber beschäftigten sie sich auf globale Politik. Sie zitiert Alar Kilp, Dozent für vergleichende Politik an der Universität von Tartu, mit der Aussage: "Bis 2020 wurde eine Art Erfolgsgeschichte nach Möglichkeit hervorgehoben - ob ein olympischer Sieg, Skype, Arvo Pärt oder jemand anderes". Nach Ansicht von Kilp könnte es jedoch sein, dass Estinnen und Esten inzwischen als Nation ein gewisses Maß an Selbstvertrauen erreicht haben: "Erfolge sind die Norm, und es besteht keine Notwendigkeit, jeden Sieg so laut wie möglich hinauszutrompeten." (err)

Ende ohne Schrecken

Auch in der deutschsprachigen Presse findet das "Ende von Skype" breiten Widerhall. Während die einen dieses Ende "überraschend" finden (Kleine Zeitung) oder sogar titeln "Skype stirbt" (Computerwoche), analysieren andere die Gründe für das Aus und konzentieren sich auf praktische Tipps für Nutzerinnen und Nutzer: "Skype verlor insbesondere während der Corona-Pandemie Marktanteile an Konkurrenten wie Zoom oder WhatsApp. Microsoft Teams hat sich inzwischen allerdings als einer der führenden Anbieter im Markt für Kollaborationssoftware etabliert und spielt eine zentrale Rolle in der Unternehmenskommunikation." (ZDF)

Nico Ernst schreibt für "Heise.de" in einer Analyse: Was damals fehlte, war "das eine Programm – damals noch nicht 'App' genannt – das Sprache, Chat, Screensharing und Dateiübertragung vereinte. Und das einfach nur funktionierte. Das war Skype." Und weiter: "Den Sprung aufs Smartphone hat Skype aber schlecht hinbekommen, sondern WhatsApp, Signal und Co. waren dort allgegenwärtig." Resumee: der Pionier tritt ab. Und: "Mal sehen, wie lange 'skypen' noch im Duden steht."

Samstag, Oktober 05, 2024

Virtuelle Nachbarn

"Ihre digitale Identität, ihre Firma, ihre Freiheit!" So bewirbt Estland die Möglichkeit gerade für Firmeninhaber, sich digital an das estnische Kommunikationssystem anzudocken. 

"Die E-Residency ist in Estland eine von der Regierung ausgestellte digitale Identität, die globalen Unternehmern Fernzugriff auf das digitalste Land der Welt ermöglicht", so die regierungsamtliche Information. Eine sichere Authentifizierung online werde ebenso geboten wie ein Weg, Dokumente mit elektronischen Signaturen zu signieren. Natürlich könne man ein Unternehmen überall gründen (auch online). Eine "positive Kapitalrendite für globale Unternehmer" wolle man schaffen. "Estland war das erste Land, das 2014 E-Residency anbot. Es ist nach wie vor das beliebteste Programm seiner Art für ambitionierte Unternehmer." (e-resident.gov.ee)

Verläufige Bilanz nach 10 Jahren: 59.644 ausländische Staatsbürger mit "E-Residenz" gibt es inzwischen. Gebührenfrei ist die Registrierung allerdings nicht: 100-120 Euro nimmt der estnische Staat pro Person ein. 

Unerwünschte Elemente? 

Nun müssen die digitalbegeisterten Estinnen und Esten allerdings feststellen, dass sich natürlich auch zwei Länder unter insgersamt 170 virtuell vernetzten Nationen befinden, zu denen seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine die Beziehungen kompliziert geworden sind: Russland und Belarus. 

Eigentlich habe man schon seit März 2022 keine E-Residency mehr an Antragsteller aus diesen beiden Ländern vergeben, so Oscar Õun, Risokomanager für das E-Residency-Programm gegenüber ERR. Und da die E-Residency nach einem Gültigkeitszeitraum von fünf Jahren erneuert werden muss, sei auch die Gesamtzahl der Registrierten leicht gefallen. Einige dieser erneuten Antragsteller habe man also nicht wieder zugelassen. 

Noch im Februar 2022 sollen sich 8,5 Prozent aller gültigen estnischen E-Residency-Karten im Besitz russischer und weißrussischer Staatsbürger gewesen sein - bis zum Ende des Sommers 2024 ist dieser Wert auf 5 Prozent gesunken. Genauer gesagt seien es 4.421 russische und 902 belarussische Bürgerinnen und Bürger mit E-Residency-Status gewesen, verblieben sind noch 2.573 bzw. 565 – ein Rückgang um 42 Prozent. 

Sanktionsfrei

Die estnischen Behörden betonen, dass es bisher keinerlei Sanktionen gäbe, die russischen Bürgerinnen und Bürgern untersagen würden, sich an estnischen Unternehmen zu beteiligen oder sie zu besitzen - ob nun mit E-Residency oder ohne. „Selbst wenn die digitale E-Residency-ID einer Person widerrufen wird, beendet dies nicht die Geschäftstätigkeit der mit dieser Person verbundenen Unternehmen in Estland“, sagt Anita Preinvalts, Sprecherin der Polizeibehörde (Politsei- ja Piirivalveamet). 

Ein Unternehmen von überall führen zu können, und doch an das digitale System der "Residenz" angeschlossen zu sein - gerade damit hatte Estland ja sehr aktiv geworben. Reduzierung von Bürokratie und Papierkram sowie eine globale Community werde geboten - die bereit ist, Wissen und Erfahrungen auszutauschen. Der Status einer E-Residency bedeutet nicht, dass man tatsächlich in Estland ansässig ist.

Mittwoch, März 18, 2020

Krisen-Estland

Wenn in Estland die Schulen geschlossen werden - bekommen Schüler*innen und Schüler ihre Hausaufgaben digital, auch die Eltern sind darüber (digital) informiert. Sogar die Notengebung ist ins digitale System einbezogen (siehe: EKool). Der "Youthreporter" berichtete noch vor kurzem von einer in Estland kurz vor der Umsetzung stehenden Vorschrift, dass alle Schulmaterialien jetzt auch digital vorliegen müssen.

Seit dem 16. März meldet Estland: beginnend mit dem heutigen Tag bleiben unsere Schulen geschlossen. Das Lernen wird daher komplett online ablaufen.

Und damit nicht genug: Estland bietet Erfahrungen des digitalen Lernen anderen Ländern zur Nutzung an - so zumindest verkündet es eine Informationsseite des estnischen Bildungsministeriums. Diese beruft sich auf die estnischen Firmen "99math.com", "Lingvist.com", "Clanbeat.com", "Speakly.me", "ALPA Kids", und "DreamApply.com", die sich bereit erklärt hätten, ihre Lösungen auch auf internationaler Ebene kostenfrei zugänglich zu machen. Eine Liste dieser Angebote stellte das Ministerium ebenfalls online. Auch "Estonianworld" stimmt in den begeisterten Chor ein: "Estland bietet seine digitalen Werkzeuge zur Unterstützung anderer Länder in der Krise an."

Allerdings ist es wie so oft, wenn Apps kostenfrei angeboten werden: im Kleingedruckten ist dann doch das wirklich Kostenfreie sehr begrenzt.So bietet sich die Sprachlern-Software "Lingvist" zum Beispiel als "in den Zeiten der Krise einen Monat lang für Schulen kostenfrei" an. Wer genauer nachliest, erfährt hier auch, dass LINGVIST schon bisher als kostenlose Software angeboten war - aber gegenwärtig ein Abomodell einführen will, um Einnahmen generieren zu können. Also: hier will das Ministerium wohl eher estnischen Startups einen Anschub aufs internationale Parkett geben, als wirklich altruistisch in der Krise Hilfe leisten zu wollen."Lingvist" weist inzwischen einen Preis von etwa 20 Euro pro Monat für die Nutzung aus - da kommt der Verdacht auf, hier den beschenkten Schulen dringend ein Gefühl für den Wert des Geschenks geben zu wollen - ähnlich den Supermärkten, die erst ihre Preise erhöhen, um dann wöchentliche "Sonderaktionen" auszurufen.

Andere der genannten Firmen, wie z.B. "Clanbeat", gehen mit dem Kostenlos-Angebot noch offensiver um und machen es zur aktuellen Haupt-Schlagzeile. Hier kommt die Info allerdings Englisch daher, und die Frage kommt auf: dürfen in Deutschland interessierte Lehrer*innen nun einfach hemmungslos runterladen und anwenden, entscheidet das die Schulleitung? Oder vielleicht wird auf Anordnungen des zuständigen Ministeriums gewartet? - Und auch bei "Clanbeat" ist die "Kostenlos-Taktik" nicht ohne Tücken: ob hier die Nutzung Sinn macht, oder nicht, ob es Alternativen gibt - natürlich suchen wir unabhängige Beratung vergeblich. "We will send instructions" verspricht das Unternehmen, setzt also darauf, dass erst mal "kostenlos bestellt", und erst danach das Nachdenken über Sinn und Unsinn einsetzt. Zudem gibt es Unterschiede je nach Infoquelle - teilweise wird hier auch nur von "kostenlos bis zum Ende des Schuljahres" gesprochen (education-nation). Und das kommt schon bald.

Angesichts der Begeisterung auf estnischer Seite nach dem Motto "Estland hilft kostenlos der ganzen Welt" bleibt doch offenbar etwas Zurückhaltung angebracht. Wir erinnern uns: Hände waschen, Panik vermeiden. Das gilt offenbar auch in digitalen Dingen.

Freitag, Oktober 12, 2018

Auf Dienstreise

Ich bin dann mal weg - auf e-Reise

Dienstreisen im Internet - geht leider noch nicht. Aber Dienstreisen für die digitalen Ziele, vorzugsweise ins kleine Estland, waren in den vergangenen Monaten sehr beliebt. Fragen Sie doch mal Ihren Stadtbürgermeister oder Landrat: wer war noch nicht, wer will noch mal?

Auf die Namensähnlichkeit der beiden Länder Estland und Emsland setzt eventuell Landrat Reinhard Winter anläßlich einer Bildungskonferenz in Meppen. Und schon schreibt die "Neue Osnabrücker Zeitung" von einer "Bildungsregion Emsland", auch wenn bisher lediglich von Herausforderungen, und viel weniger von bereits Erreichtem die Rede ist. Gastreferent Kaarel Rundu, Leiter der Deutschen Schule in Tallinn, wird hier mit den Worten angekündigt: "Estland gilt als eines der technologisiertesten Länder der Welt." Wovon war noch gleich die Rede? Von Estland und Emsland, richtig.

Hinterher laufen, oder hinken? 

"Estland hat uns abgehängt", meint Unternehmer








Montag, November 06, 2017

Unruhe im Digitalparadies

Für die Land, das mit einer eigenen "E-Identität" aktiv wirbt, muss es zumindest ungewohnt sein: Per Beschluß des estnischen Regierungskabinetts müssen seit einigen Tagen alle bisher ausgestellten Identifikationsausweise (ID Karte), etwa 800.000 Stück, mit neuen Sicherheitszertifikaten ausgestattet werden - entweder per Update, oder durch Beantragung und Ausstellung einer neuen ID-Karte. Nach monatelang immer weiter konkretisierten Sicherheitsbedenken hielten die Verantwortlichen diesen Schritt nun doch für unausweichlich.
Eigentlich sollen unnötige Behördengänge ja durch die Nutzung der ID-Karte vermieden werden - nun hoffen vielleicht einige, dass Estinnen und Esten nicht völlig aus der Übung gekommen sind.
Im Ausland müsse nicht extra eine Botschaft aufgesucht werden, versuchen estnische Behörden zu beruhigen (ERR) - Betroffene können auch eine Email schreiben. Auch ferngelenkt per Internet bestünde die Möglichkeit das Zertifikat für die ID-Karte zu erneuern (Remote). Allerdings: wenn die Abholung einer neuen Karte im Ausland nötig wird, müssen die Betreffenden dann doch persönlich erscheinen - bei einer Botschaft, einem Konsulat oder Honorarkonsulat. Im Moment schätzen die estnischen Behörden die Auslieferungszeit einer neuen ID-Karte auf etwa 3 Wochen.

Seit dem 25. Oktober werden inzwischen ID-Karten mit neuen Sicherheitszertifikaten ausgestellt, die nicht von dem vermuteten Sicherheitsrisiko betroffen sind. Am Wochenende nach dieser Entscheidung mussten die Polizeibehörden gleich Überstunden einlegen, um den Andrang der ID-Karteninhaber abfangen zu können. Bereits 106.000 Betroffene hatten bis Montag morgen bereits das Update erledigt - davon 81.500 per Remote-Funktion, 24.500 durch einen Gang zu den Servicestellen der Polizei und der Sicherheitsbehörden.

"Niemand muss nervös werden, es ist noch bis März 2018 Zeit das Update zu erledigen", meldet sich Managing Direktor Korjus im "E-Residency-Blog" zu Wort. Allerdings muss das Update vor der nächsten Nutzung der Karte auf jeden Fall vorgenommen werden. Umgangen werden kann das nur für diejenigen, die auch im Besitz einer sogenannten "Smart-ID" sind: eine ID-Karte die im Smartphone verwendet werden kann.

Auch nach dem Update scheinen bisher noch nicht
alle Funktionen der ID-Karten wieder zu funktionieren
Es habe ja auch bisher keinen einzigen konkreten Vorfall gegeben der die Sicherheit der ID-Karten bedroht habe, so Korjus - das allgemeine Update sei daher eine reine Vorsichtsmaßnahme. Die Sicherheitsbedenken seien auch nicht durch die estnische ID-Karte allein ausgelöst worden, sondern auch dadurch dass der Chip der bisherigen Karte auch bei anderen Produkten international genutzt werde. So habe man befürchten müssen, Cybercrime-Banden könnten sich irgendwann die Situation zu Nutze machen.

Die ID-Karte wird in Estland unter anderem als legales Reisedokument, als Gesundheitskarte, für das Online-Banking, digitale Unterschriften und auch für die Beteiligung bei Wahlen per Internet genutzt.

Montag, Januar 26, 2015

E-Jubiläum

Trotz anhaltender Kritik blickt das estnische Wahlamt stolz auf ein Jubiläum: bereits seit 10 Jahren kann in Estland per Internet gewählt werden. Eine neue an der Universität Tartu angefertigte Studie weist aus, dass E-Wählerinnen und -Wähler aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen: einen "typischen Internetwähler" gäbe es nicht, sagt die Studie. 30% aller Wahlberechtigten werden voraussichtlich bei den kommenden Wahlen ihre Stimme elektronisch abgeben (siehe ERR).

Elektronische Wählersuche
Bald wieder in der Praxis:
Estnisches E-Voting
Kristjan Vassil und Mihkel Solvak, Politikwissenschaftler und Autoren der Studie, beschäftigen sich bereits seit längerem mit dem Thema des E-Votings. So war Vassil Autor eines Thesenpapiers zur Frage, ob Wahlen in Estland anders ausgehen würde, wenn es keine Internetwahlen gäbe. Ihr Untersuchungsergebnisse sagen unter anderem auch, dass Anhänger der "Zentrumspartei" (Keskerakond) verhältnismäßig wenig per Internet abstimmen, dagegen Anhänger von "Reformpartei"(Eesti Reformierakond) und "Pro Patria / Res Publica" (Erakond Isamaa ja Res Publica Liit) vergleichweise aktiv beim E-Voting dabei sind. Dennoch sei nur durch das Bereitstellen von Wahlmöglichkeiten keine Änderung im Wählerverhalten festzustellen - manche wechseln eben eher die Methode, wie sie abstimmen, als ihre politische Präferenz.
Die Zentrumspartei allerdings verstand diese Untersuchungsergebnisse offenbar anders, und begab sich zweitweise in Wahlkämpfen auch schon mal auf die Seite der E-Voting-Gegner.

Jung, neureich, Internet? 
Zu Anfang, bei den Wahlen 2005, schien das noch anders zu sein. 9.800 Menschen beteiligten sich damals per Internet, und die Annahme schien zu stimmen, dass es eher junge, gut ausgebildete und gut verdienende Leute waren. Zumeist Männer. E-Voting, nur ein Spielzeug der Eliten? Inzwischen ist aber klar, dass es zwar bei den Parteien unterschiedlich viele E-Voting-Fans gibt, aber seit den Wahlen 2009 sind E-Wähler in allen Gesellschaftsschichten zu finden, auf dem Dorf wie in der Stadt, bei Alten wie bei Jungen. "Heute könnten wir nicht einmal vorhersagen, wer am E-Voting teilnehmen wird und wer nicht," sagt Solvak. Allerdings steige die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme mit der Entfernung zwischen Wohnort und Wahlkabine, so die Wissenschaftler. Untersuchungen zufolge leben in Estland 70% der Wahlberechtigen in einer Entfernung von nicht weiter als eine halbe Stunde Lauf-Entfernung zum Wahllokal.Bei den letzten Wahlen war bereits jeder Dritte ein E-Wähler (2005 jeder 50ste). Wenn ein Este oder eine Estin erst einmal beim E-Voting teilgenommen habe steige die Wahrscheinlichkeit, dass der Weg zum Wahllokal beim nächsten Mal eingespart bleibe. Zudem steigere die bloße Möglichkeit der Kontrolle, ob die eigene Stimme auch gezählt worden sei, das Vertrauen ins System, meinen zumindest Solvak und Vassil.

Gegner des E-Voting in Estland habe sich auch längst positioniert. Eine Kritikergruppe unter Beteiligung des US-Wissenschaftlers J. Alex Halderman unterhält eine eigene Internetseite, und präsentierte 2014 eigene Untersuchungen, die beweisen sollen das estnische System sei manipulierbar. Auch in der deutschsprachigen Fachpresse wurde das diskutiert (siehe "Heise online"), auch die estnische Wahlkommission verfasste eine Stellungnahme dazu. Wie das estnische Wahlamt betonte, nehme man jede Kritik sehr ernst. Man sei aber selbst der Auffassung beim E-Voting inzwischen ein höheres Maß an Sicherheit erreicht zu haben als bei Wahlen mit Papier. An der kritischen Studie seien keine neuen Arten möglicher Bedrohungen festgestellt worden, und zudem sei es nicht realistisch, dass die beschriebenen Bedrohungen realistisch von jemand durchgeführt werden könnten. Selbst von der Webseite der Kritiker könne nicht entnommen werden, wo konkret das estnische System Schwächen habe. Auch die Veröffentlichung der kritischen Statements ausgerechnet zwei Tage vor den Europawahlen habe keinen Grund nahegelegt, diese Wahlen abzusagen.
Ein Slogan der E-Voting-Gegner
von "www.papierwahl.at"
Anto Veldre, IT-Experte der Behörde die das estnische Informationssystem organisiert (RIA), rechnet die Kritiker daher auch eher zu den "Experten für Public Relation", da sie nur auf den Effekt und die Internet-Klicks aus seien, die ihnen eine möglichst fundamentale Kritik des estnischen Systems bringt. "Der Beweis dafür, dass es sich um eine PR-Strategie handelt liegt darin, wenn sie versuchen zu behaupten, eben ALLES sei kaputt, während sie den Betreibern keinerlei technische Information liefern dazu." Und Karoliina Raudsepp ergänzt seitens des estnischen Ministeriums für Wirtschaft und Kommunikation: "Falls es Angriffe auf das estnische E-Voting-System geben wird, dann werden sie wahrscheinlich eher von der politischen Seite kommen als von der technischen."

Reparaturarbeiten am estnischen Image
Nun ja, auch die estnischen Regierungsbehörden sind PR-Spezialisten. Für die estnische Tourismuswerbung scheint die Sache einfach: insgesamt sei allein durch die E-Wähler der Parlamentswahlen von 2011 insgesamt soviel Zeit eingespart worden dass es 11.000 Arbeitstagen entspreche, oder umgerechnet 504.000 Euro an Mindestlöhnen. Demokratie als Zeitersparnis? Wählen Sie per Internet, und Sie sparen Zeit sich mit Politik zu beschäftigen? Hmm - ein Vorbild am deutschen System mit Zehntausenden freiwilliger Wahlhelfer/innen will sich Estland offenbar nicht nehmen.
Leider wurde aber die Wahlbeteiligung durch die elektronischen Neuerungen nicht gesteigert - sagt zum Beispiel der in den USA tätige Politologe Meelis Kitsing, der für das "Journal of Politics" auch Matthew Hindman's Buch "Die Mythen der digitalen Demokratie" rezensierte. Kitsing meint unter anderem, dass der Theorie der Befürworter zufolge durch den Einsatz des Internets die Wahlbeteiligung um 10-15% steigen sollte - dem wiederspreche aber die Realität.

Neuigkeiten zur Internetsicherheit in Estland gibt es (englisch) auch hier:

Estonian Cyber Security News Aggregator

Sonntag, Dezember 28, 2014

Befindlichkeiten

Während hierzulande manche sich darüber aufregen über zu viele Anglizismen, sind in Estland offenbar einige der Entscheidungsträger dazu übergegangen, gleich das ganze Land als Internet- und Computergewebe zu interpretieren. Während es bisher nicht gelungen ist, menschliche Intelligenz auch nur im Entferntesten durch Rechner und Roboter ersetzen zu lassen, hindert dies offenbar einige nicht, umgekehrt vorzugehen: Menschen gemäß den Mechanismen von Rechenmaschinen anzusehen.
Fieberkure der estnischen Parteienlandschaft: wenn es so weitergeht,setzen sich vier Parteien nach oben ab,
der Rest landet unter "ferner liefen" (Datenquelle: TNS EMOR AS)

Die estnische Nachrichtenagentur ERR setzt dieser Tage zwei derartige Äußerungen nebeneinander - beide haben damit zu tun, dass am 1.März in Estland Parlamentswahlen anstehen. Von "Estland braucht einen Neustart" redet Tallinns Bürgermeister Edgar Savisaar, und möchte gleichzeitig seinen Wahlkampfslogan "Wir machen es anders" popularisieren.
Zukunftsdeuter als Computerfreaks?: Savisaar und Ilves
Estlands Präsident Ilves versucht sich als besserer Technologie-Kenner zu positionieren und formuliert seine Antwort so: "Wir brauchen keinen Neustart, aber ein besseres Betriebssystem!" Wer über diesen Satz allerdings ein wenig nachdenkt und sich ein wenig in der Computerwelt auskennt wird leicht entdecken, dass ein Wechsel des Betriebssystems ein weit schwerwiegenderer Eingriff ist als nur ein Neustart. Was Ilves als "nur ein paar Updates" darstellt, wäre in der Praxis doch eher ein völliger Neustart, erst recht wer sich vorstellt, man könne ja auch mal zwischen Windows, Apple oder Linux wechseln.

Es erinnert mich ein wenig an den Moment, als ich vor über zehn Jahren ein estnisches Tourismusbüro betrat und mir auf die Frage nach guten Übernachtungsmöglichkeiten, vielleicht mangels Englisch- oder Deutschkenntnissen, geantwortet wurde: "Please, here ist the computer!"

"Bitte suchen Sie doch selbst!" Etwas mehr muss wohl der Wählerin und dem Wähler im März doch geboten werden. Es sei denn, wir betrachten die beiden Zitierten doch eher als Auslaufmodell, wo weder Neustart noch Systemwechsel helfen.

Sonntag, November 30, 2014

Digital der erste

Estland ist es wieder einmal gelungen, einen neuen Anstoss für das Image des Landes zu geben, so wie es inzwischen zumindest in Westeuropa gesehen wird: klein, aber flexibel und modern. In dieser Richtung weist auch die Ankündigung, Estland werde die "digitale Staatsbürgerschaft" einführen.

Morgen, am 1.Dezember, wird die erste ID-Card an einen "virtuellen Staatsbürger" (engl. "E-Residency", estn. "e-residentsuse") überreicht: es ist der britische Journalist Edward Lucas (siehe ERR, delfi.lt). Er berichtete 1990 bis 1994 über die zusammenbrechende Sowjetunion aus dem Baltikum, 1998-2002 leitete er das Moskau-Büro des "Ecomomist". Einen Pluspunkt kann er auf jeden Fall für sich verbuchen: außer Englisch spricht er auch Litauisch, Polnisch, Tschechisch, Russisch und Deutsch.

In der deutschen Presse ist Lucas auch mit anderen Themen bekannt: die TAZ stellte ihn als überzeugten Fan des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA vor, der die Enthüllungen Edward Snowdens für "eine Katastrophe" hält ("die Enthüllungen, nicht das Enthüllte" stellt die TAZ klar). In seinem Buch „The New Cold War“ stelle Lucas die Herrschaft des russischen Präsidenten Putin als Regime der organisierten Staatskriminalität dar, so resumiert die TAZ. Die Erstauflage dieses Buches stammt allerdings schon aus dem Jahr 2008. Oder man kann es so sehen: während manche heute die Neuauflage eines Kalten Kriegs fürchten - Edward Lucas redete und schrieb in geradezu herbei. 2008 hielt ein Rezensent des Deutschlandradios den Lucas-Titel "The New Cold War" noch "eher für ein Geschichtsbuch". - Aber eine ähnliche Auffassung über "das System Putin" verkündete kürzlich die litauische Staatspräsidentin Grybauskaitė öffentlich - ebenfalls eine Lucas-Leserin? Jedenfalls kam sie damit zumindest schon mal in die Schlagzeilen der BILD-Zeitung.

So unterschiedlich fallen eben Image-Fragen aus. Während die einen froh sind, neue Quellen für die fest gefasste eigene Weltsicht zu bekommen, stehen die anderen staunend vor einem Fan der Abhöraktion gegen Angela Merkels Mobiltelefon.
Edward Lucas ist nicht zufällig der erste, der eine "digitale Staatsbürgerschaft" aus den Händen von Staatspräsident Ilves empfangen wird. Er habe "eine Menge Publizität" für Estland gebracht, so lobt Innenminister Hanno Pevkur. Die Einführung der digitalen Staatsbürgerschaft (auch "Digi-ID" genannt) nennt Pevkur "den Wandel Estlands zu einem e-business-Center".
Angesichts der Wahl von ausgerechnet Edward Lucas zum "Digi-ID-Vorbild" könnte man allerdings auch auf den Gedanken kommen, das Innenministerium sähe die Inhaber der ID-Cards als etwas Ähnliches an wie Facebook-Nutzer - oder, in der Sprache von Unternehmen ausgedrückt: digital angeschlossene Kunden als Empfänger für die interne Firmenwerbung.

Grundlage für das neue Angebot der estnischen Regierung sind angeblich etwa 4000 verschiedene Serviceleistungen, die per Internet zugänglich sind. Manche estnische Stellen nennen die Zahl von 10.000 neuen Firmengründern, die man unter den neuen "E-Bürgern" zu finden hofft (siehe bbn).
In der deutschsprachigen Presse werden durchweg so etwas wie "Gebrauchsanweisungen" abgedruckt, die sich fast so lesen wie eine Empfehlung 50 Euro in estnischen Aktien anzulegen. (Behördenspiegel,  Tageblatt, ORF, N-TV,  Computerbild, Manager-Magazin, Handelszeitung, Netzwertig). Angeblich soll es bereits 100.000 Antragsteller geben, die sich für eine digitale estnische Staatsbürgerschaft interessieren.
Hinsichtlich des "Digital Ersten" aber scheinen sich zumindest Esten und Litauer einig zu sein. Der Inspirator der Präsidentin, Edward Lucas, erhielt kürzlich in Vilnius die Ehrendoktorwürde verliehen.

Samstag, Oktober 05, 2013

Wer geht noch zur Wahl?

Die nächsten Termine für Wahlberechtige in Estland kommen in schöner Regelmäßigkeit: 2014 die Europawahlen, 2015 die Parlamentswahlen, 2016 die Präsidentschaftswahlen. Was ist also 2013 noch abzuarbeiten? Richtig, die Kommunalwahlen, mit Bürgermeisterwahlen auch in der Hauptstadt Tallinn. Am 20.Oktober ist Wahltag in den Städten und Gemeinden, aber das Wahlamt verkündet überraschend: nur noch 5 Tage bis zur Wahl!

Das zielt auf die sogenannten "E-Wähler". Mit 60,6% war zwar die Wahlbeteiligung insgesamt durchaus nicht überragend, aber der Anteil derjenigen Wählerinnen und Wähler, die mit Hilfe ihrer ID-Karte und einem Lesegerät per Internet ihre Stimme abgaben, ist erheblich angewachsen. Als diese Möglichkeit bei den Kommunalwahlen 2005 erstmals angeboten wurde, nutzeten das lediglich 0,9% der Wahlberechtigten (= 1,9% derjenigen, die an der Wahl teilnahmen). Damals waren die Schlagzeilen von Estland als einem der ersten Staaten in Europa mit Stimmabgabemöglichkeit per Internet weitaus größer als der tatsächliche Teilnahmeeffekt. Seitdem ist aber viel Zeit vergangen: bei den Parlamentswahlen 2007 wurden schon 5,5% der Stimmen elektronisch gezählt, bei den Europawahlen 2009 waren es 14,7%, bei den Kommunalwahlen im selben Jahr 15,8%. Und bei den Parlamentswahlen 2011 nutzten dann schon 24,3% die virtuellen Möglichkeiten. Also: für mindestens 1/4 der Wahlberechtigten könnte also auch diesmal gelten: schon in 5 Tagen beginnt die Wahl!

Der Spruch "Geh zur Wahl!" trifft in Estland also nicht mehr so ganz das beabsichtigte Anliegen. Allerdings hat die Internet-Euphorie auch nicht zu einer erheblich höheren Wahlbeteiligung beigetragen: 60% wären schon zufriedenstellend, für estnische (Kommunalwahl-)Verhältnisse. Die fürs E-Voting vorgesehene Periode läuft vom 10. bis zum 16 Oktober.

Etwas weniger vorhersehbar sind da natürlich die Ergebnisse der Wahlen. In Tallinn kann laut Umfragen Amtsinhaber Savisaar auf die Stimmen von etwa 44% der Hauptstädter hoffen, seine Gegenkandidaten Eerik-Niiles Kross (Pro Patria and Res Publica Union IRL) kommen nur auf 15%, Andres Anvelt (Sozialdemokrat SDE) auf 9%, und Valdo Randpere (Reformpartei) auf 7%.
Auch eine Art "Wahlomat" wurde in Estland kürzlich gestartet und heißt hier "Parlamendikompass". Ausserhalb der Hauptstadt machen die Kommunalwahlen derzeit noch wenig Schlagzeilen. Mal sehen, ob das Wahlergebnis daran etwas ändern wird.

Statistik zum Internet-Voting in Estland  / Details zur Wahl per Internet / Estnisches Kommunalwahlgesetz (engl. Übersetzung)

Freitag, Juli 12, 2013

Ilves wünscht mehr Wolken

Obwohl in Estland inzwischen nicht mehr die blauen Schilder mit dem Internet-Logo vom Straßenrand grüßen (Wifi hat die Internetportale abgelöst) gibt es immer wieder neue Stichworte die zeigen, dass die Esten ihren Ruf als Internet-Vorreiter gerne halten wollen.

Wolken über Estland (hier am Südstrand von Saaremaa) - für
Präsident Ilves formen sich Wolken in Zukunft auch digital.
Nach Auffassung des estnischen Präsidenten Ilves muss Europa eigene "Datenwolken" aufbauen. "95% der Clouds die heute genutzt werden gehörden US-Firmen," weiß Ilves, und fügt hinzu: "Sorge um den Schutz der Privatsphäre darf aber nicht dazu führen, dass einzelne Länder eigene Systeme aufbauen. Im Gegenteil: wir müssen europaweite Datensicherheit erreichen." (estnisches Außenministerium)

Beim Aufbau solcher europaweiten "Wolken" setzt der estnische Präsident offenbar vor allem auf große Firmen, denn sie seien eher in der Lage große Datenmengen zu sammeln als einzelne Staaten dies könnten. Zunächst müsse die Gesetzeslage im Bereich Datenschutz "modernisiert" werden, so meint Ilves, dann empfiehlt er eine Zusammenarbeit mit "führenden Firmen" wie Amazon, Ericsson, F-Secure und Telefonica Digital. Na, Herr Präsident, ob dann wohl alle Europäerinnen und Europäer gemeinsam auf diese Ilves-Wolke steigen wollen? Warten wir es ab.

Freitag, Juni 01, 2012

Endlich: Estland jetzt Vorbild für deutsche Linke!

Das Erscheinen der deutschen Piratenpartei auf der politischen Bildfläche hat offenbar manche festgefahrene Strukturen durcheinandergebracht. Wer wie Ex-Szenen-Ikone und Berlin-Bärchen Wowereit noch hoch zu Ross verkündet: "Parlamentarismus muss man lernen!" (bei Markus Lanz, 31.5.12) aber selbst Riesenpleiten wie beim Berliner Flughafenneubau hinlegt, der darf sich wohl über Popularitätsverlust nicht wundern.
Noch mehr beunruhigt sind aber diejenigen, die sich gern als politisches "Zünglein an der Waage" sähen, wenn denn endlich die Regierung Merkel ernsthaft ins Wanken gerät (oder Neuwahlen anstehen). "Linke" wie "Grüne" sehen es teilweise ähnlich wie Wowereits öffentliche Äußerungen klingen - und andererseits versucht man doch mit Argumenten nachzurüsten. Und da auch bei der einst streng staatssozialistischen Linken inzwischen nicht nur das personelle Chaos eingetreten ist (weder Oskar noch Sarah wollen die Einheitspartei führen), manche gar Schlimmeres befürchten (DDR-Anwalt Gysi befürchtet die Spaltung -siehe FOCUS), versuchen andere die von den Piraten aufgeworfenen Themen zu bearbeiten und selbst für sich zu nutzen.
NRW-Oberpirat Joachim Paul argumentierte selbst sogar noch während der "Elefantenrunde" der NRW-Spitzenkandidaten schon mit einem "Modell Tallinn", dass dort auch erst in der Planung ist (gemeint ist der fahrscheinlose Zugang zu Bus und Straßenbahn). Andere denken sich aber offenbar: na, wenn die (Piraten) trotzdem gewählt werden, versuche ich mal auf derselben Welle zu surfen.

So argumentiert neuerdings die Fraktion "Die Linke" im hessischen Landtag mit dem Vorbild Estland. Ihr dort in dieser Woche eingebrachter Antrag formuliert es so: "Ein freies WLAN für alle, das einen schnellen Internetzugang jederzeit und an jedem Ort ermöglicht, stellt einen wichtigen Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge dar." Und weiter, als Begründung dafür: "Beispielsweise in Estland haben Einwohnerinnen und Einwohner einen gesetzlich garantierten Anspruch auf kostenlosen Zugang ins Internet. Im ganzen Land sind dort fast 2.000 Drahtlos-Zugangspunkte und 700 öffentliche Terminals installiert. Die Folge sind hervorragende Ansiedlungsbedingungen für Unternehmen – nicht nur der Informations- und Kommunikationselektronik. Im Vergleich dazu ist Deutschland, ist Hessen ein Entwicklungsland." (siehe auch: ausführliche Begründung)

Bahnbrechende Erkenntnisse! Ob sich die Vertreter der LINKEN denn schon bei der estnischen Regierung für diese vorausschauende Politik bedankt haben? Oder den Nutzen für die Bevölkerung Estlands im Vergleich zu den trost- und perspektivlosen Sowjetzeiten gelobt haben?
Vielleicht mag man sich mit weiteren Wlan-Fans verbünden. Buchautor Markus Albers schrieb schon 2008 in seinem Blog von "Tallinn, der modernsten Stadt der Welt." Soweit möchten wir heute noch nicht gehen - aber schon geht die Diskussion einen Schritt weiter. Die hessischen GRÜNEN schalten sich per Presseerklärung in die Diskussion ein (siehe auch: Hessen-Tageblatt) und möchten sich gerne als die besseren "Estland-Versteher" gewürdigt sehen. Nicht das Wlan sei umsonst, sondern nur der Internet-Zugang, wollen die Hessengrünen wissen.

Also, Estland-Urlauber, aufgepasst: wenn sie demnächst gemütlich in einem Café in der Tallinner Altstadt sitzen, und neben ihnen wird ein Laptop aufgeklappt, bitte nicht wundern wenn diese Wlan-Probierer dann vielleicht vermehrt auch die roten Flaggen oder die Sonnenblume tragen. Sowas nennt sich dann "berufliche Weiterbildung", jahreszeitlich angepaßt.

Samstag, Mai 19, 2012

Domainklau aus Estland?

An verschiedenen Stellen in deutschen Regionalzeitungen und auf Radgeberportalen sind Geschichten zu lesen denen zufolge regionale Webdomains auf angeblich nebulöse Weise in fremde Hände geraten können. Auch Anwälte wie Thomas Meier schalten schon Ratgeberseiten: "Wie man eine geklaute Domain zurück holt." Rechtsanwalt Meier beschreibt den Vorgang so: "Man bekommt keine Emails mehr und stellt fest: der eigene Provider hat die Domain verkauft, versehentlich übertragen oder einfach verloren." Erwähnt wird dabei eine offenbar häufig vorkommende Variante: neuer Inhaber ist eine Maie Nuckoes FIE aus Estland.
Auch Warnhinweise einiger Geschädigter (hier: Erich) sind nicht schwer zu finden.
Und fast gleichzeitig gibt es Hinweise auf Domainnamen, die "Maie Nuckoes" angeblich verkauft: ein Beispiel. Legal oder illegal? Manche Domain-Abfragen ("Whois") ergeben, dass unter diesem mysteriösen Namen viele Tausend Domains registriert sind. Von Schulen über Shoppingseiten bis zur Freibad-Domain der kleinen Gemeinde Ganderkesee, wie der "Weser-Kurier" aktuell berichtet. Ob die Überschrift "Seite in estnischer Hand" stimmt, läßt sich schlecht überprüfen - der Admin sitzt meist in Berlin, Personenüberprüfungen sollen angeblich ins Leere laufen. Welche Kriminelle ("Domaingrabber") es auch immer sind: treffend ist die Warnung vor kriminellen Machenschaften, und Vorsicht hier etwas teuer zurückkaufen zu wollen. Wer mehr weiß, möge es hier ergänzen.

Weitere Infos zu Domaingrabbing: Rackblogger, "The-ba-Blog", Internetworld.

Über in Estland registrierte Domains: estnische Internet Foundation

Montag, März 26, 2012

Estland inspiriert

Let's do it, Austria! Mit diesem Slogan möchten die Initiator/innen einen umfassenden Frühjahrsputz in Österreich auslösen. Und nicht nur das: der Hinweis, die Idee sei in Estland gestartet worden (siehe Beitrag in diesem Blog) soll wohl eine besondere Motivation für das Alpenland darstellen. Zwar ist es diesmal nicht direkt eine Internet-Technologie, die Estland international bekannt macht, aber die Art, Gleichgesinnte und Akteuere zu gewinnen ist sicherlich ebenso stark auf die virtuellen Wege und Netzwerke im Netz konzentriert. Immerhin erreichen die Initiatorinnen auch die eigenen, traditionell verbreiteten Medien - wo sich in Estland 50.000 Aktivist/innen versammeln, da kann doch Österreich nicht zurückstehen! Weniger illegale Müllkippen als in Estland seien in Österreich aufzufinden, so wissen "Der Standard", ORF und "Kleine Zeitung", aber vieles werde doch einfach achtlos weggeworfen, vor allem auf Gelände im Gemeindebesitz. Am 21.April ist nun "Putztag" - auch wenn in manchen Internetforen starke Zweifel vorherrschen ob die Aktion langfristig Umweltprobleme beseitigt. Aber es wird sich zeigen, ob die anvisierten 100.000 Teilnehmer auch erreicht werden.

Webseite der Initiative "Let's do it Austria"

Fahrscheinfrei im Stadtverkehr! Von wem Bürgermeister Savisaar und der Stadtrat Tallinn genau inspiriert wurden, in der vergangenen Woche die Einwohner Tallinns über die Frage der Einführung eines kostenfrei zu benutzenden Öffentlichen Nahverkehrs abstimmen zu lassen, ist nicht bekannt. Jedenfalls fand die Idee mit 75,5% Ja-Stimmen große Unterstzützung (siehe Postimees). Allerdings haben sich nur etwa 20% (68.000 Menschen) der Tallinnerinnen und Tallinner an der Abstimmung beteiligt. Mit "kostenfrei" ist keinesfalls die Variante gemeint, wo Schwarzfahrer sich zusammentun und auf ein gemeinsames Konto für den Fall einzahlen dass sie mal erwischt werden. Schon eher orientiert man sich an der Stadt Hasselt in Belgien, die schon in den 90er Jahren kostenlose Busbenutzung in der 65.000-Einwohner-Stadt einführte. In Deutschland wurde der sogenannte "fahrscheinlose Bus- und Straßenbahnverkehr" in letzter Zeit vor allem von der Piratenpartei in die öffentliche Diskussion eingebracht (z.B. Hamburg), die ja ähnlich wie das Land Estland bisher auch von der Konzentratione auf Internet-Kommunikation setzt. Aber Savisaar als Ober-Pirat? Kaum vorstellbar. Ob sich anders herum die deutschen Piraten demnächst auf Tallinn berufen werden - abwarten. Wer genau nachliest kann erfahren, dass der Stadtrat Tallinn erst in den nächsten Monaten ein Gesamtkonzept für diesen "fahrscheinlosen" ÖPNV vorstellen will. Eingeführt werden soll das neue System Anfang 2013. Statistiken zufolge sind gegenwärtig 75.000 Menschen in der estnischen Hauptstadt im Besitz von Monatskarten, davon 23.000 Kinder und Jugendliche.
Die im Stadtrat Tallinn in der Opposition befindliche Reformpartei kritisierte die für die Durchführung der Abstimmung notwendigen Aufwendungen von angeblich 260.000 Euro.

Infos zu Tickets in Tallinn

Freitag, April 22, 2011

Estland und der Iran

Journalisten haben Einfluss darauf, aus welcher Perspektive wir das Zeitgeschehen betrachten. Cyrus Farivar, der in Bonn für die Deutsche Welle arbeitet, berichtet oft über die globaliserte Internetwelt. Die Cyberattacken auf estnische Webseiten 2007 waren ein Grund, sich im Land umzusehen. Sein familiärer Hintergrund ist der Iran, ein Land, das dem Internet die wohl engsten Grenzen setzt. In einer neuen Statistik wird Estland, was Internetfreiheit betrifft, an erster Stelle gesehen. Der Iran an letzter.

New Internet freedom report ranks Estonia first, Iran last

Und da Farivar aus den USA stammt, muss natürlich der Estland-USA-Deutschland-Vergleich folgen, Auszug aus einem Interview:

Deutsche Welle spoke with Robert Guerra, the director of the Internet Freedom project at Freedom House, and Sarah Cook, one of the report's editors.
How much of a qualitative difference is there really between Estonia and the US, that by your rubric, have only a difference of three points? And again, the difference between the US and Germany is three points as well.



Sarah Cook: One of the things with this methodology is that you can really see the different strengths and weaknesses of different countries. In the United States you have certain concerns about privacy and surveillance, particularly after the passage of the PATRIOT Act. You also have challenges, in terms of - given the size of the country - connecting everyone, particularly in rural areas, to broadband. So those are some of the differences say, between the United States and Estonia.

With Germany, similarly, there were more restrictions in terms of blocking certain content related to Nazism or hate speech that you perhaps wouldn't find in the United States, and also issues related to defamation, we see in a lot of European countries. And in places like Australia, compared to the United States, as well as several incidents related to surveillance. So those were some of the small differences between these countries, taken into consideration that overall, from a global perspective, the Internet is quite free, although there's always room for improvement.




Cyrus Farivar


freedomhouse.org
Der Report: Freedom on the Net 2011

Mittwoch, Februar 16, 2011

Zählappell

2332 Laptops sollen in Estland dafür zum Einsatz kommen, im Dezember diesen Jahres eine landesweite Zählung von Gebäuden und Einwohnern durchzuführen.Entsprechende Planungen gab jetzt Rain Haviko, Chef der Statistikbehörde "Statistics Estonia" bekannt. Im Unterschied zu früheren Zählungen soll die papiergebundene Erfassung nun so weitgehend wie möglich aufgegeben werden. 
Bei der zurückliegenden Befragung aus dem Jahr 2000 waren noch Interviewer von Haus zu Haus gegangen, die in Fragebogen eingetragenenen Antworten hatten dann eingescannt werden müssen. Diesmal sollen also die Antworten direkt mittels der Laptops eingegeben und über sichere Datenkanäle direkt zu den Statistikzentralen (Servern) übertragen werden. Die Anforderungen an die Laptops seien, dass sie nicht mehr als 2.4kg wiegen, ihre Batterie für acht Stunden ausreichen, ihre Bildschirme zwischen 13 und 13,6 inches liegen sollten, und die Händler mindestens ein Jahr Garantie geben könnten, erläuterte Haviko. 
Insgesamt 1,2 Millionen Euro wird nun zur Anschaffung der Geräte durch die estnische Beschaffungsbehörde ausgegeben werden. Die Erfassung soll im ersten Vierteljahr 2012 abgeschlossen werden, die Geräte sollen danach zur Nutzung an andere staatliche Behörden weitergegeben werden.

Freitag, August 20, 2010

Zukunftsland Estland?


Einen ausführlichen Bericht zur digitalen Welt in Estland bringt die neue Ausgabe der WIRTSCHAFTSWOCHE. Der Autor ist offenbar von seiner Überschrift überzeugt: "Estland lebt die Zukunft vor."
Dabei werden auch einige Beispiele abseits der tradionell in der Presse häufig genannten Projekte genannt: die elektronische Apotheke, "Rentner chatten mit ihren Altersgenossen im Seniorenheim," so euphorisch klingt hier die Situationsbeschreibung. Für Unternehmen wie Skype sei Estland ein Schlaraffenland. Oder: Esten brauchen keine Flatrate - sie können eh überalle kostenlos ins Internet. Ein Banker: "In zehn Jahren wird in Estland nahezu jeder Prozess elektronisch ablaufen." - Hier ist sogar wieder von "Tigersprüngen" die Rede - obwohl doch viele angesichts des tiefen Falls der Wirtschaftskrise auch bezüglich Voraussagen für Estland eher vorsichtig geworden sind. Problem sei lediglich, dass Estland es bisher nicht verstehe, die in der Praxis bereits erprobten Technologien auch erfolgreich außerhalb Estlands zu vertreiben - zu sehr maßgeschneidert auf Estland seien sie.
Nicht überall Zustimmung bundesdeutscher Leser wird vermutlich die Kunde von der elektronischen Totelüberwachung der estnischen Schüler finden (Lehrer und Eltern können jederzeit alle Noten, Fehlzeiten und andere Daten der Schüler einsehen).
Für Besonnene sei daher der Beitrag von Hannes Gamillscheg (einem langjährigen Estland-Kenner) mit der Überschrift empfohlen: "Skepsis trotz Aufschwung." (die Presse). Deutlich wird die momentan noch unsichere Stimmungslage. Ab 2011 gibt es den Euro in Estland, inzwischen sind überall alle Waren schon doppelt ausgezeichnet. Aber wem das Nutzen und wem Schwierigkeiten bringen wird, diese Diskussion scheint mir noch nicht beendet.