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Samstag, August 29, 2026

Pilzexpress

In Estland wird es in diesem September einen ganz besonderen Sonderzug geben: den "Seene-Ekspress", gemeinsam konzipiert von estnischen Eisenbahngesellschaft "Elron" und dem "Staatlichen Zentrum für Waldbewirtschaftung" (Riigimetsa Majandamise Keskus RMK)

 "Sõida seenele, rongiga!" ist hier das Motto ("Fahr mit dem Zug zum Pilzesammeln"). 30 "Pilzwälder" wurden ausfindig gemacht, dazu gibt es an manchen Orten noch Ausstellungen und Veranstaltungen. 

"Bei Pilzen weiß man nie im Voraus, wie es ausgeht. Man macht sich vielleicht mit der Absicht auf den Weg, Pilze zu sammeln, aber man kann nie sicher sein, dass man mit einer Ausbeute aus dem Wald zurückkommt – selbst wenn man eine bestimmte Stelle kennt, an der man bisher immer Pilze gefunden hat.“ So argumentiert RMK-Mitarbeiterin und Pflanzenexpertin Liis Soonik. "Es lohnt sich, zu Hause gut vorzubereiten," meint Soonik. "Unsere RMK-App 'Loodusega koos' zeigt dann an, wo sich die Pilzwälder befinden und in welche Richtung du vom Bahnhof aus gehen musst." (ERR)

Bei der Eröffnungsveranstaltung des „Seeneexpress“ am 29. August am Bahnhof Rapla konnten Interessierte unter Anleitung eines Pilzexperten des Estnischen Naturmuseums lokale Pilzarten kennenlernen und Tipps zur Bestimmung und zum Sammeln von Pilzen erhalten. Im September und Oktober finden außerdem sieben geführte Pilzausflüge in ganz Estland statt. 

„Das Pilzesammeln ist für viele Esten eine herbstliche Tradition, doch jeder Waldspaziergang kann auch etwas Neues bieten. Auf den geführten Touren kann man sein Wissen erweitern, Pilze besser kennenlernen und vielleicht einen neuen Lieblingswaldweg entdecken. Der ‚Seeneekspress‘ lädt auch diejenigen in die Natur ein, die normalerweise mit dem Auto zum Pilzesammeln fahren – dieses Mal kann man den Wald ganz mit dem Zug erreichen und das Auto zu Hause lassen. So wird schon die Anreise selbst zu einem Teil des schönen Naturerlebnisses“, sagte Liina Karrofeldt, Fachreferentin für Naturbewusstsein bei der RMK. (RMK)

Wer sich das alles nicht entgehen lassen möchte, da sieht der Terminkalender der Veranstaltungen und Pilzausflüge dann so aus:
29.08 „Pilz-ABC“ am Bahnhof Rapla 
05.09 Pilzausflug ab Bahnhof Klooga
05.09 „Pilz-ABC“-Pilzausflug in Aegviidu
12.09 Pilzausflug ab Bahnhof Taevaskoja
13.09 Pilzausflug ab dem Bahnhof Tõravere
19.09 „Seenelise SEENEPÄEV“ in Aegviidu
26.09 Pilzausflug ab dem Bahnhof Saku
26.09 „Seenelise ABC“-Pilzausflug in Aegviidu

Und wer es nicht in den Wald schafft, kann sich bei den Pilzausstellungen in Tallinn, Tartu und Aegviidu mit der diesjährigen Pilzernte vertraut machen. Auch Quizspiele, Pilz-Bingo und Bastelaktionen erwarten die Besucherinnen und Besucher. 

Montag, Januar 19, 2026

Hiiumaa - geordnet und sortiert

In Estland findet sich wunderbare Natur, manchmal endlos erscheinende Wälder, ökologisch wertvolle Sümpfe und Küstenzonen, und nicht zu vergessen: viele Inseln. Und Estland hat ein "Klimaministerium". Dort werden offenbar ganz spezielle Pläne für die Insel Hiiumaa vorbereitet. 

Schutz mit Konzept 

Menschen, die Natur und Umwelt schützen und erhalten wollen, ist die Fragestellung im Naturschutz vielleicht wohl bekannt: welche Art ist wichtig, welche weniger? Welche Pflanze darf wachsen, welche anderen müssen verdrängt oder vernichtet werden? Regelt die Ökologie, also die Beziehungen von Lebewesen untereinander und zu ihrer unbelebten Umwelt, alles selbst? Gleicht sich in diesen Beziehungen alles gegenseitig immmer wieder aus, hält es sich die Waage, oder muss es gesteuert werden? Was tun, wenn allgegenwärtige Möwen die Küken seltener Seeschwalben aus dem Nest rauben? Oder wenn Bäume und Büsche in der Heide wachsen? Dann haben oft Möwen wie auch Bäume einen schlechten Stand. 

Tierische Invasion 

Eine ähnliche Fragestellung entstand offenbar auf der Insel Hiiumaa. Dort gibt es zu viele Hunde. Nein, nicht jene, die als bester Freund des Menschen gelten, sondern in diesem Fall geht es um "Nyctereutes procyonoides", deutsch "Marderhund" genannt (estnisch: "kährik"). Seit 1962 auch in Deutschland bekannt, heimisch eigentlich in Ostsibirien, Japan und Nordchina. In der UdSSR seien sie als Pelztiere gehalten worden, heißt es, und breiteten sie sich von dort aus nun nach Westen aus. Der deutsche Naturschutzbund (NABU) bezeichnet den Marderhund als nicht gefährdet, lehnt aber eine Freigabe zur Jagd ab. Das "Bundesamt für Naturschutz" stuft ihn als potenziell invasive Art ein, da vermutlich heimische Arten gefährdet seien und der Marderhund Krankheiten und Parasiten übertragen kann. Und der Jagdverband wirbt natürlich für eine Eingrenzung dieser Ausbreitung durch Jagd. 

Für die Insel Hiiumaa kann man wohl sagen: der Marderhund ist nicht willkommen. "Estland plant, alle Marderhunde auf der Insel Hiiumaa zu vernichten", so die Schlagzeile in der estnischen Presse (ERR / Eesti Ekspress ). Kostenlos ist die Aktion nicht: für einen Zeitraum von zehn Jahren wurden offenbar 200.000 Euro für das Projekt bewilligt. Als Begründung wird „Verringerung der von invasiven gebietsfremden Arten besiedelten Flächen um 900 Quadratkilometer“ und „die Entfernung von Marderhunden aus Hiiumaa“ angegeben. Timo Kark, Leiter der Abteilung Biodiversität des Klimaministeriums, argumentiert mit einem Rückgang bestimmter Vogelpopulationen: 86% aller bodenbrütenden Arten seien von Nesträubern geschädigt. Fotos von Tätern "auf frischer Tat" gibt allerdings keine. 

Mützenlieferant 

Der erste Marderhund wurde in Estland bereits 1938 gesichtet, so ist es bei "Looduskalender" nachzulesen. 10 Jahre später sei ein Marderhund in Estland schon regelmäßig anzutreffen gewesen. Und im Jahr 1950 seien sogar 86 dieser Tiere absichtlich ausgesetzt worden, wie es heißt, "als Bereicherung der Natur und als Pelzquelle." Noch in den 1980iger Jahren seien Menschen in Estland gern mit "Marderhund-Fellmützen" herumgelaufen. Und an derselben Stelle sind auch Aussagen wie diese zu finden: " Aus seiner früheren Stellung als geschützte Art hat sich heute eine unerwünschte Art entwickelt, deren Bestand auf ein möglichst geringes Maß reduziert werden sollte, am besten sogar ganz auf Null." Und dann noch: "Auf der langen Liste der Vergehen der Marderhunde stehen der Rückgang der bodenbrütenden Hühnervögel und die Ausbreitung von Tollwut und Krätze (Räude). Wie viele Marderhunde derzeit in unseren Wäldern und an den Küsten leben, kann niemand genau sagen. Aber man kann sagen, dass es noch nie so viele waren wie heute." (looduskalender)

Nun ja, Marderhunde halten sogar Winterschlaf (für Hunde einzigartig) - allerdings offenbar nicht durchgehend, sondern immer mal wieder einige Tage. Wenn sie dieses Jahr aufwachen, müssen sie, wohl nicht nur auf Hiiumaa, sofort "ausgeschlafen" sein, um Nachstellungen zu entgehen. Ein Veranstalter für Jagdreisen nach Estland wirbt mit dieser Formulierung um Teilnehmer: "Ob Sie ein erfahrener Jäger sind, der eine neue Herausforderung sucht, oder ein Anfänger, der einen spannenden Einstieg in diesen Sport sucht – die Marderhundjagd hat für jeden etwas zu bieten. Die Kombination aus strategischer Fährtenlesung, ethischen Jagdpraktiken und atemberaubenden Landschaften sorgt für ein unvergessliches Erlebnis." Dort wird auch dafür geworben, im Winter zu jagen, denn dann sei das Fell des Marderhundes besser. 

Vögel haben Hundefrei

Das estnische Klimaministerium argumentiert so: "Ein Pilotprojekt an fünf Küstenwiesenstandorten zeigte, dass die Jagd auf Raubtiere dazu beitrug, die Überlebensrate von Watvogelküken in den Gebieten Haeska und Põgari im Matsalu-Nationalpark zu verbessern und die angestrebte Erfolgsquote von 40 Prozent zu erreichen – ein Niveau, das den Erhalt der Vogelpopulationen ermöglicht." (ERR) Dort wurden innerhalb von drei Jahren 169 Füchse, 22 (Gold-)Schakale und 154 Marderhunde zur Strecke gebracht. 
Bekannt sei außerdem, dass nur ein einziger Marderhund, der sich auf die Insel Kumari verirrt hatte, innerhalb weniger Monate die Populationen sowohl der Grasfrösche als auch der Kreuzkröten ausgerottet habe. Und insgesamt seien während der vergangenen Jagdsaison 4285 Marderhunde erlegt worden. Marko Vinni, Berater der Estnischen Jägerschaft, schätzt, dass es auf Hiiumaa etwa 2.500 Marderhunde gibt. (ERR) 

Während dessen informiert Reiseveranstalter "AktivEst" glückliche Naturfreund/innen über "das Erfolgsgeheimnis des Marderhundes": "Fruchtbarkeit, Flexibilität und Monogamie". Schnieder-Reisen wirbt mit dem Marderhund als Beobachtungsobjekt in Estland als "unbekannter, aber nicht weniger spannend". Und eine Reporterin der "Welt" berichtete 2021 von einsamen estnischen Wäldern und niedlichen Marderhunden. "Bei uns sind die Tiere sicher" hatte ihr Triin Asi, Biologin im Nationalpark Alutaguse versichert. Vielleicht wird sie demnächst dann anderen Besucher/innen erklären: "Wir sind hier doch nicht auf Hiiumaa!" 

Montag, August 18, 2025

Waldüberwachung

Einiges Digitales sind wir ja bereits gewöhnt, was Estland betrifft. Aber alle, die sich nicht nur in Tallinn, Tartu oder Pärnu aufhalten, werden schnell einsehen, dass Estland ein Land der Wälder ist. In der Kritik geriet zuletzt allerdings die massive Erhöhung des Holzeinschlags. Von "Kahlschlag für Holzpellets" und "Gefährdung für Estlands Wälder" war da die Rede (Robin Wood). Estlands Regierung wollte dem staatlichen Energieunternehmen 10 Millionen Euro Zuschuss über zwei Jahre zahlen, um in alten Kraftwerken Holz zu verbrennen. Ziel: die Energiekosten im strukturschwachen Nordosten des Landes niedrig halten. 

Bewaldete Nutzungsziele

Dem stehen zunächst einmal die aktuellen Werbeslogans der Tourismusindusstrie entgegen. Erst kürzlich wurde ein "Waldwanderweg" durch alle drei baltischen Staaten eröffnet. "Endlos scheinende Wälder laden zum Waldbaden und zur Sichtung von Bären, Elchen und Wölfen ein." (Visit Estonia) Endlos scheinend?  Gezielt wird auch in deutschen Zeitungen für "Waldbaden in Estland" geworben (SZ). Und manche virtuelle Beeinflusser bewerben diese Wälder auch deshalb, weil sie vor allem gern günstige Preise und kostenlose Pressereisen in Anspruch nehmen (siehe "Landmeedchen")

Beim Wald zuschlagen

Aber auch für ganz andere Klientel werden "endlose Möglichkeiten" beworben, und damit ist gemeint: Geldverdienen mit Wald. Investieren, und immer dann Geld verdienen, wenn der Baum groß genug und der Holzpreis hoch ist - von Ökologie und dem Erhalt der Natur ist hier keine Rede, und der "Mythos des Waldes" kommt auf diese Weise ganz anders daher. Auf speziellen Webseiten wird um Investor/innen geworben, die "Geld in Wald" anlegen, um dann "Wald zu Geld" zu machen. Die entsprechenden Firmen geben offen zu, auch NATURA2000-Waldflächen mit Naturschutzeinschränkungen gezielt aufzukaufen. 

Statistisch gesehen liegt der Anteil von Waldflächen immer noch bei über 50% der Landesfläche Estlands. Und was unternimmt Estland als Nächstes? Welche Interessen werden bevorzugt? Die einen weisen auf steigende Populationen von Wolf und Bär hin - die Freunde des bewaffneten Waldspaziergangs (Jäger/innen). Die andere - siehe oben - sehen vor allem zu viele Rodungen. Die estnische Regierung startet das Projekt "Digitale Wälder". Slogan: "Forstdaten nahe an die Echtzeit".

Von der Datenautobahn zum Datenwaldweg? 

Da wäre zunächst mal zu klären: Forstdaten?  Ja, es geht zunächst um "Qualität und Zugänglichkeit von Daten". Typisch Estland (E-stonia)? Man könnte sich ja auch andere Ziele setzen: ökologisch intakte Wälder, saubere Umwelt, Schutz gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, nachhaltig lebensfähige, erhaltenswerte Natur. Reicht es da, vor allem erst einmal "gute Daten" haben zu wollen? Es klingt wie ein typisches Argument aus der Wissenschaft: wir wissen viel zu wenig (um handeln zu können?), also brauchen wir mehr Geld für die Forschung. "Wir möchten erreichen, dass jede/r in der Lage ist, den aktuellen Zustand unserer Wälder in Echtzeit anzusehen", meint Antti Tooming vom estnischen "Klimaministerium". 

Also Daten zum Beispiel zu Baumhöhen, Holzvorräten und abgestorbenem Bestand – aus Satellitenaufnahmen, Laserscans und der Statistischen Waldinventur. Das Ministerium betont einerseits, der Anteil geschützer Waldflächen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten erhöht. "Estland setzt verstärkt auf Cloud-Technologien und KI-gestützte Datenanalyse", notiert auch die "Wirtschafskammer Österreich" und lobt, wie sollte es anders sein, die "digitale Vorreiterrolle Estlands". 

Alt muss weg?  

Andererseits gibt es auch Aussagen wie diese: "Aufgrund des hohen Anteils älterer Wälder ist eine nachhaltige Bewirtschaftung erforderlich, um die Kapazität zur Kohlenstoffbindung zu erhöhen. Außerdem sind ältere Wälder anfälliger für Stürme, Krankheiten und Brände, und ihre Fähigkeit, Kohlenstoff zu binden, ist viel geringer als die von Wäldern in einem optimalen Wachstumsstadium." Da wird dann der Begriff "nachhaltig" zur Vokabel für "immer wieder Bäume rechtzeitig fällen, andauernd". (kliimaministeerium)

Ist Estland also ein Land der Natur? Was passiert in Zukunft mit den estnischen Wäldern? Wer einen Waldspaziergang machen möchte, und unklar ist, was er / sie da riecht, sieht und fühlt, kann dann vermutlich in Zukunft einfach den Laptop oder Tablet starten und .... sich an der Frische der Daten erfreuen. 

Freitag, Mai 09, 2025

irgendwie gut

Musikalische Lehrstunde

"Es ist sooo gail!" Die estnische Musikerin Kadri Voorand sitzt am Piano und hält Zweige in die Luft, die aussehen wir dürre Nadelhölzer. Das Konzert wird unterbrochen, es werden Zweige im Publikum verteilt. Kadri Voorand singt von der estnischen Natur, von Vater und Mutter, von der Liebe. Auch von estnischen Traditionen und wundervollen Gerüchen, die gerade diese Zweige - frisch entnommen der estnischen Natur - verströmen sollen. Ein ganz besonderes Musikerlebnis - die Konzertgäste zeigen sich bewegt bis irritiert. Schon an vielen Orten in Deutschland ist die estnische Musikerin zusammen mit dem Bassisten Mihkel Mälgand aufgetreten, aber "Musik durch die Nase" wurde wohl noch nie geboten. Wir befinden uns auf der "Baltic Night" im "Zentrum für Kunst" in Bremen, ein Ereignis, aus dessen Anlass erstmals im Rahmen der Messe "Jazzahead" an einem Abend nacheinander estnische, dann lettische und schließlich litauische Musikerinnen und Musiker ihren Auftritt hatten. 

Naturkalender am Kräuterpiano

Kadri Voorand erzeugt Nachwirkungen. Natürlich lassen uns die dargebotenen wohlriechenden "Zauberpflanzen" keine Ruhe. Nein, wie man vielleicht denken könnte, Wacholder (estn.= "kadakas") ist es diesmal nicht. Kadakas wäre ja auch zum Beispiel auf Hiiumaa in Geschenkpackungen als Seife oder Duschgel erhältlich. Oder als Wacholdersirup aus Saaremaa, nicht zu vergessen die alkoholische Variante, die heutzutage meist nur noch "Gin" (džinn) genannt wird.

Diesmal geht es aber um etwas anderes. Kadri Voorands Ausruf "sooo gail" war nicht einfach als Anbiederung an das deutschsprachige Publikum gemeint, sondern bezieht sich auf den estnischen Pflanzennamen: Sookail (ledum palustre). Der estnische "Looduskalender" (Naturkalender) verknüpft die Informationen zu dieser Pflanze gleich mit einer Warnung: "Wenn man draußen in einem Zelt übernachtet kann man davon ziemliche Kopfschmerzen bekommen und sogar krank werden", so die Warnung. Dem gegenüber steht als Empfehlung: "nur für den Schutz vor Motten geeignet". Der "Sookail" ströme ätherische Öle aus von "schwindelerregenden atemberaubenden Geruch" (maakodu). 

Wahnsinnig berauschend, oder was?

Wer hat in Deutschland schon einmal "Sumpfporst" gesehen oder gerochen? Die Pflanze wächst bevorzugt in Hochmooren, auf nassen und kalkfreien Torfböden, und wurde früher zur Heilkunde verwendet, heißt es - nun aber wegen giftiger Bestandteile nicht mehr. Ein Relikt der Eiszeit. In Deutschland inzwischen, vor allem im Süden und Westen, nahezu ausgerottet (meint Wikipedia). "Der Inhaltsstoff Ledol hat oral eingenommen eine stark berauschende und narkotische Wirkung mit agressivem Charakter" (similasan). Ist das etwa der Grund, warum es so viele gruselige Geschichten von Menschen gibt, die orientierungslos im Moor herumgeirrt sind – vielleicht haben sie alle Sumpfporst gerochen …?

In Estland wie in Lettland kommt Sumpfporst aber noch derartig häufig vor, dass überall Warnungen zu lesen sind: Die Anwendung in der Naturheilkunde sollte mit ihrem Arzt oder Apotheker abgesprochen werden! Gleichzeitig wird online Abhilfe versprochen: "hierzu beraten Sie unsere Apotheker gerne" (meine-teemischung - 100g Sumpfporst kosten hier 20 Euro). An anderer Stelle kann Ähnliches mit dem englischen Begriff 'Labradortee' erworben werden. In Estland oder Lettland ist "Sumpfporst-Tee" (lettisch:"Purva vaivariņš") bei den verfügbaren Teemischungen relativ leicht zu finden und frei verkäuflich: Rezept: 5 Gramm Blüten und Blätter, in einem Glas mit heißem Wasser aufgießen und 15 bis 20 Minuten ziehen lassen (mammauntetim). So verschreibt es der lettische Arzt Artūrs Tereško als "Phytotherapie" (Kräutermedizin). Das "Estnisches Etymologie-Wörterbuch" (ETY) weist darauf hin, dass Estinnen und Esten in früherer Zeit die Kenntnisse zu dieser Pflanze und der estnischen Bezeichnung dafür eher nicht von den Deutschen, sondern von den Schweden übernommen hätten.

Wie wir in der "Livländischen Gourvernementszeitung", Ausgabe 2.7.1858 bereits nachlesen können, wurde Sumpfporst zur Herstellung von Bier verwendet, bevor im 13. Jahrhundert sich der Gebrauch von Hopfen immer mehr durchsetzte. "Im nördlichen Europa und Schweden war es früher in Gebrauch, dem Malztrank durch Ledum palustre (Sumpfporst, wilder Rosmarin), eine dort gewöhnliche Haidepflanze, Bitterkeit und eine Art von Stärke mitzutheilen." Auch die Wirkung wird beschrieben: das Bier "steige ungewöhnlich nach dem Kopfe", und auch Kopfschmerz, Ekel, und "bei übermäßigem Trinken sogar Wahnsinn" könne auftreten.
Nun ja, in Deutschland wird nur sehr selten jemand einen Strauch "Sumpfporst" von einer Wanderung mitbringen - er wäre wohl auch verboten, da es sich um eine in Deutschland streng geschützte Art handelt. Sogar Portale wie "Mein schöner Garten" geben zu, dass die Pflanze wohl unter dem Torfabbau stark zu leiden hatte. Ist das Biotop erst mal weg, kommt auch der Porst nicht wieder (nur beim Kauf im Gartencenter).

Porst ins Bier, das rat ich Dir

Es wäre in diesem Zusammenhang aber noch ein weiteres Fachgebiet zu entdecken: die Herstellung von "Grutbier". Die "Brauwelt" berichtet: "Am 1. Februar 2025 feierten Craft Bier-Fans auf der ganzen Welt den 13. International Gruitday. Dieser Tag ist der Feiertag des Grutbieres, eines Bieres gebraut mit Würzkräutern anstelle oder in Ergänzung des Hopfens, so wie es im Mittelalter Brauch war." Bezug genommen wird hier auf lateinische Quellen des Mittelalters, in denen "Grut" gleichbedeutend gewesen sei mit "fermentum, materia, levarentur und pigmentum" - also: Substanzen zur Herstellung von Bier. (Brauwelt) Genauer gesagt: als häufigste Zutaten zum Bier galten damals "Gagel und Porst" (Gagelstrauch und Sumpfporst). Gleichzeitig wird zugegeben: wer damals noch über "Gagel und Porst" hinausgehen wollte, griff auch zu Fliegenpilz, schwarzem Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel - alle mit (mindestens) halluzinogenen Eigenschaften. Wir ahnen die Bedeutung eines "Reinheitsgebots", auf dessen verschiedene Traditionen ja besonders das bayrische Bier besonders stolz ist.

Bei "Hopfenhelden" wird nicht ohne Stolz auf heutige Hersteller von "Grutbier" verwiesen, so ungefähr nach dem Motto: hast Du eine Kräuterwiese, kannst Du auch Grutbier brauen. "Porst" wird dabei allerdings nicht erwähnt, denn, wie gesagt: in Deutschland gibt es ihn beinahe nicht mehr, und er steht unter Artenschutz. Dennoch, wer's kräuterhaltig mag: Wohl bekommt's!

Eine Erkenntnis: beim Genuss von estnischer Musik können wir einiges lernen - wenn wir nur richtig hinriechen. Vielleicht nicht "super-geil", aber irgendwie gut.

Mittwoch, August 28, 2024

Bitte mit weißem Eimer

In Estland verirren sich jedes Jahr über 200 Personen in den Wäldern  Warum? Das können wohl nur diejenigen fragen, die nicht wissen, was viele Menschen tun, wenn sich der Sommer dem Ende zuneigt. Wie in der ganzen Region zieht es viele zum Pilzesuchen - immer auf der Suche nach guten Stellen, die noch niemand anderes entdeckt hat. 

In diesem Jahr fühlt fühlt sich die estnische Polizei veranlasst zu eine Warnung. "Es ist ja keine Schande, per Telefon die 112 anzurufen," meint Polizeivorsteher Pirko Pärila im estnischen Fernsehen. Sobald jemand das Gefühl hat, verloren zu sein und den Weg aus dem Wald nicht mehr zu finden, sollte er sofort anrufen. "Denn wenn jemand damit länger wartet, könnte es draußen auch schnell dunkler werden", so Pärila (err)

Zur Ausrüstung des Pilzesuchers gehören, so die Empfehlung der estnischen Polizei, vor allem drei Dinge: ein Mobiltelefon mit voll geladenem Akku, eine warme Jacke, und: ein weißer Eimer. Ein weißer Eimer sei aus der Luft am einfachsten zu erkennen, empfiehlt die estnische Polizei; sei es von einer Hubschrauberbesatzung, Drohnensuchgeräten oder sogar bei einfacher Bewegung im Gelände. Der weiße Eimer sei das Schlüsselelement, das der Polizei helfe, eine Person sehr schnell zu lokalisieren. 

Natürlich sei es auch gut, andere vorher zu informieren, welche Waldgebiete man aufzusuchen gedenke. Und selbstverständlich solle man sich auch darauf vorbereiten, mal eine Nacht im Wald zubringen zu müssen - selbst dann, wenn kein Notfall eintritt.

Donnerstag, August 24, 2023

Gast und Freundschaft

Nein, das hat Estland nicht verdient. Sicher, es könnte noch ein paar mehr Touristen geben, noch immer ist das Niveau von 2019 nicht wieder erreicht, so meldete es auch zuletzt das Estnische Amt für Statistik. Aber zumindest die Hauptstadt Tallinn hat ja auch schon einiges von denjenigen touristischen Trends mitbekommen, die sich nicht unbedingt positiv auswirken auf die Menschen, die dort wohnen und leben, wo es passiert. 

Zuerst kam der Alkoholtourismus aus Finnland. Dann kamen die ausufernden "Stag-Parties" - man könnte es auch "Junggesellen-Sauftouren" nennen. Inzwischen offenbar ein festes Segment mit klarem Label bei viel Bier, Stripper-Yachten, Nachtclubs und eigener Webseite. Wem das nicht ausreicht, der kann auch eine "VIP-Party" (Very Important Party) machen mit Paintball, Crashcar-Rennen und Waffenübungen als "ultimate anger management" (so verspricht die Werbung). Aktivitäten für "echte Männer" eben.

Es soll ja Städte geben, wo Hotels und Restaurants eindeutige Hinweise (no stag!) bereits an der Eingangstür kleben haben. - Andere Aktivitäten, von dem, was sich so Tourismus nennt, beeinträchtigen eher die Natur. Vielleicht auch die Menschen, die auf dem Dorf oder in Gegenden mit wenig menschlicher Besiedlung leben. Da stellte doch neulich ein Beitrag in der österreichischen Zeitung "Der Standard" fest, dass ein Aufenthalt in Norwegen selbst für "Wildcamper" nicht mehr "einsam" genannt werden könne. Etwas ironisch heißt es dort, auch an "jungfräulichen Gletschern" und "unbeleckten Felskanzeln" würden täglich "nur wenige Tausende Menschen" ihre Selfies machen. Norwegen sei eben "Sehnsuchtsort der Wildcamper". Da sei doch "das Baltikum" eine Alternative, so die These im "Standard".

Gut, wir kennen, was Skandinavien angeht, das dortige "Allemansrätt" (Jedermannsrecht). Es erlaubt vor allem, fast überall für eine Nacht zu bleiben - unter der Maßgabe, keine Schäden anzurichten und nichts Übles zu hinterlassen. Gibt es in Estland eigentlich Ähnliches? Aber ja, meint "Nordisch-Info", in Estland werde es "igamehe õigus" genannt, und niemand dürfe der Zutritt zur Küste, zum Wald oder zu Seen und Flüssen verwehrt werden. Wer übernachten will, möge höflich den Besitzer fragen, heißt es hier. Abgesehen davon, dass es sicher nicht leicht wird, immer "Besitzer" zu finden, empfehlen aber Portale wie "Caravanya" Ähnliches; "Trekkingstrails" bietet sogar eine europaweite Übersichtskarte und verweist auf die "Guidelines for nature tourists". Viele Portale, so zum Beispiel "Camperstyle" informieren allerdings sehr ungenau und "deutschlandtypisch" einfach über "Baltikum", weisen also nicht einmal darauf hin, dass es sich hier um drei unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen Gesetzgebungen geht. Hier bleibt es bei der schlichten Empfehlung "Dass du dich dabei an die üblichen Benimmregeln hältst und dich unauffällig und ruhig verhältst, sollte selbstverständlich sein". 

So entsteht dann manchmal eine Art "Heimlichtuerei" - wer sich eher "unauffällig" verhalten will, kommt in der Praxis sicher auch in wenig eindeutige Situationen. Angekommen auf einer schönen Waldwiese, einem einsamen Küstenstreifen einer estnischen Insel, oder an einem schönen Aussichtsplatz - wer möchte da schon laut nach einem "Besitzer" rufen? "Estland-typisch" steht dann da manchmal sogar ein Schild mit einer Telefonnummer, die man anrufen möge. Aber wie viele machen das? 

"Standard"-Autor Sascha Aumüller hat uns Leserinnen und Lesern eben auch nicht verraten, warum auch in Norwegen inzwischen "Wildcamper" aus Deutschland nicht mehr ganz so beliebt sind. Gut. Norwegerinnen und Norweger bemühen sich jeden Sommer aufs Neue, ausgesprochen freundlich mit allen Gästen umzugehen (Norweger im November oder März zu treffen, kann da manchmal sehr lehrreich sein!). Und manche Schlagzeilen stehen dann eben auch nur in der norwegischen Heimatpresse. Dass zum Beispiel über Zufahrtsbeschränkungen zu norwegischen Inseln diskutiert wird, da im Sommer regelmäßig die ganze Inselküste rundrum von Touristen zugeparkt wird. Gerne von Wohnmobilen. 

Und ebenso ist in Norwegen bekannt, dass eben Deutsche nicht nur gerne in Wohnmobilen anreisen, sondern dort auch vorzugsweise ein riesiger Kühlschrank enthalten ist. Da gibt es inzwischen offenbar nicht wenige "Spezialisten", die in Norwegen massenweise Lachs aufkaufen, diesen im eigenen Kühlschrank oder Gefriertruhe lagern, und ihn dann zu Hause in Deutschland weiterverkaufen. Motto: billig leben im Gastland, möglichst noch ein gutes Geschäft machen dabei (das funktioniert übrigens auch bei einigen anderen Fischarten noch). 

Für Estland gibt es da eher noch ein anderes Problem. Weiterhin beliebt ist ja die Etikettierung der Reiseziele als "Baltikum". Zusätzlich auch noch in enge Zeitrahmen gepresst, organisieren viele Veranstalter die Reisegruppen so, dass sie ein Bus von Ort zu Ort bringt. Manchmal wird dazwischen dann noch ein paar Kilometerchen Rad gefahren, gewandert oder eine Sehenswürdigkeit erkundet. Für die Busse müssen jedenfalls, manchmal auch spontan, Standorte gesucht werden, Parkplätze an möglichst attraktiven Orten, wo dann die Reisenden Anlaufstellen haben um entweder dort wieder in den Bus einzusteigen, oder wo oft auch noch eine ausgiebige Pause einer großen Gruppe stattfindet, manchmal mit Fleisch und Würstchen frisch vom Grill. Ich habe es selbst erlebt, dass dann ein kleines Schild "privat" solche zwar kurzen, aber in schöner Regelmäßigkeit immer wieder stattfindenen "Partys" nicht verhindert. Nein, Herr Aumüller, es wäre wirklich nicht schön, wenn sich solche Gewohnheiten noch weiter auf die schönsten Orte Estland ergießen würden. Nun ja, vielleicht bauen die Est/innen ja auch noch ein paar Lachsfarmen?

Montag, November 21, 2022

Kommt ein Vogel geflogen

Estlands Natur ist unbestritten ein Anziehungspunkt für viele Gäste und Naturliebhaber. Gerade Menschen aus dicht besiedelten und stärker industrialisierten Ländern kommen gern hierher, auch wenn die meisten von ihnen sicher nicht die Artenkenntnis mitbringen wie Spezialist/innen von Ökologie, Biologie oder Ornithologie.

Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit kann Estland nun auf 30 Jahre Entwicklung auch unter diesem Aspekt zurückblicken. Marko Mägi, Wissenschaftler an der Universität Tartu, stellt dazu fest, dass die Vogelpopulationen in diesen Jahren leider zurückgegangen seien. Estland habe den Kapitalismus von solcher Art für sich entdeckt der zur Folge habe, dass alles intensiver bewirtschaftet werde, meint er. Dem gleichen Trend sei die Land- und Forstwirtschaft Estlands gefolgt. Als Resultat habe sich die Vielfalt der Vogelarten verringert, und zwar nicht nur der seltenen Arten, sondern auch bei den ganz gewöhnlichen Arten seien die Zahlen heruntergegangen. (ERR)

"Nachdem Estland zur Europäischen Union beigetreten ist, wurden die Agrarsubventionen erhöht, wodurch wir mehr Pestizide und Düngemittel verwendet werden konnten. Die Felder sind auch größer und gleichmäßiger“, ergänzt Kaarel Võhandu, Vorsitzender der "Estnischen Ornithologische Gesellschaft" (Eesti Ornitoloogiaühing EOÜ).  

Außerdem sei der Nutzungsdruck auf die estnischen Wälder erheblich gewachsen: Zwischen 2016 und 2018 stiegen die abgeholzten Waldflächen im Vergleich zum Zeitraum von 2004 bis 2015 um 85%. In 95% dieser Fälle erfolgt der Holzeinschlag durch Kahlschlag. (Birdlife) Etwa 100 verschiedene Brutvögelarten leben allein in den estnischen Wäldern - durch zunehmenden Holzeinschlag seien zum Beispiel Arten wie Birkhuhn, Auerhuhn, Heidelerche oder Baumpieper besonders gefährdet. So verlangt auch "Birdlife Estonia" ein Verbot von Holzeinschlag in der Brutsaison, also vom 15. März bis 31. August, wenigstens aber bis zum 15. Juli. Auch die Schwarzstorchpopulation sei in Estland stark rückläufig - so dass im Frühjahr aus dem Süden zurückkehrende Vögel oft keinen neuen Partner oder Partnerin finden könnten (Estonianworld).

Marko Mägi nimmt dabei auch zum Klimawandel als möglicher Ursache für Veränderungen der Vogelpopulation Stellung. Natürlich könne auch das zum Rückgang der Vogelpopulationen beitragen - aber jedenfalls seien noch keine Vogelarten, die normalerweise weiter südlich leben, nun zusätzlich in Estland beobachtet worden. "Der menschliche Einfluß auf einzelne Regionen vor Ort ist derzeit viel stärker." (ERR)

388 wildlebende Vogelarten wurden als Brutvögel in Estland gezählt (Stand 2018) - wenn wir alles dazuzählen, was je in Estland in der Geschichte der Ornithologie beobachtet worden ist. (EOY) Etwa 225 Vogelarten gelten heute noch als Brutvögel in Estland. Zum Vergleich: in Schleswig-Holstein sind es 216, in Niedersachen / Bremen 208, in Deutschland insgesamt sind es 305 Arten. Tourismusanbieter wie "NaTourEst", "Birding Haapsalu" oder "EcoTours Anytime" versprechen ihren Gästen die Möglichkeit, auf einer mehrtägigen Vogelbeobachtungstour in Estland bis zu 175 Arten sehen zu können.

Ob Estland aber einen Status als - so wie einige es nennen - "birdiest country in Europe" (vogelreichstes Land Europas) halten kann, scheint ungewiss. Bisher werben estnische Gemeinde wie Haapsalu aktiv mit ihrer Vielfalt an Vogelarten. Der estnischen Tourismuswerbung zufolge liegt die Rekordzahl der Vogelarten, die in Estland innerhalb von 24 Stunden beobachtet werden konnte, bei 194 (VisitEstonia)

Montag, Juli 19, 2021

Glühender Norden

Während in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz andauernder Starkregen Überflutungskatastrophen auslöste, erleben Estinnen und Esten andauernde Hitze und Dürre. Es liest sich schon fast wie die Umkehrung aller Gewohnheiten: während bisher Wolken und Regengebiete eher von West nach Nordost über Deutschland ziehen und dann auch über der Ostsee landen, bleiben sie jetzt kreiselnd über den Mittelgebirgen stecken. In Estland gibt es derweil Trockenheit und Waldbrandgefahr: der staatliche estnische Rettungsdienst (Päästeamet) kündigte striktere Regeln für einzelne Teile des Landes an, die nicht nur bekannte Sicherungsmaßnahmen wie ein Verbot von Lagerfeuern beinhalten, sondern auch das Verbot die Gegend mit Autos zu befahren - denn von Fahrzeugen verursachter Funkenflug soll bereits mehrere Brände ausgelöst haben. (err)

Besonders im Fokus stehen dabei die Regionen von Lääne-Virumaa, Ida-Virumaa, Jõgeva und Järva. Nicht nur Waldgebiete seien betroffen, so ein Behördensprecher, sondern auch Moore und andere Bereiche mit dichter Vegetation. Ausnahmen könne es eventuell für Landbesitzer geben. Der Rettungsdienst hat im Jahr 2021 bereits 626 Brände registriert, 10% davon in den ersten beiden Juliwochen.

Bereits seit Mitte Juni hatte es in Estland Temperaturen von 30-35 Grad gegeben, mit einer Spitze bei 34.6 Grad. Der estnische absolute Hitzerekord liegt bei 35,6 Grad und stammt aus dem Jahr 1992. 

Taimi Paljak zufolge, Metereologin beim estnischen Fernsehen ETV, seien bisher Temperaturen von über 30 Grad in Estland immer nur für einen kurzen Zeitraum von wenigen Tagen zu beoachten gewesen, während davor und danach dann eine Abkühlung auf etwa 20 Grad zu beobachten sei. Jetzt aber sei die Temperatur auch nachts kaum unter 20 Grad gesunken. (err)

Donnerstag, Juni 03, 2021

Pelze unzüchtig

Ab dem Jahr 2026 soll in Estland die Zucht von Pelztieren gänzlich verboten werden - das beschloss das estnische Parlament mit 56 gegen 19 Stimmen. Es war bereits der dritte Versuch eines Verbots: 2017 und 2019 war keine ausreichende Mehrheit vorhanden gewesen. (err) Jedoch haben alle Pelztierfarmen, die vor dem 1. Juli 2021 bereits bestehen, noch eine Bestandsgarantie bis zum 31.12. 2025. Nerz- und Waschbärzuchtfarmen wird es danach also nicht mehr geben. 

Estland ist das erste der drei baltischen Staaten mit einem derartigen Beschluss. Unterstützt wird das Vorhaben unter anderem von der Tierschutzorganisation "Loomus", die auch auf Umfragen verweist, denen zufolge 75% der Estinnen und Esten der Pelztierzucht ablehnend gegenüber stünden. (siehe auch: balticcultures)

Als "historischen Schritt" bezeichnete Annaliisa Post, Vorstandsmitglied bei "Loomus", den Parlamentsbeschluß. "Dafür haben wir jahrelang gekämpft."
Die Tierschützer verweisen auf ähnliche Beschlüsse in Tschechien, Österreich, den Niederlanden, Mazedonien, Bosnien/Herzogowina, und Slowenien. Auch in den deutschen Bundesstaaten Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sei Pelztierzucht bereits untersagt. In Deutschland wurden im März 2019 auf der letzten deutschen Pelzfarm in Rahden (NRW) keine Tiere mehr gehalten (ZDF).

Beschleunigt werden diese Maßnahmen wahrscheinlich auch durch die Pandemie mit dem Covid19-Virus. Dass das Coronavirus sich auf Nerze überträgt ist schon seit Anfang der Pandemie bekannt. Zunächst wurde das Virus wahrscheinlich von infizierten Menschen auf die Tiere übertragen.

Der europäische Pelztierverband reagierte mit dem Versuch einer Imageänderung: statt "Fur Europe" heißt die Devise jetzt "Sustainable Fur". Billigtextilien sollen so als "unsustailnable" erklärt, die eigene Pelztiermode zur "Slow Fashion" werden. Weiteres Schlagwort: auf wissenschaftlicher Grundlage. Sind also protestierende Tierschützer/innen nur "ungebildeter Mob der Straße"? Der Verband wirbt unter anderem mit einer angeblich vorbildlichen Pelztierfarm in Litauen. 

Offenbar wird es aber auch in Estland trotz der neuen Regelungen weiterhin nicht verboten sein, Pelztierprodukte zu verkaufen.

Freitag, April 09, 2021

Von Ausgangssperre zu Hüpffreiheit

Für die Dauer von zwei Wochen werden in Tallinn Straßen gesperrt - aber nicht aus Gründen des Gesundheitsschutzes, und auch nur für Autos. Von abends 21 Uhr bis morgens früh um 6 Uhr ist dann das Befahren verboten - es gibt Ausnahmen für den Öffentlichen Nahverkehr. (err / bnn). Das geschieht im Tallinner Stadtteil Habersti, vor allem im Bereich der Straßen der Astangu tänav und der Kotermaa tänav. Auch beim Zitieren der Aussage von Oleg Siljanov, stellvertretender Bürgermeister von Habersti, muss genau hingehört bzw. gelesen werden: "Wir wollen ein Massensterben verhindern." 

Gemeint ist in diesem Fall allerdings die jahreszeitlich bedingte Wanderung von Kröten und Fröschen. "Die Astangu tänav ist ein der bedeutendsten Migrationswege für Amphibien in Estland," erläutert Siljanov, "und wir sorgen hier für geschützte Tierarten, die von ihren Winterplätzen zu den Laichgewässern wandern." 

Wegen der Pandemie sei es in diesem Jahr auch nicht möglich, freiwillige Helfer/innen einzusetzen, so entschieden es die zuständigen Amtsstellen. 

2019 hatte der Estnische Naturschutzfond sogar zu einem Gedichtwettbewerb "Springender Frosch" eingeladen, um das Bewußtsein für die ökologische Bedeutung von Amphibien in Estland zu stärken. 

Infoseite: Amphibienarten in Estland (estnisch, mit Bild und Audio)

Sonntag, Mai 17, 2020

Neuer Zustand

Nein, ein "Ausnahmezustand" bestehe in Estland nicht mehr - jedenfalls nicht mehr nach dem 18.Mai, so kündigte es Regierungschef Ratas an (err). Unsere Maßnahmen erlauben es uns jetzt, zu einem normaleren Leben zurückzukehren," meinte Ratas. Man müsse jedoch wachsam bleiben.

Die Nachbarn aus Litauen und Lettland dürfen jetzt einreisen, ohne erst mal 14 Tage in Quarantäne geschickt zu werden. Für Einreisende aus Finnland sind genaue Bedingungen genannt: wenn keine Krankheitssymptome vorliegen, dürfen Finninnen und Finnen die in Estland arbeiten oder studieren einreisen, ebenso alle die aus familiären Gründen, also wegen einer anstehende Hochzeit oder Beerdigung, einreisen wollen.

Am meisten Aufsehen erregten in der vergangenen Woche jedoch die Bären, die freilaufend auf den Straßen der estnischen Hauptstadt gesichtet wurden. "Wenn drei, vier, fünf Wochen lang niemand auf den Straßen herumläuft und sie stört, werden sie eben mutiger," meinte der estnische Zoologe Aleksei Turovski (err). Eine andere Bemerkung wird Einwohner*innen Tallinns wohl kaum beruhigt haben: "Wenn sie aus dem Winterschlaf kommen, sind die Bären eben auch am hungrigsten." - Turovski gibt auch Tipps für Begegnungen mit Bären: "Flüstern sie nicht, sprechen Sie in normaler Lautstärke." Aber ob Hauptstädter*innen dieselbe Wortwohl wie ihre Zoologen wählen werden, muss offen bleiben. Turowski empfiehlt Sätze wie diesen: "Hallo Teddy, schön dich zu sehen!"

Die estnische Polizei hatte die Suche nach den nahe des Freilichtmuseums (Vabaõhumuuseum) gesichteten Bären, bei der auch fliegende Drohnen und Suchhunde im Einsatz waren, ohne Ergebnis wieder abgebrochen. Insgesamt wird geschätzt, dass mehrere hundert Braunbären in Estland leben.

Donnerstag, April 18, 2019

Auf ein Wort

Estland macht sich Sorgen. Um die Zukunft? Die neue Regierung? Das auch. Aber die Estinnen und Esten beschäftigen sich offenbar auch mit sehr "estnischen" Fragen. Wir lernen: auch die Eigenschaft "estnisch" an sich ist offenbar noch zu steigern. Gesucht wurde in Estland nämlich kürzlich "das allerestnischte" - oder wie soll man sagen? Das am meisten Estland-typische .... Wort.

"Schande - häbi!" könnte es einem spontan entfahren, angesichts der Merkwürdigkeiten der aktuellen Regierungsbildung. Aber nein, ein Wort mit nur vier gewöhnlichen Buchstaben, das war natürlich gar nicht in der engeren Auswahl. "Jäääär" - kommt mir als nächstes in den Sinn; wahrscheinlich schon viel "estnischer", und mit vierfach-Vokal: eine estnische Band, und, einige Jahre lang ein in Berlin beliebtes estnisches Café (zur Zeit nur noch in den Facebook-Memories existent).

"Tööö" oder "Kuuuurija" schlägt uns der Blog "Auf in den Norden" als herausragende estnische Worte vor (Nachtarbeit, Mondforscher). Nicht ohne zu ergänzen, dass es auch Wörter gäbe im Estnischen, die nur zu beschreiben, aber nicht zu übersetzen seien - aber selbst ein schönes Wort wie "Hauaööõudused" kam beim estnischen Wettbewerb nicht ganz nach vorn.

Sõnajalaõis - die "Farnblüte" soll es jetzt also sein. Das "estnischte", sozusagen (ERR). "Eine fantastische Wahl!" jubelt Rain Kooli (Eesti Rahvusringhääling / Estnischer Rundfunk ERR). In diesem Wort seien ethnisch-mystische Aspekte genauso enthalten wie die Sehnsucht nach Glück. 7000 Stimmen wurden insgesamt abgegeben. Auch eine gesungene Version mit diesem Titel soll es bereits geben. 
Da irritiert nur eine Mitteilung im "Looduskalender", geschrieben bereits 2010. Dort heißt es:
"In der estnischen Volksüberlieferung ist der Rainfarn, sõnajalaõis, eine magische Blume. Sie blüht nur für sehr kurze Zeit in der Mitsommernach, und soll dem Finder Glück bringen können, sowie die Fähigkeit, die Tiersprache zu verstehen, Unsichtbarkeit, Reichtum und vieles mehr."-
Trösten wir uns, vermutlich ist da nicht "Rainfarn" (
Tanacetum vulgare) gemeint, eine Pflanze die zumindest in Deutschland sehr gewöhnlich und weit verbreitet ist. Wie wir u.a. auf "Kostbare-Natur" nachlesen können, gehört dieser nicht zu den Farnen, sondern zu den Korbblütlern. Früher soll man in Livland Wurmkuren für Pferde mit Rainfarn zubereitet haben, so berichten alte Enzyklopädien. Auch Johannes Brobowski soll übrigens schon den Rainfarn als Übersetzung für "Farnblüte" missverstanden haben - lernen wir beim "Deutschlandfunk" (siehe auch: Planet Lyrik). Vielleicht kommt das daher, wie wir in den Annaberger Annalen nachlesen können, dass es bei Brobowski sogar eine eigene Erzählung mit dem deutschen Titel "Rainfarn" gibt - die von einem Kraut erzählt das unsichtbar macht. 

Wie auch immer: ob nun reale "Sõnajalaõis", oder nur fantasierte - vermutlich werden die Estinnen und Esten auch dieses Jahr zu Mitsommer nicht mit dem schlichten Rainfarn (Harilik soolikarohi) am Wegesrand zufrieden sein. Einige haben schon begonnen damit, im Internet "Fake-Sõnajalaõis" zu posten - also angeblich in der Mitsommernacht gefundene Farnblüten. Für alle, die mehr als nur EIN Wort Estnisch lernen wollen: den Wortschatz zum Mitsommer-Feiern hat bereits der "Eestikultuurist" zusammengetragen. Nehmen wir - als Deutsche - das Ganze mal als Ermutigung, von der schönen Sprache des Estnischen doch mehr als nur "Terviseks" zu lernen (ganz deutsch betont auf der letzten Silbe ...).

Mittwoch, Mai 16, 2018

Eestimaa - hundimaa = Wolfsland

Estland hat eine Nationalblume (die Kornblume), einen Nationalvogel (die Rauchschwalbe), einen Nationalfisch (der Strömling), einen Nationalstein (Kalkstein), und sogar einen National-Schmetterling (nach Abstimmungsergebnissen aus dem Jahr 2017 soll es der Schwalbenschwanz sein - estnisch "Pääsusaba"). Und nun endlich, nach fast fünf Jahren andauernder Diskussion, wurde auch über ein estnisches National-TIER entschieden - es soll der Wolf sein.

Es soll eine hitzige Diskussion gewesen sein: Vertreter/innen von 20 Naturschutz- und Kulturorganisationen saßen jahrelang zusammen, um sich über ein estnisches Nationaltier zu einigen. Schließlich entschied eine Mehrheit für den Wolf, als Symbol für unberührte Natur, der seit Hunderten und vielleicht Tausenden von Jahren schon die Wiesen und wälder beherrscht. "Der Wolf ist ein Indikator intakter Natur und spiegelt das estnische Naturverständnis wieder", so die Befürworter. (Postimees)

Welches Tier wäre denn als Alternative in Frage gekommen? Storch, Bär und Elch reklamiert auch Litauen für sich (Storch als Nationaltier, der Bär im Wappen Žemaitijas, der Elch als Symbol der Kurischen Nehrung). Elche wären ja auch durch Skandinavien schon genug strapaziert. Nun ja, der Bär - es soll in Estland immerhin etwa 800 geben - ist vielleicht auch zu sehr bekannt in seiner Version als "russischer Bär" - da haben alle schönen Geschichten von durch Estland wandernde Bären wohl keine Chance. Nein, weder Biber, Fuchs, Dachs oder Luchs wäre der Gegenvorschlag gewesen - wohl aber der Igel! Denn wer das Nationalepos "Kalevipoeg" gelesen hat, der kennt den Igel als klugen Ratgeber des großen Helden - ein wichtiges Argument! Schließlich soll der Igel, der Sage zu Folge, sein "dornenbesetztes Röckchen" nur deshalb tragen, weil Kalevipoeg es ihm zum Dank schenkte.

Am Ende jedoch siegte der Wolf - zumindest bei dieser Abstimmung unter Naturfreunden; vielleicht ist er nicht im Kalevipoeg nicht so positiv erwähnt, aber doch in sehr vielen estnischen Volkssagen präsent. 200 Wölfe in 20-25 Rudeln soll es derzeit in Estland geben. Dem Estnischen Jagdverband zufolge werden jedes Jahr auch 100-150 Wölfe geschossen - mit Jagderlaubnis. "Gut organisiert sind winterliche Lappjagden auf Isegrim", schwärmt die Zeitschrift "Jagen weltweit". Angesichts des potentiell weit verbreiteten Kundenkreises deutscher Jäger in Estland ist naheliegend, dass der Wolf in Deutschland niemals Nationaltier werden kann: "Einen ehrlichen Interessenvertreter hat der Wolf hierzulande nicht," bilanziert DIE ZEIT die Diskussion in Deutschland.

Es gibt auch andere Anlässe, Estland als "Wolfsland" zu identifizieren: dem estnisch-lettischen Film mit Autor und Sänger Jaan Tätte über Natur in Estland gab der NDR (und auch der estnische Regisseur Urmas Eero Liiv) schon 2006 den Titel: "Estland - Wölfe, Biber, Bären." Wer will, kann es ja als Prioritätenliste sehen.
Es gibt auch Stimmen, die mit geschichtlichen Fakten die Angst der Menschen vor Wölfen bearbeiten wollen. "Vor 140 Jahren haben Wölfe noch Menschen gefressen", schrieb der Wissenschaftsjournalist Villu Pärt in einem Blog der Universität Tartu. "Im 18. und 19. Jahrhundert war das Nahrungsangebot in Estland sehr viel geringer," schreibt er, und beruft sich einerseits auf die historischen Schriften von Jakob Benjamin Fischer, einem deutschbaltischen Naturforscher Ende des 18. Jahrhunderts. Andererseits hat mit Ilmar Rootsi auch ein junger estnischer Wissenschaftler die Beziehungen zwischen Mensch und Wolf untersucht. In früheren Zeiten seien unter anderem auch deshalb manchmal Kinder zu Opfern von Wölfen geworden, weil eben auch schon Kinder als Hirten eingesetzt waren, die Schafs- oder Kuhherden bewachen mussten, oft ganz allein. Die beiden letzte Todesfälle in Verbindung mit einem Wolf sollen sich in Estland 1853 und 1873 zugetragen haben: das Opfer im ersten Fall war fünf Jahre alt, im zweiten neun.

Nun ja, den Wolf in Estland als weit verbreitet anzusehen, kann jedenfalls nicht falsch sein. Es kann ja den Estinnen und Esten nicht "verordnet" werden, ihr nun "demokratisch gewähltes" Nationaltier auch lieben zu müssen. - Warum ausgerechnet der Schwalbenschwanz zu Estlands Schmetterling gevotet wurde, versuchten es die initiatoren so zu begründen: "Ganz so wie die Esten sich gerne auf den Berghängen versammeln, um zusammen zu singen, versammeln sich auch die Schwalbenschwänze auf ihren Balzflügen oft auf Bergspitzen." (Looduskalender) Nur das es in Estland eben keine "Bergspitzen" gibt.

Bliebe eigentlich nur noch, vor sprachlichen Falltüren in Estland zu warnen: der "koer" ist der estnische Name für Hund - "hunt" jedoch ist: der Wolf. Trickreich ist, dass es auch einen "Hundikoer" gibt: den Wolfshund.

Mittwoch, April 11, 2018

Das Apfelrätsel

Alte Livländer Apfelsorten: Ananas, Gravensteiner oder...
... Suisleper (rechts) - in einem Gartenbaubuch von 1884
Zuerst sah ich dieses Gemälde - vermutlich von dem Lithograph und Verleger Emil Hochdanz (1816-1885) gemalt. Als sehr naturgetreue Abbildung in einem alten Buch, Neuberts deutschem Garten-Magazin, erschienen 1884. Bildtitel: "Drei Apfelsorten, welche in der Nähe von Riga in grossen Quantitäten gezüchtet werden".  Das macht doch neugierig! Einer der drei hat einen ungewöhnlichen Namen: "Suisleper".

Ein Hofgärtner namens Kuphaldt soll sie den Buchautoren (nach München) per Post geschickt haben - 10 Apfelsorten zur Probe, dazu auch Zweige. Drei davon gelangen hier im Buch zur ausführlicheren Darstellung: der Ananasapfel, der Liefländer Gravensteiner, und eben dieser "Suisleper". Ein Apfel ähnlich dem "Cuisinot", urteilt der Buchautor, von ausgiebiger Röte - aber ohne weitere, nähere Beschreibung. Vielleicht kam damals ein Teil dieser Kuphaldtschen Postsendung zumindest dem Botanischen Garten in München zu Gute.

Wer heute den "Suisleper" sucht, findet ihn noch unter "seltene Apfelsorten", aber oft mit der Angabe "Herkunft unbekannt". Erst auf der "Biologie-Seite" fand ich Näheres - ein Zufall, dass der Betreiber ebenfalls aus München kommt? Hier ist unter dem Stichwort "Suislepper" folgende Notiz zu finden: "Ein Hr. Goegginger bezog die Sorte um 1907 vom Gut Suislepp, Dorpat (Estland), wohin sie aus Frankreich gekommen sein soll". Eine estnische Apfelzüchtung also? Beide Quellen, aus den Jahren 1884 wie 1907, geben die Herkunft aus Livland an, soviel kann als Zwischenergebnis festgehalten werden.
Abb. aus: "Eesti mõisaportaal"

Das zugehörige Gut (zum Apfel) zu finden, bereitet in Zeiten des Internets ebenfalls wenig Schwierigkeiten. "Vana-Suislepa mõis" - der Gutshof Alt-Suislepp" - befindet sich in der Gemeinde Tarvast bei Viljandi in Südwest-Estland. Paul I., Sohn Katherina der Großen und 1796-1801 Kaiser von Rußland, schenkte Suislep Baron Mengden, der das Gut (Neu-Suislep) 1799 für 28.000 Rubel an  Carl von Krüdener weiterverkauft haben soll. Alt-Suislepp blieb Staatseigentum.

Aber war der "Suisleper" eine Ausnahme? Ein seltener Fall eines nordischen Apfelsorte?  Es ist schließlich eine alte Ausgabe der "Baltischen Wochenschrift" (Ausgabe von 1876) in der sich eine ausführliche Übersicht zu den damals in Livland angebauten Apfelsorten befindet. Dort findet sich ein Bericht zur "Dorpater Obstausstellung" des Septembers 1875; hier sind die einheimischen Äpfel eingeteilt in Calvillen, Schlotteräpfel, Gulderlinge, Rosenäpfel, Taubenapfel, Rambour, Reinetten,  Streiflinge, Spitzäpfel und Plattäpfel - insgesamt 158 verschiedene Sorten! Unser "Suisleper" befindet sich dabei unter den Rosenäpfeln einsortiert, und auch die Abstammung von Sorten aus Frankreich ("Pfirsichroter Sommerapfel") wird hier bestätigt.
Aus Anlaß der genannten Obstausstellung besichtigte eine speziell hierfür gebildete Kommission 180 Gärten persönlich und erfassten 1800 Obstbäume, indem dort kleine Blechschildchen angebracht wurden. Sollte jemand also heute, beim Spaziergang in der Gegend um Tartu, Viljandi oder Otepää, solch ein Blech noch finden - dann muss es wohl ein alter "õunapuu" sein.

Mittwoch, März 21, 2018

Den Winter wegbrüten

der Jahreslauf der Webcam-
Naturbeobachtung in Estland
Nein, auch in Estland sieht es gegenwärtig noch nicht sehr nach Frühling aus. Noch zeigen sich Teile der estnischen Küste vereist, das Land beherrscht der Frost.

Wer die Natur Estlands mag, und ihr trotz Eis und Schnee etwas näher kommen will, wird jedoch längst die Möglichkeiten des "Looduskalender" entdeckt haben: nicht nur aktuelle Informationen zu Tieren und Pflanzen in Estland gibt es hier (manches sogar in deutscher Sprache), sondern auch Tipps zu Beobachtungsmöglichkeiten. Und damit sind nicht nur Wandertouren mit Fernglas und Spektiv gemeint, sondern vor allem Beobachtungsmöglichkeiten "live im Internet". Nahezu während des ganzen Jahres sind Kameras in Betrieb, manche sogar mit Bild + Ton. So gesehen, bedeutet kann "Looduskalender" auch "Webcams im Jahreslauf" bieten: von Luchs, Dachs, Rotwild, bis zu Singvögeln und Kegelrobben.

"Ich habe das Erste!" - die estnischen Seeadlerpärchen
wissen offenbar ganz genau, was zur Osterzeit
mit Eiern zu tun ist
Und die - im baltischen Maßstab - erste Attraktion des Jahres haben ebenfalls estnischen Naturfreunde zu bieten: im Seeadlernest wurde vor wenigen Tagen das erste Ei gelegt.

Leider erfüllen sich nicht alle Wünsche von selbst: für Aufbau und Instandhaltung der Kameras bitten die Betreiber um Spenden. Und wer live die Nester beobachtet, erlebt nicht nur voller Erwartung mit, wie Vogeleltern ihre Jungen großziehen, sondern es gibt manchmal auch "Nebengeräusche": in den stillen Wäldern hallt es weithin hörbar, wenn Bäume gefält werden, Jäger Schüsse abgeben, oder unachtsame Wanderer laut redend dicht am Nest vorbeigehen (zu ähnlichen Möglichkeiten in Lettland siehe "dabasdati.lv"). Leider soll es auch immer wieder Menschen geben, die versuchen die genau Lage der Vogelnester nur deshalb herauszufinden, um die Vögel dort dann zu vertreiben oder zu stören.

Vorerst bleibt die größte Sorge: wie lange bleibt noch Schnee und Frost? Wenn erst die Störche ankommen und ebenfalls mit ihren langen Beinen noch im Schnee stecken, dann ist gewiß, dass der Frühling sich Zeit lässt. Dem stehen Berichte entgegen wie "Der Bär hat seine Winterhöhle verlassen" - inzwischen gibt es rund eine Million Nutzer aus 185 Ländern (Angaben der Betreiber), die solche Nachrichten lesen und die Webcams nutzen. Da bleibt wohl nur noch eine Alternative, die besser sein könnte: auch mal wieder raus gehen in die estnische Natur, und alles selbst erfahren und erleben!

Dienstag, März 15, 2016

Echt bärig!

Nein - keine Waldkapelle, und kein Örtchen für's
dringende Bedürfnis - eher eine Mensch-Versteck-Station
in Meister Petz' Revier
Estland, das Land des baltischen Tigers, des freien Internets und der frisch restaurierten Gutshöfe - zuviel Klischees? Fürs neue Jahr hat die estnische Tourismusindustrie noch mal tief in die Ideenkiste gegriffen und bietet etwas an, was nicht jede touristische Destination hat - in Europa schon gar nicht: Besichtigung beim Bären. Hier verbirgt sich hinter "Mietung von Deckung" ein Besuch bei Meister Petz: für einen guten Schuß - mit dem Fotoapperat.

"Haben Sie schon mal im Wald einen Bären getroffen?" fragte "VisitEstonia" schon 2010, und versprach gleichzeitig eine Wahrscheinlichkeit von über 90%. In diesem Fall ist dann meist ein Waldgebiet nordöstlichen Landkreis Ida Virumaa gemeint: Alutaguse. Zwischen Hochmoor und Sumpf sollen hier etwa 100 Bären leben - und dieses Angebot haben schon etliche Reiseveranstalter als Attraktion ins Programm genommen.

Nun wäre ein Ausflug mit Tierbeobachtung das eine - aber hier sollen die Gäste im Bärenrevier auch übernachten. Ein Quartier, was bei "VisitEstonia" noch "gemütlich und bequem" genannt wird, im Falle konkreten Interesses aber mit Vorsichtsmaßnahmen bedacht wird: keinen Lärm machen, keine stark riechenden Parfums benutzen, nicht nachts die Schutzhütte verlassen - so ist es auch in den zugänglichen Erfahrungsberichten nachlesbar.
Für alle, die sich daher erstmal langsam herantasten wollen, weist der "Looduskalender" auch auf andere tierische Sehenswürdigkeiten hin: Zwergschnepfen, Moorschneehühner, Bartkauz, Flughörnchen oder Wölfe - "Alutaguse von seiner ganz eigenen geheimnisvollen Aura umgeben", so die estnischen Naturschützer.

Leider enden die Angebote aber nicht bei der Tierfreundlichkeit. Als "einzigartiges Erlebnis" feiern auch die Jäger ihr privates Vergnügen - die Bärenjagd. Hier wird die Zahl der Bären in Estland auf 800 geschätzt, und behauptet "diese Zahl steige erheblich". Also Bärenschwemme in Estland? Jäger aus dem Ausland befreien die Estinnen und Esten von ihrer Not? Daran darf gezweifelt werden - eher wahrscheinlich ist auch hier eine vielversprechende und sichere Einnahmequelle für die Veranstalter. Vor allem im August, September und Oktober verschwinden also mindestens zweierlei Interessierte in den estnischen Wäldern: die einen mit Zooms und Speicherkarten, und auch die anderen machen Fotos: Beweisfotos vom Mensch als Ordner und Richter über Leben und Tod. Zählt man die auf den Seiten verschiedener Anbieter die Abschußstatistiken zusammen, so wurden 2007 in Estland 27 Bären erschossen, 2008 waren es 37, 2010 schon 65. Die Jagdveranstalter werben mit "flexiblen Preisen", "hoher Trophäenmöglichkeit" und "Extrapakete für Ihre Begleitung und Ihre Kinder, damit auch sie den Urlaub genießen" (Märchen von Meister Petz vorlesen, während Pappa im Wald ist?). An Verboten wird an dieser Stelle nur eines genannt: "Jagd mit Bogen und Armbrust".

Vielleicht ist die freie Natur in Estland einsam und menschenleer genug, dass Tierfreunde und Tierjäger sich nicht über den Weg laufen werden - allerdings sollte die estnische Tourismuswerbung vielleicht auch etwas sensibler mit dem Thema umgehen. Die im Internet einsehbaren "Dankesbriefe" der Jagdgäste sprechen bisher dafür, dass gewöhnlich eher Elche gejagd werden (was ja auch in Skandinavien eine weit verbreitete "Leidenschaft" ist). Estland hat schon manches Thema neu erfunden und erfolgreich zur Imagewerbung genutzt - wenn sich allerdings herausstellen sollte, dass lokale Veranstalter für die einen die süßen Bären fürs Fotoshooting herausputzen, um dann seine Gewohnheiten und Aufenthaltsorte so genau zu kennen, um die Tiere den nächsten Besuchern vor die Flinte treiben zu können, hätten die angeblichen Naturschätze Estlands in beiden Fällen eine große Gemeinsamkeit: sie wären lediglich Objekte zum Geldmachen geworden.
Alutaguse hat sich flexibel aufgestellt: auch ein "Abenteuerpark" wurde hier fertig gestellt, der vielseitige Angebote anderer Art bietet: Kletterstrecken im Wald, ein Sportzentrum mit Schwimmbad, Sauna und gesunder Ernährung - mit einer Vielzahl von Spielen und Unterhaltung. Typisch estnisch eben.

Sonntag, September 09, 2012

Estlands Vogelzug

Unaufhaltsam wird es Herbst. Das ist an den kürzer werdenden Tagen zu merken. Oder daran, dass die Zugvögel sich wieder auf den Weg Richtung Süden machen.

Estnische Vogelschützer haben einige Vögel mit Sendern ausgestattet, so dass genau nachvollzogen werden kann, wo sie sich jeweils befinden. Einbezogen sind auch die Nachbarländer.
Solche Aufgaben nehmen zum Beispiel die Fischadler Erika, Piret und Ilze wahr, ebenso wie die Schwarzstörche Raivo, Priido und Pirsu und die Schreiadler Karin und Magnus.
Vor einigen Tagen wurden die aktuellen Ortsangaben eingetragen, so dass nun klar ist, dass die Fischadler Erika und Piret sich bereits über Ägypten befinden, der Schwarzstorch Raivo folgt dichtauf.
Schelladler "Iti" dagegen befinden sich noch in Estland, die Seeadler "Sillu" und "Meelis" sind dieses Jahr erst geboren und werden dann demnächst wohl auch noch ihren Zugweg finden.

Wer das mitverfolgen möchte, kann dies hier tun ...