Montag, März 11, 2019

Tunnelchinesisch

Schon häufig wurden Varianten eines möglichen Tunnelbaus zwischen Tallinn und Helsinki diskutiert - bereits die bestehenden intensiven Beziehungen zwischen den beiden Hauptstädten ließen manche von "Talsinki" reden. Der Begriff soll auf ein Essay des Schriftstellers Jaan Kaplinski aus dem Jahr 1992 zurückgehen. 1994 soll es die ersten Gespräche über ein Tunnelprojekt gegeben haben, 2008 wurde zwischen den beiden Stadtoberhäuptern eine Absichtserklärung zum Bau eines unterirdischen Eisenbahntunnels unterzeichnet (Baltic Times). Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben, aufgrund deren Ergebnisse die EU eine Mitfinanzierung 2009 ablehnte.
eine finnische Variante der Tunnelträume
Dennoch hielten manche estnischen Politiker einen Tunnelbau lange für wichtiger als den Bahnausbau des RAIL-BALTICA-Projekts.

Gern wird das Projekt mit dem 1994 eröffneten Tunnel zwischen Frankreich und Großbritannien verglichen, das bei einer Bauzeit von sechs Jahren mehr als 15 Milliarden Euro kostete. Erst 20 Jahre nach seiner Fertigstellung erwirtschaftete der Eurotunnel erste Gewinne - also ein absehbar jahrelang teures Ingenieursvergnügen. Ein Tunnel zwischen Helsinki und Tallinn würde 60 - 80 km lang sein müssen.
auch ein eigenes Wappen haben
findige Finnen bereits erschaffen
"Ein Tunnel würde alle wirtschaftlichen Probleme lösen," so ließ sich 2013 der Finne Joakim Helenius zitieren, der als möglicher Inmvestor angesehen wurde (err). Der einige Jahre für Verkehrsfragen zuständige EU-Kommissar Siim Kallas hielt ein Tunnelprojekt allerdings immer für unrentabel (err). 2014 kam der Name "Talsinkifix" für das Projekt auf, oder auch "FinEst Link". Inzwischen wurden schon 9 Milliarden Euro als Baukosten genannt (yle). Ein Stück Land wurde auf der Halbinsel Viimsi bereits dafür auserkoren eventueller Tunneleingang zu werden, es gab einen Ideenwettbewerb für Architekten, und in E-Estonia hat das Projekt natürlich auch inzwischen bereits eine eigene Webseite (siehe auch: Talsinki.info)

2017 kamen Vermutungen auf, das Tunnelprojekt könnte das Interesse chinesischer Investoren erregen (fin-land.net). Entsprechende Kontakte wollte unter anderm der finnische Unternehmer Peter Vesterbacka geknüpft haben. "Ich habe gehört, dass viele Menschen in Finnland sagen, dass sie das Gefühl haben, auf einer Insel zu leben. Aber es muss nicht so sein," so ließ sich auch der estnische Ministerpräsident Ratas zitieren (dw).

Allerdings gibt es wohl einen Unterschied zwischen allgemeinen Überlegungen von Politiker/innen und Beamt/innen, und manchmal geradezu ihm Stile von Marktschreiern vorgetragenen Ideen derjenigen, die gerne beim Geldeinsammeln für ein solches Projekt selbst viel Geld verdienen würden. So jemand ist zweifellos Vesterbacka, der sich selbst ausgezeichnet gut zu vermarkten versteht. Es gelang ihm erst kürzlich wieder, das Projekt erneut in die Schlagzeilen zu bringen - angeblich soll es nun konkrete Angebote der "Touchstone Capital Partners" aus China geben, so berichten estnische und finnische Medien (err / reuters)
Seit 2016 arbeitet Vesterbackas Beteiligungsunternehmen "FinEst Bay Area Development" an eigenen Plänen für ein Tunnelprojekt und beabsichtigt nach Informationen des Unternehmens in den nächsten Monaten die Einzelheiten einer Zusammenarbeit mit "Touchstone" auszuarbeiten. Bisher sei eine Finanzierung aus zwei Drittel Krediten und ein Drittel Risikokapital vorgesehen. Touchstone strebe dabei eine Beteiligung an dem Projekt an, die Mehrheit der Anteile würden aber in finnischem Besitz bleiben.

Finnen und Chinesen sorgen für das Wohl von Estland? Urmas Paet, Ex-Kultur- und Ex-Aussenminister und eigentlich der neoliberalen Seite zugeneigt, zur Zeit Abgeordneter im Europaparlament, rät zur Vorsicht mit chinesischen Investitionen in Europa (err). Tunnelexperten aus der Schweiz meinen zu wissen, die Chinesen wollten mit einem "Monsterbohrer" mit 17m Durchmesser in Estland anrücken (wo doch der Bohrer beim Bau des Gotthard-Tunnels nur Meter 9,5m Durchmesser hatte!) (blick) Und mit dem Aushub, der beim Tunnelbau übrig bleibt, könne angeblich eine neue Insel aufgeschüttet werden, die 50.000 Menschen Platz zum Wohnen biete. Der "Martime Herald" möchte gleich auch noch japanische oder chinesische Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Helsinki und Tallinn zum Einsatz bringen - einmal unter der Ostsee hindurch in nur 20 Minuten, allerdings pro Fahrt für 50 -100 Euro.

Zur Befeuerung der einen oder anderen Fantasie scheint das Thema jedenfalls gut zu taugen.Inzwischen ist aber bereits von 15 - 20 Milliarden Euro Kosten die Rede. Aber selbst wenn dieses Geld plötzlich von irgend einer Druckpresse hergestellt würde - eine Fertigstellung vor 2040 wird es wohl nicht geben. Schlagzeilen macht immer derjenige, der eine frühere Fertigstellung verspricht. "Warum sollen wir langsamer als die Chinesen fahren?" so die rhetorische Frage von Peter Vesterbacka (Huvudstadbladet). Kritischere Stimmen haben ausgerechnet, dass selbst nach Fertigstellung Finnland und Estland Unterhaltungskosten von jährlich 280 Millionen Euro tragen müssten - gerechnet auf einen Zeitraum von 40 Jahren. Da freut sich jede/r estnische Lokalpolitiker/in, der/die auch auf dem Lande mal eine Straße ausgebessert haben möchte.

Donnerstag, März 07, 2019

E-Land im Winter zum D-Land

Vom e-Land zum d-Land - so könnte dieser Tage eine Schlagzeile lauten. Oder, etwas zynisch: alles, was in Estland nicht komlett digital laufen kann, schafft Probleme. Der anlässlich der Nordischen Skiweltmeisterschaften in Österreich bekannt gewordene Dopingskandal hat vor allem ein estnisches Gesicht.

Nun hat auch noch der 33-jährige estnische Ski-Langläufer Algo Kärp in einem Interview mit der Tageszeitung Ohtuleht gestanden, zu dem in Erfurt festgenommenen Sportarzt Mark S. Kontakt gehabt und mit dessen Hilfe Blutdoping betrieben zu haben (sportschau).
"Ich kann doch nichts dafür!" Den anderen Sportlern im estnischen
"Team Haanja" - wie hier
Marko Kilp, estnisches Meister im Skispint -
bleibt im Moment nur ratlose Irritation
Kärp spricht von Reue - spricht aber gleichzeitig auch davon, seine Leistungen seien vor dem Doping besser gewesen als danach. "Ich war vorher nicht besser als 20. gewesen, und ich dachte so könnte ich unter die besten 10 kommen." Kann man so eine Reue ernst nehmen? Oder soll man es lieber zynisch kommentieren: "na, wenn der Rest der besten 20 eben auch gedopt ist, dann bringt es eben nichts!"

Es gibt auch Berichte über Nebenwirkungen des Dopings. Depressionen zum Beispiel. In diesem Zusammenhang wirkt es logisch: nicht in Form sein, mit Doping Leistungssteigerung erhoffen, diese nicht erreichen, und in Depressionen versinken.
"Zum Glück sind die anderen Doper die Esten, nicht die Letten", so ein Kommentar aus Österreich, "sonst wäre die Farbkombination unserer Flagge demnächst gleichgesetzt mit einer Doper-Flagge!" (Standard)

noch am 3.Februar 2019 stolz auf Instagram gepostet:
Andreas Veerpalu als estnischer Meister
In den estnischen Medien gibt sich Mati Alaver, Skitrainer und Vorsitzender des estnischen Skiverbandes, zerknirscht:er selbst sei es gewesen, der den estnischen Sportlern den Kontakt zu dem Erfurter Arzt vermittelt habe. Nun spricht Alaver vom "größten Fehler meines Lebens" - nun ja. Estlands Präsidentin Kaljulaid sah sich bereits bemüßigt, Alaver alle bisher verliehenen Orden wieder zu entziehen (err).

Im Fokus ist das "Team Haanja", dem alle drei erwischten Sportbetrüger (Andreas Veerpalu, Algo Kärp, Karel Tammjärv) angehörten. Der estnische Baukonzern "Merko" soll bereits angekündigt haben, die Zusammenarbeit mit dem "Team Haanja" beenden zu wollen.(tt)

Leichter haben es da die Funktionäre:  Urmas Sõõrumaa, Chef des Estnischen Olympischen Komitees, äußerte sich enttäuscht und schockiert über den Skandal (err). Sõõrumaa erklärte die estnischen Dopingkontrollen für ausreichend: "Sünder gibt es überall!"
Die estnische Presse beobachtete auch genau den Umgang der Ertappten Doper mit der Öffentlichkeit: während Karel Tammjärv sich noch in Österreich auf einer Pressekonferenz erklärte, waren Vater Andrus und Sohn Andreas Veerpalu erst mal einige Tage "verschwunden". Eine spätere Stellungnahme schickte dann Mama Angela Veerpalu den estnischen Medien. Diese liest sich so: "Ich wollte ja nicht abhauen, ich wollte nur zurück zu meiner Familie." (err) Dabei war die "Familie" - der Vater, 2013 selbst schon mal Objekt von Doping-Anklagen - ja die ganze Zeit selbst dabei.

Der bisherige Kulturminister Indrek Saar, ein Sozialdemokrat, äusserte Überlegungen, Doping in Estland gesetzlich zu einer Straftat zu erklären.Er wird allerdings voraussichtlich nach den Wahlen jetzt nicht Mitglied der Regierung bleiben.
In diesen Tagen beginnt in Schweden die Biathlon-WM. Auch die nicht auf den Skisport fixierte Magazine wie der "Kicker" haben nun offenbar den Tenor öffentlicher Generalverdächigungen aufgenommen und schon mal vorab Biathlonstar Martin Fourcade gefragt. Halten Sie Doping auch beim Biathlon für möglich? Darauf Fourcade: "Ich wäre nicht überrascht."

Es sollen ja bei dem jetzt angeklagten Erfurter Arzt noch ca. 40 weitere Blutbeutel gefunden worden sein, nur mit Codenamen versehen. Die Untersuchungskommission wird versuchen, diese mit vorhandenen Blutproben verschiedener Sportler zu vergleichen. Man darf gespannt sein, was in dieser Sache noch zu Tage gefördert wird.


Montag, März 04, 2019

Reform vorn, Koaliton unklar

Die vorläufigen amtlichen Endergebnisse der Parlamentswahlen in Estland ergeben folgendes Bild:

REFORMPARTEI                              28,8% - 34 Mandate (+4)
ZENTRUM                                         23,0% - 26 Mandate (-1)
Rechtskonservative EKRE                17,8% - 19 Mandate (+12)
ISAMAA                                             11,4% - 12 Mandate (-2)
Sozialdemokraten SDE                       9,8% - 10 Mandate (-5)
EESTI200                                            4,5%
GRÜNE (Rohelised)                            1,8%
Estnische Freie Partei (Vabaerakond) 1,2% - 0 Mandate (-8)
Biodiversitätspartei (Elurikkus)             1,2%

Kaja Kallas
Nach Angaben des estnischen Wahlamtes waren 883.075 Estinnen und Esten als wahlberechtigt in den Listen verzeichnet. 64.2% haben sich beteiligt, das entspricht genau 566.670 Personen.

Da die elektronisch abgegebenen Stimmen (E-Votes) getrennt gezählt wurden, wurde auch hier das Kräfteverhältnis klar: 40% stimmten hier für die Reformpartei. Mit weitem Abstand folgenden drei weitere Parteien: die rechtskonservative EKRE mit 13,5%, das Zentrum mit 11,7% und die Sozialdemokraten SDE mit 11,4%.
Elektronisch überspringt hier auch die neu gegründete "Estland200" mit 5,5% noch die Hürde um ins Parlament zu kommen.
2015 hatte es bei den E-Votes krasse Unterschiede vor allem bei der Zentrumspartei gegeben: nur 7.7% Stimmen elektronisch, aber insgesamt 24.8%.
Zusammen genommen stieg die Zahl der Internet-Wähler/innen auf eine neue Rekordzahl: 247.232 Personen nutzen diese Möglichkeit. Rechnet man noch die Zahl (nach traditioneller Methode) Vorab-Wählenden dazu (99.163), dann hatten 39,3% aller Wahlberechtigten (346.395) bereits vor dem eigentlichen Wahltag ihre Wahl getroffen.

Damit fiel der Vorsprung der Reformpartei vor der Zentrumspartei klarer aus als von manchen Beobachtern vorher angenommen (so auch der Tagesschau).  Nun wird Parteichefin Kaja Kallas für die Reformpartei die Fäden für eine Regierungsbildung in die Hand bekommen. Zwei Optionen dafür scheint es zu geben: entweder zusammen mit der Zentrumspartei (60 Sitze), oder mit Isaamaa und Sozialdemokraten (56 Sitze). Kaja Kallas, Tochter des Ex-EU-Kommissars Siim Kallas, erreichte mit 19793 persönlichen Stimmen auch das beste Einzelergebnis (Ratas nur 9263).

Mit der rechtskonservativen EKRE, die in etwa das vorher erwartete gute Ergebnis erreichte und auf Platz 3 landete, will niemand der anderen Parlamentsparteien koalieren. Zwar brachte Parteichef Helme am Wahlabend eine mögliche Koalition mit Zentrum und Isaamaa ins Spiel, aber das war wohl nicht mehr als ein Versuchsballon.
Estlands neue politische Landkarte:
Gebiete wo das Zentrum vorn liegt (grün), Gebiete mit
der Reformpartei als führende Kraft (gelb), und Bezirke
wo sogar die EKRE auf Platz 1 landete (schwarz)
Die neu gegründete "Eesti200" scheiterte an der 5%-Hürde - es fehlten knapp 3000 Stimmen. 

Ein lustiges - fast Estland-typisches Ereignis im Wahlkampf: Mitgliedern der Jugendorganisation der Reformpartei gelang es, den bisherigen Regierungschef Ratas während einer Fernsehdiskussion fast aus der Fassung zu bringen: sie riefen ihn einfach ständig auf dem Handy an, und so wurde Ratas ein wenig das Opfer des ständigen Erreichbarkeitsbestrebens - mindestens 12x soll das Handy des Premiers während der Fernsehdebatte geklingelt haben. Kristo Enn Vaga, Chef der Jugend-Reformer, erläuterte dazu, man habe verhindern wollen dass Ratas, wie sonst häufig, sich während der Diskussionen Hilfe aus dem Internet hole (err).

Infos Estnisches Wahlamt

Dienstag, Februar 12, 2019

Fischdosenköpfe, Honigtöpfe

In Estland ist Wahlkampf anders. Oder doch nicht? Ich dachte schon, in Estland sei die Aussenwerbung der Parteien deshalb verboten, weil alles - selbstverständlich - digital und im Internet stattfinden wird. Nein, ganz so ist es wohl doch nicht.

Estland liegt an der "Westsee" - das scheinen einige
Kandidaten auch politisch besonder betonen zu wollen
Allein die große Menge an Wahlgeschenken, die offenbar auf den Straßen Estlands und bei Wahlwerbeveranstaltungen in diesen Tagen abgeboten werden, ist schon erstaunlich. Das reicht von Honig über Gewürzpfeffer, Schokolade, Kräutertee bis hin zu eingelegtem Hering - jeweils natürlich mit dem Foto des Kandidaten darauf (ERR). Wer Glück hat, kann auch eine Portion getrocknete Beeren oder Haselnüsse an den Wahlständen abgreifen - Bonbons, Anstecker, Kugelschreiber wirken da beinahe schon "old-fashioned".

Die andere Seite des üblichen Wahlkampfs: die Umfragen. Angeblich bevorzugen 35% der Wahlberechtigten in Estland den gegenwärtigen Regierungschef Jüri Ratas auch weiterhin in diesem Amt (ERR). Ihm folgt die Spitzenkandidatin der Reformpartei, die bisherige Europaabgeordnete Kaia Kallas mit 18% - eine Tochter des früheren Regierungschefs und EU-Verkehrskommissars Siim Kallas. Diesmal gilt es, Kandidatinnen mit dem Nachnamen "Kallas" genau auseinanderzuhalten: neben der Parteichefin der Reformpartei tritt auch Kristina Kallas an, bisher Leiterin des Narva College, und seit November 2018 Vorsitzende der neu gegründeten Partei "Estland 200".

Die Journalisten des ERR haben hier genau hingeschaut:
das Haltbarkeitsdatum der mit Politwerbung vermischten
Ware reicht nicht weit über den Wahltermin hinaus -
genau wie die Wahlversprechungen?
Aktuelle Umfragen sehen die estnische Zentrumspartei gegenwärtig bei 24,4% Zustimmung,mit der Reformpartei gleichauf auf 24,5%. Die rechtskonservative EKRE liegt bei 18,9%, die Sozialdemokraten SDE bei 11,5%, und die Vaterlandspartei Isamaa bei 8,6%. Auch "Estland 200" wäre mit 6,4% noch im Parlament. Die estnischen Grünen dagegen liegen bei 2,2%, und die Freiheitliche Partei (Vabaerakond) bei 0,7%.

Insgesamt bewerben sich 1099 Kandidatinnen und Kandidaten bewerben sich um einen der 101 Sitze im estnischen Parlament. (valimised) Diese verteilen sich auf 10 verschiedene Parteien, dazu kommen 15 parteiungebundene Kandidat/innen.
Bereits am 21.Februar wird die elektronische Wahlmöglichkeit freigeschaltet.
Bei den vergangenen Parlamentswahlen im Jahr 2015 entfielen bereits 4,3% auf das e-Voting.
Wer indessen in Deutschland als Estin oder Este sein Wahlrecht wahrnehmen möchte, muss sich beeilen: die estnische Botschaft in Berlin stellt dort die Wahlurnen bereits am 17. und 18. Februar auf.

Sonntag, Januar 20, 2019

Zuwachs für Politkampagnen

Kurz vor Registrierungschluß der Kandidatenlisten für die Parlamentswahl in Estland gibt es einige überraschende Neuzugänge. Offenbar sind einige der Parteien der Auffassung, ihre Wahlkampagnen noch durch ein paar bekannte Namen auffrischen zu müssen.

So überraschen die estnischen Grünen (Erakond Eestimaa Rohelised), seit 2011 nicht mehr im Parlament vertreten, mit Anu Saagim als Kandidatin, bisher Kreativdirektorin bei der Zeitung "Õhtuleht".Aber auch andere Parteien haben versucht aus anderen Bereichen bekannte Persönlichkeiten an sich zu binden. So kandidiert Kaido Höövelson ("Baruto Kaido"), ein Sumo-Ringer, für die Zentrumspartei, der Musiker, Schauspieler und Fernsehmoderator Mart Sander entschied sich für die neue Partei "Estland200", und die ehemalige Skiläuferin und zweifache Olympiasiegerin Kristina Šmigun (verheiratete Vähi) entschied sich für die Reformpartei anzutreten. (ERR)

Insgesamt 10 Parteien und dazu noch 18 unabhängige Kandidat/innen haben sich bis zum Meldeschluß am 17.Januar zur Wahl am 3.März registrieren lassen (ERR). Landesweit überall treten an die Reformpartei, die Zentrumspartei, die Sozialdemokraten, die Konservative Volkspartei (EKRE), Pro Patria, die estnischen Grünen, "Estland200" sowie die rechtskonservative Freiheitliche Partei. Eine Besonderheit der Parlamentswahlen in Estland ist das Verbot von Aussenwerbung für politische Parteien in der "heißen" Wahlkampfphase; deren Beginn wurde auf den 23.Januar festgelegt. Ein anderer Effekt dieser Regelung war es, dass in vielen Gemeinden schon Ende 2018 Wahlplakate zu sehen waren - sowas zählt inzwischen als "Vorwahlkampf". Aktuell werden die neu geworbenen prominenten Unterstützer/innen - neben ihren persönlichen Wahlkampfterminen - wohl fast ausschließlich, ganz estnisch, digital zu bewundern sein. (Estnisches Wahlamt)

Donnerstag, Januar 17, 2019

Alt in Estland

"Estland first" - das bestätigt auch eine Schlagzeile der Zeitung "Die Presse" aus Österreich. Nur, dass es diesmal nicht positiv gemeint ist: zitiert wird hier eine europaweite Studie, der zufolge 46,1% aller Rentnerinnen und Rentner in Estland armutsgefährdet sind. Am anderen Ende stehen die Franzosen - die offenbar wissen, wofür sich das streiken lohnt: nur 7% der Alten sind dort tendenziell auch arm (siehe auch: ERR).

Die drei baltischen Staaten an der Spitze: in Lettland wird die Armutsgefährdung für Ältere bei 43,7% diagnostiziert, in Litauen bei 36,7% - dahinter folgen alle übrigen EU-Länder (Deutschland 17,5%, Österreich 12,1%). Wie auch ein Rückblick auf die vergangenen Jahre zeigt, hat das Armutsrisiko in Europa eher zugenommen (Destatis). Weiterhin sind ältere Frauen mehr armutsgefährdet als ältere Männer.

Die Tücken der Statistik zeigt diese Grafik: da die Armutsrate immer
im Vergleich zum statistisch durchschnittlichen Einkommen
berechnet wird, sinkt die Armut scheinbar genau dort,
wo das Durchschnittseinkommen geringer ist. Statistisch
gilt dann: keine Armut in der Krise!
Einziges Manko dieser Zahlen: in den Medien die solche Zahlen verwenden wird nicht exakt Bezug genommen auf eine Quelle und das Datum der Datenerhebung. Noch im Oktober 2018 gab die EU Zahlen heraus, die sich auf die Gesamtbevölkerung beziehen. Demnach gäbe es nur drei EU-Länder, wo mehr als ein Drittel der Menschen armutsgefährdet seien: Bulgarien, Rumänien und Griechenland. In dieser Statistik wird Estland mit nur 23,4% Armutsgefährdung genannt. Eine ähnliche Größenordnung verwenden auch viele deutschsprachige Internetportale. Auch das estnische Statistikamt bestätigt das, und nennt auch konkrete Zahlen: wer weniger als 523 Euro im Monat hat, gilt als von Armut gefährdet. Und eine weitere Tatsache wird klar: der Prozentsatz der von Armut gefährdeten Personen wird nur durch Sozialleistungen geringer gehalten - ohne diese läge der Anteil der Geringverdienenden bei 40% (der Gesamtbevölkerung).

Die EU rechnet drei Armutsfaktoren gesondert: die Quote gemessen an Sozialleistungen, die Anzahl von Personen die in Haushalten mit geringer Erwerbsquote leben, und die Quote der sogenannten "erheblichen materiellen Deprivation" - eingeschränkte Lebensbedingungen aufgrund fehlender Mittel. Wo hier der Unterschied liegt - werden die drei Faktoren zusammengerechnet? Das ist leider nicht auf Anhieb für jeden verständlich. 

Wo liegt die Wahrheit? Welche Schlußfolgerungen sind nötig? Offenbar macht jede Zeitung, jedes Internetportal eigene Schlagzeilen daraus. "DIE ZEIT" entdeckte in Deutschland das "EU-weit höchste Armutsrisiko" - allerdings, wenn man genau liest, nur "bei Arbeitslosen". Demnach seien 70,8% aller Arbeitslosen in Deutschland armutsgefährdet (60,5% in Litauen, 55,8% in Lettland und 54,8% in Estland). Das "Pech" der Balten ist dabei wohl, auch schon bei vorhandenem Arbeitsplatz arm zu sein (und nicht nur "gefährdet").

Also, eines scheint klar: wenn beides zusammen kommt, also in Estland alt + arbeitslos zu sein, erzeugt Armut - soviel scheint sicher.Über die Höhe eventueller Renten braucht hier wohl nicht spekuliert werden.
Die estnischen Experten beurteilen die Lage etwas anders. Ein Zitat aus dem Sozialbericht 2015: "Obwohl viele Rentner in relativer Armut leben (Prozentsatz für 2015 war 44,6%), reicht diese Armut nicht sehr tief. Die Durchschnittsrenten liegen sehr nahe an der Grenze zur Armutsgefährdung. Das bedeutet, dass auch geringe Lohnerhöhungen für die Haushalte rein statistisch viele Rentner zu den Armutsgefährdeten rechnet, obwohl ihre tatsächlichen Bedürfnisse sich nicht viel ändern." (Eesti Statistika Kvartalikiri)

Viele Estinnen und Esten bleiben offenbar grundsätzlich optimistisch. So kommentierte Jevgeni Ossinovski, Sozialdemokrat und ehemaliger Gesundheitsminister, die Lage so: "die nächste Statistik wird definitiv besser werden, denn dann wird sich die Steuerreform auswirken." Die gegenwärtige estnische Regierung, eine Koalition aus Zentrumspartei, Sozialdemokraten und Vaterlandspartei, will einen größeren Teil geringer Einkommen von der Besteuerung freistellen.

Dienstag, Januar 08, 2019

Durchgezählt

Stolz vermelden estnische Behörden ein leichtes Wachstum der Bevölkerung des Landes. Bei bisher 1.361.683 in Estland lebende Menschen (Stand: 1.1.2018) liegt der Gedanke ja auch vielleicht nahe, beinahe für jede/n Einzelne/n sorgen zu müssen. Immerhin schrumpfte ja die Bevölkerung der Nachbarländer Lettland und Litauen in den zurückliegenden Jahren um mehrere Zehntausende.

Estland hat neu durchgezählt zum 1.Januar 2019. Nun sind es insgesamt 1.366.020 Einwohnerinnen und Einwohner, also 4337 Personen mehr als vor einem Jahr.
Genauer aufgeschlüsselt: 1.146.171 Personen sind im Besitz der estnischen Staatsbürgerschaft (1802 mehr als vor einem Jahr), 88.785 Einwohner Estlands besitzen die russische Staatsbürgerschaft, 76.148 haben keine Staatsbürgerschaft und 9771 sind Bürger der Ukraine. Darüber hinaus wohnen in Estland 8800 Finn/innen, 5648 Lett/innen, 3607 Deutsche, 2534 Litauer/innen, 2013 Italienier/innen und 1974 Beloruss/innenen / Weißruss/innen. (ERR / Baltic Course / Statistics Estonia)

In den Jahren zwischen 2000 und 2015 hatte die Bevölkerung Estlands um 88.000 Menschen abgenommen (6,5%). In den drei Jahren darauf hatte es (bis 2018) bereits ein Wachstum um 3.000 Personen gegeben.Dabei gab es über die Jahre verschiedene Trends. Während Anfang des Jahrtausends noch das natürliche Wachstum die Tendenz stärker beeinflusste - es gab 5.000 bis 6.000 weniger Geburten als Sterbefälle pro Jahr - wendete sich dieser Trend zwischen 2008 und 2012 sogar ins positive, und liegt gegenwärtig ganz leicht negativ. Die Lebenserwartung für Männer liegt in Estland bei 73,2 Jahren, für Frauen bei 81,9 Jahren. Zwar sterben gegenwärtig sogar mehr Frauen als Männer, statistisch gesehen, aber 75% aller Menschen in Estland über 80 Jahre sind Frauen.

Zwischen 2000 und 2011 haben 23.000 Menschen Estland verlassen - offiziell. Inoffiziell, also ohne formale Ummeldung, rechnen die Behörden aber mit weiteren 19.000 Abgewanderten, also 42.000 insgesamt. Unter den Ausgewanderten sind etwa zwei Drittel Frauen. Seit 2015 ist die Wanderungsbilanz wieder positiv: es ist das Ergebnis der Zuwanderung aus anderen EU-Staaten, darunter besonders viele Finn/innen und Lett/innen. Unter den Menschen mit estnischer Staatsbürgerschaft kamen im Jahr 2017 500 mehr nach Estland zurück als das Land verließen. (Eesti Statistica)