Wer es noch nicht wusste: in Estland beginnt der Unterricht in den Schulen inzwischen in der Regel um 9:00 Uhr. Wir ersparen uns eine Recherche, wie es dazu kam - viele werden in Deutschland ihre Schulstunden früher begonnen haben. Wenn aber estnische Schulen so früh zum Unterricht rufen - gibt es Proteste.
Der Bus kommt pünktlich
Der aktuelle Streitfall dreht sich um die Grundschule Kõrveküla (Kõrveküla Põhikool), in der Nähe von Tartu gelegen. Eigentlich gilt seit 2025 in staatlichen estnischen Schulen 9:00 Uhr als Unterrichtsbeginn - aber offenbar gibt es die Möglichkeit für Ausnahmeregelungen. Die Stadt Tartu, die die Schule betreibt, stellt sich aktuell auf den Standpunkt: die Schulbusse kommen nun mal um kurz vor acht, und das können wir nicht so einfach ändern.
Ein erstaunliches Argument für ein Land, das - im Gegensatz zu Deutschland - in der PISA-Studie regelmäßig ganz gut abschneidet, auch beim Start um 9:00 Uhr. Zitat: "Im neu hinzugefügten Bereich der computergestützten Problemlösung konnten nur die jungen Teilnehmer aus Japan (557 Punkte) die estnischen Schüler (541 Punkte) übertreffen (siehe ERR). Vielleicht sollten also mal ein paar dieser glanzvollen Problemlöser/innen bei ihrem eigenen Gemeinderat anklopfen?
Klagende Eltern
Der Gemeinderat meint: eine Änderung der Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs sei kompliziert und vor allem kostspielig. Es folgte aber etwas, das vielleicht auch nicht in vielen Schulen zum Alltag gehört: 142 Eltern von Grundschülern zogen wegen des Schulbeginns vor Gericht, 18 reichten sogar Klage beim Verwaltungsgericht ein. Es sind die ersten Eltern in Estland, die dieses Thema vor Gericht brachten.
Während andere Schulen in Tartu schon auf 9:00 Uhr Schulbeginn gewechselt sind, haben drei Schulen in Kõrveküla, Lähte and Tabivere den frühen Start bisher noch beibehalten. Agu Laas, stellvertretender Bürgermeister von Tartu, erklärt seinerseits, eine Umstellung der Busfahrpläne würde so etwa 500.000 Euro kosten (UA / ERR). Er bezeichnet die klagenden Eltern als "lautstarke Minderheit". Man habe an der Schule eine Umfrage durchgeführt, und im Ergebnis sei ein Drittel für 9 Uhr gewesen, ein Drittel sei dagegen gewesen, und dem letzten Drittel sei es offenbar egal. Laas wurde 2025 in Tartu als "Persönlichkeit des Jahres" ausgezeichnet - allerdings für sein Engagement im Bereich Sport. (tartuvald)
Ott Oja, Leiter der Abteilung für Vorschul- und Grundschulbildung im Ministerium für Bildung und Forschung, weist auf wissenschaftliche Erkenntnisse zugunsten eines späteren Schulbeginns hin. „Aus jahrzehntelangen Studien wissen wir, dass ein späterer Schulbeginn in erheblichem Maße dazu führt, dass die Schüler mehr Schlaf bekommen, und das trägt dazu bei, eine Vielzahl von gesundheitlichen Problemen zu verhindern.“
Mehr Schlaf, oder mehr Freizeit?
Vertreter der Schule dagegen argumentieren, dass bei spätem Beginn ältere Schülerinnen und Schüler dann erst um 17 Uhr aus der Schule kommen könnten - und bei vielen stünde dann noch Musikunterricht, Sporttraining oder andere außerschulische Aktivitäten auf dem Plan.
Eine aktuelle Umfrage des estnischen Schulleiterverbands ergab, bei einer Rückmeldung von 122 Schulen, dass nur 31 Schulen um 9 Uhr beginnen, während an 74 Schulen der erste Klingelruf bereits um 8:30 Uhr oder noch früher ertönt. In Tallinn beginnt der Unterricht an 36 von 61 städtischen Schulen vor 9 Uhr morgens, in Tartu sind es 10 von 23 Schulen, in Pärnu ist es allerdings nur eine der 14 städtischen Einrichtungen.
Das Gerichtsverfahren in der Sache soll im November beginnen. Die Gemeinde hat jedoch bereits angedeutet, dass der Schulbeginn in Kõrveküla im nächsten Schuljahr auf 9 Uhr verlegt werden könnte.


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