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Montag, Juni 09, 2025

Esten bauen Lettland auf

Angestrebte Fahrzeiten zwischen den 
einzelnen Stationen - wenn "Rail Baltica"
mal fertig gebaut ist
"Doch, wir wären bereit, so eine Bahnlinie auch in Lettland zu bauen", mit diesen Worten wird der estnische Regierungschef Kristen Michal (Reformpartei) zitiert. Als sich Ende Mai die Delegationen der Regierungen Estlands, Lettlands und Litauens trafen, wurden einige Projekt der regionalen Zusammenarbeit diskutiert. Kurz vorher war bekannt geworden, dass Lettland befürchtet, die neue Schnellbahnlinie "Rail Baltica" nicht zum geplanten Eröffnungstermin 2030 fertig stellen zu können. (err)

Estland dagegen ist sich sicher, dass ab 2030 Züge auf der Strecke Tallinn bis zur lettischen Grenze fahren können (213 km Strecke in Estland). Auch Litauen liegt weitgehend im Zeitplan. Aber was wäre das wert, wenn auf der Strecke dazwischen (dort liegt wohl das Land Lettland) das Planungschaos herrscht? Vielen Bürgerinnen und Bürgern ist das Projekt inzwischen auch einfach nur noch dadurch bekannt, dass es riesige Summen von Geld verschlingt. Die lettische Regierung wechselte kürzlich den Verkehrsminister aus (vorher Kaspars Briškens, jetzt Atis Švinka). Eine parlamentarische Untersuchungskommission war zu dem Ergebnis gekommen, dass es bis 2035 dauern könnte, bis die "Rail-Baltica"-Baumaßnahmen die estnische Grenze erreichen (265 km Gesamtstrecke in Lettland). Und auch der Bau des neuen Zentralbahnhofs in Riga geht langsamer voran als geplant. 

Das hatte in Estland auch schon Kritik daran hervorgerufen, warum Estland zur Zeit überhaupt so viel Finanzen auf das Projekt "Rail Baltica" konzentiere. "Warum geben wir Millionen aus, um dann mit dem Zug von Tallinn nach Häädemeeste fahren zu können?" fragte Anastassia Kovalenko-Kõlvart von der oppositionellen Zentrumspartei. (err) Nun ja, die Frau ist bekannt dafür Motorradrennen zu fahren, wahrscheinlich nicht auf Schienen. 

Bei Kristen Michal dagegen klingt es anders. "74 Kilometer sind jetzt im Bau, und bis Ende 2026 wird das auf der gesamten Bahnstrecke in Estland der Fall sein" (valitsus). Und was entgegnete die lettische Ministerpräsidentin Silina? Sie habe geantwortet, sie sei "absolut dankbar" für Michals "ziemlich feinfühligen" Sinn für Humor, den er zu Meetings bringe, um alle aufzumuntern. (Err

Montag, April 18, 2022

Lieber flüssig

Kalt muss es sein: bei Temperaturen um –162 °C wird Ergas "verflüssigt", und dieses "Flüssiggas" ("Liquified Natural Gas" LNG) hat dann im Verhältnis zum gasförmigen Zustand ein Expansionsverhältnis von 1:600, daher können große Mengen an Energie effizient gelagert und transportiert werden.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Diskussion um die Energieversorgung völlig verändert. Auch Estland plant nun mit einem Flüssiggasgterminal. Angeblich kann schon das LNG-Terminal im litauischen Klaipeda die Hälfte des Gasbedarfs der baltischen Staaten decken - die entstandene Lücke, bei Wegfall des Bezugs aus Russland, soll nun ein estnisch-finnisches Projekt in Paldiski schließen.

Vorteil: die Pläne für den Standort in Paldiski lagen schon fertig in der Schublade.Schon seit einigen Jahren wird über ein Flüssiggas-Terminal an diesem Standort nachgedacht - aber bisher schien es zu teuer (siehe "Baltic Course"). Bauen soll es nun die estnische "Alexela"-Gruppe, bei der die Brüder Heiti und Marti Hääl eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Unternehmer Heiti Hääl ließ sich gleich mal zu der Aussage hinreißen: "Das sieht unglücklich aus, wenn erst ein Krieg die Notwendigkeit eines LNG-Terminals nachweisen muss." Und er behauptet gleichzeitig: "Das neue Terminal wird noch in diesem Herbst fertig sein." (err

Diese Planungen bestätigte auch der estnische Wirtschaftsminister Taavi Aas. Estland wolle bezüglich des erforderlichen LNG-Spezialschiffes auch mit Finnland und Lettland zusammenarbeiten. (err / IR). Auch Litauen hatte sich vor Jahren zunächst gemeinsamen Planungen angeschlossen, dann aber, als es kaum konkrete Fortschritte gab, sich für ein eigenes LNG-Terminal entschieden (das 2014 fertiggestellt wurde). 2020 wurde auch das Projekt "Balticconnector" abgeschlossen - eine Gaspipeline zwischen Paldiski in Estland und Inkoo (Ingå) in Finnland.

Estland verbraucht gegenwärtig etwa 5 Terrawattstunden Gas, zwei Drittel davon für Energieversorgung und Industrie. Am 7. April hatte die estnische Regierung beschlossen, bis Ende 2022 völlig auf den Bezug russischen Gases zu verzichten (valitsus.ee). Partner für den Bau des LNG-Terminals in Paldiski werden auch die Investmentgesellschaft "Infotar" und "Eesti Gaas" sein. In einem ersten Bauabschnitt soll zunächst eine Verbindung zwischen dem Schiffsliegplatz und der "Balticconnector"-Pipeline geschaffen werden. Die Pipeline-Infrastruktur wird vom staatlichen estnischen Gasbetreiber Elering bereitgestellt.

Zunächst soll - als finnisch-estnisches Gemeinschaftsprojekt - ein schwimmendes Terminal angemietet werden, bevor in der zweiten Phase eine dauerhafte Lösung für das Terminal gebaut wird (mkm). Die Kosten für die Terminal-Infrastruktur, die im Herbst fertig gestellt werden soll, werden auf 40 Millionen Euro geschätzt. Ain Hanschmidt (Infotar) forderte aber auch eine staatliche Garantie zur Absicherung der Preisdifferenz zu russischem Gas, um das Projekt gegen eine (politisch mögliche) Rückkehr zur Versorgung mit russischem Gas abzusichern. (err) Die estnische Finanzministerin hatte bereits Pläne zu einem Ergänzungshaushalt in Höhe von 170-230 Millionen Euro vorgestellt (err)

Schon im November 2021 hatte das LNG-Bunkerschiff «Optimus» der estnischen Energiegesellschaft Elenger seinen Betrieb aufgenommen - es dient der Betankung von LNG-getriebenen Fähren zwischen Tallinn und Helsinki und ist Teil einer wachsenden LNG-Infrastruktur. (Schiffundhafen / elenger)

Sorgen um die Umwelt jedenfalls scheinen bei dieser Diskussion keine Rolle zu spielen. In Deutschland wird ja viel über das umstrittene "Fracking"-Verfahren diskutiert (BUND / Umwelthilfe), wobei davon ausgegangen wird, dass ein LNG-Gas-Import eben auch das durch Fracking-Verfahren in den USA gewonnene Gas einbeziehen würde. Kritisiert wird unter anderem, dass schon die Verflüssigung von Gas 10-25% des Energiegehalts verbrauchen würde. Von dieser Seite wird auch bestritten, dass Deutschland einen LNG-Importbedarf habe - es wird darauf verwiesen, dass Deutschland die viertgrößte Gasspeicherkapazität der Welt habe. Allerdings ging diese Einschätzung noch von einem Bau der Nordstream-2-Pipeline aus. In der deutschen Diskussion wird "LNG-Gas" oft mit "Fracking-Gas" gleichgesetzt - so wie die Deutsche Welle am 29. März titelte: "Freiheit oder Klima-Selbstmord?"

Aber Estland muss sich wohl kaum Sorgen um mögliche größere Proteste in Paldiski machen. "In Estland bestimmen immer noch weitgehend die Industrie und die großen Unternehmen die Tagesordnung", meinte Züleyxa Izmailova, die bis vor wenigen Wochen noch Vorsitzende der Grünen Partei Estlands ("Erakond Eestimaa Rohelised", die in Umfragen aktuell bei 1,7% liegen) war. "Und manche Leute glauben, wärmere Winter würden eben einfach ihre Heizungsrechnung verringern. ... Radikale Umweltschützer wie in Westeuropa gibt es in Estland so gut wie nicht." (err)

Samstag, Oktober 02, 2021

Eesti 21

Schalke 04, BVB 09, TSG 1899, Mainz 05, Hannover 96 - viele Fußballvereine tragen stolz ihr Gründungsdatum im Namen. Wie nun auch der Weltfußballverband FIFA offiziell zur Kenntnis nahm: das Gründungsjahr des Fußballverbands in Estland (Eesti Jalgpalli Liit) war das Jahr 1921. 

Erst kürzlich werden die europäischen Fußballfans registriert haben, das der estnische Rekordtitelträger Flora Tallinn (13x Meister) kein Verein der Gartenfreunde ist, sondern inzwischen sogar Teilnehmer an der UEFA Europe Conference League - auf dem Wege dorthin wurde immerhin gegen die Shamrock Rovers aus Irland gewonnen. 2019 spielte auch Eintracht Frankfurt schon mal gegen die "Floristen", und das Magazin "Kicker" fragte "Flora wer?".

FIFA-Präsident Infantino (links)
mit Aivar Pohlak, Chef des
estnischen Fußballverbands,
Kinderbuchautor sowie
Präsident und Gründer
von Flora Tallinn
"Estland entwickelt sich beständig", so formuliert es auch die UEFA. Dort ist dann auch zu lesen, dass Fußball in Estland von britischen Seeleuten eingeführt worden sei und das erste Fußballspiel bereits am 6. Juni 1909 in Tallinn zwischen den Teams von Meteoor und Merkuur durchgeführt wurde. 

Auch der 21. Juni 2021 wird als markantes Datum für den estnischen Fußball in Erinnerung bleiben: an diesem Tag siegte das estnische Nationalteam nach 83 Jahren zum ersten Mal wieder gegen den Nachbarn Lettland und gewann damit den "Baltic Cup". (delfi/ ERR )

Dienstag, Februar 20, 2018

Die Legende vom falschen "Realisten"

Am 24. Februar 2018 jährt sich zum 100.sten Mal der Tag, an dem die unabhängige Republik Estland ausgerufen wurde. Wenn sich jedoch Estland in diesen Tagen zurückerinnert, dann wird auch klar, dass am Tag dieser Verkündung die staatliche Unabhängigkeit noch nicht erreicht war - zumindest noch nicht gesichert. Nur einen Tag vorher hatten sich die Truppen der Bolschewiki zurückgezogen, die hofften, Estland würde sich der Russischen Revolution anschließen, und die ehemaligen Rittergüter könnten zu Kolchosen umwandelt werden. Und bereits einen Tag später wurde Estland durch die 8.deutsche Armee besetzt. Es dauerte noch bis 1920, zwei lange Jahre, bis der unabhängige Staat Estland als gesichert betrachtet werden konnte, und bis auch der wichtige Friedensvertrag mit Russland abgeschlossen wurde.

Bildquelle: Nekropole.lv
Wie es in den ersten Tagen der estnischen Unabhängigkeit zuging, symbolisiert das Schicksal eines Menschen, der in Estland Johann Muischneek genannt wird. Der 25. Februar 1918 war ein Montag. Die deutsche Armee rückte aus Richtung der estnischen Inseln auf Tallinn vor. Von estnischer Seite war ein "Estnisches Rettungskomitee" (Eestimaa Päästekomitee) gegründet worden, mit dabei waren u.a. Konstantin Päts (später Regierungschef und Staatsoberhaupt), und die Sozialdemokraten Jüri Vilms und Konstantin Konik.

Ein inzwischen aus Schülern, Pfadfindern und Studierenden gebildeter "Heimatschutztrupp" ("Omakaitse") war die einzige militärische Einheit, die zu dieser Zeit die estnischen Interessen am Ort des Geschehens schützen konnten - darunter auch Schüler der "Tallinna reaalkool", die sogenannten "Realisti". Sie patroullierten durch Tallinn, und wurden auch am 24. Februar 1918 eingesetzt, als mit den Bolschewiki sympathisierende Marosen die Besetzung einer Elektrostation ankündigten. Gegen vier Uhr nachmittags entwickelte sich eine Schießerei in der Altstadt, die "Roten" zogen sich in die Nähe der "dicken Margarethe" (Turm an der Altstadtmauer) zurück. Hier zog sich dann Johann Muischneek tödliche Schußverletzungen zu. Da erst wenige Stunden zuvor die Unabhängigkeit Estlands verkündet worden war (schon am 23.2.18 in Pärnu, am 24.2. in Tallinn), galt er als der erste Este, der für die Unabhängigkeit des Landes starb.

Die "Tallina reaalkool" feiert 100 Jahre
estnische Unabhängigkeit
Lange wurde angenommen, Muischneek sei ein estnischer Schüler gewesen - eben ein "Realisti". 1936 wurde eine Erinnerungsplakette an seinen Tod am Turm angebracht. Als 1991 sich das Bestehen der Realschule Tallinn zum 110.mal jährte, wurde eine neue Tafel angebracht - sie ist heute nicht mehr draußen zu finden, sondern im Museum der estnischen Seefahrt (das heute auch den Kanonenturm Dicke Margarethe umfasst). Tatsächlich aber zeigen neuere Forschungen, dass der Betroffene in Wahrheit Jānis Muižnieks war, ein Lette. Ursache der Unklarheiten waren exil-estnische Publikationen, besonders eine Publikation die 1972 in Schweden erschien, die den jungen Freiwilligen noch als estnischen Helden herausstellte - obwohl auch an dieser Schilderung eigentlich Zweifel aufkommen mussten, da die Schießerei erst am Abend des 24.2. - im Dunklen - stattfand. Dieser Fehler wurde von estnischen Historikern erst 1989 offen angespochen (Looming, Nr.2 1989), aber der Irrtum, Muižnieks sei ein junger Este gewesen, wurde noch bis ins Jahr 2005 wiederholt.

Heute ist sich die Wissenschaft einig, dass  Muižnieks der 1883 erstgeborene Sohn von Pēteris Muižnieks und seiner Frau Liene (geborene Bebris) aus der nordlettischen (damals livländischen) Gemeinde Rauna (dt. Ronneburg) war. Obwohl über seinen Lebensweg wenig bekannt ist, kann doch gesagt werden, dass er eine Ausbildung im russischen Militär absolvierte. Als 1917 die Deutschen den Norden Lettlands besetzten, konnte er nicht nach Hause zurückkehren; estnische Quellen weisen aus, dass er sich ab Dezember 1917 in Tallinn aufhielt - schon seines Alters wegen aber sicher selbst kein Schüler mehr. Als sich dann die Schüler- und Studenteneinheiten bildeten, war er einer der Anführer.

Inzwischen hat man auch im Stadtarchiv von Tallinn weitere Informationen gefunden: dort ist ein "Jahn Muischneek" verzeichnet, der am 25. Februar um 9.30 Uhr starb und dessen Beerdigung am 3.März in der Niguliste Kirche abgehalten wurde. Sogar die Todesursache wird dort erwähnt: eine tödliche Schußverletzung im Rahmen der Kämpfe vom Vortag. Sein Grab befindet sich heute in Tallinn, und die lettischen Nachbarn (siehe TVnet) wie auch die Esten (siehe ERR) sind heute gemeinsam so stolz auf diese Tatsache, dass sie für mögliche Besucher den genauen Ort angeben: auf dem Friedhof Rahumäe, nahe am Haupttor, Kvartal C, 6. Reihe, Platz 3.

Montag, Juni 17, 2013

Hanse in Herford: die Zukunft sei Wirtschaft

Gut vorbereitet zum Hansetag:
Sprachenkundige Souvenirverkäufer
Treffen der Hansestädte. Da sind Tallinn, Pärnu, Narwa, Tartu und Viljandi dabei - ebenso wie Riga, Danzig, oder in Deutschland Stralsund, Wismar oder Rostock. Ach, und nicht zu vergessen auch Lübeck - denn der "Städtebund Die Hanse" - wie sich die neue Vereinigung nennt, deren gemeinsame Hansetage zunächst in den 1980er Jahren in den Niederlanden, Deutschland und Schweden, danach auch wieder rund um die Ostsee stattfinden, hat sich eine Satzung gegeben der zufolge Lübeck immer den Präsidenten stellt. Wenigstens über diese neue Hanse darf Lübeck präsidieren, wo die Stadt doch sonst manches der früheren Bedeutung verloren ging. So aber darf Bernd Saxe, als gebürtiger Westfale in Lübeck exakt genau so lange im Bürgermeisteramt wie die Bestimmung des Hansebunds zur automatischen Präsidentschaft Lübecks gilt, Jahr für Jahr Hansetage eröffnen. Diesmal also in Herford.

Nicht wundern, wen solche Menschen
im Stadtbild überraschen sollten:
es ist Hansetag.
Lübeck voran! 
Einer von vier Stellvertretern Saxes, die sich einer Wahl durch die Versammlung der Städtedelegierten stellen müssen, ist Manfred Schürkamp, seines Zeichens Stadtkämmerer und Genußmensch, beim Hansetag offenbar unverzichtbarer als der Herforder Bürgermeister. Zusammen mit Marion Köhn als Vertreterin der Wirtschaftsförderung Herford wurde die Herforder Seite nicht müde, zwei Dinge zu betonen: erstens habe "der Herforder" sich inzwischen gut mit der Idee der Hanse vertraut gemacht, zweitens sei man gerade dabei endlich auch die Wirtschaft einzubeziehen. Gut, was das Erste betrifft, in der Herforder Lokalpresse war nachzulesen dass die Stadt die Ortseingangsschilder nun umgerüstet hat: ab sofort heißt es nun: "Hansestadt Herford"! Weniger willkommen war der einheimischen Wirtschaft die deutliche Erhöhung der Standgebühren an diesen Tagen: traditionell wurde gleichzeitig das "Hoeker-Fest" und parallel auch noch ein "Weindorf" angeboten. Die Hansetage - durchaus das Herforder Highlight des Jahres also.

Drei Hansebund-Präsidiumsmitglieder:
Bernd Saxe (links), Manfred Schürkamp (rechts)
mit Inger Harlevi von der Traditionsstadt Visby
auf Gotland
Allein gestellt?
Ob bei den vorangegangenen 32.Hansetagen sich die Wirtschaft tatsächlich irgendwie vernachlässigt vorgekommen ist - mir als Besucher erschließt sich das nur aus Sicht der Herforder Wirtschaftsförderung. Noch letztes Jahr in Lüneburg kann ich mich erinnern, dass es bei einem rundrum gelungenen Festival der Hansekulturen auch riesige Sponsorenflaggen gab, deren Größe die Kennzeichnung der Wegzeichen und des Bühnenprogramms weit überragte. Als erstes hoffe ich also - egal was die Herforder Wirtschaft, die offensichtlich eine "Inspiration" gut gebrauchen kann sich erhofft - dass die Hansetage der Zukunft nicht völlig von Verkaufszwang und Konsumrausch überrollt werden. Und in Kenntnis der vielen Netzwerke rund um die Ostsee, von denen viele bezogen auf die Wirtschaft sind (von den Außenhandels-Handelskammern über das "Baltic Sea Forum" und das "Baltic Development Forum" bis sogar zum "Hanseparlament" - um nur die größten zu nennen) klingt die Antwort auf die Frage, warum gerade in Herford noch etwas völlig neues - nach eigenen Worten ohne vorherige Analyse der bereits bestehenden Netzwerke - gegründet werden muss, etwas dürftig. Von einem "Alleinstellungsmerkmal" war die Rede (klingt englisch abgekürzt noch bedeutungsvoller: USP). Nach einer gewissen Anlaufzeit, wo sich manche in der neuen "Wirtschaftshanse" vielleicht noch mehr Kontakte und zusätzliche Finanzmittel versprechen wird sich zeigen müssen, wer am Ende allein gestellt stehen bleibt.

Aitäh, Estland!
Mir gefällt an Hansetagen vor allem die kulturelle Vielfalt. Es dürfen auch fremde Sprachen, Speisefolgen und ungewohnte Ideen des Miteinanders sein! Auch die hätte ja bessere Förderung nötig! Und wieder einmal überrascht, wie stark Estland präsent ist. Fragt in Tallinn, Tartu, Pärnu oder Viljandi denn niemand, warum Geld für reisende Künstler, Kunsthandwerker und Touristikfachkräfte ausgegeben werden muss um in Herford ("Kuhu te peate kogunema?") dabei zu sein? Estland präsentierte sich frisch, frech, bunt und vielseitig.
Altes und Neues als Hansetags-Mischung:
so präsentierte sich Herford optisch 
Ein Vergleich mit den lettischen Nachbarn bietet sich ja immer an. Die hatten vielleicht dieses Jahr zwei Handicaps: das große lettische Sängerfest steht Anfang Juli direkt bevor (wer kann sich da Extra-Reisen leisten?), und es wird in ein paar Wochen auch noch ein Deutsch-Lettisches Partnerschaftstreffen geben (in Melle bei Osnabrück). Aber auch das Motto der Aktivitäten war unterschiedlich: traten die Letten bewußt mit "Labi, ka reiz bija ta" (Gut wie es einst war) als ins Bild gesetzte Vergangenheit auf (Volkslieder und Tanz, wie inzwischen allen Lettland-Besuchern bekannt), so mischen die Esten ihre Traditionen neu auf. Da wird zwar handwerklich gefilzt, geschmiedet und gebacken, doch was präsentiert wird darf auch nach "neu" aussehen schmecken. Der Eindruck liegt nahe: Estland, ein Land für moderne Trends und junge Leute.

Mit etwas Glück bekam man es
in Herford zu Trinken:
spezielles Hansetags-Wasser
Offen und spontan: auch das ist Hansetag!
Auch musikalisch wich der estnische Beitrag der Band "PAABEL" durchaus etwas ab vom sonst oft verwendeten Hanse-Motiv der Shantychöre und Volkstänze: hier werden Jazz, beliebte Melodien, E-Gitarre, Saxophon, Dudelsack und Mundorgel gespielt, und da passt es hinein, wenn der Schlagzeuger oder der Gitarrist mal sein kreatives Solo auf ein paar Minuten ausdehnt. Hier zeigt sich auch ein Vorteil von Herford, den Lüneburg (gezwungenermaßen) nicht hatte: Lüneburg hat so viele Denkmalschutzbestimmungen, dass strenge Vorschriften für den Bühnenaufbau und die Aufführungen und Präsentationen gelten mussten. In Herford war das offensichtlich anders: so konnte auch PAABEL nach dem offiziellen Auftritt schnell noch einen "inoffiziellen" Nachschlag ankündigen und die eigene Anlage in der Nähe des Viljandi-Standes auf einer Freifläche aufbauen. Ein Auftritt mitten im Publikum! Was kann sich ein Musiker besseres wünschen, als umgeben zu sein von begeisterten, mittanzenden und laut Beifall klatschenden Menschen!
Mitreissende Auftritte unterm Hanselogo:
PAABEL aus Estland
Das bleibt als Frage durchaus an die Organisatoren des Hansetags-Bühnenprogramms stehen: der Gegensatz zwischen den Interessen der auf "das gewohnte Wochenend-Verhalten" beharrenden Einheimischen und den "Kultur- und Länderfans" (so wie ich), die sich durchaus nicht einfach beim Bier oder Kaffee und Kuchen von "irgendwas" berieseln lassen wollen. Jedes Jahr muss es ein sogenanntes "musikalisches Highlight" sein - die Herforder Presse stellte also die Auftritte von Manfred Mann (den gibts auch noch!) und Roman Lob (den gibts immer noch!) heraus. Für die Steigerung der Besucherzahlen und des Getränkeumsatzes mags gut sein. Für den anderen Teil der Veranstaltung, der sich Hansetag nennt, und wo es auch neue Städte und Regionen zu entdecken galt, da ist es wichtig dass hier jedem gratis etwas Käse, Brot und Bier gereicht wird und alle sich zusammen wohlfühlen (kurzer Estnisch-Kurs inbegriffen!).
Außer den weißen Papierschiffchen waren
Infostände aus Pappe und diese
umgestalteten "Ruhezonen" ein Hinweis auf
eine gewollte Verknüpfung zur Recycling-Idee

"Ehrbar" in die Zukunft
Was bleibt also als Bilanz? Hansetage in Städten, bei denen nur wenige ihre Verbindung zur historischen oder neuen Hanse ahnen, werden wohl immer etwas anders verlaufen. Es gab Sprüche in den Herforder Presseerklärungen und in der Lokalpresse wie "Herford als Vorreiter für Europa und die Welt"! (siehe bsw. Westfalen-Blatt). Auch die Rede davon, dass in der neuen "Wirtschaftshanse" nun "ehrbare Kaufleute" sich zusammentun (Zitat aus dem sogenannten "Kodex": "Es gibt ein Wort für Handel, Vertrauen, Qualität und Zuverlässigkeit: Wirtschafts-HANSE"), wird andere, die bereits seit Jahren und Jahrzehnten im Ostseeraum vernetzt sind wohl eher Stirnrunzeln ins Gesicht treiben - konsequenterweise haben sich bei näherem Hinsehen neben der agilen Herforder Wirtschaftsförderung auch zunächst mal nur Städtevertreter aus eher "Ostsee-fernen" Ländern hier zusammengetan: England, Frankreich, die Niederlande und - Deutschland und Polen, von denen beide bekannt ist, dass sie den Ostseefragen eigentlich keine überregionale Bedeutung beimessen. Ob das mit dem Logo "ehrbarer Kaufmann" nun besser geht? Zu hoffen bleibt, dass am Ende nicht wieder - wie kürzlich in der Finanzkrise - die Wirtschaft vom Volk vor den eigenen großspurigen Ideen gerettet werden muss (Stichwort: Steuergelder für Bankenrettung).
Die bunte Kultur der Hansestädte wird hoffentlich erhalten bleiben: auch aus estnischer Sicht. Ebenso die Vielfalt an Sprachen und Kulturen, die gerade auf den bisherigen Hansetagen noch nicht gleichmäßig über den einen (kommerziellen) Kamm geschoren scheint. Ein Fest auch für Individualisten mit ausgefallenen Hobbys.

Mehr (auch ganz ehrbar Hörbares) zum Hansetag Herford gibt es in der Sendung der "Baltischen Stunde" am Dienstag den 2.Juli ab 19 Uhr bei Radioweser.tv (auch per Livestream).
2015 findet der Internationale Hansetag dann wieder in Estland statt: in Viljandi. Falls Sie Lübeck 2014 übersehen sollten: die Musiker/innen von PAABEL warten schon!

Infos: Hansetag Herford / Die Wirtschaftshanse / Einladung "Hanse-Business-Forum" / Städtebund "Die Hanse" / Hansestädte Tallinn, Narwa, Viljandi, Tartu, Pärnu

Eindrücke von den Hansetagen Herford in bewegten Bildern:

Film 1 (Lettland) / Film 2 (Lettland) / Film 3 (Lettland)
Film 4 - Film 5 - Film 6 - Film 7 (PAABEL in Konzert, Tanzgruppe "Vabajalg")

Mittwoch, März 10, 2010

Grenzüberschreitungen

Bei geteilten Städten denkt der Deutsche zunächst einmal an Berlin, vielleicht noch an zypriotische Hauptstadt Nikosia oder auch Beirut während des Bürgerkrieges. Doch es gibt es Beispiel auch im Baltikum: Walk. Die Stadt in Livland war jahrhundertelang nicht geteilt, weil es an dieser Stelle trotz der gemischten estnischen und lettischen Bevölkerung Livlands keine Grenze gab. Die Entstand erst mit der Unabhängigkeit Estlands und Lettlands nach 1918. Aus Walk wurden das estnische Valga und das lettische Valka, das faktisch nur die südwestliche Vorstadt des Ortes umfaßte. Doch diese Teilung hielt ebenfalls nur etwa 20 Jahre an, denn mit der Inkorporation der baltischen Staaten in die Sowjetunion 1940 verschwand die Grenze wieder.

Das nationale Selbstbewußtsein trug nach der neuerlichen Unabhängigkeit 1991 dazu bei, daß die Esten auch in Vorbereitung auf den erhofften EU-Beitritt ihre Grenzen befestigen. In dieser Zeit zeichnete sich noch nicht ab, daß gleich zehn Staaten gleichzeitig der EU würden beitreten können. Während also in berlin die Mauer fiel, wurde in Walk eine Grenze gezogen.

Das bedeutete natürlich nicht, daß keine Esten mehr nach Lettland und Letten nach Estland fahren konnten. Probleme gab es trotzdem zahlreiche. Zunächst nämlich wurde zum Grenzübetritt noch gestempelt, Personalausweise gab es damals überhaupt nicht. Auf diese Weise waren die Pässe aber zügig voll und die Betroffenen waren gezwungen, vor Ablauf der Gültigkeit neue Dokumente zu beantragen. Manche Menschen wohnten im einen Teil der Stadt, arbeiteten aber im anderen. Für Verwittwete Personen wurde sogar der Friedhofsbesuch damit plötzlich eine Geldfrage.

Besonders betroffen waren die Einwohner russischer Nationalität, Migranten aus der Sowjetzeit, die wegen der Gesetzgebung in Lettland und Estland mit dem Status der Staatenlosen besonders große Schwierigkeiten beim Grenzübertritt hatten, weil sie für das jeweils andere Land auch noch ein Visum benötigten.

Am schlimmsten traf es jedoch eine Reihe von estnischen Staatsbürgern, Bewohner einer kleinen Straße, die auf estnischer Seite põhja, Nordstraße, und auf der lettischen Seite savienības, Unionsstraße heißt. Die Esten hatten sich hier in der Sowjetzeit Eigenheime errichtet, von denen ein Teil sich nach der Grenzziehung von 1920 aber auf lettischer Seite befand. Der Vorschlag eines Staatsgebietsaustausches wurde von lettischer Seite abgelehnt.

Mitte der 90er Jahre begann nach dem Vorbild der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der Städte Haparanda und Tornio in Schweden und Finnland Besserung. Einzig für Personen aus dritten Staaten blieb es lange unmöglich, einen der drei Grenzübergänge im Stadtzentrum zu nutzen. Für nicht motorisierte Besucher ein großes Problem. Seitdem das Schengener Abkommen auch in Estland und Lettland gilt, sind diese Schwierigkeiten vollumfänglich beseitigt.

Obwohl die physische Grenze verschwunden ist, bleibt natürlich eine juristische, und so sind andere Ärgernisse geblieben. Darum besuchten jüngst Delegationen der Außenministerien beider Staaten die Stadt, um sich über die aktuelle Situation zu informieren. Dabei stellte sich heraus, daß es im Bereich Kultur und Sport eine umfangreiche Zusammenarbeit gibt, diese sich damit aber auch erschöpft.

Für Probleme sorgt die Infrastruktur. Zwar nimmt das Krankenhaus in Valga Patienten aus Lettland auf, die ohne europäische Versicherungskarte aber die Rechnung selbst begleichen müssen. Bringt eine Lettin ein Kind in Estland zur Welt, sind notariell beglaubigte Übersetzungen der Dokumente erforderlich, damit das Kind als lettischer Staatsbürger registriert werden kann.

Ähnlich kompliziert verhält es sich mit dem Zugverkehr. Von Riga und von Tallinn gibt es Verbindungen, die lettischen Züge halten sogar am im estnischen Valga gelegenen Bahnhof, doch die Abfahrtszeiten sind schlecht abgestimmt und verlangen stundenlanges Warten. Noch schwierigere Zustände betreffen den Nahverkehr. Obwohl die lettische Seite einen Bus angeschafft hatte, läßt sich die gewünschte Linie nicht realisieren, denn während in Estland Rentner gratis fahren, müßten sie nach dem Grenzübertritt einen Fahrschein kaufen.

Die beiden Delegationen zeigten sich nach Angaben der lettischen Presse überrascht daüber, wie viel in Valga Valka abhängig ist von Entscheidungen, die nur in der hauptstadt getroffen werden können. Die Delegationen besuchten die geteilte Stadt, weil sie ihren Regieungschef Bericht erstatten sollen.

Sonntag, September 13, 2009

The Baltic Times

Wer seit den frühen 90ern Nachrichten aus dem Baltikum lesen wollte und weder Lettisch, Litauisch oder Estnisch verstand, war auf die wenigen englischsprachigen Publikationen angewiesen. Am Anfang war es bei mir The Estonian Independent. Später verschwand dieses Wochenzeitung um in der späteren Baltic Times aufzugehen. Diese hat ihren Sitz in Riga. Nun hat ein Teil der Redaktion aus Protest gegen ausbleibende Gehälter und Einflussnahme zugunsten von Anzeigenkunden den Arbeitgeber verlassen.
Victor Ozols ein Veteran von 1992:
Sadly, things at the old paper appear to have gone downhill from there, if the recently-departed editorial staff is to be believed. A few years after I left, The Baltic Observer merged with a rival newspaper called The Baltic Independent, yielding The Baltic Times, and the entire Times editorial staff just up and quit to form another newspaper called Baltic Reports. According to the staffers, they walked out in protest of not being paid in four months, and because they were being forced to write articles that favored advertisers.

English-Language Editorial Staff Quits Riga Paper, Launches Rival

Hier ist der Estland-Teil der Baltic Reports.

Montag, April 06, 2009

Nachbarschaftliches

Es ist ja in diesem Blog (wie auch im Lettland-Blog) schon mehrfach die Rede davon gewesen, was Nachbarn so übereinander reden. "Baltische Geschwister" sozusagen. Nein, das ein lettischer Botschafter in Estland schon mal mit Alkohol am Steuer erwischt wird, das könnte an dieser Stelle höflich verschwiegen werden. Und auch die estnischen Spottlieder über die lettischen Bankpleiten kennen wir nun schon. Aus Anlaß des Besuchs von Präsident Zatlers in Estland könnten wir mal schauen, ob über Estland in Lettland ähnlich geschrieben wird wie in Deutschland.

Gott schützt nur Lettland?
"Estland, das unreligiöseste Land der Welt!" Das stand am 11.Februar in der lettischen Tageszeitung DIENA zu lesen. Na gut, es waren schlicht die (zitierten) Ergebnisse einer Gallup-Umfrage: nur 14% der befragten Esten antworteten auf die Frage, ob Religion ein wichtiger Teil ihres Alltagslebens darstelle, mit 'Ja'. Damit bildete Estland das Schlußlicht (je nach Sichtweise auch die Spitze) aller befragten Länder. Danach folgten Schweden und Dänemark (17 bzw. 18%), Norwegen (20%) und Tschechien (21%). Lettland folgte zusammen mit einer Gruppe von Ländern, in denen noch der überwiegende Teil eher nichts mit Religion zu tun haben will (prozentual ähnlich wie Großbritannien, Finnland, Niederlande, Bulgarien und - erstaunlich? auch Litauen). Als "am meisten religiös" erwiesen sich hier Griechenland, Italien, Portugal, Rumänien und Polen.
Soweit der "Schwesternvergleich" in DIENA.

Konkurrenten oder Partner?
Heute nun beleuchtet "Latvijas Avize" den Staatsbesuch von Präsident Zatlers beim nördlichen Nachbarn, und befragt den Amtskollegen Tomas Henrik Ilves (durch die beiden Journalisten Viesturs Serdāns un Ģirts Kondrāts). Ob denn nicht Estland und Lettland heute eher Konkurrenten als Partner seien, fragt die lettische Seite, und spiegelt wohl gleichzeitig die typische Einstellung jener Letten, die Estland immer ein Stück voraus glauben. Ganz Diplomat (und Este!) weist Ilves das zurück. Schließlich sei man ja gemeinsam Mitglied in EU und NATO. Einen Wettbewerb macht er allerdings aus zwischen Lettland und Litauen, wer von beiden die Energiebrücke nach Schweden nun bekomme (ebenfalls beliebt: wenn zwei sich vertragen wollen, verweise immer auf Schwester Nr.3!).

Estland sei mehr skandinavisch und weniger baltisch - auch dieses Zitat von Ilves haben sich die lettischen Journalisten offenbar gut gemerkt. Ach, das habe er vor 10 Jahren mal gesagt, gibt Ilves zurück. Das habe vor allem mit dem Suchen nach kultureller Identität zu tun, die in tausenden von Jahren geprägt worden sei. Aber Gemeinsamkeiten zwischen Estland, Lettland und Litauen gebe es ja, mindestens seit der Unabhängigkeit dieser drei Staaten vor 90 Jahren.

Gürtel enger schnallen - und trotzdem überleben
Die es die Esten schaffen, die Finanzkrise zu überstehen, ohne den Rentern, Lehrern und Kindern allzuviel wegzunehmen. Nun, das sei in erster Linie Aufgabe der estnischen Regierung, meint Ilves. Aber immerhin gehe es hier "nur" um einen Aufschub von Renten- und Lohnerhöhungen, nur in geringem Maße um Kürzungen (bei staatlichen Angestellten -8%). Dennoch seien die meisten Esten gegenwärtig nur mit dem Überleben beschäftigt, an "Aufschwung" könne erst später wieder gedacht werden.


Und dann kommt der oberste Este vielleicht auf ein estnisches Lieblingsthema. "Mehr Innovationen in der Wirtschaft", fordert Ilves, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass viele Firmen in der jetzigen Situation viel zu viel Geld in Immobilien gesteckt hätten (was man auch mit dem lettischen Wort "unbewegliches Eigentum" übersetzen und verdeutlichen kann). "Wer gute Schuhe produzieren möchte, und dies auf kluge Weise mit Datenverarbeitung kombiniert, baut eine bessere Zukunft als derjenige, der nur umherreist und irgendwo Häuser verkauft," so Ilves. Nicht "schnelles Geld", sondern frische Ideen seien erforderlich.
Auch der Präsident schreckt nicht vor allseits bereits bekannten Schablonen zurück. 'Skype' sei von Esten erfunden worden, inzwischen sei der Sitz der Eigentüberfirma in Luxenburg. Aber der Eindruck sei geblieben, dass auch "arme Esten" etwas derart Innovatives erfinden könnten. "Das ist besser als von den Bauern die Wiesen zu kaufen und Immobilienprojekte darauf zu setzen!"

Da riskiert der Präsident natürlich die Rückfrage der interessierten lettischen Interviewer, ob er denn selbst 'Skype' nutze. Er habe es ausprobiert, gibt Ilves zu, warte aber derzeit auf noch bessere Wege der Kommunikation (und gebe sich einstweilen mit einem "Iphone" zufrieden).

Estland und Europa - möglichst ohne rosarote Brillen
Was zu tun bleibe, fragen die 2 Zeitungsletten weiter, wo Estland wie Lettland doch jahrelang darauf hingearbeitet hätten, wieder in die "Eurozone" zurückzugelangen, dies aber nun doch seit 5 Jahren bereits erreicht sei? Erstmal die Freiheit wiederzuerlangen, sei natürlich 1990 das Wichtigste gewesen, antwortet Ilves. Heute aber stehe man den "Maastricht-Kriterien" der EU gegenüber, und die alle zu erfüllen, sei eine wirkliche Herausforderung.

Zum Schluß noch eine interessante These von Ilves, auch gegenüber dem Nachbarn Lettland. Beim Rückblick auf die eigene Geschichte sei Opfern auf allen Seiten zu gedenken, mahnt der estnische Präsident. "So wie die Spanier wissen wollen, was in den 30er Jahren geschah, die Franzosen was in den 40er Jahren geschah, die Deutschen ebenfalls ihre Vergangenheit aufarbeiten - so müssen auch wir es tun, damit ähnliche Dinge wie damals sich nicht wiederholen." Das alles sei nicht nur eine Frage für die Gerichte, so Ilves, denn viele der Schuldigen seien ja bereits gestorben. Aber genauso wie es um die Verbrechen von Sowjets, von Militärs, von Geheimdienstlern oder Kommunisten gehe, dürfe man auch vor dem genauen Blick auf diejenigen Esten nicht zurückschrecken, die mit Verbrechen in Zusammenhang zu bringen seien.
Ein interessanter estnischer Schriftzug ins lettische Stammbuch.

Freitag, Januar 16, 2009

Ein Blick nach Lettland


IMG_8247
Originally uploaded by Pēteris Nukša
Es gab jüngstens ähnliche Bilder in Riga wie in Tallinn im April 2007 nach den Ausschreitungen. Einige Zyniker meinten, Lettland folge in allem 2 Jahre dem nördlichen Nachbarland hinterher.
Über die Ursachen der Demonstrationen mehr auf dem Lettland-Blog.

Freitag, Juli 04, 2008

Tourismusangebote für die Nachbarn

Speziell auf die "baltischen" Nachbarn ausgerichtet ist ein neues Projekt der Entwicklungsagentur "Enterprise Estonia" (EAS) und des Estonian Tourism Board. Natürlich virtuell (manche nehmen ja schon an, Estland hätte auch eine virtuelle Regierung). Diesmal heißt das Motto "Great Baltic" bzw. www.greatbaltic.eu. Wer als "baltischer Ausländer" mal schauen möchte, wird zunächst mit einer Übersichtskarte und dem Spruch "choose your country" empfangen. Wer dann aber tschuhsen tuut, der merkt schnell, was eigentlich gemeint ist: nach dem Klick auf Estland wird nur noch Estnisch gesprochen, bei Lettland nur noch Lettisch, bei Litauen nur noch Litauisch. Eine russische Fassung wird parallel bereitgehalten. Für alle anderen heißt es aber: bis hierher und nicht weiter.

Interessant aber doch vielleicht die Frage: was empfehlen denn die Esten den Litauern, die Letten den Esten, oder die Litauer den Letten? Grundlage und Sinn der gemeinsamen Kampagne ist es zunächst mal, zur Entdeckungsreise kreuz und quer durch alle drei Staaten aufzufordern. Es gibt eine Begleitkarte dazu, und mit dieser vorgegebenen Reiseroute sollen die Teilnehmer/innen dann sich an den jeweiligen Zielen einen Stempel abholen, plus ein selbstgemachtes Foto mit den Reisenden selbst drauf auf eine Internetseite hochladen. "Bewirb Dein Nachbarland" scheint also das Ziel zu sein. Und wer schon mal Letten in Palanga lange darüber lange diskutieren gehört hat, wo denn nun diese berühmten "Zeppelini" zu bekommen seien, oder begeisterte Litauer auf Estlands höchster Erhebung Munamägi gesehen hat ob der auch in Litauisch verfügbaren Informationen, der mag auch glauben an den Sinn solcher Kampagnen.

Zwölf Ziele sind in jedem Land vorgegeben. In Estland der Leuchtturm von Sõrve, eine Straußenfarm auf Muhu, ein Aussichtsturm im Naturschutzgebiet Matsalu, der Wasserfall von Keila, ein Abenteuerpark in Tallinns Vorort Nõmme, natürlich das Freilichtmuseum in Tallinn, die Stadt Rakvere, ein Bergwerk in Kohtla, das Kinderparadies Kilplaste, das Spielzeugmuseum in Tartu, ein Haustierzoo in Pihlaka bei Pärnu, und natürlich der Turm auf dem Munamägi. Ganz Bekanntes mit eher Unbekanntem verbunden, so wie es aussieht.

Ob denn die Esten zum Beispiel wohl auch einen Sowjetbunker im sonst durch Tierpark und Nationalpark Gauja bekannten lettischen Ort Līgatne besuchen werden? Oder alt-herzogliche Gruften in Jelgava ansehen? Bis zum Handwerkszentrum von Ludza pilgern?

Oder weiter bis Litauen fahren, um in Kaunas das Pharmazeutische Museum zu besuchen? Oder Wisente bei Pasiliai
(bei Panevėžis) bestaunen?
So stellen es sich jedenfalls die Macher/innen dieser Kamapgne vor - einer Kampagne mit englischem Namen für Estnisch, Lettisch und Litauisch-sprachige Reiselustige. Neueste Statistiken drücken es aus: der "einheimische", also der eher lokal gebundene Tourismus wächst weiter, trotz zuletzt steigender Inflation.

Die Kampagne "Great Baltic" läuft bis November, dann soll als erster Preis ein Wochenende für zwei Personen in einer europäischen Hauptstadt unter den erfolgreichen Teilnehmer/innen ausgelost werden. Zu vermuten ist, dass dann die Reise mal nicht nach Tallinn, Riga oder Vilnius gehen wird.

Great Baltic (Estnisch)

Freitag, Mai 30, 2008

Was wäre wenn?


Jelgava 29.05.1916
Originally uploaded by Jens-Olaf
Jelgava. Hier betritt der älteste Sohn Kaiser Wilhelms II. die Stufen eines Gebäudes in Jelgava, deutsch: Mitau, Lettland. Wahrscheinlich am 29.05.1916, beim Besuch des Kaisers, seines Vaters.
Die Pläne der Deutschen sahen eine Form der Angliederung an das Deutsche Reich vor. Auch die Ereignisse nach dem 1. Weltkrieg mit den Vorstößen deutscher Einheiten Richtung Estland 1919 hinterließen den Eindruck, dass Deutschland der Hauptgegner sei. In den 30ern wurde entsprechend in Estland gefeiert. Über den Sieg bei Wenden, Cesis (Lettland), der die noch junge Unabhängigkeit Estlands gegen die deutschen Truppen sicherte. Der 2. Weltkrieg hat die Perspektive vollständig geändert. Den Esten wurde blinde Kollaboration mit den Deutschen vorgeworfen, was aber bei diesem Hintergrund widersprüchlich ist und so pauschal auch nicht stimmt.

Das Foto ist wahrscheinlich bisher unveröffentlicht.

Anmerkung: Warum poste ich wiederholt über dieses Thema?
Das hat mehrere Gründe. Einmal gibt es viel weniger Dokumente über das Geschehen an der Ostfront im 1. Weltkrieg als von der Gegenseite im Westen. Zum Teil sind die Fotos bisher unbekannt, einige haben mindestens für den regionalen Bezug historische Bedeutung. Und wichtig: Der 2. Weltkrieg ist nur zu verstehen, wenn man die Ursachen und Folgen des 1. Weltkriegs mit berücksichtigt.

Donnerstag, Januar 10, 2008

Wohnen im Baltikum - ein kurzer Einblick

Was zeichnet das Wohnen in Deutschland aus? Vielleicht in der Mehrheit die Wohnzimmer-Schrankwand mit der gegenüberliegenden Sofa-Garnitur und Tisch. Aber sagt das schon alles aus? Es gibt so viele individuelle Varianten.
In welche Richtung geht die Wohnkultur in Estland und Lettland, Richtung Skandinavien oder eher mitteleuropäisch? Oder bildet sich vielleicht sogar ein eigener Stil aus?
Vom Holzangebot her liegt skandinavisch näher durch die helle Kiefer. Viele wohnen allerdings in Apartmentbauten, generell eine Wohnform, die ebenso die eigensinnigen Isländer in Reykjavik kennen oder die Norweger in Trondheim. Hier ein Beispiel aus den 80ern. Obwohl anzunehmen ist, dass der damalige Mieter inzwischen der Besitzer eines großen Einfamilienhauses ist. Als Ingenieur in der Ölbranche ist das mit Sicherheit anzunehmen.
Apartment in Trondheim
Zurück ins Baltikum, Städte wie Narva sind von solchen Apartment-Vorstädten geprägt, oder sie stehen vereinzelt wie hier in Valka/Valga:
Apartment building in Valka
In vielen Fällen teilen sich Familien mit zwei Kindern das Schlafzimmer, das gleichzeitig als Kinderzimmer dient und wo die Schul-Hausaufgaben erledigt werden. Kein Wunder, dass die Kleinen lieber draußen spielen oder zu den Nachbarn gehen. Die Familie ist nicht arm, aber sie wollen noch kein Geld in eine größere Wohnung stecken. Vielleicht klug, da einige von einer Immobilienblase sprechen, überteuerten Preisen auf dem Häusermarkt.
Kaspar's apartment
Das Wohnzimmer ist multifunktional wegen der Enge. Eine Arbeitsecke eingerichtet neben dem Fernseher. Gegenüber ,nicht sichtbar, die Sitzgarnitur, die in ein Bett verwandelt werden kann.
Man at work
In Tallinn kommen noch Altbauviertel hinzu, nicht gemeint ist der Mittelalterkern, sondern die rund hundert Jahre alten Holzhäuser. Vor einigen Tagen sind wieder etliche abgebrannt in der estnischen Hauptstadt. Andere werden aufwendig renoviert. Die Eigentümlichkeit dieser Häuser sind oft die Brandschutzmauern aus Stein an den Seiten.
Tallinn Brandmauern
Lässt man die Steine unverputzt, so hat meinen einen schönen Gestaltungseffekt für die Innenräume wie hier in Tartu:
Tartu
Viele Esten renovieren in Eigenleistung und das Ergebnis sind häufig neue Holzböden, oder freigelegte Mauern.
In einem Haus mit vielleicht mittelalterlichen Aussenmauern, auch in Tartu, hat der Eigentümer ebenfalls die Wände unverputzt gelassen:
Tartu Steinmauer Andere hatten das Haus vorher schon als Abrisskandidat gesehen und fürchteten ein Investitionsgrab.
Diese Bedenken brauchen Hausbauer nicht, sie können sich mit den Plänen der Architekten beschäftigen. Der neue Mittelstand lebt dann in etwa so (siehe unten) in den neuen Vorstadtsiedlungen:
Estonian house
Und äußerlich können sie sehr individuell gestaltet sein, wie hier ausserhalb Rigas. Der Eigentümer hatte schon in den 90ern eine Vorahnung und erstand das Bauland günstig. Heute wäre es selbst für einen leitenden Angestellten wie ihn unbezahlbar.
Out of Riga
Gemeinsamkeit des estnischen wie lettischen Einfamilienhauses, eine Sauna ist inklusiver Bestandteil.

Sonntag, Dezember 23, 2007

Weg mit der Leitplanke -Schengen Nachtrag

Im letzten Post ist eine Leitplanke als Grenzbefestigung zwischen Lettland und Estland zu sehen. Diese ist nun unter den Augen von Präsident Hendrik Ilves verschwunden. Der Videobericht in der Postimees.

Thousands of people had been gathering through Thursday evening on both sides of the border in Valka, Latvia and Valga, Estonia, awaiting the historic moment.

"Today, we the leaders of two towns stand on the border of Latvia and Estonia," Valka's mayor Unda Ozolina told the crowd minutes before midnight. "This is the moment when Valga and Valka will really start living as one town."

Cameras flashed as the gates went up and people trickled into the border area from Latvia and Estonia. People cheered and clapped as two streams began to merge into a large crowd on the border.

"Good evening, Estonia," one young Latvian man yelled in the crowd crossing the border.


Zitat aus EARTHtimes.

Ein Kanadier aus Finnland hat sich extra auf den Weg dorthin gemacht und war zur eigenen Überraschung einer der letzten, die nach alter Rechtslage die Grenze überschritten: § Valga - Valka : 1 linn, 2 riiki - 1 pilsēta, 2 valstis
Von Martin-Éric Racine
Upon returning to the border, just minutes before midnight, I found myself in the middle of a huge crowd of villagers, police officers, border guards and politicians from both countries - barely getting noticed by anyone. I handed my passport to an Estonian border guard who emotionally commented to a civilian friend of his nearby that, "Wow! That was the last one!", handing me my passport back just as the midnight bells rang and the mayor of the Estonian side started his speech amidst pyrotechnics lining the road.


Larko im Rückblick auf seine früheren Grenzerlebnisse: Valga/Valka twin town.

Aleks von All about Latvia war in Valka und Tallinn: Schengen in Tallinn

Mittwoch, Dezember 19, 2007

Valga/Valka ohne Grenzkontrollen Teil 3

Ein kleiner geschichtlicher Rückblick auf die Grenzziehung zwischen Lettland und Estland nach dem 1. Weltkrieg, Georg von Rauch in "Geschichte der baltischen Staaten". Er nennt die beiden Städte Walk (dt.), aus der Zeit als die beiden Teile noch eine gemeinsame Verwaltung hatten:

Neben Haynasch an der Küste des Rigaeschen Meerbusens und der Insel Runö ging es hierbei vor allem um die Grenzstadt Walk. Nach der Volkszählung von 1897 hatten hier 4453 Letten und 3594 Esten gelebt; bei den Stadtverordnetenwahlen von 1917 erhielten die Letten die Mehrheit der Mandate. Als die Streitfrage wegen Walk 1919 erörtert wurde, wiesen die Esten darauf hin, die lettische Mehrheit sei nur durch die Flüchtlinge zustande gekommen, wogegen die Letten betonten, Walk sei Kreisstadt eines von Letten bewohnten Gebietes, und von den fünf sich hier kreuzenden Eisenbahnlinien kämen drei aus Lettland. Die Entscheidung fiel durch eine von einer gemischten Kommission unter Vorsitz des englischen Oberst Tallents ausgearbeitete Konvention vom 22. März 1920. Die Esten verzichteten auf Haynasch, die Letten auf Runö,Walk wurde zwischen beiden Staaten geteilt.


Runö ist die Insel Ruhno; so blieben die Letten ohne eigene richtige Insel. Aber das ist eine andere Geschichte.

1991 war die neuerliche Trennung vollzogen, noch liefen sowjetische Betriebe weiter, wie diese Fabrik in Valka, aber für die Pendler, die jetzt auf der anderen Seite wohnten, begann die Zeit der zum Teil umständlichen Grenzkontrollen.
Valka 1992 Latvia
Die Kolchosen, deren Skelettbauten nun häufig im Baltikum herumstehen, wurden zum Beispiel von Sägewerken abgelöst:
Valka sawmill
Die alten Schweineställe der Kolchose:
left kolchos

Diese Strassenpartien waren ab jetzt ganz geschlossen, am 21. Dezember wird auch das Historie sein:
Valga border III
Der Blick oben nach Valka in Lettland und umgekehrt nach Valga in Estland auf der gleichen Straße:
Valga border

Jan S. Krogh hat vor Jahren die Grenzmarkierungen fotografiert und teilweise mit Kommentaren versehen: Valga/Valka
Technische Uni Chemnitz beim Besuch des ehemaligen Bürgermeisters von Valka, Vents Krauklis, 2006
Besuch der lettisch-estnischen Grenzstadt Valka-Valga
Und
Valga und Valka - Geteilt durch eine „Berliner Mauer“
von Herle Forbrich
Europa-Universität Viadrina Frankfurt(Oder)2004

Montag, Dezember 17, 2007

Ohne Grenzkontrollen Teil 2

Aleks war schneller mit seinem Post in seinem Blog: All About Latvia. Er hat vor kurzem Valka besucht. Lange Jahre verbrachte er in den USA und ist nun nach Riga zurückgekehrt. Sein Eindruck von Valka, der lettischen Kleinstadt, in der bald die Grenzkontrollen nach Estland wegfallen, A Tale of Two Cities:

Everyone indeed knew everyone. An older gentleman called on a driver by name to stop the bus at a local hospital. People chit-chat about life in the bid city, brushing me with their glances. And I realize before I even say a word, everyone knows I’m a stranger in these parts.


Er meint, jeder kenne jeden, und das ist auch mein Eindruck von Valka der Grenzstadt zu Valga, Estland. 1991 war Schluss mit der Sowjetunion und die Grenzkontrollen waren neu in dieser doppelten Stadt. Obwohl so ganz neu auch nicht, bereits in der ersten Unabhängigkeitszeit bis 1940 war diese Grenze vorhanden.
Eesti Vabariik
Das Schild Eesti Vabariik 1991 gerade neu aufgestellt.

16 Jahre später sieht es so aus. Der Blick auf den lettischen Grenzposten Richtung Valga:
Valga border II

Aber 7000 Einwohner für Valka klingt sehr nach Provinz. Na und! Dafür haben die Einheimischen andere Freizeitbeschäftigungen als die Rigaer oder Tallinner. Zum Beispiel Elche erlegen im Winter. Die nächste Saison ist angebrochen und das deutsche traditionelle Halali findet hier eher nicht statt:
Elk hunting in Latvia
Die Jugend fährt auch gerne Auto jenseits der Zentren, und die Besten nehmen an nationalen Rallymeisterschaften teil:
lesalnieks
Zur Abwechslung fährt man ab und zu nach Valga auf die estnische Seite:
Valga
Valga war mal eine wichtige Bahnstation Richtung Osten. Davon zeugen nicht nur die vielen Gleise sondern auch dieses museale Technikrelikt:
Valga train
Valga hat mehr Einwohner, aber auf den ersten Blick ist das schwer zu erkennen. Die beiden Städte haben kein dichtgedrängtes Zentrum, eine Flussniederung windet sich durch die Ansiedlungen. Die Grenzziehung wird dadurch nur an zwei Strassenzügen auffällig, die Fotos dazu im nächsten Teil.

Samstag, Dezember 15, 2007

Ohne Grenzen- wegfallende Grenzkontrollen Teil 1

Europa ohne Grenzkontrollen, allmählich kommen wir dem Ziel näher. Wieder wird der Schengen-Raum erweitert. Was früher unter den skandinavischen Staaten üblich war und später unter einigen Mitgliedern der EU, dehnt sich jetzt nach Nordosteuropa aus. Zwischen Valka/Lettland und Valga/Estland werden am 21. Dezember feierlich die Grenzkontrollen abgeschafft.
Bis dahin war es ein weiter Weg, und er wurde auch voreilig kritisch begleitet. Mit der Unabhängigkeit der baltischen Staaten stöhnten nicht wenige vorwurfsvoll in Deutschland: "Schon wieder neue Grenzen in Europa und wir (EU) sind dabei sie abzuschaffen".
Unter Umständen ist sowas auch ohne EU- Mitgliedschaft möglich. Aber das haben nur Länder wie Norwegen (kein EU Land) und die anderen drei Nachbarländer Dänemark, Schweden und Finnland schon vor Jahrzehnten untereinander hinbekommen.
Valka und Valga sind die beiden Orte, die 1991 mit zu meinen ersten Baltikum-Erfahrungen gehören. Und diese Grenze zwischen Estland und Lettland ist indirekt schuld daran, dass mir 1992 von einer Behörde in Tallinn eröffnet wurde, dass ich mich seit einiger Zeit illegal im Lande aufhalte. Ein ziemlicher Schreck.
Eingereist war ich nach der Jahreswende 1991/1992 bereits ein zweites Mal, nun mit einem Visa der estnischen Botschaft in Deutschland, das für 3 Monate ausgestellt wurde. Aber merkwürdigerweise erkannte Tallinn gar nicht solche Visa an. Ich hatte es befürchtet. Von Tartu aus war ich des öfteren bei Freunden in Valka/Lettland. Ein Grenzübertritt und ich hätte nur den Pass stempeln lassen müssen nach einer gewissen Zeit, um eine Ausreise anzuzeigen. Einmal fragte ich einen estnischen Grenzposten deswegen, aber er war ahnungslos, er telefonierte mit einem Vorgesetzten und der meinte es sei alles kein Problem. Das Visa sei korrekt. Aber dieser Ausreise-Stempel fehlte dann, ich hatte den Daueraufenthalts-Zeitraum überschritten. Da man das Land damals nur mit einer offiziellen/dokumentierten Einladung betreten durfte (die Grenzkontrollen in Tallinn wurden noch von SU-Vertretern durchgeführt - trotz Unabhängigkeit), musste ich laut Anweisungen in Tallinn eine Strafrunde nach Tartu unternehmen. Denn von dort stammten die Einladungsdokumente. Nachdem ich dort also den Aufenthalt wieder offiziell bestätigt und eine gewisse Gebühr entrichtet hatte, war die Sache bereinigt. Das vorherige dreimonatige Reisevisum war ungültig. Stattdessen hatte ich jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung.

Montag, November 05, 2007

Wo liegt eigentlich Estland?

Jetzt wäre es einfach eine Anspielung auf amerikanische Geografiekenntnisse zu machen. Aber über die Schwierigkeiten andere Länder auf der Karte zu orten können die Amerikaner selbst Witze machen.
Ausserdem landet man schnell bei der Besserwisserei, wenn man europäischen Überblick herauskehren möchte. Zum Beispiel: Wer weiß wieviel Länder zu Europa gehören? Kann jeder aus dem Stand alle aufzählen? Immerhin lernen die Schüler in Amerika die eigenen Bundesstaaten, und die sind in der Anzahl mehr als Europas Staaten. Der jüngste in Europa ist Montenegro.
Lassen wir das. The Singing Revolution, eine Dokumentation über die Jahre vor 1991 hat seit dem Filmfestival in Toronto, Kanada, für einige Aufmerksamkeit gesorgt.
Vorweg die Kritik: Der Blick auf die Vergangenheit vor der Singenden Revolution bis zurück auf die drei sowjetischen und deutschen Besetzungen während des 2. Weltkrieges sei flüchtig und lückenhaft. Im Mittelpunkt steht Estland, während zwei weitere baltische Länder ebenfalls an dieser Revolution mitgewirkt haben. Es heisst, die Berücksichtigung von Lettland und Litauen hätte den Rahmen gesprengt.
Also, der Fokus ist Estland und der Film wird im Dezember in Los Angeles und New York gezeigt. "life after eesti" berichtet.
Jason Cherniak war bei der Aufführung in Toronto, wo Mart Laar der Historiker und Expremier ebenfalls anwesend war unter vielen Exilesten. Er beschreibt die Veranstaltung hier.
Eine Szene aus der Dokumentation zeigt die Schwierigkeiten der Umbruchjahre. Die pro-sowjetische Interfront war gegen die Unabhängigkeitsbewegung, und verlangte entschlosseneres Eingreifen der Zentrale in Moskau.

Es ist fraglich ob diese Dokumentation jemals im deutschsprachigen Raum eine Rolle spielen wird. Ohne die Gesamtlänge des Films gesehen zu haben, fällt es schwer ein Urteil darüber zu fällen.
Und es ist nicht die erste Dokumentation dieser Art. Und dann kommen wir doch wieder zum gesamtbaltischen Kontext. Wer damals 1991 Homeland von Juris Podnieks gesehen hat und seine Crew mit der Szene "Keep Filming", als Slapins tödlich getroffen im Schnee des Parks im Zentrum Rigas lag und Zvaigzne wenig später ebenfalls an den Verwundungen starb, der wird verstehen was ich meine, wenn es um Emotionen geht. Dieser Film war noch unmittelbar am Geschehen. Und dazu gehören Litauen, Lettland und Estland.

Aus dem gleichen Film stammen diese Szenen. Die Litauer haben die größte Last getragen, was die Bedrohung durch militärische Angriffe angeht. Hier ein weiterer Ausschnitt.
Natasha Slapins in Latvians.com:
Slapins' widow, Natasha Dushen, doesn't expect that to happen.
"I've thought endlessly about who is to blame, but in the end, I think it was the system," she said. "It created primitive people by teaching them that everything can be solved by force of arms."
"Andris once told me he would even give his life for Latvia to be free," she said. "The Soviet forces really underestimated that desire for freedom."

Montag, Juli 23, 2007

Praktikumsmöglichkeit

Die Hamburger Weiterbildungseinrichtung "Arbeit & Leben" bietet erneut eine Praktikumsmöglichkeit in Estland, Lettland oder Litauen an. Anvisiert als Arbeitszeitraum wird der 24.September bis 16.Dezember 2007, Bewerbungsschluß ist der 30.Juli.

Angesprochen werden sollen mit dem Programm Fachleute aus den Branchen Baugewerbe, Handwerk –insbesondere Holzverarbeitung, Medien, Druckindustrie, Informatik, Telekommunikation, Landwirtschaft, Gesundheits–, Erziehungs– und Dienstleistungswesen.
Vorausgesetzt werden eine abgeschlossene Berufsausbildung, mindestens zweijährige Berufserfahrung und mindestens Englischkenntnisse (falls keine Kenntnisse in der Sprache des Ziellandes vorhanden sind gibt es Sprachtraining vor Ort).

Infoseite von "Arbeit & Leben"

Dienstag, Juni 26, 2007

Tag des Sieges - Võidupüha (Victory Day)

Die Mitsommernachstfeiern fallen seit den 30er Jahren mit einem Gedenktag zusammen. Dem Tag des Sieges der Esten ueber die Deutschen 1919 in Lettland. Stop! Das ist so in dieser vereinfachten Version auch nicht richtig, meint Peteris Cedrins und hat sich die Muehen gemacht alte Buecher durchzugehen, aus Quellen zu sammeln, die man so im Internet nicht finden kann. Ausserdem erfaehrt man, dass Lettland anders als Estland etwa 37 % der Bevoelkerung waehrend des 1. Weltkrieg verlor. Hier eine Fotopostkarte, die Fluechtlinge in Lettland auf dem Weg nach Norden oder Osten zeigt.
Refugees Jakobstadt  Nov.1917
Peteris Cedrins Post: Heroes' Remembrance Day. Das ist der Gedenktag wie er auf Lettisch begangen wird.
Und wer die militaerischen Aspekte der Kaempfe 1919 genauer wissen moechte:
Freikorps and Estonia 1919 aus einem Diskussionsforum.
Einer der wenigen deutschsprachigen Texte, die sich mit dem Võidupüha im Internet befassen ist diese historische Abhandlung von Karsten Brueggemannn:
Estnische Erinnerungsorte: Die Schlacht von Wenden gegen die Baltische Landeswehr im Juni 1919 als Höhepunkt der nationalen Geschichte

Samstag, Mai 05, 2007

Die lettische Saeima lehnt Unterstuetzungerklaerung fuer Estland ab

Samstag-Hauptschlagzeile in der Diena, Riga, Lettland. Estland erhaelt keine Unterstuetzung fuer die gegenwaertige Poltik (Auseinandersetzung mit Russland) vom lettischen Parlament. Die Diena hat die nein-stimmenden und ablehnenden Abgeordneten bereits in der gedruckten Ausgabe rot umkreist. Nicht wenige Letten diskutieren das als innenpolitisches Raenkespiel.
Es gibt nun einen derben Keil im Zusammenhalt der baltischen Staaten. Und das in der sogenannten Europaeischen Union.

Im gleichen Artikel veröffentlicht DIENA auch das namentliche Abstimmungsergebnis:
das NEIN für eine Unterstützungserklärung kam durch Enthaltungen und nicht abgegebene Stimmen zustande. 41 von 100 waren FÜR eine Unterstützung, 29 DAGEGEN, 11 Enthaltungen und ebenfalls 11 nahmen gar nicht an der Abstimmung teil.

Hier die Namen:

BEFÜRWORTER einer Unterstützung der estnischen Position:
Augulis Uldis (ZZS)
Ābiķis Dzintars (TP)
Āboltiņa Solvita (JL)
Bendrāte Silva (JL)
Briedis Uldis (TP)
Circene Ingrīda (JL)
Čepāne Ilma (JL)
Dobelis Juris (TB/LNNK)
Eglītis Jānis (TP)
Emsis Indulis (ZZS)
Grava Uldis (JL)
Grīnblats Māris (TB/LNNK)
Ģīlis Valdis (TP)
Kalniņš Imants (TB/LNNK)
Kalniete Sandra (JL)
Kampars Artis (JL)
Kariņš Krišjānis (JL)
Klaužs Jānis (TP)
Ķikuste Sarmīte (JL)
Laicāns Gunārs (TB/LNNK)
Latkovskis Ainars (JL)
Lācis Visvaldis (ZZS)
Leiškalns Kārlis (TP)
Līdums Leons (TP)
Muižniece Vineta (TP)
Mūrniece Linda (JL)
Ozoliņš Leopolds (ZZS)
Paegle Vaira (TP)
Putniņš Pauls (ZZS)
Rasnačs Dzintars (TB/LNNK)
Reirs Jānis (JL)
Repše Einars (JL)
Rībena Inguna (JL)
Segliņš Mareks (TP)
Seile Anna (TB/LNNK)
Šadurskis Kārlis (JL)
Šķesters Staņislavs (ZZS)
Tabūns Pēteris (TB/LNNK)
Zaķis Dzintars (JL)
Ziedone–Kantāne Ausma (JL)
Zommere Ērika (TP)

mit NEIN stimmten:
Agešins Valērijs (SC)
Barča Aija (TP)
Bērziņš Andris (LPP/LC)
Buhvalovs Valērijs (PCTVL)
Buzajevs Vladimirs (PCTVL)
Cilevičs Boriss (SC)
Fjodorovs Sergejs (SC)
Golubovs Aleksandrs (SC)
Kabanovs Nikolajs (PCTVL)
Klementjevs Ivans (SC)
Klementjevs Andrejs (SC)
Krastiņš Māris (TP)
Krauklis Vents (TP)
Kučinskis Māris (TP)
Lagzdiņš Jānis (TP)
Mackevičs Anatolijs (LPP/LC)
Mirskis Sergejs (SC)
Mitrofanovs Miroslavs (PCTVL)
Orlovs Vitālijs (SC)
Pliners Jakovs (PCTVL)
Ribakovs Ivans (SC)
Rubezis Ziedonis (TP)
Rubiks Artūrs (SC)
Rugāte Anta (TP)
Sokolovskis Juris (PCTVL)
Tutins Jānis (SC)
Urbanovičs Jānis (SC)
Ušakovs Nils (SC)
Vidavskis Aleksejs (SC)

ENTHALTUNGEN:
Aizbalts Vitālijs (LPP/LC)
Ārbergs Māris (TP)
Dalbiņš Juris (TP)
Dukšinskis Jānis (LPP/LC)
Feldmane Inta (LPP/LC)
Jaundžeikars Dzintars (LPP/LC)
Pauls Raimonds (TP)
Porietis Jānis (TP)
Stepaņenko Vjačeslavs (LPP/LC)
Turlais Dainis (LPP/LC)
Valers Imants (TP)

nicht an der Abstimmung nahmen teil:
Blumbergs Guntis (ZZS)
Bresis Vilnis (ZZS)
Brigmanis Augusts (ZZS)
Dolgopolovs Sergejs (SC)
Hanka Pēteris (ZZS)
Kāposts Andis (ZZS)
Līdaka Ingmārs (ZZS)
Silaraupa Ligita (ZZS)
Strazdiņš Jānis (ZZS)
Šmits Jānis (LPP/LC)
Upenieks Gunārs (ZZS)

Abkürzungen: TP - Tautas Partija / Volkspartei, ZZS = Grüne & Bauernpartei, LPP/LC = erste Partei / Lettischer Weg, PCTVL = für Menschenrechte in einem geeinigten Lettland, SC = Harmonie Zentrum, JL = Neue Ära, TB/LNNK = Vaterlandspartei,