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Samstag, Oktober 05, 2024

Virtuelle Nachbarn

"Ihre digitale Identität, ihre Firma, ihre Freiheit!" So bewirbt Estland die Möglichkeit gerade für Firmeninhaber, sich digital an das estnische Kommunikationssystem anzudocken. 

"Die E-Residency ist in Estland eine von der Regierung ausgestellte digitale Identität, die globalen Unternehmern Fernzugriff auf das digitalste Land der Welt ermöglicht", so die regierungsamtliche Information. Eine sichere Authentifizierung online werde ebenso geboten wie ein Weg, Dokumente mit elektronischen Signaturen zu signieren. Natürlich könne man ein Unternehmen überall gründen (auch online). Eine "positive Kapitalrendite für globale Unternehmer" wolle man schaffen. "Estland war das erste Land, das 2014 E-Residency anbot. Es ist nach wie vor das beliebteste Programm seiner Art für ambitionierte Unternehmer." (e-resident.gov.ee)

Verläufige Bilanz nach 10 Jahren: 59.644 ausländische Staatsbürger mit "E-Residenz" gibt es inzwischen. Gebührenfrei ist die Registrierung allerdings nicht: 100-120 Euro nimmt der estnische Staat pro Person ein. 

Unerwünschte Elemente? 

Nun müssen die digitalbegeisterten Estinnen und Esten allerdings feststellen, dass sich natürlich auch zwei Länder unter insgersamt 170 virtuell vernetzten Nationen befinden, zu denen seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine die Beziehungen kompliziert geworden sind: Russland und Belarus. 

Eigentlich habe man schon seit März 2022 keine E-Residency mehr an Antragsteller aus diesen beiden Ländern vergeben, so Oscar Õun, Risokomanager für das E-Residency-Programm gegenüber ERR. Und da die E-Residency nach einem Gültigkeitszeitraum von fünf Jahren erneuert werden muss, sei auch die Gesamtzahl der Registrierten leicht gefallen. Einige dieser erneuten Antragsteller habe man also nicht wieder zugelassen. 

Noch im Februar 2022 sollen sich 8,5 Prozent aller gültigen estnischen E-Residency-Karten im Besitz russischer und weißrussischer Staatsbürger gewesen sein - bis zum Ende des Sommers 2024 ist dieser Wert auf 5 Prozent gesunken. Genauer gesagt seien es 4.421 russische und 902 belarussische Bürgerinnen und Bürger mit E-Residency-Status gewesen, verblieben sind noch 2.573 bzw. 565 – ein Rückgang um 42 Prozent. 

Sanktionsfrei

Die estnischen Behörden betonen, dass es bisher keinerlei Sanktionen gäbe, die russischen Bürgerinnen und Bürgern untersagen würden, sich an estnischen Unternehmen zu beteiligen oder sie zu besitzen - ob nun mit E-Residency oder ohne. „Selbst wenn die digitale E-Residency-ID einer Person widerrufen wird, beendet dies nicht die Geschäftstätigkeit der mit dieser Person verbundenen Unternehmen in Estland“, sagt Anita Preinvalts, Sprecherin der Polizeibehörde (Politsei- ja Piirivalveamet). 

Ein Unternehmen von überall führen zu können, und doch an das digitale System der "Residenz" angeschlossen zu sein - gerade damit hatte Estland ja sehr aktiv geworben. Reduzierung von Bürokratie und Papierkram sowie eine globale Community werde geboten - die bereit ist, Wissen und Erfahrungen auszutauschen. Der Status einer E-Residency bedeutet nicht, dass man tatsächlich in Estland ansässig ist.

Montag, Juli 03, 2023

Alles fägt mit Aabits an

Ein estnisches "Aabits" - hier in Variante
aus der bekannten "Lotte"-Reihe

In Estland fängt das Lernen mit "Aabits" an - Deutsch würden wir vielleicht "ABC-Fibel" sagen. Solche estnischen "Aabits" soll es bereits seit dem 16. Jahrhundert gegeben haben. Für die Heranwachsenden in Estland gibt es gegenwärtig einige Änderungen: Für Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 4 beginnt ab 2024 der Übergang zum Sprachunterricht ausschließlich in estnischer Sprache, mit dem Ziel, diesen Prozess bis 2030 abzuschließen. 

Bis das soweit ist, gibt es aber offenbar noch einige Probleme. Da ist zunächst mal der Mangel an Lehrkräften, die Estnisch unterrichten können. Und es geht auch nicht nur um Kinder: in Bezirk Ida-Virumaa etwa, im Nordosten Estlands gelegen, seien es zumeist Frauen älter als 40 Jahre, die sich verbesserte Estnisch-Kenntnisse aus beruflichen Gründen wünschten (ERR). Darunter seien auch Lehrerinnen, die bisher zwar Estnisch verstehen, aber nicht unbedingt gefordert waren ihren Unterricht tatsächlich auf hohem Niveau in Estnisch abzuhalten. Und auch für die Flüchtinge aus der Ukraine werden Estnisch-Kurse und entsprechend Lehrkräfte gebraucht. Tallinns Bürgermeister Mihhail Kõlvart stellt allein für die Hauptstadt 700 Erzieher/innen mit guten Estnisch-Kenntnissen in den Kindergärten und weitere 144 Pädagog/innen für die ersten vier Grundschulklassen fehlen würden. (err)

Der estnische Rechnungshof (Riigikontroll) hatte hatte Anfang Juni einen Bericht vorgelegt, der im Ergebnis mehr Sorgfalt beim Übergang zur estnischen Sprache in den forderte. Hier wird zum Beispiel festgestellt, dass obwohl in Schulen mit Russisch als Unterrichtssprache in neun Grundschuljahren insgesamt 1050 Stunden Estnisch unterrichtet wird, etwa ein Drittel der dortigen Absolvent/innen nicht genügend Estnisch-Kenntnisse aufweisen um ein Studium anschließen zu können. 

Bemängelt wird in diesem Bericht auch, dass die estnischen Kommunalverwaltungen nicht genügend auf Fortschritte in diesem Bereich achten würden - weder durch Anreize, noch durch Strafen. Die estnische Bildungsministerin Kristina Kallas (Eesti200, ein Koalitionspartner der Reformpartei von Regierungschefin Kaja Kallas) gab zu dass etwa das Berufsbildungszentrum in Ida-Virumaa weiterhin auch in Russisch unterrichte und forderte den dortigen Schuldirektor Hannes Mets zum Rücktritt auf. (err). Nach Darstellung von Mets habe man im vergangenen Herbst 1500 neue Studierende aufgenommen, von denen 1350 nicht über ausreichende Estnisch-Kenntnisse verfügten. Allerdings lehre seine Schule auch Kenntnisse in den Bereichen Handel und Wirtschaft und sei nicht auf Sprachen spezialisiert. Ende Juni trat Mets dann zurück (ERR), und nur kurze Zeit später wurde Mati Lukas zum neuen Leiter ernannt (ERR). 

Die estnische Sprachaufsichtsbehörde (Keelamet) hatte bereits eine Reihe von Strafen für Lehrkräfte des Bildungszentrums wegen unzureichender Estnisch-Kenntnisse verhängt. Das Strafmaß für Schulen, welche die Anforderungen an den Estnisch-Unterricht nicht erfüllen wurde auf maximal 10.000 Euro erhöht und dem "Keeleamet" das Recht zugestanden, Klassräume zu besuchen und Sprachkenntnisse der Pädagog/innen zu prüfen. Für Schulen im Bezirk Ida-Virumaa habe es bisher etwa 200 Strafen gegeben, in einer Höhe zwischen 30 - 400 Euro. (err)

Nach Angaben der estnische Regierung liegt das Ziel des Übergangs zum estnischen Sprachunterricht vor allem darin, allen Kindern in Estland, unabhängig von ihrer Muttersprache, die Möglichkeit zu bieten, einen qualitativ hochwertigen estnischen Sprachunterricht zu bekommen.

Donnerstag, September 15, 2022

Familie zu zweit, oder allein

Mitten in den aktuellen Meldungen aus Estland findet sich dies: es wurden Zahlen aus der Volkszählung in Estland 2021 veröffentlicht. Estland hat die Familien gezählt. Resultat: es gibt 341.995 davon (bei insgesamt 561.655 Haushalten). Auffällig dabei: was sich in Estland Familie nennt, besteht fast zur Häfte (49%) aus zwei Menschen (stat.ee / err.ee / rahvaloendus). 

Als Familie in Estland zusammenleben - statistisch teilt sich das folgendermaßen auf: 55% sind verheiratet, 27% leben unverheiratet zusammen. Weitere 18% stehen für getrennt lebende Alleinerziehende (16% Frauen, 2% Männer - das Statistikamt weist nicht aus, ob diese verheiratet sind oder nicht). 14% der Kinder leben mit nur einem Elternteil zusammen. Die Lebensform, bestehend aus einem verheirateten Ehepaar ohne Kinder, macht in Estland 28% dessen aus, was das Statistikamt als "Familien" bezeichnet (94.554).Damit sei es die häufigste Variante einer Familie, denn Familien mit einem Kind machen nur 25% aus, weitere 19% sind unverheiratete Paare mit Kindern. 

Wenn nun die Anzahl der Haushalte betrachtet werden, so bestehen 37% aller Haushalte in Estland aus nur einer Person (16% der Gesamteinwohnerzahl). Wenn nun noch diejenigen Haushalte dazu gezählt werden, wo entweder Geschwister oder Großeltern mit Enkeln zusammenleben, dann können 40% der Haushalte nicht als Familienhaushalte bezeichnet werden (das sind 24% der Gesamtpersonenzahl). 

Einige regionale Unterschiede: die zahlenmäßig stärksten Haushalte wurden in Tartu (2,5 Personen) und iim Landkreis Harju (2,43 Personen, Gegend rund um Tallinn) lokalisiert. Haushalte mit wenigen Mitgliedern leben vor allem in Hiiu (Insel Hiiumaa, 2,16 Personen) und Ida-Viru (Nordosten Estlands) mit 2,08 Personen. Ebenfalls in Ida-Viru leben statistisch die meisten Menschen in Single-Haushalten: 43%, während im Kreis Tartu zahlenmäßig viele in Haushalten mit fünf oder mehr Personen leben (11%).

Auch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Ethnien wurde statistisch ausgewertet. Danach leben in Estland 88% der Menschen in "monoethnischen" Haushalten - 63% bestehen ausschließlich aus Estinnen und Esten, 21% aus Russinnen und Russen, 4% aus anderen Ethnien. Nur 12% leben also privat mit mehreren Ethnien in einem Haushalt, davon sind 5% estnisch-russische Hauhalte.

Freitag, August 26, 2022

Auswählen und aufräumen

Die Stimme Estlands ist hörbarer geworden in Europa - nein, diesmal nicht durch Digitalisierungsmaßnahmen oder andere Schlagworte mit einem großen E davor. Der ARD-Weltspiegel widmete Estland und der Ministerpräsidentin Kaja Kallas gleich volle 30 Minuten Aufmerksamkeit.  "Kaja Kallas - wer ist die Frau?" wird hier in einem Tonfall gefragt, als ob es gälte Mythen und Geheimnisse aufzuklären. 

Stimme der Eisernen

Und auch die Bezeichnung "Eiserne Lady des Baltikums" scheint ein beliebter Wanderpokal der Deutschen zu sein - galt es 1999 bis 2007 für die Lettin Vaira Vīķe-Freiberga, dann 2009 bis 2019 für die Litauerin Dalia Grybauskaite. Und auch Estland hatte ja eigentlich mit Präsidentin Kersti Kaljulaid schon eine durchaus "eiserne" - indem sie sowohl klar und deutlich wie auch unkonventionell zum Beispiel gegen rechtsradikale Tendenzen in ihrem Lande auftrat. Aber wer im eigenen Lande zu vielen "eisern" auf die Füße tritt, dem wird offenbar in Estland eine zweite Amtszeit verwehrt. - Erst dadurch tritt nun Kaja Kallas viel stärker in den Vordergrund als der estnische Präsident (wie heißt er noch gleich?). Dass "baltische" Präsidentinnen auch mal bei entsprechenden Anlässen Volkstracht tragen, scheint aus deutscher Sicht auch immer noch eine besondere Bemerkung wert zu sein (estnische Politikermänner tun das übrigens auch - aber wer berichtet darüber?). 

Foto aus dem Jahr 1994

 Abneigung gegen Sowjetisches

2007 war das Jahr des "Denkmalstreits" in Tallinn - und deutsche Berichterstattung wurde noch weitgehend von Stockholm, Moskau oder Warschau aus organisiert. Interessant, dass es schon damals um dieselben Vokabeln und Schlagzeilen ging, wie sie auch heute Verwendung finden. Schon 2006 war in Estland das öffentliche Zurschaustellen sowjetischer Symbole unter Strafe gestellt worden - ein Vorgang, der Tomasz Konicz Anlass gab zu bedauerten, das neue Gesetz mache es in Estland unmöglich, am "Siegestag über den Faschismus" ... "sowjetische Fahnen schwenkend durch die Straßen" zu ziehen (Junge Welt). Er sah damals Estland "im antikommunistischen Rausch" (aber gut erkannt - mit Kommunismus hat Estland wirklich wenig am Hut). 

Schon damals war auch der russische Außenminister Sergei Lawrow im Amt und beklagte die Gleichsetzung von UdSSR- und Nazi-Symbolen. Und auch einige deutsche Journalisten waren zu dieser Zeit mit dem "Etiketten-kleben" sehr schnell bei der Hand: Ulrich Heyden meinte feststellen zu müssen, man messe in "Tallin" (sic!) mit "zweierlei Maß" (Eurasisches Magazin). Und Ute Weinmann glaubte für "Jungle World" entdeckt zu haben, es gehe vor allem um die Überwindung des "Schmach der Westmächte, die den Sieg über Deutschland nur mit Hilfe der Sowjetunion erringen konnten". 

Vorwürfe und einfache Urteile

Anfang 2007, als sich eine parlamentarische Mehrheit für eine Versetzung des "Bronzesoldaten" in Tallinn im estnischen Parlament abzuzeichnen begann, versuchte Moskau monatelang mit gezielter Propaganda die Entwicklung aufzuhalten. Man könne ja die sowjetischen Denkmäler alle nach Russland holen, und auch die Transportkosten bezahlen, hieß es. Oder, als Variante, eine Kopie des estnischen Bronzesoldaten in Moskau aufstellen (aktuell.ru). Für die interessierte Öffentlichkeit lag damals eine lange Liste angeblicher estnischer Sünden bereit, und jeder Punkt darauf klang gleichfalls schändlich: Förderung von Faschismus, Ehrung estnischer SS-Kämpfer, Behinderung der russischen Sprache, keine wirkliche Demokratie. Erneut assistiert Ulrich Heyden, indem er Estland als "Schlußlicht bei der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen" bezeichnete. Die Zielorientierung an Idealen der Demokratie allerdings ging in Russland dann schnell verloren und wurde auch Estland gegenüber nur noch dann wiederholt, wenn es für "westliches" Publikum geschrieben wurde. Resultat waren Reaktionen wie die des österreichischen "Standard": "Esten räumen mit Sowjets auf". Das kleine Estland als Bedrohung Russlands? Oder war vielmehr eine Irritation des westlichen Wertegefüges durch Estland gemeint (das damals noch nicht den Ruhm eines E-Estonia hatte), weil das westliche Bild vom "guten Russen" noch zu sehr von Menschen wie Gorbatschow bestimmt war?

Zerstören, umsetzen, demontieren? 

Aber die Kaja Kallas von heute hat offenbar in mindestens einem Punkt vor, etwas anders zu machen als damals. Damals, ja sogar noch im April 2007 gab es sehr unklare Äußerungen von verantwortlichen estnischen Politikern dazu, was nun mit dem "Bronzesoldaten" passieren solle. Das gab den Gerüchten Auftrieb, das Denkmal solle "zerstört" werden. So titelte die "Frankfurter Rundschau" sogar noch bei Beginn der Arbeiten so: "Esten starten Abriss von Soldatendenkmal", und Korrespondent Gamillscheg ergänzt in einem Kommentar: "Der Beschluss, ihn abzubauen, war unsensibel" (beide Beiträge im Archiv der FR nicht mehr verfügbar, daher hier nicht verlinkt). Da kann spekuliert werden, ob es die deutschen Journalisten zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht besser wussten, oder die Lage einfach, von Stockholm aus gesehen, zu unübersichtlich war?

Kaja Kallas sagt heute (Aussage ARD-Weltspiegel): "Wir wollen die Denkmäler dahin versetzen, wo sie hingerhören: ins Museum." Das, was aktuell in der Ukraine passiere, erinnere die Esten daran, was sie selbst durchgemacht haben. In deutschen Medien wird die estnische Position dennoch auch heute unterschiedlich wiedergegeben. Während einige von "Verlegung" sprechen (ZEIT, Deutschlandfunk), ist bei anderen von "Demontage" die Rede (Tagesspiegel, FAZ), und es gibt auch Versuche den ganzen Vorgang zu verurteilen ("Bildersturm ist schlechte Geschichtspolitik", NZZ). 

Ein Plakat aus dem Jahr 2003, als
die Volksabstimmung zum EU-Beitritt
bevorstand. - Während Estland heute
gleichfalls deutlich die Unterschiede
zu Russland betont, erzeugt die
estnische Abgrenzung gegenüber
Russland anderswo in Europa nicht
überall Begeisterung

Begrenzte Einreise

Da ist es doch gut, dass Estland gleich noch mit einem anderen Thema Diskussionen ausgelöst hat: der Begrenzung von Visazuteilungen für Russinnen und Russen. Vom "Aufräumen" zum "Auswählen" sozusagen. Nach wie vor wird der direkte Zusammenhang mit Putins Angriffskrieg betont. Seit dem 24. Februar seien etwa eine Million Bürger/innen der Russischen Föderation in Länder der EU eingereist, bilanzieren die estnischen Behörden unter Berufung auf Daten von Frontex (Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache). Davon seien allein 28% über Estland gekommen (ERR). Estland und Finnland zusammengenommen machen sogar 61% dieser Einreisen aus. Unmittelbar nach Kriegsbeginn hatte die EU ja bereits weitgehende Flugbeschränkungen ausgesprochen, also bleibt vielen nun die Reise über Land als einzige Möglichkeit. Und auch Drittstaaten wie Georgien, die Türkei, Serbien oder Dubai seien als Einreiseweg in die EU genutzt worden. 

Die Vorstellung erzeugt klare Bilder: Russinnen und Russen machen Urlaub in Europa, während die Armee ihres Landes das Nachbarland versucht in Schutt und Asche zu legen. Derweil hatte in Tallinn Außenminister Reinsalu seinen Amtkollegen aus Ungarn Peter Szijjartozu Gast. Der Ungar berief sich dabei aufs deutsche Vorbild: "Wir stimmen mit dem deutschen Kanzler Scholz überein und planen keinerlei Einschränkungen." (ERR) Für stärkere Unerstützung der Ukraine, also für striktere Sanktionen gegen Russland, sprachen sich am 25. August in einer gemeinsamen Entschließung sieben Länder aus: Tschechien, Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen und Polen. (ERR)

Wir werden sehen, wo die Entwicklung noch hingeht - hoffentlich bald Richtung Frieden und Gerechtigkeit. Aber das die estnische Stimme - so unterschiedliche Reaktionen sie auch nach wie vor im deutschsprachigen Raum hervorruft - gegenwärtig deutlicher gehört wird, das ist wohl unbestritten.

Donnerstag, Oktober 21, 2010

Diskriminierung der Russen im Baltikum – alte Kamellen?

Der Uno-Ausschuß gegen Rassendiskriminierung hat Estland aufgefordert, öffentliche Dienstleistungen zweisprachig anzubieten und auf die Bestrafung der Nichteinhaltung des Sprachgesetzes zu verzichten. Gleichzeitig sollten mehr kostenlose Sprachkurse angeboten werden. Es wird empfohlen, im kommenden Jahr die Aufgaben der Sprachkommission zu überprüfen, denn die bisherige Praxis könne als Diskriminierung verstanden werden und negative Gegenreaktionen auslösen. Der Ausschuß regt außerdem eine Vereinfachung der Einbürgerung an.

Darüber informierte sich eine estnische Delegation nach der 61. Sitzung des Ausschusses in Genf.

Die Bewertung der Situation der in Estland und Lettland lebenden Russen wird seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 im „Westen” kritisch gesehen. Beide Staaten gewährten nicht allen Einwohnern die Staatsbürgerschaft und verlangen für Berufe mit Kundenkontakt entsprechende Kenntnisse der Landessprache. Von 1993 bis 2001 berieten Missionen der OSZE die Regierungen in Tallinn und Riga.

Von Journalisten befragte Kursteilnehmer im Tallinner Kulturzentrum Lindakivi, berichtet die Zeitung Postimees, zeigten sich erfreut, Kurse gebe es viele, aber eben nicht kostenlos. Außerdem empfände man es tatsächlich als Diskriminierung, mit der Polizei im Bedarfsfall auf Estnisch über technische Dinge sprechen zu müssen.

Das Bildungsministerium plant jedoch keine wesentlichen Änderungen, wenn auch an eine weniger scharfe Anwendung der Bestrafungsmethoden gedacht werde. Kassierte Estland noch 2007 349.890 Kronen, so verringerte sich die Zahl der Fälle um 233 und um insgesamt mehr als 250.000 Kronen, knapp 16.000 Euro.

Der Ausschuß bemängelte ebenfalls, daß einstweilen wenige Vertreter der ethnischen Minderheiten in öffentlichen Ämtern arbeiteten und ist der Ansicht, der estnische Staat müsse alle Anstrengungen unternehmen, diese Situation zu verbessern. Da es in den vergangenen Jahren nur wenige Beschwerden wegen Rassendiskriminierung gegeben habe, soll nun Estland beweisen, daß dies nicht durch fehlenden Kenntnisse der Betroffenen über ihre Rechte begründet ist.

Dem erwidert das Bildungsministerium, daß in Tallinn und Ida Virumaa die Angestellten der öffentlichen Hand in aller Regel hinreichend Russisch sprächen, eine große Anzahl in Ida Virumaa aber nicht unbedingt Estnisch.

Daß Außenministerium weist darauf hin, daß der Ausschuß letztlich keine Rechte habe, gegen eine Nichtbeachtung der Empfehlungen Sanktionen zu verhängen, doch Estland habe mit der Ratifizierung der Internationalen Konvention die Aufgabe übernommen, Diskriminierung zu verhindern.

Die Internationale Konvention gegen Rassendiskriminierung wurde 1965 in New York verfaßt. Estland trat ihr 1991 bei. Alle Mitgliedsstaaten müssen regelmäßig Berichte über die Situation in ihrem Land vorlegen. Artikel 1 lautet: „In diesem Übereinkommen bezeichnet der Ausdruck «Rassendiskriminierung» jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, daß dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.“

Nun ist es gewiß zutreffend, daß eine Situation, in welcher eine beachtliche Zahl von Staatenlosen in einem Land leben, wie dies in Estland und Lettland der Fall ist, in keiner Weise erstrebenswert ist, zumal die Idee des Nationalstaates aus dem 19. Jahrhundert stammt und im Zeitalter der Globalisierung zunehmend an Bedeutung verliert. Verständlich wird dies in den genannten Fällen durch die Sorge, auf dem eigenen Territorium zur Minderheit zu werden. Andererseits müssen sich die Estland und Lettland vorwerfen lassen, in den vergangenen 20 Jahren nach einer anfänglichen Ausgrenzung von der Staatsbürgerschaft – und nur von dieser (!) – nicht genug zur Integration unternommen und die Ausbildung von Parallelgesellschaften geflissentlich toleriert zu haben.

Gerade gegenüber deutschen Besuchern wird in Ablehnung gern mit „den Türken“ verglichen, obwohl schon zahlenmäßig der Vergleich hinkt und der Unterschied zwischen einem „Okkupationsvolk“ und angeworbenen Gastarbeitern auf der Hand liegt. Daß Estland und Lettland nach 1991 angesichts einer tragischen Geschichte zunächst einmal die Konsolidierung des eigenen Volkes wichtig war, ist verständlich. Die Vernachlässigung einer Lösung der ethnischen Spaltung fällt den Staaten jedoch nun auf die Füße, wie auch das Wahlergebnis in Lettland jüngst zeigt. Die von den lettischen Nationalisten 1993 ausgerufene Parole, alle Sowjetmigranten müßten das Land verlassen, wäre ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Die Altkommunisten warben damals mit der Losung, das Rad der Geschichte ließe sich nicht zurückdrehen.

Diskriminierung scheint seit 1991 in Estland und Lettland immer das falsche Wort gewesen zu sein, denn es ist ja nicht so, daß jemand an sozialem, wirtschaftlichem und politischem Handeln gehindert worden wäre. Viele Russen gehören zu den Reichen im Land. Ausgrenzung trifft es besser.

Mittwoch, März 10, 2010

Grenzüberschreitungen

Bei geteilten Städten denkt der Deutsche zunächst einmal an Berlin, vielleicht noch an zypriotische Hauptstadt Nikosia oder auch Beirut während des Bürgerkrieges. Doch es gibt es Beispiel auch im Baltikum: Walk. Die Stadt in Livland war jahrhundertelang nicht geteilt, weil es an dieser Stelle trotz der gemischten estnischen und lettischen Bevölkerung Livlands keine Grenze gab. Die Entstand erst mit der Unabhängigkeit Estlands und Lettlands nach 1918. Aus Walk wurden das estnische Valga und das lettische Valka, das faktisch nur die südwestliche Vorstadt des Ortes umfaßte. Doch diese Teilung hielt ebenfalls nur etwa 20 Jahre an, denn mit der Inkorporation der baltischen Staaten in die Sowjetunion 1940 verschwand die Grenze wieder.

Das nationale Selbstbewußtsein trug nach der neuerlichen Unabhängigkeit 1991 dazu bei, daß die Esten auch in Vorbereitung auf den erhofften EU-Beitritt ihre Grenzen befestigen. In dieser Zeit zeichnete sich noch nicht ab, daß gleich zehn Staaten gleichzeitig der EU würden beitreten können. Während also in berlin die Mauer fiel, wurde in Walk eine Grenze gezogen.

Das bedeutete natürlich nicht, daß keine Esten mehr nach Lettland und Letten nach Estland fahren konnten. Probleme gab es trotzdem zahlreiche. Zunächst nämlich wurde zum Grenzübetritt noch gestempelt, Personalausweise gab es damals überhaupt nicht. Auf diese Weise waren die Pässe aber zügig voll und die Betroffenen waren gezwungen, vor Ablauf der Gültigkeit neue Dokumente zu beantragen. Manche Menschen wohnten im einen Teil der Stadt, arbeiteten aber im anderen. Für Verwittwete Personen wurde sogar der Friedhofsbesuch damit plötzlich eine Geldfrage.

Besonders betroffen waren die Einwohner russischer Nationalität, Migranten aus der Sowjetzeit, die wegen der Gesetzgebung in Lettland und Estland mit dem Status der Staatenlosen besonders große Schwierigkeiten beim Grenzübertritt hatten, weil sie für das jeweils andere Land auch noch ein Visum benötigten.

Am schlimmsten traf es jedoch eine Reihe von estnischen Staatsbürgern, Bewohner einer kleinen Straße, die auf estnischer Seite põhja, Nordstraße, und auf der lettischen Seite savienības, Unionsstraße heißt. Die Esten hatten sich hier in der Sowjetzeit Eigenheime errichtet, von denen ein Teil sich nach der Grenzziehung von 1920 aber auf lettischer Seite befand. Der Vorschlag eines Staatsgebietsaustausches wurde von lettischer Seite abgelehnt.

Mitte der 90er Jahre begann nach dem Vorbild der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der Städte Haparanda und Tornio in Schweden und Finnland Besserung. Einzig für Personen aus dritten Staaten blieb es lange unmöglich, einen der drei Grenzübergänge im Stadtzentrum zu nutzen. Für nicht motorisierte Besucher ein großes Problem. Seitdem das Schengener Abkommen auch in Estland und Lettland gilt, sind diese Schwierigkeiten vollumfänglich beseitigt.

Obwohl die physische Grenze verschwunden ist, bleibt natürlich eine juristische, und so sind andere Ärgernisse geblieben. Darum besuchten jüngst Delegationen der Außenministerien beider Staaten die Stadt, um sich über die aktuelle Situation zu informieren. Dabei stellte sich heraus, daß es im Bereich Kultur und Sport eine umfangreiche Zusammenarbeit gibt, diese sich damit aber auch erschöpft.

Für Probleme sorgt die Infrastruktur. Zwar nimmt das Krankenhaus in Valga Patienten aus Lettland auf, die ohne europäische Versicherungskarte aber die Rechnung selbst begleichen müssen. Bringt eine Lettin ein Kind in Estland zur Welt, sind notariell beglaubigte Übersetzungen der Dokumente erforderlich, damit das Kind als lettischer Staatsbürger registriert werden kann.

Ähnlich kompliziert verhält es sich mit dem Zugverkehr. Von Riga und von Tallinn gibt es Verbindungen, die lettischen Züge halten sogar am im estnischen Valga gelegenen Bahnhof, doch die Abfahrtszeiten sind schlecht abgestimmt und verlangen stundenlanges Warten. Noch schwierigere Zustände betreffen den Nahverkehr. Obwohl die lettische Seite einen Bus angeschafft hatte, läßt sich die gewünschte Linie nicht realisieren, denn während in Estland Rentner gratis fahren, müßten sie nach dem Grenzübertritt einen Fahrschein kaufen.

Die beiden Delegationen zeigten sich nach Angaben der lettischen Presse überrascht daüber, wie viel in Valga Valka abhängig ist von Entscheidungen, die nur in der hauptstadt getroffen werden können. Die Delegationen besuchten die geteilte Stadt, weil sie ihren Regieungschef Bericht erstatten sollen.

Sonntag, Dezember 27, 2009

aus der Rubrik: überflüssige Weihnachtsgeschenke

Die Klima-Konferenz in Kopenhagen ist gescheitert, da suchen die Staatschefs Europas angeblich nach neuen Lösungen um den CO2-Ausstoss zu begrenzen. Ist das tatsächlich so? 
Noch immer verzögert die Autoindustrie die Einführung tatsächlich wirksamer Maßnahmen - und nun preisen uns einige deutschsprachige Autozeitschriften ein Produkt an, dass für protektionsbewußte Oberklasse, verspielte Millionärssöhnchen wie auch paramilitärische Verbände geradezu geschaffen zu sein scheint - mit der Bezeichnung "Kombat T98" als "Produkt aus Estland". Die Typenbezeichnung weckt unmissverständlich Assoziationen: "combat" = engl. "Kampf / Gefecht".

"Ein Panzer für den Alltag" schwärmt treffend "Auto-Bild". Aber ist das Modell so wirklich neu? Oder werden mit solchen Artikeln nur Werbekunden umschwärmt, die gern Extremes und Verrücktes lesen? Laut "Auto-Bild" gibt es die Herstellerfirma "Combat armoring group" mit ihrem Hauptwerk auf einem Armeegelände in St.Petersburg und einem Zweigwerk in Tallinns Vorstädten schon seit 2005, aber der T98 wurde seitdem erst 40 mal verkauft. Wer braucht's? In den aus den Welt-Schlagzeilen bekannten Kriegsgebieten werden diese klobigen Kolosse mit ihren 5 Tonnen Leergewicht und 20 Litern Dieselverbrauch (auf 100 km/h) und einer CO2-Produktion von 530 g/km wohl kaum herumfahren. Der Hersteller preist es denn auch weniger als "Kriegsgerät" denn als "Luxus-Allradfahrzeug" an. Schon 2006 schrieb der SPIEGEL über den Einsatzzweck dieses Fahrzeugs: "Damit Manager, Minister und wohl auch Mafiosi heil durch Russland kommen".

Dem SPIEGEL-Beitrag war zu entnehmen, dass diese besonderen Gefährte aus "deutschem Spezialstahl und amerikanischen General-Motors-Komponenten" zusammengebaut würden. Das war wohl noch vor der Krise des US-amerikanischen Autobauers. Nun ja, ob dieses Produkt russischen Unternehmergeistes nun entweder demnächst auf den Strassen von Tallinn oder Narwa zu bestaunen sein wird, oder gar als Exportprodukt aus Estland Karriere macht - wahrscheinlich doch eher für die visuellen Männerträume in den einschlägigen Hochglanzmagazinen.

Sonntag, Mai 25, 2008

"Ausgesperrt im eigenen Land" DIE ZEIT


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Originally uploaded by Flasher T
Also, ich weiß nicht. Diese Pauschalisierung. Die Russen. Oder russischsprachig. Oder Esten mit russischer Abstammung usw. . Immer wieder fahren Journalisten nach Estland und versuchen die Lage zu erklären. Ich kenne wahrscheinlich immer die falschen russischsprachigen Bürger Estlands. Hier sind sie beim Spiel Strikeball verwandt mit Dozor. Leicht militärisch eingefärbt aber mit großem Spaß bei der Sache. Sie benutzen abgelegene Plätze und Ruinen. Flasher_T im Foto, Este und russischer Muttersprachler, gibt die taktischen Anweisungen. Das alles ist nicht politisch korrekt. Die "Russen" tragen Bundeswehruniform.
Hey, warum ziehe ich immer andere Rückschlüsse, als zum Beispiel die Reporter von "DIE ZEIT".

Montag, Februar 18, 2008

Das Denkmal und die Diskussionen

Ausgehend von der Translozierung des Bronzesoldaten in der etnischen Hauptstadt Tallinn gibt es zahlreiche Kommentare und Diskussionen, an denen auch ich mich im Laufe der letzten Monate beteiligt habe. Neben meinem eigenen Blogbeitrag kam es zu einem Mailwechsel mit dem in Estland lebenden Deutschen Klaus Dornemann, den ich 2002 einmal persönlich kennenlernte und der in der Nacht während der Ausschreitungen in Tallinn von der Polizei verhaftet worden war. Darüber hinaus erhielt ich eine Reaktion auf meinen Beitrag von Blogger Kloty, der seinerseits auf seiner Seite Zitate von Herrn Dornemann, diese als „emotional” klassifizierend, veröffentlicht hat. Am Valetinstag publizierte er folgenden Kommentar zu meinem Beitrag:

Hallo,
Artikel ist gut, allerdings verstehe ich die Logik dahinter nicht. Was soll der Vergleich zwischen dem lettischen Denkmal und dem Bronzenen Soldaten? Was hat das Datum der Parlamentswahlen damit zu tun, ob die Verlegung vor dem 9. Mai oder danach stattfinden soll? (...)
Deswegen nochmal: Wäre die Verlegung in Absprache mit den Vertretern russischen Gemeinde geschehen, mit militärischen Ehren, mit klarer Aussage wohin das Denkmal gebracht wird, mit vorherigen Benachrichtigung der Verwandschaft der dort Bestatteten (die gerade übrigens gegen den estnischen Staat klagen), wäre das alles nicht passiert. Wenn man aber ein Drittel seiner Bevölkerung nicht ernst nimmt und dem Rest der Welt zeigen möchte, wer der Herr in seinem Haus ist, dann provoziert man Demonstrationen, Proteste, Randale und peinliche Gerichtsverfahren.

Die erste Anmerkung verblüfft mich besonders. Der Vergleich mit dem Denkmal in Riga liegt auf der Hand angesichts eines völlig gleich gelagerten Konflikts in Lettland: Es handelt sich für die Russen um ein Symbol für den Sieg über den Faschismus im Großen Vaterländischen Krieg, für die Letten hingegen für 50 Jahre sowjetische Okkupation. Die Situation ist nur insofern etwas anders gelagert, als die Russen geographisch in Lettland gleichmäßiger verteilt leben und der sprachliche Unterschied zwischen den beiden indo-germanischen Völkern Russen und Letten nicht so gravierend ist wie zu den finno-ugrischen Esten.
Auch der zweite Aspekt überrascht mich. Wegen der Symbolkraft beider Denkmäler sind sie selbstverständlich ein Politikum, welches Parlamentswahlen beeinflußt wie auch Gegenstand einer Wahlkampagne werden kann.
Mal abgesehen davon, daß der Ort der Zwischenlagerung mir nicht so besonders wichtig erscheint, halte ich die Verlegung von Soldatengräbern inklusive der Translozierung des dazugehörigen Denkmals auf einen Soldatenfriedhof für normal. Daß es gegen konkrete Orte Einwände gibt, ist nicht ungewöhnlich. Jedwede Diskussion über jedwedes Denkmal beweist das.
Wesentlich scheint mir ein anderer Aspekt, den ich in meinem Beitrag zu unterstreichen versucht habe. Nachdem über Jahre hinweg das Denkmal an seinem Ort vor der Nationalbibliothek gestanden hatte, gab es nach den Vorkommnissen vom Mai 2006 Handlungsbedarf. Es darf davon ausgegangen werden, daß eben auch dann Ausschreitungen dieser oder anderer Art stattgefunden hätten, wenn das Denkmal nicht vor dem 9. Mai 2007 versetzt worden wäre. Die Diskussionen über den Zeitpunkt lassen außer Acht, daß es jedes Jahr einen 9. Mai gibt.
Und darum erscheint es mir wichtig, die Symbolkraft des Denkmals für beide Seiten noch einmal zu diskutieren, weil in vielen Kommentaren zwar richtige Fakten angegeben werden, oftmals aber eben nur ein Teil derselben. Das bezieht sich ganz deutlich auf die Meinungsäußerung von Kloty, die Esten haben zeigen wollen, wer Herr im Haus ist.
Für viele Russen besteht das Problem, daß sie nur der russischen Sprache mächtig sind und nur in ihrem russischen Informationsraum leben. Die Umstände der russischen Medienwelt sind hinlänglich bekannt. Folglich glauben nach wie vor viele der alten sowjetischen Propaganda, sie hätten die Welt allein vom Faschismus befreit. Das ist gleich aus zwei Gründen unhistorisch: Erstens stammt der Begriff des Faschismus von Mussolini, wohingegen Hitler seine Bewegung als Nationalsozialismus bezeichnete. Nur die Sowjetunion hat zur Abgrenzung des „anderen Sozialismus“ auch die Deutschen als Faschisten bezeichnet. Die Behauptung, die Rote Armee habe die Deutschen besiegt, läßt außer Acht, das die Sowjetunion nicht alleine gegen die Nazis gekämpft hat. Gerne wird hier die Bedeutung des Kriegseintrittes der USA und die Landung in der Normandie für die deutsche Kapitulation heruntergespielt.
Selbstverständlich ist Klotys Anregung einer Kommunikation über die Zukunft des Denkmals begrüßenswert und richtig. Doch er selbst zeigt in einem Vortrag die dabei auftretenden Schwierigkeiten auf: die Russen haben bisher die Aufarbeitung der eigenen Geschichte nicht begonnen so wie dies in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geschah. Dabei hätte es Rußland damit deutlich einfacher, weil die Sowjetunion nicht im russischen Namen gehandelt hat, der Nationalsozialismus aber sehr wohl im deutschen.
Zur 60 Jahrfeier des Weltkriegendes hatte 2005 der russische Präsident Putin auch die Präsidenten der baltischen Staaten eingeladen, wogegen nichts einzuwenden ist. Das Junktim, den Esten und Letten zu dieser Gelegenheit den Abschluß der seit zehn Jahren paraphierten Grenzverträge anzubieten, war eine klare Provokation, über welche die internationale Presse aber wieder entschieden weniger berichtet hat.

Gleichzeitig sollte betont werden, daß es in den baltischen Staaten Estland und Lettland unter der einfachen Bevölkerung keine "offenen Rechnungen" gibt. Natürlich gibt es in jedem Land Nationalisten und Radikale, die Frage von Parallelgesellschaften kann genauso wie im Falle der Türken in Deutschland oder Latinos und Schwarzen im Meltingpott der USA diskutiert werden. Aber es gibt keine manifesten Konflikte zwischen den Volksgruppen in Estland und Lettland.
Dies steht ganz im Gegensatz zu den regelmäßig in Publizistik und Wissenschaft auftauchenden Behauptungen über die Diskriminierung der Russen in den baltischen Ländern. Dazu muß unterstrichen werden, daß die Russen in Estland und Lettland sowieso auch mit der Staatsbürgerschaft Rußlands leben können, aber ebenso die örtliche beantragen können, was jedoch vielfach nicht angestrebt wird. Staatenloser zu sein schränkt inzwischen weniger ein als mit konkreten Staatsbürgerschaften auf der anderen Seite auch Pflichten verbunden sind. Auch die Reisemöglichkeiten etwa mit einem russischen respektive einem EU-Paß sind für viele Betroffene von Bedeutung. Daß die Tests für die Einbürgerung in Sprache und Geschichte eine unüberwindlich schwierige Hürde darstellen würden, ist eine oft wiederholte Mär, auf die Fragen zur Geschichte kann sich der Prüfling vorbereiten und sie sind mit durchschnittlicher Schulbildung problemlos zu beantworten. Die Sprachtests fragen keinerlei Grammatik ab, sondern überprüfen lediglich die Kommunikationsfähigkeit, der Bewerber muß also keinesfalls fehlerfrei sprechen.

Faktum ist, daß die Vorwürfe der Diskriminierung weniger von den in den baltischen Ländern lebenden Russen erhoben werden, als von Rußland selbst. Dabei müßte insbesondere in dieser Frage Rußland zunächst im eigenen Land beginnen. Während etwa die Schweiz viele Mühen unternimmt, damit das Rätoromanische nicht ausstirbt, geschieht dies in Rußland nicht. Zwar werden etwa die Einwohner der finno-ugrischen Republik Mari El nicht bedrängt, aber eben auch nicht unterstützt. Eine Hochschulausbildung in der Sprache dieser Republik ist nicht möglich. Die Macht des Faktischen, auch daß die Russen in vielen Republiken anderer Titularnationen innerhalb der russischen Föderation eine Bevölkerungsmehrheit stellen, wirkt.

Aber zurück zu Klaus Dornemanns, den ich, da mir persönlich mehr oder weniger bekannt, per Mail nach dem Hergang gefragt habe. Aber statt mir zu berichten, wann er wo verhaftet wurde, überließ er mir nur Texte, die er nach eigenen Angaben an verschiedene Amtspersonen in Deutschland und Estland geschickt habe. Die Richtigkeit dieser Behauptung kann ich nicht überprüfen. Aus diesen Dokumenten geht hervor, daß die Polizei Dornemann mißhandelt habe – in einem finnischen Artikel wird dies mit Photos belegt – und sich ihm gegenüber geweigert habe, den Grund seiner Verhaftung zu nennen. Alle Anschreiben sind mehr als nur „emotional“ formuliert, es handelt sich vorwiegend um Beschimpfungen. Auf meine Rückfrage und Bitte hin, mir doch außerdem auch eine Beschreibung de Vorkommnisse zu geben, erhielt ich meinerseits zwei elektronische Briefe, die sich inhaltlich nicht von den Schreiben an die Amtspersonen unterscheiden. Es fällt mir schwer, in Dornemanns Handlung einen Sinn zu erkennen, zumal ein Anschreiben an einen Bundestagsabgeordneten ging, ohne daß aus irgendeiner Formulierung hervorginge, in welchem Zusammenhang dieser Politiker mit den Ereignissen in Tallinn steht. Positiv reagiert haben jedoch die Europaabgeordneten Sahra Wagenknecht und Tatjana Ždanok, die Dornemann und den Prozeß in Estland besuchten. Daß die deutsche Vertreterin von der Linken ist, veranlaßte Dornemann jedoch zu dem Kommentar, er sei eigentlich kein Anhänger dieser Partei. Ich habe mich ihm gegenüber mit keinerlei Bewertung seiner Involvierung in die Geschehnisse geäußert.

Freitag, Juli 13, 2007

Die estnisch-russische Kulturszene

David McDuff, ein Blogger und eigentlich ein Übersetzer und Publizist in Großbritannien hat einen interessanten Hinweis auf die estnisch-russische Literaturszene geliefert. McDuff übersetzt auch aus dem Russischen.
Bei der Recherche nach weiteren Quellen über die von McDuff vorgestellte russischsprachige Literaturseite in Estland bin ich auf diesen Artikel der Postimees gestossen. Der Tenor, die Kulturszene, allgemein als Vorreiter der gesellschaftlichen Entwicklungen gesehen, ist schon viel weiter als der Medien-Schlagabtausch zwischen Russland und Estland.
Ich erlaube mir ein Langzitat aus eurotopics:
Estland - Postimees | 08.08.2006
Die neue estnisch-russische Kulturszene

Immer mehr in Estland geborene Russen haben mit Esten zusammen studiert und deren Sprache gelernt. Damit sei eine neue Generation herangewachsen, die die estnische Kultur so gut kenne wie die russische, konstatiert Igor Kotjuh, selbst ein Vertreter dieser neuen Gruppe. "Man kann heute von einer estnisch-russischen Kultur sprechen, deren Vertreter etwas ganz Neues schaffen, denn sie verbinden zwei Traditionen. Die Elemente dieser Synthese verspüren wir heute schon in unseren Theatern, aber auch in der Malerei, in der Musik und in der Literatur. Die lokalen russischen Medien widmen sich freilich mehr den traditionellen Helden, und auch die estnischsprachigen Medien würdigen die estnisch-russischen Kulturereignisse mit kaum mehr als dürftigen Informationen. So wurde ich beispielsweise von einem Journalisten gefragt, ob estnisch-russische Autoren in Russland wahrgenommen würden. Und ich fragte zurück: 'Wozu? Sie leben doch in Estland'."

Beim Googeln über Igor Kotjuh taucht wieder ein gleiches Schema auf. Russischsprachige Blogger posten bei Livejournal, englischsprachige bei Blogger, Wordpress und anderen.

Dienstag, Mai 15, 2007

"Wer sind wir, Russen!?"

Ein neuer Blogger hat sich die Mühe gemacht einen längeren Artikel aus der Postimees zu übersetzen. Er gibt genau die Schwierigkeit wieder, Esten und andere zu unterscheiden. Wo sind die Trennlinien? Russischsprachig, aber viele Esten sind russischsprachig, es gibt sogar anscheinend Esten, die staatenlos sind. Hier der Post.
Die Zeitung Postimees ist seit den Cyberattacken teilweise online nicht erreichbar.
Update:
Und es geht weiter, AFP berichtet:
TALLINN (AFP) - Estonia’s second-biggest bank, Swedish-owned SEB Eesti Uhispank, was forced Tuesday to block access from abroad to its online banking service after it came under “massive cyber-attack”, an official said. “Massive attacks were launched at noon against our Internet bank, blocking access to our website,” Silver Vohu, head of communications at the bank, told AFP. “Access was restored at 2:00 pm (1100 GMT), but only for users in Estonia. Access from computers located outside Estonia will continue to be restricted for security reasons,” he said.
Via Jayed.us.

Freitag, Mai 04, 2007

Eine Woche spaeter


Eine Woche spaeter
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Gestern gab es ein Bloggertreffen im Nemeta in der Altstadt Tallinns. Die professionellen Medienleute haben Zugriff zu Einzelheiten, die das Bild der Ereignisse noch komplizierter machen.

Deshalb erstmal nur eine harmlose Episode, die dort erzaehlt wurde, kurz nach den Unruhetagen. Ereignet hat sie sich in einer Klasse der Medienschule in Tallinn. Scott ein Dozent hat sie in seiner Vorlesungsstunde selbst erlebt. Seine Studenten sind Esten, Esten mit russischem Hintergrund, andere kommen aus baltischen Nachbarlaendern oder noch weiter her.
Eine Kommilitonin ist eine estnische Russin, verliest ab und zu in einem Fernsehkanal die Wetternachrichten. Sie erschien im Unterricht mit gebrochenen Mittelfinger, einbandagiert. Die Esten fragten spoettisch, wo sie sich das wohl zugezogen habe (Anspielung auf die Pluenderungen und Gewalt letzter Woche). Darufhin springt sie ploetzlich auf, zeigt auf die Esten und schreit in ihre Richtung: Screw you, screw you!!! My family lived here in the independence time, all the time we were Estonians..."

In der Klasse herrscht Totenstille.
Scott geht nach der Vorlesung zu ihr, und gratuliert fuer ihre Geste. Sie schien in diesem Moment notwendig zu sein.

Das Foto oben: eine lettische Studentin faehrt zum Wochenende nach Hause, ebenfalls eingeschrieben an einer Medienschule, der Concordia in Tallinn. Sie hat die Ereignissse nur am Fernsehen verfolgt. Sie meint, die Studenten naehmen das Thema nicht soo ernst.
Auf die Frage, ob so was auch in Lettland denkbar sei, sagt sie: Das koenne sie sich nicht vorstellen.

Update:
Ich bin hin und hergerissen, ob die Zeichen auf Entwarnung stehen. Das hier hat jemand uebersetzt, Zitat aus einer Ansprache an die estnischen Schueler heute:
Ich hoffe, dass die Schüler die an den Krawallen teil hatten, waren sich nicht bewusst, was sie taten. Sie waren in einen ungesunden Eifer geraten, und waren von den Personen ausgenutzt, die Jungendliche in ihren politischen Spielen einsetzen. Neben der Familie spielt Schule eine große geselleschaftliche Rolle, und deswegen rechne ich mit Ihnen, sehr geehrte Lehrer!

Liebe Schüler, wenn jemand euch in eurer Schule scharfmachen wird, bitte, schreibt mir eine Mail.


Es ist bekannt in Tallinn, dass nach den Pluenderungen Schueler mit Armani Klamotten zum Unterricht kamen.

Der Grund, es kursieren Emails mit dem Aufruf zum bewaffneten Aufstand. Auch eine Kommilitonin von der lettischen Studentin oben hat so eine Email erhalten. Der 9. Mai.
Giustino von Itching for Eestimaa hat Hoffnung, es soll tagelang regnen. Also hoffen wir auf einen Wintereinbruch.

Freitag, April 27, 2007

Schwere Unruhen in Tallinn

Hier nochmal der Link zu KLOTYs aktuellem Bericht aus Tallinn.

Sowie hier auch die Links zu den Fotos (danke, Kloty!)
FOTOSERIE DELFI.EE

Fotos auf fug1t1v3

Donnerstag, Februar 08, 2007

EU-Reisefreiheit komplett

Eine Lücke in den Vereinbarungen zwischen den "alten" und den "neuen" EU-Mitgliedsstaaten ist kürzlich beseitigt worden - die eigentlich garantierte Reisefreiheit galt bisher nicht für alle Einwohner Estlands.
Nun gibt es aber eine Regelung bezüglich derjenigen Staatsbürger, für die unterschiedliche Bezeichnungen verwendet werden, je nach Perspektive und Interessenlage: russische Minderheit, russischsprachige Bürger/innen, "Nicht-Staatsbürger" (weil sie einen anderen Paß haben als diejenigen, die im Besitz einer vollen estnischen Staatsbürgerschaft sind).

Ich zitiere den Text dazu, wie er momentan auf der Webseite der Deutschen Botschaft in Tallinn publiziert ist:

Seit dem 19.01.2007 benötigen Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit, die Inhaber eines estnischen Reisedokuments für Ausländer (sog. Grauer Pass) und einer estnischen Aufenthaltserlaubnis sind, für die Einreise und den Aufenthalt in Deutschland von bis zu 90 Tagen pro Halbjahr ohne Aufnahme einer Erwerbstätigkeit kein Visum mehr.

Grundlage hierfür ist die Änderung der VO (EG) Nr. 539/2001 durch die VO (EG) Nr. 1932/2006 vom 21.12.2006.

Auf Verlangen muss den deutschen Grenzschutzbehörden ein gültiger Krankenversicherungsschutz und der Besitz ausreichender finanzieller Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhaltes während des Aufenthaltes in Deutschland nachgewiesen werden können.

Für längerfristige Aufenthalte (z.B. Arbeit, Familienzusammenführung, Studium, Au-Pair etc.) oder bei Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ist nach wie vor ein nationales Visum erforderlich.

Dienstag, April 04, 2006

Estland-Einsteiger

Wieder kommt ein Blogger,"russlandversteher", das erste Mal nach Estland und wieder von Russland aus. Wir hatten bereits ein Post im Frühjahr dazu aufgegriffen. Hier sein erster Eindruck: "Estnifiziert".

Samstag, Januar 14, 2006

Ziel von 5.000 Einbürgerungen pro Jahr bei weitem erreicht

"Wie heißt die Aufgabe, die wir mit dem Wort "Integration" zu fassen versuchen? Nicht mehr und nicht weniger, als dass jeder Mensch, der in Estland lebt, Liebe und Verantwortung für das Land verspürt. Und aus der Verantwortung ergeben sich Rechte und Pflichten." So zitiert die Internetseite der estnischen Botschaft in Berlin den ehemaligen estnischen Staatspräsident Lennart Meri.

Diesem Leitsatz zufolge hätte Estland inzwischen, was die russischsprachige Bevölkerung angeht, die Häfte der Wegstrecke erreicht. Die Hälfte dessen wäre geschafft, was 50 Jahre Sowjetherrschaft 1991 an Intergrationserfordernissen hinterlassen hatte. Die neuesten Statistiken der entsprechend zuständigen estnischen Ministerien besagen, dass inzwischen 138.000 Menschen die estnische Staatsbürgerschaft bekommen haben, also eingebürgert worden sind. Dagegen stehen noch 136.000 Menschen, die diesen Schritt noch nicht angegangen haben, oder es auch nicht versuchen wollen.

7072 neu Eingebürgerte weisen die Statistiken für 2005 aus, gegenüber 6523 im Jahr 2004 und 6706 für 2003. Der zuständige Minister Paul-Eerik Rummo führt das beschleunigte Tempo der Einbürgerung einerseits auf den EU-Beitritt zurück, andererseits aber auch auf den gesteigerten Prozentsatz derjenigen, die eine volle Übernahme der finanziellen Kosten beanspruchen können. Auch die Herausgabe eines "Bürgerhandbuchs" sei nützlich gewesen, so Rummo.