Posts mit dem Label Weltkrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Weltkrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, März 12, 2022

Es war doch unser Tag ... !

Nun weiß die Welt, was am 24. Februar passiert ist. Eigentlich war ja für Estland viel wichtiger, was am 23. Februar 1918 vom Balkon des Endla-Theaters in Pärnu, und dann am 24. Februar in Tallinn verkündet wurde: die Erklärung der Unabhängigkeit des Landes, das sich selbst Eesti nennt. "Die Geburt einer Nation", wie es "Visit Estonia" ausdrückt. Aber seit kurzem ist dieser Tag auch mit etwas verbunden, das tatsächlich aktuell eher einer Loslösung vom russischen Bahnstrahl entgegen steht. Oder vielleicht lesen wir bei den Autor/innen der Kinderseite von "Hanisauland" nach: demzufolge ist in Estland der Höhepunkt dieses Tages immer eine "prachtvolle Militärparade".

Nein, niemand wollte es zunächst wirklich glauben: Putin befiehlt einen militärischen Einmarsch in einem Nachbarland - und auch Estland ist Nachbarland.

Das deutsche Fernsehen berichtete am 11. März vom Biathlon-Weltcuprennen im estnischen Otepää. ARD Moderator Michael Antwerpes entschuldigt sich, dass hier aus einem "sicheren" Studio in Deutschland moderiert wird, und begründet das mit einem Blick auf die Landkarte. Zur Einstimmung wird dann der Wintersportort Otepää vorgestellt, und der estnische Sportreporter Alvar Tiisler mit der Aussage zitiert: "Nein, wir haben keine Angst. Wir haben in den 90iger Jahren kluge Entscheidungen getroffen." 

Aber auch Estland übt sich in Solidarität mit der Ukraine. Die Universität Tartu will den Zugang für russische und belarussische Studierende beschränken. (err) Die gegenwärtig schon in Tartu 257 Studierenden aus Russland und 25 aus Belarus dürfen aber bleiben, so Aune Valk, Vize-Rektor der Universität. Allerdings gibt es auch ein Unterschriftensammlung gegen die Restriktionen der Universität.

Der Zoo Tallinn sammelt Spenden für Zoos in der Ukraine und meldet, in Kiew seien etwa 50 Angestellte mit Familien in den Zoo umgezogen, um dort die Tiere zu beruhigen und ihnen im Krieg beizustehen. 

Eine der größten Tageszeitungen Estlands, die "Postimees", erscheint nun auch mit einer ukrainischsprachigen Ausgabe. "Russland benimmt sich wie Nazideutschland" ist dort zu lesen - so sieht es die Jüdische Gemeinde in Odessa

Der 9. März war dabei für Tallinn noch ein ganz besonderer Gedenktag: an diesem Tag vor 78 Jahren (1944) bombardierte die Rote Armee die estnische Hauptstadt. Allein an diesem Tag sollen damals 3000 Bomben über Tallinn abgeworfen worden sein, 30% des städtischen Wohngebiets wurde zerstört, es gab mehrere Hundert Tote. Für die Stadt ein ganz besonderer Grund, an die aktuellen Ereignisse in der Ukraine zu denken. 

Bis zum 11. März waren bereits über 14.000 Flüchtlinge aus der Ukraine in Estland angekommen, davon seien etwa 3500 weiter in andere Länder gereist, und etwa 5000 seien Kinder (err) Mehrere estnische Gemeinden wandten sich bereits mit der Bitte um Unterstützung an die estnische Regierung, denn ihre Aufnahmekapazitäten seien überlastet.

Sonntag, Dezember 13, 2020

Denk ich an Deutsche, wird mir Nacht ...

Ein Roman von Ungern-Sternberg - nein, kein Stück Literatur. Eher ein Stichwort für Spezialisten. Vielleicht müssen da erst einmal die "basics" erklärt werden: Ungern-Sternberg = deutschbaltisches Adelsgeschlecht. Zunächst "von Ungern", ab 1593 mit dem Zusatz "Sternberg". Eine Sippe voller Mythen und Geschichten, eine davon war einmal, sie kämen "aus dem Lande der Ungern". Unter den heute bekannten Persönlichkeiten sind unter anderem die Journalistin Christina von Ungern-Sternberg, oder der Diplomat Michael Freiherr von Ungern-Sternberg die öffentlich sichtbarsten Figuren. Vielleicht auch noch der Historiker Jürgen von Ungern-Sternberg. Aber "Roman" taucht erst kürzlich wieder in den Schlagzeilen auf - in der estnischen Presse (err). 45.000 Euro will die estnische Regierung für ein Denkmal bereitstellen. Da gilt es herauszufinden, welche Art Gedenken hier gemeint sein könnte.  
 
Als Kommandeur einer Teilgruppe der Weißen Armee, die im Russischen Bürgerkrieg (1918-22) gegen die Bolschewiki kämpften, besetzte "Roman" Anfang 1921 die Äußere Mongolei, woraufhin er vom Bogd Khan den Titel eines "Khan der Mongolei" verliehen bekam. Nach etwa sechs Monaten wurden seine Truppen von der Roten Armee zerschlagen. Ungern-Sternberg selbst wurde gefangen genommen - von seinen eigenen Leuten an die Rote Armee ausgeliefert - und nach kurzer Zeit hingerichtet.

Geschichten über seine Person werden demzufolge auch in der Mongolei diskutiert: früher mordender Antikommunist, neuerdings eher Bekämpfer der chinesischen Herrschaft? Starke Mythenbildung rund um seine Person - meint auch Mongolei online. Aber, wir lesen dort auch von unverhohlener Brutlalität seines Vorgehens. Der russische Schriftsteller Leonid Jusefowitsch bezeichnet Roman von Ungern-Sternberg als "Ideologen der Brutalität". 

Als Nikolaus Robert Maximilian am 10. Januar 1886 geboren, nannte sich der Sohn von Baronness Sophie von Wimpffen und ihres Mannes Baron Leonhard von Ungern-Sternberg später "Nikolai Roman Fjodorowitsch". Nachdem sich die Eltern scheiden ließen, blieb der Sohn bei der Mutter, und lebte nach deren zweiter Ehe mit Baron Hoyningen-Huene auf desse Gut Järvakanki (Järwakand). Schon als Schüler des Nikolaus-Gymnasiums Tallinn (damals Reval) soll er bekannt dafür gewesen sein, niemals irgendwelche Regeln zu akzeptieren: regelmäßig Schulbücher aus dem Fenster zu werfen, um dann, vorbei an seinen hilflosen Lehrern, den Büchern nachzurennen und nicht wieder zurück zu kommen, war da noch eine der harmlosesten Marotten (Wimpfen-Geschichte). Sein Stiefvater erbat dann seine Aufnahme in die Marineakademie St.Petersburg, wo er ebenfalls durch endlose Disziplinlosigkeiten auffiel. Er meldete sich dann freiwillig zur Russischen Armee (James Palmer: der blutige weiße Baron / die-andere-Bibliothek). 

Seit seinem Tod am 17. September 1921 in Nowosibirsk wurde dieser von den meisten eher gefürchtete Mensch schon vielfach zur Figur in Büchern. Mit unterschiedlicher Konotation: als paranoider Narzist, hemmungsloser Antisemit, entfesselter Warlord, heldenhafter Vorläufer des Führers Adolf Hitler, Dschingis Khan für ein halbes Jahr, oder doch eher eine Mischung aus Don Quichote und Iwan dem Schrecklichen? Warum aber will Estland so einer Person nun unbedingt ein Denkmal bauen?

Das beruht offenbar auf einer estnische Vereinigung mit dem Namen "Ungern Khan", sowie die "Sinine Äratus" (Blaues Erwachen), die der Partei EKRE nahesteht. Noch am 1. Dezember meldete der estnische Nachrichtenkanal ERR, die Partei würde die Errichtung eines Denkmals für Roman von Ungern-Sternberg finanziell unterstützen wollen. "Wir haben das Recht, Projekte zu unterstützen, die unseren Werten entsprechen", so Finanzminister und EKRE-Parteichef Martin Helme dazu. Einen Tag später erklärten die Vertreter von "Sinine Äratus" ihren Verzicht auf die Staatsgelder (err) - aber nicht auf das Denkmal. 
Wollen wir wirklich wissen, welcher estnische Bürgermeister (oder Bürgermeisterin) ein solches Denkmal gerne errichtet sehen will? Oder welche Organisationen in Deutschland dazu vielleicht applaudieren würden? Liebes Eestiland, wir hoffen, du bist noch nicht so tief gesunken, dass du solche zwielichtige "Helden" brauchst ...

Dienstag, März 20, 2007

Russland - Estland

In den letzten Wochen zieht das Ringen um die Deutungshoheit über den 2. Weltkrieg zwischen Estland und Russland weitere Kreise.
Der Guardian, eine der wichtigsten britischen Publikationen, veröffentlichte eine Stellungnahme des estnischen Botschafters in London mit heftigen Leser-Reaktionen im Kommentarteil. Via 'A Step At A Time': Replying to Propaganda.
Ein weitere Übersicht zum Verhältnis mit Russland wurde aus Tel Aviv gepostet. Paul Abelsky: Russian Diasporas Struggle to Integrate in Latvia and Estonia
Ein Auszug:
"Russia's understanding of history is to be blamed for the conflict situation," said Kadri Liik, director of the Tallinn-based International Center for Defense Studies.
"Russians are restoring something close to the Soviet interpretation of history, and they haven't yet understood basic things to bring them closer to Estonia. Most Russians think the USSR won the war thanks to Stalin, but he was an ally of Hitler, and maybe the great sacrifice in the war could have been a lot less without him."

After joining the EU and NATO in 2004, Estonia has not felt constrained to air its grievances, although it has found little overt support inside the European establishment. The burden of mending the ties between the two countries, according to Liik, is on Russia and its ability to reassess the Soviet past. "Estonia wants a constructive relationship and no one is setting any conditions," she said. "Moscow's reaction is so emotional because it feels we are invading their concept of history. The process of reconciliation should happen naturally. If Russia is unable to take a critical view of history, it is going to be a problem for its relations with the rest of the world."


Update: Ich habe gerade über Abelsky recherchiert, besser gesagt: gegoogelt. Der Post aus Tel Aviv sagt nicht viel aus. Abelsky arbeitet auch für RussiaProfile.org . Dort steht zu seinem Lebenslauf:
Paul Abelsky was born in Minsk, Belarus, and grew up in the Chicago area after immigrating to the United States in 1991. Educated in European history at Amherst College and Yale University, he has worked as a journalist in Russia since 2004.

Und der Artikel stammt ursprünglich von dieser Webseite.