Mittwoch, Dezember 31, 2008

Este rettet deutschen Fußball

Wer hätte das gedacht! Ein Este rettet den deutschen Fußball und ....
holt Lukas Podolski zurück zum 1.FC.Köln. Die kölsche Presse überschlägt sich: "Dirigent holt Poldi zurück" - so titelt die BILD.
Nein, es ist nicht der 1.April, auch nicht Rosenmontag - es ist der 31
.Dezember. Es ist auch keine Falschmeldung: Dirigent Mihhail Gerts nahm mit dem WDR Rundfunkorchester Köln den Poldi-Song auf - und trifft damit die Seele der rheinischen Fußball-Fans.

Im Kölner Stadtanzeiger ist weniger von estnischen Bezüge zu lesen: der Südstadtchor in Köln hat das Liedchen zuerst gesungen, während das Management des WDR-Orchesters nun ein Geschäft daraus machen will: eine CD ist in Vorbereitung, und zum Mitsingen im Karneval ist das Liedchen allemal geeignet. "Wir stehen hinter ihm, wie ein Mann", singen die überwiegend weiblichen Mitglieder des Südstadtchors tapfer (die Youtube-Version hier).

Auch die
polnischsprachige Online-Presse hat von dem Projekt schon Wind bekommen.Derweil bereitet sich der 24 Jahre junge estnische Dirigent Gerts zusammen mit Sängerin Helene Fischer auf die WDR4-Sylvestergala vor, die ab 19.00 Uhr live übertragen wird (WDR4).

Vorbild Estland
Auch der "Chaos-Computer-Club" hat Estnisches noch in den letzten Stunden des alten Jahres zum Vorbild erkoren. Mehr "E-Government" ist hier der nicht ganz ernsthaft der Presse vorgetragene Wunsch, denn: "wenn dann mal was zusammenbricht, sind wir die ganze Bürokratie mit einem Schlag los."
Weitere Idee: ein "Bürger-Trojaner", der Volksvertreter und "Problempolitiker" heimlich online durchsuchen lassen kann. Ideen sind das ...

Wie man sieht: Estland inspiriert!

Sonntag, Dezember 28, 2008

Estland nur noch online?

Ist das glaubhaft - oder ist es nur entsprechend dem vituellen Ruf geschnitzt, den Estland in Europa so gerne pflegt?
"Esten lesen immer weniger Zeitungen" - so zitiert die Auslandshandelskammer der Schweiz eine akuelle Untersuchung (Saar Poll) in Estland. Mehr und mehr Menschen in Estland suchen sich die nötigen Informationen aus den Online-Medien. Von 3.000 befragten Personen gaben 14% an, die regelmäßige Lektüre von gedruckten Zeitungen innerhalb der vergangenen 12 Monate aufgegeben zu haben, weitere 6,5% wollen dies in allernächster Zeit tun. Die Leserschaft der Druckmedien sei so niedrig wie seit acht Jahren nicht mehr, so fassen es die Estland-interessierten Schweizer zusammen.

Allerdings schlägt dieser Trend nicht überall durch: die Leserschaft russischsprachiger Zeitungen und Zeitschriften zeigt sich stabil. Im Gegensatz zur russischsprachigen "Schwester" fiel bei der estnischen "Postimees" der Marktanteil im Laufe der vergangenen 8 Jahre von 26.7% auf 21.7%, bei "Eesti Paevaleht" von 21.7% auf 14%, und bei "Aripaev" von 10.9 percent auf 6.9%. Die meisten der Genannten setzen allerdings schon länger gleichzeitig auf ihre Online-Verfügbarkeit. So wurden gegenwärtig 91.000 regelmäßige Leser/innen der Online-Ausgabe von "Postimees" festgestellt, gegenüber 41.000 im Jahr 2004. Es folgen "Õhtuleht" mit einer regelmäßigen Leserschaft von 77.000, "Eesti Paevaleht" mit 64.000, die Wochenzeitung "Eesti Ekspress" 48.000, "Aripaev" mit 28.000 und die Wochenzeitung "Maaleht" mit 13.000 online-Leserinnen und -Lesern.

Wie sieht das im Vergleich in Deutschland aus? Trends werden regelmäßig von der "Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V." (auf www.ivw.de) veröffentlicht. Diesen Zahlen zufolge gibt es besonders bei Tageszeitungen und Fachzeitschriften einen enormen Rückgang. Dort ist nachzulesen, dass gegenwärtig etwa 3 Milliarden Besuche auf Seiten von Online-Medien gezählt werden (1997 waren es nur 0,02 Milliarden). Wen interessiert es also in erster Linie, ob Medien gelesen werden oder nicht? Weiterhin erstmal die Werbewirtschaft. Ob Menschen auch besser informiert werden oder sind, das wird wohl noch anderen Untersuchungen vorbehalten sein müssen.

Mittwoch, Dezember 24, 2008

Noor projektijuht - Kurz vor Weihnachten


Noor projektijuht
Originally uploaded by Siim Teller
Ich weiß: Das ist Klischee, Skype, die jungen Esten und so weiter. Trotz Wirtschaftskrise, an Projekten wird weiter gearbeitet.
Photo: Siim Teller


Und ein Lesetipp: Flasher_T schreibt in seinem Post vladivostok-2008 wie die Weltwirtschaftskrise sich auch auf den Fernen Osten auswirkt. Und was das alles mit Estland zu tun hat. Jedenfalls ein Beispiel mit was für Unbekannten wir 2009 rechnen sollten.

Freitag, Dezember 19, 2008

Mein Wunsch für 2009

Und überhaupt, damit Informationen leichter aus Estland in den deutschsprachigen Raum dringen, wünsche ich mir ein Textübersetzungsprogramm für Estnisch. Vorbild bablefish bei Altavista. Die Englisch-Russische Übersetzung dort hat deutlich an Qualität gewonnen. Solange das nicht auch auf Estnisch-Deutsch geht, werden weiterhin einige englische Übersetzungen aus estnischen Meldungen ins Deutsche übertragen, ein Internetfund, hier das Ergebnis, das jemand gepostet hat. Es geht um die Wahlmöglichkeit per SMS:

Das estnische Parlament wählte letzten Donnerstag auf einer Rechnung, die Estonians ihre Stimmen von ihren jeweiligen Mobiltelefonen würde setzen lassen.
Mit einer starken Geschichte des Seins Technologie-Vorwärts, führte Estland leicht das Maß und Bürger sind jetzt in der Lage, in ihren folgenden parlamentarischen Stimmen 2011 anzurufen.
Um durch Mobiltelefon zu wählen, wird Estonians ein spezieller Span für ihre Hörer herausgegeben die bewegliche Zahlungen sowie das Überprüfen des caller’ im Auge behalten; s-Identität.

Mittwoch, Dezember 10, 2008

Nicht zu fassen! Unglaublich Lebensrealität oder Phantasie und Fake?

Die Erwähnung des Estland-Blog-Posts über estnische Frauen im Postsozialismus im Emma-Forum führte zur Entdeckung eines dort erwähnten Interviews mit einer jungen Prostituierten unter dem Titel “Nur eine dumme Frau hat Sex ohne Bezahlung", das die estnische Zeitung Eesti Ekspress bereits am 17. Juli dieses Jahres veröffentlichte.

Eesti Ekspress ist eine während Glasnost und Perestroika entstandene unabhängige Wochenzeitung, die zwar viele Texte eines seriösen Journalismus publiziert, aber gleichzeitig auch ein Boulevardblatt ist.

Die Antworten des jungen Mädchens sind, wie der Titel bereits vermuten läßt, dermaßen haarsträubend, daß auch unter den Leserkommentaren das Wort “Fake” auftaucht und zahlreiche Zweifel angemeldet werden, ob sich diese nicht ein Journalist ausgedacht haben könnte.

Das Interview ist für eine komplette Übersetzung zu lang. Aber hier einige Kostproben dessen, was Jelena angeblich gesagt hat. So weit vulgäres Vokabular verwendet wird, handelt es sich um eine Übersetzung.

Die Beantwortung der Fragen, wann sie das erste Mal und unter welchen Umständen Geschlechtsverkehr hatte, möge im Original lesen, wer des Estnischen mächtig ist. Dies ist nur mit Vergewaltigung, Kindesmißbrauch und Zwangsprostitution zu umschreiben.

Jelenas Grundlebenseinstellung ist, daß Frauen nicht arbeiten müssen, sondern Männer sich um ihren Lebensunterhalt zu kümmern haben. Dafür bezahlen die Frauen: natürlich mit Sex. Und deshalb sei jede Frau eine Nutte.

Sex, erklärt Jelena, sei eine Sache, die für Männer gedacht ist, auf die Frage, ob sie je auch sexuelle Befriedigung erlebt habe. Manchmal verlangten die Kunden von ihr widerliche Dinge, aber alles sei eine Frage des Preises. Ältere Männer ab 40 lehnten Kondome ab, das sei auch kein Problem.

Damit drängt sich die Frage nach sexuell übertragbaren Krankheiten auf. Ja, solche habe sie schon gehabt, könne sich aber wegen der komplizierten langen Namen nicht mehr konkret erinnern. Einmal sei sie dumm genug gewesen, einem HIV-Test zuzustimmen, und anschließend habe man ihr erklärt, sie sei infiziert, so Jelena.

Die Konsequenz? Sie werde eben jetzt nicht mehr zur Untersuchung gehen. HIV sei keine Krankheit, sie fühle sich absolute wohl und kenne andere Mädchen, die ebenfalls angeblich infiziert, aber in Wahrheit kerngesund seien. – Richtig, HIV ist auch keine Krankheit, sondern ein Erreger.

Wie ist es zu diesem Lebenwandel gekommen, daß Jelena noch nie einer Arbeit nachgegangen ist? Ihre Mutter habe auch nie gearbeitet, sondern als Prostituierte gearbeitet, aber jetzt sei sie alt. Hätte sie ihr früher Klienten zugeführt, kümmert jetzt mitunter sie sich um ihre Mutter, wenn Kunden ältere Frauen wünschen.

Wie stellt sie sich ihre Zukunft vor? Nur in den rosigsten Farben. Sie werde einen reichen und gut aussehenden Ausländer kennenlernen, einen Amerikaner und in die neue Welt übersiedeln. Dort lebten die Menschen in Villen.

Kinder wolle sie freilich nicht. Eine Tochter würde nur wieder eine Nutte, ein Sohn könnte immerhin Sportler oder Schauspieler werden.

Jelena ist angeblich JETZT 17 Jahre alt.

Freitag, Dezember 05, 2008

Überraschendes politisches Schauspiel um Geld

Auch Estland ist von der derzeitigen globalen Finanzkrise betroffen. Aus diesem Grund planten die Parlamentarier einen Schritt, der für ihre Kollegen weltweit ungewöhnlich ist. Üblicherweise wird gerade über gegenteilige Beschlüsse gestritten: Die Abgeordneten von Riigikogu wollen sich angesichts der klammen finanziellen Situation der Einwohner Estlands die automatische Vergütungserhöhung verweigern.

Das aber verstößt nach Ansicht von Präsident Toomas Hendrik Ilves gegen die Verfassung. Bereits einmal hat er das Gesetz zu neuerlichen Beratung an das Parlament zurück verwiesen. Die Abgeordneten verabschiedeten es aber erneut. Jetzt hat der Präsident die Novelle beim Verfassungsgericht eingereicht, daß wohl bis Februar kommenden Jahres entscheiden wird.

Õiguskantsler[1] Indrek Teder ist der Ansicht, daß die Verfassung zwar in der Tat die Erhöhung des Einkommens der Abgeordneten für die laufende Legislaturperiode verbiete, diese also nur für das nächste Parlament in Kraft treten könne. Dies gelte aber nicht für eine Senkung und das Einfrieren der Bezüge. Diese Meinungsäußerung hat nach Auffassung des Vorsitzenden des Verfassungsausschusses, Väino Lind, die Abgeordneten so weit überzeugt, daß das Gesetz mit 58 von 101 Stimmen verabschiedet wurde.

Die Reformpartei hat sich der Stimme jedoch enthalten. Jürgen Ligi begründete, daß angesichts von Arbeitslosigkeit und stagnierenden Einkommen dies auch für die Parteifreunde unangenehm sei.

Der Vorsitzende der Fraktion der Grünen, Marek Strandberg, bestätigt, es sei für die Gesellschaft in Krisenzeiten nicht egal, ob das Parlament konsequenten Sparwillen beweise. Gleichzeitig halte er es für richtig, den Streit zwischen staatlichen Organen vor dem Verfassungsgericht auszutragen.
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[1] Diese Institution ist in der estnischen Verfassung ein über den Ombudsmann weit hinaus gehendes Amt, daß auch die Rechtmäßigkeit der Gesetzgebung und die Arbeit der kommunalen Selbstverwaltung beobachtet und berät.

Dienstag, Dezember 02, 2008

Estnische Frauen im Postsozialismus

Die vermeintlich weibliche Gesellschaft, ihre Formen, Ursachen und Fakten für das Beispiel Lettland wurden im Blog auf Deutsch und in der lettischen Tageszeitung Diena bereits diskutiert. Über die sozialen Folgen wird auch in der estnischen Presse berichtet: mit welchen Fragen werden heute im Ausland lebene Frauen konfrontiert und wie leben jene in Estland verbliebenen. Internationale Konflikte nach Trennungen bleiben ebenfalls nicht aus.

Aber zunächst einige Hintergründe.

Gesellschaftliche Realität im Sozialismus
Die Wirtschaft während er sowjetischen Zeit war weniger auf Dienstleistungen als auf Produktion ausgerichtet und diese war im Vergleich mit dem Westen wenig technisiert und deshalb eine arbeitsintensive. Da wenigstens ideologisch die Gleichstellung der Frau propagiert wurde, waren diese auch in Berufen beschäftigt, wo sie in westeuropäischen Gesellschaften kaum zu finden sind. Das fällt auch nach der Wende ausländischen Beobachtern meist schnell auf: Trolleybusse und Straßenbahnen werden überwiegend von Frauen gefahren.

Aber nicht nur darin unterscheidet sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Wegen der offiziellen und faktischen Gleichstellung, aber auch wegen der diktatorischen Herrschaft, die staatsbürgerliches Engagement nicht erlaubte, gab es in der Sowjetunion nie eine Frauenbewegung. Entgegen der bedeuteten Rolle der Frauen im Wirtschaftsbetrieb und oftmals als Manager ihrer Familie, hat sich ein archaisches Rollenbild der Geschlechter erhalten. Auch dies bemerken Ausländer schnell, daß die Damen im Alltag so viel wert auf ihr Äußeres legen wie in westlichen Gesellschaften nur zu bedeutenderen Anlässen. Bei längerer Beobachtung wird schnell deutlich, daß für die Frauen angesichts des männlichen Rollenverständnis die Verbindung von Beruf und Haushaltsführung der Normalfall ist.

Dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte eine Wirtschaftskrise und sozialer Niedergang, aber er brachte ebenso die Unabhängigkeit und neue Möglichkeiten.

Ausland und Ausländer als Ausweg?
Nach der Unabhängigkeit suchten viele Frauen ihr Heil in einer Verbindung mit einem westlichen Ausländer, zunächst häufig Finnen. Diese bilden allein wegen der geographischen Nähe den größten Anteil der touristisch oder geschäftlich in Estland reisenden Westler. Und dank der Empfangsmöglichkeit des finnischen Fernsehens schon während der Sowjetzeit war den meisten Esten diese eng verwandte Sprache geläufig. Die Attraktivität eines finnischen Partners minderte später der schlechte Ruf dieser Nation. Zu viele Finnen besuchten Estland vorwiegend wegen des günstigen Alkohols. Außerdem kamen als alternative Klientel Besucher zunehmend aus anderen westeuropäischen Staaten und aus Übersee.

Die Verbindung mit einem Ausländer bedeutet für die Frauen meistens früher oder später die dauerhafte Übersiedlung in ein anderes Land, denn die wenigsten Fremden übersiedeln auf Dauer nach Estland. Sie besuchen das Land meist nur zu Terminen oder leben als Vertreter ausländischer Firmen und Organisationen nur für einige Jahre an einem Einsatzort, um anschließend wieder versetzt zu werden. Für Vertreterinnen einer Nation, die gerade erst ihre Unabhängigkeit wiedergewonnen hat, ein schwerer Schritt, der mit dem Wechsel in eine andere Sprache einhergeht, denn das Estnische erlernen die wenigsten Ausländer. Trotzdem sind sie für einheimische Frauen eine so attraktive Partie, daß selten ein zeitweise nach Estland übersiedelter Ausländer lange alleinstehend bleibt. Keine Einheimische zur Frau nehmen meist nur jene, die bereits verheiratet sind.

Traditionelles Denken und Erhalt der Tradition
Ein Bestandteil des traditionellen Rollenverständnis ist der Kinderwunsch. Und damit wird der Erhalt der Muttersprache im Ausland und die Weitergabe an den eigenen Nachwuchs zum Thema. Viele im Ausland verheiratete Frauen lesen ihren Kindern vor, hören gemeinsam Kassetten und schauen Filme. Nichtsdestotrotz ist zu beobachten, wie die Kinder auf dem Weg zur Schule, so wird ein Beispiel aus New York beschrieben, die ersten Blocks noch mit Mama Estnisch sprechen, aber zehn Minuten später dann doch ins Englische wechseln. Eine mit einem deutschen verheiratete Estin, die mittlerweile in die USA umgezogen ist, mußte sich von ihrem elfjährigen Sohn fragen lassen, warum er in einer Sprache reden solle, die keiner seiner Freunde verstünde. Die Mutter antwortete ihm mit der Gegenfrage, wie er sonst mit seiner Großmutter kommunizieren wolle. Besonders schwierig wird es nach einhelliger Erfahrung, sobald die Kinder die Schule besuchen. Dann tritt die im Lande nicht gesprochene Muttersprache des einen Elternteils in den Hintergrund.

Das Rezept einiger Mütter dagegen ist, sich taub zu stellen. Ansonsten, so argumentieren sie, lernen die Kinder die Sprache nur passiv, verstehen sie, aber antworten doch in der anderen Sprache. Nicht immer ist dieses Vorgehen erfolgreich, weil manche Kinder darauf mit Trotz reagieren.

Aber manche Frauen berichten auch über innerfamiliäre Konflikte. Väter und Schwiegereltern fühlen sich mitunter ausgegrenzt, wenn Mutter und Kinder in ihrer Gegenwart in einer für sie unverständlichen Sprache kommunizieren. In manchen Familien ist der Gebrauch der Muttersprache der Mutter darum sogar verboten. Doch auch wenn es gelingt, die Muttersprache an die eigenen Kinder weiterzugeben, wird es in der dritten Generation zunehmend schwierig.

Traditionelles Denken und sowjetische Traditionen
Doch nicht alle Frauen können sich aus Patriotismus vorstellen, die Ehe mit einem Ausländer einzugehen und ihre Heimat zu verlassen. Einigen ist es vielleicht auch nicht gelungen, den entsprechenden Partner zu finden. So gab es gerade in den ersten Jahren nach dem Umbruch leider auch tragische Geschichten von Frauen, die ihr Geld in der Prostitution verdienten und sich dabei etwa mit AIDS infizierten. Sextourismus ist inzwischen vor allem auch im benachbarten Lettland ein Thema.

Neben den üblichen Gründen, sich diesem Risiko auszusetzen, wirkt hier ein vom Westen grundlegend abweichender Umgang mit Sexualität während der Sowjetzeit nach, der sich in der postsozialistischen Gesellschaft noch heute in einer über dem europäischen Durchschnitt liegenden Zahl von Abtreibungen wie auch im sozialen Profil der Patientinnen manifestiert. Während in westlichen Staaten die wenigstens Abtreibungen von Frauen gewünscht werden, die Familien haben und über 40 Jahre alt sind, sei es in Estland genau umgekehrt, so die Gynäkologin Kai Haldre. 71,4% der Frauen haben bereits wenigstens ein Kind und für 60,3% ist es nicht die erste Abtreibung. Das durchschnittliche Alter der Frauen beträgt 28,3 Jahre. Sie verfügen zumeist die über eine dem deutschen Realschulabschluß vergleichbare teils auch berufsspezifische Mittelschulbildung. Der Anteil mit Hochschulbildung ist seit 2001 von 9,5 auf 14,3% gestiegen. Die Frauen sind zu 57% berufstätig und leben zu 57% in einer festen Beziehung oder sind verheiratet. Sehr viele Patienten wollten irgendwann später noch einmal Kinder, so Heldre und erklärt dieses Verhalten mit fehlendem Vertrauen in Verhütungsmittel.

Ursächlich für diese beinahe als Ignoranz gegenüber der eigenen Gesundheit zu bezeichnende Haltung wie auch die Abwesenheit im Westen regelmäßig diskutierter moralischer Bedenken ist die Sowjetzeit. Im Gegenteil zu vielen westlichen Ländern, wo Abtreibungen erst in den 70er Jahren legalisiert wurden, wurden Abtreibungen hier ähnlich wie in anderen sozialistischen Bruderstaaten nicht besonders eingeschränkt. Die Zugänglichkeit von Verhütungsmitteln war es hingegen wohl, entsprechende Präparate geradezu verboten, wie Haldre sich ausdrückt. In den postsozialistischen Ländern wurden sie erst in den 90er Jahren verbreitet. Auch eine Sexualerziehung auf westlichem Niveau fehlte in der Sowjetzeit.

So ist es für Haldre nicht Ungewöhnliches, wenn eine Patientin in ihrer Praxis angibt, ihre Mutter habe gesagt, daß Verhütungstabletten gesundheitsschädigender seien als eine Abtreibung. Noch verbreiteter sind zweifelhafte Verhütungsmethoden. So haben nach eigenen Angaben 57,4% der Patientinnen, die eine Abtreibung wünschten, zwar in irgendeiner Form zu verhütet versucht, von denen sich 34,9% nur auf die Unterbrechung des Beischlafes verließen.

Derart unsichere Methoden sind in Estland, wie Haldre bedauert ganz im Gegenteil zu den nordischen Ländern, mit denen Estlands politische Elite sich gerne assoziiert, um sich von Osteuropa oder dem postsozialistischen Raum zu distanzieren, verbreitet. Die Ärztin ist sich unsicher, was in den Praxen, aber auch in den Köpfen der Betroffenen vorgeht, wenn weniger als ein Viertel der Frauen vor und nach der Wunschäußerung, eine Abtreibung vorzunehmen, sich mit Verhütung beschäftigen.

Als Gründe für die Abtreibung geben 37,2% der Frauen wirtschaftliche Probleme an, 23% vertrauen der Zukunft ihrer Partnerschaften nicht, respektive 11,9% möchten kein Kind von dem biologischen Vater. 17% beklagen eine zu kleine Wohnung und 16% wollen ihre Ausbildung erst beenden. Die Bereitschaft zur Erziehung fehlt 16,8% der Frauen und 11,1% sehen sich generell nicht als Mutter. 10,4% der Frauen möchten die Alleinerziehung vermeiden. 8% fühlen sich zu jung und ebenso viele berichten über einen entsprechenden Druck der Eltern. Ihre Arbeitsumstände sehen 5,7% als Problem, fehlende Unterstützung 3,5%, und 3,4% geben an, nicht genügend Zeit für ein Kind zu haben.

Die geographische Verteilung zeigt ein eindeutiges Bild. 2007 gab es auf 100 Geburten 101,2 Abtreibungen im nordöstlichen Landkreis Ida-Virumaa, wo vorwiegend russischstämmige Menschen leben und die wirtschaftliche Situation wenigstens als problematisch bezeichnet werden muß. 82,2 davon wurden auf Wunsch der Frau vorgenommen. Noch 1996, als die soziale Lage komplizierter war, kamen sogar 207,7 Abtreibungen auf 100 Geburten, davon 188,8 auf Wunsch der Frau. Der estnische Durchschnitt beträgt 70,5, davon 56,3 auf eigenen Wunsch. Der Unterschied zwischen Stadt und Land verschwindet, wenn auch die niedrigste Rate mit 28,8 auf der zweitgrößten Insel Hiiumaa verzeichnet wurde.

Nichtsdestotrotz wurden 2007 mit 8.900 so wenig Abtreibungen verzeichnet wie nie vorher seit der Unabhängigkeit. 1992 waren es 25.803 in einem Land mit damals etwa 1,5 Millionen Einwohnern.

Zurück in die Zukunft?
Und es gibt noch eine dritte Gruppe. Frauen, die tatsächlich ins Ausland gezogen sind, dort eine Familie gegründet, sich später aber wieder von ihrem Partner getrennt haben. Je nachdem, an welchem Ort sich die Kinder zu diesem Zeiptunkt befinden, entwickeln sich die Konflikte über das Sorgerecht und den Aufenthaltsort des Kindes wie auch die Rechte des anderen Elternteils, so berichtet die Referentin für internationale Rechtshilfe des Justizministeriums, Marju Kern.

Mitunter eskaliert der Streit so weit, daß ein Kind sogar von einem Elternteil entführt wird. Kern berichtet von dem Fall eines Norwegers, der sein Kind von der in Pärnu lebenden einfach mit in die Heimat nahm. Während die Mutter ihren Ex-Partner der Vergwaltigung, des Kontrollwahns und noch schlimmerer Verbrechen beschuldigte, versuchte der Vater die glücklichen Lebensumstände des Kindes mit einem Video zu beweisen. Darüber berichteten die Medien in der Sendung Pealtnägija. Während sich die norwegischen Behörden hinter ihren Staatsbürger stellten, unterstützten die estnischen die Mutter. Nach Kerns Aussagen hilft der Gang in die Öffentlichkeit überhaupt nicht, denn die Behörden im Ausland interessieren sich nicht für die Darstellung der Medien in Estland.

Wenn ein Kind in ein anderes Land gebracht wird, bevor sich die Eltern über das Sorgerecht geeinigt haben, dann wird per Gericht die Rückführung in das ursprüngliche Aufenthaltsland beschlossen, wo sich das dortige Gericht mit der Frage befaßt. So etwas kann, so Kern, zwei bis vier Jahre dauern. Sie empfiehlt deshalb, vor einem endgültigen Urteil das Kind eben nicht in ein anderes Land zu bringen, denn per Gerichtsbeschluß die Kinder von einem ins andere Land hin und her zu überführen, sei alles andere als eine angenehme Angelegenheit.

Da nach Kern allein die estnische Staatsbürgerschaft des Kindes als Grund nicht ausreicht, daß es künftig in Estland lebt, bedeutet im Klartext, daß juristisch gesehen die Hoffnung einer im Ausland lebenden Estin, nach der Trennung vom Partner mitsamt Kind in die Heimat zurückzukehren eher gering ist. Andererseits, so Kern, verliert im Laufe der Zeit und über Gerichtsprozesse mitunter auch ein Elternteil die Lust daran, diese Prozedur bis zum Ende auszufechten.

Montag, Dezember 01, 2008

Ein Denkmal im Aufbau

kalevkevad, der Norweger aus Stavanger, treibt sich wieder in Tallinn rum, sein Blick fällt diesmal auf die Ausgrabungen am Vabaduse Väljak und auf das entstehende Großdenkmal für den Freiheitskrieg (1918-1920), rechts im Bild.

Der Blick am Unabhängigkeitstag 1992
1992 Vabaduse Väljak

Etwa hinter der estnischen Flagge ist der Standort.

"Zombieherden" jagen zwischenzeitlich durch Estland

Aber nur durchs Internet. Seit der Begriff "Cyber War" auftauchte, ist die Aufmerksamkeit auf alles größer geworden, was so am kriminellen Rand der digitalen Vernetzung stattfindet.
Ein Mittel für Angriffe im Netz ist das Kapern von Servern, um sie dann als Spam-Schleudern zu mißbrauchen, oder den Netzverkehr damit lahm zu legen. Es zeigt sich, dass die estnische Internet-Abwehr zeitweise erfolgreich war.
Letztens nun das:
Als dem allzu Spammer-freundlichen Provider McColo vor zwei Wochen seine Internet-Anbindung gekappt wurde, standen mehrere 100.000 gekaperte PCs plötzlich ohne Mutterschiff da. Die Kommando-Server der Botnet-Betreiber waren offenbar zum großen Teil über McColo angebunden und auf einen Schlag offline. Zwischenzeitlich haben die Srizbi-Hirten ihre Zombie-Herden zumindest teilweise über Estland gesteuert.


so Eric-Cartman bei WinBoard

Hier der Artikel in Computerworld dazu.

Mittwoch, November 26, 2008

Neu-Estland

O.k, eigentlich muss ich hier noch mehr recherchieren, aber die Estnische Botschaft in der Türkei hat diese Fotos veröffentlicht, die einen Blick wert sind. So groß ist Estland nun nicht, dass man mit estnischen Orten in Asien rechnen könnte. Es handelt sich um eine estnische Siedlung in der Türkei. Das Foto zeigt ein Gebäude von 1912, das ehemals ein hölzernes Dach besaß, so der Begleittext. Auch wurde in der Türkei die Dokumentation "Singing Revolution" gezeigt. Ein Film über die Jahre vor 1991.
Wer auf das Foto klickt, kommt zu weiteren Bildern dieser außergewöhnlichen Siedlung.

Montag, November 24, 2008

Wintereinbruch


IMG_9404
Originally uploaded by anjok
Und die Ersten sitzen seit Sonntag ohne Strom in ihren Häusern:

Flasher_t mit einem ersten Bericht: good skiing weather

Hier ein paar Winterbilder der letzten Tage und Sonntag.

Mit einer Kamera sind einige Szenen in der Nacht auf dieser estnischen Wetterseite festgehalten, unten rechts.

Samstag, November 22, 2008

Russischer 007 in Estland

Am 21. September wurde in Tallinn Herman Simm (61), ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, gemeinsam mit seiner Frau Heete als mutmaßliche Agenten des russischen Geheimdienstes verhaftet.

Die Affäre ist für die estnischen Behörden so pikant, daß kaum Informationen an die Öffentlichkeit dringen und nur stückweise bekannt wird, welcher Schaden dem Land und dem Verteidigungsbündnis durch Simm konkret entstanden ist. Das Ehepaar Simm und seine Anwälte wie auch die NATO selbst schweigen anfangs ebenfalls. Simm behauptet jetzt, er sei von den Russen unter Druck gesetzt worden und darum den Weg des geringeren Widerstandes gegangen.

Simm hatte bereits in den 80er Jahren Kontakt mit dem KGB aufgenommen, als im Baltikum die Proteste gegen die Sowjetherrschaft begannen und es als möglich erschien, daß die baltischen Staaten aus dem Staatsverband der Sowjetunion herausgelöst würden. Der russische Geheimdienst hat Simm offensichtlich als Schläfer bewahrt.

Simm machte in Estland nach der Unabhängigkeit zügig Karriere. 1994 wurde er Chef der Polizei, wo Heete Simm früher als Anwältin arbeitete, und wechselte später ins Verteidigungsministerium, wo er für die Koordination mit NATO und EU zuständig war. Simm hatte folglich Zugang zu allen geheimen Dokumenten, die zwischen den Hauptstädten der beteiligten Staaten kursieren. In den vergangenen Monaten betraf dies insbesondere Informationen über den Kosovo, Afghanistan und Georgien.

Seit September geben sich Delegationen von NATO und EU in Tallinn die Klinke in die Hand, um herauszufinden, was genau Simm den Russen übermittelt hat. Der Direktor des NATO Office of Security (NOS), Michael Turner Evanoff, leitet die Untersuchungen und bestätigt das enorme Ausmaß des Verrates. Ein Vertreter der deutschen Regierung spricht von einer Katastrophe, und der estnische Abgeordnete Jaanus Rahumägi, der dem Kontrollausschuß der Geheimdienste vorsitzt, bezeichnet den Vorfall als historischen Schaden. Auch die NATO in Brüssel verlautbart, Simm sei das größte Leck seit dem Ende des kalten Krieges.

Die Presse amüsiert derweil, daß Simm ein altes umgebautes Kofferradio für die Kommunikation mit seinen Kontaktpersonen benutzte, das an längst vergangene Zeiten erinnert. Auch handelte es sich wie während des Kalten Krieges um ein spionierendes Ehepaar.

Simm wurde wahrscheinlich weniger aus ideologischen Gründen als des Geldes wegen zum Agent. Er erwarb in den letzten Jahren kostspielige Immobilien, ein Grundstück am Meer und eine Villa in Saue bei Tallinn, weshalb die Behörden schließlich auf ihn aufmerksam wurden. Als sich ein anderer Este, den der russische Geheimdienst anzuwerben versuchte, den Behörden anvertraute, flog Simm auf.

Die NATO versucht nun, die russischen Pläne zu entschlüsseln, weil man befürchtet, daß es durchaus weitere Lecks in Osteuropa geben könnte. In Brüssel geht man davon aus, daß der russische Geheimnis eine ganze Reihe von Simms in den baltischen Staaten unterhält.

Rußland hat zwar nun einen Spion verloren. Doch gleichzeitig kann Moskau Rache am Westen nehmen für die über Jahre abgelehnte Osterweiterung der NATO. Nach Ansicht von Spiegel online zeigt der Vorfall, wie verletztbar die NATO durch diesen politisch gewollten Schritt geworden ist. Möglicherweise unterminiert der Fall Simm auch das Vertrauen des Westens in die neuen Mitgliedstaaten, deren Zugang zu geheimen Dokumenten bislang den Kenntnissen in westlichen Hauptstädten entsprach.

Dies berichtet die estnische Tageszeitung Postimees unter Berufung auf Daily Telegraph, Daily Mail und Spiegel.

Freitag, November 21, 2008

Ein Blog gesichtet

Von mir unbemerkt ist bisher der Blog "tallinnas" geblieben. Der Autor nennt sich nagilum und postet mitunter Ätzendes, wie hier zum Sprachvergleich Englisch mit Estnisch. Es ist ein Auszug einer Kollegenschelte. Es geht um die Behauptung, das Estnische hätte keine Artikel:

mein kollege erklärt nun zuallererst die drei formen des englischen hauptwortes: allgemeine form (gebraucht, wenn man über eine sache im grossen und ganzen redet; "let´s talk about cars"), indefinite form ("he bought a car"; ein auto von vielen) und definite form ("he parked the car" - wir reden von einem spezifischen auto). danach folgt dann die erklärung, dass das estnische keine artikel habe. das ist richtig; im selben satz findet mein kollege dann aber, auf einen tisch zeigend: "die esten sagen einfach nur ´tisch´, nichts weiter, einfach immer nur ´tisch´."
die esten sagen mitnichten nur tisch. ganz im gegenteil: sie deklinieren ihn sogar, den scheisstisch. insgesamt vierzehn mal, wobei in vier dreiergruppen und einer zweiergruppe jedes nomen, jede nummer, jeder namen und jedes adjektiv zuerst nach grundfall, danach nach lokalfall, nach zustandsfall und nach vorhandensein oder nichtvorhandensein gebeugt wird. die esten sagen nicht "der" tisch oder "ein" tisch, weil sie 14 fälle und deswegen keine artikel nötig haben. sogar die teilmenge eines grösseren ganzen ist über einen speziellen fall, den partitiv, geregelt, der einen unbestimmten artikel vollständig ersetzt.



hier der ganze Post: sprachverständnis

Sonntag, November 16, 2008

Metro Plaza in Tallinn


Metro Plaza
Originally uploaded by soosalu
Vollendet, wir haben im Dezember 2007 über den Abriss des historischen Vorgängergebäudes im Zentrum Tallinns berichtet, nur die ursprüngliche Hülle ist geblieben. Eine Aufnahme von soosalu. Und unten eine Aufnahme von kalevkevad






Freitag, November 14, 2008

Estland und die Aussenwelt

Dieses Video macht mich nachdenklich. Es ist 1988, die Perestroika ist schon weltbekannt. Trotzdem werden auf militärischer Seite noch Prinzipien auf beiden Frontstellungen getestet, im Westen und im Osten. Hier geht es um die Durchfahrtserlaubnis für Schiffe nach einem Vertrag, der aber von der Sowjetunion nicht anerkannt wurde. Die eine Seite fordert das internationale Recht, die andere zeigt ihre Meinung dazu. Millionenteures Kriegsgerät wird dabei benutzt. Eine Episode, die mir unbekannt war. Und da liegt mein Unbehagen: Wir interessieren uns nicht für die militärischen Aspekte der internationalen Beziehungen, grundsätzlich nicht, weil: Frieden ist besser.
Also, was bedeutet die Nato-Mitgliedschaft Estlands, was passiert eigentlich, wenn russische Flieger im Nato Luftraum, von mir aus auch umgekehrt auftauchen, die Geschichten bekommt man Jahre später vielleicht im Detail berichtet, wie diese hier, ein sowjetisches Kriegsschiff versucht im Schwarzen Meer die amerikanische Yorktown zum Abdrehen zu zwingen :

Hier der Originalpost im Blog "Information Dissemination", von dem der Hinweis auf das Video stammt:
On a February Day on the Black Sea in 1988

Interessant sind in dem genannten Blog die Verweise auf russischsprachige Blogs zum gleichen Thema. Dort kann man die Sichtweise der russisch/sowjetischen Seite erfahren, die Militärs beider Seiten gehen respektvoll miteinander um, die Politik setzt aber die Rahmenbedingungen. In diesem Zusammenhang spielt Kommunikation zwischen beiden Gegnern eine große Rolle. Am Ende sind sich die Soldaten aber bewusst, wir führen Befehle aus. Ein schönes Lehrstück.

Samstag, November 08, 2008

Edgar, die Wahl und das System

In der estnischen Hauptstadt Tallinn wird plötzlich über Aspekte des Wahlsystems bei der Kommunalwahl diskutiert. Es geht um die Frage, ob die gesamte Stadt inskünftig ein einzelner Wahlkreis sein soll.

Zur Zeit gibt es in Tallinn acht Wahlkreise: Kesklinn (das Zentrum), Haabersti, Kristiine, Mustamäe, Nõmme, Põhja-Tallinn (Nordstadt), Pirita und Lasnamäe. Das entspricht der Verwaltungsstruktur der Stadt. Gewählt wird mit Vorzugsstimme für Parteilisten. Die Mandatsverteilung erfolgt nach der d’Hondt Methode.

Exkurs Vorzugsstimme: Der Wähler trägt in dem vorgesehen Feld auf dem Stimmzettel die Nummer des von ihm bevorzugten Kandidaten ein und stimmt damit automatisch für die Liste der Partei, welche diesen Kandidaten aufgestellt hat. Der Wähler entscheidet sich also für eine Partei, auf deren Liste er einen konkreten Kandidaten bevorzugen kann. Das führt zu einer Änderung der Reihenfolge der Kandidaten auf der entsprechenden Liste durch den Wahlvorgang.

Exkurs d’Hondt: Bei diesem Verfahren der Mandatsverteilung, deutsch auch Höchszahlverfahren genannt, wird die für die einzelnen Parteien abgegebe Stimmenzahl der Reihe nach durch 1, 2, 3, 4 usw. geteilt. Auf diese Weise entsteht eine einfache Tabelle aus den Quotienten dieser Divisionen. Anschließend werden die zu vergebenen Mandate der Reihe nach an die jeweils nächst höchste Zahl verteilt. Der belgische Jurist Victor d’Hondt hatte dieses System im 19. Jahrhundert, im Zeitalter vor Computer und Taschenrechner entwickelt, um komplizierte und langwierige Rechnungen zu vermeiden.

Im Tallinner Stadrat gibt es 63 Abgeordnete. Bei den Kommunalwahlen 2005 errang die Zentrumspartei von Edgar Savisaar 32 Sitze und damit die denkbar knappste mögliche absolute Mehrheit. Jüri Ratas wurde Bürgermeister.

Exkurs Edgar Savisaar: Dieser Mann ist das enfent terrible der estnischen Politik, über ihn scheiden sich die Geister, er wird entweder verehrt oder gehaßt. Savisaar erfand in der Gorbatschow-Zeit zusammen mit dem späteren Nationalbankpräsidenten, Gründer der liberalen Reformpartei des heutigen Regierungschefs, zwischenzeitlichen Ministerpräsidenten und derzeitigen EU-Kommissar, Siim Kallas, die Idee des selbstwirtschaftenden Estlands (Isemajandav Eesti), dessen Abkürzung IME als Wort gelesen Wunder bedeutet. Savisaar regte die Gründung der Volksfront an, wurde 1990 deren Ministerpräsident und mußte dann doch 1992 zurücktreten. 1995 schaffte er als Juniorpartner und Innenminister im Kabinett seines Volksfrontnachfolgers, Tiit Vähi, erneut den Weg auf die Regierungsbank. Allerdings nur für Monate, denn er hatte heimlich seine Gespräche der Koalitionsverhandlungen augezeichnet. Der Lindiskandaal zwang ihn zum Rücktritt. 2005 wurde er Wirtschaftsminister unter Ansip, als dieser Res Publica die Partnerschaft kündigte und war demzufolge zum Zeitpunkt des Wahlerfolges 2005 am Bürgermeistersessel nicht interessiert.

Nun sind Bürgermeister normalerweise nicht die einflußreichsten politischen Positionen, die zu vergeben sind. Im kleinen Estland jedoch gibt es unter der nationalen Ebene keine politischen Spielplätze. Gewählte Landräte in den 15 immer noch nicht reformierten Kreisen wurden schon vor Jahren abgeschafft. So sind die Stadträte von Tallinn und Tartu die einzigen vorhandenen Nebenkriegsschauplätze, auch wenn in ihrer Politisiertheit manche andere Kommune dem nicht nachsteht.

Die Frage nach dem Zuschnitt der Wahlkreise ist aus mathematischen Gründen wichtig. Das d’Hondt System sollte einfach sein. Aber es begünstigt auch die Erfolgreicheren. Das heißt, die großen Parteien erhalten bei dieser Methode der Mandatvergabe etwas mehr Sitze, als nach einer reinen Prozentrechnung. Und dieser Effekt kummuliert sich in mehreren Wahlkreisen. Folglich hätte die Zentrumspartei, gäbe es in Tallinn nur einen Wahlkreis, zwei Mandate weniger errungen – und die absolute Mehrheit knapp verpaßt. 2002 etwa erhielt die Vaterlandsunion trotz 6,8% Wahlerfolges überhaupt keine Vertretung im Stadtparlament.

Das Ergebnis eines solchen Ergebnisses wäre vermutlich, daß der Politisierung Tür und Tor geöffnet würde, wie es in vorherigen Wahlperioden auch war. Edgar Savisaar war bereits einmal von 2001 bis 2004 Bürgermeister, bis er durch eine Eingung anderer Parteien gegen ihn gestürzt wurde. Was auf der nationalen Ebene seit 1992 geschah, daß nämlich angesichts von Mißtrauensvoten und Koalitionswechseln noch keine Regierung eine ganze Legislaturperiode regieren konnte, gilt für die Stadt verstärkt, wo im selben Zeitraum mehr Bürgermeister ein- und abgesetzt worden sind.

Es überrascht also wenig, daß Savisaar im März 2007 seinen letzten Faustpfand nutzte. Als sich nach den Parlamentswahlen Ministerpräsident Andrus Antsip trotz des Sieges seiner Koalition mit der Zentrumspartei andere Partner suchte, setzte sich Savisaar entgegen vorherigen Versprechungen doch selbst auf den Chefposten in der Unterstadt, nur wenige hundert Meter vom Domberg entfernt.

Die Frage der Wahlkreiseinteilung in Tallinn ist also nicht unbedeutend, denn vor der bevorstehenden Europawahl streiten sich jüngst die Parteien auch darüber, ob die Listen hier starr oder lose gebunden sein sollen. Ein Umdenken in beiden Punkten würde sofort die Frage nach der nationalen Ebene aufwerfen, wo ebenfalls Vorzugstimmen und d’Hondt zur Anwendung kommen.

Der Leiter der Wahlabteilung in der Staatskanzlei, Mihkel Pilving, hält diese Gedanken für Spekulationen, schließlich würden Parteien und Wähler sich bei einem anderen System anders verhalten. Eine zweifelhafte Stellungnahme. Welcher Wähler beschäftigt sich schon im Detail mit dem Auszählungsverfahren?

Freitag, November 07, 2008

Passage - Obama der neue Präsident der U.S.A.


Passage
Originally uploaded by jurvetson
Steve Jurvetson, einer der bekanntesten estnischstämmigen Amerikaner hat Obama von Anfang an unterstützt. Hier ein privates Foto von ihm vor zwei Jahren, als die Chancen für Obama US-Präsident zu werden noch gleich Null waren.
Und der Wechsel ist wichtig. Guantanamo und der Irakkrieg haben tiefe Gräben gezogen zwischen Amerika und Europa.

Jurvetson zitiert Obama, dass die Gesetzlosigkeit nun bald ein Ende habe, so hoffen wir auch:
"While we are at it, we can close Guantanamo and restore habeus corpus because that’s how we lead. The strength of our diplomacy has to be matched by the power of our ideals."

Donnerstag, November 06, 2008

Estland doch atomfrei?

Nach den Parlamentswahlen in Litauen ist unklar, mit welcher Strategie die neue litauische Regierung die Energiepolitik weiterführen wird: neben dem Versprechen der Abschaltung veralteter Anlagen ("Tschernobyl-Typ") war es versäumt worden, rechtzeitig Alternativen in Richtung erneuerbarer Energien und verbesserter Effektivität der Energienutzung zu entwickeln.
Nun mehren sich Stimmen in Estland die davor warnen, sich auf die Atomkraft zu fixieren und nur auf den (teuren!) Neubau eines AKW in Visaginas in Litauen zu setzen.

"Selbst Ministerpräsident Ansip hat inzwischen davor gewarnt, sich abhängig zu machen von dem litauischen Projekt", sagt Peep Mardiste von der 'Grünen Bewegung Estlands', "und auch der Energieversorger Eesti Energia verläßt sich inzwischen nicht mehr auf die Realisierung dieses 7,5 Milliarden teuren Projekts." Mardiste verweist statt dessen auf das "Potential sauberer Energieerzeugung", dass Estland habe. "Uns liegt eine Studie vor, die aufzeigt, die Gegenwärtige 99%ige Abhängigkeit Estlands von fossilen Brennstoffen könnte bis 2020 auf 39% gesenkt werden."

Dieser Denkrichtung entspricht auch ein Beitrag bei Baltic Business News vom 3.11.2008. Nur die Politikersprache klingt anders: Ministerpräsident Ansip plädiere nun für ein eigenes estnisches Atomkraftwerk. Konsequenz wäre aber: Ein Ausstieg aus Visaginas (Ignalina2) würde die Atompläne Litauens erneut in Schwierigkeiten bringen, und selbst dieses Projekt war ja schon teuer genug. Ob aber ein kleines Land wie Estland derartiges allein schultern könnte? Über die Jahre der notwendigen Planungen wäre Zeit gewonnen, über wirklich vernüftigere Alternativen nachzudenken.

Ebenfalls dazu:
BANKWATCH Baltic Energy Strategy (PDF)

Studie von EESTI ENERGIA zu Windkraftanlagen in Estland

Stellungnahme EESTI ENERGIA zum AKW Visaginas

Montag, November 03, 2008

Der ganz andere Meri

Lennart Meri ist auch außerhalb Estland nicht unbekannt. Der Schriftsteller wurde während der Umbruchzeit Außenminmister und war von 1992 bis 2001 Präsident. Der 1929 geborene Meri starb 2006.

Ein Cousin, Sohn des Onkels des früheren Präsidenten, Arnold Meri, hingegen muß sich 88jährig derzeit juristisch für seine Vergangenheit verantworten. Während Lennart Meri ein Gegner der Sowjets war, machte Arnold Meri Karriere. Wegen seines Einsatzes im Zweiten Weltkrieg dufte er sich seit 1941 Held der Sowjetunion nennen, erhielt 1948 den Leninorden und wurde 1961 stellvertretender Bildungsminister der estnischen sozialistischen Sowjetrepublik. Daß er den Siegestag noch 2002 mit Vladimir Putin gemeinsam in Moskau feierte, stieß in Estland nicht auf Verständnis.

Vor dem Landgericht Pärnu wird nun der Vorwurf des Genozides verhandelt, doch Meri versucht, dem Prozeß wegen seines angeschlagenden Gesundheitszustandes zu entgehen. Während Richter Mart Reino die Ergebnisse der jüngsten Expertise nicht offenlegen möchte, behaupten Meri und sein Anwalt Sven Sillar, noch keine Kenntnisse des jüngsten Berichtes zu haben. Arnold Meri erklärt jedoch, es ginge ihm noch schlechter als vorher, was ihn aber einstweilen nicht weiter störe.

Reino hatte den Prozeß im Mai für die Zeit der Untersuchung Meris unterbrochen, denn die letzte Expertenmeinung liegt bereits viereinhalb Jahre zurück und in dieser Zeit, so der Richter, könne sich selbstverständlich der Gesundheitszustand eines Menschen ändern. Nach Angaben des Anwalt leidet Meri an Lungenkrebs und sein Arzt habe von weiten Reisen abgeraten.

Bei der Eröffnung des Prozesses in Kärdla auf der Insel Hiiumaa hatte Meri sich für nicht schuldig befunden. Vorgeworfen wird ihm, als damaliger erster Sekretär des Zentralkommitees der leninistisch-kommunistischen Jugend 1949 die Deportation von 251 Einwohnern der Insel in die Oblast Novosibirsk in Sibirien organisiert zu haben. Unterwegs starben elf der 13 über 75 jahre alten Personen. 16 waren noch nicht 18 Jahre alt.

Die damaligen Deportationen von insgesamt über 20.000 Menschen aus Estland betrafen vorwiegend Frauen und Kinder, bewußt, denn bestraft werden sollten die Verwandten von Männern, die sich als Partisanen in den Wäldern versteckt hielten oder ins Ausland geflohen waren.

Meri behauptet, die Deportationen seinen von Moskau so minuziös geplant worden, daß jemand seines geringen Ranges dort nichts hätte beeinflussen können. Er sei zuständig gewesen für die Kontrolle der Vorschriften, wieviel persönliche Gegenstände die Betroffenen mitnehmen durften. Vor Ort habe er Verstöße festgestellt und gegen diese per Telegramm nach Tallinn protestiert. Doch dieses Dokument ist heute in den Archiven nicht zu finden.

Der alte Mann wirft nun der heutigen politischen Elite vor, das Thema immer wieder auszugraben, wenn er sich öffentlich kritisch äußere. Die erste Befragung habe bereits 1995 stattgefunden, also immerhin zwölf Jahre vor Prozeßbeginn. Beobachter vermuten ebenfalls, daß möglicherweise Meris Kritik an der Versetzung des Bronzesoldaten im vergangenen Jahr in Wahrheit Auslöser der Anklage sei. Die Behörden jedoch entgegnen, daß nach und nach die Geschichte in allen Regionen Estland untersucht würden und sich ebenfalls gegen Kollaborateure der Nazis richteten. Diese aber hatte bereits die Sowjetunion zur Rechenschaft gezogen.

Die Deportationen von 1949 sind lange her. Die handvoll alter Männer, die für ihre Taten in unteren Rängen während der vergangenen Jahre angeklagt worden waren, hatten auch das Mitleid eines Teils der Bevölkerung. Anders ist dies bei Arnold Meri. Eine Verurteilung würde sicher neuerlich zu Wortgefechten mit Moskau führen. Das verlangte Strafmaß ist lebenslänglich.

Samstag, November 01, 2008

Dok-Leipzig Festival 2008



In Leipzig werden unzählige osteuropäische Dokumentarfilme gezeigt. Aus der Selbstdarstellung der Veranstalter:
Das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm - kurz DOK Leipzig - ist das größte deutsche und eines der führenden internationalen Festivals für künstlerischen Dokumentar- und Animationsfilm.

Auch Estland ist vertreten. Der Autor des Stralau-Blogs hat alles, was er gesehen hat, kurz beschrieben. Ein ungeheurer Aufwand, und es ist interessant ein kleines Geschichtsdetail zu erfahren, die Rolle der baltischen Schauspieler in der Sowjetunion:

Fritsud ja blondiinid (Nazis & Blondes) (Arbo Tammiksaar, Andrei Hvostov, Estland, Lettland 2006, 52 min.) — Internationales Programm Dokumentarfilm

Hier der Post von Stralau dazu: Doku-Leipzig 2008 (iv) Fritsud ja blondiinid

Hier der Trailer: "Nazis and Blondes"

Hier die Webseite: Nazisandblondes, siehe Foto oben

aus Stralau Blog - Schöner sterben am Wasser

Ein weiterer Film mit estnischer Beteiligung: The Revolution That Wasn't

Freitag, Oktober 31, 2008

Welcher Este will wirklich nach Brüssel umziehen?

Seit einiger Zeit wird in der estnischen Presse berichtet, wer wohl für welche Partei bei den kommenden Wahlen zum Europaparlament kandidieren wird.

Gegenwärtig sind unter den sechs Abgeordneten in der Heimat ziemlich bekannte Politiker wie der frühere Ministerpräsident Andres Tarand und die frühere Ministerin Katrin Saks von den Sozialdemokraten, die frühere Sozialministerin der Zentrumspartei Siiri Oviir, der vormalige Parlamentspräsident Toomas Savi und der Dissident Tunne Kelam, welcher zu den Mitgründern der estnischen Unabhängigkeitspartei gehörte. Von diesen haben jüngst Andres Tarand und Toomas Savi ihren Rückzug aus der Politik angekündigt.

Im kommenden Jahr werden auf dem Wahlzettel wohl wieder vergleichbar bekannte Namen stehen. Als erster erklärte der Chef der Zentrumspartei, Edgar Savisaar, er werde kandidieren. Savisaar war von 1990 bis 1992 Ministerpräsident der Volksfrontregierung und führte das Land in die Unabhängigkeit. Sein Politikstil machte ihn unter Politikerkollegen jedoch unbeliebt, weshalb er noch vor der ersten Parlamentswahl abgelöst wurde und es seither nur zwei Mal wieder auf die Regierungsbank geschafft hat. Dabei war der erste Erfolg nur von kurzer Dauer und ging unter dem Namen Lindiskandaal (Aufzeichnungsskandal) in die jüngere estnische Geschichte ein. Savisaar hatte heimlich seine Gespräche während der Koalitionsverhandlungen mitgeschnitten.

Savisaar ist seither in der Heimat gleichermaßen gehaßt wie geliebt, seine Partei erzielt regelmäßig gute Wahlergebnisse, nur will eben von den anderen Parteien – wenn es denn rechnerisch eben geht – keine mit ihm zusammenarbeiten. Aber Savisaars Partei wird insbesondere von der nicht estnischen Bevölkerung gewählt, weshalb er derzeit, und nicht zum ersten Mal, wenigstens in der Hauptstadt Tallinn auftrumpfen kann – er ist Bürgermeister.

Angesichts dieses Zugpferdes bei der Zentrumspartei lassen sich auch die Spitzenvertreter der Konkurrenz nicht lumpen. So planen die Sozialdemokraten bereits auch, ihren Vorsitzenden zu portieren. Ivari Padar ist derzeit Finanzminister in einer Koalitionsregierung mit der Vaterlandunion / Res Publica und der Reformpartei. Die Regierung führt deren Parteichef Andrus Ansip, der nach dem letzten Urnengang 2007 die Koalition mit Edgar Savisaar trotz rechnerischer Möglichkeit durch den Dreierbund ablöste. Auch wird angeblich von seiner Partei gedrängt anzutreten.

Aber warum dieser Aktionismus für eine Wahl zu einem Organ, das bekanntlich eher wenig politischen Einfluß hat?

Nun steht es außer Frage, daß Ansip in seiner politischen Karriere im Inland kein einflußreicheres Amt mehr erreichen kann. Angesichts der verbreiteten Kurzlebigkeit von Regierungen in Estland – Mart Laars zweite Regierung von 1999-2002 hält einstweilen den Rekord – ist es nicht unwahrscheinlich, das jedwede innenpolitische Krise oder irgendein Skandal auch vor den nächsten Wahlen seinen Sturz herbeiführen könnte.

Edgar Savisaar wiederum steht zwar als Bürgermeister im Rampenlicht der Medien, langweilt sich aber sicher auf diesem doch eher einflußlosen Posten, den er entgegen vorherigen Versprechungen von Jüri Ratas übernehmen konnte, weil 2005 seine Partei in der Kommunalwahl gut abgeschnitten hatte. Damals war ihm der Posten weniger wichtig, weil er gerade wenige hundert Meter vom Rathaus entfernt auf dem Domberg als Wirtschaftsminister einen offensichtlich interessanteren Job hatte – eben bis zur Aufkündigung der politischen Ehe mit Ansip 2007. Bürgermeister war Savisaar vorher schon einmal gewesen, hatte das Amt aber durch ein Koalitionsrevirement wieder verloren.

Ivari Padar wiederum hat eine Partei im Rücken, die zu klein ist, um ihm nach der Übernahme verschiedener Ministerien in verschiedenen Koalitionen weitere Perspektiven zu eröffnen.

Da in Brüssel und Straßburg dank der Schwierigkeiten rund um den Lissaboner Vertrag und den Diskussionen innerhalb der Union über die Reaktion auf die Krise im Kaukasus diesen Sommer einige gleichermaßen interessante wie schwierige Dossiers zu verhandeln sind, reizt die erwähnten Herren die Aufgabe vielleicht tasächlich.

Über Ansips Kandidatur gibt es allerdings einstweilen nur Spekulationen. Er selbst hat eine Absicht negiert und darauf verwiesen, daß ein amtierender Regierungschef nicht für das Europaparlament oder bei Kommunalwahlen kandidieren könne. Die öffentliche Spekulation freilich begründet sich durch das kategorische Nein des Gründers der Reformpartei, früheren Notenbankchefs und Ministerpräsidenten Siim Kallas, der zur Zeit EU-Kommissar in Brüssel ist.
Es ist jedoch zu bezweifeln, daß einer der genannten Politiker tatsächlich im Falle einer erfolgreichen Wahl nach Brüssel übersiedeln würde. Edgars Savisaar erklärte bereits öffentlich, eine solche Zusage könne einstweilen kein Politiker geben, weil bis zur Wahl noch viel Wasser ins Meer fließe. Er selbst sei außerdem verliebt in Tallinn, wo es noch viel zu tun gebe.

Kern dieser Fragen ist, daß die vergangenen Europawahlen in den baltischen Staaten von den Wählern als Protestwahl genutzt wurden und jene Parteien, die damals an der Regierung waren, abgestraft wurden und auch kleine Parteien Erfolge verbuchen konnten. So kommt es, daß gerade die Reformpartei keinen zugkräftigen Kandidaten hat, der bereits im Europäischen Parlament säße.

Die erst 2007 neu in das nationale Parlament eingezogenen Grünen wollen mit allen ihren Spitzenpolitikern kandidieren. Die Volksunion will sich erst nach ihrem nächsten Parteikongreß entscheiden. Sie hat die Korruptionaaffäre rund um ihren früheren Chef Villu Reiljan zu verkraften.

Da nur sechs Mandate zu vergeben sind, ist die Konkurrenz eng. Es geht für alle Parteien darum, wenigstens ein Mandat zu erringen, für die größeren wäre natürlich nur der Gewinn von zwei Vertretern ein Erfolg.

Donnerstag, Oktober 30, 2008

EE wie Estland - und was nun?

Wer ist Vladimir Tsastsin? Im Netz gab es bereits seit einiger Zeit Warnungen, EstDomains (ee) registieren zu lassen (so z.B. Talkgold).
Auf den Namen Tsastsin stieß in der Regel, wer eine estnische Domain mit der Endung ee registieren lassen wollte. Dazu befugt war bisher die Firma ESTHOST INC in Tartu.

Fachportale melden nun, Tsastsin sei nun von der internationalen Agentur zur Vergabe der registrierten Domains ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) das Recht zur Vergabe der ee-Domains und die Betreuung der bereits bestehenden 281.000 Domains mit dieser Endung entzogen worden.
Tsastsin war in Estland am 6. Februar 2008 von ei
nem estnischen Gericht rechtskräftig wegen Kreditkartenbetruges, Geldwäsche und Urkundenfälschung verurteilt worden.
Verschiedenen Meldungen zufolge ist das Recht zum Betrieb einer neuen Registrarstelle neu ausgeschrieben worden.

Ob es Probleme für die bisherigen Kunden gibt, hängt weitgehend davon ab, ob sich Tsastsin sich in soweit kooperativ verhält, dass er die bestehende Kundendatenbank an die neue Registrarstelle übergibt.

Mehr dazu:

ZDnet Security

Meldung der ICANN


Softpedia

Washington Post (mit Einzelheiten zum Gerichtsprozess)

PCWelt

Mittwoch, Oktober 22, 2008

Frauen in Estland: Funsport oder lustiges Landleben?

Als deutschsprachiger Mensch und Estland-Freund ist es immer interessant mitzuverfolgen, welches Bild sich in den deutschsprachigen Medien wiederspiegelt. Da fallen in dieser Woche zwei Beiträge auf, die Frauen aus und in Estland zum Thema haben.

Da ist einerseits Evelin Ilves. "SCC-Running" interviewt sie als teilnehmende Inline-Skaterin beim Berlin-Marathon 2008. Das steht wohl unter dem Motto "Coole Präsidentin haben diese Esten (und Estinnen)"...

Interessant die Begründung zur Frage, wie denn die Bedingungen zum Inline-Skaten in Estland ausfallen: "
Jede neue Straße in Estland muss einen Fahrradweg haben, daher sind die Bedingungen besser als in vielen anderen Ländern." - Nun, sehr vereehrte Frau Ilves, das ist Europarecht (das mit den neuen Straßen und den dazu zu bauenden Radwegen!). Aber können Sie uns erstens verraten, ob Sie nun etwa auf den Radwegen skaten (ist das in Estland erlaubt? oder wegen nur wenigen Radfahrer/innen möglich?), und zweitens, warum denn die anderen EU-Länder (etwa die Nachbarländer Lettland und Litauen) nicht auch diese Gesetze gleichermaßen umsetzen?

Andere Aspekte zum Thema "Frauen in Estland" sind bei Agrar-heute nachzulesen. Dass die angeblich positive Entwicklung in der estnischen Landwirtschaft immer nur in Form von kurzfristigen Statistiken gemessen wird (nicht etwa von 1990 an gerechnet oder damit verglichen!), das sind wir ja schon gewohnt. Hier aber steht unkommentiert, dass 37% der 12.700 Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe in Estland Frauen seien. "Frauen spielen eine wichtige Rolle", steht da zu lesen. Als Geringverdiener, als landwirtschaftliche Zuerwerbsbetriebe (40% aller Betriebe haben zusätzlich eine außerlandwirtschaftliche Tätigkeit), als Alleinerziehende, als Öko-Bäuerinnen, oder als Liebhaberinnen des Landlebens? Vielleicht steht das ja mal woanders nachzulesen.

Dienstag, Oktober 21, 2008

Sumo-WM in Rakvere: "der Balte" kämpft für Estland

Mit Bezeichnungen wie "der Balte" (japanisch: "Baruto" siehe auch frührer Blogbeitrag) lassen sich offenbar in Japan Sumo-Ringer erschrecken - das wurde angesichts der Sumo-Weltmeisterschaft in Rakvere / Estland jetzt noch mal klar. Sumo-Ringen in "Barutos Homeland" Estland, sogar eine Weltmeisterschaft? Das ist wohl der Bekanntheit von Kaido Höövelson zu verdanken, früher Türsteher in einem Nachtklub und Judo-Kämpfer, geboren 40km von Rakvere entfernt (heute Star-Sumoringer). Zusammen mit Andres Jaadia, Bürgermeister von Rakvere, holte er nun die WM in sein Heimatland. Auch eine GEO-Reportage brachte inzwischen schon ein Interview mit diesem ungewöhnlichen Esten. Bei Enews wird auch auf Riho Rannikmaa verwiesen, der 2004 zwei estnische Sumo-Ringer erstmals dazu veranlasst haben soll, nach Japan zu gehen. Welche Schwierigkeiten es geben kann, wenn mal eine Sumo-WM außerhalb von Japan stattfindet, daran erinnert ein Beitrag bei "Spiegel-online" über die WM 1999 in Riesa.

Besonders ausführlich berichtet wurde in der deutschen Presse diesmal rund um Osnabrück: Sumo-Kämpferin Nicole Hehemann holte in Rakvere Bronze.

Mehr dazu:
Homepage Sumo-WM 2008

über "Baruto" bei "DCEstonian" (Englisch)

Bericht Neue Osnabrücker Zeitung

Sumo Eesti keeles


Montag, Oktober 20, 2008

Erinnerungskulturen - eine Fortsetzung



Seit zwei Jahren posten wir ab und zu über die verschiedenen Erinnerungskulturen rund um den 2. Weltkrieg in Europa, besonders Osteuropa. Ein Fazit lässt sich ziehen: Es tut sich wenig auf dem Weg zu einer einheitlichen Bewertung des 2. Weltkriegs, seiner Ursachen, seines Ablaufs und seiner Folgen. Zu sehr ist jeder in seinem eigenen Geschichtsraum verfangen.
Hier zitiere ich noch einmal Professor Dr. Stefan Troebst aus seinem Essay "Holodomor oder Holocaust?" in der FAZ vom 4. Juli 2005, Troebst ist zu dem Zeitpunkt stellvertretender Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Uni Leipzig.

Wenn in historischer Perspektive das Europäische an Europa ist, daß es Nationen gibt, dann ist und bleibt der Nationalstaat auf absehbare Zeit der primäre Bezugsrahmen für Erinnerung. Somit werden sich viele "Erinnerungsorte" wie der russ(länd)ische Erinnerungsort Stalingrad und das polnische Jalta mutmaßlich nicht in eine wie auch immer geartete Übereinstimmung bringen lassen. ...

Eher wird die Vierteilung Europas in Westeuropa, Westmitteleuropa, Ostmitteleuropa und Osteuropa, wie sie derzeit besonders deutlich hervortritt, zunächst noch tiefer werden. Die Kontroverse zwischen dem Jalta-Lager, also den postkommunistischen EU-Mitgliedsgesellschaften Ostmittel- und Nordosteuropas, und dem auf Stalingrad ausgerichteten Rußland hat gerade erst begonnen.


Das war 2005, dazwischen liegen die Bronzenen Nächte in Tallinn. Schöne Vorhersage und weiterhin aktuell. Warum das alles so ist, aus estnischer Perspektive, hier ein recht neues Buch. Das Überleben des estnischen Pastors Harri Haamer im sibirischen GULag. "Unser Leben ist im Himmel - Erinnerungen an Sibirien", Projekte Verlag 1. Auflage 2007.

Auf Englisch: "We shall live in heaven". (Meie elu on taevas)

Erinnerungsgeschichte, Erinnerungsorte, Erinnerungsschichten –
Annäherungen an Osteuropa

Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V. 15.04.2008

Geschichtspolitik und Gegenerinnerung in Osteuropa Heft 06/2008

Daraus die Einleitung zu einem Beitrag von Karsten Brüggemann:
Karsten Brüggemann
Denkmäler des Grolls
Estland und die Kriege des 20. Jahrhunderts

Im April 2007 löste die Umsetzung des „Bronzesoldaten“ in Estlands Hauptstadt Tallinn Straßenkrawalle und diplomatische Konflikte mit Russland aus. Der Streit wurde zum Symbol für die gegensätzlichen Vergangenheitsbilder in Ost und West. 2004 hatte ein Gedenkstein für estnische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in deutscher Uniform gekämpft hatten, international Aufsehen erregt. Nun plant Estlands Regierung, ein Denkmal zur Erinnerung an den Sieg im Freiheitskrieg 1918–1920 zu errichten. Damit geht der Denkmalstreit in die 3. Runde.

Samstag, Oktober 18, 2008

Jaan Kross und Professor Li

Gestern habe ich Professor Sang Gum Li getroffen. Eigentlich ist er zuständig für die deutschsprachige Literatur an der Pusan National University in Südkorea. Weit im Norden von Busan an einem Berghang:
Estland in Korea II
Wahrscheinlich haben Germanistikstudenten dieses Fenster beschriftet:
Estland in Korea
Die Sturm und Drang Zeit und überhaupt deutsche Philosophie stehen bei Professor Li wie bei vielen Koreanern im Vordergrund. Deutschland kennt er schon lange. 1989 hat er vor Ort in der Bundesrepublik miterlebt.
Irgendwann bekam er Joschka Fischers Buch: "Mein langer Lauf zu mir selbst" in die Hände. Da war er auch schon ein Endvierziger. Und tatsächlich, innerhalb weniger Jahre lief er eine Marathonbestzeit unter 3 Stunden und 40 Minuten. 2004 in der Altersklasse über 50 absolvierte er den Berlin-Marathon in 3:43 Stunden. Und nicht nur das, naturverbunden, waren ihm Schuhe suspekt. Einen Lauf hat er barfuß bestanden. Triathlon ist seine andere Leidenschaft, aber das führe hier zu weit.
In dieser Zeit las er in Deutschland über die EU-Osterweiterung. Estland gehörte dazu. Und besonders ein Artikel über den wichtigsten Schriftsteller des Landes lies ihn nicht los. Er wollte mehr erfahren über Jaan Kross, der in seinen Romanen die Geschichte Estlands verarbeitet hat. Gleichzeitig erfuhr er von den deutschsprachigen Balten und ihrer Literatur, die nun schon selber zur Geschichte gehören. Zwei Estlandaufenthalte folgten. Und tatsächlich beherrscht Professor Li schon ein Alltagsestnisch. Ein Essay von Jaan Kross, den er noch persönlich kennen lernte, wurde von ihm ins Koreanische übersetzt, in diesem Band:
Estland in Korea III
Und überhaupt, er ist der einzige Experte für baltische Literatur in Korea. Der erste Schritt ist getan.

Update April 2009:
Ein ganzseitiger Artikel von Professor Li in der Pusan-Ilbo (Südkorea) über Estland.
Hier die Online-Version.

Donnerstag, Oktober 16, 2008

Luxus-Spa oder Bankenkrise?

Estland braucht keine EU-Bürokratie! Solche Sprüche waren 2003 vor dem EU-Referendum von estnischen EU-Gegnern zu lesen und zu hören. Der estnische Wirtschaftsaufschwung werde nur von der lahmen EU behindert, so selbstbewußte estnische Wirtschaftsgurus damals. - Heute schwimmt nicht nur Estland mitten in der Banken- und Finanzkrise, und manche Experten sagen auch, kleinere Länder hätten ihre Währungen schon längst erheblich abwerten müssen ohne den Schutz der EU (siehe Island). Gespannt blicken wir also auch nach Estland und hoffen vielleicht insgeheim wieder auf estnische Kreativität und Erfinderreichtum. "Die Krise erfasst jetzt Osteuropa", titelt zum Beispiel der ARD-Börsenbericht, und bezeichnet die baltischen Staaten als neben Ungarn am stärksten von der Finanzkrise betroffenen Regionen. Ein Einschätzung der Financial Times pflichtet dem bei, und nennt ein hohes Leistungsbilanzdefizit und den Einfluß krisengeschüttelter skandinavischer Banken als Gründe.

Aber es gibt dem auch scheinbar wiedersprechende Meldungen. Angeblich sollen doch gerade die fallenden Immobilienpreise ein deutliches Zeichen überzogener Erwartungen sein? "Neues Luxus-Ferienresort an der estländischen Küste" meldete Gewerbeimmobilien24 gestern. Gleiches meldet "Cash-online" (schöner Name, angesichts der Milliarden-Stützungssteuergelder für die Banken!). Zugegeben wird allerdings, dass Baubeginn der Projekte erst 2009 sei. Ein Vier-Sterne-Hotel, Luxus-Eigentumswohnungen und -villen sollen entstehen - und wo? Gerade dort, wo manche deutschen Reiseführer sogar bisher von einem Besuch abgeraten haben: in der Region Narwa.

Nun ist plötzlich von "Grundstücken in attraktiver Küstenlage" die Rede, von "Medical-Spa-Bereichen" mit über 7.000 qm und Hotels mit Luxus-suiten. Aber der Estland-Freund wird vielleicht spätestens spätestens bei der Ortsbeschreibung stutzen: "Narva-Jõesuu, ein von Russen wie von Estländern gleichermaßen beliebter Ferienort", so preist es das Immobilienportal. Wird hier noch schnell angepriesen, was nachrichtenmäßig noch nicht in der letzten Ecke Estlands angekommen ist? Die IGP Ingenieur AG aus Berlin ist bei diesem Projekt Auftragnehmer eines Investors aus St.Petersburg (Novost-info nennt Andrej Katkov als für das Projekt verantwortlichen Unternehmer, und bezeichnet diesen als Vertrauten von Präsident Putin). Oder retten nun wirklich die Russen das estnische (und nebenbei das deutsche im Ausland tätige) Baugewerbe?Dass Bauplanungen der IGP momentan nicht überall vorankommen, zeigt zum Beispiel ein Bauprojekt in Wattenscheid (Bericht Emsdettener Volkszeitung 5.10.08). Sogar bei den neuen Luxusbauten Moskaus soll es neuerdings Baustopps geben. Oder, wie bei einem Bauprojekt in Berlin-Lichtenberg, dort dauerte es schlappe 10 Jahre bis aus einem begonnenen Projekt und einer langjährigen Bauruine dann doch noch (durch die IGP) eine Luxusanlage wurde (Bericht Berliner Morgenpost 27.06.08). Also: Krise, welche Krise? Irgendwelche Reichen, die hübsch abgeschirmt schick Urlaub machen wollen, werden schon übrig bleiben, auch in Estland!

Für Investoren, die noch "flüssig" sind:

Webseite Narva Jõesuu Spa

Wohungen kaufen in Narva-Jõesuu

Virumaa.ee

Fussball WM-Qualifikation

Eigentlich waren die letzten Fußball-Qualifikationsspiele der estnischen Nationalmannschaft nicht sehr bewegend.
Aber das Unentschieden gegen die Türkei lässt aufhorchen. Für eine Weile wird Estland nun für Gesprächsstoff am Bosporus sorgen.
Übrigens besuchen laut Botschaftsinformation jedes Jahr mehr als 10 000 Esten die Türkei, etwa 600 Türken kommen dagegen vor allem nach Tallinn.

Die politische Seite der Beziehungen: Estland befürwortet den angestrebten EU-Beitritt der Türkei, allerdings mit der nüchternen Einschränkung, dass die Aufnahmekriterien erfüllt werden müssen. Eine große Kulturdebatte zur EU-Erweiterung mit der Türkei, etwa wie in Deutschland, hat es bis jetzt nicht gegeben.

Donnerstag, Oktober 09, 2008

Was ist das schon wieder: Kiiking?

Kiiking - dieses Wort klingt wie der Begriff für einen neuen Straftatbestand – wie Stalking oder eine neu erfundene Sportart. Alles in der Regel eine Anleihe aus dem Englischen. Die Annahme mit dem Sport ist zutreffend, aber die bezeichnung kommt nicht aus dem Englischen, sondern aus dem Estnischen und bedeutet Schaukeln.

Schaukeln eine Sportart? Haben in Estland Kinderspielplätze und Sportplätze fusioniert? Keineswegs. In Estland ist Schaukeln nicht nur ein Kinderspaß und es wird viel geschaukelt. An Stränden und in Parks oder Naturschutzgebieten stehen überdimensionale Schaukeln aus Holz, auf denen problemlos zehn Erwachsene Platz haben. Da diese Konstrukte das ganze Jahr über bei Wind und Wetter im Freien stehen, ächzt es regelmäßig verdächtig beim Schaukeln, aber bislang wurde von nennenswerten Unfällen nicht berichtet.

Da diese Schaukeln schon im benachbarten Lettland weniger bekannt sind, verwundert es wenig, daß gerade die Esten daraus einen Sport machen. Daher auch der Name. „Kiik“ heißt Schaukel, „kiikuma“ schaukeln und Kiiking ist eben das Schaukeln – obwohl das korrekt substantivierte Verb „kiikumine“ heißt. Es gibt sogar einen Weltmeister im Schaukeln, der heißt Andrus Ääsmäe und kommt natürlich auch aus Estland. Davon berichtet nunmehr sogar der Spiegel online.

Aber wenn Schaukeln nun ein Sport ist, in dem sogar Wettbewerbe stattfinden, wo liegt dann die Leistung, die sich messen und vergleichen läßt? Schaukeln ist eben doch nicht gleich Schaukeln. Es geht beim Kräftemessen um den Überschlag. Die Wettbewerbschauekeln sind denn auch andere als jene, die vielerorts an öffentlichen Plätzen in Estland zu finden sind.

Ääsmäe erklärt im Interview, wie man sich zum Weltmeister aufschaukelt. Während der Bewegung nach unten müsse man in die Knie gehen und sich dann blitzschnell am tiefsten Punkt wieder aufrichten, um Schwung zu holen. Dabei liege die Anstrengung eben vor allem darin, den Körper aus den Beinen hochzustemmen, während gleichzeitig die Eingeweide nach unten sacken.
Auf jeden Fall, so Ääsmäe, mache Schaukeln süchtig. Und es sei doch toll, ohne Drogen in den Himmel zu fliegen. Die Gefahr betreffend berichtet der Weltmeister nur von einem gebrochenen Handgelenk bei einem Athleten, der vor der Akrobatik doch nicht auf flüssiges Doping hatte verzichten wollen.

Freitag, Oktober 03, 2008

Startups in Estland

Estland halten viele für einen IT, Internet- und Computervorreiter. Was die Umsetzung von neuen Technologien betrifft, stimmt das schon.
Eine skandinavisch-baltische Webseite beobachtet die Gründerzene bei den Softwareunternehmen: Arcticstartup
Einer der fleissigsten Startup-Initiatoren ist Jüri Kaljundi in Estland. Er ist schon mit 19 in das Geschäft eingestiegen. Eine der bekannten Webprojekte ist das estnische Gegenstück zu Flickr: Nagi.
Arcticsturtup hat Jüri Kaljundi interviewed. Und wieder taucht eine altbekannte Kritik auf. Die technische Entwicklung ist das große Plus in Estland, aber bei der Verbreitung, beim Marketing, ist Estland zu lokal. Es fehlten zumindest europaerfahrene Geschäftsleute, die auch das Marketing verstehen.

Estonia also lacks people with previous international sales, marketing and commercialization skills, even if we have good product development skills. So the key would be to join forces between people in Estonia and those who have done these things already in Western Europe and USA.

Dienstag, September 23, 2008

Freitag, September 19, 2008

Eesti muutub Saksamaaks[1]

Das war Ende der 90er ein im privaten Kreis regelmäßiger geäußerter, scherzhafter Kommentar über Estland. Damals stand dahinter eine Mischung aus Genugtuung über die rasante Entwicklung Estlands und der Trauer über das Verschwinden verschiedener sowjetischer oder postsojwetischer Exotica im Alltag.

Nunmehr haben alle osteuropäischen Staaten das stürmische erste Jahrzehnt der Transformation durchgestanden, wirtschaftlich und politisch wurde von der Transformationstheorie schon früher eine Stabilisierung prognostiziert. Dies ist damals von Pzreworski in Zweifel gezogen worden und wird durchaus auch heute noch diskutiert. So ist denn Stabilität in den meisten Staaten wenigstens politisch nur teilweise eingetreten. Nach wie vor ist es eine Seltenheit, wenn wie Dzurinda in der Slowakei 2002 oder Gyurcsány in Ungarn 2006 amtierende Regierungen wiedergewählt werden. In Estland gelang dies 2007 ebenfalls, jedoch wählte Ministerpräsident Ansip andere Koalitionspartner.

In Estland hat so wie in den baltischen Nachbarstaaten noch nie eine Regierung eine ganze Legislaturperiode durchgehalten. Auch gibt es nach wie vor so viel Instabilität im Parteiensystem, daß infolge des Popularitätsverlustes der liberal-konservativen Regierungen bei gleichzeitigem Wunsch der Wähler nach Parteien ähnlicher Coleur, neue Parteien wie Res Publica 2003 und die wiedergegründeten Grünen 2007 den Sprung in Parlament geschafft haben.

Doch die Umfragen zeigen derzeit eine große Stabilität, wie die Zeitung Postimees am 15. September berichtete, und damit efreut sich Ministerpräsident Andrus Ansip nach wie vor großer Beliebtheit.
Die liberale Reformpartei (Reformierakond) des Regierungschefs hat sich von 21% auf 19 geringfügig verschlechtert, damit sind sich aber immer noch ein Fünftel der Wählerschaft sicher, diese Partei zu bevorzugen. Die Koalitionspartner der Vereinigten Vaterlandsunion und Res Publica (Isamaa ja Res Publica Liit) kommen mit 10% auf zwei Punkte mehr als vor Monatsfrist. Die Sozialdemokraten (Sotsiaaldemokratlik Erakond), aus deren Reihen auch Präsident Toomas-Hendrik Ilves stammt, bleiben bei 8%.
Dieses würde den reinen Zahlen nach derzeit für eine Mehrheit im Parlament (Riigikogu) nicht reichen, doch 16% der Befragten gaben an, unentschlossen zu sein. Diese Zahl belegt ebenfalls die Stabilität, ist sie doch überraschend niedrig für ein baltisches Land.

Stabilitätsfaktor wären ebenfalls die Grünen (Rohelised), die bereits 2007 mit Ansip Koalitionsverhandlungen geführt hatten. Daß die Beteiligung schließlich nicht zustande kam, ist auf die Verweigerung des gewünschten Umweltressorts zurückzuführen. Doch damals waren die Grünen für eine Mehrheit eben auch nicht erforderlich.
Ein dritter Stabilitätshinweis ist die starke Opposition der Zentrumspartei (Keskerakond) unter Edgar Savisaar, welche sich, immer wenn in der Opposition, sozialdemokratisch geriert. Sie war allerdings bis 2007 der Partner Ansips in einer nur aus den beiden stärksten Fraktionen bestehenden Koalition. Und dies war auch nicht das erste Mal, daß im Laufe einer Legislaturperiode ein Partnertausch stattfand.

In den Jahren seit 1992 hat sich auf diese Weise zwar keine Regierung vier Jahre an der Macht halten können, die Politik hat sich jedoch jeweils nur in Nuancen verändert, das Ergebnis stabiler Verhältnisse.
Wenig verwundert, daß die Volksunion (Rahvaliit) den Sprung ins Parlament laut Umfragewerten nicht schaffen würde. Seit der frühere kommunistische Funktionär und spätere Präsident Arnold Rüütel die Politik verlassen hat, fehlt die populäre und bekannte Figur. Hinzu kommt, daß der wichtigste Politiker dieser Partei, Villu Reiljan, kämpft seit langem mit Korruptionsvorwürfen. Vor wenigen Monaten entzog das Parlament ihm die Immunität.

Gewiß ist Estland nicht Deutschland. Aber in den 90ern sollte der entsprechende Satz einen Prozeß andeuten. Doch in einem Punkt gibt es eine vielleicht sogar deutlichere Ähnlichkeit: Das Vertrauen in staatliche Institutionen und die Politik sinkt, wie Postimees am gleichn Tag in einem anderen Artikel berichtet. Hintergrund sind nach Meinung der Demoskopen die Krise im Kaukasus wie auch innenpolitische Debatten um den Haushalt. Interessant ist besonders die anhaltende Beliebheit des Ministerpräsidenten Andrus Ansip. Sein Vertrauenswert übersteigt mit 59% alle anderen politischen Institutionen.

[1] Estland wird zu Deutschland