
Wieder gibt es einen Dokumentarfilm über Estlands jüngste Geschichte, im Schweizer Fernsehen lief er schon, auch in Deutschland vereinzelt, jetzt auch in den USA. Eigentlich schon seit fast zwei Jahren bekannt. Aber im Internet finden sich immer mehr Spuren, Rezensionen.
Worum geht es: Um die Installation von Antennen in Tallinn auf den Dächern der Stadt in den 70ern. Die, als einzige Großstadt in der Sowjetunion, finnisches Fernsehen empfangen konnte. Und dort lief in den 80ern Dallas, die Serie mit J.R. Ewing. Und das wurde sogar von Enthusiasten ins Estnische übersetzt. Alle weiteren Komplikationen hier im englischsprachigen Treiler:
Der estnische ist länger und besser:
Disko ja tuumasõda (2009)
Und die damaligen Behörden waren alamiert. Untersuchungen wurden angestellt.

Wie Sue Ellen und JR zu CIA-Agenten wurden: Dallas und das Discofieber erreichten den Ostblock im Kalten Krieg über die Sendemasten des finnischen Fernsehens.
Auf der anderen Seite des Baltischen Meeres wurden die Verheissungen des westlichen Lebensstils von estnischen Familien in der Küstenregion 1000-fach illegal empfangen und begierig konsumiert.
Die Neuigkeiten über einen Tanz namens Disco und Familiendramen in Dallas verbreiteten sich zunächst als Mund-zu-Mund-Propaganda und später per Videokassette in der ganzen Sowjetunion. Kein Eiserner Vorhang konnte sie aufhalten. Für die CIA war die sogenannte Soft Power der finnischen Fernsehsignale der direkteste Weg ins Bewusstsein der Sowjetbürger.
Fernsehen Schweiz
Und babylonberlin vom 6. Baltic Film Festival im Oktober:
Disko ja tuumasõda (Disco and Atomic War)
Estland 2009; R:Jaak Kilmi 80min
Der Dokumentarfilm Disco and Atomic War erzählt temporeich und amüsant die Geschichte eines absurden Informationskrieges. Zu Zeiten des Kalten Krieges war im sowjetischen Estland das finnische Fernsehen eine interessante Alternative zur offiziellen Unterhaltungs- und Informationspolitik. Während weite Teile des Warschauer Pakts sozusagen im Tal der Ahnungslosen lagen, konnte man in Tallinn die Fernsehwellen des Klassenfeindes empfangen. Bald richtete sich ein ganzer Antennenwald Richtung Helsinki: Sowjetische Unterhaltungs-Nomenklatura versus Popkultur und Dallas. Während Regisseur Kilmi als Achtjähriger wöchentlich Sue Ellen’s und JR’s neueste Episoden per Brief an seinen Cousin in Südestland verschickte, arbeiteten offizielle Stellen fieberhaft an der Erfindung eines Schutzwalls im Äther.
Film-Tipp von Epp Petrone.
Update
Bei Rooftop Films gibt es ein Interview mit dem Filmemacher Jaak Kilmi,
und der beschreibt, welch großen Einfluß westliche Produktionen auf ihn hatten.
Filmmaker Interview Disco and Atomic War