Donnerstag, Juni 16, 2022

Zeichen setzen

Es erinnert vielleicht an die Straßenschilder, die auf frei zugängliches internet hinweisen: damals war Estland das erste EU-Land mit einem genormten Standardschild dazu. 

Während allerdings Interetzugang auch Freizeitvergnügen bieten kann, sind diese neuen estnischen Beschilderungen eher wie eine Mahnung an die momentane Lage in Europa: ausgeschildert wird hier der Weg zu öffentlichen Notunterkünften, die für die Einwohner/innen im Gefahrenfall zur Verfügung stehen und Schutz bieten sollen. (err)

Die erste derartige Unterkunft wurde jetzt unter dem Platz der Freiheit im Zentrum der Hauptstadt Tallinn gekennzeichnet. (ERR / youtube) Bis Ende Juni sollen zunächst 23 solcher Orte ausgeschildert sein. Kalle Lānets, estnischer Verteidigungsminister, wies allerdings darauf hin, dass die Beschilderungsaktion kein Anzeichen einer aktuellen erhöhten Gefahrenlage darstelle. Dennoch heißt nun die Parole: Ole valmis!" (Sei bereit) Und, Estland-typisch: natürlich sind die entsprechenden Informationen auch als App erhältlich (auch in Englisch und Russisch), sogar schon seit 2019, geschaffen von der Frauenorganisation des estnischen Heimatschutzes (Naiskodukaitse). 

Das Thema verbreitete sich auch schnell bei den lettischen Nachbarn. Auf Twitter wird schon gefragt, warum es das nicht auch in Riga gibt. Aber nein, einen Antrag auf Standardisierung dieser Zeichen für ganz Europa (wie es das bei den Internetschildern gab) wurde bisher nicht gestellt. Und bis entsprechende Orte auch in anderen estnischen Städten identifiziert und ausgeschildert werden, kann es wohl noch bis 2023 dauern.


 

Sonntag, Juni 12, 2022

Alles verhandelbar

Die Regierungskoalition in Estland ist zerbrochen. Nachdem die Zentrumspartei schon bei einigen Gesetzesvorhaben nicht mehr mitstimmen mochte, sagt Regierungschefin Kaja Kallas nun: die Sicherheitslage in Europa erlaubt es nicht mehr, mit der Zentrumspartei zusammenzuarbeiten. Im Ergebnis wird nun offenbar die estnische Parteienlandschaft noch mal neu durchgemischt.

Eigentlich schien es ja ein Vorteil zu sein, dass in Zeiten des bedrohlichen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht auch noch Wahlkampf geführt werden muss. Die nächsten regulären Parlamentswahlen würden in Estland im März 2023 stattfinden - dieser Termin bleibt auch dann bestehen, wenn es Kaja Kallas gelingen sollte bis dahin eine neue Koalitionsregierung zusammenzuschmieden.

Und pötzlich hat offenbar der Vorwahlkampf eingesetzt - dem nach zu urteilen, was einzelne Parteien jetzt veranstalten. "Bürgern eines ganz anderen Landes, eines feindlichen Landes, das Wahlrecht bei Kommunalwahlen zu geben – das könnte abgeschafft werden“. So läßt sich jetzt Mart Laar zitieren, zweimal (zuletzt 2002) estnischer Ministerpräsident, Ehrenvorsitzender der Vaterlandspartei "Isamaa". Liegt der "Schlüssel zu einer neuen Regierung", wie "Postimees" meint, wirklich bei seiner Partei?

Ein Block von Zentrum und EKRE würde doch ein wenig zu sehr russlandfreundich daherkommen, gibt Laar zu. (FT) Aber Urmas Reinsalu, stellvertretender Isamaa-Parteichef, bekräftigt: "Estnische Staatsbürger und Bürger der Europäischen Union sollten das Wahlrecht bei Kommunalwahlen haben. Bürger anderer Staaten nicht." (ERR)

Einige Jahre schon scheint die "Isamaa" gewissermaßen im Schatten des Rechtsauslegers EKRE (Estnische Konservative Volkspartei) zu stehen. Mehrfach mussten die Vaterländer schon um den Wiedereinzug ins Parlament zittern, und als Partner von EKRE und Zentrum in einer Koalitionsregierung (2019-2021) machten sie auch keine Punkte. Tanel Kiik jedenfalls, stellvertretender Vorsitzender der Zentrumspartei, bezeichnete es als "unfair, einem alten Mann das Wahlrecht wegzunehmen, nur weil er eine Sprachprüfung nicht bestanden habe". (err) Laut Zentrums-Vorsitzendem und Ex-Regierungschef Ratas würde seine Partei eine Neuauflage des Bündnisses zwischen Isamaa und EKRE, die auf europäischer Ebene mit Marine Le Pen in Frankreich und der FPÖ in Österreich zusammenarbeiten (ID-Party), befürworten.

Inzwischen ist Regierungschefin Kallas, die von der Zeitung "Postimees" schon als "neue eiserne Lady Estlands" ausgerufen wurde nun offenbar soweit, Koalitionsverhandlungen mit der sozialdemokratischen SDE und auch der Vaterlandspartei (Isamaa) aufnehmen zu können. Estland hat gegenwärtig eine der höchsten Inflationsraten der gesamten Eurozone vorzuweisen (euronews) - mal sehen, welche Argumente von den einzelnen Parteien da noch hervorgeholt werden, um sich - für ein paar Monate, danach gibts erneut Wahlkampf - ins eine oder ins andere Boot schwingen zu können.

Samstag, Mai 14, 2022

Baltisches im Norden

Wer Tallinn jemals besucht hat, hat bestimmt auch einmal auf dem "Islandi väljak", dem Island-Platz gestanden. Seit dem Jahr 2000 trägt dieser Platz diesen Namen und ist die offizielle Adresse des estnischen Außenministeriums. Es erinnert vor allem daran, dass Island schon am 22. August 1991, nur zwei Tage nachdem Estland seine Unabhängigkeit erklärt hatte, diese bereits bestätigt und anerkannt hatte. "Andere Länder folgten dann langsam", so formulieren es estnische Geschichtsbücher heute gern. Denn bereits am 19. Dezember 1990 und am 11. Februar 1991 hatte das Parlament Islands, das Althing, zwei Resolutionen zur Unterstützung der Unabhängigkeit Estlands, Lettlands und Litauens verabschiedet. Dies schloss auch die Bereitschaft Islands ein, als Vermittler zwischen den baltischen Staaten und der Sowjetunion zu wirken, falls dies gewünscht sei.

Manche nehmen das ja heute sogar zum Anlass jährlich einen "Islandtag" in Estland zu feiern. Nur wenige Tage nachdem der Putsch gegen Gorbatschow gescheitert war, trafen sich am 26. August 1991 bereits der estnische Außenminister Lennart Meri und sein isländischer Kollege Jón Baldvin Hannibalsson in Reykjavik, um eine gemeinsame Erklärung zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu unterzeichnen. "Island first" - gegen diesen Ausruf hat in Estland niemand etwas einzuwenden. 

Nun werden zum ersten Mal auch in Rejkjavik, der Hauptstadt Islands, drei Straßen nach Ländernamen benannt: Eistlandsbryggja, Lettlandsbryggja und Lithaenbryggja. Die Straßen liegen im Norden der Stadt, wo der Stadtteil Artunshöfdi noch bis 2026 weiter ausgebaut und entwickelt werden soll. Die Bezeichnung "bryggja" könnte Deutsch mit "Pier" übersetzt werden, also ein Schiffsanleger oder Bootsliegeplatz - ein Platz am Wasser also. 

Pawel Bartoszek, Stadtrat in Rejkjavik, teilte gegenüber estnischen Medien mit, dass die "Estland-Pier" eine verkehrsberuhigte Straße mit eingeschränktem Autoverkehr sein wird (ERR / vidreisn.is / dv.is)

Montag, April 18, 2022

Lieber flüssig

Kalt muss es sein: bei Temperaturen um –162 °C wird Ergas "verflüssigt", und dieses "Flüssiggas" ("Liquified Natural Gas" LNG) hat dann im Verhältnis zum gasförmigen Zustand ein Expansionsverhältnis von 1:600, daher können große Mengen an Energie effizient gelagert und transportiert werden.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Diskussion um die Energieversorgung völlig verändert. Auch Estland plant nun mit einem Flüssiggasgterminal. Angeblich kann schon das LNG-Terminal im litauischen Klaipeda die Hälfte des Gasbedarfs der baltischen Staaten decken - die entstandene Lücke, bei Wegfall des Bezugs aus Russland, soll nun ein estnisch-finnisches Projekt in Paldiski schließen.

Vorteil: die Pläne für den Standort in Paldiski lagen schon fertig in der Schublade.Schon seit einigen Jahren wird über ein Flüssiggas-Terminal an diesem Standort nachgedacht - aber bisher schien es zu teuer (siehe "Baltic Course"). Bauen soll es nun die estnische "Alexela"-Gruppe, bei der die Brüder Heiti und Marti Hääl eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Unternehmer Heiti Hääl ließ sich gleich mal zu der Aussage hinreißen: "Das sieht unglücklich aus, wenn erst ein Krieg die Notwendigkeit eines LNG-Terminals nachweisen muss." Und er behauptet gleichzeitig: "Das neue Terminal wird noch in diesem Herbst fertig sein." (err

Diese Planungen bestätigte auch der estnische Wirtschaftsminister Taavi Aas. Estland wolle bezüglich des erforderlichen LNG-Spezialschiffes auch mit Finnland und Lettland zusammenarbeiten. (err / IR). Auch Litauen hatte sich vor Jahren zunächst gemeinsamen Planungen angeschlossen, dann aber, als es kaum konkrete Fortschritte gab, sich für ein eigenes LNG-Terminal entschieden (das 2014 fertiggestellt wurde). 2020 wurde auch das Projekt "Balticconnector" abgeschlossen - eine Gaspipeline zwischen Paldiski in Estland und Inkoo (Ingå) in Finnland.

Estland verbraucht gegenwärtig etwa 5 Terrawattstunden Gas, zwei Drittel davon für Energieversorgung und Industrie. Am 7. April hatte die estnische Regierung beschlossen, bis Ende 2022 völlig auf den Bezug russischen Gases zu verzichten (valitsus.ee). Partner für den Bau des LNG-Terminals in Paldiski werden auch die Investmentgesellschaft "Infotar" und "Eesti Gaas" sein. In einem ersten Bauabschnitt soll zunächst eine Verbindung zwischen dem Schiffsliegplatz und der "Balticconnector"-Pipeline geschaffen werden. Die Pipeline-Infrastruktur wird vom staatlichen estnischen Gasbetreiber Elering bereitgestellt.

Zunächst soll - als finnisch-estnisches Gemeinschaftsprojekt - ein schwimmendes Terminal angemietet werden, bevor in der zweiten Phase eine dauerhafte Lösung für das Terminal gebaut wird (mkm). Die Kosten für die Terminal-Infrastruktur, die im Herbst fertig gestellt werden soll, werden auf 40 Millionen Euro geschätzt. Ain Hanschmidt (Infotar) forderte aber auch eine staatliche Garantie zur Absicherung der Preisdifferenz zu russischem Gas, um das Projekt gegen eine (politisch mögliche) Rückkehr zur Versorgung mit russischem Gas abzusichern. (err) Die estnische Finanzministerin hatte bereits Pläne zu einem Ergänzungshaushalt in Höhe von 170-230 Millionen Euro vorgestellt (err)

Schon im November 2021 hatte das LNG-Bunkerschiff «Optimus» der estnischen Energiegesellschaft Elenger seinen Betrieb aufgenommen - es dient der Betankung von LNG-getriebenen Fähren zwischen Tallinn und Helsinki und ist Teil einer wachsenden LNG-Infrastruktur. (Schiffundhafen / elenger)

Sorgen um die Umwelt jedenfalls scheinen bei dieser Diskussion keine Rolle zu spielen. In Deutschland wird ja viel über das umstrittene "Fracking"-Verfahren diskutiert (BUND / Umwelthilfe), wobei davon ausgegangen wird, dass ein LNG-Gas-Import eben auch das durch Fracking-Verfahren in den USA gewonnene Gas einbeziehen würde. Kritisiert wird unter anderem, dass schon die Verflüssigung von Gas 10-25% des Energiegehalts verbrauchen würde. Von dieser Seite wird auch bestritten, dass Deutschland einen LNG-Importbedarf habe - es wird darauf verwiesen, dass Deutschland die viertgrößte Gasspeicherkapazität der Welt habe. Allerdings ging diese Einschätzung noch von einem Bau der Nordstream-2-Pipeline aus. In der deutschen Diskussion wird "LNG-Gas" oft mit "Fracking-Gas" gleichgesetzt - so wie die Deutsche Welle am 29. März titelte: "Freiheit oder Klima-Selbstmord?"

Aber Estland muss sich wohl kaum Sorgen um mögliche größere Proteste in Paldiski machen. "In Estland bestimmen immer noch weitgehend die Industrie und die großen Unternehmen die Tagesordnung", meinte Züleyxa Izmailova, die bis vor wenigen Wochen noch Vorsitzende der Grünen Partei Estlands ("Erakond Eestimaa Rohelised", die in Umfragen aktuell bei 1,7% liegen) war. "Und manche Leute glauben, wärmere Winter würden eben einfach ihre Heizungsrechnung verringern. ... Radikale Umweltschützer wie in Westeuropa gibt es in Estland so gut wie nicht." (err)

Donnerstag, April 07, 2022

Brückendiskussion

Die "Võidu sild" ist eine in den Jahren 1952 bis 1957 gebaute Stahlbetonbrücke über den Fluss Emajõgi, im Zentrum von Estlands zweitgrößter Stadt Tartu gelegen. Ihren Namen erhielt die Brücke im Jahr 1965, auf Beschluss des Stadtrats, zum 20. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Denn "Võidu sild" heißt übersetzt "Brücke des Sieges". 

Die Diskussion im Stadtrat von Tartu, die Brücke anders zu benennen, geht schon einige Jahre. Aber als Tourist/in könnten wir uns zunächst fragen: Was für eine Brücke ist das? Reiseinfoseiten wie "Estland-com" erwähnen eine Reihe von Brücken: Bogenbrücke (Kaarsild), Steinbrücke (Kilvisild), Marktbrücke (Turusild), Engelsbrücke (Ingisild), Teufelsbrücke (Kuradisild). Aber "Siegesbrücke"? "Visittartu" beschreibt ausführlich die Bogenbrücke. Aus touristischer Sicht wird die Brücke der Durchfahrtsstraße, die einfach die Riga-Straße mit der Narva-Straße verbindet, am wenigsten hervorgehoben.

Seit 1926 gab es auch schon eine "Freiheitsbrücke" in Tartu: nach der sowjetischen Besetzung 1940 schon einmal kurzzeitig in "Siegesbrücke" umbenannt, überstand sie den Krieg nicht (von den abziehenden Deutschen zerstört). Am Ende des 2.Weltkriegs waren in Tartu alle Brücken zerstört. Die heutige "Freiheitsbrücke" wurde 2009 eröffnet.

Nun sucht Tartu einen neuen Namen für die bisherige "Siegesbrücke" (tartu.ee / err) "Wir können einen solche Sieg nicht weiter feiern", heißt es (tartu.ee). Bis zum 10. April sollen nun Namensvorschläge gesammelt werden. Ein witziger (wohl nicht ernst gemeinter) Vorschlag war auf dem Portal "Lugejakiri" (Eigenwerbung: "die seriöseste Nachrichtenquelle in Estland") zu lesen: um Geld und Mühe zu sparen, solle nur der erste Buchstabe ausgetauscht werden - statt "Võidu sild" (Siegesstraße) nun "Sõidu sild" (Fahrstraße). 

Ein Thema, dass vielleicht aber nur symbolisch die andauernde Diskussion um die russische Haltung zu Putins Angriffskrieg wiederspiegelt. Nikolai Põdramägi, Arzt und Mitglied der Zentrumspartei in Tartu, sprach sich nicht nur gegen die Umbenennung der Brücke aus, sondern bezeichnete auch die gegenwärtigen Vorgänge in der Ukraine als "Bürgerkrieg" (err). Als Reaktion distanzierte sich nicht nur die Zentrumspartei von ihm, sondern auch die Ärztekammer (Postimees / delfi)

Samstag, März 12, 2022

Es war doch unser Tag ... !

Nun weiß die Welt, was am 24. Februar passiert ist. Eigentlich war ja für Estland viel wichtiger, was am 23. Februar 1918 vom Balkon des Endla-Theaters in Pärnu, und dann am 24. Februar in Tallinn verkündet wurde: die Erklärung der Unabhängigkeit des Landes, das sich selbst Eesti nennt. "Die Geburt einer Nation", wie es "Visit Estonia" ausdrückt. Aber seit kurzem ist dieser Tag auch mit etwas verbunden, das tatsächlich aktuell eher einer Loslösung vom russischen Bahnstrahl entgegen steht. Oder vielleicht lesen wir bei den Autor/innen der Kinderseite von "Hanisauland" nach: demzufolge ist in Estland der Höhepunkt dieses Tages immer eine "prachtvolle Militärparade".

Nein, niemand wollte es zunächst wirklich glauben: Putin befiehlt einen militärischen Einmarsch in einem Nachbarland - und auch Estland ist Nachbarland.

Das deutsche Fernsehen berichtete am 11. März vom Biathlon-Weltcuprennen im estnischen Otepää. ARD Moderator Michael Antwerpes entschuldigt sich, dass hier aus einem "sicheren" Studio in Deutschland moderiert wird, und begründet das mit einem Blick auf die Landkarte. Zur Einstimmung wird dann der Wintersportort Otepää vorgestellt, und der estnische Sportreporter Alvar Tiisler mit der Aussage zitiert: "Nein, wir haben keine Angst. Wir haben in den 90iger Jahren kluge Entscheidungen getroffen." 

Aber auch Estland übt sich in Solidarität mit der Ukraine. Die Universität Tartu will den Zugang für russische und belarussische Studierende beschränken. (err) Die gegenwärtig schon in Tartu 257 Studierenden aus Russland und 25 aus Belarus dürfen aber bleiben, so Aune Valk, Vize-Rektor der Universität. Allerdings gibt es auch ein Unterschriftensammlung gegen die Restriktionen der Universität.

Der Zoo Tallinn sammelt Spenden für Zoos in der Ukraine und meldet, in Kiew seien etwa 50 Angestellte mit Familien in den Zoo umgezogen, um dort die Tiere zu beruhigen und ihnen im Krieg beizustehen. 

Eine der größten Tageszeitungen Estlands, die "Postimees", erscheint nun auch mit einer ukrainischsprachigen Ausgabe. "Russland benimmt sich wie Nazideutschland" ist dort zu lesen - so sieht es die Jüdische Gemeinde in Odessa

Der 9. März war dabei für Tallinn noch ein ganz besonderer Gedenktag: an diesem Tag vor 78 Jahren (1944) bombardierte die Rote Armee die estnische Hauptstadt. Allein an diesem Tag sollen damals 3000 Bomben über Tallinn abgeworfen worden sein, 30% des städtischen Wohngebiets wurde zerstört, es gab mehrere Hundert Tote. Für die Stadt ein ganz besonderer Grund, an die aktuellen Ereignisse in der Ukraine zu denken. 

Bis zum 11. März waren bereits über 14.000 Flüchtlinge aus der Ukraine in Estland angekommen, davon seien etwa 3500 weiter in andere Länder gereist, und etwa 5000 seien Kinder (err) Mehrere estnische Gemeinden wandten sich bereits mit der Bitte um Unterstützung an die estnische Regierung, denn ihre Aufnahmekapazitäten seien überlastet.

Montag, Februar 21, 2022

Begegnung mit Jaan

Nun wird man ihm auch beim Spaziergang durch Tallinns Altstadt begegnen - und Touristen werden ihn kaum noch ignorieren können, denn die neu errichtete Statue zu seinem Gedenken steht direkt vor der Touristinformation. Mikhail Kõlvart, Bürgermeister von Tallinn, war persönlich bei der Einweihung anwesend und wird mit den Worten zitiert: "die Geschichte der Stadt Tallinn und Kulturgeschichte haben durch die Werke von Jaan Kross viel gewonnen". (err / tallinn.ee)

Geboren war er 1920, gestorben ist er 2007 im Alter von 87 Jahren. Es war nicht nur die Idee der estnischen Literaturszene, dass er auch mit dem Nobelpreis gebührend hätte geehrt werden können. Er übersetzte unter anderem Heine, Brecht, Shakespeare und Balsac ins Estnische. Aber ihm wird auch der Satz zugeschrieben, Estland sei aus einem Gefängnis gekommen und in einem Warenhaus gelandet. 2010 wurde ein Jaan-Kross-Literaturpreis geschaffen - der aktuelle Preisträger ist der Literaturwissenschaftler Jüri Talvet.

Die Überlegungen zu einem Denkmal für Jaan Kross konkretisierten sich rund um seinen 100. Geburtstag, aber es wurden verschiedene mögliche Standorte diskutiert (Baltic Times). Nun steht die Statue mit Blick direkt auf das Haus des Schriftstellerverbandes, in dem Jaan Kross zusammen mit seiner Frau Ellen Niit einige Jahre gewohnt hatten.

Palju õnne sünnipäevaks - typisch estnische Ehrung?
Google erinnerte an Estlands bekanntesten Schriftsteller

Die Statue wurde als Ergebnis eines Designwettbewerbs vom Bildhauer Jaak Soans erstellt (unter Mitwirkung der Architekten Karmo Tõra und Mark Kovalenko) und soll die Stadt Tallinn 165.000 Euro gekostet haben. In Deutschland ist Soans vor allem in Schwerin bekannt, denn auch die dort noch immer standhaft erhaltene Lenin-Statue wurde 1985 von ihm geschaffen (hauspost / Deutschlandfunk FAZ / dreesch-schwerin)


Samstag, Januar 29, 2022

Insel ohne Õ

Wer vielleicht, schon wegen schwieriger Reiseumstände, seit 2019 nicht mehr auf estnischen Insel Saaremaa war, wird sich vielleicht wundern: nun gibt es neue Grenzen. Nein, keine Angst - es ist weder eine Zollgrenze, noch muss ein Passdokument vorgezeigt werden. Es ist lediglich ein ausdrücklicher linguistischer Hinweis: der Buchstabe Õ, auf desssen Existenz alle Estnisch-Sprechenden sonst so stolz sind, gilt in weiten Teilen der Insel Saaremaa nicht. 

Nun wird auch jeder Gast, mehr oder weniger dezent, auf diesen sprachlichen Umstand hingewiesen; anfangs waren sogar Straßenschilder aufgestellt worden, die allerdings von der estnischen Straßenverwaltung beanstandet wurden.

Nun ist es einfach ein 5 Meter großes Õ, aufgestellt an der Straße zwischen Kuressaare und Kuivastu. Taavi Pae, Professor der Geografie und einer der Initiatoren dieser Aktion, wird mit den Worten zitiert: "Es gibt ja viele Witze über dieses Thema, aber dieses Zeichen steht auch als Bekenntnis zu unserer kulturellen Identität. Es gibt eben doch auch Dialekte in der estnischen Sprache, und es ist wichtig sie zu achten." (err)

Als wissenschaftliche Grundlage wird meist auf die Untersuchung von Theodor Kaljo aus dem Jahr 1928 verwiesen, der die genaue Sprachgrenze analysierte und eigene Aufzeichnungen machte (Saarte Hääl).

Rattasõit või rattasöit? fragte auch "Visitsaaremaa" etwas scherzhaft ("Radfahren oder Radfahren"), weist aber doch auf Otto Wilhelm Masing hin, der zuerst auf die Existenzberechtigung des Õ hingewiesen hatte. Und inzwischen hat der Buchstabe selbstverständlich einen eigenen Wikipedia-Eintrag

Ob es ehemals deutsche Besiedlung oder schwedischer Einfluss war, die das Ö auf Ösel hinterließen? Da wird die gebotene Information ungenau. Aber, es bleibt dabei: ein Besuch beim Õ / Ö, vielleicht eine neue Touristenattraktion! Und, vielleicht als "Geheimtipp": es gibt auch ein Ö-Restaurant - das befindet sich allerdings in Tallinn.

Montag, Januar 17, 2022

e-zählung

Wie findet eine Volkszählung in Estland statt? Helfer und Helferinnen des Statistikamtes gehen von Tür und versuchen willige Freiwillige fürs Fragebogenausfüllen zu finden? Wohl kaum. In Estland setzen verantwortlichen Ämter ganz auf die elektronische Selbstzählung, kombiniert mit Daten, die aus bereits bestehenden Datenregistern stammen, wie zum Beispiel dem Bau- und Wohnungsregister, dem Arbeitsregister oder dem Steuerregister.

Am 22. Januar 2022 läuft die Beteiligungsmöglichkeit an der estnischen Volkszählung aus, wobei der 31.12.2021 der Stichtag für die Daten sein soll. Zur Beteiligung aufgerufen sind alle Menschen mit ständigem Wohnsitz in Estland. Dem voraus gingen mehrere Probeläufe in den vergangenen Jahren. Zwischenbilanz der estnischen Statistikbehörde am 6. Januar: bisher haben sich 150.000 Estinnen und Esten beteiligt. 

Liina Osila, Projektmanagerin bei "Statistics Estonia" gibt zu, dass es noch Lücken gibt: "Ich möchte besonders Menschen in der Region Ida-Viru zur Beteilgigung einladen, denn hier ist der Prozentsatz der Antworten mit 4% noch am niedrigsten. Und es ist auch klar ersichtlich, dass unter den Antwortenden insgesamt 61% Frauen sind, aber nur 39% Männer." 

Mit dem 22. Januar ist die Datenerfassung aber nicht vorbei. Im Zeitraum 1.-28. Februar werden dann gezielt Menschen befragt, die in ausgewählten Bezirken wohnen, die als statistisch relevant identifiziert worden sind - per zufälliger Auswahl. Hier gilt die Beteiligung (für ca. 60.000 Menschen) dann obligatorisch - und dafür kommen dann doch "Interviewer" zum Einsatz. Interessant dabei: der oder die Befragte hat das Recht, eine/n andere/n Interviewer/in anzufordern, wenn es für nötig gehalten wird. Das Statistikamt betont zu einigen Themen Daten über die bereits vorhandenen Register hinaus zu benötigen - wie zum Beispiel Fragen zu (Fremd-)Sprachkenntnis und religiöser Zugehörigkeit.



Montag, Dezember 27, 2021

Wer immer Maske trägt

Die estnische Sportlerin des Jahres 2021 ist ... Katrina Lehis. So meint es die estnische Sportpresse. Katrina wer? Aber doch - wir haben inzwischen vom Fechtsport in Estland schon mehrfach gehört. Einmal durch den Kinofilm, dessen deutschsprachige Ausgabe als "Die Kinder des Fechters" herauskam (siehe Beitrag). Zum anderen wird eine Geschichte weitergeschrieben - bisher war unter den Fechterinnen noch Julia Beljajeva das allein herausragende Vorbild: Einzel-Weltmeisterin des Jahres 2013 und Team-Weltmeisterin 2017. Nun kommt Katrina Lehis dazu: denn sie holte 2021 Bronze im Einzel und Gold mit dem Damenteam (auch Beljajeva war 2021 wieder dabei, daneben noch Erika Kirpu und Irina Embrich).

Andrej Schumakow, Chefredakteur des russischsprachigen "Delfi", wurde mit folgender Aussage zitiert: „Das Fecht-Team ist wie ein Querschnitt des Landes, der ganzen Gesellschaft. Da sind Russinnen und Estinnen. Die Mitglieder kommen aus den verschiedensten Städten: der Hauptstadt Tallinn, der Universitätsstadt Tartu, dem kleinen, gemütlichen Haapsalu. Erika Kirpu ist gar in Moskau geboren, was unter den Bewohnern von Estland ja auch nicht gerade selten ist." (eurotopics) So ist es also kaum verwunderlich, dass auch das Damen-Fechterteam den ersten Platz bei der Sportlerinnenwahl Estlands belegte (ERR)

Also war wohl Fechten die estnische Sportart des Jahres 2021. Von Haapsalu, der Heimatstadt der estnischen Star-Fechterin, bekam die zweifache Medaillengewinnerin ein 1800 m2 großes Stück Land geschenkt - offenbar in der Hoffnung, die berühmte Tochter der Stadt würde der Heimat (längerfristig) erhalten bleiben (ERR).

Montag, Dezember 20, 2021

Bauen in Groß-Amerika

Als "Komsomoli"-Straße hat dieser Teil der Innenstadt der estnischen Hauptstadt Tallinn einige Jahrzehnte erlebt. 1991 wurde die Straße in "Suur-Ameerika" (Groß-Amerika) umbenannt. Eine Vorausahnung? Nun veröffentlichte das estnische Außenministerium Pläne, gerade an dieser Straße - nomen est omen - den Neubau der US-Botschaft vorzusehen. 

So sieht der Planungsentwurf für das neue
Botschaftsgebäude aus

Um ein Mehrfaches größer als im bisherigen Botschaftsgelände an der Kentmanni 20 soll es hier zugehen, in einer Höhe von wahrscheinlich neun Stockwerken. Aber über Details verhandeln die US-Behörden derzeit noch mit der Stadtverwaltung. Betont wird, dass im Gegensatz zum gegenwärtigen Standort keine Straßensperrungen oder Änderungen des Verkehrsflusses nötig werden. (ERR)

Ursache für die Straßenbenennung sind jedoch nicht einfach estnische Träume von Amerika, ähnlich wie die Sprüche von Ex-Präsident Trump. Hier soll bereits Ende des 18. Jahrhunderts einmal ein Gasthaus gestanden haben, das sich "Ameerika" nannte. 1877 bereits wurde eine Straße danach benannt, die allerdings damals einen anderen Verlauf hatte.

Bei der Bombardierung Tallinns am 9.Mai 1944 wurden viele an der Straße befindliche Häuser zerstört. Vor dem 2.Weltkrieg befand sich auch eine der größten Schuhfabriken Estlands in diesem Bereich, sowie bis 1996 ein Sportstadion für Kinder und Jugendliche (Tallina Lastestaadion). 

Für das gegenwärtige US-Botschaftsgebäude fallen jedes Jahr 400.000 € Mietzahlungen an einen privaten Eigentümer an. Beim neuen Gebäude soll die Eigentümerschaft dann in die Hände der US-Regierung übergehen. 

Nebenbei interessant ist, dass Estland momentan gar keinen amtierenden US-Botschafter hat. Botschafter James D. Melville trat im Sommer 2018 zurück und führte unüberbrückbare Differenzen mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump dafür an. Dieser ernannte dann William Ellison Grayson als Nachfolger - der jedoch sein Amt niemals in Estland antrat. Für den inzwischen amtierenden neuen Präsident Joe Biden steht die Ernennung eines neuen Botschafters für Estland noch aus. (ERR)

Montag, November 29, 2021

Geehrter Thomas

"Lieber Thomas" ("Dear Thomas"), ein Film von Andreas Kleinert, hat das Leben des Schriftstellers Thomas Brasch als Thema (Trailer), der 2001 mit nur 56 Jahren in Berlin starb. Der Film wurde jetzt beim "Black Nights Film Festival" (PÖFF) in Tallinn mit dem Grand Prix für den besten Film ausgezeichnet (Pressemitteilung / ERR).

Brasch, Sohn jüdischer Emigranten, war in den 1950iger Jahren in die DDR übergesiedelt. Mit einem Vater als stellvertretendem Kulturminister, von der Filmhochschule exmatrikuliert, und dann auch noch 1968 gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestieren - die Lebensgeschichte bietet sicherlich genug Filmstoff.

"Tobende Körper, packende Augen" fielen der ZEIT an diesem "spannenden Kunstwerk über die Verzweiflung eines deutsch-deutschen Lebens" auf. Um dann zu urteilen: "die Verfilmung seines Lebens ist ein seltener Glücksfall für das deutsche Kino". Anders das ZDF: "Einen der auszog, Unruhe zu stiften" - unklar ob damit Brasch oder der Filmemacher gemeint ist. "Erzählt in traumhaft schönen Schwarz-Weiß-Bildern". "Eine brilliante Filmbiografie" (Süddeutsche). "Der letzte Held der DDR" (Welt)(weitere Pressestimmen: NDR , Kino-Zeit, KinoKino, EPD-Film, der Freitag, Augsburger Allgemeine, rbb)

Schön, dass jetzt auch die Estinnen und Esten etwas davon haben. Der Film lief auf dem PÖFF auch mit estnischen Untertiteln.

Mittwoch, November 17, 2021

Finale in Mexiko

 "Vamos, Anett!" das werden in den kommenden Stunden sicherlich die estnischen Sportfans wieder ihrem neuen Tennissternchen zurufen wollen (delfi.sport). Etwas überraschend steht die 25-Jährige Estin Anett Kontaveit im Finale des WTA-Finalturniers in Mexiko. Teilnehmerinnen sind hier die besten acht der Tennis-Weltrangliste - also eigentich kann Kontaveit als Achte froh sein, überhaupt dabei zu sein. Aber nach Siegen über die beiden Tschechinnen Karolína Plíšková und Barbora Krejčíková (Nr. 3 und 4 der Weltrangliste) sowie der Griechin Maria Sakkari (laut estnischer Presse eine gute Freundin / ERR) steht die junge Estin sogar im Finale (sportschau). Dabei war allein schon die Qualifikation in sofern senationell, dass es noch nie eine Estin zuvor unter die besten acht Spielerinnen geschafft hatte (Estonian World). Zitat Kontaveit: "Ma ei suuda siiani päriselt uskuda, et isegi siin olen" (ich kann immer noch nicht glauben, dass ich hier bin / ERR)

Damit ist nicht nur sicher, dass dies das größte Finale ihrer bisherigen Sportlerinnenkarriere sein wird - auch 860.000 Dollar Preisgeld hat sie schon klar gemacht. Nun wartet im Finale noch die Spanierin Garbiñe Muguruza (wta-tennis), die noch im Gruppenspiel vorher klar gewonnen hatte. Aber: Kontaveit gewann 29 der vergangenen 32 Matches. Sie hat den "winning spirit", heißt es.

In ihrem Heimatland erzeugte Kontaveit natürlich schon länger Aufsehen: 2009 wurde sie im Alter von 13 Jahren estnische Tennismeisterin. Seit 2011 spielt sie im Rahmen der Tourniere des ITF (International Tennis Federation) und WTA (World Tennis Association). Und auch für dieses Finale am 18.11. (2.30 Uhr MEZ) hat die estnische Presse ein Zitat von Kontaveit bereit: „Mul pole midagi kaotada“ (ich habe nichts zu verlieren) / Ohtuleht)

Nur für Fans: wer weiß, was es mit diesen Namen auf sich hat, der ist wahrscheinlich eine/r: Andrei Luzgin, Märten Tamla, Peeter Lamp, Paul McNamee, Glenn Schaap, Nigel Sears, Ain Suurthal, Dmitry Tursunov.

Freitag, November 05, 2021

Trolley ohne

Trolleybusse, also Busse die ihre Energie aus Oberleitungen beziehen (manche nennen sie auch O-Busse), fahren in der estnischen Hauptstadt Tallinn seit 1965 - erst kürzlich wurde das 55.Jubiläum des Tallinner Trolleybusverkehrs gefeiert (tlt.ee). Das Betreiberunternehmen "Tallinna Linnatranspordi" betont aus diesem Anlass, Trolleybusse seien heute besonders wichtig für die Bewohner/innen der Stadtteile Mustamäe, Väike-Õismäe, Kristiine, Põhja-Tallinn and Kesklinn. 

Nun gibt es aber Pläne, bis 2025 keine Diesel-Busse und bis zum Jahr 2035 in Tallinn nur noch Busse mit Elektroantrieb einzusetzen (err). Um das zu erreichen, sollen nach und nach 650 Elektrobusse neu gekauft werden (err). Das Aus für die traditionellen Trolleybusse? "Trolleybusse werden stufenweise aus dem Stadtbild von Tallinn verschwinden", hieß es schon öfter in estnischen Presseberichten - ohne allerdings konkrete Daten zu nennen. (err / Baltic Times) Noch gibt es 50 Trolleybusse, eingesetzt auf nur noch vier von ehemals neun Linien.

Seit wenigen Wochen werden nun neue Fahrzeuge für die Tallinner Trolleybusflotte getestet. Die Fahrzeuge mit der Bezeichnung Solaris Trollino 24 MetroStyle sollen vor allem in der Lage sein, eine kurze Zeit auch ohne Stromabnehmer, also ohne Kontakt zu den Oberleitungen fahren zu können. Ein Fahrzeug, das auch bereits einen Designpreis abräumte (omnibusrevue) Auch in der slowakischen Hauptstadt Bratislava wurden bereits Probefahrten absolviert (busstreff).

den ganzen Bus auf ein Foto bekommen?
Schwierig ...

Das Gefährt aus Polen kann einige Kilometer mit bordeigenen Batterien bestreiten, die durch die Oberleitung aufgeladen werden. Das bringt die Tallinner Stadtplaner/innen auf neue Ideen. Zum einen wird über Express-Linien nachgedacht, "Metro-Busse" genannt, bei denen diese Fahrzeuge auf Hauptstraßen in Verkehrsspitzenzeiten eingesetzt werden und Kreuzungen schneller passieren können sollen. (Postimees) Außerdem ist statt Seitenspiegeln ein spezielles Kamerasystem eingebaut, das den "toten Winkel" eliminieren soll und den Fahrer vor anderen Verkehrsteilnehmer/innen wie Fahrradfahrer/innen oder Fußgänger/innen warnt.

Setzen offenbar eher auf die
Variante "selbstfahrend":
Uschi von der Leyen, Ministerpräsidentin
Kallas

Andererseits sind diese "Doppelgelenkbusse" auch 24 Meter lang, und damit doppelt so lang wie ein regulärer Bus, drinnen sollen 200 Passagiere Platz haben. Kaufpreis: 800.000 Euro. "So können wir vielleicht mit der zusätzlichen Energie aus den Batterien auch Stadtteile erreichen, die bisher unerreichtbar schienen", sagt Deniss Boroditš, Vorstandsmitglied bei "Tallinna Linnatranspordi AS". Immerhin koste so ein Metrobus dreimal weniger als eine Straßenbahn (err). "Der Elektrobus, das wird wie ein Trolleybus ganz neuer Art sein", versucht Boroditš die Nostalgiker zu trösten (err)

Bis Dezember werden nun zunächst die Trollino-24-MetroStyle-Busse in Tallinn getestet. Vorteil für Fahrgäste: einfach zusteigen und abfahren - Ticketkontrollen gibt es in den Testbussen nicht. Und wer die Fahrt mit Trolleybussen so richtig genießen kann, dem/der wird vielleicht auch das Lied von Viktor Tsoi vom "Троллейбус –Trolleybus” durch den Kopf gehen (ein Tipp des estnischen Bloggers "Flatfish") "We look out the window, with some hope at least, on the trolley-bus that goes to the east ..."

Montag, Oktober 25, 2021

Guuhgelei

Die Kommunalwahlen in Estland sind vorbei, die Stimmen ausgezählt, 54,7% der Wahlberechtigten haben sich beteiligt - 313.741 in der Wahlkabine, und 273.620 per e-Vote. Und, obwohl allerorten schon über Koalitionen in den künftigen Stadträten verhandelt wird, kann das estnische Wahlamt den Vorgang noch nicht für endgültig erklären - Schuld sind einige noch nicht entschiedene Gerichtsklagen. 

Silver Kuusik, ein Mensch mit einem sehr wohlklingenden Vornamen, kandidierte für die rechtspopulistische EKRE in Tartu. Er ist einer derjenigen, über deren Beschwerden die estnische Wahlkommission noch verhandeln muss. EKRE ist ja bekannt dafür, immer so etwas wie "Estonia first" (inzwischen genauso bekannter Spruch wie "Estland den Esten") zu fordern. Konsequenterweise sind auch die Internetseiten der EKRE durchweg ausschließlich in estnischer Sprache gehalten. Wer sich dennoch um Verständnis bemüht, wird wohl - den Browsern sei Dank - wahrscheinlich beim Google-Übersetzer landen. Kuusik stört sich nun daran, dass Namen von Kandidaten auch auf der offiziellen Kandidatenliste des Wahlamts mit Google-Hilfe übersetzt werden können - und über das Resultat. Wer Google nutzt, bekommt eben "Silber Kuusik" (deutsch) angezeigt - aber auch Hõbe Kuusik (Hõbe = estnisch "silber") Kuusik zählte peinlich genau nach - und behauptet nun in seiner Klage, auf diese Weise seien die Namen von 110 EKRE-Kandidat/innn "verfälscht" dargestellt worden (err) So werden dann Vornamen wie "Eve" als "Õhtu" (Abend) übersetzt, oder "Leo" als "Lõvi" (Löwe). 

Klar ist aber auch: das Misstrauen der politischen Rechten in Estland hat auch einen anderen Hintergrund: neben der Zentrumspartei nutzen die Wähler/innen der EKRE das E-Voting nur sehr zögerlich. Nur 21,37% der für diese Partei abgegebenen Stimmen wurden elektronisch abgegeben - ein in Estland sehr niedriger Prozentsatz. Bei fast allen anderen nun in den Lokalparlamenten vertretenen Parteien liegt der E-Voting-Anteil bei (teilweise weit) über 50%. Da wirkt es gar nicht mehr erstaunlich, dass EKRE nun mit diesem "Namensverfälschungsargument" sogar das gesamte E-Voting-Resultat für ungültig lassen erklären will. (err)

Die Zentrumspartei verlor ihre absolute Mehrheit im Tallinner Stadtrat, kann aber voraussichtlich zusammen mit einem Koalitionspartner weiter regieren. Das Resultat der EKRE war vielleicht nicht so stark erwartet, aber mit Gewinnen in Pärnu, Järva, Räpina and Põlva.

Montag, Oktober 11, 2021

Was ihr wollt - was wollt ihr?

Verlängerung der Straßenbahnlinien, kostenfreie Kindergartenplätze fürs Kind, Lohnerhöhung für Lehrerinnen und Lehrer? Oder mehr Fahrradwege, Weiterentwicklung des Passagierhafens - oder gar eine Seilbahn? Oder alles zusammen? - In Estland sind in dieser Woche Kommunalwahlen angesagt, und all dies sind die Versprechungen verschiedener Parteien in der Haupstadt Tallinn (err). 

In einer Zusammenstellung des ERR (Eesti Rahvusringhääling/ Estnischer Rundfunk) wird versucht, die Themen der verschiedenen Parteien in der Hauptstadt zu vergleichen. Hier einige Beispiele aus dem Bereich der Bildungspolitik: 

Die Vaterlandspartei Isamaa allerdings will ab dem Schuljahr 2027/28 nur noch estnischsprachige Kindergärten zulassen, die Gebühren bis dahin auf der jetzigen Höhe deckeln.

Die rechtskonservative EKRE will auch russische Bildungsinstitutionen stufenweise zu estnischsprachigem Unterricht verpflichten, und gleichzeitig alle sogenannten "LGBT-Themen" (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) vom Lehrplan komplett streichen. 

Auch "Eesti200" will nur noch estnischsprachigen Unterricht - und zwar schon ab 2023. Alle neugeborenen Kinder sollen verpflichtend estnischsprachigen Unterricht bekommen.

Die Reformpartei verspricht vorerst nur mehr Unterstützung für Lehrmaterialien und eine Erhöhung der Lehrer/innengehälter. Die Gebühren für die Kindergärten sollen reduziert, aber auch private Einrichtungen geschaffen werden. 

Letzteres ausgenommen, klingen die Versprechungen der Sozialdemokraten ganz ähnlich.

Die Zentrumspartei will auch Bildungseinrichtungen erhalten, in denen nicht ausschließlich Estnisch gesprochen wird, propagiert gleichzeitig Estnisch-Unterricht für Kinder aus nicht-estnischen Familien. In Tallinn sollen die Kindergartenplätze kostenfrei werden.

Für kostenfreie Kindergartenplätze plädieren auch die estnischen "Grünen", ergänzt durch den vermehrten Ausbau entsprechender Einrichtungen. 

Wahltag ist Sonntag, der 17. Oktober (traditionell immer am 3.Sonntag im Oktober, alle vier Jahre). Gewählt werden können alle, die mindestens 18 Jahre alt sind, die estnische oder die Staatsbürgerschaft eines EU-Landes besitzen, und in einem der Wahlbezirke ihren dauerhaften Wohnsitz haben (siehe: Liste der Kandidat/innen). Wahlberechtigt sind alle ab 16 Jahre mit ständigem Wohnsitz in Estland. Die Hauptstadt Tallinn ist in acht Wahlbezirke eingeteilt: Haabersti, Kesklinn, Kristiine, Pirita, Põhja-Tallinn, Lasnamäe, Mustamäe und Nõmme. Auch auf elektronischem Wege ist die Stimmabgabe möglich (E-Voting).

Samstag, Oktober 02, 2021

Eesti 21

Schalke 04, BVB 09, TSG 1899, Mainz 05, Hannover 96 - viele Fußballvereine tragen stolz ihr Gründungsdatum im Namen. Wie nun auch der Weltfußballverband FIFA offiziell zur Kenntnis nahm: das Gründungsjahr des Fußballverbands in Estland (Eesti Jalgpalli Liit) war das Jahr 1921. 

Erst kürzlich werden die europäischen Fußballfans registriert haben, das der estnische Rekordtitelträger Flora Tallinn (13x Meister) kein Verein der Gartenfreunde ist, sondern inzwischen sogar Teilnehmer an der UEFA Europe Conference League - auf dem Wege dorthin wurde immerhin gegen die Shamrock Rovers aus Irland gewonnen. 2019 spielte auch Eintracht Frankfurt schon mal gegen die "Floristen", und das Magazin "Kicker" fragte "Flora wer?".

FIFA-Präsident Infantino (links)
mit Aivar Pohlak, Chef des
estnischen Fußballverbands,
Kinderbuchautor sowie
Präsident und Gründer
von Flora Tallinn
"Estland entwickelt sich beständig", so formuliert es auch die UEFA. Dort ist dann auch zu lesen, dass Fußball in Estland von britischen Seeleuten eingeführt worden sei und das erste Fußballspiel bereits am 6. Juni 1909 in Tallinn zwischen den Teams von Meteoor und Merkuur durchgeführt wurde. 

Auch der 21. Juni 2021 wird als markantes Datum für den estnischen Fußball in Erinnerung bleiben: an diesem Tag siegte das estnische Nationalteam nach 83 Jahren zum ersten Mal wieder gegen den Nachbarn Lettland und gewann damit den "Baltic Cup". (delfi/ ERR )

Dienstag, September 28, 2021

Wahlen, noch digitaler

Präsident gefunden, politisch alles klar, Estland ? - Nicht ganz. Im Oktober stehen nun schon wieder Kommunalwahlen an, und in einigen Landesteilen scheint durchaus unklar, in welche Richtung die politische Entwicklung gehen wird. 

Wahltag wird der Sonntag 17. Oktober sein. Dass in Estland auch auf elektronischem Wege gewählt wird, ist inzwischen nichts Neues mehr (es kann auch schon in der Woche vor dem eigentlichen Wahltag geschehen - in Estland "i-voting" genannt).
Ganz neu aber ist ab dem Jahr 2021, dass es nur ein einziges Wähler/innen-Verzeichnis in elektronischer Form gibt. Noch ein weiterer Schritt zu immer mehr papierlosen Wahlen, so sagt es das zuständige Wahlamt. Zwar verschicken die estnischen Wahlämter eine Information über die Wahlberechtigung vorab an Wählerinnen und Wähler, es ist jedoch nicht nötig, diese zum Wahllokal mitzubringen - zumal diese teilweise auch nur elektronisch versandt wird (falls dem Wahlamt eine Email-Adresse vorliegt).

Das Wahlamt prüft die Wahlberechtigung mittels der digitalen Liste, und Wahlscheine werden dann gegen Unterschrift ausgeteilt. Die Wählerinnen und Wähler in Estland werden aber weiterhin im Wahlkreis ihres Wohnorts wählen. Welches Wahllokal dabei genutzt wird ist wiederum nicht festgelegt: so können Einwohner/innen von Tartu beispielsweise in irgend einem Wahllokal ihrer Stadt abstimmen. 

Auch der Vorgang des E-Votings ist offenbar überarbeitet worden. Gemäß Informationen des estnischen Wahlamts kann nun in der Woche vor dem Wahltag die Stimme elektronisch abgegeben werden. Wer sich aber dann entscheidet, am Wahltag doch im Wahllokal einen Stimmzettel auszufüllen, annulliert damit automatisch seine Online-Wahl - ein Vorgang, der vielleicht unter den Fachleuten international noch viele Fragen auslösen könnte.

Sonntag, September 19, 2021

Filmriss, oder Wunderland?

Gibt es eine Filmindustrie in Estland? Sagen Ihnen die Filmtitel "Kirschtabak", "Die kleine Genossin", "Kinder des Fechters", "Mandarinen", oder "Der Geheimbund von Suppenstadt" etwas?

Falls ja, dann haben Sie zumindest mal einen Film aus Estland gesehen. Estland, mit seinen knapp über einer Million Einwohnern, hat gegenwärtig noch 54 Kinos, darunter 8 Multiplex (2004 waren es noch 69). Statistisch gesehen gehen Estinnen und Esten 2,78 mal pro Jahr ins Kino (2019), estnische Filme haben dabei im eigenen Land einen Marktanteil von 23%. 

In 30 Jahren Unabhängigkeit hat es für Filme aus Estland einige Erfolge gegeben - jedoch immer noch kein eigenes Filmstudio. Im Norden der Hauptstadt ist jetzt ein "Tallinn Film Wonderland" mit drei Studios und 3500 qm Studiofläche in Planung, für deren Bau sich 17 estnische Produktionsfirmen zusammengeschlossen haben. Voraussichtliche Kosten: 13,6 Millionen Euro (ERR). Internationale Partner seien sehr interessiert diese Einrichtung nutzen zu können. Estland werde so die Chance bekommen, zu einem Dreh- und Angelpunkt der modernen Filmproduktion zu werden. "Dabei haben wir eine Vereinbarung mit der Stadt Tallinn", erläutert Gren Noormets, Vorstandsmitglied des Projekts. "Die Stadt zahlt die Baukosten, und wir werden das Geld später von unseren Projektfinanzierungen zurückzahlen." 

Dennoch war noch vor wenigen Wochen, als die Baugenehmigung bereits erteilt war, vieles bei der Finanzierung noch unklar (err). Darauf wiesen auch estnische Filmregisseure in einem offenen Brief an Parlament und Regierung (kinoliit / err) hin, verbunden mit der Forderung, dieses Projekt wieder auf die Liste wichtiger Kulturprojekte zu setzen. Zusätzlich bereitet den Filmemachern Sorgen, dass die Filmfördermittel eventuell von sieben auf vier Millionen Euro gekürzt werden sollen (err). "Eigentlich wollen wir ja gern das estnische Autorenkino fördern", sagt Edith Sepp, Chefin des Estnischen Filminstituts.

Christopher Nolan kam zu Dreharbeiten seines Films "Tenet" auch nach Estland. Und auch der beim Filmfestival Cannes prämierte Film "Compartment Nr.6" (Hytty Nro6") wurde von Estland coproduziert. Allein "Tenet" habe für Estland 16 Millionen Euro eingebracht, so die Argumente der Filmindustrie, zudem hätten 700 kleine Unternehmen Nutzen davon gehabe, wovon nur 200 direkt mit dem Filmsektor zu tun hätten. Somit habe jeder investierte estnische Euro 6,6 Euro zurückgebracht. 

Das estnische Parlament zeigte sich nun in Mehrheit von den Argumenten zum Bau des "Filmcampus" überzeugt. Wie Finanzminister Keit Pentus-Rosimannus bestätigte, werde das Projekt erneut mit höchster Priorität versehen, genauso das Kulturquartier Narva Kreenholm, ein "Arvo Pärt Musikhaus" in Rakvere, und die Erweiterung der Nationaloper (err). Ganz vorn auf der Prioritätenliste steht bisher die Errichtung eines neuen Kulturzentrum in Tartu ("SüdaLinna Kultuurikeskus" SÜKU) - die Stadt wird 2024 Europäische Kulturhauptstadt sein.

Meistens werden estnische Kulturprojekte über die Stiftung "Eesti Kulturkapital" (Kulka) gefördert. Deren Chefin Kertu Saks kommentierte die Situation so, dass durchaus noch nicht festgelegt sei, in welcher Reihenfolge und mit welchem Zeitplan diese fünf Projekte realisiert werden können. Momentan werde immer noch Geld gebraucht für die jüngst fertig gestellten Projekte wie zum Beispiel das Estnische Nationalmuseum (err).

Montag, August 23, 2021

Kompromiss, bio-logisch genetisch

Präsidentin Kersti Kaljulaid
nach ihrer Wahl 2016

Für den 30. August ist in Estland die Wahl eines neuen Präsidenten angesetzt. Offenbar ist inzwischen klar, dass die bisherige Amtsträgerin Kersti Kaljulaid keine Chance auf eine zweite Amtszeit bekommen wird - denn die Wahl werden die Abgeordneten des estnischen Parlaments (Riigikogu) vornehmen, und Kaljulaids Unterstützer/innen sind hier weit in der Minderzahl. 

Kürzlich haben sich die beiden größten Fraktionen, Reformpartei und Zentrumspartei, auf einen gemeinsamen Kandidaten geeinigt: Alar Karis, 63 Jahre alt, studierter Biologe, früher Rektor der Universität Tartu, danach Leiter des Nationalen Rechnungshofs (Riigikontroll) und inzwischen Leiter des Estnischen Nationalmuseums (Eesti Rahva Muuseum). Wie es sich unter anderem den Infos des internationalen Museumsnetzwerks NEMO entnehmen lässt, studierte Karis früher auch an einigen deutschen Universitäten - es ist also zu hoffen, dass Karis diese Kontakte auch als Präsident ausbauen könnte. Beim Wissenschafts-Infosystem ETIS (Eesti Teadusinfosüsteem) ist allerdings nur die Uni Hamburg genannt, und es wird klar: wir haben es hier wohl, den Studienschwerpunkten nach zu urteilen, mit einem Biomediziner zu tun, vielleicht auch mit einem Molekularbiologen oder sogar Molekulargenetiker.

Die öffentlich-rechtlich arbeitenden Journalisten (ERR) urteilen über Karis: "Smart and educated" (klug und gebildet). Und genauso, nämlich "klug und gebildet", stellt sich der Kandidat offenbar auch die Estinnen und Esten der Zukunft vor. Politisch in Erscheinung getreten ist der Kandidat bisher nicht. 

Bisher hatte die Zentrumspartei erwogen, Tarmo Soomere, ebenfalls einen Wissenschaftler, als Kandidat unterstützen zu wollen. Da jedoch für die Wahl eine Zweidrittelmehrheit von mindestens 68 der 100 Stimmen nötig ist, kommt es auch auf die Unterstützung der Reformpartei, der konservativen "Isamaa"-Fraktion und der sozialdemokratischen SDE an. Die rechtsgerichtete EKRE stellt in jedem Fall mit Henn Põlluaas einen eigenen Kandidaten zur Wahl. 

Allerdings zeigen Umfrageergebnisse der Agentur "Kantar Emor" dass momentan zumindest die Bevölkerung in Estland noch hinter Präsidentin Kaljulaid steht: 34% würden sie wiederwählen, und dies mit besonders hoher Unterstützung bei den jungen Leuten jünger als 34 Jahren und bei denen mit höherer Schulbildung. Die anderen beiden, im Rahmen dieser Umfrage meist genannten Namen, Ex-Außenministerin und Europaabgeordnete Marina Kaljurand und Ex-Ministerpräsident Jüri Ratas, stehen voraussichtlich gar nicht zur Wahl. "Noch im Frühjahr stand es in den Umfragen Unentschieden zwischen Ratas und Kaljulaid," kommentiert Kantar-Chef Aivar Voog das Umfrageergebnis. "Jetzt, wo klar ist, das Ratas nicht kandidiert, ist Kaljulaid klar vorn." (und bei der Umfrage stand auch Alar Karis auf der Liste). 

Reformpartei und Zentrumspartei haben insgesamt 59 Sitze im Riigikogu. Für die notwendige Mehrheit braucht Kandidat Karis also die Unterstützung entweder der "Isamaa" ("Vaterland", 12 Stimmen) oder der Sozialdemokratischen Partei (SDE, 11 Stimmen). Auch EKRE-Kandidat Põlluaas, Mitglied der estnischen "Donald-Trump-Support-Group", hat offenbar einen festen Unterstützerkreis. Einen Wahlappell zu seinen Gunsten hatten immerhin 31 bekannte estnische Persönlichkeiten unterschrieben, darunter Sänger Tõnis Mägi, Schriftsteller Indrek Hargla und Musiker Lembit Saarsalu.

Sonntag, August 22, 2021

Lange Strümpfe

Die Zahl der international bekannten Sportlerinnen aus Estland ist sicher nicht sehr hoch - wir denken vor allem an Tennisspielerinnen oder Ski-Langläuferinnen. Aber auch im estnischen Nachwuchs gibts Athletinnen, die für die Zukunft Hoffnung machen. Aber wenn wir da "Pippi Lotta" lesen, denken manche vielleicht zunächst an ganz andere Märchen. 

Ja, "Pippi Lotta"s gibts durchaus mehrere, nicht nur Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf (estnisch eigentlich "Pipi Pikksukk", auch als Oper). Die estnische Fassung wurde zuerst 1968 veröffentlicht. Seit es das Internet gibt, hat sich auch die Zahl der "Pippi Lotta"s stark vermehrt: von Designermode, Segelclubs, Fotografinnnen, Ferienhäusern, einem Kinderfriseur, bis hin natürlich zu Ponyclubs und Spielzeug.

Diese junge estnische Pippilotta aber ist nun bereits Vizeweltmeisterin, und der entscheidende Wettkampf fand genau an ihrem 19. Geburtstag statt: es geht um Pippi Lotta Enok, geboren am 19. August 2002, estnische Teilnehmerin im Siebenkampf der Leichtatlethik bei den U-20-Weltmeisterschaften in Nairobi, Kenia (err). Das war eine Veranstaltung, die ohne deutsche Athlet/innen stattfand - "aufgrund der unsicheren Corona-Lage", so teilte der deutsche Verband mit. Die Impfquote vor Ort lag nur bei 1,53%, und so entschieden sich auch andere Länder wie USA, Neuseeland, Australien, Großbritannien und Irland zur Absage. Österreich dagegen entsandte zwei Teilnehmer/innen, darunter Sophie Kreiner (ATSV Linz LA) im Siebenkampf. Am Ende wurde die Österreicherin mit 5.652 Punkten Vierte - geschlagen von der Siegerin Saga Vanninen aus Finnland und eben Pippi Lotta Enok aus Estland als Zweite mit 5746 Punkten (Resultat Nairobi). 

Bei den U20-Europameisterschaften, die wenige Wochen zuvor im Kadriorg-Stadion in Tallinn stattgefunden hatten, erzielte Enok 5634 Punkte und wurde damit Fünfte (die deutschen Siebenkämpferinnen Marie Dehning und Serina Riedel wurden vor Enok Dritte und Vierte, aber auch die EM hatte Saga Vanninen gewonnen - Resultat Tallinn).

Die Veranstalter in Nairobi nannten das Event "highly sussessful" - gezählt wurden dabei allerdings nur die sportlichen Rekorde.