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Sonntag, Juli 10, 2022

Estnischer Sommer 2022 - mit oder ohne Touristen?

Die estnische Tourismuswerbung versucht
die Deutschen zu erinnern:
Brot, Natur, Adelsspuren, estnische Sprache
und ... - alles schöner als Berlin!

In früheren Jahren, als die erneute Selbstständigkeit der baltischen Staaten für manche Deutsche vielleicht eher eine Überraschung darstellte, war ein Land wie "Estland" kein Urlaubziel (Island? Ästland?). Auch noch nach dem Beitritt zur Europäischen Union war es sicher nicht leicht, touristische Vorzüge dem deutschen Publikum nahe zu bringen. Nun aber muss offenbar vieles von neuem beginnen: nach drei Jahren mit Corona-Einschränkungen nun ein Sommer in direktem Kontakt zu unkalkulierbarem Kriegsgeschehen in den Nachbarländern im Osten. 

"Im Baltikum bleiben die Urlauber weg" - so diagnostiziert es Markus Nowak für den MDR, allerdings mit deutlichem Schwerpunkt auf Litauen. Evely Baum-Helmis von der estnischen Tourismusagentur "Visit Estonia" versucht es zumindest nicht negativ auszudrücken, wenn es hier heißt, man könne derzeit nicht sagen, wo "die Auswirkungen der Erholung von der Pandemie enden und wo die aktuellen Auswirkungen des Krieges beginnen." 

Derweil heißt es in Estland, besonders der Inlandstourimus erreiche Rekordwachstum (err). 249.000 Touristen seien im Mai gezählt worden, 176% mehr als im Jahr zuvor (stat.ee). Allerdings läge das gegenwärtige Niveau immer noch 50% unter den Zahlen vor der Pandemie 2019, und im Mai 2021 sei die Gästezahl eben auch besonders niedrig gewesen. 

Da wirken neueste Nachrichten aus der Hotelbranche sicher ermutigend, die von einer "Rückkehr der deutschen Touristen" berichten - viele Gruppen aus Deutschland, die nach Kriegsbeginn zunächst ihre Reise abgesagt hätten, kehrten nun langsam doch wieder nach Estland zurück. (err) Allerdings lohnt auch ein Blick auf die absoluten Zahlen: gegenwärtig ist von 922 Beherberungsbetrieben in Estland die Rede (err) - vorherige Statistiken wiesen noch über 1300 aus (entspr. 20.000 Gästezimmern / bisher 24.500, und 40.000 Betten / bisher 59.000 (stat.ee)

In der deutschsprachigen Presse macht Estland im Moment andere Schlagzeilen: "die Bedrohung ist real" (ZDF), "Frauen bereiten sich auf den Krieg vor" (heute.at), "keine Angst vor Eskalation" (ZDF), und zuletzt "überall werden Sirenen installiert" (Berliner Zeitung). 

Andererseits gibt es Berichte wie in der ARD, dem zufolge in vielen anderen Ländern ein Urlaub sehr viel teurer geworden ist (tagesschau). Zwar heißt es dort "Abseits der Touristenzentren locken Schnäppchen" - doch letztendlich geht der Blick der allermeisten Deutschen doch wohl nur Richtung Südeuropa. "Da wir weniger Touristen hatten, mussten wir die Preise leicht anheben," sagt Ain Käpp, Chef einiger Hotels in Estland (err). "Auch die 50%ige Erhöhung bei den Fährtickets wirkt da nach. Viele Hotels müssen momentan erst mal die Verluste aus der Corona-Zeit wieder aufholen. Aber das Preisniveau ist immer noch niedriger als in Skandinavien oder dem übrigen Europa."

Dienstag, Dezember 22, 2020

Ungewohnter Neid

Die Estinnen und Esten, das müssten doch ruhige, zurückhaltende, nordische Charaktere sein, die ruhig und souverän über den Dingen stehen, wenn andere sich längst erhitzen und aufregen? Könnte sein. Gewöhnlich sind es eher die Nachbarn aus Litauen und Lettland, die sich nervös darüber wundern, wie oft Estland positiv in der internationalen Presse erwähnt wird - was vor allem dem "Tigersprung" der Digitalisierung des Landes zu verdanken ist. Nun aber blickt Estland nach Litauen - was ist passiert? 

In Litauen werde inzwischen ein höherer Durchschnittslohn als in Estland gezahlt, so vermeldet es der estnische ERR. Noch im Jahr zuvor sei dieser in Estland um 100€ höher gewesen, aber inzwischen habe sich das Blatt gewendet. Im dritten Quartal 2020 habe der durchschnittliche Bruttolohn in Estland bei 1.441 Euro gelegen, in Litauen sei er aber auf 1.455 Euro angestiegen (Lettland 1.147 €). Damit habe der litauische Durchschnittslohn um 10.4% höher gelegen als im gleichen Abschnitt des Vorjahres. 

Estland tröstet sich damit, dass die Last an Steuern und Abgaben in Litauen etwas höher sei als in Estland. Und immerhin sei der Durschnittslohn trotz der Coronakrise gestiegen, bestätigt auch die estnische Zentralbank (err). Diese Zahlen sagen allerdings vorerst noch nichts über die Bilanz des gesamten Jahres aus. Und der nüchternen Statistik steht ein erheblicher Rückgang der Beschäftigtenzahl in einigen Branchen gegenüber, so in der Reisebranche, den Gaststätten und den Hotels. "Diejenigen, die in der Krise ihren Job verloren haben, waren meist jüngere Leute", sagt die estnische Wissenschaftlerin Kadri Rootalu. "Noch 2019 waren in Estland etwa 33.000 Menschen im Bereich Übernachtung und Catering tätig," bilanziert Rootalu. "Aber schon kurz nach Ausbruch der Krise im März 2020 wurden 5.000 davon entlassen."

Dienstag, Oktober 20, 2020

Krise und Kreuzfahrten

Aufgrund der Corona-Krise, den erforderlichen Sicherheitsmaßennahmen, und einiger Schwierigkeiten auf Kreuzfahrten der Saison 2020 stand die Kreuzfahrtbranche monatelang still. Geplante Schiffsneubauten wurden gestrichen, einige Schiffe verkauft. Kreuzfahrtschiffe gelten als Umweltsünder, Sinnbild für Luxus und Konsum und den desaströsen Einfluss des Menschen auf die Natur. Das Bordpersonal muss teilweise bis zu elf Monate ohne Urlaub durcharbeiten, stellte die "Stiftung Warentest" fest. Und manche schalten auch umweltverträgliche Abgasfilter einfach ab, sobald das Schiff auf hoher See ist - meint Greenpeace.

Bevor die Krise ausbrach, hatten die internationalen Reedereien bereits so viele neue Kreuzfahrtschiffe bestellt, dass die deutschen Werften schon fast bis ans Ende des laufenden Jahrzehnts ausgelastet sind.

In der Abwägung sei es "besser, mit weniger Auslastung zu fahren als nicht zu fahren", meint inzwischen TUI-Kreuzfahrtchefin Wybke Meier im "Tagesspiegel". AIDA-Cruises will sogar spezielle "Ausnahmeregeln" von den strengen Corona-Bestimmungen (NDR). Die norwegische "Hurtigrouten" sagte dagegen bis Ende 2020 alle Fahrten mit ihren Expeditionsschiffen komplett ab (t-online). Und dort, wo Kreuzfahrten wieder stattfinden, sind die Veranstalter deutlich nervöser - und untersagen ihren Gästen auch schon mal die Weiterfahrt, wenn sie sich nicht an die Regeln halten (merkur). 

Kreuzfahrten ohne Landgang?  Auch in Tallinn war der Strom der Kreuzfahrttouristen in den vergangenen Jahren unverkennbar. Wer einen Rundgang durch die Altstadt plante, brauchte eigentlich nur mal kurz im Hafen zu schauen: Kreuzfahrtschiff da, Altstadt voll. 334 Kreuzfahrtschiffe hätten 2020 eigentlich in Tallinn anlegen sollen, zwischen dem 27. April und dem 19. Oktober 2019 seien in Tallinn über 650.000 Passagiere von Bord gegangen (nordisch-info).

Nun: eine Sommersaison ohne Kreuzfahrtgäste. Und was meldet Tallinn im Oktober? Der Vanasadam (Altstadthafen) wird kräftig erweitert, und wird - danke Krise - nun früher fertig als geplant. Schon im Mai 2021 soll das neue Terminal fertig sein (err). Die estnischen Kreuzfahrtoptimisten schreckt der andauernde Ausnahmezustand offenbar nicht ab: 20 Millionen Euro Kredit machten es möglich (err). Und wenn die Kreuzfahrtschiffe doch ausbleiben? Im Hafenareal sollen auch noch fünfstöckige Wohnblöcke entstehen, und eine Strandpromenade. Eine ebenfalls noch zu bauende Fußgängerbrücke soll die einzelnen Terminals verbinden (err). Wer sagt da noch, dass Estlands Zukunft immer digital und virtuell sein muss?

Freitag, September 04, 2020

Masken-Rallye


Für Estland ist es das allererste Mal: ein Rennen der "World Rally Championship WRC" hat an diesem Wochenende estnische Gastgeber. Es ist die höchstrangige Rennserie des Rallyesports, der ja in Estland viele Fans hat (siehe Beitrag). Ott Tänak ist der amtierende Rallye-Weltmeister, er gewann 2017, 2018 und auch 2019 auch die Rallye Deutschland (DMV-Motersport). Und auch Markko Märtin war estnischer Rallye-Spitzenfahrer, inzwischen Förderer von Tänak. 

Was für Deutschland der Fußball war, für Frankreich der Radsport, das möchte Estland 2020 gern für den Rallyesport leisten: den Re-Start trotz Corona. "Für Estland ein wichtiges Ereignis", meinte Regierungschef Ratas.
Eines ist immerhin schon erreicht: schon seit Wochen spekuliert die Sportpresse was jetzt Anfang September in Estland möglich sein wird, und was nicht. Einen "Schottertanz" erwartet "Motorsport-XL". Mitte Juli hieß es noch: "Rallye Estland läßt 16.000 Zuschauer zu." (Rallye-Magazin) Dann sollten es maximal 2.000 Zuschauer*innen für eine Outdoor-Veranstaltung sein (ERR). Am 6. August dann gab das zuständige estnische Ministerium bekannt: Ja, die Rallye wird stattfinden (ERR).

Inzwischen haben sich die Organisator*innen vorgenommen, die insgesamt weiterhin zugelassenen 16.000 Inhaber der Eintritts-Tickets, die alle mit Namen und Adresse erfasst sind, auf einzelne Zonen zu verteilen, die dann maximal 1000 Menschen zulassen (ERR). An den Eingängen werden außerdem die Hände desinfiziert und Gesichtsmasken verteilt. Ein organisatorischer Kraftakt.

Bei der drei Tage dauernden "Rallye Estonia" wird es 17 Streckenabschnitte mit insgesamt 60 Teilnehmer*innen geben, im Bereich der Orte Kanepi, Kambja, Otepää und Elva - also im Süden Estlands. Ott Tänak, der Mann geboren auf Saaremaa, ist mit seinem Hyundai natürlich Favorit. Eine weitere Einschränkung für die Besucher*innen gibt es: bitte nicht mit den Fahrer*innen unterhalten, so heißt es. Den Gästen wird außerdem empfohlen, auf dem Handy die estnische Corona-App HOIA aufzuspielen und angeschaltet zu haben. 

"Der Erfolg der Rallye hängt ganz von Ihnen ab!", so wird es allen Besucher*innen vermittelt. Bleibt zu hoffen, dass Spaß und Sport die Oberhand behalten. (siehe auch: "Speedweek", "Motorsport XL", "Motorsport Total", "Rallye-Magazin", "GrenzEcho")

Sonntag, Mai 17, 2020

Neuer Zustand

Nein, ein "Ausnahmezustand" bestehe in Estland nicht mehr - jedenfalls nicht mehr nach dem 18.Mai, so kündigte es Regierungschef Ratas an (err). Unsere Maßnahmen erlauben es uns jetzt, zu einem normaleren Leben zurückzukehren," meinte Ratas. Man müsse jedoch wachsam bleiben.

Die Nachbarn aus Litauen und Lettland dürfen jetzt einreisen, ohne erst mal 14 Tage in Quarantäne geschickt zu werden. Für Einreisende aus Finnland sind genaue Bedingungen genannt: wenn keine Krankheitssymptome vorliegen, dürfen Finninnen und Finnen die in Estland arbeiten oder studieren einreisen, ebenso alle die aus familiären Gründen, also wegen einer anstehende Hochzeit oder Beerdigung, einreisen wollen.

Am meisten Aufsehen erregten in der vergangenen Woche jedoch die Bären, die freilaufend auf den Straßen der estnischen Hauptstadt gesichtet wurden. "Wenn drei, vier, fünf Wochen lang niemand auf den Straßen herumläuft und sie stört, werden sie eben mutiger," meinte der estnische Zoologe Aleksei Turovski (err). Eine andere Bemerkung wird Einwohner*innen Tallinns wohl kaum beruhigt haben: "Wenn sie aus dem Winterschlaf kommen, sind die Bären eben auch am hungrigsten." - Turovski gibt auch Tipps für Begegnungen mit Bären: "Flüstern sie nicht, sprechen Sie in normaler Lautstärke." Aber ob Hauptstädter*innen dieselbe Wortwohl wie ihre Zoologen wählen werden, muss offen bleiben. Turowski empfiehlt Sätze wie diesen: "Hallo Teddy, schön dich zu sehen!"

Die estnische Polizei hatte die Suche nach den nahe des Freilichtmuseums (Vabaõhumuuseum) gesichteten Bären, bei der auch fliegende Drohnen und Suchhunde im Einsatz waren, ohne Ergebnis wieder abgebrochen. Insgesamt wird geschätzt, dass mehrere hundert Braunbären in Estland leben.

Montag, April 20, 2020

Inselvirus, Virusinsel

Die Ostseeküste Estlands (= Läänemeri rannikuala, die "Westsee" Estlands) ist auch wegen der vielen Inseln berühmt. Die bekannteste ist natürlich Saaremaa, auch bei den Touristen sehr beliebt. Nun wird die Insel mit neuen Herausforderungen fertig werden müssen: neben der Hauptstadt Tallinn ist Saaremaa zu einem Ort mit sehr vielen Covid-19-Infizierten geworden.

Nun wird gerätselt, wie das passieren konnte. Hier eine Chronik:
27. Februar 2020 - Gesundheits- und Sozialminister Kiik muss den ersten Corona-Fall in Estland feststellen.
4.+5.März 2020 - eine Mannschaft des "Powervolley Milano" besucht Saaremaa und trägt zwei Spiele gegen den heimischen Club "Saaremaa SK" aus (err).
7.März 2020 - auf Saaremaa findet das "Mullifestival" statt - Champagner und Sekt wird hier präsentiert. Estnische Agenturen vermuten, dass auch ein ausführlicher Bericht der BBC zu starkem Besucherandrang führte.
8. März 2020 - Am Internationalen Frauentag kann es unter anderem einen stärkeren Besucherandrang bei Altenheimen oder bei Verwandten gegeben haben.
11. März 2020 - die ersten zwei Krankheitsfälle von Covid-19 werden auf Saaremaa diagnostiziert.
Beim Manager des Clubs "Saaremaa SK" wird ebenfalls Corona festgestellt. Alle Spieler des "Powervolley Milano" kommen nach der Rückkehr in Italien in Quarantäne, ohne allerdings Symptome zu zeigen.
Es gibt 10 weitere Erkrankungen anderswo in Estland.
12. März 2020 - die estnische Regierung ruft den Ausnahmezustand aus und terminiert diesen bis zum 1. Mai.
Der Schiedsrichter des Volleyballspiels wird positiv auf Covid-19 getestet, ebenso mehrere Spieler der italienischen Mannschaft.
Die Behörden auf Saaremaa schließen alle Schulen (zunächst für zwei Tage) und testen die Schüler*innen., die das Volleyballspiel besucht haben.
13. März 2020 - Ein Wehrdienstleistender des "Kalev Infanterie Battallions", der das Volleyballspiel besucht hatte, wird positiv getestet. Daraufhin wird für 146 weitere Wehrdienstleistende und acht Soldaten Quarantäne verhängt.
14. März 2020 - Inzwischen gibt es 109 positiv auf Covid-19 getestete Menschen in Estland.
Es werden neue Restriktionen verhängt: der Zugang zu den größeren estnischen Inseln ist nun für alle gesperrt, die dort nicht ihren ständigen Wohnsitz haben. Auf den Autofähren müssen nun alle Passagiere während der Überfahrt in ihren Fahrzeugen bleiben. Alle Sporteinrichtungen, Kindergärten und Hotels werden geschlossen.
Am Krankenhaus von Kuresaare werden nun alle, die sich testen lassen wollen, schon im Auto behandelt.
16. März 2020 - Inzwischen sind es 205 Fälle von Covid-19 in Estland. Nun muss jede/r, der/die aus dem Ausland einreist, sich für 14 Tage in Quarantäne begeben.
18. März 2020 - alle Flüge von und nach den Inseln Saaremaa und Hiiumaa werden abgesagt. Das Krankenhaus von Kuresaare ruft über die sozialen Netzwerke zu Spenden für die Beschaffung von medizinischer Ausrüstung auf.
19. März 2020 - auch der Bürgermeister von Saaremaa, Madis Kallas, ein ehemaliger Zehnkämpfer, wird positiv auf Covid-19 getestet.
20. März 2020 - Es wird bekannt, dass auch die meisten der Corona-Patieten, die in den Krankenhäusern von Pärnu und Tallinn liegen, von der Insel Saaremaa gekommen sind.
22. März 2020 - es wird bekannt, dass auch mehrere Spieler der Mannschaft "Saaremaa SK" positiv getestet wurden.
25. März 2020 - Estland beklagt die erste Tote im Zusammenhang mit Covid-19, eine 83-jährige Frau.
26. März 2020 - als neue Beschränkung müssen nun alle, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, 14 Tage zu Hause in Quarantäne bleiben.
27. März 2020 - ein Vergleich der Zahlen von Saaremaa und der Region Tallinn zeigen, dass es mit Stand an diesem Tage 218 Corona-Fälle auf Saaremaa gibt (bei einer Bevölkerung von 33.000), während im Bezirk Harju es 208 Fälle gibt (583.000 Menschen). Das Krankenhaus von Kuresaare gibt bekannt, dass bereits 20 der eigenen Mitarbeiter*innen positiv getestet wurden und sich in Quarantäne befinden.
Es werden nun auch alle Einkaufszentren geschlossen.
29. März 2020 - Regierungschef Jüri Ratas gibt neue Restriktionen bekannt. Die meisten Läden werden nun geschlossen. Die Einwohner von Saaremaa müssen nun ihre ID-Card immer mit sich führen, Vergehen werden mit bis zu 2000 Euro bestraft.
Das staatliche Gesundheitsamt beklagt den ersten Corona-Toten auf Saaremaa. Präsidentin Kersti Kaljulaid beordert 40 Angehörige des Militärs zur Unterstützung der Polizei nach Saaremaa.
31. März 2020 - inzwischen gibt es 754 Corona-Erkrankte in Estland. Verteidigungsminister Jüri Luik kündigt an, die Armee werde eine zusätzliche Krankenstation mit Feldbetten auf Saaremaa einrichten.
Die Polizeipatroillen auf Saaremaa werden verstärkt durch Freiwillige der Kaitseliit.
1. April 2020 - das Feldhospital der Armee wird auf Saaremaa eingerichtet.
2. April 2020 - allein an diesem Tag sterben 6 Menschen in Estland an Covid-19, drei davon in Kuresaare. Das dortige Krankenhaus gibt bekannt, dass bereits 41 ihrer Mitarbeiter*innen positiv auf Covid-19 getestet wurden.
3. April 2020 - in Estland gibt es jetzt insgesamt 961 positiv Getestete, 359 davon auf Saaremaa (303 in der Region Tallinn). Es werden neue Einschränkungen für Altenheime und Sozialstationen bekannt gegeben: niemand darf mehr die Einrichtungen verlassen (falls doch, gibt es keine Rückkehrmöglichkeit). Verlassen und dann wiederkommen, dieses Verhalten wird als einer der Gründe für das vermehrte Auftreten von Corona in Altenheimen festgestellt.
5. April 2020 - inzwischen wurden 21.000 Menschen in Estland auf Covid-19 getestet, 1018 davon positiv.
6. April 2020 - es gibt vier weitere Tote auf Saaremaa, zwei Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 60 und 86 Jahren.
8. April 2020 - es gibt die erste Tote unter dem Krankenhauspersonal auf Saaremaa, eine 53-jährige Frau.
14. April 2020 - es gibt inzwischen mehr als 30 Tote in Estland im Zusammenhang mit Covid-19. Einige Erkrankte werden vom Krankenhaus Kuresaare in andere Einrichtungen aufs Festland verlegt.
19. April 2020 - inzwischen wurden 40.000 Menschen in Estland auf Corona-Virus getestet, 40 sind verstorben.
20. April 2020 - inzwischen gibt es im Bezirk Tallinn (Harju) etwas mehr Erkrankte als auf Saaremaa. Die estnischen Medien veröffentlichen die Nummer eines Spendenkontos für das Krankenhaus in Kuresaare auf Saaremaa. (nach einer Aufstellung des ERR)
Der Bürgermeister von Saaremaa, Madis Kallas, erklärt die politische Verantwortung für die Lage auf Saaremaa übernehmen zu wollen - ab Mai 2020 werde er als Bürgermeister zurücktreten. Inzwischen gibt es im Bezirk Saare (Saaremaa, Muhu und kleinere Inseln, insgesamt 33.000 Einwohner*innen) insgesamt 520 positiv auf Covid-19 getestete Menschen.

Andere Nachrichten: am 16. April beschließt die estnische Regierung, je 100.000 Euro für Italien und für Spanien, dazu auch Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel zur Corona-Bekämpfung zur Verfügung zu stellen.

Dienstag, März 31, 2020

Home office Estland

Alles digital in Estland? Es gibt immer noch Überraschungen. Gerade bei politischen Entscheidungen zeigten sich in der vergangenen Woche Lücken: es stand die Wahl des Parlamentsvorstands an, die einmal im Jahr erfolgen muss - und die Abgeordneten wählten nicht etwa von zu Hause aus (ERR). Dabei waren Überraschungen kaum zu erwarten, denn alle drei bisherigen Amtspersonen traten zur Bestätigung bzw. Wiederwahl an: Vorsitzender Henn Põlluaas (EKRE), als Stellvertreter Helir-Valdor Seeder (Isamaa) und Siim Kallas (Reform). Oder hätte die Spannung darin gelegen, dass derjenige Vize mit den meisten Stimmen sich "1.Stellvertreter" nennen darf, der andere aber nur "2.Stellvertreter"? Man sollte meinen, es gäbe derzeit wichtigere Dinge zu entscheiden in Estland.

Es wurde zu einem langwierigen Ritual: sechs Wahlurnen wurden im Parlament aufgestellt, und wer nur im Hof mit dem Auto vorfahren wollte (maskiert und mit Handschuhen), dem wurde die Abstimmungsbox noch ans Autofenster gehalten. Aber analog musste es wohl sein.(ERR)

Das Gesundheitswesen, das auch in Estland gerade gewaltige Lasten schultern muss, fällt dagegen durch die bekannten elektronischen Lösungen auf. Angesichts der aktuellen Krisensituation wurde in Estland ein weiterer Schritt in Richtung der elektronische Krankenakten getan (deren Einführung in Deutschland für 2021 geplant ist / BGM). Seit dem 16. März ist es in Estland möglich, sich online krank zu melden. Die dafür nötige Krankenakte (Haigusleht) kann ebenfalls online ausgefüllt werden, die Daten werden dann dann zur Versicherungsfond, dem Hausärzteverband und dem estnischen Gesundheitszentrum weitergeleitet. Erst im nächsten Schritt meldet sich dann ein Arzt, um Symptome und Zustand des Patienten zu klären (Haigekassa). Auch über die Länge einer eventuellen Krankschreibung entscheidet dann der Arzt.

Um diese Schritte online zu erledigen, werden entweder die estnische ID-Karte oder die mobile ID verwendet, die in Estland die meisten Menschen bereits besitzen und nutzen. Genutzt wird dabei ein nationales Patientenportal (Digilugu.ee). Bereits eine Woche nach der Einführung hatten 12.000 Estinnen und Esten die Möglichkeit der Online-Krankenakte genutzt (ERR).
Mit diesem Schritt soll vor allem die Belastung für die Hausärzte verringert werden.

Mittwoch, März 18, 2020

Krisen-Estland

Wenn in Estland die Schulen geschlossen werden - bekommen Schüler*innen und Schüler ihre Hausaufgaben digital, auch die Eltern sind darüber (digital) informiert. Sogar die Notengebung ist ins digitale System einbezogen (siehe: EKool). Der "Youthreporter" berichtete noch vor kurzem von einer in Estland kurz vor der Umsetzung stehenden Vorschrift, dass alle Schulmaterialien jetzt auch digital vorliegen müssen.

Seit dem 16. März meldet Estland: beginnend mit dem heutigen Tag bleiben unsere Schulen geschlossen. Das Lernen wird daher komplett online ablaufen.

Und damit nicht genug: Estland bietet Erfahrungen des digitalen Lernen anderen Ländern zur Nutzung an - so zumindest verkündet es eine Informationsseite des estnischen Bildungsministeriums. Diese beruft sich auf die estnischen Firmen "99math.com", "Lingvist.com", "Clanbeat.com", "Speakly.me", "ALPA Kids", und "DreamApply.com", die sich bereit erklärt hätten, ihre Lösungen auch auf internationaler Ebene kostenfrei zugänglich zu machen. Eine Liste dieser Angebote stellte das Ministerium ebenfalls online. Auch "Estonianworld" stimmt in den begeisterten Chor ein: "Estland bietet seine digitalen Werkzeuge zur Unterstützung anderer Länder in der Krise an."

Allerdings ist es wie so oft, wenn Apps kostenfrei angeboten werden: im Kleingedruckten ist dann doch das wirklich Kostenfreie sehr begrenzt.So bietet sich die Sprachlern-Software "Lingvist" zum Beispiel als "in den Zeiten der Krise einen Monat lang für Schulen kostenfrei" an. Wer genauer nachliest, erfährt hier auch, dass LINGVIST schon bisher als kostenlose Software angeboten war - aber gegenwärtig ein Abomodell einführen will, um Einnahmen generieren zu können. Also: hier will das Ministerium wohl eher estnischen Startups einen Anschub aufs internationale Parkett geben, als wirklich altruistisch in der Krise Hilfe leisten zu wollen."Lingvist" weist inzwischen einen Preis von etwa 20 Euro pro Monat für die Nutzung aus - da kommt der Verdacht auf, hier den beschenkten Schulen dringend ein Gefühl für den Wert des Geschenks geben zu wollen - ähnlich den Supermärkten, die erst ihre Preise erhöhen, um dann wöchentliche "Sonderaktionen" auszurufen.

Andere der genannten Firmen, wie z.B. "Clanbeat", gehen mit dem Kostenlos-Angebot noch offensiver um und machen es zur aktuellen Haupt-Schlagzeile. Hier kommt die Info allerdings Englisch daher, und die Frage kommt auf: dürfen in Deutschland interessierte Lehrer*innen nun einfach hemmungslos runterladen und anwenden, entscheidet das die Schulleitung? Oder vielleicht wird auf Anordnungen des zuständigen Ministeriums gewartet? - Und auch bei "Clanbeat" ist die "Kostenlos-Taktik" nicht ohne Tücken: ob hier die Nutzung Sinn macht, oder nicht, ob es Alternativen gibt - natürlich suchen wir unabhängige Beratung vergeblich. "We will send instructions" verspricht das Unternehmen, setzt also darauf, dass erst mal "kostenlos bestellt", und erst danach das Nachdenken über Sinn und Unsinn einsetzt. Zudem gibt es Unterschiede je nach Infoquelle - teilweise wird hier auch nur von "kostenlos bis zum Ende des Schuljahres" gesprochen (education-nation). Und das kommt schon bald.

Angesichts der Begeisterung auf estnischer Seite nach dem Motto "Estland hilft kostenlos der ganzen Welt" bleibt doch offenbar etwas Zurückhaltung angebracht. Wir erinnern uns: Hände waschen, Panik vermeiden. Das gilt offenbar auch in digitalen Dingen.