Mittwoch, Januar 13, 2021

Ratas gibt auf

Für manche mag der plötzliche Rücktritt des estnischen Regierungschefs Jüri Ratas (Tagesschau) überraschend kommen, angesichts der vielen Krisen, die auf die umstrittene Entscheidung des "Linken" Ratas folgten, sich mit dem politisch rechten Rand der EKRE zusammenzutun. Bei der Parlamentswahl am 3. März 2019 wurde die Reformpartei mit 34 von 101 Sitzen stärkste Kraft, scheiterte aber bei der Regierungsbildung unter anderem deshalb, weil Ratas eine Koalition seiner Zentrumspartei (26 Sitze) mit der Reformpartei ablehnte. 

Erstmals kam so die rechtskonservative EKRE (19 Sitze) zum Zuge, gemeinsam mit der Isamaa (12 Sitze). Seitdem mangelte es nicht an internationaler Kritik: die "Wiener Zeitung" sah "EU-Gegner an der Macht", die "TAZ" Rechtsextreme, "Die Presse" Rassisten, und der "Deutschlandfunk" sah "das Schlimmste, was Estland seit der Unabhängigkeit passiert ist".

Schon in der Woche nach der Regierungsbildung trat der erste Minister wieder zurück (rp-online / err), und Präsidentin Kaljulaid brachte die Presse mit einer Aufschrift auf einem T-Shirt dazu, die Worte „Sona on vaba“ in viele Sprachen zu übersetzen (TAZ). Frankreichs Rechtsaußen Marine Le Pen dagegen beeilte sich Estland zu besuchen und die neue Regierung zu loben (greenpeace-magazin / tt). Noch bevor die Regierung ihre ersten Ziele so richtig verkündet hatte, versuchte die Reformpartei schon durch ein Misstrauensvotum den neuen Innenminister und EKRE-Chef Mart Helme zu stürzen (err). Und fortan sah die "Süddeutsche" Estland schon "auf dem Weg vom Musterschüler zum Rabauken", der "Deutschlandfunk" diagnostizierte eine "Dauerkrise", und Jens Mattern bezeichnete bei "heise.de" die EKRE in der Regierung als "Chaosfaktor". Auch die "Welt" beeilte sich, ein "schlechtes Zeugnis für den Musterschüler" auszustellen und titelte: "Estland verliert den Wunderland-Status". 

Derweil forderte Helme die eigene Präsidentin zum Rücktritt auf (greenpeace) und gratulierte Boris Johnson zum Brexit (Merkur / tag24). Dann forderte ein EKRE-Europaabgeordneter die "Endlösung" für die Migrationskrise (Standard), und auf estnischer Seite mehrten sich Stimmen, die neue Regierung zerstöre das gute Image Estlands im Ausland (Estonianworld). Die Opposition im estnischen Parlament versuchte es mit einem erneuten Misstrauensvotum (err), während Mart Helme erwiderte: nicht er selbst, sondern die estnische Präsidentin solle zurücktreten (err)

Das deutsche "Handelsblatt" beeilte sich, der vermuteten Meinung von Präsidentin Kaljulaid beizuspringen, Finanzminister Martin Helme, den Sohn von Mart Helme, für "regierungsuntauglich" zu erklären. Auch die FAZ schrieb nun der EKRE den Slogan "Estland den Esten" zu, während die Regierung Ratas auch den erneuten Misstrauensantrag überstand (Zeit). Derweil entdeckten deutsche Journalisten Demonstranten vor dem estnischen Parlament (Zeit / FAZ / Bluewin), während das Portal "Treffpunkt Europa" den "baltischen Tiger" taumeln sah. Auch die Unruhe in den estnischen Medien registrierten deutsche Kolleg*innen (FAZ), Frederik Rother versuchte sich an einer Analyse des EKRE-Erfolgs in Pärnu (Deutschlandfunk). Derweil dachte Mart Helme laut über Alternativen zur NATO nach (eurotopics).

Im November 2019 richtete sich dann der Vorwurf von "Korruption" in staatlichen Institutionen gegen zwei Personen: gegen den einen, weil er Korruption seiner Vorgesetzen melden wollte, der andere, weil er den Verdacht nicht abwenden konnte (eurotopics / TAZ). Kurz danach musste sich Präsidentin Kaljulaid bei der finnischen Regierungschefin entschuldigen, die von EKRE-Chef Mart Helme ziemlich herablassend erwähnt worden war (N-TV / "Die Presse" /ERR). Dann machte kurz Regierungschef Ratas selbst Schlagzeilen, als er am estnischen Unabhängigkeitstag lieber "Ferien mit der Familie" machte, als einer Einladung zum Empfang der estnischen Präsidetin nachzukommen (err). Martin Schröder konstatierte für "Jungle World" in Estland "Korruption, neonazistische Rhetorik und Verbindungen zur außerparlamentarischen extremen Rechten".

Dann kam Corona. Die Wiederwahl von EKRE-Vertreter Henn Põlluaas als estnischem Parlamentspräsident machte eher dadurch Schlagzeilen, dass die Wahl im "drive-in-Verfahren" zustande kam (ZDF / Volksblatt). Die Einreisebestimmungen für "Gastarbeiter" wurden von der Regierung trotz Widerspruch bei der EKRE gelockert (eurotopics), die im Gegenzug aber Beschränkungen für ausländische Studierende erhoffte. Dann fiel Mart Helme mit der Äußerung auf, "Schwule sollten doch besser nach Schweden gehen" (Wiener Zeitung / Eurotopics), übersteht aber ein erneutes Misstrauensvotum (onvista). Schwedische Konservative schlagen auf Twitter vor, Schweden und Estland sollten Homosexuelle gegen Homophobe tauschen. In Estland scheint es nun länger andauernde Diskussionen in der Regierungskoalition zu geben (err). Als Mart Helme nun auch noch in den USA "Wahlbetrug" festzustellen meinte und die Familie Biden als "korrupt" bezeichnete, musste er dann doch zurücktreten (rp-online). Helme soll President elect Joe Biden unter anderem einen "Drecksack" genannt haben (t-online). Da war es schon November 2020 geworden. Die "Süddeutsche" diagnostizierte nun in Estland ein "Eigentor", und "Delfi.ee" meinte "ERKE im Niedergang" zu erkennen, und "Jungle World" sieht "eine Provokation zu viel.". 

Pünktlich zum deutschen Karnevalsbeginn am 11.11. entflammte in der estnischen Regierungskoalition der erneute Streit darum, was eine "Familie" sei und wie sie rechtlich zu definieren sei (ERR). Die EKRE besteht als "Kompromiss" darauf, über die Definition der Ehe im Frühjahr 2021 eine Volksabstimmung durchzuführen. Aber auch Finanzminister Martin Helme übersteht nun ein Misstrauensvotum (oe24). Danach schlägt es zunächst bei der Zentrumspartei ein: Ministerrin Mailis Reps muss wegen einer Dienstwagenaffäre zurücktreten (oe24). Noch im Dezember 2020 tauchen neue Vorwürfe auf, die Regierung unterstütze mit Steuergeldern Abtreibungsgegner (eurotopics). Und zuletzt hatte es heftige Diskussion darum gegeben, ob, und wenn ja wie ein Referendum über den Status einer Familie entscheiden solle (err)

Und nach all diesem Theater, Kapriolen, Provokationen und Extratouren - da reicht nun am 11. Januar 2021 Regierungschef Ratas bei Präsidentin Kaljulaid einfach so seinen Rücktritt ein? (err) Da sind wir doch beinahe enttäuscht. Irgend ein dubioser Immobilienskandal, wo nicht einmal Ratas selbst verwickelt ist, sondern "nur" einige Parteifunktionäre? (err) Hatten wir doch erwartet, dass sich da einige sowohl im absoluten Recht sehen, wie auch für unbesiegbar halten, weil angeblich "auf der Seite des Volkes" stehend. Was nun, Eesti-land? Noch mal neu nachdenken zunächst, das kann ja nie schaden ...

Sonntag, Dezember 27, 2020

Brex-exit

Kurz vor dem Start ins Jahr 2021, wenn das Vereinigte Königreich Großbritannien kein Mitglied der Europäischen Union mehr sein wird, ist offenbar noch dringende Rückreise nach Estland, und auch Lettland und Litauen geboten. Wie die Nachrichtenagentur ERR zunächst berichtete, solle am 28. Dezember ein von den Außenministerien der drei Länder gechartertes Flugzeug für Menschen zur Verfügung stehen, die "dringend ins Heimatland" zurück müssen (err). Das estnische Außenministerium ergänzte inzwischen, dass es auch am 29. Dezember noch einen Flug direkt nach Tallinn gäbe (VM.ee).  

Unter Bedingungen natürlich: Voranmeldung auf einer gemeinsamen Webseite ist nötig - so wie es gegenwärtig für alle Estinnen und Esten empfohlen wird, die trotz aller Einschränkungen ins Ausland reisen. Vorrang für diesen Sonderflug sollen Familien mit Kleinkindern, ältere Leute über 65 Jahre alt, und minderjährige Jugendliche die ohne Eltern reisen bekommen (Wortlaut der Ankündigung: "wer eilig zu repatriieren wünscht"). 

Das Flugticket muss von den Betroffenen selbst bezahlt werden. Wer am 28.12. nach Riga mitfliegen will, muss auch die Weiterreise nach Tallinn sichern. Diese Flüge seien allerdings nicht zur Unterstützung von Kurzreisen gedacht, heißt es, sondern nur für Personen mit dauerhaftem Wohnsitz in Estland (resp. Lettland oder Litauen). Gleichzeitig verständigten sich die drei Außenministerien, die am 20.12. wegen der neuen, aggressiven Corona-Variante verhängten Einschränkungen der Flugverbindungen nach Großbritannien bis zum 31. Dezember aufrecht erhalten zu wollen. 

Aus Großbritannien zurückkehrende Estinnen und Esten werden allerdings 14 Tage in "Selbstisolation" verbringen müssen. Auch wer einen Corona-Test mit negativem Ergebnis vorweisen kann, muss mindestens weitere sieben Tage in Isolation bleiben.

Dienstag, Dezember 22, 2020

Ungewohnter Neid

Die Estinnen und Esten, das müssten doch ruhige, zurückhaltende, nordische Charaktere sein, die ruhig und souverän über den Dingen stehen, wenn andere sich längst erhitzen und aufregen? Könnte sein. Gewöhnlich sind es eher die Nachbarn aus Litauen und Lettland, die sich nervös darüber wundern, wie oft Estland positiv in der internationalen Presse erwähnt wird - was vor allem dem "Tigersprung" der Digitalisierung des Landes zu verdanken ist. Nun aber blickt Estland nach Litauen - was ist passiert? 

In Litauen werde inzwischen ein höherer Durchschnittslohn als in Estland gezahlt, so vermeldet es der estnische ERR. Noch im Jahr zuvor sei dieser in Estland um 100€ höher gewesen, aber inzwischen habe sich das Blatt gewendet. Im dritten Quartal 2020 habe der durchschnittliche Bruttolohn in Estland bei 1.441 Euro gelegen, in Litauen sei er aber auf 1.455 Euro angestiegen (Lettland 1.147 €). Damit habe der litauische Durchschnittslohn um 10.4% höher gelegen als im gleichen Abschnitt des Vorjahres. 

Estland tröstet sich damit, dass die Last an Steuern und Abgaben in Litauen etwas höher sei als in Estland. Und immerhin sei der Durschnittslohn trotz der Coronakrise gestiegen, bestätigt auch die estnische Zentralbank (err). Diese Zahlen sagen allerdings vorerst noch nichts über die Bilanz des gesamten Jahres aus. Und der nüchternen Statistik steht ein erheblicher Rückgang der Beschäftigtenzahl in einigen Branchen gegenüber, so in der Reisebranche, den Gaststätten und den Hotels. "Diejenigen, die in der Krise ihren Job verloren haben, waren meist jüngere Leute", sagt die estnische Wissenschaftlerin Kadri Rootalu. "Noch 2019 waren in Estland etwa 33.000 Menschen im Bereich Übernachtung und Catering tätig," bilanziert Rootalu. "Aber schon kurz nach Ausbruch der Krise im März 2020 wurden 5.000 davon entlassen."

Sonntag, Dezember 13, 2020

Denk ich an Deutsche, wird mir Nacht ...

Ein Roman von Ungern-Sternberg - nein, kein Stück Literatur. Eher ein Stichwort für Spezialisten. Vielleicht müssen da erst einmal die "basics" erklärt werden: Ungern-Sternberg = deutschbaltisches Adelsgeschlecht. Zunächst "von Ungern", ab 1593 mit dem Zusatz "Sternberg". Eine Sippe voller Mythen und Geschichten, eine davon war einmal, sie kämen "aus dem Lande der Ungern". Unter den heute bekannten Persönlichkeiten sind unter anderem die Journalistin Christina von Ungern-Sternberg, oder der Diplomat Michael Freiherr von Ungern-Sternberg die öffentlich sichtbarsten Figuren. Vielleicht auch noch der Historiker Jürgen von Ungern-Sternberg. Aber "Roman" taucht erst kürzlich wieder in den Schlagzeilen auf - in der estnischen Presse (err). 45.000 Euro will die estnische Regierung für ein Denkmal bereitstellen. Da gilt es herauszufinden, welche Art Gedenken hier gemeint sein könnte.  
 
Als Kommandeur einer Teilgruppe der Weißen Armee, die im Russischen Bürgerkrieg (1918-22) gegen die Bolschewiki kämpften, besetzte "Roman" Anfang 1921 die Äußere Mongolei, woraufhin er vom Bogd Khan den Titel eines "Khan der Mongolei" verliehen bekam. Nach etwa sechs Monaten wurden seine Truppen von der Roten Armee zerschlagen. Ungern-Sternberg selbst wurde gefangen genommen - von seinen eigenen Leuten an die Rote Armee ausgeliefert - und nach kurzer Zeit hingerichtet.

Geschichten über seine Person werden demzufolge auch in der Mongolei diskutiert: früher mordender Antikommunist, neuerdings eher Bekämpfer der chinesischen Herrschaft? Starke Mythenbildung rund um seine Person - meint auch Mongolei online. Aber, wir lesen dort auch von unverhohlener Brutlalität seines Vorgehens. Der russische Schriftsteller Leonid Jusefowitsch bezeichnet Roman von Ungern-Sternberg als "Ideologen der Brutalität". 

Als Nikolaus Robert Maximilian am 10. Januar 1886 geboren, nannte sich der Sohn von Baronness Sophie von Wimpffen und ihres Mannes Baron Leonhard von Ungern-Sternberg später "Nikolai Roman Fjodorowitsch". Nachdem sich die Eltern scheiden ließen, blieb der Sohn bei der Mutter, und lebte nach deren zweiter Ehe mit Baron Hoyningen-Huene auf desse Gut Järvakanki (Järwakand). Schon als Schüler des Nikolaus-Gymnasiums Tallinn (damals Reval) soll er bekannt dafür gewesen sein, niemals irgendwelche Regeln zu akzeptieren: regelmäßig Schulbücher aus dem Fenster zu werfen, um dann, vorbei an seinen hilflosen Lehrern, den Büchern nachzurennen und nicht wieder zurück zu kommen, war da noch eine der harmlosesten Marotten (Wimpfen-Geschichte). Sein Stiefvater erbat dann seine Aufnahme in die Marineakademie St.Petersburg, wo er ebenfalls durch endlose Disziplinlosigkeiten auffiel. Er meldete sich dann freiwillig zur Russischen Armee (James Palmer: der blutige weiße Baron / die-andere-Bibliothek). 

Seit seinem Tod am 17. September 1921 in Nowosibirsk wurde dieser von den meisten eher gefürchtete Mensch schon vielfach zur Figur in Büchern. Mit unterschiedlicher Konotation: als paranoider Narzist, hemmungsloser Antisemit, entfesselter Warlord, heldenhafter Vorläufer des Führers Adolf Hitler, Dschingis Khan für ein halbes Jahr, oder doch eher eine Mischung aus Don Quichote und Iwan dem Schrecklichen? Warum aber will Estland so einer Person nun unbedingt ein Denkmal bauen?

Das beruht offenbar auf einer estnische Vereinigung mit dem Namen "Ungern Khan", sowie die "Sinine Äratus" (Blaues Erwachen), die der Partei EKRE nahesteht. Noch am 1. Dezember meldete der estnische Nachrichtenkanal ERR, die Partei würde die Errichtung eines Denkmals für Roman von Ungern-Sternberg finanziell unterstützen wollen. "Wir haben das Recht, Projekte zu unterstützen, die unseren Werten entsprechen", so Finanzminister und EKRE-Parteichef Martin Helme dazu. Einen Tag später erklärten die Vertreter von "Sinine Äratus" ihren Verzicht auf die Staatsgelder (err) - aber nicht auf das Denkmal. 
Wollen wir wirklich wissen, welcher estnische Bürgermeister (oder Bürgermeisterin) ein solches Denkmal gerne errichtet sehen will? Oder welche Organisationen in Deutschland dazu vielleicht applaudieren würden? Liebes Eestiland, wir hoffen, du bist noch nicht so tief gesunken, dass du solche zwielichtige "Helden" brauchst ...

Dienstag, November 03, 2020

Estnisch heiraten

Willst Du mich heiraten? Ja? Nein? Vielleicht? Ob diese traditionelle Fragestellung auch in Zukunft noch in Estland möglich ist, will die Regierungskoalition im Frühjahr 2021 klären. 

Schon vor vier Jahren hatte ein Berichterstatter des Deutschlandfunks festgestellt: Estlands Weg zu mehr Rechten für Homosexuelle ist holprig. Mit 40 zu 38 Stimmen hatte das estnische Parlament (Riigikogu) ein Gesetz verabschiedet zum "kooseluleping" - deutsch meistens "eingetragene Lebensgemeinschaft" genannt. 2016 trat diese die Regelung in Kraft und erwies sich auch als gerichtsfest.

Also: gleiche Rechte für alle Menschen, die in Estland leben? Laut "Eurobarometer" befürworten 53% der Estinnen und Esten gleiche Rechte auch für Schwule, Lesben und Bisexúelle - 37% sprechen sich dagegen aus (gegenüber 43% in Lettland, 40% in Litauen). Dieselbe Umfrage zeigt aber auch, dass 51% in Estland sich gegen gleichgeschlechtliche eingetragene Partnerschaften aussprechen (63% in Litauen, sogar 70% in Lettland). Auf diese Art Skepsis setzt offenbar auch die rechtspopulistische EKRE (Eesti Konservatiivne Rahvaerakond / Estnische Konservative Volkspartei), die seit April 2019 Teil der estnischen Regierung ist und den Innen-, den Finanz-, Umwelt- und Außenhandelsminister stellt, dazu noch den Minister für ländliche Entwicklung.

"Die Schwulen können ja nach Schweden gehen - dort werden sie sicher freundlicher behandelt", sagte Innenminister Mart Helme gegenüber der Deutschen Welle (Original des Interviews Russisch). Daraufhin sah sich sogar Regierungschef und Koalitionspartner Ratas bemüßigt zu betonen, in Estland sehe der Verfassung gleiche Rechte für alle und ein Verbot der Diskriminierung bestimmter Gruppen vor. Die folgenden tagelangen Diskussionen soll Ratas "die schwierigste Zeit meiner politischen Karriere" genannt haben, und wurde poetisch: "Bei Koalitionen gibt es immer Sonne, Regen, Regenbogen, Hagel und Schnee - es spiegelt die Jahreszeiten in Estland” (Postimees).

Nun muss also Estland im Frühjahr 2021 darüber abstimmen, ob eine Ehe nur eine Verbindung zwischen Mann und Frau sein darf - so will es der Koalitionsfrieden (err). Ein exaktes Datum gibt es bisher nicht, aber es könnte wohl Ende April 2021 werden, heißt es. 2017 war gerichtlich geklärt worden, dass eine gleichgeschlechtliche Ehe zwischen zwei Männern, die im Ausland geschlossen wurdde, in Estland anerkannt werden muss.

Da steht ja offenbar eine interessante Zukunft für Estland bevor. Und es wird noch diskutiert, ob anläßlich der Abstimmung vielleicht weitere zusätzliche Fragen gestellt werden könnten. Na, da hätten wir doch Vorschläge! Wie war*s zum Beispiel mit: Sollen auch katholischen Ehen widerrufen werden können? Oder soll auch über lutheranische Ehen alle fünf Jahre neu abgestimmt werden? Schauen Sie mal besser zu Hause genau nach, ob Sie ihre Heiratsurkunde gut aufbewahrt haben ...

Dienstag, Oktober 20, 2020

Krise und Kreuzfahrten

Aufgrund der Corona-Krise, den erforderlichen Sicherheitsmaßennahmen, und einiger Schwierigkeiten auf Kreuzfahrten der Saison 2020 stand die Kreuzfahrtbranche monatelang still. Geplante Schiffsneubauten wurden gestrichen, einige Schiffe verkauft. Kreuzfahrtschiffe gelten als Umweltsünder, Sinnbild für Luxus und Konsum und den desaströsen Einfluss des Menschen auf die Natur. Das Bordpersonal muss teilweise bis zu elf Monate ohne Urlaub durcharbeiten, stellte die "Stiftung Warentest" fest. Und manche schalten auch umweltverträgliche Abgasfilter einfach ab, sobald das Schiff auf hoher See ist - meint Greenpeace.

Bevor die Krise ausbrach, hatten die internationalen Reedereien bereits so viele neue Kreuzfahrtschiffe bestellt, dass die deutschen Werften schon fast bis ans Ende des laufenden Jahrzehnts ausgelastet sind.

In der Abwägung sei es "besser, mit weniger Auslastung zu fahren als nicht zu fahren", meint inzwischen TUI-Kreuzfahrtchefin Wybke Meier im "Tagesspiegel". AIDA-Cruises will sogar spezielle "Ausnahmeregeln" von den strengen Corona-Bestimmungen (NDR). Die norwegische "Hurtigrouten" sagte dagegen bis Ende 2020 alle Fahrten mit ihren Expeditionsschiffen komplett ab (t-online). Und dort, wo Kreuzfahrten wieder stattfinden, sind die Veranstalter deutlich nervöser - und untersagen ihren Gästen auch schon mal die Weiterfahrt, wenn sie sich nicht an die Regeln halten (merkur). 

Kreuzfahrten ohne Landgang?  Auch in Tallinn war der Strom der Kreuzfahrttouristen in den vergangenen Jahren unverkennbar. Wer einen Rundgang durch die Altstadt plante, brauchte eigentlich nur mal kurz im Hafen zu schauen: Kreuzfahrtschiff da, Altstadt voll. 334 Kreuzfahrtschiffe hätten 2020 eigentlich in Tallinn anlegen sollen, zwischen dem 27. April und dem 19. Oktober 2019 seien in Tallinn über 650.000 Passagiere von Bord gegangen (nordisch-info).

Nun: eine Sommersaison ohne Kreuzfahrtgäste. Und was meldet Tallinn im Oktober? Der Vanasadam (Altstadthafen) wird kräftig erweitert, und wird - danke Krise - nun früher fertig als geplant. Schon im Mai 2021 soll das neue Terminal fertig sein (err). Die estnischen Kreuzfahrtoptimisten schreckt der andauernde Ausnahmezustand offenbar nicht ab: 20 Millionen Euro Kredit machten es möglich (err). Und wenn die Kreuzfahrtschiffe doch ausbleiben? Im Hafenareal sollen auch noch fünfstöckige Wohnblöcke entstehen, und eine Strandpromenade. Eine ebenfalls noch zu bauende Fußgängerbrücke soll die einzelnen Terminals verbinden (err). Wer sagt da noch, dass Estlands Zukunft immer digital und virtuell sein muss?

Dienstag, September 29, 2020

Späte Tieftaucher, wenig Sensationen

Über die Jahre haben wir hier an dieser Stelle schon öfters über das Unglück der M/S Estonia berichtet, das 1994 geschah. (Neues Altes, Vergangenheitsbewältigung, 12 Jahre danach, Neue Untersuchung, das Ende der Geheimnistuerei?). Auch das Buch "The Hole" (Das Loch, "Auk" in der estnischen Ausgabe) von Drew Wilson, das auch die "U-Boot-Theorie" enthält, ist nun schon viele Jahre alt (auch wenn es immer wieder neu aufgelegt wird). Wir sind uns also durchaus unsicher, ob die Schlagzeile dieser Woche wirklich eine ist: Was wurde nun am Wrack der "M/S Estonia", weit unten in den Tiefen der Ostsee, durch angeblich illegale Tauchgeräte gefunden? Ein Loch? Wie bitte? Sind hier die Recherche-Fans zu lange in Selbstisolation gewesen?

Oj, Oj, Oj - Tiefseefilmer inszenieren sich
live im schwedischen Fernsehen

Das, was jetzt in verschiedenen deutschen Medien zu lesen war, ist also nicht neu. Demzufolge wird auch nicht von wirklichen "Neuigkeiten" geschrieben, sondern nur von angeblich notwendigen "neuen Untersuchungen". Estlands Ministerprädient Jüri Ratas habe diese Untersuchungen nicht nur gefordert, sondern wolle diese auch leiten, behauptet die "Tagesschau". "Unser Wunsch ist es, dass die Wahrheit definitiv ans Licht kommt," so zitiert die FAZ Ratas, erwähnt aber auch, dass Schweden und Finnen weiterhin am offiziellen Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1997 festhalten. Einige stellen aber auch die angeblich neue Uboot-Theorie groß heraus - so "Tagesspiegel" und MDR. Aufgeworfen, man könnte auch sagen aufgewirbelt, hat die These des Zusammenstoßes mit einem Uboot Margus Kurm, estnischer Ex-Staatsanwalt und 2005 bis 2009 Leiter des Untersuchungskommittees zur Estonia-Kathastrophe.

Also schauen wir doch mal in der estnischen Presse nach. Dort ist nicht etwa von Jüri Ratas die Rede, der neue Untersuchungen am gesunkenen Wrack leiten will. "Ingenieure der Technischen Universität Tallinn zweifeln an der Uboot-Theorie" heißt es bei ERR. Immerhin bestätigt auch das schwedische Fernsehen SVT, wo auch die neuen Tiefseeaufnahmen zuerst zu sehen waren, ein Treffen mit dem estnischen Ministerpräsidenten. Bei SVT heißt es: die Größe des Loches, was nun gefilmt wurde, sei neu - vier Meter im Durchmesser. SVT bringt auch noch einen Ex-Ubootkommandanten zur Aussage, der aber eher ausschließt, ein derart großes Loch könne von einer Kollision mit einem Uboot herrühren.

Was also wirklich neu ist: es gibt neue Filmaufnahmen. Es gibt nun, nach 25 Jahren, ein 4 Meter großes Loch. Nun ja, die Filmaufnahmen waren sicher teuer, die müssen irgendwie ja finanziert werden. "Eurotopics" zitiert die estnische "Postimees", wo auch mögliche Schadenersatzansprüche ins Spiel gebracht werden, wenn sich herausstellen sollte, dass das Unglück auch Verursacher hatte. "Was sollen wir jetzt mit diesen neuen Informationen machen?" so fragten die Journalisten des ERR den wieder erwachten Ankläger Kurm. Der antwortet etwa so: "Die estnische Regierung sollte in aller Ruhe überlegen, wem sie in Zeiten wie diesen trauen kann." 

Aha, daher weht der Wind! Es sind offenbar vor allem "Zeiten wie diese" - oder die Hoffnung darauf. Zeiten, die offenbar besonders geeignet sind für Verschwörungstheorien, und für Behauptungen, Politiker*innen könnten nur dann das "Vertrauen des Volkes" wieder gewinnen, wenn solchen Mythen mehr geglaubt wird. Wir werden sehen.

Freitag, September 04, 2020

Masken-Rallye


Für Estland ist es das allererste Mal: ein Rennen der "World Rally Championship WRC" hat an diesem Wochenende estnische Gastgeber. Es ist die höchstrangige Rennserie des Rallyesports, der ja in Estland viele Fans hat (siehe Beitrag). Ott Tänak ist der amtierende Rallye-Weltmeister, er gewann 2017, 2018 und auch 2019 auch die Rallye Deutschland (DMV-Motersport). Und auch Markko Märtin war estnischer Rallye-Spitzenfahrer, inzwischen Förderer von Tänak. 

Was für Deutschland der Fußball war, für Frankreich der Radsport, das möchte Estland 2020 gern für den Rallyesport leisten: den Re-Start trotz Corona. "Für Estland ein wichtiges Ereignis", meinte Regierungschef Ratas.
Eines ist immerhin schon erreicht: schon seit Wochen spekuliert die Sportpresse was jetzt Anfang September in Estland möglich sein wird, und was nicht. Einen "Schottertanz" erwartet "Motorsport-XL". Mitte Juli hieß es noch: "Rallye Estland läßt 16.000 Zuschauer zu." (Rallye-Magazin) Dann sollten es maximal 2.000 Zuschauer*innen für eine Outdoor-Veranstaltung sein (ERR). Am 6. August dann gab das zuständige estnische Ministerium bekannt: Ja, die Rallye wird stattfinden (ERR).

Inzwischen haben sich die Organisator*innen vorgenommen, die insgesamt weiterhin zugelassenen 16.000 Inhaber der Eintritts-Tickets, die alle mit Namen und Adresse erfasst sind, auf einzelne Zonen zu verteilen, die dann maximal 1000 Menschen zulassen (ERR). An den Eingängen werden außerdem die Hände desinfiziert und Gesichtsmasken verteilt. Ein organisatorischer Kraftakt.

Bei der drei Tage dauernden "Rallye Estonia" wird es 17 Streckenabschnitte mit insgesamt 60 Teilnehmer*innen geben, im Bereich der Orte Kanepi, Kambja, Otepää und Elva - also im Süden Estlands. Ott Tänak, der Mann geboren auf Saaremaa, ist mit seinem Hyundai natürlich Favorit. Eine weitere Einschränkung für die Besucher*innen gibt es: bitte nicht mit den Fahrer*innen unterhalten, so heißt es. Den Gästen wird außerdem empfohlen, auf dem Handy die estnische Corona-App HOIA aufzuspielen und angeschaltet zu haben. 

"Der Erfolg der Rallye hängt ganz von Ihnen ab!", so wird es allen Besucher*innen vermittelt. Bleibt zu hoffen, dass Spaß und Sport die Oberhand behalten. (siehe auch: "Speedweek", "Motorsport XL", "Motorsport Total", "Rallye-Magazin", "GrenzEcho")

Montag, August 17, 2020

Baltisches Einigkeitsdatum, erradelt

Wenn die Estinnen und Esten von "Balti Kett" reden, müssten eigentlich auch Deutschsprachige wissen, von was hier die Rede ist. Oder ist der Begriff "Baltischer Weg" eindeutiger? Ja doch, es ist auch von einer bestimmten Wegstrecke die Rede, nämlich der Weg zwischen Vilnius, Riga und Tallinn. Am 23. August 1988 standen etwa zwei Millionen Menschen, Hand in Hand, in einer Reihe zwischen den drei baltischen Hauptstädten. Es war als unmissverständliches Zeichen gedacht: was immer da zwischen Hitler und Stalin 1939 vereinbart und unterschrieben wurde - wir wollen unsere Unabhängigkeit zurück! 

Seitdem gibt es kaum ein Jahr, in dem dieses Datum achtlos verstreicht. Zumal dem 23. August auch das Gedenken an den "Augustputsch" gegen Gorbatschow vorausgeht - ein Grund mehr um zu feiern, denn dessen Misslingen brachte auch international den Durchbruch für die baltischen Staaten in eigener Sache. 2018 stand "100 Jahre Unabhängigkeit im Vordergrund", 2019 der 30.Jahrestag der "Balti Kett". Aber auch 2020 gibt es Aktivitäten - trotz den außergewöhnlichen Corona-Umständen (siehe ERR). 

Wer also in den vergangenen Tagen von einer "Baltic Chain Tour" hörte, der sollte nicht erwarten, dass hier jemand in Ketten gelegt wurde. Nein, es ist eher eine Variante davon, was sich in Estland sonst auch schon mal "Rattaralli" nennt: ein Radrennen. Die Tartu-Rattaralli allerdings, den "Radsport-News" zufolge "das größte Radrennen Osteuropas", konnte im Juni 2020 nur virtuell stattfinden. Bereits seit 2011 gibt es allerdings auch die "Baltic Chain Tour", ein Etappenrennen über drei Tage, das auch im Rennkalender der UCI (Union cyliste Internationale) zu finden ist, und gemeinsam mit Partner*innen in Litauen und Lettland organisiert wird. Nur 2019 musste das Event, wegen Finanzierungschwierigketien, ausfallen. Diesmal aber, zur Freude der Estinnen und Esten: auf dem Siegertreppchen standen diesmal gleich drei Esten. 

16 Mannschaften nahmen teil, trotz aller Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie. Der deutsche Nachwuchsfahrer Lars Kulbe belegte bei Etappe 1 und 3 jeweils den vierten Platz. Der Este Gert Jõeäär gewann sowohl den Sprint von Etappe 3 in Valga / Valka wie auch die Gesamtwertung, vor seinen Landsleuten Alo Jakin und Rait Ärm, dem Gewinner von Etappe 2, der auch als bester Nachwuchsfahrer geehrt wurde (siehe Siegerlisten).  

Montag, Juli 27, 2020

Estland olympisch

In Tallinn wird am 29. Juli 2020 wieder das Olympische Feuer entzündet werden - so kündigte es das Estnische Olympische Komitee an. Die in diesem Zusammenhang verwendeten Symbole lassen eine Verbundenheit mit Moskau erkennen, wie es lange nicht mehr in Estland zu sehen war. Offenbar haben Estinnen und Esten an die Olympischen Segelwettbewerbe 1980 nur die besten Erinnerungen ...

Am 20.Juli 1980 um 16.22 Uhr hatte Vaiko Vooremaa, estnischer Segler und damals erst 17 Jahre alt, das olympische Feuer in Tallinn-Pirita entzündet. Eigentlich war Vooremaa vor allem Eissegler - aber diese Sportart ist bis heute nicht olympisch (im Video: Eröffnungszeremonie).

Speziell für Olympia 1980, das ja damals von insgesamt 66 Ländern, darunter die Bundesrepublik Deutschland, boykottiert wurde, waren etliche neue Anlagen in Tallinn entstanden. Die Sportanlagen in Pirita, ein Gelände von 193,000 m² Größe, waren designed worden von den Architekten Henno Sepmann, Peep Rabbit, Ants Raid, und Himm Looveer. Anlandemöglichkeiten für 470 Schiffe sollten es sein, dazu ein Jachtclub, ein Pressezentrum und ein Olympisches Dorf mit 632 Betten. 5000 Zuschauer konnten die Wettkämpfe beobachten. Damals entstanden auch der Fernsehturm in Tallinn, ein neues Flughafengebäude und das 28 Stockwerke hohe Hotel Olümpia (heute Hotel Radisson).

In Japan, wo das olympische Feuer ja gegenwärtig ungeplant nach ein Jahr brennen muss bis es zum Einsatz kommen kann, hat Tallinn wohl nicht angefragt - wenn es am 29.Juli Bürgermeister Mihhail Kõlvart mittels eines großen roten Schalters wieder entflammen will. Wie schon 1980 soll auch jetzt die Flamme von der Innenstadt hinaus nach Pirita gebracht werden (err), diesmal in elektrisch angetriebenen Booten. 2018 war eine umfassende Renovierung der dortigen Sportanlage fertiggestellt worden (olympic.org)

Donnerstag, Juli 16, 2020

Lernende Gäste

Nein, im Gegensatz zu den USA müssen Studierende aus dem Ausland auch zu Krisenzeiten nicht um ihren Aufenthaltsstatus in Estland fürchten. Insgesamt 5528 junge Menschen sind es derzeit insgesamt, einer aktuellen Statitik zufolge, die an Hochschulen und Universitäten in Estland ein Studium absolvieren.

Es wäre auch widersinnig gewesen, gerade für Estland: wenn ich also vorwiegend online meine Dozent*innen und Univerwaltungen kontaktiere, so soll ich das Land verlassen? Estland, oder sollte ich besser sagen "E-Estonia", wirbt ja allzu häufig mit genau diesen virtuellen und digitalen Möglichkeiten. 5,5% der Studierenden in den USA seien Ausländer, heißt es in den aktuellen Meldungen. In Estland sind es 12,2% (ERR).

Die Statistik teilt nach Studienzielen auf: 2445 streben einen Abschluss in einem Master-Studiengang an, 1777 den Bachelor. Und 591 Studierende "wollen den Doktor machen", wie es so schön heißt. Zu den beliebtesten Fächern zählen Wirtschaft, Verwaltung, Jura, Sozialwissenschaften und Kommunikationstechnologie.
"StudyinEstonia"
Den größten Anteil ausländischer Studierender weist mit 36% die Estonian Business School (EBS) auf, eine 1988 zusammen mit Partnern in den USA und Kanada gegründete Privatschule, die 2011 sogar noch einen Campus in Helsinki eröffnete.

Die Webseite "Study in Estonia" wirbt mit diesen Schlagworten: "perfekt natürlich", "Startup spirit", "Schwitzen in der Sauna", "alles digital" und "gute Bildung". Zitat: "Ob Du Deinen Kontostand überprüfen willst, Dich für ein Stipendium bewerben, Deine Steuererklärung abgeben, oder ob Du wählen willst (ja, sogar das!) - alles ist so einfach wie das Öffnen von Instagram auf Deinem Smartphone".

In Deutschland wäre der DAAD zuständig für die Information von Interessierten. Dort steht der sogenannte "Ländersachstand Estland" zur Lektüre bereit. Hier ist u.a. zu sehen, dass es immer weniger Studierende aus Estland in Deutschland gibt. Es sind hier auch Informationen zu estnischen Studiengebühren zu finden: schon 2013 lagen sie zwischen 1660 und 11.000 Euro pro Studienjahr. Und hier sind auch andere, längerfristige Ziele der estnischen Bildungspolitik erläutert: demnach sollen 3% aller festen Stellen aller festen Stellen im akademischen Bereich von Ausländern besetzt werden. Bis 2015 war eine Zielgröße von 3000 ausländischen Studierenden in Estland abgestrebt - diese Zahl ist also inzwischen längst überschritten. Bei den deutsch-estnischen Projektförderungen sind hier für das Jahr 2018 Kooperationen der Hochschule Wismar, die Universitäten Greifswald, Bremen, Bamberg, Münster, Köln, Potsdam und Magdeburg, die TUs in Berlin und Dresden, die FH Bielefeld und die "Ecm Space Technologies Gmbh" an der TU Berlin aufgeführt.

Studieren in Estland, das ist auch etwas für diejenigen, die "Outdoorsport mögen und sich für Altstadtflair begeistern können" - so fasst es ein Erfahrungsbericht an der Uni Potsdam zusammen.

Diesem Trend scheint nun die kürzliche Entscheidung der estnischen Regierung, die Zahl der ausländischen Studierenden zu begrenzen, entgegen zu stehen. Zu erwarten war dementsprechend der Protest der Universitäten, wie etwa der Universität Tartu. Im Zusammenhang mit der Frage, die Einreise von dringend benötigten Saisonarbeiter*innen trotz Corona-Krise zuzulassen, war die Möglichkeit einer Begrenzung bei den Studierenden angekündigt worden - offenbar als Konzession an die rechtskonservative Regierungspartei EKRE. Betroffen wären dann besonders Studierende aus sogenannten "Drittstaaten", also Ländern, die weder der EU noch der OECD oder EEA angehören. "Wenn diese Studierenden die Schule in Estland beenden, dann können sie nicht bleiben" - so will es EKRE-Parteichef und Finanzminister Martin Helme (ERR). Bildungs- und Wissenschaftsministerin Mailis Reps von der Zentrumspartei schwächte diese Ankündigung dahingehend etwas ab, dass es Begrenzungen besonders dann geben soll, wenn Studierende Familienmitglieder nachholen wollen. - In sofern gilt wohl auch für Estland: die gegenwärtige Krise schüttelt alles Gewohnte ein wenig durch, und auch die Verantwortlichen in Estland werden noch überlegen müssen, wohin der Weg geht.

Dienstag, Juni 30, 2020

Besuch in Saksamaa

... einmal wenigstens die
Präsidentin mit dem Logo
im Hintergrund ... -
puuh, geschafft!
(Skeletontech)
Eigentlich ist es ja nur ein Gerücht - die Est*innen würden nur die Sachsen kennen, keine Deutschen (estnisch Deutschland = Saksamaa). Aber der Besuch der estnischen Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid dieser Tage speziell in Sachsen diente sicherlich einem doppelten Zweck: zum einen gibt es dort mit der "Skeleton Technologies GmbH" eine Firma mit Investoren aus Estland. Die Firma will "Blitzakkus für Hybridautos" bauen - wir lassen uns überraschen. "E-Estonia" baut also ganz auf E auch im Deutschland der Zukunft: E-Autos, E-Busse, e-ben immer noch etwas mehr. Wir lernen zumindest: in "Großröhrsdorf" werden also nicht die Röhren für die Ostsee-Gaspipeline gebaut, sondern Hochleistungs-Energiespeicher.

Dass es auch der erste Staatsgast war, den Bundespräsident Steinmeier seit Ausbruch der Corona-Krise empfing, gereit da in der bundesdeutschen Presse eher zur Nebensache. Klar ist aber, dass international derzeit ein Besuch der Staatspräsidentin Estland wesentlich willkommener geheißen wird als eine Auseinandersetzung über die Politik der estnischen Regierung. Der Schmusekurs von Regierungschefs Ratas mit der rechtkonservativen EKRE erzeugt weiterhin eher Kopfschütteln und Stirnrunzeln. Etwas voreilig die estnische ERR vielleicht, die schon von einem "Post-Corona-Besuch" schrieb.
Präsidentin, Bewunderer:
zusammen für digitales Saksamaa
So aber feiert sogar das "Neue Deutschland" Kaljulaid als "weltoffen" und erklärt sich zum Fan ihres Pullovers mit den Worten "SÕNA ON VABA" / "Das Wort ist frei". ("Bei uns bestellt!" postet das PG-Stuudio stolz). Keine Überraschung, dass in den Medien die üblichen Stichworte fallen: Estinnen und Esten gelten eben als "medienaffin",  und auch die Cybersicherheit sieht man im estnischen "Cybersecurity center" der NATO gut verankert.

Da helfen auch Schlagzeilen, die noch einen drauf setzen: "Digitale Lösungen sind sicherer als Papier"  titelt die "Sächsische". Und Frau Präsidentin wagt sich sogar an Ratschläge für Deutschland: "Jeder Deutsche muss selbst anfangen, seine digitale ID zu aktivieren, die Deutschland ja nun eingeführt hat, und digitale Dienstleistungen etwa in der öffentlichen Verwaltung zu nutzen," meint Kaljulaid, "Es liegt in der Hand der Bevölkerung und der Privatwirtschaft selbst, dies voranzubringen." (Sächsische)

Fahrradgenuß mit Teppich und Kronleuchter:
Fahr es besser draußen, Frank Walter!
Ein anderer Grund für einen Besuch speziell in Sachsen ist vielleicht auch, weil sowohl von Seiten der sächsischen Wirtschaft, in überraschender Übereinstimmung mit Linken und AFD, Stimmen für die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland zu hören sind - dem widerspricht Kaljulaid energisch.

Weniger im Fokus der Presse war, dass Kaljulaid auch "Amplerbikes" in Berlin besuchte, eine kleine Rundfahrt auf dem E-Bike machte ("Urbane E-Bikes aus Estland"), und sogar Gastgeber Hans-Walter dann ein eben solches zum Geschenk machte.

Im Schatten der Aufmerksamkeit steht derweil das 100-jährige Bestehen der Botschaft Estlands in Berlin - eben wegen den Beschränkungen in der Krise. Das genaue Jubiläumsdatum, der 15. Mai, fiel mitten in die Corona-Krise (siehe: "Geschichte der Botschaft"). "Wir sind glücklich, diese alte Doppelvilla in Berlin zu haben," schreibt Botschafter Alar Streiman, der sein Amt in Berlin Ende 2019 angetreten hatte.

Donnerstag, Juni 11, 2020

Coranse Brilon

Hansetage Brilon 2020 - die Besucherbank
blieb leer - und das virtuelle Notprogramm
war dafür kein Ersatz 
Die Briloner Waldfee war einer der Gäste zu den Internationalen Hansetagen in Tartu 2005, in Pärnu 2010 ebenfalls - aber ob Estinnen und Esten damals wussten, wo dieses Städtchen überhaupt zu finden ist? Zum Hansetag 2015 in Viljandi schickten die Sauerländer einen Trupp Jagdhornbläser. Auch 1992 fand in Tallinn schon ein Hansetag statt - und damit wären es insgesamt vier Gelegenheiten für die Briloner gewesen, estnische "Hansepartner*innen" zu besuchen.

Die Gelegenheit für Estinnen und Esten, die Stadt der Wälder und der Esel (Wappentier!) zu besuchen, musste für 2020 aufgegeben werden.Der Internationale Hansetag, geplant für den 4.-7. Juni 2020 in Brilon, fiel weitgehend aus.

Erstaunlicherweise war für genau dasselbe Wochenende auch in Viljandi ein Hansetag geplant - der ebenfalls ausfallen musste. Im Gegensatz zur internationalen Variante, wo schon über 10 Jahre vorher die Gastgeber*innen feststehen, findet der "Hansetag" in Viljandi jedes Jahr am ersten Juniwochenende statt, die Interessierten können auf 2021 vertröstet werden. Gleichartiges gilt auch für Pärnu oder Tartu, wo der örtliche Hansetag im Juli begangen wird. Da liegt für Est*innen und Esten vermutlich näher, den Ausfall ihrer estnischen Hansetage zu bedauern, als eine Fahrt nach einer unbekannten deutschen Kleinstadt zu wagen. Und auch das estnische Wikipedia kennt nur die vier Hansetage (Hansepäevad) seit 1992, die in Estland stattgefunden haben. Und "Visitestonia" bewirbt, selbstverständlich, ebenfalls nur Ereignisse innerhalb Estlands.

Tja, von einem Land aus gesehen, wo die Ostsee "Westsee" heißt, reicht der hanseatische Blick wohl vor allem bis Lübeck und Stralsund, vielleicht noch bis Hamburg. Wollen wir etwas estnisch üben? "nagu ikka hansalaat" spricht nicht etwa abwertend von der momentanen Krise ("so ein Salat"?), sondern meint schlicht: "Wie immer hanseatisch".

Der Briloner Bürgermeister, wohl kraft seines Amtes, hat da eine andere Wahrnehmung. „Je länger wir uns von 2020 entfernen, umso historischer werden diese ersten virtuellen Hansetage werden“, so läßt sich Brilons Bürgermeister zitieren ("Sauerlandkurier"). Nun ja, lieber Herr Bürgermeister: so geht das grundsätzlich mit allen Ereignissen.

Esel in Brilon - ein Nutztier
mit Tradition
Oder vielleicht ist es ja gar nicht richtig, dass von Estland aus Brilon nicht bekannt ist? Wir entdecken merkwürdige Berichterstattung der deutschen Lokalpresse. "Litauerinnen und Estländerinnen haben großen Anteil an Gewerbeanmeldungen von Ausländern in Brilon" - so eine Schlagzeile. Von 399 Gewerbeanmeldungen sollen 2016 demnach allein 100 aus Litauen und Estland gewesen sein. In diesem Zusammenhang erfahren wir erstaunt, dass es im katholischen Brilon gleich drei Bordelle gibt, und die hier gezählten Personen sind offenbar fast ausnahmslos Prostituierte. 

Nein, es gibt Themen, die Brilon offenbar unangenehme Fragen erzeugen. So auch, dass 1938 bei den Reichtagswahlen 95,5% der Briloner für die NSDAP stimmten. Auf einem Gedenkstein nahe der Innenstadt steht ist der Satz zu finden: "am 9.November 1938 wurde die Synagoge bei den folgenschweren Ausschreitungen durch ein Feuer zerstört." Wundersam, wundersam. Der Gedenkstein wurde übrigens nicht durch die Stadt Brilon aufgestellt, sondern durch eine Vereinigung der Stadtführer*innen. Nüchtern beschreiben die Tafeln, dass die Ruinen "anschließend abgetragen" wurden, und man erfährt auch, dass nach dem Synagogenbrand 15 Männer verhaftet wurden - allesamt Juden, 11 davon landeten im KZ (Wikipedia). 


Sie meinen, dass alles gehört nicht zum Thema Hansetag? Nun ja, wir stellen zunächst nur fest: dies alles ist sichtbar für Menschen, die mit offenen Augen durch Brilon laufen. Und bei einer Durchführung der Hansetage hätten das ja wohl Zehntausende Besucher*innen gemacht. Nein, wir behaupten ja gar nicht, dass in dieses Bild auch die Musik-CD passt, die von den Briloner Verantwortlichen in "Überraschungstüten" am 7.Juni ausschließlich an Autofahrer verteilt wurde: 17 Mal Marschmusik, Blasmusik und Jagdfanfaren. Oder, anders gesagt: Tirol, Böhmen, Bayern, Alpenglühen - umgearbeitet für Sauerländer Ohren. Wir ahnen: irgendwie stellten sich die Eselstädter einen Hansetag einfach wie ein ziemlich großes Schützenfest vor. 

Und wie stellen wir uns den nächsten Internationalen Hansetag vor? Verschoben werden konnte nichts, denn die jährlichen Ausrichter stehen ja bereits seit vielen Jahren fest. Die Wiederholung einer "Coranse" wünschen wir niemand. Was ein "digitaler Hansetag" ist, und ob es auch interaktive digitale Angebote geben kann, das werden die Hanse-Aktivisten ja noch lernen. 2021 werden die estnischen Hansestädte es leichter haben, in Riga teilzunehmen (und vermutlich nicht mehr parallel eigene Hansetage planen). 

Eindrücke Hansetage 2020, Teil 3
Eindrücke Hansetage 2020, Teil 2
Eindrücke Hansetage 2020, Teil 1

Sonntag, Mai 17, 2020

Neuer Zustand

Nein, ein "Ausnahmezustand" bestehe in Estland nicht mehr - jedenfalls nicht mehr nach dem 18.Mai, so kündigte es Regierungschef Ratas an (err). Unsere Maßnahmen erlauben es uns jetzt, zu einem normaleren Leben zurückzukehren," meinte Ratas. Man müsse jedoch wachsam bleiben.

Die Nachbarn aus Litauen und Lettland dürfen jetzt einreisen, ohne erst mal 14 Tage in Quarantäne geschickt zu werden. Für Einreisende aus Finnland sind genaue Bedingungen genannt: wenn keine Krankheitssymptome vorliegen, dürfen Finninnen und Finnen die in Estland arbeiten oder studieren einreisen, ebenso alle die aus familiären Gründen, also wegen einer anstehende Hochzeit oder Beerdigung, einreisen wollen.

Am meisten Aufsehen erregten in der vergangenen Woche jedoch die Bären, die freilaufend auf den Straßen der estnischen Hauptstadt gesichtet wurden. "Wenn drei, vier, fünf Wochen lang niemand auf den Straßen herumläuft und sie stört, werden sie eben mutiger," meinte der estnische Zoologe Aleksei Turovski (err). Eine andere Bemerkung wird Einwohner*innen Tallinns wohl kaum beruhigt haben: "Wenn sie aus dem Winterschlaf kommen, sind die Bären eben auch am hungrigsten." - Turovski gibt auch Tipps für Begegnungen mit Bären: "Flüstern sie nicht, sprechen Sie in normaler Lautstärke." Aber ob Hauptstädter*innen dieselbe Wortwohl wie ihre Zoologen wählen werden, muss offen bleiben. Turowski empfiehlt Sätze wie diesen: "Hallo Teddy, schön dich zu sehen!"

Die estnische Polizei hatte die Suche nach den nahe des Freilichtmuseums (Vabaõhumuuseum) gesichteten Bären, bei der auch fliegende Drohnen und Suchhunde im Einsatz waren, ohne Ergebnis wieder abgebrochen. Insgesamt wird geschätzt, dass mehrere hundert Braunbären in Estland leben.

Samstag, Mai 02, 2020

Estnische Opernlegende

"In diesen Zeiten", wie man im Moment so gerne sagt, also "in diesen Zeiten" müssen leider auch runde Geburtstage anders gefeiert werden als geplant. In Estland ist das zum Beispiel Georg Ots - den manche vielleicht auch als Name eines Schiffes kennen mit dem sie schon gefahren sind, oder sie haben im gleichnamigen Hotel übernachtet. Georg Ots (1920-1975) hätte in diesem Jahr 100. Geburtstag feiern können - und da das nur wenige erreichen, wird dieses runde Datum ja meist von den Verehrern und Verehrerinnen begangen.

Ganz abgesehen davon, dass das erwähnte Schiff illegal verschrottet worden sein soll, sind für Anfang September 2020 zwei Gala-Jubiläumskonzerte zu Ehren der estnischen Opernlegende Georg Ots geplant - ob sie auch stattfinden können, die Opernfreund*innen hoffen noch. Ots spielte auch in vielen Filmen mit - und unter der Regie von Peeter Simm wurde seine Lebensgeschichte 2007 auch verfilmt (Titel "Georg", imdb / efis/ Filmkritik). Ots, der auch italienisch, russisch, deutsch und finnisch sang, war der Star estnischer Opernaufführungen schon in den 1950iger Jahren gewesen, seien es in Gershwin's "Porgy & Bess", Mozarts "Don Giovanni", Bizet's "Carmen", Verdi's "Maskenball" oder "Eugen Onegin" von Tschaikowsky. Und "G.Otsa" - so heißt auch eine der Straßen, die zur Nationaloper hinführt.

In Umkehrung eines oft genutzten Spruches: doch, nahezu
alle Besucherinnen und Besucher der estnischen
Nationaloper werden in Zukunft "an Georg Ots vorbeikommen" ...
Nun werden in Zukunft die Besucher*innen noch mehr an Estlands bekanntesten Opernsänger erinnert: direkt am Eingang der Estnischen Nationaloper wird eine Skulptur des Künstlers aufgestellt werden. Die Gestaltung übernimmt gleich ein ganzes Team, bestehend aus dem Bildhauerpaar Ilme und Riho Kuld, dem Landschaftsarchitekt Kristofer Soop, und dem Architekt Ott Alver. Eine Expertenjury prämierte das Siegerprojekt der Ausschreibung mit 10.000 Euro. Vadim Belobrovtsev, stellvertretender Bürgermeister Tallinns, zeigte sich besonders angetan von den "dynamisch-abstrakten Formen" des neuen Denkmals (Baltic Times / ERR).

Georg Ots war 1975 - auf dem Zenit seiner Karriere - im Alter von nur 55 Jahren verstorben.Auch eine Musikschule in Tallinn trägt inzwischen seinen Namen - und die Liste der Absolventen dieser Schule ist beeindruckend: Arvo Pärt, Veljo Tormis, Erkki-Sven Tüür, Neeme Järvi, Eri Klas, Olav Ehala, Jaak Joala, Sven Grünberg, oder Raivo Tafenau - sie alle machten hier ihren Abschluss.
Eigentlich sollte "Mr. Georg Ots" auch als Oper auf die Bühne gebrachte werden - jedoch sind die Aufführungen unter der Regie des Russen Dmitri Bertman, bereits 2019 auf den Operntagen Saaremaa uraufgeführt, gegenwärtig im Zuge der Corona-Einschränkungen vorläufig abgesagt.

Trailer zum Film "Georg Ots" / Doku-Filmausschnitt /

Montag, April 20, 2020

Inselvirus, Virusinsel

Die Ostseeküste Estlands (= Läänemeri rannikuala, die "Westsee" Estlands) ist auch wegen der vielen Inseln berühmt. Die bekannteste ist natürlich Saaremaa, auch bei den Touristen sehr beliebt. Nun wird die Insel mit neuen Herausforderungen fertig werden müssen: neben der Hauptstadt Tallinn ist Saaremaa zu einem Ort mit sehr vielen Covid-19-Infizierten geworden.

Nun wird gerätselt, wie das passieren konnte. Hier eine Chronik:
27. Februar 2020 - Gesundheits- und Sozialminister Kiik muss den ersten Corona-Fall in Estland feststellen.
4.+5.März 2020 - eine Mannschaft des "Powervolley Milano" besucht Saaremaa und trägt zwei Spiele gegen den heimischen Club "Saaremaa SK" aus (err).
7.März 2020 - auf Saaremaa findet das "Mullifestival" statt - Champagner und Sekt wird hier präsentiert. Estnische Agenturen vermuten, dass auch ein ausführlicher Bericht der BBC zu starkem Besucherandrang führte.
8. März 2020 - Am Internationalen Frauentag kann es unter anderem einen stärkeren Besucherandrang bei Altenheimen oder bei Verwandten gegeben haben.
11. März 2020 - die ersten zwei Krankheitsfälle von Covid-19 werden auf Saaremaa diagnostiziert.
Beim Manager des Clubs "Saaremaa SK" wird ebenfalls Corona festgestellt. Alle Spieler des "Powervolley Milano" kommen nach der Rückkehr in Italien in Quarantäne, ohne allerdings Symptome zu zeigen.
Es gibt 10 weitere Erkrankungen anderswo in Estland.
12. März 2020 - die estnische Regierung ruft den Ausnahmezustand aus und terminiert diesen bis zum 1. Mai.
Der Schiedsrichter des Volleyballspiels wird positiv auf Covid-19 getestet, ebenso mehrere Spieler der italienischen Mannschaft.
Die Behörden auf Saaremaa schließen alle Schulen (zunächst für zwei Tage) und testen die Schüler*innen., die das Volleyballspiel besucht haben.
13. März 2020 - Ein Wehrdienstleistender des "Kalev Infanterie Battallions", der das Volleyballspiel besucht hatte, wird positiv getestet. Daraufhin wird für 146 weitere Wehrdienstleistende und acht Soldaten Quarantäne verhängt.
14. März 2020 - Inzwischen gibt es 109 positiv auf Covid-19 getestete Menschen in Estland.
Es werden neue Restriktionen verhängt: der Zugang zu den größeren estnischen Inseln ist nun für alle gesperrt, die dort nicht ihren ständigen Wohnsitz haben. Auf den Autofähren müssen nun alle Passagiere während der Überfahrt in ihren Fahrzeugen bleiben. Alle Sporteinrichtungen, Kindergärten und Hotels werden geschlossen.
Am Krankenhaus von Kuresaare werden nun alle, die sich testen lassen wollen, schon im Auto behandelt.
16. März 2020 - Inzwischen sind es 205 Fälle von Covid-19 in Estland. Nun muss jede/r, der/die aus dem Ausland einreist, sich für 14 Tage in Quarantäne begeben.
18. März 2020 - alle Flüge von und nach den Inseln Saaremaa und Hiiumaa werden abgesagt. Das Krankenhaus von Kuresaare ruft über die sozialen Netzwerke zu Spenden für die Beschaffung von medizinischer Ausrüstung auf.
19. März 2020 - auch der Bürgermeister von Saaremaa, Madis Kallas, ein ehemaliger Zehnkämpfer, wird positiv auf Covid-19 getestet.
20. März 2020 - Es wird bekannt, dass auch die meisten der Corona-Patieten, die in den Krankenhäusern von Pärnu und Tallinn liegen, von der Insel Saaremaa gekommen sind.
22. März 2020 - es wird bekannt, dass auch mehrere Spieler der Mannschaft "Saaremaa SK" positiv getestet wurden.
25. März 2020 - Estland beklagt die erste Tote im Zusammenhang mit Covid-19, eine 83-jährige Frau.
26. März 2020 - als neue Beschränkung müssen nun alle, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, 14 Tage zu Hause in Quarantäne bleiben.
27. März 2020 - ein Vergleich der Zahlen von Saaremaa und der Region Tallinn zeigen, dass es mit Stand an diesem Tage 218 Corona-Fälle auf Saaremaa gibt (bei einer Bevölkerung von 33.000), während im Bezirk Harju es 208 Fälle gibt (583.000 Menschen). Das Krankenhaus von Kuresaare gibt bekannt, dass bereits 20 der eigenen Mitarbeiter*innen positiv getestet wurden und sich in Quarantäne befinden.
Es werden nun auch alle Einkaufszentren geschlossen.
29. März 2020 - Regierungschef Jüri Ratas gibt neue Restriktionen bekannt. Die meisten Läden werden nun geschlossen. Die Einwohner von Saaremaa müssen nun ihre ID-Card immer mit sich führen, Vergehen werden mit bis zu 2000 Euro bestraft.
Das staatliche Gesundheitsamt beklagt den ersten Corona-Toten auf Saaremaa. Präsidentin Kersti Kaljulaid beordert 40 Angehörige des Militärs zur Unterstützung der Polizei nach Saaremaa.
31. März 2020 - inzwischen gibt es 754 Corona-Erkrankte in Estland. Verteidigungsminister Jüri Luik kündigt an, die Armee werde eine zusätzliche Krankenstation mit Feldbetten auf Saaremaa einrichten.
Die Polizeipatroillen auf Saaremaa werden verstärkt durch Freiwillige der Kaitseliit.
1. April 2020 - das Feldhospital der Armee wird auf Saaremaa eingerichtet.
2. April 2020 - allein an diesem Tag sterben 6 Menschen in Estland an Covid-19, drei davon in Kuresaare. Das dortige Krankenhaus gibt bekannt, dass bereits 41 ihrer Mitarbeiter*innen positiv auf Covid-19 getestet wurden.
3. April 2020 - in Estland gibt es jetzt insgesamt 961 positiv Getestete, 359 davon auf Saaremaa (303 in der Region Tallinn). Es werden neue Einschränkungen für Altenheime und Sozialstationen bekannt gegeben: niemand darf mehr die Einrichtungen verlassen (falls doch, gibt es keine Rückkehrmöglichkeit). Verlassen und dann wiederkommen, dieses Verhalten wird als einer der Gründe für das vermehrte Auftreten von Corona in Altenheimen festgestellt.
5. April 2020 - inzwischen wurden 21.000 Menschen in Estland auf Covid-19 getestet, 1018 davon positiv.
6. April 2020 - es gibt vier weitere Tote auf Saaremaa, zwei Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 60 und 86 Jahren.
8. April 2020 - es gibt die erste Tote unter dem Krankenhauspersonal auf Saaremaa, eine 53-jährige Frau.
14. April 2020 - es gibt inzwischen mehr als 30 Tote in Estland im Zusammenhang mit Covid-19. Einige Erkrankte werden vom Krankenhaus Kuresaare in andere Einrichtungen aufs Festland verlegt.
19. April 2020 - inzwischen wurden 40.000 Menschen in Estland auf Corona-Virus getestet, 40 sind verstorben.
20. April 2020 - inzwischen gibt es im Bezirk Tallinn (Harju) etwas mehr Erkrankte als auf Saaremaa. Die estnischen Medien veröffentlichen die Nummer eines Spendenkontos für das Krankenhaus in Kuresaare auf Saaremaa. (nach einer Aufstellung des ERR)
Der Bürgermeister von Saaremaa, Madis Kallas, erklärt die politische Verantwortung für die Lage auf Saaremaa übernehmen zu wollen - ab Mai 2020 werde er als Bürgermeister zurücktreten. Inzwischen gibt es im Bezirk Saare (Saaremaa, Muhu und kleinere Inseln, insgesamt 33.000 Einwohner*innen) insgesamt 520 positiv auf Covid-19 getestete Menschen.

Andere Nachrichten: am 16. April beschließt die estnische Regierung, je 100.000 Euro für Italien und für Spanien, dazu auch Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel zur Corona-Bekämpfung zur Verfügung zu stellen.