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Donnerstag, April 07, 2022

Brückendiskussion

Die "Võidu sild" ist eine in den Jahren 1952 bis 1957 gebaute Stahlbetonbrücke über den Fluss Emajõgi, im Zentrum von Estlands zweitgrößter Stadt Tartu gelegen. Ihren Namen erhielt die Brücke im Jahr 1965, auf Beschluss des Stadtrats, zum 20. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Denn "Võidu sild" heißt übersetzt "Brücke des Sieges". 

Die Diskussion im Stadtrat von Tartu, die Brücke anders zu benennen, geht schon einige Jahre. Aber als Tourist/in könnten wir uns zunächst fragen: Was für eine Brücke ist das? Reiseinfoseiten wie "Estland-com" erwähnen eine Reihe von Brücken: Bogenbrücke (Kaarsild), Steinbrücke (Kilvisild), Marktbrücke (Turusild), Engelsbrücke (Ingisild), Teufelsbrücke (Kuradisild). Aber "Siegesbrücke"? "Visittartu" beschreibt ausführlich die Bogenbrücke. Aus touristischer Sicht wird die Brücke der Durchfahrtsstraße, die einfach die Riga-Straße mit der Narva-Straße verbindet, am wenigsten hervorgehoben.

Seit 1926 gab es auch schon eine "Freiheitsbrücke" in Tartu: nach der sowjetischen Besetzung 1940 schon einmal kurzzeitig in "Siegesbrücke" umbenannt, überstand sie den Krieg nicht (von den abziehenden Deutschen zerstört). Am Ende des 2.Weltkriegs waren in Tartu alle Brücken zerstört. Die heutige "Freiheitsbrücke" wurde 2009 eröffnet.

Nun sucht Tartu einen neuen Namen für die bisherige "Siegesbrücke" (tartu.ee / err) "Wir können einen solche Sieg nicht weiter feiern", heißt es (tartu.ee). Bis zum 10. April sollen nun Namensvorschläge gesammelt werden. Ein witziger (wohl nicht ernst gemeinter) Vorschlag war auf dem Portal "Lugejakiri" (Eigenwerbung: "die seriöseste Nachrichtenquelle in Estland") zu lesen: um Geld und Mühe zu sparen, solle nur der erste Buchstabe ausgetauscht werden - statt "Võidu sild" (Siegesstraße) nun "Sõidu sild" (Fahrstraße). 

Ein Thema, dass vielleicht aber nur symbolisch die andauernde Diskussion um die russische Haltung zu Putins Angriffskrieg wiederspiegelt. Nikolai Põdramägi, Arzt und Mitglied der Zentrumspartei in Tartu, sprach sich nicht nur gegen die Umbenennung der Brücke aus, sondern bezeichnete auch die gegenwärtigen Vorgänge in der Ukraine als "Bürgerkrieg" (err). Als Reaktion distanzierte sich nicht nur die Zentrumspartei von ihm, sondern auch die Ärztekammer (Postimees / delfi)

Donnerstag, Februar 20, 2020

Einspar-Folklore

Das kleine estnische Städtchen Viljandi ist vielleicht nicht einmal allen Estland-Touristen bekannt - viele pendeln nur zwischen Tallinn, Tartu und Saaremaa. Für Liebhaber*innen der Folkmusik ist das anders: geradezu legendär ist das VILJANDI FOLK MUSIC FESTIVAL, das im Jahr 2020 wieder einmal um die 800 Musiker*innen bei über 100 Konzerten zusammenbringen wird, inzwischen kommen an den vier Festivaltagen über 25.000 Musikfreund*innen.

1989 gegründet, ist das Festival zusammen mit der inzwischen etablierten "Viljandi Kulturakademie" geradezu zum Symbol geworden für den freien, estnischen Geist, das Kennenlernen anderer Kulturen, und
"Wir mussten unseren Weg finden von der sowjetischen Pseudo-Folk-Szene zu einer qualitativen musikalischen Ausbildung", schreibt Festivalleiter Ando Kiviberg in einem Rückblick auf die Entwicklung seit 1990. Kiviberg erinnert an die Wiederentdeckung der Traditionen des estnischen Dudelsackbaus genauso wie an die findigen Handwerker von Viljandi, die auch schon mal individuelle Transportbehälter für die Musikinstrumente aus Holz herzustellen in der Lage waren. Sogar das Vokabular musste neu geschaffen werden: den Begriff "pärimus" (estnisch für etwas ererbtes, traditionelles) soll zuerst die Band "Kukerpillid" verwendet haben - in Viljandi wurde “pärimusmuusika” zum neuen Begriff für die Musik, die hier präsentiert wurde (und englisch "Folkmusik") genannt wird.

2008 wurde das "Traditional Music Center" in Viljandi eröffnet. Alte Liedtexte und Schriften, auch alte Tonaufnahmen, Fotos und Filme sammelt das "Eesti Rahvaluule Arhiiv" (ERA) schon seit 1927 - anfangs als Teil des Estnischen Nationalmuseums, inzwischen als Abteilung des estnischen Literaturmuseums in Tartu, und seit 2000 sind alle verschiedenen Folklore-Sammlungen unter diesem Dach vereint. Über 13.000 estnische Volkslieder und ihre Melodien sind hier dokumentiert.

Doch offenbar ist diese Archivarbeit nicht jedem gleichermaßen wichtig.  In der estnischen Presse häufen sich Berichte, denen zufolge das estnische Folklorearchiv in diesem Jahr keine Unterstützung für Forschungsprojekte erhalten wird (Eesti Päevaleht / Klassikraadio). Seitdem ist die estnische Folkszene in Aufruhr. Dichterin Kristiina Ehin und Folk-Musikerin Mari Kalkun schufen bereits einen "Protestsong" mit der Bezeichnung "Notruf an den Premierminister" ("Hädaabikõne peaministrile") - inspiriert von der Musik von Miina Härma und Gedichten von Anna Haava. "Ich habe noch nie einen Protestlied geschrieben, aber diese Situation zwingt mich es zu tun. Wir müssen unsere Traditionen bewahren, und auch die Leute die diese Arbeit tun," so Kalkun gegenüber dem estnischen Pressedienst ERR.

Es kursieren Unterschriftenlisten, und ein Solidaritätskonzert zur Unterstützung des Folklorearchivs soll am 4. März im Estnischen Nationalmuseum stattfinden (Postimees). Dort werden eine Reihe von Bands und Musiker*innen auftreten, die sich von den estnischen Traditionen der Folkmusik inspirieren lassen, wie "Trad.Attack!", Mari Kalkun, Sander Mölder, Maarja Nuut, "Zetod", Cätlin Mägi, die "Curly Strings" oder die "Johansons".

Kritisiert werden auch die Finanzierungsstrategien für die wissenschaftliche Forschung. "So wie es gegenwärtig gemacht wird, ist es wie eine Lotterie - da werden Forschungsprojekte nicht danach orientiert wo es Forschungbedarf gibt, sondern welcher Antrag wahrscheinlich erfolgreich sein wird", meint Risto Järv, der Leiter des Folklorearchivs (err).

Samstag, Februar 15, 2020

Zum Jubiläum: kein Schnee!

1960 fand der erste Tartu Skimarathon statt - es wäre also in diesem Jahr ein rundes Jubiläum gewesen. Tauende Skifahrer*innen aus der ganzen Welt kommen jedes Jahr in die Gegend zwischen Tartu und Otepää - dieses Jahr wird es eine Enttäuschung werden. Es gibt keinen Schnee. Und auch die Menge des in Tehvandi vorbereiteten Kunstschnees reicht nicht aus, um die 63km Streckenlänge zu präparieren. Über 5.000 Skibegeisterte hatten sich bereits angemeldet - und werden nun entweder ohne Schnee planen müssen, oder enttäuscht wieder abreisen.
Ja, zugegeben - es gibt auch noch den Tartu Jooksumaraton (Nordic Walking), Tartu Rattaralli (Fahrradrennen), den Tartu Rattamaraton (Mountainbike-Rennen), den Rulluisumaraton (für Inline-Skater) und sogar noch einen Jooksumaraton (Waldmarathonlauf). Dennoch werden die Skifans wohl sagen: alles kein guter Ersatz! Die "Juubelimatk ("Jubiläumsreise") fällt aus - ersatzweise wird eine Wanderung zu Fuß angeboten.

Der "Marathonkalender" von Tartu
Auch aus Deutschland hatten sich bereits viele Teilnehmer*innen angemeldet. Einerseits haben Skireiseveranstalter das Event im Programm (z.B. Schulz / Sandoz, / Wildost), und noch im vergangenen Jahr waren die Verhältnisse so hervorragend gewesen, dass die Veranstalter vom "besten Winter seit langem" schwärmten (visittartu). Aber andererseits kann der Skimarathon auch nicht verschoben werden, denn der Termin ist fest verankert im internationalen Rennkalender (International Worldloppet).

Wahrscheinlich werden die Veranstalter auch die Teilnahmegebühr nicht zurückzahlen können, so zitiert die "Postimees" eine Aussage von Peeter Liik, dem Marketingchef beim Tartu Marathon Club. Es müsse erst mal gerechnet werden - eventuell könne man eine Gutschrift für 2021 berechnen.

Auch die Biathlon-EM wurde bereits jetzt von Estland nach Weißrussland verlegt (ran). Wirtschaft und Tourismus insbesondere in Otepää äußerten bereits ihre Sorge, die Absagen könnten zu erheblichen Einbußen führen (err). Am 8./9. Februar hatten auch bereits die Wettbewerbe der Nordischen Kombination in Otepää abgesagt werden müssen (ran).

Montag, Oktober 16, 2017

Estlands Kommunalwahl: viel E-Vote bei verhaltener Begeisterung

Nicht nur in Österreich und im deutschen Bundesland Niedersachsen wurde am vergangenen Sonntag gewählt: in Estland fanden Kommunalwahlen statt.

E-Wahl-Rekord
Ein erstes interessantes Ergebnis war schon vor Schließung der Wahllokale bei den heutigen Kommunalwahlen in Estland bekannt: es gibt einen neuen "E-Rekord" - 27,6% der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme online ab; das war während einer zehntägigen Zeitspanne vor der Wahl möglich. Zusammengezählt wählten 306.508 Estinnen und Esten vorab, 186.034 davon digital.

Stabiles Zentrum, weniger Vaterland, viel unabhängig
Der locker Jogger: aus einem
Wahlspot der "Zentrumspartei"
Die "Eesti Keskerakond" (Zentrumspartei) erhielt 27.3% der Stimmen, 26,8% entfielen auf unabhängige Wahllisten, und 19,5% erreichte die Estnische Reformpartei (Eesti Reformierakond). Weitere 10,3% Stimmen erreichten die Sozialdemokraten (Sotsiaaldemokraatlik Erakond), 8% die Vaterlandspartei & Res Publica (Erakond Isamaa ja Res Publica Liit IRL), 6,7% die Konservative Volkspartei (Eesti Konservatiivne Rahvaerakond EKRE), während die estnischen Grünen (Erakond Eestimaa Rohelised) estlandweit lediglich 0,8% der Stimmen auf sich vereinen konnten (siehe auch: estnisches Wahlamt).Die Veränderungen gegenüber der Wahl 2013 sind schwierig zu berechnen, da es diesmal einen neuen Zuschnitt der Wahlbezirke gab. Landesweit verlor die konservative IRL durch einen Absturz von 17.2% auf 8% am meisten, während die nationalkonservative EKRE erstmals antrat. Die Reformpartei gewann landesweit 5,8% hinzu, die Zentrumspartei verlor 4,6%, für die Sozialdemokraten entschieden sich 2,2,% weniger.

Tartu und Tallinn konstant
Estlands größte Städte bleiben poltisch da, wo sie schon bisher waren: in Tallinn gewann die Zentrumspartei 40 der 79 Mandate und damit die absolute Mehrheit (44,4% der Stimmen); eine Besonderheit war dabei allerdings, dass Ex-Taekwondo-Sportler Mihhail Kõlvart mit 24.712 Personenstimmen weit mehr Zustimmng auf sich vereinen konnte als der eigentliche Bürgermeisterkandidat des Zentrums, Taavi Aas. Kõlvart trat im Stadtteil Lasnamäe an, dort wo Ex-Parteichef Savisaar immer gute Resultate eingefahren hatte. Savisaar selbst war nicht mehr als Spitzenkandidat nominiert worden, trat aber auf einer eigenen Liste an und gewann so ein Direktmandat im Stadtrat. Allerdings steht er noch wegen einer Korruptionsanklage vor Gericht - der Ausgang wird darüber entscheiden, ob er sein Mandat antreten darf.
Beobachter schließen aber nicht aus, dass wegen der knappen Mehrheit im Stadtrat Tallinn die Zentrumspartei dennoch einen Koalitionspartner einladen könnte. 
In Tartu blieb die Reformpartei mit 37,4% an der Spitze der Beliebtheit - das reicht für 20 von 50 Stadtratssitzen. Bürgermeister bleibt also wahrscheinlich Urmas Klaas. Die Sozialdemokraten folgen mit 8, das Zentrum mit 7 Sitzen. Die EKRE bekommt noch 6, die IRL 3 Mandate. Die konservative IRL verlor auch hier am stärksten: ein Absturz von 21,08% auf 7,4%.

Estnische Kommentatoren weisen vor allem darauf hin, dass es die Zentrumspartei von Regierungschef Jüri Ratas geschafft hat, auch ohne Edgar Savisaar in Tallinn wieder die absolute Mehrheit zu holen. Die teilweise problematische Vergangenheit von Savisaar sei nun Geschichte und habe für die Zentrumspartei keine Bedeutung mehr, heißt es.
Außerdem sei es ein klares Zeichen, dass wiederum über 180.000 Wählerinnen und Wähler dem "E-Vote" vertrauten, trotz kürzlich offenbarten theoretisch möglichen Manipulationsmöglichkeiten. Estinnen und Esten vertrauen eben E-Estonia. Allerdings zeigte die vergleichsweise niedrige Wahlbeteiligung von 53,4% (2013 = 57,97%) nur lauwarme Begeisterung für die wichtigen politischen Fragen an.

Sonntag, Oktober 23, 2016

Zaubersuppe aus Estland

Eine Filmstadt in Estland - die soll erst noch gebaut werden. "Tallinn Film Wonderland" in Kopli, einem Stadtteil von Tallinn (ERR), soll ab Ende 2018 als Filmproduktionsstätte dienen und Arbeitsstätte für 17 Filmproduktionsfirmen werden.

Da ist es doch günstig, dass auch Estlands zweite große Stadt Tartu filmisch etwas zu bieten hat: neu in deutschen Kinos ist nun "der Geheimbund von Suppenstadt" zu sehen, ein Film der in Tartu spielt und diese schöne, alte Stadt im besten Lichte zeigt. Unabhängig von der Meinung, die Kinder sich bilden werden - das eigentliche Zielpublikum - ist vielleicht jetzt schon klar, welche Bilder aus diesem Film den Zuschauern am meisten im Gedächtnis bleiben werden: fröhliche, radfahrende Kinder im romantisch wirkender, sonnendurchflutender Umgebung, zwischen wild wuchernden Gärten und bunten Holzhäusern. Ein Film, wie ihn sich Bürgermeister wünschen:Tartu erscheint in ziemlich bestem Licht, dank den Möglichkeiten von kamerabestückten fliegenden Drohnen und digitaler Filmtechnik.

Schade, dass der Film sich in seiner deutschen Fassung so gar nicht am Estnischen orientiert: würde doch auch ein Name wie "Supilinn" für Kinder recht lustig wirken. Deutsch synchronisiert aber wirken auch alle Kinderpersönlichkeiten ein wenig eingedeutscht, und über den eigentlichen Hintergrund der Bezeichnung "Suppenstadt" erfährt der Kinobesucher leider nichts (viele Straßennamen wie Suppenzutaten: Kartoffel-, Kürbis-, Erbsen-, Sellerie-, oder Kohlstraße). Manchmal ist auch zu vermuten, dass die estnischen Originaldialoge weitaus frischer waren als die synchronisierte Fassung, wo Sätze vorkommen als seien sie von vorbildlichen Eltern geschrieben: "Opa, ich bins, mit meinen Freunden!"

Doch zur Story des Films. Wieder einmal ist es ein Versuch, die Welt der Kinder mit derjenigen der Erwachsenen zu spiegeln: wie wäre es denn, wenn mal die Erwachsenen wild und ungestüm herumspringen würden, seltsame Laute ausstoßend? In der romantischen Suppenstadt, wo es viele abenteuerliche Ecken zum Radfahren und Verstecken, aber auch eine Open-Air-Bühne für Theateraufführungen gibt, geht ein mysteriöser Maskenmensch umher, der seltsame Mixturen in die Getränke der Erwachsenen mischt, wodurch sie kindisches Gebahren annehmen und sogar mit dem Tode bedroht sind. Wohl dem, der einen schlauen Opa hat! Tiit Lilleorg, in Estland bereits bekannt aus vielen Filmen und vom Theater Vanemuine in Tartu, spielt diesen Großvater Peeter eindrucksvoll und glaubwürdig (immer gut, wenn so ein Großvater von eher kleiner Statur ist, und die Kinder nicht weit überragt). Diese Kinder haben Smartphones, und schauen auch mal im Internet nach wenn sie etwas nicht wissen - aber dieser Opa arbeitet nicht nur mit Laptop, seine Werkstatt hat etwas von einem Daniel Düsentrieb, und spätestens wenn die Kinder dort angekommen sind, scheint das Abenteuer sicher. Doch Sadu (Arabella Antons), Olav (Hugo Soosaar) und Anton (Karl Jakob Vibur), die drei Freund/innen der Hauptheldin Mari (Olivia Viikant), wollen anfangs nicht so recht glauben an verborgene Schätze, die mittels Mari's Rätselaufgaben (vom Opa erdacht) gefunden werden sollen. Vielleicht haben auch die Zuschauer ihre Schwierigkeiten, in die Geschichte reinzufinden: die estnischen Namen klingen doch recht ungewöhnlich, und werden erst im Laufe der Geschichte irgendwo mal erwähnt, wo es der Lauf der Ereignisse irgendwie erlaubt. Identifikationsfigur wird also bei diesen estnischen Detektivgeschichten, die man auch für eine Variation der "drei Fragezeichen" halten könnte (wo aber nur Jungs auftreten), eher Mari sein - im richtigen Leben ein Mädchen von 10 Jahre aus Tallinn (Lieblingsfilm: die Vampirtagebücher).

Der Film beginnt recht schwungvoll mit einer Art Straßenfest in der Suppenstadt, untermalt von der estnisch-ukrainischen Band SVJATA VATRA, die zum Tanz aufspielt. Mari's Vater dagegen deutet an, dass im realen Supilinn in Tartu heute niemand mehr sagen würde "der letzte Slum Estlands" (Atlas obscura): Open-Air-Ballett wird wohl nicht in jedem Stadtteil geboten - und auch Tartus Vorstadt ist ja real bereits auf dem Weg zum "In-Viertel" einer jungen, gut verdienenden Generation.
Der weitere Verlauf der Geschichte wird dadurch geprägt, dass der schlaue Opa Peeter leider ebenfalls vom falschen Getränk nascht und vorerst handlungsunfähig in Krankenhaus muss, der Maskenmensch sich aber mit einer unsympatischen anderen Kinderbande verbündet, denen er Geld und Geschenke verspricht, wenn sie etwas gegen Mari und ihre drei Freunde unternehmen. Vor allem der Schluß enthüllt noch einmal eine überraschende Wendung dadurch, dass die Enttarnung des Maskenmensches auf einmal ganze neue Zusammenhänge enthüllt.

Der Film erhielt bei seinen bisherigen Festival-Auftritten vor allem Publikumspreise - was darauf hindeutete, dass Kinder doch eher nach dem Grundsatz Filme schauen: "Hauptsache nicht langweilig!". Denn Langeweile kommt hier bestimmt nicht auf - über die leichten inhaltlichen Überfrachtungen können Kinder sicher gern einfach hinwegsehen. Zudem schafft auch die Filmmusik von Liina Kullerkupp einen leichten, fröhlichen Rhytmus, der die immer wieder rasanten Radel-Kunststücke der Kinder besonders betont (ein Film also auch für Mountainbike-Fans).
Falls die Fans des Supilinn-Films
noch ein wenig drängen - es gäbe
noch mehr Kinderbücher von Mika
Keränen (zu verfilmen, oder ins
Deutsche zu übersetzen)
Ganz nebenbei besteigen die Kinder auch noch den Uhrenturm des Tartuer Rathauses - ganz im Stil der mutigen Studenten, die am selben Ort 1917/18 erstmals die estnische Nationalflagge hissten - so wie es der estnische Film "Nimed marmortahvlil" (zu deutsch "Die Namen auf der Marmortafel") zeigt. Aber das deutsche Publikum kann das vielleicht ebenso vernachlässigen wie die Hinweise, das dringend benötigte geheimnisvolle Notizbuch sei von Soldaten versteckt worden, damit die Besatzer Estlands das Buch nicht entdecken. 

5800 estnische Kinder wurden für diesen Film angeblich gecastet - und eine stattliches Budget von 1,14 Millionen € verbraucht. Die Stadt Tartu hatte kürzlich eine eigene regionalen Filmstiftung gegründet, mit einem Budget von 150.000 Euro jährlich. Der Suppenstadt-Film war einer der ersten Projekte dieser Stiftung, gefördert aus dem Budget für 2014 und 2015, und abgewickelt vom Zentrum für kreative Industrie (TCCI). Sponsoren aus der Wirtschaft gibt es ebenfall, und es scheint klar, was hier angeboten wird: im Film gab es eine eigene Sequenz mit einem Paketwagen der DHL - da freut sich die Firma.

In Estland sahen den Film bisher über 90.000 Kinogänger (der zweiterfolgreichste estnische Film des Jahres 2015, nach "1944").
Die Geschichte basiert auf dem Buch des finnisch-estnischen Schriftstellers Mika Keränen, der in Helsinki geboren wurde und Estnisch an der Universität Tartu studierte. Seit 2008 schreibt Keränen Kinderbücher. Dem Suppenstadt-Kinderfilm also zunächst einmal viel Erfolg - vielleicht verbunden mit dem Wunsch, die deutsche Synchronisation könnte nächstes Mal ruhig ein paar estnische Wörter behalten - denn die "Suppenstadt" ist ja eben nicht bloß als Filmkulisse erschaffen worden, sondern gibt es im realen Leben ja auch.

Dienstag, September 10, 2013

Schuhe aus Tartu

"Schuster, bleib bei deinen Leisten!"
diesen Wahlspruch wird Sille Sikmann
sicher gern beherzigen, denn die
Leidenschaft fürs Schuhwerk ist
gerade erst frisch entdeckt
"Estnische Männer haben besondere Füße!" Diese Ansicht vertritt die Estin Sille Sikmann, und sie scheint einen besonderen Blick für diese Thematik zu haben. Als gelernte Designerin ging sie für ein Semester nach Helsinki. Aus einer Übungsaufgabe, Entwürfe für Schuhe zu machen, wurde ihre Passion: "Ich habe gemerkt: das ist meine Sache! Es fiel mir leicht - wo andere nur einen Entwurf hinbekommen haben, da hatte ich schon fünf fertig ..."

Nach einer weiteren Auslandserfahrung in Ungarn und einer Studie zum Markt für Männerschuhe wagte Sille den Schritt in die Selbständigkeit. Ihre Werkstatt ist in der Antoniusgilde in Tartu zu finden, und von hier aus knüpfen sich langsam "Schuhmacher-Kontakte" über ganz Estland und darüber hinaus. Manche Frauen äussern sich offenbar manchmal kritisch dazu, dass Sille sich ausschließlich Männerschuhen gewidmet hat - andererseits schien die Idee interessant genug, und so schaute auch das estnische Fernsehen schon zur Berichterstattung vorbei.
Teil des Scheckmann'schen
Designkonzepts:
Stoff und Leder kombiniert

Dabei gibt es viel Grundlegendes aus dem Schuhmacherhandwerk neu zu entdecken: alle bisherigen Aufträge waren Maßanfertigungen. Hölzerne Leisten (Sikmann: "wer noch alte Leisten zu Hause hat, kann sie gerne vorbeibringen!") sind hier noch genauso in Gebrauch wie Aufrauhbürste, Ahle und Absatzraspel. Das Leder stammt von verschiedenen Lieferanten in Europa.
Teil der Geschäftsidee ist auch der Firmenname: eigentlich habe der Name Sikmann deutschbaltische Ursprünge, erläutert Sille. "Meinem Vater habe ich mal versprochen, dass ich etwas Bleibendes aus diesem traditionsreichen Namen mache." So wurde dann "Scheckmann" die Trademark, und "schicke Schuhe von Scheckmann" hört sich ja auch auf Deutsch recht gut an.

Und wie entsteht ein Schuh? Sille zeigt es gern an den Beispielen von drei Kunden: drei Charaktäre, drei Wunschschuhe. Das Kundenspektrum reicht vom Künstler, der zur Vernissage gerne etwas Besonderes an den Füßen haben wollte bis zum Fahrradliebhaber, dessen Bezug zum Rad sich auch am Schuhwerk wiederspiegelt. "Manchmal dauert es auch monatelang, denn inzwischen habe ich Kunden in ganz Estland, und die haben nicht immer so schnell Zeit mal für eine Anprobe vorbeizuschauen," erzählt Sille.

Schuh hat Charakter - und soll Charakter zeigen
Gibt es in Estland eine Schuhmacher-Tradition? Immerhin heißt "Schuh" estnisch "King" - als ist nicht nur der Kunde, sondern schon der Schuh König? Der estnische Exportwegweiser weist drei Firmen des Schuhmachergewerbes auf: eine in Tartu, eine in Tallinn und eine im Bezirk Võru.
"Ja, ich hatte auch schon Angebote, für solche Firmen zu arbeiten", gibt auch Sille zu. Allerdings: so schöne Männerschuhe - wo hat man das schon gesehen?

"Erstmal macht es mir viel Spaß, dazuzulernen," sagt Sille zu den eigenen Perspektiven, "jedes Projekt ist wieder eine Herausforderung." Damit ist auch die Notwendigkeit gemeint, einen Teil der Arbeiten von Partnerfirmen ausführen lassen zu müssen. "Vielleicht finde ich ja noch jemand, der wie ich mit ähnlichem Ernst und Engagement an die Arbeit geht," meint Sille. "Zu zweit wäre manches leichter." Aber obwohl die Maßanfertigung von Schuhen ja keine ganz billige Sache sein kann - vorerst gibt es genug Interessenten. "Bis Ende des Jahres bin ich ausgelastet," freut sich Sille - und wendet sich wieder der Arbeit zu: dem scheckmannschen Männerschuhwerk.

Antonius-Gilde / Antoniuse Õu Tartu

Scheckmann-Schuhe

Werkstatt-Video

Freitag, Oktober 01, 2010

Siili 6


Siili 6
Originally uploaded by kalevkevad
Nicht nur der Schneckenturm verändert die Stadtlandschaft von Tartu. Gemeint sind die ersten Hochhäuser in der zweitgrößten Stadt Estlands.
Kalevkevad hat sich bei weiteren Bauprojekten umgesehen. Das hier ist Siili 6. Es sollten laut seiner Informationen noch mehr werden, aber die Wirtschaftskrise führte wohl zu einem Baustopp.

Sonntag, November 29, 2009

Welche Aufnahme ist älter?



Originally uploaded by Petra M.V.
Der Blick hat mich fasziniert, 1992, etwa die gleiche Perspektive in Tartu. Unter einer Brücke, die über den Emajogi führt, und etwa zur gleichen Tageszeit aufgenommmen, 17 Jahre vorher und später.

Tartu 1992 bridge

Samstag, Februar 07, 2009

Lodi

Nicht Hansekogge und nicht Wikingerzeit. Dieser Bootstyp war jahrhundertelang zwischen Tartu und dem Peipus-See unterwegs, einer der größten Seen Europas.

Die einzige Rekonstruktion, auf Erprobung zur Zeit. Der Hinweis kam über dieses Foto, wo ähnliche Schiffe 1918 in Tartu anlegen:
Emajõgi
Update:
Nicht Erprobung, sondern im Einsatz, auch als Tourismus- und Freizeitprojekt.
Hier noch mehr Hintergrund zu einem der Initiatoren: Tanel Laan
Die Webseite des Projekts und des Vereins: Emajõe Barge Society

Mittwoch, August 13, 2008

Georgien


Georgia 008.jpg
Originally uploaded by Flasher T
Kein leichtes Thema. Ein abschließendes Urteil über die Vorgänge im Kaukasus liegt für mich in weiter Ferne. Deshalb nur eine lose Ansammlung verschiedener Aspekte und Links.
Georgien ist ein großes Thema in Estland. Mehr als in vielen anderen europäischen Ländern. So ist es verständlich, dass die drei baltischen Staatsoberhäupter nach Tiflis flogen, aber auch der polnische Präsident. Und Polen ist schon ein politisches Schwergewicht innerhalb der Europäischen Union.
Das Foto stammt von Flasher_T, der die kleine Unterstützung-Demo für Georgien in Tartu dokumentiert hat.
Flasher weist darauf hin, dass das russische Militär auf nur eine Entscheidung eines anderen Landes reagiert habe. Die Drohung der Ukraine, die Schwarzmeerflotte nicht mehr in den Heimathafen zu lassen. Deswegen seien während der Krise russische Schiffe zurückgekehrt.

Eine Szene stößt einigen amerikanischen Bloggern auf: Georgien ist mindestens der drittwichtigste Verbündete in Afghanistan. Nun mussten sie Truppen abziehen, und manche Amerikaner fanden sich im Gegenzug als schmutzige Zaungäste wieder, die zu Passivität verdammt waren, ohne ihrem Verbündeten helfen zu können. R.J.Koehler im Blog Marmotshole:
Georgia sent 2,000 troops to Iraq, and as I said to a friend of mine this morning, we have 150,000 US troops in Iraq and another 20,000 in Afghanistan bringing “democracy” to people who wouldn’t know democracy from a goat’s cunt, yet we might sit and watch as the Russians steamroll the Georgians. I’m not saying the US should intervene in Eastern European ethnic conflicts, or that the Georgians didn’t to a large extent bring this on themselves by punching the bear in the nose, but like I said, watching this one from the sidelines makes me feel rather dirty.


Georgien möchte der EU und Nato beitreten. Eigentlich dürfen dann keine ernsthaften Grenzstreitigkeiten mit Nachbarn vorhanden sein. Vielleicht haben hier einige Interesse am Status Quo, der Teilung des Landes.

Mehr als irritierend finde ich die Stalin-Statuen auf den Zentralplätzen in georgischen Städten. Ich möchte mir nicht ein EU-Mitglied vorstellen, das Stalin in der Mehrheit als nationale Größe verehrt. Vergangenheitsbewältigung light.
Und Aleks von All About Latvia hat die Demo in Riga photographiert.
Bei Giustino lautet der Georgien-Post: to die for Danzig?
Und viele Blogger verweisen auf Registan. Der Autor bietet viele weiterführende Links. Wer sich da hineinwühlen will: Ignore the Day-to-Day, and also Bloggers
Und wenn wir schon auf die drei baltischen Präsidenten in Tiflis hinweisen, hier ein Zitat aus Lapelis, einem Blog über Litauen. Es macht deutlich, wie Informationen das Meinungsbild prägen, hier über Südossetien:
Was damit gemeint ist, erklärt Lietuvos rytas-Journalist Rimvydas Valatka: „Wer regiert den südossetischen ‚Staat’? Die Osseten? Nein, die Russen. Die Mehrheit von ihnen mit Schulterklappen.“ Der Premierminister Südossetiens Juri Mozorow habe seine Ausbildung in Ufa erhalten, sei dann von Kursk aus, wo er in der Direktion einer Ölfirma gearbeitet habe, nach Zchinvali entsandt worden. Innenminister Michail Mindsajew hatte den blutigen Einsatz russischer Sondereinheiten gegen die Entführer von Beslan geleitet. Anatoli Barankewitsch, der Sekretär des südossetischen Sicherheitsrates wurde in Kaliningrad geboren und war als Offizier in Tschetschenien. Auch der Verteidigungsminister und die Sicherheitschefs waren vor ihrer politischen Karriere in Südossetien russische Militärs. „Was ist das,“ fragt Valatka, „wenn nicht die Annexion fremden Bodens?“


Update 18. August: Was war der Auslöser des Konflikts im Kleinen? The Telegraph versucht sich an einer Rekonstruktion der Ereignisse Anfang August. Die Komponente Missverständnis kommt nun auch ins Spiel: Ein platter Reifen als Auslöser des Georgienkrieges.

Montag, Juni 23, 2008

Tartus neue Skyline


Midtown Tartu
Originally uploaded by Kaltsi
Kaltsi hat diese Aufnahme im Frühjahr gemacht. Sie zeigt Tartus wachsende Skyline. Und sie ist umstritten. Flasher_t verteidigt den sogenannten weißen "Schlangenturm" links im Bild: In defense of the Snake Tower, während sich in diesem Post Gegner der neuen Architektur in Stellung begeben.
Eine der bisher aufälligsten Diskussionen in der Blogosphäre über neue Architektur in Estland.

Montag, März 17, 2008

Wilde's Bank in Schwierigkeiten

Eine Bank in Schwierigkeiten? Nun, es könnte sich um die Rezession in den USA handeln. Da die Sache aber mit Estland zu tun hat, und in diesem Zusammenhang eine spezielle Beziehung Estlands mit Irland oft strapaziert wird, muss es hier wohl doch um etwas anderes gehen.

Dieses Foto, entnommen aus der irischen "Galway-News", dokumentiert den traurigen Zustand. Deja-vu - schon mal gesehen? Ja, im altehrwürdigen Tartu stehen (sitzen) die von Tiiu Kirsipuu geschaffenen Skulpturen, als Darstellung einer fiktiven Begegung zwischen dem estnischen Schriftsteller Eduard Vilde (1865-1933) und dem irischen Dichter Oscar Wilde (1854-1900). Im April 2004 schenkte Tartu nun wiederum der irischen Partnerstadt Galway eine Kopie dieser beliebten und viel fotografierten Sehenswürdigkeit. Auch für den "Irish Emigrant Online" war diese Geschichte schon ein Thema.

Doch nun erzeugt das Geschenk neue Schlagzeilen. Sind die Iren einfach temperamentvoller in der "Denkmalnutzung" als die Esten? Die Bank jedenfalls, auf der die beiden Skulpturen in Galway platziert sind (Granit, immerhin), hat einen Riss. Am Jahresende 2007 mussten die beiden Literaten im schönen Galway inmitten eines Absperrzaunes sitzen, während auch im Januar empörte Lokalpolitiker - sich offensichtlich der möglichen Irritationen in der Beziehung mit Tartu bewußt - noch auf schlecht geklebte Risse deuten ("Galway Advertiser", estnisches Expat-Forum).

Wie konnte es soweit kommen? Tartu nennt sich ja die "City of good thoughts", und nimmt die Sache hoffentlich nicht so schwer. Am 18.Januar berichtete auch schon "Postimees", vorläufig ohne negative Schlagzeilen - denn noch ist die Bank nicht zusammengebrochen.
Da hoffen wir denn auch, dass nicht die irischen Freiwilligentruppe den Schaden angerichtet hat, die im im Sommer 2007 in Galway sozusagen "mit Schaufel und Spitzhacke" am Wildeschen Denkmal in Galway posierten, bevor sie zu einem "Volunteer"-Einsatz nach Estland aufbrachen (siehe Blog "Volunteering in Estonia"). Erst in Estland Waldwege harken, und dann zu Hause zusehen, dass frau nicht arbeitslos wird?

Nein, wir nehmen nur das Beste an von allen Beteiligten; auch estnische Irland-Reisende unterziehen schließlich das Denkmal regelmäßig einem Belastungstest (siehe Anitas Blog "going after your dreams").
Und ein Gutes hat die Sache ja: alles ruhig in Tartu. Das Denkmal steht und schweigt.

Samstag, Dezember 08, 2007

Eine Brücke In Tartu

Russland hat gewählt. Ob demokratisch oder nicht überlasse ich anderen. Vielleicht war es tatsächlich der Mehrheitswille.
Für das estnisch-russische Verhältnis bedeutet es wahrscheinlich, dass es so weiter geht wie zuvor. Es bleibt angespannt. Manche der estophilen Blogger fragten, was es denn so an gemeinsamen Symbolen gibt, die beide Länder verbindet. Und an die man anknüpfen könne. Vielleicht diese Brücke, eine der schmerzlich vermissten Architekturen, die seit 1945 fehlen:
Eine Brücke in Tartu
Der Zustand im 1. Weltkrieg:
Tartu bridge

Der Kommentar von Valdo Praust dazu:
The bridge was built after the order of Russian Emperoress Katharine the 2nd between 1776-84. The architects of the bridge were J.C. Siegfrieden and J.R. Zaklowsky.

The bridge was blown up during the WWII in July 1941 a day before the Soviet troops withdrawal from Tartu. The last remains of the bridge was second time blown up in summer 1944 during the German troops withdrawal from Tartu. Now there are the modern pedestrian's bridge instead the historical one.


Und ein Postkartenfund:
Market in Tartu Estonia
Weitere Perspektiven:
Luftbild 1. Weltkrieg
Und stromaufwärts:
Emajögi

Sonntag, November 18, 2007

Down Town - Unterwelt Tartu II


Down Town
Originally uploaded by Flasher T
Das ist Flasher_Ts Foto der Grabungsfläche im März, im letzten Post die Situation von Juli mit den Archäologen bei der Arbeit. Tartu am Rathausplatz.

Freitag, November 16, 2007

Unterwelt Tartu


Zoo
Originally uploaded by decade_null
decade_null hat dieses Foto zwar mit "Zoo" betitelt und gerade veröffentlicht, aber es ist Alltag der Archäologen in alten Städten beim Ausgraben beobachtet zu werden. Die Aufnahme scheint im Juli gemacht worden zu sein. Und was gut zu erkennen ist, dass die Archäologen einige Meter tiefer gehen müssen, um an die ältesten Zivilisationsspuren zu kommen.
Leider habe ich im Moment keine weitergehenden Informationen zu dieser Ausgrabung bei der Hand. Aber aus dem Foto lese ich heraus, dass sie wahrscheinlich im Bereich von Mittelalterfundamenten arbeiten, die mit ihren Häuserfluchten nicht mit der "modernen" Struktur und Wegeführung übereinstimmen müssen. Das mittelalterliche Tartu wird wahrscheinlich andere Grundzüge gehabt haben. Lediglich die Jaanikirche, Reste der Stadtmauer und wenig anderes haben noch einen direkten Bezug zum Mittelalter.


Eine Übersicht:

In the old part of the town, around the Town Hall and the main building of Tartu University, underneath the pavement level there is cultural layer of 3-metre thickness.

Starting from the bottom: above the earliest traces of the prehistoric period, stratigraphy reveals layers from the Middle Ages - covered by the rubble strata of 16th and 18th century destruction.In the 13th century Tartu became the centre of the eponymous bishopric and the easternmost Hanseatic town.

Its 27,6 hectare territory was surrounded by the solid town wall and encircled by suburbs.The remains of 13th and 14th century log pavements and wooden houses are well preserved in the ground. The unearthed ground-floor constructions of 15th-16th century brick-buildings give an idea of the local merchants' way of life - and wealth.

Of the seven medieval churches and three monasteries only St John's Church, currently under reconstruction, and the majestic ruins of St Peter and Paul's on the cathedral hill, Toomemägi, have survived to this day.


3 Meter beträgt also die Kulturschicht über der man spazieren geht. Und heutzutage kaum zu glauben, es fehlen von sieben Kirchen und drei Klöstern alle, bis auf zwei Ausnahmen. Quelle.

Die Geschichte systematisch in solchen Tiefen zu untersuchen ist nicht selbstverständlich. Früher meinte man mit alten schriftlichen Dokumenten das Wesentliche erklären zu können. In Deutschland wird erst seit den 70ern die Stadtkernarchäologie ernsthaft ausgeübt. Mit der Folge, dass wir uns von einem einheitlichen Städtebild des Mittelalters verabschieden müssen. Nicht diese Fachwerkidylle der Märchenbücher. Es ist komplexer.Besonders für den ersten Höhepunkt der Städte um 1300. Für Tartu:
Rünno Vissak resümiert die letzten Jahrzehnte archäologischer Forschungen in Tartu (Estland). Analog zur Situation in Deutschland war auch in Estland vor 1980 das Interesse an Stadtkernarchäologie gering. Mittlerweile sind jedoch über 100 Fundstellen bekannt, die als Grundlagen für partielle 3D-Rekonstruktionen historischer Zustände dienen.


Die dreidimensionale Darstellung und Rekonstruktion Tartu befindet sich auf der Seite der Stadt. Hier das Quicktime-Video.

Update: decade_null hat eine wertvolle Zusatzinformation geliefert. Die Grabung hat an der Ecke Universitäts-Hauptgebäude und dem Rathausplatz stattgefunden. Im Video ist es der Bereich der Kirche in der Mitte der Stadt. Der große Platz ist auch schon im Mittelalter zu erkennen, wo der virtuelle Einstieg vom Fluß Emajogi durch die Stadttore in die Stadt beginnt.

Die Bebauung des Tartuer Rathausplatzes ist nach dem Stand von 1682 dargestellt und das äußere Bild der Marienkirche ist vom Grundriss der Kirche und den von den Ruinen angefertigten Zeichnungen abgeleitet. Aus viel früherer Zeit, wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert, stammen die Holzbauten, deren Rekonstruktion sich auf Anhaltspunkte aus erhalten gebliebenen Gebäuden stützt. Der vorliegende Videoclip hat provisorischen Charakter und gibt eine erste Vorstellung davon, was in Zukunft noch möglich ist.

Sonntag, September 16, 2007

Erasmus-Studenten in Tartu

Schade. Ein Zitat aus einem der Blogs der Neuankömmlinge in Tartu. Erasmus-Studenten aus Deutschland und Europa. Neben den üblichen ersten Eindrücken, Altstadt Tallinn, oder Szenen aus dem Pulverkeller in Tartu:
Pulverkeller
leider auch das:

An den darauffolgenden Tagen ist nicht so viel passiert, wir hatten Uni, vor allem den estnischen Sprachkurs. Der ist drei mal in der Woche für zwei Stunden. Viele machen stattdessen den Russischkurs, denn Estnisch würden doch nur 1,2 Millionen Leute sprechen. Ich finde aber schon, dass es sinnvoll ist, die Sprache des Landes, in dem man gerade lebt, ansatzweise zu sprechen.


Erasmus in Tartu WS 2007/08 und die Blogroll mit weiteren bloggenden Studenten in Tartu.

Montag, April 30, 2007

Noch mehr Bronzesoldat

Prohibition, Alkoholverkauf eingestellt. Hinweise in einer Tankstelle in Voru.


Einsame Gestalt mit russischer Flagge in Tartu
Eine Gruppe russischssprachiger Passanten verwickeln einen Polizisten in eine Diskussion, der Rathausplatz zu dieser Zeit ist fast leer.
Polizei an der Ecke Rathaus Tartu gegen 22 Uhr

Tartu SMS
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Gestern sassen wir mit Giustino, Itching for Eestimaa und Flasher_T (siehe Bloggrolllinks) in einem Lokal am Rathausplatz, als eine SMS eintraf. Obwohl die Mobilnummer kaum jemand bekannt ist: Der Text ist auf Russisch und besagt, dass bis Ansips Ruecktritt der Verkehr ab 12 Uhr fuer einige Zeit auf 5km h beschraenkt werden soll.
Ansip ist fuer die radikalen (Nichtesten) , der meistgehasste Politiker. Ansip ist Ministerpraesident, und nicht gerade ein Kommunikationstalent.
Parolen, die auf Waenden in Tartu gegen ihn gerichtet waren, sind gestern wieder entfernt worden. Mindestens zwei am Emajoegi, dem Stadtfluss.


Giustino bei der "Arbeit" an seinem Blog Itching for Eestimaa. Die letzten zwei Tage kann er kaum mehr den Kommentaren nach den Tallinntumulten nachfolgen.

Sonntag, April 29, 2007

Die dritte Nacht

Blieb ruhig in Tartu. Zur Zeit laufen die beruechtigten Studententage mit unzaehligen Veranstaltungen und Feiern. Aber viele haben sich an die Aufforderung gehalten zu Hause zu bleiben. Gegen 22 Uhr waren viel Polizei und Sicherheitskraefte am Rathaus und der unmittelbaren Umgebung anwesend. Naehe des Pulverkellers hinter dem Rathaus, wo sonst die Studenten feiern, war Leere. Das Zelt auf dem zentralen Platz ebenfalls leer, weil es dort nur zu Essen gab und seit gestern draussen und in Maerkten kein Alkohol mehr verkauft werden darf.

Geruechte laufen um,dass es am 1.Mai oder um den 9. Mai wieder unruhig werden kann. Das Fernsehen berichtet unablaessig ueber die vergangenen Tage.
Waehrend des Blueskonzerts gegen Mitternacht im Pulverkeller sagte der Frontsaenger zum Publikum, irgendwie muessen wir doch zusammenleben.

Update:
Alle delfiNachrichten-Portale in Estland haben die Kommentarfunktion eingestellt.

Gegen 1Uhr umringt eine russischsprechende Gruppe einen Polizisten, sie diskutieren miteineinander naehe Rathaus, kurz darauf stoesst ein Einzelner Passant mit umgehaengter Russland-Fahne dazu. Wenig spaeter setzt er sich auf eine Sitzbank in der Fussgaengerzone und wird auch in Gespraech mit Esten verwickelt. Die "Russen" bleiben noch eine weitere halbe Stunde vor einem Lokal stehen, wo sie fast ununterbrochen mit zwei weiteren Polizisten weiterdiskutieren. Zum Teil wird gelacht.

Freitag, September 29, 2006

Ein Postkartenfund


Market in Tartu Estonia
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Die alte aber leider verschwundene Brücke in Tartu, über ihre Geschichte und ein Foto aus anderer Perspektive hier.

Freitag, Juli 08, 2005

Von Tartu nach Osnabrück - Die neuzeitlichen Hansetage


Die Hansetage kommen nach Deutschland. Jedes Jahr darf ein Mitglied des ehemals mittelalterlichen Städtebunds die moderne Form des gemeinsamen Treffens veranstalten. Anfang Juli hatte Tartu unter großem Andrang die "hansapäevad" durchgeführt, örtliche Zeitungen berichten von über 100 000 Besuchern in wenigen Tagen. Am Ende wurde die Hanseflagge dem Osnabrücker Oberbürgermeister Fip überreicht.(NOZ-Zeitungsausschnitt 8.Juli) Posted by Picasa
Osnabrück bezeichnet sich auch als Friedensstadt. Der Hintergrund für diese Selbstbeschreibung sind die Verhandlungen zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, die in Münster und Osnabrück stattfanden. Was aber den Westfalen, jetzt Niedersachsen, heutzutage weniger bewusst ist: Auch damals gab es zahlreiche Verbindungen ins Baltikum. Einmal durch die Siedlungsbewegung im Mittelalter, mit der viele Westfalen nach Livland abwanderten. Viele Familiennamen lassen sich in diesen Jahrhunderten dort mit Osnabrücker Namensvarienten finden, nicht wenige werden, als Kaufleute z.B., indirekt durch die Hanse in Kontakt mit der alten Heimat gestanden haben.
Die nächste Klammer zwischen der Ostsee und Westfalen setzten die Schweden. Sie besetzten erfolgreich Osnabrück bei ihren Feldzügen besonders gegen die kaiserlichen Truppen. Schweden war klein, mit einer Millionen Einwohner, aber Großmacht. Und das bedeutete: Sie rekrutierten auch Finnen, wahrscheinlich auch Esten und Letten. Zu diesem Aspekt des Dreißigjährigen Krieges liegen noch viele unerforschte Dokumente im Reichsarchiv in Stockholm. Ein Aufsteiger im schwedischen Militär war Erich Andersson Trana aus Karelien, Generalkommissar von Livland und Kriegskommissar von Estland. Teilweise auch zuständig für die Belagerung von Osnabrück. Hier aus dem Briefwechsel mit dem schwedischen Reichskanzler im Jahr 1633:
...Am 14. erst kamen die Mörser von Hameln, mit denen man die Petersburg [eine Festung in Osnabrück] mit Steinen bezwingen konnte. Und wurde recht nach russischer Art Tag und Nacht in einem durch mit Steinen dareingeschossen, daß die 600 Mann - ohne Frauen und Kinder-, die darin belagert waren, sich nicht anders bergen konnten, als indem sie sich erbärmlich in die Wälle eingruben. Ihr großes Glück war das schöne Wetter an all diesen Tagen, so daß sie keine Not durch Regen litten.

Historische Querverbindungen gibt es genügend, trotzdem wird es für die meisten Hansetagbesucher 2006 exotisch sein, einmal estnisches Bier in Osnabrück trinken zu können.
Die Hanse steht zur Zeit für das Verbindende in Europa. Das EU-erweiterte Europa entdeckt seine gemeinsamen Wurzeln. Aber Vorsicht. Schon bei der Hanse fängt es an. Grenzübergreifend war sie, ja, aber nur solange die eigenen Interessen zum Zuge kamen. Schon bei unserem norwegischen Nachbarn ergibt sich ein ganz anderes Geschichtsbild.

aus Baltic Sea Academy

Die Hanse als Bedrohung: Die norwegische Sichtweise
DER DEUTSCHE KERN in der Hanse hat innerhalb der skandinavischen Historiographie zu
einer gänzlich anderen Bewertung geführt. Auch hier waren im 19. Jahrhundert
nationale Bewegungen aktiv, die sich aus der Geschichte legitimierten. In der
nationalisierten Sicht galt die Hanse in den skandinavischen Ländern vor allem als
deutsche Bedrohung. Mit Dänemark führte die Hanse lange Zeit erbitterte
Auseinandersetzungen. Daher fand die Idee von Björn Engholm, eine Kooperation im
Ostseeraum „Neue Hanse“ zu nennen, nur bedingte Begeisterung.
Gerade in Norwegen, das erst 1905 endgültig von Schweden unabhängig wurde,
wurde die Hanse in der nationalen Geschichtsschreibung als Bedrohung interpretiert.
Nach 1945 nahmen diese Deutungen zu, da die deutsche Besatzung während des
Zweiten Weltkrieges Anlass war, die Hanse als Kontinuität des deutschen
Expansionsstrebens zu interpretieren. Da Hansekaufleute im Spätmittelalter den
Außenhandel Norwegens weitgehend kontrollierten, wurden sie dafür verantwortlich
gemacht, dass norwegische Kaufleute kaum Fernhandel betreiben konnten. Daher habe
sich kein starkes norwegisches Bürgertum herausbilden können, das schon früher die
norwegische Unabhängigkeit erkämpft hätte. Ebenso wurde die Kreditvergabe an die
norwegischen Bauern und die damit einhergehende häufige Verschuldung als
Ausbeutung der norwegischen Bevölkerung gesehen.
Neuere Forschung hingegen betont, dass die Hanse mit ihrer Monopolstellung auch
positive Effekte auf die Entwicklung Norwegens gehabt habe. Dazu gehöre der starke
Einfluss der niederdeutschen Sprache auf das Norwegische, die kulturellen
Verbindungen nach Europa, die mit dem Hansehandel aufgebaut wurden, und die
gesicherte Abnahme des Stockfisches, damals Hauptexportprodukt Norwegens. Diese
Neuinterpretation der Geschichte trägt zum Teil Züge einer „nationalen
Umkehridentifikation“: Waren bisher nationale Deutungen vorherrschend, wird nun
eine Europäisierung versucht, die manche Konflikte, die das Wirken der Hanse immer
auch geprägt haben, harmonisiert.

Aber bleiben wir bei den positiven Entwicklungen. Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass die Stellungnahme eines Osnabrücker Oberbürgermeisters in Tartu in Estland von Bedeutung sein könnte? Und das liest sich dann in der Zeitung Postimees so:

Hans-Jürgen Fip
Osnabrücki linnapea
«Tartus olid väga head hansapäevad. Kui me suudame Tartu taset säilitada, oleme juba päris hästi hakkama saanud. Kuid see on keeruline ülesanne, sest arvatavasti pole meil isegi ilm nii hea nagu teil.»