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Dienstag, Februar 24, 2026

Künstlich, aber getestet

Was weiß eine künstliche Intelligenz über Estland? Estnische Forscherinnen und Forscher wollten es genauer wissen. Sie nahmen sich sechs bekannte KI-Modelle vor und stellten diesen sehr spezielle Fragen. 

Intelligentes Plaudern 

Das bekannteste darunter ist wohl "Chat GPT", vom US-Unternehmen "Open AI" entwickelt, mit weltweit mehreren Hundert Millionen Nutzer/innen. "Gemini 3" entstand aus "Deep Mind" und "Google Brain". "Grok" wurde von Elon Musks "xAI" entwickelt. "Mistral" ist das bekannteste Sprachmodell europäischer Herkunft, entwickelt vom französischen "Mistral AI". Und "Claude" schließlich wurde von ehemaligen Mitarbeiter/innen von "Open AI" entwickelt. 

Mit einbezogen wurde noch "Llama EstLLM", speziell von der TU Tallinn, der Universität Tartu und dem Institut für estnische Sprache entwickelt, um es mit estnischem Sprachmaterial zu trainieren. 

Estnisch fragen 

20 Fragen wurden insgesamt gestellt, fokussiert auf estnische Sprache und estnische Kultur. Zum Beispiel wurde gefragt, was Juri Lotman mit dem Begriff "Semiospähre" meinte, oder wie der erste Satz des Romans "Kevade" ("Frühling") von Oskar Luts vollständig lautet. Wie viele Vokale enthält das estnische Wort "Jäääär"? 

Ja, früher einmal gab es Lexika, kiloschwere Bücher in mehreren Bänden. Im digitalen Zeitalter war es bisher oft geübte Gewohnheit, bei "Wikipedia" nachzuschauen (oder sogar dort als Autor/in eigenes Wissen mit anderen zu teilen).  - Heute werden auf "dumme" Fragen aller Art vor allem sekundenschnelle Antworten erwartet - von einem imaginären Gegenüber nach Art einer "KI". 

Dialektische Haushaltsgeräte 

Kairit Sirts, außerordentliche Professorin für Sprachtechnologie am Institut für Informatik der Universität Tartu, berichtet allerdings auch von überraschenden Ergebnissen. Eigentlich seien sämtliche getesteten KI-Modelle auf einem ähnlichen Niveau. Doch Sirts zufolge habe man zum Beispiel nicht mit Groks Estnisch-Fähigkeiten gerechnet. Im Gegensatz zu mehreren Mitbewerbern wusste das Modell sogar, wie man „Staubsauger” im Võro-Dialekt sagt: pudsunudsija, natürlich.(ERR)

Das bedeutet wahrscheinlich noch nicht, dass sich südestnische Haushalte nun freuen können, wenn eine KI das Staubsaugen erledigt - und die estnische Forscherin gibt zu: niemand weiß, wie die verschiedenen Modelle trainiert werden.  

Jedenfalls spiele auch die Formulierung der Fragestellung eine Rolle, welche Antworten darauf erfolgen - meint Forscherin Sirts. Und Tanel Alumäe, Professor für Sprachverarbeitung und Leiter des Labors für Sprachtechnologie an der Technischen Universität Tallinn betont, dass alle KI-Modelle gegenwärtig noch Fehler machen, und zwar mehr als ein Mensch. Er hat KI-Modelle sogar getestet, ob sie fähig sind Wörter zu deklinieren oder Grammatik zu korrigieren. 

Estnische Intelligenz kennt Estland nicht?  

Ist es überraschend, dass ausgerechnet das estnische KI-Modell am schlechtesten abschnitt? Hier wird das Training ausschließlich auf Basis offen zugänglicher Daten vollzogen, das gesamte Trainingsmaterial ist somit auch überprüfbar - aber das zur Generierung von Antworten verwendete Datenvolumen ist deutlich geringer - etwa 100-mal kleiner als das führender kommerzieller Modelle, heißt es. (ERR) Forscherin Kairit Sirts sieht es positiv und findet das Ergebnis sogar ermutigend, denn man plane ja noch eine Weiterentwicklung. 

Ein anderer Teil der Rechtfertigung bezieht sich auf Schwierigkeiten mit dem Urheberrecht. "Um die Frage nach dem Anfangssatz des Romans 'Kevade' beantworten zu können, muss man den Roman gelesen haben; Bücher sind jedoch kompliziert, da sie dem Urheberrecht unterliegen“, erklärt Sirts. Infolgedessen sind viele grundlegende Werke der estnischen Kultur nicht in den estnischsprachigen Schulungsmaterialien enthalten, die Forschern bisher zur Verfügung stehen.

Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass andere KI-Modelle ihren Stoff ohne Rücksicht auf Urheberrechte benutzen? Wissenschaftlerin Sirts sagt dazu nur: "Wir möchten offen und ehrlich vorgehen". Man wolle ja nicht mit den kommerziellen Technik-Giganten konkurrieren. Aber: „Mit einem offenen Modell, das auf unserem eigenen Server läuft, kann sichergestellt werden, dass Daten das Gebäude nicht verlassen. Dies ist in Szenarien mit sensiblen oder vertraulichen Informationen von Bedeutung.“ Schließlich gäbe es genug Gründe, sich nicht völlig abhängig zu machen von Anbietern, die dann ihre Daten in den USA oder China verarbeiten. Es sei wichtig, Fachwissen zu sammeln, damit nicht große Unternehmen die Preise bestimmen könnten. "Wenn wir in der Lage sind, ein offenes Modell zu nutzen, das derzeit das beste auf dem Markt ist, und dessen Leistung in estnischer Sprache zu verbessern, dann haben wir ein gewisses Maß an Kontrolle über die Situation“, fügte Sirts hinzu.(ERR)

Montag, Juli 03, 2023

Alles fägt mit Aabits an

Ein estnisches "Aabits" - hier in Variante
aus der bekannten "Lotte"-Reihe

In Estland fängt das Lernen mit "Aabits" an - Deutsch würden wir vielleicht "ABC-Fibel" sagen. Solche estnischen "Aabits" soll es bereits seit dem 16. Jahrhundert gegeben haben. Für die Heranwachsenden in Estland gibt es gegenwärtig einige Änderungen: Für Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 4 beginnt ab 2024 der Übergang zum Sprachunterricht ausschließlich in estnischer Sprache, mit dem Ziel, diesen Prozess bis 2030 abzuschließen. 

Bis das soweit ist, gibt es aber offenbar noch einige Probleme. Da ist zunächst mal der Mangel an Lehrkräften, die Estnisch unterrichten können. Und es geht auch nicht nur um Kinder: in Bezirk Ida-Virumaa etwa, im Nordosten Estlands gelegen, seien es zumeist Frauen älter als 40 Jahre, die sich verbesserte Estnisch-Kenntnisse aus beruflichen Gründen wünschten (ERR). Darunter seien auch Lehrerinnen, die bisher zwar Estnisch verstehen, aber nicht unbedingt gefordert waren ihren Unterricht tatsächlich auf hohem Niveau in Estnisch abzuhalten. Und auch für die Flüchtinge aus der Ukraine werden Estnisch-Kurse und entsprechend Lehrkräfte gebraucht. Tallinns Bürgermeister Mihhail Kõlvart stellt allein für die Hauptstadt 700 Erzieher/innen mit guten Estnisch-Kenntnissen in den Kindergärten und weitere 144 Pädagog/innen für die ersten vier Grundschulklassen fehlen würden. (err)

Der estnische Rechnungshof (Riigikontroll) hatte hatte Anfang Juni einen Bericht vorgelegt, der im Ergebnis mehr Sorgfalt beim Übergang zur estnischen Sprache in den forderte. Hier wird zum Beispiel festgestellt, dass obwohl in Schulen mit Russisch als Unterrichtssprache in neun Grundschuljahren insgesamt 1050 Stunden Estnisch unterrichtet wird, etwa ein Drittel der dortigen Absolvent/innen nicht genügend Estnisch-Kenntnisse aufweisen um ein Studium anschließen zu können. 

Bemängelt wird in diesem Bericht auch, dass die estnischen Kommunalverwaltungen nicht genügend auf Fortschritte in diesem Bereich achten würden - weder durch Anreize, noch durch Strafen. Die estnische Bildungsministerin Kristina Kallas (Eesti200, ein Koalitionspartner der Reformpartei von Regierungschefin Kaja Kallas) gab zu dass etwa das Berufsbildungszentrum in Ida-Virumaa weiterhin auch in Russisch unterrichte und forderte den dortigen Schuldirektor Hannes Mets zum Rücktritt auf. (err). Nach Darstellung von Mets habe man im vergangenen Herbst 1500 neue Studierende aufgenommen, von denen 1350 nicht über ausreichende Estnisch-Kenntnisse verfügten. Allerdings lehre seine Schule auch Kenntnisse in den Bereichen Handel und Wirtschaft und sei nicht auf Sprachen spezialisiert. Ende Juni trat Mets dann zurück (ERR), und nur kurze Zeit später wurde Mati Lukas zum neuen Leiter ernannt (ERR). 

Die estnische Sprachaufsichtsbehörde (Keelamet) hatte bereits eine Reihe von Strafen für Lehrkräfte des Bildungszentrums wegen unzureichender Estnisch-Kenntnisse verhängt. Das Strafmaß für Schulen, welche die Anforderungen an den Estnisch-Unterricht nicht erfüllen wurde auf maximal 10.000 Euro erhöht und dem "Keeleamet" das Recht zugestanden, Klassräume zu besuchen und Sprachkenntnisse der Pädagog/innen zu prüfen. Für Schulen im Bezirk Ida-Virumaa habe es bisher etwa 200 Strafen gegeben, in einer Höhe zwischen 30 - 400 Euro. (err)

Nach Angaben der estnische Regierung liegt das Ziel des Übergangs zum estnischen Sprachunterricht vor allem darin, allen Kindern in Estland, unabhängig von ihrer Muttersprache, die Möglichkeit zu bieten, einen qualitativ hochwertigen estnischen Sprachunterricht zu bekommen.

Samstag, Januar 29, 2022

Insel ohne Õ

Wer vielleicht, schon wegen schwieriger Reiseumstände, seit 2019 nicht mehr auf estnischen Insel Saaremaa war, wird sich vielleicht wundern: nun gibt es neue Grenzen. Nein, keine Angst - es ist weder eine Zollgrenze, noch muss ein Passdokument vorgezeigt werden. Es ist lediglich ein ausdrücklicher linguistischer Hinweis: der Buchstabe Õ, auf desssen Existenz alle Estnisch-Sprechenden sonst so stolz sind, gilt in weiten Teilen der Insel Saaremaa nicht. 

Nun wird auch jeder Gast, mehr oder weniger dezent, auf diesen sprachlichen Umstand hingewiesen; anfangs waren sogar Straßenschilder aufgestellt worden, die allerdings von der estnischen Straßenverwaltung beanstandet wurden.

Nun ist es einfach ein 5 Meter großes Õ, aufgestellt an der Straße zwischen Kuressaare und Kuivastu. Taavi Pae, Professor der Geografie und einer der Initiatoren dieser Aktion, wird mit den Worten zitiert: "Es gibt ja viele Witze über dieses Thema, aber dieses Zeichen steht auch als Bekenntnis zu unserer kulturellen Identität. Es gibt eben doch auch Dialekte in der estnischen Sprache, und es ist wichtig sie zu achten." (err)

Als wissenschaftliche Grundlage wird meist auf die Untersuchung von Theodor Kaljo aus dem Jahr 1928 verwiesen, der die genaue Sprachgrenze analysierte und eigene Aufzeichnungen machte (Saarte Hääl).

Rattasõit või rattasöit? fragte auch "Visitsaaremaa" etwas scherzhaft ("Radfahren oder Radfahren"), weist aber doch auf Otto Wilhelm Masing hin, der zuerst auf die Existenzberechtigung des Õ hingewiesen hatte. Und inzwischen hat der Buchstabe selbstverständlich einen eigenen Wikipedia-Eintrag

Ob es ehemals deutsche Besiedlung oder schwedischer Einfluss war, die das Ö auf Ösel hinterließen? Da wird die gebotene Information ungenau. Aber, es bleibt dabei: ein Besuch beim Õ / Ö, vielleicht eine neue Touristenattraktion! Und, vielleicht als "Geheimtipp": es gibt auch ein Ö-Restaurant - das befindet sich allerdings in Tallinn.

Freitag, Oktober 11, 2019

Modell Narva

Wenn von einem "Modell Narva" die Rede ist, dann ist bisher meistens wenig Positives gemeint. Als Estland Anfang der 1990iger Jahre seine Unabhängigkeit wieder erlangte, wollten 1993 manche per Referendum die Stadt für "autonom" erlären.

Wer in Narva (Narwa?) estnisch sprechen möchte, muss außerhalb der eigenen Familie lange suchen: um die 95% sind russischsprachig, es wird viel russisches Staatsfernsehen geschaut. Blau, rot oder grau - das ist hier die Frage: die Menschen hier haben entweder den blauen estnischen Pass, den roten russischen, oder den grauen Pass der "Nichtbürger" - die aber doch Einwohner Estlands sind. Staatsbürger ohne Bürgerschaft - ein immer noch existierendes Absurdum.

Narva als Objekt des Medieninteresses: gelegentlich als "möglicher Konfliktherd mit Russland" benannt ("The Atlantic"), oder bildhaft "Wo der Westen endet" (Tages-Anzeiger),  "Getrennte Zwillinge" (DRadio), oder auch "letzter Halt vor Russland" ("Westfälischen Nachrichten"). Nun hat in Narva ein "Haus der estnischen Sprache" (Eesti Keele Maja)  eröffnet (err). Ob es den vielen Russischsprachigen beim Aufbau einer estnischen Identität helfen kann? Eine Devise scheint für das Projekt wichtig: alle Varianten des Estnisch-Lernens sollen kostenfrei angeboten werden. Die Initiatoren, darunter mehrere estnische Ministerien, stellten es bei der Eröffnung auch als Standortvorteil heraus, dass die neue Einrichtung direkt nebenan zu mehreren anderen Einrichtungen liegt: dem Kunstzentrum "Vaba Lava", dem Studio Narva des estnischen Rundfunks- und Fernsehens ERR, und einem "object business incubator".

Doch eines dürfte klar sein: auch wenn davon die Rede ist "lasst uns eine gemeinsame Sprache finden", dann dürfte hier nicht irgend eine beliebige Sprache gemeint sein.  Gemeinsame Sprache Estnisch? Zur "Estonianness" ist es bisher immer noch ein weiter Weg.

Dienstag, Juli 30, 2019

Estnisch lernen für Est/innen

In Tõstamaa trafen sich in den vergangenen Tagen alle diejenigen, die Estnisch im Ausland unterrichten, meldet ERR. Das wirft Fragen auf. Erstens: wo ist Tõstamaa? Eine Landgemeinde in der Nähe von Pärnu, ehemals bekannt durch ein Rittergut, dessen letzter Besitzer, Alexander Wilhelm Baron Stael von Holstein, Professor für Sanskrit und tibetanische Sprachen war, Direktor des Harward-Indian Instituts in Peking, wo er 1937 starb - soviel erfahren wir auf der Internetpräsentation der Familie Stael von Holstein.

1921 wurde in dem Gebäude die Schule von Testama untergebracht. Der Ex-Eigentümer war also so etwas wie ein Sprachgenie - ob er auch Estnisch konnte, ist an dieser Stelle nicht überliefert. Wikipedia ergänzt: obwohl er enteignet wurde, nahm er die estnische Staatsbürgerschaft an.

Immerhin sechzig Lehrerinnen und Lehrertrafen sich jetzt also in Tõstamaa zu Erfahrungsaustausch und Weiterbildung. Insgesamt 4000 Kinder sollen es sein, so ist in den Berichten über das Treffen zu lesen, die Estnisch lernen. Es geht hier allerdings in diesem Fall nicht um deutsche Studierende oder andere Kurse für Deutschsprachige - es dreht sich hier zumeist um Kinder von im Ausland lebenden Esten und Estinnen.

Für Deutschland finden sich in der Aufstellung des Estnischen Instituts (Eesti Instituut) erstaunlicherweise gleich sieben Angebote: mit der "Europäischen Schule" (Frankfurdi Euroopa Kool) und der "Estnischen Schule in Frankfurt" (Frankfurdi Eesti Kool) zwei sehr namensähnliche in Deutschlands Bankenhauptstadt. Und auch München mit doppeltem Angebot, und sehr ähnlicher Namensverwirrung: die "Europäische Schule München" (Müncheni Euroopa Kool) und die Estnische Schule in München (Müncheni Eesti Kool). In NRW gibt es eine Kölner estnische Schule für Kinder ab 4 Jahre, wo vor allem gespielt, gesungen und gebastelt wird (im Pfarrheim Aegidius in Köln-Wahn). Auch in Hamburg betreibt die Estnische Volksgemeinschaft einige Kindergruppen (Hamburgi Eesti Kool). Und Berlin darf natürlich nicht fehlen: hier trifft sich die "Berliini Eesti Kool" im Familienzentrum Mehringdamm.

Einen noch breiteren Fokus auf's Estnische soll die letzte Woche im September 2019 bekommen - sie soll zur "Woche der estnischen Sprache" ausgerufen werden, mit dem Ziel, drei Millionen Menschen zu erreichen und für das Erlernen des Estnischen zu interessieren. Und übrigens: nicht wundern, wenn im Zusammenhang mit Kindern im Estnischen immer von "last" die Rede ist - hier hilft nur: Sprache lernen und verstehen, dass auch die Est/innen absolut kinderfreundlich sind.

Donnerstag, April 18, 2019

Auf ein Wort

Estland macht sich Sorgen. Um die Zukunft? Die neue Regierung? Das auch. Aber die Estinnen und Esten beschäftigen sich offenbar auch mit sehr "estnischen" Fragen. Wir lernen: auch die Eigenschaft "estnisch" an sich ist offenbar noch zu steigern. Gesucht wurde in Estland nämlich kürzlich "das allerestnischte" - oder wie soll man sagen? Das am meisten Estland-typische .... Wort.

"Schande - häbi!" könnte es einem spontan entfahren, angesichts der Merkwürdigkeiten der aktuellen Regierungsbildung. Aber nein, ein Wort mit nur vier gewöhnlichen Buchstaben, das war natürlich gar nicht in der engeren Auswahl. "Jäääär" - kommt mir als nächstes in den Sinn; wahrscheinlich schon viel "estnischer", und mit vierfach-Vokal: eine estnische Band, und, einige Jahre lang ein in Berlin beliebtes estnisches Café (zur Zeit nur noch in den Facebook-Memories existent).

"Tööö" oder "Kuuuurija" schlägt uns der Blog "Auf in den Norden" als herausragende estnische Worte vor (Nachtarbeit, Mondforscher). Nicht ohne zu ergänzen, dass es auch Wörter gäbe im Estnischen, die nur zu beschreiben, aber nicht zu übersetzen seien - aber selbst ein schönes Wort wie "Hauaööõudused" kam beim estnischen Wettbewerb nicht ganz nach vorn.

Sõnajalaõis - die "Farnblüte" soll es jetzt also sein. Das "estnischte", sozusagen (ERR). "Eine fantastische Wahl!" jubelt Rain Kooli (Eesti Rahvusringhääling / Estnischer Rundfunk ERR). In diesem Wort seien ethnisch-mystische Aspekte genauso enthalten wie die Sehnsucht nach Glück. 7000 Stimmen wurden insgesamt abgegeben. Auch eine gesungene Version mit diesem Titel soll es bereits geben. 
Da irritiert nur eine Mitteilung im "Looduskalender", geschrieben bereits 2010. Dort heißt es:
"In der estnischen Volksüberlieferung ist der Rainfarn, sõnajalaõis, eine magische Blume. Sie blüht nur für sehr kurze Zeit in der Mitsommernach, und soll dem Finder Glück bringen können, sowie die Fähigkeit, die Tiersprache zu verstehen, Unsichtbarkeit, Reichtum und vieles mehr."-
Trösten wir uns, vermutlich ist da nicht "Rainfarn" (
Tanacetum vulgare) gemeint, eine Pflanze die zumindest in Deutschland sehr gewöhnlich und weit verbreitet ist. Wie wir u.a. auf "Kostbare-Natur" nachlesen können, gehört dieser nicht zu den Farnen, sondern zu den Korbblütlern. Früher soll man in Livland Wurmkuren für Pferde mit Rainfarn zubereitet haben, so berichten alte Enzyklopädien. Auch Johannes Brobowski soll übrigens schon den Rainfarn als Übersetzung für "Farnblüte" missverstanden haben - lernen wir beim "Deutschlandfunk" (siehe auch: Planet Lyrik). Vielleicht kommt das daher, wie wir in den Annaberger Annalen nachlesen können, dass es bei Brobowski sogar eine eigene Erzählung mit dem deutschen Titel "Rainfarn" gibt - die von einem Kraut erzählt das unsichtbar macht. 

Wie auch immer: ob nun reale "Sõnajalaõis", oder nur fantasierte - vermutlich werden die Estinnen und Esten auch dieses Jahr zu Mitsommer nicht mit dem schlichten Rainfarn (Harilik soolikarohi) am Wegesrand zufrieden sein. Einige haben schon begonnen damit, im Internet "Fake-Sõnajalaõis" zu posten - also angeblich in der Mitsommernacht gefundene Farnblüten. Für alle, die mehr als nur EIN Wort Estnisch lernen wollen: den Wortschatz zum Mitsommer-Feiern hat bereits der "Eestikultuurist" zusammengetragen. Nehmen wir - als Deutsche - das Ganze mal als Ermutigung, von der schönen Sprache des Estnischen doch mehr als nur "Terviseks" zu lernen (ganz deutsch betont auf der letzten Silbe ...).

Montag, November 16, 2015

E-Estonia - englisches Estland

Estland ist stolz auf die Englisch-Kenntnisse der Estinnen und Esten. Nach der aktuellen Vergleichstabelle des "English Proficiency Index" (EPI) rangiert Estland auf einem sehr guten Platz 7. Ein Vergleich: Litauen liegt auf Platz 26, Lettland 22, Deutschland auf Platz 11. Vorn rangiert nahezu der gesamte skandinavische Block: Schweden (1), Dänemark (3), Norwegen (4) und Finnland (5). Dazu kommen die vielreisenden Niederländer (2) und mit Slowenien der erste Vertreter Osteuropas (6).

Die Macher des EPI, die 1965 in Schweden gegründete "Education First", nach eigenen Angaben "die größte privatwirtschaftliche Bildungsinstitution der Welt", gaben kürzlich zum fünften Mal die Vergleichszahlen zu den Englischkenntnissen in Europa heraus. "English first" ist hier die Devise - ob in Indonesien, Russland, China oder in Düsseldorf. Berechnet wird der EPI nach Englischtests, die in allen Ländern, in denen die Organisation tätig ist. Mindestens 400 Testteilnehmer pro Land sind nötig, jeder kann kostenlos an den Tests teilnehmen.

Natürlich werden die Englischkenntnisse nach diesem Verfahren speziell bei diejenigen überprüft, die auch Englisch lernen wollen. Wer gar kein Englisch kann und es auch nicht lernen will, wird nicht berücksichtigt. Also, man könnte auch sagen: wer bei EPI vorn liegt, ist Sieger unter den Eifrigen.

Gute Englischkenntnisse spiegeln ein höheres Einkommen wieder, meinen die Macher. Außerdem schneiden Frauen durchschnittlich besser ab als Männer. Für das estnische Außenministerium bedeutet EPI offenbar auch einen Indikator für die West-Orientierung: zwar konnte man den Platz gegenüber dem Vorjahr verbessern, betont das Ministeriums in einer eigenen Pressemitteilung, aber an den ehemals erreichten vierten Platz möchte man doch gerne wieder heran.
Einige Kommentare in den gängigen Internetforen (ERR) wiesen darauf hin, dass in vielen Ländern mit angeblich guten Englisch-Kenntnissen diese angeblichen Sprachkundigen auf den Straßen nicht wiederzufinden seien. Und: auch englisch Muttersprachler weisen darauf hin: sprecht so gut Englisch wie ihr wollt, wenn ihr nur auch euer Estnisch erhaltet!

Dienstag, Juni 24, 2008

Echte Namen

Auf der Fahrt von Rīga nach kommt man kurz vor Pärnu durch den Ort „Uulu“. Ausländer fühlen sich entweder an Finnland erinnert, was ja auch naheliegend ist, oder aber amüsieren sich über einen Ort mit vier Buchstaben, von denen drei ein U sind.

Aber an Leser, die des Estnischen nicht mächtig sind, ein paar weitere lustige Hinweise auf Ortsnamen, die nicht witzig sind wegen ihrer Buchstabenkombination, sondern wegen ihrer Bedeutung. In Deutschland gibt es unter „echtenamen“ eine Internetseite mit deutschen Beispielen, die weit über Essen, Siegen und Singen hinausgehen.

Unter den kleinen Orten, die in Estland am Straßenrand mit blauen Schildern gekennzeichnet sind, man muß also die Geschwindigkeit nicht auf 50km/h reduzieren, liegen an den Touristenstrecken noch zwei weitere, so „Naistevalla“ auf dem Weg nach Tallinn im Kreis Raplamaa, etwa auf der halben Strecke zwischen Pärnu und Tallinn. Der Name bedeutet soviel wie „Frauengemeinde“. Auf dem Weg von Tallinn nach Narva führt die Landstraße exakt bei einer noch zu erwähnenden Abzweigung durch das Örtchen „Loobu“, wo es auch ein gleichnamiges Rinnsal gibt. Dies ist die Befehlsform des Verbs „loobuma“, und das bedeutet „verzichten“ oder „aufgeben“.

An dieser Stelle geht es ab in eine größere Ortschaft mit einem Namen, der in ganz Estland bekannt ist, nämlich „Tapa“. Tapa wiederum ist die Befehlsform des Verbs „tapma“, und das heißt „töten“. Dazu gibt es in Estland eine Anekdote, die auf dem Umstand beruht, daß es vielerorts zu sowjetischen Zeiten Zeitungen gab, die im Titel den Namen der Gemeinde plus den Begriff Kommunist trugen, also habe es der Legende nach „Tapa Kommunist“ gegeben. Und hier kommt ein interessanter grammatikalischer Aspekt des Estnischen zum Tragen. Im Gegensatz zu anderen sprachen, wo auch in einem Befehls- oder Aufforderungssatz das Objekt im Akkusativ steht, also etwa „töte den Kommunisten“, verhält sich dies im Estnischen anders, hier muß es tatsächlich direkt übersetzt heißen: „töte der Kommunist“. Folglich bedeutete „Tapa Kommunist“ nichts anderes als dies.

Nun kolportiert dieses Gerücht weiter, eines Tages habe ein Este die Sowjets über diesen Umstand aufgeklärt, was auf wenig Freude gestoßen sei. Sofort habe man das Blatt umbenannt in „Tapa edasi“. „Edasi“ nunmehr bedeutet so viel wie „vorwärts“. Dieses Wort kennt man auch in Deutschland als Zeitungstitel. Doch im Estnischen bedeutet es eben auch „weiter“. Der Legende nach wurde folglich aus „töte den Kommunisten“ angeblich „töte weiter“.

Ich habe bisher den Wahrheitsgehalt dieses Geschichte nicht erkunden können. Sie wird jedoch eigentlich immer als Legende bezeichnet. Den Touristen erzähle ich das auf der Durchreise immer.

Samstag, Dezember 08, 2007

„Ehstland“ oder „Ästland“

Wie man dieses Land ausspricht und ob die Sprache nun „Estnisch“ oder „Estisch“ heißt, daß werde ich häufig gefragt. Der Staat, in welchem diese Sprache gesprochen wird, heißt offiziell „Eesti Vabariik“ (Republik Estland) oder auch „Eestimaa“, was die direkte Übersetzung von Estland ist. Auf Estnisch, so heißt diese Sprache, wird das E lang und geschlossen gesprochen, darum halte ich es im Deutschen auch so. Die Aussprache ist jedoch auch eine Frage der deutschen Mundart.

Estnisch ist keine baltische Sprache, wie Lettisch und Litauisch, auch wenn man im Deutschen vom Baltikum spricht, sondern es handelt sich um eine finno-ugrische Sprache, deren nächster Verwandter das Finnische ist. Oft behaupten Esten, man verstünde Finnisch. Sie vergessen dabei, daß sie zu sowjetischen Zeiten via Fernsehen die Sprache erlernt haben. Die Finnen verstehen kein Estnisch, und ich, der ich des Estnischen mächtig bin, verstehe kein Finnisch.

In der Regel schlagen alle immer die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich erwähne, daß das Estnische 14 Fälle hat, dunkle Erinnerungen an Grammatikstunden kommen hoch. Doch dieser Umstand macht keineswegs den Schwierigkeitsgrad der Sprache aus. Die Endungen der Fälle ersetzen nämlich nur, was im Deutschen Präpositionen leisten: so gibt es den „Mitfall“ und den „Ohnefall“. „Koorega“ bedeutet mit Sahne, „Kooreta“ hingegen ohne.

Was die estnische Sprache für den Ausländer zu erlernen anstrengend macht, ist ihre Unregelmäßigkeit. Wie ich zu sagen pflege, die Regel ist die Ausnahme und die Ausnahme die Regel. So ist der Anfänger gezwungen, die ersten drei Fälle des Singulars und den zweiten und dritten Fall im Plural zunächst auswendig zu lernen, denn die Wortstämme ändern sich teilweise grundlegend: „vesi, vee, vett“ bedeutet Wasser. Freilich gibt es Flexionsstrukturen, aber auch diese sind so umfangreich, daß sie so dick sind wie ein Wörterbuch.

Aber dies gilt nicht nur für die Substantive, sondern auch für die Verben. Nicht genug damit, daß es zwei Infinitive gibt, deren Verwendung außerdem noch verstanden werden muß, sondern sie heißen „ma“ und „da“ und sollten eigentlich auch so enden. Doch das ist eben nicht immer so. „Minema“ heißt gehen, aber der da-Infinitiv heißt statt „mineda“ leider „minna“. Die Infinitivendung durch ein N ersetzend wird normalerweise die erste Person Singular gebildet. Ich gehe heißt aber statt „minen“ bedauerlicherweise „lähen“, also ein vollständig anderes Wort. Mit „läksin“ statt „minesin“ gilt dies für die Vergangenheit ein zweites Mal.

In der Rechtschreibung wird der unbedarfte Beobachter registrieren, daß die Esten wie die Deutschen über Umlaute verfügen, allerdings gibt es noch einen Vokal, den die deutsche Sprache nicht kennt: das Õ, das O mit der Tilde. Dieser Buchstabe spricht sich ähnlich dem hartem I im Russischen: „Ы“. Gesprochen wird es, für jene, die sich mit Phonetik auskennen: die Lippen in E-Stellung, die Zunge aber in O-Stellung.

Auffällig auf den Straßenschildern sind ebenfalls die vielen Doppelbuchstaben. Die estnische Sprache kennt drei Lautlängen: kurz, lang und ganz lang. Und dies bezieht sich im Unterschied zum Deutschen auch auf Konsonanten. Lange und ganz lange Laute werden mit zwei Buchstaben geschrieben, so daß man diesen Unterschied einfach kennen muß. Die korrekte Aussprache ist nicht ganz unwichtig, was sich am klassischen Beispiel demonstrieren läßt: „sada“ (siehe 100 EEK mit Lydia Koidula) bedeutet 100. „Saada“ hingegen heißt schicken und „saada“ mit ganz langem A wiederum empfangen.

Die Esten kennen auch Palatalisierungen, also Erweichungen, kennzeichnen diese aber im Gegenteil zu anderen Sprachen nicht. Das bei der Hauptstadt „Tallinn“ das doppelte N und L palatalisiert wird, muß man wissen. Ebenso verhält es sich etwa beim S in „poiss“, Junge.
Überhaupt ist Estnisch sehr vokalreich. Das Estnische Institut wirbt mit dem Begriff „hauaööõudused“, der zwar tatsächlich eine Bedeutung hat, aber denn doch eine eher unsinnige: „Haud“ ist das Grab, „öö“ die Nacht und „õudused“ die Schrecken. Mein Lieblingswort hingegen ist „öötöö“, also vier Ö mit einem T in der Mitte. „Öö“ bedeutet wie erwähnt Nacht, „töö“ ist die Arbeit.
Aber neben allen diesen Besonderheiten gibt es weitere. Das Estnische kennt nämlich kein Futurum. Auch im Deutschen sagt selten jemand „morgen werde ich in die Stadt gehen“, die Benutzung des Adverbs der Zeit genügt. Die Esten sind aber darauf angewiesen und verwenden sonst das Verb „hakkama“, was soviel wie beginnen bedeutet.
Außerdem kennen die Esten kein grammatikalisches Geschlecht, weshalb Esten in der Fremdsprache über dritte Personen berichtend oft zwischen er und sie hin und her wechseln, so daß man am Ende geneigt ist zu sagen, das dies ja alles sehr interessant ist, aber war es nun ein Mann oder eine Frau?
Mich verleitet das immer zu einem Scherz – und da haben auch die Esten genug Humor: die Esten haben kein Geschlecht und keine Zukunft.

Freitag, März 16, 2007

Neues aus Mari El


Photo: Uralica.com
Oder doch wieder die alten Nachrichten. Mari El ist eine Republik innerhalb Russlands. Die Mari, oder Tscheremissen genannt, sind ein finno-ugrischer Zweig, sprachlich gehören sie zu den Wolgafinnen.
Da ihre Region weit abgelegen war, haben sich alte Traditionen gehalten. Die religiösen Vorstellungen vieler Mari beinhalten zum Teil noch altertümliche heidnische Elemente. Vielleicht so ähnlich wie die früheren Esten und Finnen vor der Christianisierung.
Es gibt Bestrebungen, die eigene Sprache zu retten, es fehlen Schulen. Und es gibt die üblichen Vorfälle:
...On 25 January of this year, Galina Kozlova, a member of the board of the Mari national organisation Mari Usem, and wife of Vladimir Kozlov, chair of the Mari council, was attacked and suffered severe head injuries. The attack follows a series of attacks on Mari activists and journalists in the Mari El republic, and no convictions or arrests have been made. The Mari are a Finno-Ugric minority in Russia, concentrated in the Mari El republic. They are pushing for full cultural and linguistic rights, such as access to secondary and higher education in their language.

Quelle: Europaparlament und www.mari.ee
Ein lesenswerter Beitrag zu diesen "Waldmenschen" stammt aus der schweizer WOZ von 2004. Und nicht nur russische Behörden spielen darin eine Rolle, sondern auch die Praktiken der Kirchen (auch finnische), die dieses Heidentumrelikt auslöschen wollen:
Doch nicht nur die russisch-orthodoxe Kirche kämpft um die Seelen der «kleinen Leute». Seit Ende der Sowjetunion sind unzählige Missionare, viele davon Angehörige protestantischer und fundamentalistisch-christlicher Gruppierungen, nach Russland geströmt. Besonders aktiv sind in Joschkar-Ola die LutheranerInnen. So fliessen etwa aus Finnland - die FinnInnen haben wegen der Verwandtschaft mit den Mari ein besonderes Interesse am kleinen Volk - nicht nur Hilfsgelder, sondern es kommen auch Missionare ins Land. Im Zug von Moskau nach Joschkar-Ola treffen wir eine Gruppe jugendlicher finnischer LutheranerInnen, die in Marij El ein Sommercamp organisiert. «Solch heidnische Rituale gab es in Finnland früher auch», erklärt mir eine der jungen Frauen. «Doch das ist heute Gott sei Dank vorbei.»

Deutlicher wird Gennadij Schwarjow. Der frühere Berufsmilitär mit dem für einen Russen untypischen, penetranten Strahlen im Gesicht ist der Leiter der Kirche der Evangelischen Christen in Joschkar-Ola. Schwarjow wurde von US-amerikanischen Evangelikalen bekehrt. Auch die Kirche in Joschkar-Ola wurde 1993 von Missionaren aus den USA gegründet. «Die Zaubereien und der Aberglauben der Mari sind Netze, die der Satan auslegt, um die Menschen darin zu fangen», sagt Schwarjow
...