Dienstag, Februar 12, 2019

Fischdosenköpfe, Honigtöpfe

In Estland ist Wahlkampf anders. Oder doch nicht? Ich dachte schon, in Estland sei die Aussenwerbung der Parteien deshalb verboten, weil alles - selbstverständlich - digital und im Internet stattfinden wird. Nein, ganz so ist es wohl doch nicht.

Estland liegt an der "Westsee" - das scheinen einige
Kandidaten auch politisch besonder betonen zu wollen
Allein die große Menge an Wahlgeschenken, die offenbar auf den Straßen Estlands und bei Wahlwerbeveranstaltungen in diesen Tagen abgeboten werden, ist schon erstaunlich. Das reicht von Honig über Gewürzpfeffer, Schokolade, Kräutertee bis hin zu eingelegtem Hering - jeweils natürlich mit dem Foto des Kandidaten darauf (ERR). Wer Glück hat, kann auch eine Portion getrocknete Beeren oder Haselnüsse an den Wahlständen abgreifen - Bonbons, Anstecker, Kugelschreiber wirken da beinahe schon "old-fashioned".

Die andere Seite des üblichen Wahlkampfs: die Umfragen. Angeblich bevorzugen 35% der Wahlberechtigten in Estland den gegenwärtigen Regierungschef Jüri Ratas auch weiterhin in diesem Amt (ERR). Ihm folgt die Spitzenkandidatin der Reformpartei, die bisherige Europaabgeordnete Kaia Kallas mit 18% - eine Tochter des früheren Regierungschefs und EU-Verkehrskommissars Siim Kallas. Diesmal gilt es, Kandidatinnen mit dem Nachnamen "Kallas" genau auseinanderzuhalten: neben der Parteichefin der Reformpartei tritt auch Kristina Kallas an, bisher Leiterin des Narva College, und seit November 2018 Vorsitzende der neu gegründeten Partei "Estland 200".

Die Journalisten des ERR haben hier genau hingeschaut:
das Haltbarkeitsdatum der mit Politwerbung vermischten
Ware reicht nicht weit über den Wahltermin hinaus -
genau wie die Wahlversprechungen?
Aktuelle Umfragen sehen die estnische Zentrumspartei gegenwärtig bei 24,4% Zustimmung,mit der Reformpartei gleichauf auf 24,5%. Die rechtskonservative EKRE liegt bei 18,9%, die Sozialdemokraten SDE bei 11,5%, und die Vaterlandspartei Isamaa bei 8,6%. Auch "Estland 200" wäre mit 6,4% noch im Parlament. Die estnischen Grünen dagegen liegen bei 2,2%, und die Freiheitliche Partei (Vabaerakond) bei 0,7%.

Insgesamt bewerben sich 1099 Kandidatinnen und Kandidaten bewerben sich um einen der 101 Sitze im estnischen Parlament. (valimised) Diese verteilen sich auf 10 verschiedene Parteien, dazu kommen 15 parteiungebundene Kandidat/innen.
Bereits am 21.Februar wird die elektronische Wahlmöglichkeit freigeschaltet.
Bei den vergangenen Parlamentswahlen im Jahr 2015 entfielen bereits 4,3% auf das e-Voting.
Wer indessen in Deutschland als Estin oder Este sein Wahlrecht wahrnehmen möchte, muss sich beeilen: die estnische Botschaft in Berlin stellt dort die Wahlurnen bereits am 17. und 18. Februar auf.

Sonntag, Januar 20, 2019

Zuwachs für Politkampagnen

Kurz vor Registrierungschluß der Kandidatenlisten für die Parlamentswahl in Estland gibt es einige überraschende Neuzugänge. Offenbar sind einige der Parteien der Auffassung, ihre Wahlkampagnen noch durch ein paar bekannte Namen auffrischen zu müssen.

So überraschen die estnischen Grünen (Erakond Eestimaa Rohelised), seit 2011 nicht mehr im Parlament vertreten, mit Anu Saagim als Kandidatin, bisher Kreativdirektorin bei der Zeitung "Õhtuleht".Aber auch andere Parteien haben versucht aus anderen Bereichen bekannte Persönlichkeiten an sich zu binden. So kandidiert Kaido Höövelson ("Baruto Kaido"), ein Sumo-Ringer, für die Zentrumspartei, der Musiker, Schauspieler und Fernsehmoderator Mart Sander entschied sich für die neue Partei "Estland200", und die ehemalige Skiläuferin und zweifache Olympiasiegerin Kristina Šmigun (verheiratete Vähi) entschied sich für die Reformpartei anzutreten. (ERR)

Insgesamt 10 Parteien und dazu noch 18 unabhängige Kandidat/innen haben sich bis zum Meldeschluß am 17.Januar zur Wahl am 3.März registrieren lassen (ERR). Landesweit überall treten an die Reformpartei, die Zentrumspartei, die Sozialdemokraten, die Konservative Volkspartei (EKRE), Pro Patria, die estnischen Grünen, "Estland200" sowie die rechtskonservative Freiheitliche Partei. Eine Besonderheit der Parlamentswahlen in Estland ist das Verbot von Aussenwerbung für politische Parteien in der "heißen" Wahlkampfphase; deren Beginn wurde auf den 23.Januar festgelegt. Ein anderer Effekt dieser Regelung war es, dass in vielen Gemeinden schon Ende 2018 Wahlplakate zu sehen waren - sowas zählt inzwischen als "Vorwahlkampf". Aktuell werden die neu geworbenen prominenten Unterstützer/innen - neben ihren persönlichen Wahlkampfterminen - wohl fast ausschließlich, ganz estnisch, digital zu bewundern sein. (Estnisches Wahlamt)

Donnerstag, Januar 17, 2019

Alt in Estland

"Estland first" - das bestätigt auch eine Schlagzeile der Zeitung "Die Presse" aus Österreich. Nur, dass es diesmal nicht positiv gemeint ist: zitiert wird hier eine europaweite Studie, der zufolge 46,1% aller Rentnerinnen und Rentner in Estland armutsgefährdet sind. Am anderen Ende stehen die Franzosen - die offenbar wissen, wofür sich das streiken lohnt: nur 7% der Alten sind dort tendenziell auch arm (siehe auch: ERR).

Die drei baltischen Staaten an der Spitze: in Lettland wird die Armutsgefährdung für Ältere bei 43,7% diagnostiziert, in Litauen bei 36,7% - dahinter folgen alle übrigen EU-Länder (Deutschland 17,5%, Österreich 12,1%). Wie auch ein Rückblick auf die vergangenen Jahre zeigt, hat das Armutsrisiko in Europa eher zugenommen (Destatis). Weiterhin sind ältere Frauen mehr armutsgefährdet als ältere Männer.

Die Tücken der Statistik zeigt diese Grafik: da die Armutsrate immer
im Vergleich zum statistisch durchschnittlichen Einkommen
berechnet wird, sinkt die Armut scheinbar genau dort,
wo das Durchschnittseinkommen geringer ist. Statistisch
gilt dann: keine Armut in der Krise!
Einziges Manko dieser Zahlen: in den Medien die solche Zahlen verwenden wird nicht exakt Bezug genommen auf eine Quelle und das Datum der Datenerhebung. Noch im Oktober 2018 gab die EU Zahlen heraus, die sich auf die Gesamtbevölkerung beziehen. Demnach gäbe es nur drei EU-Länder, wo mehr als ein Drittel der Menschen armutsgefährdet seien: Bulgarien, Rumänien und Griechenland. In dieser Statistik wird Estland mit nur 23,4% Armutsgefährdung genannt. Eine ähnliche Größenordnung verwenden auch viele deutschsprachige Internetportale. Auch das estnische Statistikamt bestätigt das, und nennt auch konkrete Zahlen: wer weniger als 523 Euro im Monat hat, gilt als von Armut gefährdet. Und eine weitere Tatsache wird klar: der Prozentsatz der von Armut gefährdeten Personen wird nur durch Sozialleistungen geringer gehalten - ohne diese läge der Anteil der Geringverdienenden bei 40% (der Gesamtbevölkerung).

Die EU rechnet drei Armutsfaktoren gesondert: die Quote gemessen an Sozialleistungen, die Anzahl von Personen die in Haushalten mit geringer Erwerbsquote leben, und die Quote der sogenannten "erheblichen materiellen Deprivation" - eingeschränkte Lebensbedingungen aufgrund fehlender Mittel. Wo hier der Unterschied liegt - werden die drei Faktoren zusammengerechnet? Das ist leider nicht auf Anhieb für jeden verständlich. 

Wo liegt die Wahrheit? Welche Schlußfolgerungen sind nötig? Offenbar macht jede Zeitung, jedes Internetportal eigene Schlagzeilen daraus. "DIE ZEIT" entdeckte in Deutschland das "EU-weit höchste Armutsrisiko" - allerdings, wenn man genau liest, nur "bei Arbeitslosen". Demnach seien 70,8% aller Arbeitslosen in Deutschland armutsgefährdet (60,5% in Litauen, 55,8% in Lettland und 54,8% in Estland). Das "Pech" der Balten ist dabei wohl, auch schon bei vorhandenem Arbeitsplatz arm zu sein (und nicht nur "gefährdet").

Also, eines scheint klar: wenn beides zusammen kommt, also in Estland alt + arbeitslos zu sein, erzeugt Armut - soviel scheint sicher.Über die Höhe eventueller Renten braucht hier wohl nicht spekuliert werden.
Die estnischen Experten beurteilen die Lage etwas anders. Ein Zitat aus dem Sozialbericht 2015: "Obwohl viele Rentner in relativer Armut leben (Prozentsatz für 2015 war 44,6%), reicht diese Armut nicht sehr tief. Die Durchschnittsrenten liegen sehr nahe an der Grenze zur Armutsgefährdung. Das bedeutet, dass auch geringe Lohnerhöhungen für die Haushalte rein statistisch viele Rentner zu den Armutsgefährdeten rechnet, obwohl ihre tatsächlichen Bedürfnisse sich nicht viel ändern." (Eesti Statistika Kvartalikiri)

Viele Estinnen und Esten bleiben offenbar grundsätzlich optimistisch. So kommentierte Jevgeni Ossinovski, Sozialdemokrat und ehemaliger Gesundheitsminister, die Lage so: "die nächste Statistik wird definitiv besser werden, denn dann wird sich die Steuerreform auswirken." Die gegenwärtige estnische Regierung, eine Koalition aus Zentrumspartei, Sozialdemokraten und Vaterlandspartei, will einen größeren Teil geringer Einkommen von der Besteuerung freistellen.

Dienstag, Januar 08, 2019

Durchgezählt

Stolz vermelden estnische Behörden ein leichtes Wachstum der Bevölkerung des Landes. Bei bisher 1.361.683 in Estland lebende Menschen (Stand: 1.1.2018) liegt der Gedanke ja auch vielleicht nahe, beinahe für jede/n Einzelne/n sorgen zu müssen. Immerhin schrumpfte ja die Bevölkerung der Nachbarländer Lettland und Litauen in den zurückliegenden Jahren um mehrere Zehntausende.

Estland hat neu durchgezählt zum 1.Januar 2019. Nun sind es insgesamt 1.366.020 Einwohnerinnen und Einwohner, also 4337 Personen mehr als vor einem Jahr.
Genauer aufgeschlüsselt: 1.146.171 Personen sind im Besitz der estnischen Staatsbürgerschaft (1802 mehr als vor einem Jahr), 88.785 Einwohner Estlands besitzen die russische Staatsbürgerschaft, 76.148 haben keine Staatsbürgerschaft und 9771 sind Bürger der Ukraine. Darüber hinaus wohnen in Estland 8800 Finn/innen, 5648 Lett/innen, 3607 Deutsche, 2534 Litauer/innen, 2013 Italienier/innen und 1974 Beloruss/innenen / Weißruss/innen. (ERR / Baltic Course / Statistics Estonia)

In den Jahren zwischen 2000 und 2015 hatte die Bevölkerung Estlands um 88.000 Menschen abgenommen (6,5%). In den drei Jahren darauf hatte es (bis 2018) bereits ein Wachstum um 3.000 Personen gegeben.Dabei gab es über die Jahre verschiedene Trends. Während Anfang des Jahrtausends noch das natürliche Wachstum die Tendenz stärker beeinflusste - es gab 5.000 bis 6.000 weniger Geburten als Sterbefälle pro Jahr - wendete sich dieser Trend zwischen 2008 und 2012 sogar ins positive, und liegt gegenwärtig ganz leicht negativ. Die Lebenserwartung für Männer liegt in Estland bei 73,2 Jahren, für Frauen bei 81,9 Jahren. Zwar sterben gegenwärtig sogar mehr Frauen als Männer, statistisch gesehen, aber 75% aller Menschen in Estland über 80 Jahre sind Frauen.

Zwischen 2000 und 2011 haben 23.000 Menschen Estland verlassen - offiziell. Inoffiziell, also ohne formale Ummeldung, rechnen die Behörden aber mit weiteren 19.000 Abgewanderten, also 42.000 insgesamt. Unter den Ausgewanderten sind etwa zwei Drittel Frauen. Seit 2015 ist die Wanderungsbilanz wieder positiv: es ist das Ergebnis der Zuwanderung aus anderen EU-Staaten, darunter besonders viele Finn/innen und Lett/innen. Unter den Menschen mit estnischer Staatsbürgerschaft kamen im Jahr 2017 500 mehr nach Estland zurück als das Land verließen. (Eesti Statistica)

Sonntag, Dezember 30, 2018

Pädagogen-Aufwertung

Das Haushaltsbudget der estnischen Regierung sieht für 2019 eine Erhöhung des Lohnniveaus für Estlands Lehrerinnen und Lehrer auf 1500 Euro vor. 533 Schulen existieren derzeit in Estland, an denen insgesamt etwa 13.000 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten (ERR). Viele davon mussten im Herbst 2018 allerdings das Schuljahr starten obwohl Lehrpersonal fehlt - allein 80 Mathematik-Lehrer/innen wurden noch gesucht (ERR).

Eine der Herausforderungen für das estnische
Schulsystem: Qualität beibehalten, bei stark
zurückgehender Schüler/innenzahl.
Trotz dieser Schwächen blickt Estland auf vordere Plätze bei den internationalen PISA-Studien - vor allem bei denjenigen Tests die Naturwissenschaften betonen. "2006 haben uns die guten Ergebnisse in den PISA-Studien noch überrascht", meint Gunda Tire, die estnische Projektverantwortliche für die PISA-Studien (TeacherMagazine). "Aber wir haben nach der Loslösung von der Sowjetunion sehr schnell ein nationales Curriculum entwickelt, wir haben viele gute Praxisbeispiele von anderen Ländern übernommen und ein effektives System zur Evaluierung entwickelt." Außerdem sei man stolz darauf, dass Fächer wie Biologie, Physik und Chemie in Estland nur von Fachlehrern erteilt würden, so Tire. "Wenn auch in Deutschland die Ergebnisse der PISA-Studien zunächst einen negativen Schock auslösten - in Estland war es umgekehrt: überraschend positiv." Und Tire fügt hinzu: "Wir erwarteten geradezu diese internationalen Vergleichsmöglichkeiten, denn: den Estinnen und Esten ist selbst nichts gut genug, sie sehen die Dinge grundsätzlich immer sehr kritisch."

Bereits in den zurückliegenden Jahren wurde mehrfach der Mindestlohn für Lehrer/innen erhöht: von 644 € im Jahr 2012 auf 1050 € im Jahr 2017 - der Durchschnittslohn stieg von 812 € 2012 auf 1211 € im Jahr 2017). Jetzt also erneut eine kräftigte Erhöhung. Bildungsministerin Mailis Reps hatte das Thema als eines der Schwerpunktthemen der gegenwärtigen Regierung bezeichnet.

Eine Untersuchung unter den Mitgliedsstaaten der OECD zeigt aber auch, dass in Estland das Lehrpersonal relativ alt ist - fast die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer ist über 50 Jahre alt (err). Eine attraktive Lohnentwicklung soll also vor allem den Nachwuchs unter den Pädagogen zu Gute kommen. Eine andere Baustelle ist noch die relativ hohe Zahl frühzeitiger Schulabgänger: unter den 18-24-Jährigen lag 2017 die Zahl der Schulabbrecher bei 10,8% (ETM2018). Das liegt zwar im EU-Durchschnitt, aber für die estnischen Schulplaner eine prioritäre Aufgabe, wobei die Rate bei jungen Männern bei 14,2%, bei Frauen aber nur bei 7,3% liegt. Und Estland vergleicht sich auch in diesem Fall sehr gerne mit den skandinavischen Nachbarn Finnland, Norwegen und Schweden: dort wird erheblich mehr pro Schüler/in ausgegeben (obwohl z.B. Norwegen gar nicht so gut bei PISA abschneidet). Estland nimmt solche Statistiken sicherlich als Ansporn für die Zukunft.

Die Schülerinnen und Schüler in Jõgeva jedenfalls fanden fehlende Pädagogen auf ungewöhnliche Art: "Sucht nicht nach Raketen, sucht uns eine/n Mathelehrer/in!". In dem Gebiet hatte ein NATO-Eurofighter versehentlich eine Rakete abgeschossen, die auch nach langem Suchen nicht gefunden werden konnte. Die Schule dagegen erzeugte offenbar mit ihrer Suchanzeige genug Aufsehen, erzählte die Schulleiterin Priit Põdra der "Aktuaalne Kaamera": eine neue Mathelehrerin wurde gefunden (err).

Montag, Dezember 24, 2018

Dauersommer oder langer Winter?

Es mag Estinnen und Esten geben, die sich besonders im Frühjahr wünschen, die Sonne möge schneller um die Erde kreisen und länger andauernde warme, sonnige Zeiten bescheren. Aber die offiziell vorgenommene Umstellung von Sommer- auf Winterzeit und umgekehrt ist sicher keine estnische Erfindung.

Schon Anfang 2018 setzte Regierungschef Ratas das Thema auf die Agenda: die Zeitumstellung beinträchtige ernsthaft die Gesundheit vieler Bürgerinnen und Bürger, so Ratas (Postimees / ERR). Auch die Notwendigkeit zum Energiesparen könne in heutiger Zeit kein Grund mehr für eine Zeitumstellung sein, meinte Ratas.

Die Zeitumstellung ist inzwischen durch eine EU-Direktive gesetzlich geregelt. Allerdings hatte sich Estland bereits zwischen 2000 und 2001 schon einmal entschieden aus der Zeitumstellung auszusteigen - damals eigenmächtig, und für einige Nachbarn überraschend. 2002 kehrte Estland dann doch zur Sommerzeitumstellung zurück. Die damalige litauische Regierung entschied sich sogar zunächst für einen kompletten Wechsel von der osteuropäischen Zeit (EET) zur mitteleuropäischen Zeitzone (CET), in der auch Deutschland liegt. Ein wahres Zeitenchaos! Die Fahrpläne von Bussen, Bahnen und Flugzeugen gerieten damals - nach mehreren unterschiedlichen Entscheidungen in Litauen, Lettland und Estland - zu einem unentwirrbaren Dickicht.

2018, nach Ende einer EU-weiten Umfrage, an der sich 4,6 Millionen EU-Bürger/innen beteiligten und die eine klare Mehrheit von 84% für eine Abschaffung der seit 1996 praktizierten Zeitumstellung brachte, hatte EU-Kommissionspräsident Jeans-Claude Juncker schon eine komplette Abschaffung der Zeitumstellungen noch vor der nächsten Europawahl 2019 in Aussicht gestellt. EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc hatte daraufhin angedeutet dass Länder wie Portugal, Zypern und Polen eher zur Beibehaltung der Sommerzeit tendieren, während Finnland, Dänemark und die Niederlande eine dauerhafte Winterzeit bevorzugen. Außerdem war die Beteiligung an der EU-Umfrage in den einzelnen Ländern äußerst unterschiedlich: während allein 3 Millionen Deutsche ihr Votum abgaben, taten gleiches nicht einmal 20.000 Italiener/innen.

Ältere Menschen in Estland könnten die Zeitumstellung auch als "Relikt aus der Sowjetzeit" bezeichnen - denn zwischen den Jahren 1981 und 1988 wurden die estnischen Uhren noch sowjetisch angeordnet umgestellt (1989-1996 dann nicht mehr).

Wie gehts jetzt also 2019 weiter? Bliebe Estland bei permanenter Sommerzeit, könnten "mehr dunkle Stunde schlafend und mehr Tageslicht-Stunden aktiv" verbracht werden, so meint es das estnische Sozialministerium. Nur 12% der hellen Tagesstunden würde ein Durschnitts-Este dann verschlafen, so das Ministerium (ERR). Wenn Finnland allerdings dabei bliebe, lieber die permanente Winterzeit einzuführen, so könnten im Herbst 2019 hier ungeahnte Zeitlöcher entstehen, gerade zwischen den beiden Hauptstädten. Einer Umfrage zufolge befürworten 55% aller Estinnen und Esten die permanente Einführung der Sommerzeit.

Bei einem Zusammentreffen kurz vor Weihnachten in Vilnius einigten sich die Regierungschefs der drei baltischen Staaten darauf, gemeinsam möglichst in einer einheitlichen Zeitzone verbleiben zu wollen (ERR). Jüri Ratas versäumte dabei nicht zu betonen, dass Estland auch mit Finnland möglichst eine einheitliche Regelung anstrebt. Eine Einigung auf eine europaweiten Regelung wird momentan erst für 2021 für umsetzbar gehalten. Die Zeit wird es zeigen - ein Spruch mit momentan unsicherer Voraussagewirkung: den einen zeigt es sich mit, den anderen ohne offiziell vorgenommendem Zeitsprung.

Samstag, Dezember 22, 2018

Der Frost und der Kratt

Wer hätte schon seinen Kindern verbieten mögen, einen Schneemann zu bauen? Ja, estnische Mythologie müsste man kennen - und den Film "November" sehen, der momentan in manchen deutschen Kinos läuft. Für den Moment ein "November im Dezember."

Alte, verlassene Bauernhöfe gibt es im dünn besiedelten Estland genug - und sei es nur ein alter Schuppen mit zusammenfallendem Dach. Sehr viel mehr haben diese Menschen nicht, die uns Rainer Sarnet hier vor Augen führt. Und oh weh, scheinbar führen auch alte Baumsägen, Tierschädel und rostige Nägeln noch ein Eigenleben: schwarze Romantik und archaische Mythen "wie man sie vorher nur bei Andrej Tarkovskij gesehen hat" (epd-film).

Kein Film für Wärmeliebende: Schneegriesel wehen, es schneit unaufhörlich, es dunkelt früh, ein eisiges Wetter von der Art, dass Wasser an allen Zweigen und Gegenständen festfriert und die ganzen Landschaft den weiß-grauen Frosthauch überzieht. Die wenigen Menschen leben in Räumen, in denen sie kaum aufrecht stehen können, Vieh angekettet neben dem Bett. Da ist es schwer, persönliche Interessen zu sichern, oder gar eigenes Selbstbewußtsein. Viel stärker sind die "dunklen Mächte", die Zeichen und Wunder, hinter denen der allgegenwärtige Volksglaube zunächst mal Unheil vermutet.

Was könnte ein Symbol für den Teufel sein? Ein toter Vogel? Ein Knopf? Eine Mücke? Manchmal reicht es schon, wenn  ein Ziegenbock zum falschen Zeitpunkt in die Scheune hereinstolpert. Die Baumwipfel drehen sich um den Betrachter, Menschen sind ohne viel Aufwand in der Lage, den Wolfsschrei auszustoßen und den Vollmond zu verehren oder im dunklen Festtagskleid ins Wasser zu gehen.

Sind es Menschen, uns hier gezeigt werden? Schreckliche Fratzen, fehlende Zähne, schreckgeweitete Augen, wirre Haare - Kämme wären zu dieser Zeit wirklich noch nicht erfunden.
Dagegen waren die Schrecken der Pest sicher noch nicht vergessen. Auf dem Wasser bilden sich Eisblumen. Schwarze und weiße Kutschen, ohne Blumen. Auf allen Bäumen lastet der Schnee.

"November" führt uns irgendwo ins Estland des 19. Jahrhunderts. In einem kalten Herrenhaus decken zwei Bedienstete den Tisch, aber es sind keine Gäste zu sehen. Die Tochter des Barons mondsüchtig, springt fast vom Dach. Was kann es anderes geben als den baldigen Tod? - Mühsam, schwermütig, langsam webt sich der Faden der Liebe durch diese Atmosphäre. Leider wissen wir nicht wie das Buch von Andres Kivirähk ("Rehepapp", in estnischer Originalversion ein Bestseller) diese Story entwickelt, mit welcher Portion Sarkasmus es vielleicht Estinnen und Esten selbst sehen - eine Übersetzung des Buches ins Deutsche fehlt bisher. Ganz ernst gemeint habe Kivirähk es nicht, so einige die Estland sehr gut kennen. Immerhin hält der zarte Liebesfaden hier den Film am Leben, uns lässt ihn nicht versinken in übertriebenem Grusel oder albernen Grausamkeiten.

Doch es ist hier von unerfüllter Liebe die Rede; vielleicht auch von unvollendeten Taten. "Hast Du sie getötet? Sie, die er vereehrt, den Du liebst?" "Nein, ich konnte es nicht" - so die Antwort. "Er wäre sonst von Traurigkeit gestorben." - "Er muss ein seltsamer Mensch sein." "Das ist er."

Gut, wer einen "Kratt" zum Ratgeber hat; zumindest dies lernen wir aus diesem Film. Ein "Kratt", so wie es nur Estinnen und Esten haben, wie es Andres Kivirähk schreibt. Das kann ein Rest eines Gartengeräts sein, oder die feurigen Kohleaugen eines Schneemanns. Ein Kratt nimmt Sorgen und Wünsche entgegen - aber seine Ratschläge zu befolgen, das ist auf eigenes Risiko. "Brau mir einen Trank, der eine Frau mich lieben macht." - "Nimm deine eigene Scheiße, deinen Schweiß und Blut, und schon hast Du so einen Trank." Natürlich ist die Wirkung verheerend - der Liebhaber muss mit einer spitzen Gabel in seinem Rücken fliehen.

Nach zwei Stunden Film bleiben Zuschauer zurück, die vielleicht demnächst nicht mehr ganz fantasielos sind, sollten jemand mal einsam durch einen Wald gehen. Vielleicht aber auch mit mehr Verständnis fürs einfache bäuerliche Leben der Vergangenheit, als Bäuerin oder Bauer noch als Leibeigene, ohne Schreib- oder Lesekenntnisse versuchen mussten die Welt zu verstehen. Menschwerdung ist schwierig - aber möglich.

Kritiken zu "November":
EPD Film / Filmfestival GoEast / Estnische Filmdatenbank / Neues Deutschland / Mephisto / Tagesspiegel / Jumpcut / New York Times /

Dienstag, November 20, 2018

Migrierende Regierungskoalition

Auch in Estland wird momentan die internationale Diskussion um Migration und Flüchtlinge zu einem entscheidenden Faktor, ob die estnische Regierung noch zusammenarbeiten kann oder nicht. Auslöser war Justizminister Urmas Reinsalu, der namens seiner rechtskonservativen Partei "Pro Patria" vergangene Woche sein Veto einlegte gegen die Zustimmung zum neu ausgehandelten UN Flüchtlingspakt bzw. zum Bericht des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (siehe Text).

Gemeinsame Stellungnahmen der Regierung Ratas -
gegenwärtig nicht immer garantiert
Bei einer Ablehnung würde sich Estland in eine Reihe mit den USA, Tschechien, Bulgarien, Österreich, Ungarn und Australien stellen. Nun gerät allerdings Regierungschef Ratas unter Druck, der in dieser Frage seinem Justizminister nachgab - während seine Zentrumspartei und auch die Sozialdemokraten von Außenminister Sven Mikser das Abkommen befürworten. Nach Meinung von Reinsalu sei das Abkommen zwar kein bindender Vertrag, aber: "In der späteren Praxis könnte es als internationales Gewohnheitsrecht für die unterzeichnenden Staaten ausgelegt werden.“ (eurotopics / delfi)


Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen den Diskussionen der Ländervertreter/innen im EU-Parlament, und der innenpolitischen Diskussion im jeweiligen Heimatland (Wiener Zeitung). Die drei gegenwärtigen Regierungsparteien in Estland (Zentrumspartei, Pro Patria und Sozialdemokraten) suchen momentan noch nach Wegen zu einer Einigung. Die nationalkonservative Oppositionspartei EKRE startete eine Unterschriftenkampagne gegen das Abkommen. "Dieses Abkommen ist hinter dem Rücken der Nationalstaaten entstanden, um uns zu einem Zielland für Immigration zu machen", sagte EKRE-Vizevorsitzender Martin Helme (err).

Dagegen hatte Parlamentspräsident Eiki Nestor, ein Sozialdemokrat, am Montag eine Stellungnahme pro UN-Migrationspakt verfasst, die von 39 der 101 Abgeordneten unterstützt wurde - Sozialdemokraten und Zentrumspartei (err). Im Parlament sind gegenwärtig 25 Abgeordnete der Zentrumspartei, 14 Sozialdemokraten, 7 der nationalkonservativen EKRE, 30 der Reformpartei, 11 der Vaterlandspartei (Isamaa), 6 der Freiheitspartei und 8 franktionslose Abgeordnete vertreten (Riigikogu).

"Die Frage ist nicht nur, ob Estland dem UN-Flüchtlingspakt zustimmt oder nicht," mahnt Präsidentin Kaljulaid, "sondern zur Debatte steht hier auch die Stabilität der Regierungskoalition." Sie kündigte an, nicht zum UN-Gipfel in Marrakesch fliegen zu wollen, wenn sie seitens Estlands keine einheitliche Haltung dort präsentieren könne. Kaljulaid hatte in Gesprächen mit den Parteichefs der Regierungskoalition auch eine Diskussion zum UN-Flüchtlingspakt im Parlament (tt) vorgeschlagen - eine Position, der sich auch Marko Mihkelson, Parlamentarier der oppositionellen Reformpartei, anschloss. Inzwischen ist für Montag 26.November eine Diskussion im Parlament terminiert (err).

Die estnische Reformpartei, jetzt zwei Jahre nicht mehr an der Regierung beteiligt, versucht derweil die Gelegenheit zu nutzen und erklärt ihre Bereitschaft zur Regierungsübernahme (err). Seit einigen Monaten hat hier Kaja Kallas, Tochter des Partei-Urgesteins Siim Kallas, den Chefsessel eingenommen. Unter gewissen Bedingungen kündigte die Reformpartei ihre Unterstützung für den Entschließungsentwurf der Sozialdemokraten an - sicher in der Hoffnung, so einen Keil in die Regierungskoalition treiben zu können. Justizminister Urmas Reinsalu übrigens, der die andauernde Diskussion ausgelöst hatte., war übrigens auch schon unter Reformpartei-Premier Taavi Rõivas Justizmnister.
Zum Teil wirkt die gegenwärtige Diskussion auch wie ein Vorgeschmack auf den kommenden Wahlkampf: bis zum 3. März 2019, dem Termin der nächsten estnischen Parlamentswahlen, sind es nur noch wenige Wochen.

Montag, Oktober 22, 2018

Nicht grün, aber ganz biodivers


Artur Talvik ist ein umtriebiger Mensch. 1964 in Tallinn geboren, bekam er vermutlich schon durch seine Eltern, eine Fernsehmoderatorin und ein Journalist, Techniken der öffentlichen Präsentation vermittelt. Er studierte Dramaturgie, war dann als Schauspieler am staatlichen Puppentheater in Tallinn beschäftigt, und arbeitete auch als Reporter für "Radio Kuku", in den 1990igern die erste private Radiostation Estlands. Dann waren es Film- und Fernsehproduktionen wie "Schnauze voll", an denen er beteiligt war.
Auch als Politiker könnte man sich manchmal fragen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Seine politische Karriere startete Talvik 2011. Er holte relativ viele Stimmen auf einer Liste der "Grünen" (Eestimaa Rohelised), die insgesamt aber nur 3,8% holte und damit keine Mandate zugesprochen bekam.

Vier Jahre später trat Talvik für die neu gegründete Estnische Freiheitspartei (Eesti Vabaerakond) an. (VVK) Er errang eines der acht Parlamentsmandate und trat der Partei im März 2017 bei. Es war ein tubulentes Jahr: schon im April wählte die Freiheitspartei Talvik zu ihrem Vorsitzenden. - "Damit haben wir uns selbst ins Knie geschossen", sagt heute Jüri Adams, wie Talvik Fraktionsmitglied der Freiheitspartei im Parlament (err). "Wir haben nie richtig hingeschaut, was diesen anscheinend vielversprechenden jungen Mann eigentlich antreibt," sagt Adams heute. "Er hat uns verlassen sogar ohne die Tür zuzuschlagen."

Talvik trat 2018 aus der Freiheitspartei aus, Ende August auch aus der Fraktion, und gehört einstweilen dem Parlament als fraktionsloser Abgeordneter an. Inzwischen gab Talvik die Gründung einer neuen Partei bekannt: sie soll "Elurikkuse Erakond" heißen, was in etwaa mit "Biodiversitätspartei" übersetzt werden kann. Angeblich gibt es schon 200 Mitglieder, und natürlich möchte sich Talvik dadurch auch für die nächsten Parlamentswahlen im März 2019 positionieren. "Es ist nun Zeit auch für einen Tigersprung in der Ökologie!" sagte Talvik der Zeitung Postimees, in Anspielung auf die erfolgreiche Digitalisierung.
Am 10. November soll es einen ersten Parteitag der "Biodiversen" geben. 500 Menschen müssen als Mitglieder unterschreiben, damit die Partei bei den Wahlen antreten könnte - mit weniger Unterstützung können dies nur Einzelpersonen. Möglich also, dass Talvik hier auch eine Doppelstrategie fährt.

''Artur ist ein guter Filmmacher," meint Indrek Tarand, der es 2009 und 2014 als unabhängiger Kandidat ins Europaparlament schaffte, "Aber eine gute Idee ist nicht immer gleich auch ein guter Film". (err) Auch Tarand hat seine Rückkehr auf die politische Bühne Estlands angekündigt, zögert aber sich einer Partei anzuschließen (err).

Nach "Estland200" ist die neue Talvik-Partei schon die zweite Gruppierung, die sich in Perspektive der anstehenden Wahlen neu bildet. Aktuellen Umfragen zufolge liegt gegenwärtig die Reformpartei mit 28,4% vorn, gefolgt vom Zentrum mit 26,7%, der Konservativen Partei EKRE mit 15,8% und den Sozialdemokraten mit 14%.
Pro Patria liegt noch bei 5,1%, Estonia200 bei 5,4%. Und auch die Estnischen Grünen hoffen noch auf eine Rückkehr ins Parlament: 4% der Befragten befürworten das momentan, während 25% sich noch unentschieden zeigten (ERR).

Freitag, Oktober 12, 2018

Auf Dienstreise

Ich bin dann mal weg - auf e-Reise

Dienstreisen im Internet - geht leider noch nicht. Aber Dienstreisen für die digitalen Ziele, vorzugsweise ins kleine Estland, waren in den vergangenen Monaten sehr beliebt. Fragen Sie doch mal Ihren Stadtbürgermeister oder Landrat: wer war noch nicht, wer will noch mal?

Auf die Namensähnlichkeit der beiden Länder Estland und Emsland setzt eventuell Landrat Reinhard Winter anläßlich einer Bildungskonferenz in Meppen. Und schon schreibt die "Neue Osnabrücker Zeitung" von einer "Bildungsregion Emsland", auch wenn bisher lediglich von Herausforderungen, und viel weniger von bereits Erreichtem die Rede ist. Gastreferent Kaarel Rundu, Leiter der Deutschen Schule in Tallinn, wird hier mit den Worten angekündigt: "Estland gilt als eines der technologisiertesten Länder der Welt." Wovon war noch gleich die Rede? Von Estland und Emsland, richtig.

Hinterher laufen, oder hinken? 

"Estland hat uns abgehängt", meint Unternehmer








Montag, September 10, 2018

Meist trocken und warm

unterwegs am Peipsi-See
Estnische Sommer sind kurz. Mehr Sonne als gewöhnlich gab es 2018, aber auch mehr Badeunfälle. Statistisch war es im Juni, Juli und August dieses Jahr 17.8° C warm, 1.8°mehr als das langjährige Jahresmittel. Es habe aber auch schon ähnlich warme Sommer gegeben, teilte der estnische nationale Wetterdienst mit (ERR).1972 habe es ähnlich hohe Temperaturen gegeben. Allzeit-Rekorde seien nicht gemessen worden. Die höchste Temperatur meldete Tallinn-Harku mit 34.2° am 29.Juli, während am 7.Juni an einigen Meßstationen im Bezirk Lääne-Viru sogar leichte Minustemperaturen auftraten.

In Kunda an der estnischen Nordküste fielen nur 85mm Regen (normal = 220mm). Võru im Südosten dagegen meldete 222mm (normal 249mm), der Ort war damit der feuchteste in ganz Estland. Eintausend Sonnenstunden konnte man auf Saaremaa genießen - 1028,8 Stunden wurden auf bei Roomassaareim Süden der Insel gemessen, damit der sommer-sonnigste Ort Estlands.

"Estland schafft die Sommerzeit ab" - das ist allerdings keine aktuelle Gegenmaßnahme bei zu hohen Temperaturen. Hier geht es um die EU-weite Zeitumstellung im Frühling und Herbst, und die estnische Regierung hat sich bereits für einen Ausstieg aus dieser Regelung ausgesprochen (err). Wie groß der zeitliche Unterschied dann zwischen deutschem und estnischem Sommer sein wird, ist allerdings noch nicht klar. Wer schon bisher Schwierigkeiten beim Ausrechnen der notwendigen Umstellung hatte, kann sich ja mal vorstellen, Deutschland bleibt bei dauernder Sommerzeit, Estland bei Winterzeit. Fährt also ein Bus in Berlin am 1.Juli 18 Uhr los, um welche Uhrzeit in Tallinn käme er dann an?

Alles Gewöhnungssache, wahrscheinlich. Der Spätsommer bringt es auch mit sich, dass die Vogelnester wieder leer sind, und viele Vögel nun nach Süden aufbrechen. Wer dies beobachten möchte, kann dem Zugweg einiger Vögel folgen, die mit einem kleinen Sender ausgestattet worden sind (Birdmap). Na dann: Guten Flug! (nächstes Jahr zur selben Zeit am selben Ort?)

Sonntag, August 26, 2018

Die Apfelestin

Schon manches ist in diesem Jahr unternommen worden, um in variantenreicher Form dem 100-jährigen Jubiläum des unanbhängigen Estland zu gedenken - vom Eichenbäume pflanzen bis zum gemeinsamen Fahrrad fahren, tanzen, singen oder Theater spielen. Für die Künstlerin Kamille Saabre jedoch stehen gerade jetzt im Spätsommer ganz bestimmte Objekte im Fokus: estnische Äpfel.

Kamille Saabre malt Äpfel. Nicht ausschließlich - auch andere Früchte, und auch Blumen. Aber stets schlicht nach der Natur. Vielleicht auf dem Weg, die eigene Identität erkunden zu wollen. Saabre sagt: "Jeder Apfel ist wie ein Este". Aber aufgepasst: umgedreht stimmt dieser Satz noch lange nicht! Keinesfalls ist jeder Apfel wie ein Este (oder eine Estin) - ein Blick auf die Vielzahl der meist auf äußerliche Schönheit und einheitliche Größe gezüchteten Äpfel dieser Welt hilft weiter. Und Estland ist in dieser Hinsicht eben doch lieber nicht wie Italien - wo schon 70% aller Obstgärten nur "Golden Delicious" bieten (und auch Elstar, Jonagold, Gala, Cripps Pink, Rubinette und Pinova sind alles Kreuzungen mit dieser kommerziell erfolgreichsten Sorte des Handels.

Weiterhin sagt Saabre: "Ich bin nicht darauf aus, die Schönheit der Natur zu kopieren. Ich möchte aber die Betrachter inspirieren, obwohl auf den Bildern ja keine Menschen zu sehen sind. Dennoch gibt es die ganze Bandbreite menschlichen Lebens zu sehen." Und die Künstlerin kann es auch an der eigenen Person erklären, was sie meint: "Ich war schon in New York, ich habe meine Familie in Zürich gegründet. Zu meiner persönlichen Farbpalette kommt ein polnischer Großvater, eine türkische Großmutter, ein Vater aus Ägypten, eine Mutter aus Estland und ein Ehemann aus der Schweiz dazu. All dies beeinflusst mein Leben und meine Kunst."

Kamille Saabre hat schon ein wenig weiter gedacht: das hundertste Jubiläumsjahr ist bald schon zu Ende. Was dann? "Õun on nagu eestlane", wie gesagt. Saabre hat vorgesorgt, und einen Kalender nach diesem Motto für das Jahr 2019 zusammengestellt. "Wenn es nach mir ginge, würde ich den Apfel zur Nationalfrucht Estlands erklären" - auch dieser Satz stammt von Saabre. "Sogar dort, wo Bauernhöfe aufgegeben wurden und die Menschen längst weg sind, da stehen die Apfelbäume noch."

So gelangen die Apfelfreunde dann vielleicht zu der Erkenntnis:Kingin sulle õuna. Sest õun on eestlase moodi 
(Ich gebe Dir einen Apfel - weil der Spfel ein estnischer Weg ist)

Sehr schön auch, dass der Saabre-Apfelkalender 2019 auch den Apfelsorten-Spezialisten weiterhelfen wird: Geboten wird der "Liivi kuldrenett" im Januar, "Valge klaarõun" im Februar, ein "Sõstraroosa" im März, und ein "Juulikuine" schon im April. Es folgen ein "Suislep" im Mai, der "Paide taliõun" sowohl im Juni wie auch im Juli, und der "Pärnu tuviõun" für den August, der auch "Trebuu" oder Lambanina" genannt wird. Im September steht dann der "Antoonovka" im Kalender (der sogar schon einen Eintrag bei Wikipedia hat und wissenschaftlich "Kloostri Antonovka" genannt wird). Der Kalender-November bietet noch den "Krameri tuviõun", und das Jahr schließt ab mit dem "Liivi sibulõun". Was fehlt? Die für den Kalender-Oktober herausgesuchte Sorte nennt Kamille Saabre "Komsomolka" - ein Begriff, der von den meisten wohl mit verschiedenen Dingen des sowjetischen Alltags in Verbindung gebracht wird, den ich aber bei Apfelhändlern noch nicht gefunden habe. Vielleicht ein Apfel aus Nachbars Garten?

Und noch dies: Untersuchungen des estnischen Landwirtschaftsministeriums zufolge ist der Apfel der Est/innen meist konsumierte Frucht - 34g pro Einwohner und Tag (gegenüber Zitrusfrüchten mit 30g und Bananen mit 22g /Tag).

Kamille Saabre Webseite / Facebookseite / Estonia100

Sonntag, August 05, 2018

Foto lokalisiert - Paldiski

Seit zehn Jahren beschäftigt mich das Foto. Es zeigt die typische Nordküste von Estland. Aber der Ort ist heute so nicht wiederzuerkennen. Mit Google-Map habe ich jetzt nochmals die Küste abgesucht. Ergebnis gleich Null. Dann die Eingebung nach historischen Aufnahmen von Paldiski zu suchen. Zwei passten. Also, das ist Paldiski, Baltischport, wahrscheinlich in den 30ern. In der Mitte die Seemannsschule: Estonian shore at Paldiski - Baltischport

Sonntag, Juli 29, 2018

Und wie nu nach Ruhnu?

Bereits kurz vor den Mitsommerfeiern gab es eine böse Überraschung für die touristischen Dienstleister auf der kleinen estnischen Insel Ruhnu: die seit 2012 im Einsatz befindliche Fähre "Runö" war mit Maschinenschaden im Hafen von Pärnu liegen geblieben und machte so die Anreise vieler Sommergäste wochenlang unmöglich.(bnn)

Zwar fährt gelegentlich noch eine weitere kleine Fähre vom lettischen Roja aus nach Ruhnu, aber viele Gäste hatten Aufenthalt und Anreise ja bereits gebucht, und so blieb kaum eine Alternative. Und damit nicht genug: die "Amalie", als Ersatzschiff für die "Runö" herbeigeholt, konnte Ende Juni ebenfalls den Hafen nicht verlassen - "starke Winde" wurden diesmal als Grund genannt. "Amalie" sollte wenigstens eine Verbindung nach Saaremaa möglich machen - wenn auch langsamer, kleiner und unbequemer als die reguläre Lösung.

Während bei der "Runö" unterdessen erst einmal der Motor komplett ausgebaut wurde - ein neuer musste bei Volvo in Schweden bestellt werden - waren estnische Politiker mit recht seltsamen Aussagen zur Stelle. "Ruhnu war immer schon ein extremer Ort zum Leben und für Besuche," so locker sah es Janek Mäggi, estnischer Minister für öffentliche Verwaltung. Nun hat sich auch Wirtschaftsministerin Kadri Simson zu Wort gemeldet. Auch ihre Aussage klingt wenig hilfreich, aus Sicht der Einwohner der Insel: "Sie haben diese Katamaran-Fähre gewollt doch selbst gewollt!". (ERR)

Dem vorausgegangen war ein Brief aus Ruhnu an die Ministerin, in dem die Tauglichkeit des eingesetzten Schiffes für die Route anzweifelte. Die Ministerin wiederum beruft sich auf die Aussagen der estnischen Seefahrtsverwaltung, der zufolge die "Runö" allen Anforderungen entspricht. Bereits seit 2012 habe das in Estland gebaute Schiff auch schon mehrere Verbesserungen bekommen, um eine sichere Fahrt und eine zuverlässige Verbindung zwischen der Insel in beide Richtungen - Saaremaa und Pärnu - zu gewährleisten. 2009 hatte das Ministerium eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die drei verschiedene mögliche Lösungen zum Ergebnis hatte. Diese wurden dann den Einwohnern auf Ruhnu präsentiert, und die Gemeinde habe sich dann für den Katamaran entschieden.

Inzwischen hat die "Runö" den regelären Fährbetrieb, mit einem komplett neuen Motor, wieder aufgenommen. Das Schiff war 2012 auf der "Baltic Workboats AS (BWB)" gebaut worden und war Teil eines EU-geförderten Projekts zur Förderung der Verkehrsverbindungen zwischen den estnischen Inseln und dem Festland gewesen. 1998 wurde die BWB von den beiden Geschäftsleuten Margus Vanaselja und Märten Väikmaa gegründet - ein estnisches Vorzeigeprojekt des "Made-in-Estonia". Drei weitere Schiffe wurden bei "BWB", die bis dahin vor allem schnelle Patrouillenboote gebaut hatten, in Auftrag gegeben: die "Ormsö" (Linie nach Vormsi), die "Abro" (Abruka-Linie) und die "Kihnu virve" (Kihnu und Manija). Zusätzlich baute "Reval Shipbuilding" die "Wrangö" für die Linie nach Prangli - kleine Schiffe, die außer ein paar Dutzend Passagieren noch maximal zwei Autos oder einen LKW mitnehmen können. 

Ein weiteres Boot kam im April 2017 dazu. Die "Soela" soll zwischen Hiiumaa und Saaremaa verkehren, ist 45m lang, hat ein Fassungsvermögen von 200 Personen plus 22 PKWs und kostete 9,4 Millionen Euro (85% EU-finanziert).

"Der Fährverkehr nach Ruhnu kostet 530.000 Euro jedes Jahr," erinnert Minister Mäggi, "dazu 420.000 Euro für die die Flugverbindung von Mai bis Oktober. Das ist das Dreifache des Gesamtbudgets der Inselgemeinde." Von Pärnu aus fliegt ein kleines, achtsitziges Flugzeug die Strecke nach Ruhnu. Die Insel hat gegenwürtig 170 Einwohner. Bei solch hohen Kosten sei es einfach nicht möglich, kurzfristig auch noch einen Plan B in der Schublade bereit zu halten. (ERR) "Schon als 1918 Estland seine Unabhängigkeit errang, da bekamen die Insulaner das erst irgendwann im Mai heraus, nachdem das Eis geschmolzen war."

Der estnischen Regierung kann aber momentan schwerlich vorgeworfen werden, die Sorgen in Ruhnu vergessen zu haben. Erst kürzlich wurde ein weiteres ambitioniertes Projekt (Eesti Energia) eröffnet, gar nicht weit vom Flugplatz: eine 150KW-Solaranlage, die zur nachhaltigen energetischen Selbstversorgung beitragen soll. Auch die seit 2007 bestehende Windenergieanlage soll in Kürze erneuert werden. (ERR)

Samstag, Juli 28, 2018

Parteiliche Zwischenbilanz

Die nächsten Wahlen zum estnischen Parlament (Riigikogu) stehen erst im März 2019 an, aber in den Monaten zuvor lohnt immer ein Blick auf die aktuelle Lage -schon oft haben sich kurz vor den Wahlen Parteien neu gebildet oder Zusammenschlüsse gebildet.

Einer Übersicht des "Baltic News Service" (BNS) zufolge ist es für die Parteien gar nicht so einfach, die politische Arbeit zu organisieren: mindestens 1000 Mitglieder sind nötig, um überhaupt registriert zu werden als Partei (Parteiengesetz).Und 4x pro Jahr muss jede Partei angeben, wie es mit Einnahmen und Ausgaben steht, inclusive Spenden.  Ein Pluspunkt an Transparenz, so urteilen Parteienforscher (FINEC).

Diese Herren müssen draufschauen: die Mitglieder des "Political Party
Funding Supervision Committee" (es gibt auch weibliche Mitglieder - die
hatte mann aber offenbar nicht fürs Gruppenfoto eingeladen)
So kommen solche Zwischenberichte zustande, wie sie jetzt bei ERR zu lesen waren; hier geht es um die Ausgaben und Einnahmen im zweiten Quartal 2018. Diesen Zwischenberichten zufolge konnte sich die "Isamaa/Pro Patria" über 62332 Euro an Spenden freuen und lag damit mehr als 10.000 Euro vor der "Reformpartei". Aber andererseits verwundert es doch, wie wenige Mitglieder derselben Partei ihren Mitgliedbeitrag regelmäßig bezahlen. Andererseits ist die Zahlungsmoral der Mitglieder bei Parteien wie der "Freiheitspartei" (Vabaerakond) sehr hoch, die Partei erhielt nur 4000 Euro an Spenden.Und durchschnittlich geben ausgerechnet die estnischen Grünen persönlich am meisten für Beiträge aus, obwohl sie ja momentan gar nicht im estnischen Parlament vertreten sind.

im Überblick:
Zentrumspartei - 14841 Mitglieder - 21,76 Euro (durchschnittliche Beitragshöhe per Mitglied) - 3,12% (Anteil der Mitglieder, die im 2.Quartal mindestens einmal gezahlt haben)
Reformpartei - 12216 Mitglieder - 14,89 Euro - 5,97%
SDE (Sozialdemokraten) - 5818 Mitglieder - 20,28 Euro - 5,87%
Pro Patria - 8680 Mitglieder - 15,17 Euro - 1,19%
EKRE (Konservative) - 8430 Mitglieder - ? - 2,41%
Vabaerakond (Freiheitspartei) - 635 Mitglieder - 16,64 Euro - 26,77%
Grüne - 1066 Mitglieder - 30,43 Euro - 4,3%

Sonntag, Juni 24, 2018

Ausgegraben

In Tallinn sind bei Bauarbeiten offenbar größere Mengen Funde gemacht worden, die aus mittelalterlicher Zeit stammen sollen. An der Ecke der beiden Straßen Väike-Patarei 1 / Jahu 6 wurden auf bisher 1000m² Untersuchungsfläche insgesamt 15.000 Einzelteile von Archäologen sichergestellt - die Mehrzahl der Gegenstände sollen aus dem 15. Jahrhundert stammen.

Vermutungen gehen dahin, dass der Boden teilweise aus Resten eines religiös genutzten Gebäudes stammen, teilweise aus einer Werkstatt zur Lederfabrikation. Unter den Fundsachen sind auch eine Christus darstellende Elfenbeinfigur, Pilgerabzeichen, Fragmente von Glasfenstern und Fabelwesen im gothischen Stil. Weiterhin auch Schachfiguren, Würfel, Pfeilspitzen, Lederschuhe und Keramikfragmente. Fachleute halten auch die aus Holz gefertigten Gegenstände für besonders wertvoll, da sie sich im Boden an dieser Stelle relativ gut erhalten hätten.

Die Fundstelle soll nun über den Sommer weiter untersucht und die Artefakte gesichert werden. Bei Voruntersuchungen zur Erteilung einer Baugenehmigung an dieser Stelle waren aus archäologischer Sicht keine Auffälligkeiten festgestellt worden. Die Funstellen befinden sich auf der Baustelle zum Wohnkomplex mit dem Projektnamen "Mündriku", in der Nähe des Stadtteils Kalamaja, am Rande der Altstadt.

Mittwoch, Mai 16, 2018

Eestimaa - hundimaa = Wolfsland

Estland hat eine Nationalblume (die Kornblume), einen Nationalvogel (die Rauchschwalbe), einen Nationalfisch (der Strömling), einen Nationalstein (Kalkstein), und sogar einen National-Schmetterling (nach Abstimmungsergebnissen aus dem Jahr 2017 soll es der Schwalbenschwanz sein - estnisch "Pääsusaba"). Und nun endlich, nach fast fünf Jahren andauernder Diskussion, wurde auch über ein estnisches National-TIER entschieden - es soll der Wolf sein.

Es soll eine hitzige Diskussion gewesen sein: Vertreter/innen von 20 Naturschutz- und Kulturorganisationen saßen jahrelang zusammen, um sich über ein estnisches Nationaltier zu einigen. Schließlich entschied eine Mehrheit für den Wolf, als Symbol für unberührte Natur, der seit Hunderten und vielleicht Tausenden von Jahren schon die Wiesen und wälder beherrscht. "Der Wolf ist ein Indikator intakter Natur und spiegelt das estnische Naturverständnis wieder", so die Befürworter. (Postimees)

Welches Tier wäre denn als Alternative in Frage gekommen? Storch, Bär und Elch reklamiert auch Litauen für sich (Storch als Nationaltier, der Bär im Wappen Žemaitijas, der Elch als Symbol der Kurischen Nehrung). Elche wären ja auch durch Skandinavien schon genug strapaziert. Nun ja, der Bär - es soll in Estland immerhin etwa 800 geben - ist vielleicht auch zu sehr bekannt in seiner Version als "russischer Bär" - da haben alle schönen Geschichten von durch Estland wandernde Bären wohl keine Chance. Nein, weder Biber, Fuchs, Dachs oder Luchs wäre der Gegenvorschlag gewesen - wohl aber der Igel! Denn wer das Nationalepos "Kalevipoeg" gelesen hat, der kennt den Igel als klugen Ratgeber des großen Helden - ein wichtiges Argument! Schließlich soll der Igel, der Sage zu Folge, sein "dornenbesetztes Röckchen" nur deshalb tragen, weil Kalevipoeg es ihm zum Dank schenkte.

Am Ende jedoch siegte der Wolf - zumindest bei dieser Abstimmung unter Naturfreunden; vielleicht ist er nicht im Kalevipoeg nicht so positiv erwähnt, aber doch in sehr vielen estnischen Volkssagen präsent. 200 Wölfe in 20-25 Rudeln soll es derzeit in Estland geben. Dem Estnischen Jagdverband zufolge werden jedes Jahr auch 100-150 Wölfe geschossen - mit Jagderlaubnis. "Gut organisiert sind winterliche Lappjagden auf Isegrim", schwärmt die Zeitschrift "Jagen weltweit". Angesichts des potentiell weit verbreiteten Kundenkreises deutscher Jäger in Estland ist naheliegend, dass der Wolf in Deutschland niemals Nationaltier werden kann: "Einen ehrlichen Interessenvertreter hat der Wolf hierzulande nicht," bilanziert DIE ZEIT die Diskussion in Deutschland.

Es gibt auch andere Anlässe, Estland als "Wolfsland" zu identifizieren: dem estnisch-lettischen Film mit Autor und Sänger Jaan Tätte über Natur in Estland gab der NDR (und auch der estnische Regisseur Urmas Eero Liiv) schon 2006 den Titel: "Estland - Wölfe, Biber, Bären." Wer will, kann es ja als Prioritätenliste sehen.
Es gibt auch Stimmen, die mit geschichtlichen Fakten die Angst der Menschen vor Wölfen bearbeiten wollen. "Vor 140 Jahren haben Wölfe noch Menschen gefressen", schrieb der Wissenschaftsjournalist Villu Pärt in einem Blog der Universität Tartu. "Im 18. und 19. Jahrhundert war das Nahrungsangebot in Estland sehr viel geringer," schreibt er, und beruft sich einerseits auf die historischen Schriften von Jakob Benjamin Fischer, einem deutschbaltischen Naturforscher Ende des 18. Jahrhunderts. Andererseits hat mit Ilmar Rootsi auch ein junger estnischer Wissenschaftler die Beziehungen zwischen Mensch und Wolf untersucht. In früheren Zeiten seien unter anderem auch deshalb manchmal Kinder zu Opfern von Wölfen geworden, weil eben auch schon Kinder als Hirten eingesetzt waren, die Schafs- oder Kuhherden bewachen mussten, oft ganz allein. Die beiden letzte Todesfälle in Verbindung mit einem Wolf sollen sich in Estland 1853 und 1873 zugetragen haben: das Opfer im ersten Fall war fünf Jahre alt, im zweiten neun.

Nun ja, den Wolf in Estland als weit verbreitet anzusehen, kann jedenfalls nicht falsch sein. Es kann ja den Estinnen und Esten nicht "verordnet" werden, ihr nun "demokratisch gewähltes" Nationaltier auch lieben zu müssen. - Warum ausgerechnet der Schwalbenschwanz zu Estlands Schmetterling gevotet wurde, versuchten es die initiatoren so zu begründen: "Ganz so wie die Esten sich gerne auf den Berghängen versammeln, um zusammen zu singen, versammeln sich auch die Schwalbenschwänze auf ihren Balzflügen oft auf Bergspitzen." (Looduskalender) Nur das es in Estland eben keine "Bergspitzen" gibt.

Bliebe eigentlich nur noch, vor sprachlichen Falltüren in Estland zu warnen: der "koer" ist der estnische Name für Hund - "hunt" jedoch ist: der Wolf. Trickreich ist, dass es auch einen "Hundikoer" gibt: den Wolfshund.

Dienstag, Mai 15, 2018

Wo 100 sind, können 200 werden

Kaum hat sich die internationale Öffentlichkeit daran gewöhnt, dass Estland im Jahr 2018 seine 100 Jahre Unabhängigkeit feiert - also Estland 100 - da kommt schon ein neues Schlagwort auf. Was sollen wir bei den 100 stehen bleiben? Lasst uns über Estland 200 nachdenken! Diese Suche nach neuen Zielen hat wohl auch damit zu tun, dass in 10 Monaten in Estland Parlamentswahlen anstehen.

Es ist ein sogenanntes "Manifest", was da veröffentlicht wurde: unterschrieben und veröffentlicht haben es fünf Autorinnen und Autoren: Priit Alamäe, ein Geschäftsmann aus dem IT-Business, Kristiina Kallas, Direktorin des Narva Colleges der Universität Tartu, Indrek Nuume, ein Bankdirektor, Küllike Saar, Direktorin der Kinderstiftung an der Uniklinik Tartu, und Kristiina Tõnisson, Direktorin des Johan-Skytte-Instituts für Politikwissenschaften in Tartu.

Dunstkreis Tartu also? Politische Erfahrung aus der Arbeit in Parteien hat von den fünf Initiator/innen nur einer: Priit Alamäe war 20 Jahre lang Mitglied der "Pro Patria and Res Publica Union". Kristiina Kallas ließ sich mal für die Liste der Sozialdemokraten für Regionalwahlen aufstellen, wurde aber nicht gewählt. Über die Namen der Initiator/innen hinaus soll es weitere etwa 40 Unterstützer/innen geben. Eingeladen sei jede/r mitzumachen - allerdings solle die Motivation nicht sein "einen Job im Parlament zu wollen." Aber eine Parteigündung wird ebenfalls nicht ausgeschlossen.  "Wir sind fokussiert auf Ideen - eine Weltsicht war bisher nicht notwendig für uns", so lässt sich Kristiina Kallas in der Presse zitieren.

ganz sicher nichts mit dem politischen Manifest
"Eesti 200" zu tun hatte dieser Post der finnischen
Botschaft auf Twitter: hier wurden einfach mal
die Geburtstage der beiden Länder zusammengezählt
Was also sind die Ziele? Sicher nicht nur eine Twitter-Diskussion. Man wolle eher Probleme ansprechen, als Ideologien pflegen, sagen die Manifest-Verfasser/innen. Also so ähnlich wie "durch Estland soll ein Ruck gehen"? Geboten wird zunächst eine Analyse: Estland werde in den kommenden Jahrzehnten weniger Einwohner/innen im arbeitsfähigen Alter haben, auch weniger Bevölkerung insgesamt, bei weiter ansteigenden Ansprüchen an den Lebensstandard - in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Verkehr und staatliche Verwaltung seien schwierige Entscheidungen zu treffen. Es bedürfe Chancengleichheit in allen Landesteilen, und die Regierung müsse Reformen schnell und effizient umsetzen. Interessant auch die Idee des Manifests, statt russische und estnische Schulen parallel solle es zukünftig ein einheitliches estnisches Schulmodell in Estland geben (siehe: "Postimees").

Es gibt aber auch kritische Stimmen. "Solche scheinbaren Patentrezepte nach diesem Muster sind in Estland bereits zu genüge bekannt," kommentiert Politikwissenschaftlerin Oudekki Loone, Parlamentsmitglied der Zentrumspartei. "Weg mit den roten Linien, setzt den Staat auf Schlankheitsdiät, lasst die Menschen sich selbst um ihre Gesundheit kümmern, und lasst uns mit neuen Technologien das Leben einfacher machen - das ist nicht mehr als eine neue Reformpartei, genauso war "Res Publica" oder die Freiheitspartei." (ERR) Es reiche nicht, einfach zu sagen: alle guten Leute sind Freunde, und bitte dem Unternehmer keine Bürokraten in de Weg stellen, meint Loone. "Zu viele von uns haben seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit nichts als Kartoffelschalen gegessen. Und wer bei uns früher von Freiheit träumte, dachte auch dies sei mehr als nur die Freiheit ein Unternehmer sein zu dürfen." Loone sprach sich dafür aus, Estland in Richtung eines Sozialstaats zu entwickeln, sowie eine eigene estnische Investmentbank zu gründen, um kleinere und mittlere Unternehmen außerhalb Tallinns besser unterstützen zu können.

Freitag, April 27, 2018

Gemälde als Wandschmuck

Als kürzlich ein Gemälde des estnischen Künstlers Tiit Pääsuke aus dem Verwaltungsgebäude der Bezirksregierung in Järva (Zentralestland) verschwand, bemerkte es lange Zeit niemand. Wegen Reparaturen im Rathaus wurde es zunächst in einer Garage zwischengelagert, und offenbar war es reine Glücksache, dass es dort nicht zu Schaden kam. Schließlich verschwand das Bild ganz aus der Garage - und tauchte später bei Kunsthändlern wieder auf. In diesem Fall immerhin ein Bild mit einem Marktwert von 10.000 Euro. - Dieser Fall warf die Frage auf: welche estnischen Kunstwerke hängen eigentlich noch anderswo in öffentlichen Gebäuden?

Quelle:
kunstikeskus.ee
Schnell stellte sich heraus: zu vielen davon, was so an den Wänden in Rathäusern, Behörden und Kulturhäusern hängt, gibt es wenig oder gar keine Dokumentation - in ganz Estland nicht. Schenkungen, Ankäufe? In Järva wurden jetzt Mitarbeiter/innen der Finanzverwaltung beauftragt, um den Bestand genau zu erfassen. Inzwischen steht fest, dass in verschiedenen Gebäuden des Bezirks Järva insgesamt sechs Kunstwerke hängen, die bisher nicht erfasst wurden. Auch ein Ölgemälde von Ants Viidalepp wurde gefunden, ein Motiv aus einem Roman von Anton Tammsaare darstellend - Eigentümer unbekannt.

Aktuelle Ausstellung in der
Kunsthalle Tallinn
Im estnischen Fernsehen wurden Vermutungen laut, dass manche Beamte, aufgefordert die Bestände zu erfassen, bisher eben nur das nachgezählt und kontrolliert haben, was in den offiziellen Listen enthalten war. Außerdem wurde festgestellt, dass viele wertvolle Gemälde sich in Gebäuden befinden, die öffentlich leicht zugänglich und unbewacht sind. Ein Gemälde von Heiti Polli, dessen Werke unter anderem auch in der Tretjakow-Galerie in Moskau ausgestellt sind, hing sogar direkt an der Eingangstür der Stadtverwaltung von Paide. (ERR)

Ist das noch eine Hinterlassenschaft der sowjet-estnischen Verhältnisse? Schließlich gibt es viele Künstler/innen, die keine Verzeichnisse darüber führen, wo ihre Werke gerade sind. Manche Malerin und mancher Maler mag auch im Hochgefühl der estnischen Unabhängigkeitsbewegung gedacht haben: ich male für Estland! Oder, weniger optimistische Variante: mal ein Werk dort hingeben, wo man Rechnungen nicht mehr bezahlen kann. Der Kunst in Estland ist zumindest zu wünschen, dass es übersichtlich bleibt.

Mittwoch, April 11, 2018

Das Apfelrätsel

Alte Livländer Apfelsorten: Ananas, Gravensteiner oder...
... Suisleper (rechts) - in einem Gartenbaubuch von 1884
Zuerst sah ich dieses Gemälde - vermutlich von dem Lithograph und Verleger Emil Hochdanz (1816-1885) gemalt. Als sehr naturgetreue Abbildung in einem alten Buch, Neuberts deutschem Garten-Magazin, erschienen 1884. Bildtitel: "Drei Apfelsorten, welche in der Nähe von Riga in grossen Quantitäten gezüchtet werden".  Das macht doch neugierig! Einer der drei hat einen ungewöhnlichen Namen: "Suisleper".

Ein Hofgärtner namens Kuphaldt soll sie den Buchautoren (nach München) per Post geschickt haben - 10 Apfelsorten zur Probe, dazu auch Zweige. Drei davon gelangen hier im Buch zur ausführlicheren Darstellung: der Ananasapfel, der Liefländer Gravensteiner, und eben dieser "Suisleper". Ein Apfel ähnlich dem "Cuisinot", urteilt der Buchautor, von ausgiebiger Röte - aber ohne weitere, nähere Beschreibung. Vielleicht kam damals ein Teil dieser Kuphaldtschen Postsendung zumindest dem Botanischen Garten in München zu Gute.

Wer heute den "Suisleper" sucht, findet ihn noch unter "seltene Apfelsorten", aber oft mit der Angabe "Herkunft unbekannt". Erst auf der "Biologie-Seite" fand ich Näheres - ein Zufall, dass der Betreiber ebenfalls aus München kommt? Hier ist unter dem Stichwort "Suislepper" folgende Notiz zu finden: "Ein Hr. Goegginger bezog die Sorte um 1907 vom Gut Suislepp, Dorpat (Estland), wohin sie aus Frankreich gekommen sein soll". Eine estnische Apfelzüchtung also? Beide Quellen, aus den Jahren 1884 wie 1907, geben die Herkunft aus Livland an, soviel kann als Zwischenergebnis festgehalten werden.
Abb. aus: "Eesti mõisaportaal"

Das zugehörige Gut (zum Apfel) zu finden, bereitet in Zeiten des Internets ebenfalls wenig Schwierigkeiten. "Vana-Suislepa mõis" - der Gutshof Alt-Suislepp" - befindet sich in der Gemeinde Tarvast bei Viljandi in Südwest-Estland. Paul I., Sohn Katherina der Großen und 1796-1801 Kaiser von Rußland, schenkte Suislep Baron Mengden, der das Gut (Neu-Suislep) 1799 für 28.000 Rubel an  Carl von Krüdener weiterverkauft haben soll. Alt-Suislepp blieb Staatseigentum.

Aber war der "Suisleper" eine Ausnahme? Ein seltener Fall eines nordischen Apfelsorte?  Es ist schließlich eine alte Ausgabe der "Baltischen Wochenschrift" (Ausgabe von 1876) in der sich eine ausführliche Übersicht zu den damals in Livland angebauten Apfelsorten befindet. Dort findet sich ein Bericht zur "Dorpater Obstausstellung" des Septembers 1875; hier sind die einheimischen Äpfel eingeteilt in Calvillen, Schlotteräpfel, Gulderlinge, Rosenäpfel, Taubenapfel, Rambour, Reinetten,  Streiflinge, Spitzäpfel und Plattäpfel - insgesamt 158 verschiedene Sorten! Unser "Suisleper" befindet sich dabei unter den Rosenäpfeln einsortiert, und auch die Abstammung von Sorten aus Frankreich ("Pfirsichroter Sommerapfel") wird hier bestätigt.
Aus Anlaß der genannten Obstausstellung besichtigte eine speziell hierfür gebildete Kommission 180 Gärten persönlich und erfassten 1800 Obstbäume, indem dort kleine Blechschildchen angebracht wurden. Sollte jemand also heute, beim Spaziergang in der Gegend um Tartu, Viljandi oder Otepää, solch ein Blech noch finden - dann muss es wohl ein alter "õunapuu" sein.