Montag, April 22, 2019

Das Kaljul-Ei

Ein Überraschungsei hatte Estlands Präsidentin Kersti Kaljulaid zu Ostern für ihre Landsleute und die internationale Öffentlichkeit parat: ein Besuch bei Russlands Präsident Putin am Gründonnerstag. Anlass war die Wiedereröffnung der Estnischen Botschaft in Moskau. "Ich bin lieber an einem Tisch, als auf der Speisekarte" zitierte die "Moskau Times" ("I’d rather be at the table than on the menu").

Von estnischer Seite sei zur Sprache gebracht worden das noch immer nicht vom russischen Parlament ratifizierte estnisch-russische Grenzabkommen und die umstrittene Gaspipeline Nordstream II, hieß es. Putin habe seinerseits eine "Glorifizierung des Nazismus" in Estland thematisiert, ebenso wie die Situation der Nichtstaatsbürger und der russischsprachigen Schulen in Estland. Eine gemeinsame Pressekonferenz gab es jedoch nicht.

"Wir sprachen über schwierige Themen und zeigten gegenseitigen Respekt auch in den schwierigsten Momenten," gab Kaljulaid der Presse zu Protokoll. "Es gibt in den Beziehungen zweier Nachbarn immer Themen von gemeinsamem Interesse, und wir können etwas tun für die Menschen und für die Wirtschaft." Sie habe den russischen Präsidenten eingeladen beim finn-ugrischen Weltkongress 2020 in Tartu dabei zu sein.

Kritik und irritierte Anmerkungen gab es von mehreren Seiten. Aus Litauen meldete sich Außenminister Linas Linkevičius mit dem Appell zu mehr "Absprachen" - beim Dialog mit Moskau sei "Vorsicht geboten" (err). Litauen jedenfalls sei nichts über die Themen der Diskussion zwischen Putin und Kaljulaid bekannt gewesen.
Bezüglich Russland führe "zu viel Enthusiasmus regelmäßig zu Enttäuschung", bemerkte Ex-General Riho Terras, der erst kürzlich seinen Einstieg in die Politik mit dem Beitritt zur estnischen Vaterlandspartei "Isamaa" und die Kandidatur für einen Sitz im Europaparlament gekannt gegeben hatte. Die Initiative der estnischen Präsidentin wiederspreche auch dem Prinzip eines einheitlichen Vorgehens aller NATO-Mitglieder (err / skaties)

Das deutsche ZDF meldete das Treffen als "seltener Kontakt". Die Putin-treue Moskauer Presse versuchte, eine angebliche "Nervosität" der estnischen Präsidentin herauszustellen: immerhin habe es seit 2008 keine offiziellen Treffen mehr gegeben, und trotz der großen Nähe der estnischen Boschaft zum Kreml habe Kaljulaid es vorgezogen, mit dem Auto bei Putin vorfahren zu wollen (youtube / Russia Inside). Estland strebe nach einem Sitz als nichtständiges Mitglied des Sicherheitsrats der vereinten Nationen (UN), und sei durch die EU-Sanktionen gegen Russland selbst wirtschaftlich stark geschädigt. - Angesichts des strahlend blauen Kostüms der Präsidentin sparte die russische Presse selbst Modefragen nicht aus: ausführlich wurde Kaljulaids oft praktizierte Angewohnheit herausgestellt, sich bei Staatsbesuchen an den Flaggenfarben des Gastlandes zu orientieren.

Die estnische Tageszeitung "Postimees" zitiert den Sicherheitsexperten Kalev Stoicescu mit dem Hinweis, Kaljulaid habe noch 2017 geäussert Putin nicht eher besuchen zu wollen, bis wenigstens das Grenzabkommen von der russischen Seite ratifiziert sei. Dieses Thema sei vielleicht auch das wichtigste dieses Treffens gewesen - denn Putin habe jederzeit die Möglichkeit dieses Thema voranzubringen, während von Seiten der neuen estnischen Regierung eher wenig Einigkeit zu erwarten sei. Kristi Raik, Direktorin des Estnischen Aussenpolitischen Instituts, wies darauf hin dass Kommunikatrion auf diplomatischer Ebene jederzeit notwendig sei. (Postimees)

In einer Rede anläßlich der Wiedereröffnung der Botschaft hatte Kaljulaid die erste Botschaft aus dem Jahr 1921 in Erinnerung gerufen und betont, dies sei nicht nur die älteste Botschaft der Republik Estland, sondern damals auch die erste Vertretung eines europäischen Landes im bolschewistischen Russland.

Rede von Präsidentin Kaljulaid zur Botschaftseröffnung  / Statement Kreml

Donnerstag, April 18, 2019

Auf ein Wort

Estland macht sich Sorgen. Um die Zukunft? Die neue Regierung? Das auch. Aber die Estinnen und Esten beschäftigen sich offenbar auch mit sehr "estnischen" Fragen. Wir lernen: auch die Eigenschaft "estnisch" an sich ist offenbar noch zu steigern. Gesucht wurde in Estland nämlich kürzlich "das allerestnischte" - oder wie soll man sagen? Das am meisten Estland-typische .... Wort.

"Schande - häbi!" könnte es einem spontan entfahren, angesichts der Merkwürdigkeiten der aktuellen Regierungsbildung. Aber nein, ein Wort mit nur vier gewöhnlichen Buchstaben, das war natürlich gar nicht in der engeren Auswahl. "Jäääär" - kommt mir als nächstes in den Sinn; wahrscheinlich schon viel "estnischer", und mit vierfach-Vokal: eine estnische Band, und, einige Jahre lang ein in Berlin beliebtes estnisches Café (zur Zeit nur noch in den Facebook-Memories existent).

"Tööö" oder "Kuuuurija" schlägt uns der Blog "Auf in den Norden" als herausragende estnische Worte vor (Nachtarbeit, Mondforscher). Nicht ohne zu ergänzen, dass es auch Wörter gäbe im Estnischen, die nur zu beschreiben, aber nicht zu übersetzen seien - aber selbst ein schönes Wort wie "Hauaööõudused" kam beim estnischen Wettbewerb nicht ganz nach vorn.

Sõnajalaõis - die "Farnblüte" soll es jetzt also sein. Das "estnischte", sozusagen (ERR). "Eine fantastische Wahl!" jubelt Rain Kooli (Eesti Rahvusringhääling / Estnischer Rundfunk ERR). In diesem Wort seien ethnisch-mystische Aspekte genauso enthalten wie die Sehnsucht nach Glück. 7000 Stimmen wurden insgesamt abgegeben. Auch eine gesungene Version mit diesem Titel soll es bereits geben. 
Da irritiert nur eine Mitteilung im "Looduskalender", geschrieben bereits 2010. Dort heißt es:
"In der estnischen Volksüberlieferung ist der Rainfarn, sõnajalaõis, eine magische Blume. Sie blüht nur für sehr kurze Zeit in der Mitsommernach, und soll dem Finder Glück bringen können, sowie die Fähigkeit, die Tiersprache zu verstehen, Unsichtbarkeit, Reichtum und vieles mehr."-
Trösten wir uns, vermutlich ist da nicht "Rainfarn" (
Tanacetum vulgare) gemeint, eine Pflanze die zumindest in Deutschland sehr gewöhnlich und weit verbreitet ist. Wie wir u.a. auf "Kostbare-Natur" nachlesen können, gehört dieser nicht zu den Farnen, sondern zu den Korbblütlern. Früher soll man in Livland Wurmkuren für Pferde mit Rainfarn zubereitet haben, so berichten alte Enzyklopädien. Auch Johannes Brobowski soll übrigens schon den Rainfarn als Übersetzung für "Farnblüte" missverstanden haben - lernen wir beim "Deutschlandfunk" (siehe auch: Planet Lyrik). Vielleicht kommt das daher, wie wir in den Annaberger Annalen nachlesen können, dass es bei Brobowski sogar eine eigene Erzählung mit dem deutschen Titel "Rainfarn" gibt - die von einem Kraut erzählt das unsichtbar macht. 

Wie auch immer: ob nun reale "Sõnajalaõis", oder nur fantasierte - vermutlich werden die Estinnen und Esten auch dieses Jahr zu Mitsommer nicht mit dem schlichten Rainfarn (Harilik soolikarohi) am Wegesrand zufrieden sein. Einige haben schon begonnen damit, im Internet "Fake-Sõnajalaõis" zu posten - also angeblich in der Mitsommernacht gefundene Farnblüten. Für alle, die mehr als nur EIN Wort Estnisch lernen wollen: den Wortschatz zum Mitsommer-Feiern hat bereits der "Eestikultuurist" zusammengetragen. Nehmen wir - als Deutsche - das Ganze mal als Ermutigung, von der schönen Sprache des Estnischen doch mehr als nur "Terviseks" zu lernen (ganz deutsch betont auf der letzten Silbe ...).

Donnerstag, April 11, 2019

Digitalisiert, aber ungesund?

Auf der Suche nach dem Glück - bekannt ist vielleicht die Umfrage, der zufolge angeblich die Dänen die glücklichsten Menschen Europas sind.Viele Estinnen und Esten sind wahrscheinlich nicht sehr glücklich über die neue Regierung, die sich gerade gebildet hat - ab sofort werden nicht mehr nur die sowjetromantischen Ideologen aus Moskau auf Rechtsradikale in Estland hinweisen.

Nein, Umgang und Ausmaß des Glückes wird ja in Europa gern in Form von Statistiken gemessen. Und ein sehr wichtiger Bestandteil - bei den guten Wünschen für die Zukunft immer ganz vorn - ist die Gesundheit. Nun könnten wir annehmen, ein so naturnahes und gleichzeitig von Modernisierungen geprägtes Leben wie in Estland kann doch nur gesund sein - aber oh Schreck! Hier wurden nicht die Ärzte gefragt, sondern die betroffenen Menschen. Und siehe da: nur jeder zweite Este fühlt sich gesund.

Was ist da passiert? Wurden die Befragungen am Flughafen Tallinn gemacht, wo vielleicht arbeitslose, frustrierte Est/innen kurz vor dem Abflug zur Arbeitssuche nach irgendwohin stehen? Oder im Hafen an den Anlegern der Schiffe nach Helsinki?

Dass die Est/innen ein klein wenig besser dastehen wie ihre Nachbarn aus Lettland und Litauen (wie so oft!), nein das ist kein Trost. Auch nicht, dass selbst in Deutschland, wo sicher viele Tausende Euro pro Patient und Einwohner mehr für das Gesundheitswesen verwendet wird als in Estland, das Grundgefühl eher ins Negative schwankt. Gesund und glücklich offenbar (mal wieder?) diejenigen, die nach Irland ausgewandert sind.

Auffällig auch der große Unterschied zwischen den Geschlechtern: 63,4% der estnischen Männer fühlen sich gesund, aber nur 53,7% der Frauen (eurostat). Hier fällt auf, dass in den ärmeren EU-Ländern dieser Unterschied sehr viel größer ausfällt als in den reicheren. Während es in Deutschland nur 3,8%, in Dänemark nur 1,6% und in Luxemburg sogar nur 0,4% Unterschied sind, fällt diese Kluft in Litauen mit 11,4% und in Lettland mit 12,5% besonders groß aus. Glückliche Frauen dagegen in Irland: hier fühlen sich sogar mehr Frauen als Männer gesund.

Eine der möglichen Ursachen wäre das Alter: die Aussage man fühle sich gesund geht mit dem Alter zurück, und durchschnittlich werden Frauen älter als Männer. Aber mehr sagt uns die Eurostat-Statistik an dieser Stelle nicht. Hoffentlich macht es nicht krank, solche Statistiken zu lesen - ähnlich, wie es beim Anblick der neuen estnischen Regierung gehen könnte ...

Montag, März 11, 2019

Tunnelchinesisch

Schon häufig wurden Varianten eines möglichen Tunnelbaus zwischen Tallinn und Helsinki diskutiert - bereits die bestehenden intensiven Beziehungen zwischen den beiden Hauptstädten ließen manche von "Talsinki" reden. Der Begriff soll auf ein Essay des Schriftstellers Jaan Kaplinski aus dem Jahr 1992 zurückgehen. 1994 soll es die ersten Gespräche über ein Tunnelprojekt gegeben haben, 2008 wurde zwischen den beiden Stadtoberhäuptern eine Absichtserklärung zum Bau eines unterirdischen Eisenbahntunnels unterzeichnet (Baltic Times). Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben, aufgrund deren Ergebnisse die EU eine Mitfinanzierung 2009 ablehnte.
eine finnische Variante der Tunnelträume
Dennoch hielten manche estnischen Politiker einen Tunnelbau lange für wichtiger als den Bahnausbau des RAIL-BALTICA-Projekts.

Gern wird das Projekt mit dem 1994 eröffneten Tunnel zwischen Frankreich und Großbritannien verglichen, das bei einer Bauzeit von sechs Jahren mehr als 15 Milliarden Euro kostete. Erst 20 Jahre nach seiner Fertigstellung erwirtschaftete der Eurotunnel erste Gewinne - also ein absehbar jahrelang teures Ingenieursvergnügen. Ein Tunnel zwischen Helsinki und Tallinn würde 60 - 80 km lang sein müssen.
auch ein eigenes Wappen haben
findige Finnen bereits erschaffen
"Ein Tunnel würde alle wirtschaftlichen Probleme lösen," so ließ sich 2013 der Finne Joakim Helenius zitieren, der als möglicher Inmvestor angesehen wurde (err). Der einige Jahre für Verkehrsfragen zuständige EU-Kommissar Siim Kallas hielt ein Tunnelprojekt allerdings immer für unrentabel (err). 2014 kam der Name "Talsinkifix" für das Projekt auf, oder auch "FinEst Link". Inzwischen wurden schon 9 Milliarden Euro als Baukosten genannt (yle). Ein Stück Land wurde auf der Halbinsel Viimsi bereits dafür auserkoren eventueller Tunneleingang zu werden, es gab einen Ideenwettbewerb für Architekten, und in E-Estonia hat das Projekt natürlich auch inzwischen bereits eine eigene Webseite (siehe auch: Talsinki.info)

2017 kamen Vermutungen auf, das Tunnelprojekt könnte das Interesse chinesischer Investoren erregen (fin-land.net). Entsprechende Kontakte wollte unter anderm der finnische Unternehmer Peter Vesterbacka geknüpft haben. "Ich habe gehört, dass viele Menschen in Finnland sagen, dass sie das Gefühl haben, auf einer Insel zu leben. Aber es muss nicht so sein," so ließ sich auch der estnische Ministerpräsident Ratas zitieren (dw).

Allerdings gibt es wohl einen Unterschied zwischen allgemeinen Überlegungen von Politiker/innen und Beamt/innen, und manchmal geradezu ihm Stile von Marktschreiern vorgetragenen Ideen derjenigen, die gerne beim Geldeinsammeln für ein solches Projekt selbst viel Geld verdienen würden. So jemand ist zweifellos Vesterbacka, der sich selbst ausgezeichnet gut zu vermarkten versteht. Es gelang ihm erst kürzlich wieder, das Projekt erneut in die Schlagzeilen zu bringen - angeblich soll es nun konkrete Angebote der "Touchstone Capital Partners" aus China geben, so berichten estnische und finnische Medien (err / reuters)
Seit 2016 arbeitet Vesterbackas Beteiligungsunternehmen "FinEst Bay Area Development" an eigenen Plänen für ein Tunnelprojekt und beabsichtigt nach Informationen des Unternehmens in den nächsten Monaten die Einzelheiten einer Zusammenarbeit mit "Touchstone" auszuarbeiten. Bisher sei eine Finanzierung aus zwei Drittel Krediten und ein Drittel Risikokapital vorgesehen. Touchstone strebe dabei eine Beteiligung an dem Projekt an, die Mehrheit der Anteile würden aber in finnischem Besitz bleiben.

Finnen und Chinesen sorgen für das Wohl von Estland? Urmas Paet, Ex-Kultur- und Ex-Aussenminister und eigentlich der neoliberalen Seite zugeneigt, zur Zeit Abgeordneter im Europaparlament, rät zur Vorsicht mit chinesischen Investitionen in Europa (err). Tunnelexperten aus der Schweiz meinen zu wissen, die Chinesen wollten mit einem "Monsterbohrer" mit 17m Durchmesser in Estland anrücken (wo doch der Bohrer beim Bau des Gotthard-Tunnels nur Meter 9,5m Durchmesser hatte!) (blick) Und mit dem Aushub, der beim Tunnelbau übrig bleibt, könne angeblich eine neue Insel aufgeschüttet werden, die 50.000 Menschen Platz zum Wohnen biete. Der "Martime Herald" möchte gleich auch noch japanische oder chinesische Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Helsinki und Tallinn zum Einsatz bringen - einmal unter der Ostsee hindurch in nur 20 Minuten, allerdings pro Fahrt für 50 -100 Euro.

Zur Befeuerung der einen oder anderen Fantasie scheint das Thema jedenfalls gut zu taugen.Inzwischen ist aber bereits von 15 - 20 Milliarden Euro Kosten die Rede. Aber selbst wenn dieses Geld plötzlich von irgend einer Druckpresse hergestellt würde - eine Fertigstellung vor 2040 wird es wohl nicht geben. Schlagzeilen macht immer derjenige, der eine frühere Fertigstellung verspricht. "Warum sollen wir langsamer als die Chinesen fahren?" so die rhetorische Frage von Peter Vesterbacka (Huvudstadbladet). Kritischere Stimmen haben ausgerechnet, dass selbst nach Fertigstellung Finnland und Estland Unterhaltungskosten von jährlich 280 Millionen Euro tragen müssten - gerechnet auf einen Zeitraum von 40 Jahren. Da freut sich jede/r estnische Lokalpolitiker/in, der/die auch auf dem Lande mal eine Straße ausgebessert haben möchte.

Donnerstag, März 07, 2019

E-Land im Winter zum D-Land

Vom e-Land zum d-Land - so könnte dieser Tage eine Schlagzeile lauten. Oder, etwas zynisch: alles, was in Estland nicht komlett digital laufen kann, schafft Probleme. Der anlässlich der Nordischen Skiweltmeisterschaften in Österreich bekannt gewordene Dopingskandal hat vor allem ein estnisches Gesicht.

Nun hat auch noch der 33-jährige estnische Ski-Langläufer Algo Kärp in einem Interview mit der Tageszeitung Ohtuleht gestanden, zu dem in Erfurt festgenommenen Sportarzt Mark S. Kontakt gehabt und mit dessen Hilfe Blutdoping betrieben zu haben (sportschau).
"Ich kann doch nichts dafür!" Den anderen Sportlern im estnischen
"Team Haanja" - wie hier
Marko Kilp, estnisches Meister im Skispint -
bleibt im Moment nur ratlose Irritation
Kärp spricht von Reue - spricht aber gleichzeitig auch davon, seine Leistungen seien vor dem Doping besser gewesen als danach. "Ich war vorher nicht besser als 20. gewesen, und ich dachte so könnte ich unter die besten 10 kommen." Kann man so eine Reue ernst nehmen? Oder soll man es lieber zynisch kommentieren: "na, wenn der Rest der besten 20 eben auch gedopt ist, dann bringt es eben nichts!"

Es gibt auch Berichte über Nebenwirkungen des Dopings. Depressionen zum Beispiel. In diesem Zusammenhang wirkt es logisch: nicht in Form sein, mit Doping Leistungssteigerung erhoffen, diese nicht erreichen, und in Depressionen versinken.
"Zum Glück sind die anderen Doper die Esten, nicht die Letten", so ein Kommentar aus Österreich, "sonst wäre die Farbkombination unserer Flagge demnächst gleichgesetzt mit einer Doper-Flagge!" (Standard)

noch am 3.Februar 2019 stolz auf Instagram gepostet:
Andreas Veerpalu als estnischer Meister
In den estnischen Medien gibt sich Mati Alaver, Skitrainer und Vorsitzender des estnischen Skiverbandes, zerknirscht:er selbst sei es gewesen, der den estnischen Sportlern den Kontakt zu dem Erfurter Arzt vermittelt habe. Nun spricht Alaver vom "größten Fehler meines Lebens" - nun ja. Estlands Präsidentin Kaljulaid sah sich bereits bemüßigt, Alaver alle bisher verliehenen Orden wieder zu entziehen (err).

Im Fokus ist das "Team Haanja", dem alle drei erwischten Sportbetrüger (Andreas Veerpalu, Algo Kärp, Karel Tammjärv) angehörten. Der estnische Baukonzern "Merko" soll bereits angekündigt haben, die Zusammenarbeit mit dem "Team Haanja" beenden zu wollen.(tt)

Leichter haben es da die Funktionäre:  Urmas Sõõrumaa, Chef des Estnischen Olympischen Komitees, äußerte sich enttäuscht und schockiert über den Skandal (err). Sõõrumaa erklärte die estnischen Dopingkontrollen für ausreichend: "Sünder gibt es überall!"
Die estnische Presse beobachtete auch genau den Umgang der Ertappten Doper mit der Öffentlichkeit: während Karel Tammjärv sich noch in Österreich auf einer Pressekonferenz erklärte, waren Vater Andrus und Sohn Andreas Veerpalu erst mal einige Tage "verschwunden". Eine spätere Stellungnahme schickte dann Mama Angela Veerpalu den estnischen Medien. Diese liest sich so: "Ich wollte ja nicht abhauen, ich wollte nur zurück zu meiner Familie." (err) Dabei war die "Familie" - der Vater, 2013 selbst schon mal Objekt von Doping-Anklagen - ja die ganze Zeit selbst dabei.

Der bisherige Kulturminister Indrek Saar, ein Sozialdemokrat, äusserte Überlegungen, Doping in Estland gesetzlich zu einer Straftat zu erklären.Er wird allerdings voraussichtlich nach den Wahlen jetzt nicht Mitglied der Regierung bleiben.
In diesen Tagen beginnt in Schweden die Biathlon-WM. Auch die nicht auf den Skisport fixierte Magazine wie der "Kicker" haben nun offenbar den Tenor öffentlicher Generalverdächigungen aufgenommen und schon mal vorab Biathlonstar Martin Fourcade gefragt. Halten Sie Doping auch beim Biathlon für möglich? Darauf Fourcade: "Ich wäre nicht überrascht."

Es sollen ja bei dem jetzt angeklagten Erfurter Arzt noch ca. 40 weitere Blutbeutel gefunden worden sein, nur mit Codenamen versehen. Die Untersuchungskommission wird versuchen, diese mit vorhandenen Blutproben verschiedener Sportler zu vergleichen. Man darf gespannt sein, was in dieser Sache noch zu Tage gefördert wird.


Montag, März 04, 2019

Reform vorn, Koaliton unklar

Die vorläufigen amtlichen Endergebnisse der Parlamentswahlen in Estland ergeben folgendes Bild:

REFORMPARTEI                              28,8% - 34 Mandate (+4)
ZENTRUM                                         23,0% - 26 Mandate (-1)
Rechtskonservative EKRE                17,8% - 19 Mandate (+12)
ISAMAA                                             11,4% - 12 Mandate (-2)
Sozialdemokraten SDE                       9,8% - 10 Mandate (-5)
EESTI200                                            4,5%
GRÜNE (Rohelised)                            1,8%
Estnische Freie Partei (Vabaerakond) 1,2% - 0 Mandate (-8)
Biodiversitätspartei (Elurikkus)             1,2%

Kaja Kallas
Nach Angaben des estnischen Wahlamtes waren 883.075 Estinnen und Esten als wahlberechtigt in den Listen verzeichnet. 64.2% haben sich beteiligt, das entspricht genau 566.670 Personen.

Da die elektronisch abgegebenen Stimmen (E-Votes) getrennt gezählt wurden, wurde auch hier das Kräfteverhältnis klar: 40% stimmten hier für die Reformpartei. Mit weitem Abstand folgenden drei weitere Parteien: die rechtskonservative EKRE mit 13,5%, das Zentrum mit 11,7% und die Sozialdemokraten SDE mit 11,4%.
Elektronisch überspringt hier auch die neu gegründete "Estland200" mit 5,5% noch die Hürde um ins Parlament zu kommen.
2015 hatte es bei den E-Votes krasse Unterschiede vor allem bei der Zentrumspartei gegeben: nur 7.7% Stimmen elektronisch, aber insgesamt 24.8%.
Zusammen genommen stieg die Zahl der Internet-Wähler/innen auf eine neue Rekordzahl: 247.232 Personen nutzen diese Möglichkeit. Rechnet man noch die Zahl (nach traditioneller Methode) Vorab-Wählenden dazu (99.163), dann hatten 39,3% aller Wahlberechtigten (346.395) bereits vor dem eigentlichen Wahltag ihre Wahl getroffen.

Damit fiel der Vorsprung der Reformpartei vor der Zentrumspartei klarer aus als von manchen Beobachtern vorher angenommen (so auch der Tagesschau).  Nun wird Parteichefin Kaja Kallas für die Reformpartei die Fäden für eine Regierungsbildung in die Hand bekommen. Zwei Optionen dafür scheint es zu geben: entweder zusammen mit der Zentrumspartei (60 Sitze), oder mit Isaamaa und Sozialdemokraten (56 Sitze). Kaja Kallas, Tochter des Ex-EU-Kommissars Siim Kallas, erreichte mit 19793 persönlichen Stimmen auch das beste Einzelergebnis (Ratas nur 9263).

Mit der rechtskonservativen EKRE, die in etwa das vorher erwartete gute Ergebnis erreichte und auf Platz 3 landete, will niemand der anderen Parlamentsparteien koalieren. Zwar brachte Parteichef Helme am Wahlabend eine mögliche Koalition mit Zentrum und Isaamaa ins Spiel, aber das war wohl nicht mehr als ein Versuchsballon.
Estlands neue politische Landkarte:
Gebiete wo das Zentrum vorn liegt (grün), Gebiete mit
der Reformpartei als führende Kraft (gelb), und Bezirke
wo sogar die EKRE auf Platz 1 landete (schwarz)
Die neu gegründete "Eesti200" scheiterte an der 5%-Hürde - es fehlten knapp 3000 Stimmen. 

Ein lustiges - fast Estland-typisches Ereignis im Wahlkampf: Mitgliedern der Jugendorganisation der Reformpartei gelang es, den bisherigen Regierungschef Ratas während einer Fernsehdiskussion fast aus der Fassung zu bringen: sie riefen ihn einfach ständig auf dem Handy an, und so wurde Ratas ein wenig das Opfer des ständigen Erreichbarkeitsbestrebens - mindestens 12x soll das Handy des Premiers während der Fernsehdebatte geklingelt haben. Kristo Enn Vaga, Chef der Jugend-Reformer, erläuterte dazu, man habe verhindern wollen dass Ratas, wie sonst häufig, sich während der Diskussionen Hilfe aus dem Internet hole (err).

Infos Estnisches Wahlamt

Dienstag, Februar 12, 2019

Fischdosenköpfe, Honigtöpfe

In Estland ist Wahlkampf anders. Oder doch nicht? Ich dachte schon, in Estland sei die Aussenwerbung der Parteien deshalb verboten, weil alles - selbstverständlich - digital und im Internet stattfinden wird. Nein, ganz so ist es wohl doch nicht.

Estland liegt an der "Westsee" - das scheinen einige
Kandidaten auch politisch besonder betonen zu wollen
Allein die große Menge an Wahlgeschenken, die offenbar auf den Straßen Estlands und bei Wahlwerbeveranstaltungen in diesen Tagen abgeboten werden, ist schon erstaunlich. Das reicht von Honig über Gewürzpfeffer, Schokolade, Kräutertee bis hin zu eingelegtem Hering - jeweils natürlich mit dem Foto des Kandidaten darauf (ERR). Wer Glück hat, kann auch eine Portion getrocknete Beeren oder Haselnüsse an den Wahlständen abgreifen - Bonbons, Anstecker, Kugelschreiber wirken da beinahe schon "old-fashioned".

Die andere Seite des üblichen Wahlkampfs: die Umfragen. Angeblich bevorzugen 35% der Wahlberechtigten in Estland den gegenwärtigen Regierungschef Jüri Ratas auch weiterhin in diesem Amt (ERR). Ihm folgt die Spitzenkandidatin der Reformpartei, die bisherige Europaabgeordnete Kaia Kallas mit 18% - eine Tochter des früheren Regierungschefs und EU-Verkehrskommissars Siim Kallas. Diesmal gilt es, Kandidatinnen mit dem Nachnamen "Kallas" genau auseinanderzuhalten: neben der Parteichefin der Reformpartei tritt auch Kristina Kallas an, bisher Leiterin des Narva College, und seit November 2018 Vorsitzende der neu gegründeten Partei "Estland 200".

Die Journalisten des ERR haben hier genau hingeschaut:
das Haltbarkeitsdatum der mit Politwerbung vermischten
Ware reicht nicht weit über den Wahltermin hinaus -
genau wie die Wahlversprechungen?
Aktuelle Umfragen sehen die estnische Zentrumspartei gegenwärtig bei 24,4% Zustimmung,mit der Reformpartei gleichauf auf 24,5%. Die rechtskonservative EKRE liegt bei 18,9%, die Sozialdemokraten SDE bei 11,5%, und die Vaterlandspartei Isamaa bei 8,6%. Auch "Estland 200" wäre mit 6,4% noch im Parlament. Die estnischen Grünen dagegen liegen bei 2,2%, und die Freiheitliche Partei (Vabaerakond) bei 0,7%.

Insgesamt bewerben sich 1099 Kandidatinnen und Kandidaten bewerben sich um einen der 101 Sitze im estnischen Parlament. (valimised) Diese verteilen sich auf 10 verschiedene Parteien, dazu kommen 15 parteiungebundene Kandidat/innen.
Bereits am 21.Februar wird die elektronische Wahlmöglichkeit freigeschaltet.
Bei den vergangenen Parlamentswahlen im Jahr 2015 entfielen bereits 4,3% auf das e-Voting.
Wer indessen in Deutschland als Estin oder Este sein Wahlrecht wahrnehmen möchte, muss sich beeilen: die estnische Botschaft in Berlin stellt dort die Wahlurnen bereits am 17. und 18. Februar auf.

Sonntag, Januar 20, 2019

Zuwachs für Politkampagnen

Kurz vor Registrierungschluß der Kandidatenlisten für die Parlamentswahl in Estland gibt es einige überraschende Neuzugänge. Offenbar sind einige der Parteien der Auffassung, ihre Wahlkampagnen noch durch ein paar bekannte Namen auffrischen zu müssen.

So überraschen die estnischen Grünen (Erakond Eestimaa Rohelised), seit 2011 nicht mehr im Parlament vertreten, mit Anu Saagim als Kandidatin, bisher Kreativdirektorin bei der Zeitung "Õhtuleht".Aber auch andere Parteien haben versucht aus anderen Bereichen bekannte Persönlichkeiten an sich zu binden. So kandidiert Kaido Höövelson ("Baruto Kaido"), ein Sumo-Ringer, für die Zentrumspartei, der Musiker, Schauspieler und Fernsehmoderator Mart Sander entschied sich für die neue Partei "Estland200", und die ehemalige Skiläuferin und zweifache Olympiasiegerin Kristina Šmigun (verheiratete Vähi) entschied sich für die Reformpartei anzutreten. (ERR)

Insgesamt 10 Parteien und dazu noch 18 unabhängige Kandidat/innen haben sich bis zum Meldeschluß am 17.Januar zur Wahl am 3.März registrieren lassen (ERR). Landesweit überall treten an die Reformpartei, die Zentrumspartei, die Sozialdemokraten, die Konservative Volkspartei (EKRE), Pro Patria, die estnischen Grünen, "Estland200" sowie die rechtskonservative Freiheitliche Partei. Eine Besonderheit der Parlamentswahlen in Estland ist das Verbot von Aussenwerbung für politische Parteien in der "heißen" Wahlkampfphase; deren Beginn wurde auf den 23.Januar festgelegt. Ein anderer Effekt dieser Regelung war es, dass in vielen Gemeinden schon Ende 2018 Wahlplakate zu sehen waren - sowas zählt inzwischen als "Vorwahlkampf". Aktuell werden die neu geworbenen prominenten Unterstützer/innen - neben ihren persönlichen Wahlkampfterminen - wohl fast ausschließlich, ganz estnisch, digital zu bewundern sein. (Estnisches Wahlamt)

Donnerstag, Januar 17, 2019

Alt in Estland

"Estland first" - das bestätigt auch eine Schlagzeile der Zeitung "Die Presse" aus Österreich. Nur, dass es diesmal nicht positiv gemeint ist: zitiert wird hier eine europaweite Studie, der zufolge 46,1% aller Rentnerinnen und Rentner in Estland armutsgefährdet sind. Am anderen Ende stehen die Franzosen - die offenbar wissen, wofür sich das streiken lohnt: nur 7% der Alten sind dort tendenziell auch arm (siehe auch: ERR).

Die drei baltischen Staaten an der Spitze: in Lettland wird die Armutsgefährdung für Ältere bei 43,7% diagnostiziert, in Litauen bei 36,7% - dahinter folgen alle übrigen EU-Länder (Deutschland 17,5%, Österreich 12,1%). Wie auch ein Rückblick auf die vergangenen Jahre zeigt, hat das Armutsrisiko in Europa eher zugenommen (Destatis). Weiterhin sind ältere Frauen mehr armutsgefährdet als ältere Männer.

Die Tücken der Statistik zeigt diese Grafik: da die Armutsrate immer
im Vergleich zum statistisch durchschnittlichen Einkommen
berechnet wird, sinkt die Armut scheinbar genau dort,
wo das Durchschnittseinkommen geringer ist. Statistisch
gilt dann: keine Armut in der Krise!
Einziges Manko dieser Zahlen: in den Medien die solche Zahlen verwenden wird nicht exakt Bezug genommen auf eine Quelle und das Datum der Datenerhebung. Noch im Oktober 2018 gab die EU Zahlen heraus, die sich auf die Gesamtbevölkerung beziehen. Demnach gäbe es nur drei EU-Länder, wo mehr als ein Drittel der Menschen armutsgefährdet seien: Bulgarien, Rumänien und Griechenland. In dieser Statistik wird Estland mit nur 23,4% Armutsgefährdung genannt. Eine ähnliche Größenordnung verwenden auch viele deutschsprachige Internetportale. Auch das estnische Statistikamt bestätigt das, und nennt auch konkrete Zahlen: wer weniger als 523 Euro im Monat hat, gilt als von Armut gefährdet. Und eine weitere Tatsache wird klar: der Prozentsatz der von Armut gefährdeten Personen wird nur durch Sozialleistungen geringer gehalten - ohne diese läge der Anteil der Geringverdienenden bei 40% (der Gesamtbevölkerung).

Die EU rechnet drei Armutsfaktoren gesondert: die Quote gemessen an Sozialleistungen, die Anzahl von Personen die in Haushalten mit geringer Erwerbsquote leben, und die Quote der sogenannten "erheblichen materiellen Deprivation" - eingeschränkte Lebensbedingungen aufgrund fehlender Mittel. Wo hier der Unterschied liegt - werden die drei Faktoren zusammengerechnet? Das ist leider nicht auf Anhieb für jeden verständlich. 

Wo liegt die Wahrheit? Welche Schlußfolgerungen sind nötig? Offenbar macht jede Zeitung, jedes Internetportal eigene Schlagzeilen daraus. "DIE ZEIT" entdeckte in Deutschland das "EU-weit höchste Armutsrisiko" - allerdings, wenn man genau liest, nur "bei Arbeitslosen". Demnach seien 70,8% aller Arbeitslosen in Deutschland armutsgefährdet (60,5% in Litauen, 55,8% in Lettland und 54,8% in Estland). Das "Pech" der Balten ist dabei wohl, auch schon bei vorhandenem Arbeitsplatz arm zu sein (und nicht nur "gefährdet").

Also, eines scheint klar: wenn beides zusammen kommt, also in Estland alt + arbeitslos zu sein, erzeugt Armut - soviel scheint sicher.Über die Höhe eventueller Renten braucht hier wohl nicht spekuliert werden.
Die estnischen Experten beurteilen die Lage etwas anders. Ein Zitat aus dem Sozialbericht 2015: "Obwohl viele Rentner in relativer Armut leben (Prozentsatz für 2015 war 44,6%), reicht diese Armut nicht sehr tief. Die Durchschnittsrenten liegen sehr nahe an der Grenze zur Armutsgefährdung. Das bedeutet, dass auch geringe Lohnerhöhungen für die Haushalte rein statistisch viele Rentner zu den Armutsgefährdeten rechnet, obwohl ihre tatsächlichen Bedürfnisse sich nicht viel ändern." (Eesti Statistika Kvartalikiri)

Viele Estinnen und Esten bleiben offenbar grundsätzlich optimistisch. So kommentierte Jevgeni Ossinovski, Sozialdemokrat und ehemaliger Gesundheitsminister, die Lage so: "die nächste Statistik wird definitiv besser werden, denn dann wird sich die Steuerreform auswirken." Die gegenwärtige estnische Regierung, eine Koalition aus Zentrumspartei, Sozialdemokraten und Vaterlandspartei, will einen größeren Teil geringer Einkommen von der Besteuerung freistellen.

Dienstag, Januar 08, 2019

Durchgezählt

Stolz vermelden estnische Behörden ein leichtes Wachstum der Bevölkerung des Landes. Bei bisher 1.361.683 in Estland lebende Menschen (Stand: 1.1.2018) liegt der Gedanke ja auch vielleicht nahe, beinahe für jede/n Einzelne/n sorgen zu müssen. Immerhin schrumpfte ja die Bevölkerung der Nachbarländer Lettland und Litauen in den zurückliegenden Jahren um mehrere Zehntausende.

Estland hat neu durchgezählt zum 1.Januar 2019. Nun sind es insgesamt 1.366.020 Einwohnerinnen und Einwohner, also 4337 Personen mehr als vor einem Jahr.
Genauer aufgeschlüsselt: 1.146.171 Personen sind im Besitz der estnischen Staatsbürgerschaft (1802 mehr als vor einem Jahr), 88.785 Einwohner Estlands besitzen die russische Staatsbürgerschaft, 76.148 haben keine Staatsbürgerschaft und 9771 sind Bürger der Ukraine. Darüber hinaus wohnen in Estland 8800 Finn/innen, 5648 Lett/innen, 3607 Deutsche, 2534 Litauer/innen, 2013 Italienier/innen und 1974 Beloruss/innenen / Weißruss/innen. (ERR / Baltic Course / Statistics Estonia)

In den Jahren zwischen 2000 und 2015 hatte die Bevölkerung Estlands um 88.000 Menschen abgenommen (6,5%). In den drei Jahren darauf hatte es (bis 2018) bereits ein Wachstum um 3.000 Personen gegeben.Dabei gab es über die Jahre verschiedene Trends. Während Anfang des Jahrtausends noch das natürliche Wachstum die Tendenz stärker beeinflusste - es gab 5.000 bis 6.000 weniger Geburten als Sterbefälle pro Jahr - wendete sich dieser Trend zwischen 2008 und 2012 sogar ins positive, und liegt gegenwärtig ganz leicht negativ. Die Lebenserwartung für Männer liegt in Estland bei 73,2 Jahren, für Frauen bei 81,9 Jahren. Zwar sterben gegenwärtig sogar mehr Frauen als Männer, statistisch gesehen, aber 75% aller Menschen in Estland über 80 Jahre sind Frauen.

Zwischen 2000 und 2011 haben 23.000 Menschen Estland verlassen - offiziell. Inoffiziell, also ohne formale Ummeldung, rechnen die Behörden aber mit weiteren 19.000 Abgewanderten, also 42.000 insgesamt. Unter den Ausgewanderten sind etwa zwei Drittel Frauen. Seit 2015 ist die Wanderungsbilanz wieder positiv: es ist das Ergebnis der Zuwanderung aus anderen EU-Staaten, darunter besonders viele Finn/innen und Lett/innen. Unter den Menschen mit estnischer Staatsbürgerschaft kamen im Jahr 2017 500 mehr nach Estland zurück als das Land verließen. (Eesti Statistica)

Sonntag, Dezember 30, 2018

Pädagogen-Aufwertung

Das Haushaltsbudget der estnischen Regierung sieht für 2019 eine Erhöhung des Lohnniveaus für Estlands Lehrerinnen und Lehrer auf 1500 Euro vor. 533 Schulen existieren derzeit in Estland, an denen insgesamt etwa 13.000 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten (ERR). Viele davon mussten im Herbst 2018 allerdings das Schuljahr starten obwohl Lehrpersonal fehlt - allein 80 Mathematik-Lehrer/innen wurden noch gesucht (ERR).

Eine der Herausforderungen für das estnische
Schulsystem: Qualität beibehalten, bei stark
zurückgehender Schüler/innenzahl.
Trotz dieser Schwächen blickt Estland auf vordere Plätze bei den internationalen PISA-Studien - vor allem bei denjenigen Tests die Naturwissenschaften betonen. "2006 haben uns die guten Ergebnisse in den PISA-Studien noch überrascht", meint Gunda Tire, die estnische Projektverantwortliche für die PISA-Studien (TeacherMagazine). "Aber wir haben nach der Loslösung von der Sowjetunion sehr schnell ein nationales Curriculum entwickelt, wir haben viele gute Praxisbeispiele von anderen Ländern übernommen und ein effektives System zur Evaluierung entwickelt." Außerdem sei man stolz darauf, dass Fächer wie Biologie, Physik und Chemie in Estland nur von Fachlehrern erteilt würden, so Tire. "Wenn auch in Deutschland die Ergebnisse der PISA-Studien zunächst einen negativen Schock auslösten - in Estland war es umgekehrt: überraschend positiv." Und Tire fügt hinzu: "Wir erwarteten geradezu diese internationalen Vergleichsmöglichkeiten, denn: den Estinnen und Esten ist selbst nichts gut genug, sie sehen die Dinge grundsätzlich immer sehr kritisch."

Bereits in den zurückliegenden Jahren wurde mehrfach der Mindestlohn für Lehrer/innen erhöht: von 644 € im Jahr 2012 auf 1050 € im Jahr 2017 - der Durchschnittslohn stieg von 812 € 2012 auf 1211 € im Jahr 2017). Jetzt also erneut eine kräftigte Erhöhung. Bildungsministerin Mailis Reps hatte das Thema als eines der Schwerpunktthemen der gegenwärtigen Regierung bezeichnet.

Eine Untersuchung unter den Mitgliedsstaaten der OECD zeigt aber auch, dass in Estland das Lehrpersonal relativ alt ist - fast die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer ist über 50 Jahre alt (err). Eine attraktive Lohnentwicklung soll also vor allem den Nachwuchs unter den Pädagogen zu Gute kommen. Eine andere Baustelle ist noch die relativ hohe Zahl frühzeitiger Schulabgänger: unter den 18-24-Jährigen lag 2017 die Zahl der Schulabbrecher bei 10,8% (ETM2018). Das liegt zwar im EU-Durchschnitt, aber für die estnischen Schulplaner eine prioritäre Aufgabe, wobei die Rate bei jungen Männern bei 14,2%, bei Frauen aber nur bei 7,3% liegt. Und Estland vergleicht sich auch in diesem Fall sehr gerne mit den skandinavischen Nachbarn Finnland, Norwegen und Schweden: dort wird erheblich mehr pro Schüler/in ausgegeben (obwohl z.B. Norwegen gar nicht so gut bei PISA abschneidet). Estland nimmt solche Statistiken sicherlich als Ansporn für die Zukunft.

Die Schülerinnen und Schüler in Jõgeva jedenfalls fanden fehlende Pädagogen auf ungewöhnliche Art: "Sucht nicht nach Raketen, sucht uns eine/n Mathelehrer/in!". In dem Gebiet hatte ein NATO-Eurofighter versehentlich eine Rakete abgeschossen, die auch nach langem Suchen nicht gefunden werden konnte. Die Schule dagegen erzeugte offenbar mit ihrer Suchanzeige genug Aufsehen, erzählte die Schulleiterin Priit Põdra der "Aktuaalne Kaamera": eine neue Mathelehrerin wurde gefunden (err).

Montag, Dezember 24, 2018

Dauersommer oder langer Winter?

Es mag Estinnen und Esten geben, die sich besonders im Frühjahr wünschen, die Sonne möge schneller um die Erde kreisen und länger andauernde warme, sonnige Zeiten bescheren. Aber die offiziell vorgenommene Umstellung von Sommer- auf Winterzeit und umgekehrt ist sicher keine estnische Erfindung.

Schon Anfang 2018 setzte Regierungschef Ratas das Thema auf die Agenda: die Zeitumstellung beinträchtige ernsthaft die Gesundheit vieler Bürgerinnen und Bürger, so Ratas (Postimees / ERR). Auch die Notwendigkeit zum Energiesparen könne in heutiger Zeit kein Grund mehr für eine Zeitumstellung sein, meinte Ratas.

Die Zeitumstellung ist inzwischen durch eine EU-Direktive gesetzlich geregelt. Allerdings hatte sich Estland bereits zwischen 2000 und 2001 schon einmal entschieden aus der Zeitumstellung auszusteigen - damals eigenmächtig, und für einige Nachbarn überraschend. 2002 kehrte Estland dann doch zur Sommerzeitumstellung zurück. Die damalige litauische Regierung entschied sich sogar zunächst für einen kompletten Wechsel von der osteuropäischen Zeit (EET) zur mitteleuropäischen Zeitzone (CET), in der auch Deutschland liegt. Ein wahres Zeitenchaos! Die Fahrpläne von Bussen, Bahnen und Flugzeugen gerieten damals - nach mehreren unterschiedlichen Entscheidungen in Litauen, Lettland und Estland - zu einem unentwirrbaren Dickicht.

2018, nach Ende einer EU-weiten Umfrage, an der sich 4,6 Millionen EU-Bürger/innen beteiligten und die eine klare Mehrheit von 84% für eine Abschaffung der seit 1996 praktizierten Zeitumstellung brachte, hatte EU-Kommissionspräsident Jeans-Claude Juncker schon eine komplette Abschaffung der Zeitumstellungen noch vor der nächsten Europawahl 2019 in Aussicht gestellt. EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc hatte daraufhin angedeutet dass Länder wie Portugal, Zypern und Polen eher zur Beibehaltung der Sommerzeit tendieren, während Finnland, Dänemark und die Niederlande eine dauerhafte Winterzeit bevorzugen. Außerdem war die Beteiligung an der EU-Umfrage in den einzelnen Ländern äußerst unterschiedlich: während allein 3 Millionen Deutsche ihr Votum abgaben, taten gleiches nicht einmal 20.000 Italiener/innen.

Ältere Menschen in Estland könnten die Zeitumstellung auch als "Relikt aus der Sowjetzeit" bezeichnen - denn zwischen den Jahren 1981 und 1988 wurden die estnischen Uhren noch sowjetisch angeordnet umgestellt (1989-1996 dann nicht mehr).

Wie gehts jetzt also 2019 weiter? Bliebe Estland bei permanenter Sommerzeit, könnten "mehr dunkle Stunde schlafend und mehr Tageslicht-Stunden aktiv" verbracht werden, so meint es das estnische Sozialministerium. Nur 12% der hellen Tagesstunden würde ein Durschnitts-Este dann verschlafen, so das Ministerium (ERR). Wenn Finnland allerdings dabei bliebe, lieber die permanente Winterzeit einzuführen, so könnten im Herbst 2019 hier ungeahnte Zeitlöcher entstehen, gerade zwischen den beiden Hauptstädten. Einer Umfrage zufolge befürworten 55% aller Estinnen und Esten die permanente Einführung der Sommerzeit.

Bei einem Zusammentreffen kurz vor Weihnachten in Vilnius einigten sich die Regierungschefs der drei baltischen Staaten darauf, gemeinsam möglichst in einer einheitlichen Zeitzone verbleiben zu wollen (ERR). Jüri Ratas versäumte dabei nicht zu betonen, dass Estland auch mit Finnland möglichst eine einheitliche Regelung anstrebt. Eine Einigung auf eine europaweiten Regelung wird momentan erst für 2021 für umsetzbar gehalten. Die Zeit wird es zeigen - ein Spruch mit momentan unsicherer Voraussagewirkung: den einen zeigt es sich mit, den anderen ohne offiziell vorgenommendem Zeitsprung.

Samstag, Dezember 22, 2018

Der Frost und der Kratt

Wer hätte schon seinen Kindern verbieten mögen, einen Schneemann zu bauen? Ja, estnische Mythologie müsste man kennen - und den Film "November" sehen, der momentan in manchen deutschen Kinos läuft. Für den Moment ein "November im Dezember."

Alte, verlassene Bauernhöfe gibt es im dünn besiedelten Estland genug - und sei es nur ein alter Schuppen mit zusammenfallendem Dach. Sehr viel mehr haben diese Menschen nicht, die uns Rainer Sarnet hier vor Augen führt. Und oh weh, scheinbar führen auch alte Baumsägen, Tierschädel und rostige Nägeln noch ein Eigenleben: schwarze Romantik und archaische Mythen "wie man sie vorher nur bei Andrej Tarkovskij gesehen hat" (epd-film).

Kein Film für Wärmeliebende: Schneegriesel wehen, es schneit unaufhörlich, es dunkelt früh, ein eisiges Wetter von der Art, dass Wasser an allen Zweigen und Gegenständen festfriert und die ganzen Landschaft den weiß-grauen Frosthauch überzieht. Die wenigen Menschen leben in Räumen, in denen sie kaum aufrecht stehen können, Vieh angekettet neben dem Bett. Da ist es schwer, persönliche Interessen zu sichern, oder gar eigenes Selbstbewußtsein. Viel stärker sind die "dunklen Mächte", die Zeichen und Wunder, hinter denen der allgegenwärtige Volksglaube zunächst mal Unheil vermutet.

Was könnte ein Symbol für den Teufel sein? Ein toter Vogel? Ein Knopf? Eine Mücke? Manchmal reicht es schon, wenn  ein Ziegenbock zum falschen Zeitpunkt in die Scheune hereinstolpert. Die Baumwipfel drehen sich um den Betrachter, Menschen sind ohne viel Aufwand in der Lage, den Wolfsschrei auszustoßen und den Vollmond zu verehren oder im dunklen Festtagskleid ins Wasser zu gehen.

Sind es Menschen, uns hier gezeigt werden? Schreckliche Fratzen, fehlende Zähne, schreckgeweitete Augen, wirre Haare - Kämme wären zu dieser Zeit wirklich noch nicht erfunden.
Dagegen waren die Schrecken der Pest sicher noch nicht vergessen. Auf dem Wasser bilden sich Eisblumen. Schwarze und weiße Kutschen, ohne Blumen. Auf allen Bäumen lastet der Schnee.

"November" führt uns irgendwo ins Estland des 19. Jahrhunderts. In einem kalten Herrenhaus decken zwei Bedienstete den Tisch, aber es sind keine Gäste zu sehen. Die Tochter des Barons mondsüchtig, springt fast vom Dach. Was kann es anderes geben als den baldigen Tod? - Mühsam, schwermütig, langsam webt sich der Faden der Liebe durch diese Atmosphäre. Leider wissen wir nicht wie das Buch von Andres Kivirähk ("Rehepapp", in estnischer Originalversion ein Bestseller) diese Story entwickelt, mit welcher Portion Sarkasmus es vielleicht Estinnen und Esten selbst sehen - eine Übersetzung des Buches ins Deutsche fehlt bisher. Ganz ernst gemeint habe Kivirähk es nicht, so einige die Estland sehr gut kennen. Immerhin hält der zarte Liebesfaden hier den Film am Leben, uns lässt ihn nicht versinken in übertriebenem Grusel oder albernen Grausamkeiten.

Doch es ist hier von unerfüllter Liebe die Rede; vielleicht auch von unvollendeten Taten. "Hast Du sie getötet? Sie, die er vereehrt, den Du liebst?" "Nein, ich konnte es nicht" - so die Antwort. "Er wäre sonst von Traurigkeit gestorben." - "Er muss ein seltsamer Mensch sein." "Das ist er."

Gut, wer einen "Kratt" zum Ratgeber hat; zumindest dies lernen wir aus diesem Film. Ein "Kratt", so wie es nur Estinnen und Esten haben, wie es Andres Kivirähk schreibt. Das kann ein Rest eines Gartengeräts sein, oder die feurigen Kohleaugen eines Schneemanns. Ein Kratt nimmt Sorgen und Wünsche entgegen - aber seine Ratschläge zu befolgen, das ist auf eigenes Risiko. "Brau mir einen Trank, der eine Frau mich lieben macht." - "Nimm deine eigene Scheiße, deinen Schweiß und Blut, und schon hast Du so einen Trank." Natürlich ist die Wirkung verheerend - der Liebhaber muss mit einer spitzen Gabel in seinem Rücken fliehen.

Nach zwei Stunden Film bleiben Zuschauer zurück, die vielleicht demnächst nicht mehr ganz fantasielos sind, sollten jemand mal einsam durch einen Wald gehen. Vielleicht aber auch mit mehr Verständnis fürs einfache bäuerliche Leben der Vergangenheit, als Bäuerin oder Bauer noch als Leibeigene, ohne Schreib- oder Lesekenntnisse versuchen mussten die Welt zu verstehen. Menschwerdung ist schwierig - aber möglich.

Kritiken zu "November":
EPD Film / Filmfestival GoEast / Estnische Filmdatenbank / Neues Deutschland / Mephisto / Tagesspiegel / Jumpcut / New York Times /

Dienstag, November 20, 2018

Migrierende Regierungskoalition

Auch in Estland wird momentan die internationale Diskussion um Migration und Flüchtlinge zu einem entscheidenden Faktor, ob die estnische Regierung noch zusammenarbeiten kann oder nicht. Auslöser war Justizminister Urmas Reinsalu, der namens seiner rechtskonservativen Partei "Pro Patria" vergangene Woche sein Veto einlegte gegen die Zustimmung zum neu ausgehandelten UN Flüchtlingspakt bzw. zum Bericht des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (siehe Text).

Gemeinsame Stellungnahmen der Regierung Ratas -
gegenwärtig nicht immer garantiert
Bei einer Ablehnung würde sich Estland in eine Reihe mit den USA, Tschechien, Bulgarien, Österreich, Ungarn und Australien stellen. Nun gerät allerdings Regierungschef Ratas unter Druck, der in dieser Frage seinem Justizminister nachgab - während seine Zentrumspartei und auch die Sozialdemokraten von Außenminister Sven Mikser das Abkommen befürworten. Nach Meinung von Reinsalu sei das Abkommen zwar kein bindender Vertrag, aber: "In der späteren Praxis könnte es als internationales Gewohnheitsrecht für die unterzeichnenden Staaten ausgelegt werden.“ (eurotopics / delfi)


Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen den Diskussionen der Ländervertreter/innen im EU-Parlament, und der innenpolitischen Diskussion im jeweiligen Heimatland (Wiener Zeitung). Die drei gegenwärtigen Regierungsparteien in Estland (Zentrumspartei, Pro Patria und Sozialdemokraten) suchen momentan noch nach Wegen zu einer Einigung. Die nationalkonservative Oppositionspartei EKRE startete eine Unterschriftenkampagne gegen das Abkommen. "Dieses Abkommen ist hinter dem Rücken der Nationalstaaten entstanden, um uns zu einem Zielland für Immigration zu machen", sagte EKRE-Vizevorsitzender Martin Helme (err).

Dagegen hatte Parlamentspräsident Eiki Nestor, ein Sozialdemokrat, am Montag eine Stellungnahme pro UN-Migrationspakt verfasst, die von 39 der 101 Abgeordneten unterstützt wurde - Sozialdemokraten und Zentrumspartei (err). Im Parlament sind gegenwärtig 25 Abgeordnete der Zentrumspartei, 14 Sozialdemokraten, 7 der nationalkonservativen EKRE, 30 der Reformpartei, 11 der Vaterlandspartei (Isamaa), 6 der Freiheitspartei und 8 franktionslose Abgeordnete vertreten (Riigikogu).

"Die Frage ist nicht nur, ob Estland dem UN-Flüchtlingspakt zustimmt oder nicht," mahnt Präsidentin Kaljulaid, "sondern zur Debatte steht hier auch die Stabilität der Regierungskoalition." Sie kündigte an, nicht zum UN-Gipfel in Marrakesch fliegen zu wollen, wenn sie seitens Estlands keine einheitliche Haltung dort präsentieren könne. Kaljulaid hatte in Gesprächen mit den Parteichefs der Regierungskoalition auch eine Diskussion zum UN-Flüchtlingspakt im Parlament (tt) vorgeschlagen - eine Position, der sich auch Marko Mihkelson, Parlamentarier der oppositionellen Reformpartei, anschloss. Inzwischen ist für Montag 26.November eine Diskussion im Parlament terminiert (err).

Die estnische Reformpartei, jetzt zwei Jahre nicht mehr an der Regierung beteiligt, versucht derweil die Gelegenheit zu nutzen und erklärt ihre Bereitschaft zur Regierungsübernahme (err). Seit einigen Monaten hat hier Kaja Kallas, Tochter des Partei-Urgesteins Siim Kallas, den Chefsessel eingenommen. Unter gewissen Bedingungen kündigte die Reformpartei ihre Unterstützung für den Entschließungsentwurf der Sozialdemokraten an - sicher in der Hoffnung, so einen Keil in die Regierungskoalition treiben zu können. Justizminister Urmas Reinsalu übrigens, der die andauernde Diskussion ausgelöst hatte., war übrigens auch schon unter Reformpartei-Premier Taavi Rõivas Justizmnister.
Zum Teil wirkt die gegenwärtige Diskussion auch wie ein Vorgeschmack auf den kommenden Wahlkampf: bis zum 3. März 2019, dem Termin der nächsten estnischen Parlamentswahlen, sind es nur noch wenige Wochen.

Montag, Oktober 22, 2018

Nicht grün, aber ganz biodivers


Artur Talvik ist ein umtriebiger Mensch. 1964 in Tallinn geboren, bekam er vermutlich schon durch seine Eltern, eine Fernsehmoderatorin und ein Journalist, Techniken der öffentlichen Präsentation vermittelt. Er studierte Dramaturgie, war dann als Schauspieler am staatlichen Puppentheater in Tallinn beschäftigt, und arbeitete auch als Reporter für "Radio Kuku", in den 1990igern die erste private Radiostation Estlands. Dann waren es Film- und Fernsehproduktionen wie "Schnauze voll", an denen er beteiligt war.
Auch als Politiker könnte man sich manchmal fragen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Seine politische Karriere startete Talvik 2011. Er holte relativ viele Stimmen auf einer Liste der "Grünen" (Eestimaa Rohelised), die insgesamt aber nur 3,8% holte und damit keine Mandate zugesprochen bekam.

Vier Jahre später trat Talvik für die neu gegründete Estnische Freiheitspartei (Eesti Vabaerakond) an. (VVK) Er errang eines der acht Parlamentsmandate und trat der Partei im März 2017 bei. Es war ein tubulentes Jahr: schon im April wählte die Freiheitspartei Talvik zu ihrem Vorsitzenden. - "Damit haben wir uns selbst ins Knie geschossen", sagt heute Jüri Adams, wie Talvik Fraktionsmitglied der Freiheitspartei im Parlament (err). "Wir haben nie richtig hingeschaut, was diesen anscheinend vielversprechenden jungen Mann eigentlich antreibt," sagt Adams heute. "Er hat uns verlassen sogar ohne die Tür zuzuschlagen."

Talvik trat 2018 aus der Freiheitspartei aus, Ende August auch aus der Fraktion, und gehört einstweilen dem Parlament als fraktionsloser Abgeordneter an. Inzwischen gab Talvik die Gründung einer neuen Partei bekannt: sie soll "Elurikkuse Erakond" heißen, was in etwaa mit "Biodiversitätspartei" übersetzt werden kann. Angeblich gibt es schon 200 Mitglieder, und natürlich möchte sich Talvik dadurch auch für die nächsten Parlamentswahlen im März 2019 positionieren. "Es ist nun Zeit auch für einen Tigersprung in der Ökologie!" sagte Talvik der Zeitung Postimees, in Anspielung auf die erfolgreiche Digitalisierung.
Am 10. November soll es einen ersten Parteitag der "Biodiversen" geben. 500 Menschen müssen als Mitglieder unterschreiben, damit die Partei bei den Wahlen antreten könnte - mit weniger Unterstützung können dies nur Einzelpersonen. Möglich also, dass Talvik hier auch eine Doppelstrategie fährt.

''Artur ist ein guter Filmmacher," meint Indrek Tarand, der es 2009 und 2014 als unabhängiger Kandidat ins Europaparlament schaffte, "Aber eine gute Idee ist nicht immer gleich auch ein guter Film". (err) Auch Tarand hat seine Rückkehr auf die politische Bühne Estlands angekündigt, zögert aber sich einer Partei anzuschließen (err).

Nach "Estland200" ist die neue Talvik-Partei schon die zweite Gruppierung, die sich in Perspektive der anstehenden Wahlen neu bildet. Aktuellen Umfragen zufolge liegt gegenwärtig die Reformpartei mit 28,4% vorn, gefolgt vom Zentrum mit 26,7%, der Konservativen Partei EKRE mit 15,8% und den Sozialdemokraten mit 14%.
Pro Patria liegt noch bei 5,1%, Estonia200 bei 5,4%. Und auch die Estnischen Grünen hoffen noch auf eine Rückkehr ins Parlament: 4% der Befragten befürworten das momentan, während 25% sich noch unentschieden zeigten (ERR).

Freitag, Oktober 12, 2018

Auf Dienstreise

Ich bin dann mal weg - auf e-Reise

Dienstreisen im Internet - geht leider noch nicht. Aber Dienstreisen für die digitalen Ziele, vorzugsweise ins kleine Estland, waren in den vergangenen Monaten sehr beliebt. Fragen Sie doch mal Ihren Stadtbürgermeister oder Landrat: wer war noch nicht, wer will noch mal?

Auf die Namensähnlichkeit der beiden Länder Estland und Emsland setzt eventuell Landrat Reinhard Winter anläßlich einer Bildungskonferenz in Meppen. Und schon schreibt die "Neue Osnabrücker Zeitung" von einer "Bildungsregion Emsland", auch wenn bisher lediglich von Herausforderungen, und viel weniger von bereits Erreichtem die Rede ist. Gastreferent Kaarel Rundu, Leiter der Deutschen Schule in Tallinn, wird hier mit den Worten angekündigt: "Estland gilt als eines der technologisiertesten Länder der Welt." Wovon war noch gleich die Rede? Von Estland und Emsland, richtig.

Hinterher laufen, oder hinken? 

"Estland hat uns abgehängt", meint Unternehmer








Montag, September 10, 2018

Meist trocken und warm

unterwegs am Peipsi-See
Estnische Sommer sind kurz. Mehr Sonne als gewöhnlich gab es 2018, aber auch mehr Badeunfälle. Statistisch war es im Juni, Juli und August dieses Jahr 17.8° C warm, 1.8°mehr als das langjährige Jahresmittel. Es habe aber auch schon ähnlich warme Sommer gegeben, teilte der estnische nationale Wetterdienst mit (ERR).1972 habe es ähnlich hohe Temperaturen gegeben. Allzeit-Rekorde seien nicht gemessen worden. Die höchste Temperatur meldete Tallinn-Harku mit 34.2° am 29.Juli, während am 7.Juni an einigen Meßstationen im Bezirk Lääne-Viru sogar leichte Minustemperaturen auftraten.

In Kunda an der estnischen Nordküste fielen nur 85mm Regen (normal = 220mm). Võru im Südosten dagegen meldete 222mm (normal 249mm), der Ort war damit der feuchteste in ganz Estland. Eintausend Sonnenstunden konnte man auf Saaremaa genießen - 1028,8 Stunden wurden auf bei Roomassaareim Süden der Insel gemessen, damit der sommer-sonnigste Ort Estlands.

"Estland schafft die Sommerzeit ab" - das ist allerdings keine aktuelle Gegenmaßnahme bei zu hohen Temperaturen. Hier geht es um die EU-weite Zeitumstellung im Frühling und Herbst, und die estnische Regierung hat sich bereits für einen Ausstieg aus dieser Regelung ausgesprochen (err). Wie groß der zeitliche Unterschied dann zwischen deutschem und estnischem Sommer sein wird, ist allerdings noch nicht klar. Wer schon bisher Schwierigkeiten beim Ausrechnen der notwendigen Umstellung hatte, kann sich ja mal vorstellen, Deutschland bleibt bei dauernder Sommerzeit, Estland bei Winterzeit. Fährt also ein Bus in Berlin am 1.Juli 18 Uhr los, um welche Uhrzeit in Tallinn käme er dann an?

Alles Gewöhnungssache, wahrscheinlich. Der Spätsommer bringt es auch mit sich, dass die Vogelnester wieder leer sind, und viele Vögel nun nach Süden aufbrechen. Wer dies beobachten möchte, kann dem Zugweg einiger Vögel folgen, die mit einem kleinen Sender ausgestattet worden sind (Birdmap). Na dann: Guten Flug! (nächstes Jahr zur selben Zeit am selben Ort?)