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Dienstag, Mai 07, 2013

UEFA lobt Estlands Frauen

Stolz auf steigende Popularität des Fußballs
auch beim weiblichen Nachwuchs: Keith Boanes
und seine starken Frauen
Estlands erste Frauenfußball-Konferenz war kürzlich für den europäischen Dachverband UEFA Grund genug für ein Lob für die sportlichen estnischen Frauen. Der Frauenfußball sei "auf dem Weg nach oben", so verkündet es der Verband.
Europaweit gibt es insgesamt inzwischen 1,8 Millionen Fußballspielerinnen, in Estland wurden entsprechende Vereine erst in den 1990er Jahren gegründet. In den beiden obenen Ligen Estlands spielen insgesamt 15 Teams.

Schottisches Training, geizig nur bei Gegentoren
Als Keith Boanas 2009 von Schottland nach Estland zog um hier Frauenfußball-Nationaltrainer zu werden, musste er zunächst mit zwei 0:12 Niederlagen seines frisch formierten Eesti-Teams gegen Island und auch gegen Frankreich verkraften. Boanas hatte auch in England bereits Frauenfußball-Teams der Premiere-League trainiert und war auch Manager gewesen - beinahe hätten ihn die "Lincoln-Ladies" für 2013 auch erfolgreich mit einem neuen Vertrag locken können (siehe Bericht der BBC) - aber er entschied sich für Estland (ebenfalls BBC).Diese Gespräche zwischen England und Estland seien zumeist - typisch estnisch? - via Skype gelaufen, berichtet Boanas bei "Womensoccerunited". In Estland habe er Möglichkeiten die er in England nicht bekommen könne, und dabei sei Geld nicht das allein entscheidende gewesen.

Frauen und Fußball -inzwischen
in Estland auch ein zunehmend
interessantes Thema für eine
breitere Öffentlichkeit
Boanas schreibt auch ausführlich über seine Estland-Erfahrungen im britischen Frauenfußball-Portal "She kicks". Und wohl genauso regelmäßig machen sich die Soccer-Ladies der Insel Hoffnungen er könne zurückkehren.Auch in Estland würde bei denjenigen Klubs, die finanzielle Schwierigkeiten haben, oft zuerst am Frauenfußball gespart, berichtet er. Aber dennoch hätten es bereits drei estnische Fußballfrauen zu Verträgen in den USA, in Schweden und Italien gebracht.Aber immer noch sind es nur etwa 500 registrierte Frauenfußball-Spielerinnen in Estland, berichtet Boanas.
Obwohl es bei einer Trainertätigkeit in einem anderen Land einige der üblichen Schwierigkeiten gäbe - Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede - der Respekt und die Anerkennung seiner Arbeit in Estland beeindrucke ihn immer wieder. Die Spielerinnen seien immer bereit, vier- bis fünfmal die Woche zu trainieren - trotz aller Belastungen in der Schule oder bei der Arbeit. Mangel herrsche aber an gut ausgebildeten Trainer/innen. Auch qualitative Sportanlagen seien nicht immer vorhanden, und manche Eltern hätten noch Vorurteile wenn ihre Mädchen sich fürs Fußballspielen interessierten. 

Estnisches Frauen-Nationalteam vor
dem Spiel am 20.3. gegen Luxemburg (1:1)
Auch privat ist Boanas eng mit dem Frauenfußball verbunden: Pauline Cope, genannt "Copey", eine der bekanntesten weiblichen Fußballtorwarte auf der britischen Insel, spielte zwischen 1995 und 2004 fürs englische Nationalteam und ist heute seine Frau (Cope debütierte 1995 im Spiel gegen Deutschland in Bochum, als Silvia Neid noch selbst mitspielte und Birgit Prinz als junges Talent eingewechselt wurde und das Siegtor schoss).
In Estland ist die "Frau an seiner Seite" (Co-Trainerin) Katrin Kaarna, die als eine der ersten Estinnen die Trainer-A-Lizenz im Frauenfußball erreichte. Mit Anne Rei gibt es im Fußballverband EJL inzwischen auch eine weibliche Generalsekretärin. Inzwischen ist die Anzahl der estnischen Fußballerinnen bereits auf 800 angestiegen und der Verband hofft bald die 1.000-Grenze zu übersteigen.
Und sportlich? Schon 2010 gab es erste überraschende Erfolge: Nord-Irland wurde geschlagen, Kroatien sogar auswärts, und die Niederlagen gegen Frankreich mit 0:6 "halbierten" sich sozusagen. Das estnische Nationalteam nimmt heute zumindest für sich in Anspruch, das beste Frauenfußballteam der baltischen Staaten zu sein - am 30.März wurde Lettland in Riga 5:3 besiegt.

Webseite Estnisches Nationalteam Frauen / UEFA-Bericht zur Frauenfußball-Konferenz

Donnerstag, Oktober 27, 2011

Erotisches Kapital gesichtet - in Estland

Nein, dies ist kein Börsenbericht, und hat nichts mit Strategien zur Rettung des Euro zu tun. Es geht auch nicht um eine Variante der Berlusconi-Affären, und erst Recht nicht um philosophische Betrachtungen über den Reiz des Geldes an sich. Vielmehr hat Roland Mischke, Autor bei "Die Welt", Betrachtungen darüber aufgeschrieben, wie "erotisches Kapital" eingesetzt werden kann. Und wo hat er diese Eigenschaften gefunden? Im Fokus stehen bei ihm weder leicht bekleidete Italienerinnen oder Spanierinnen, sondern an erster Stelle stehen offenbar Frauen aus Estland.


Einblicke ins
"erotische Kapital" -
jetzt neu in
deutschen
Medien
Wo dem Autor Estinnen mit ebensolchen Eigenschaften begegnet sind, bleibt aber leider etwas unklar. Weder die Illustration zum Beitrag zeigt eine Estin, noch die persönliche Erinnerung scheint zuverlässig. "Als sie das erste Mal zwischen unseren drei Schreibtischen stand, blond bis zu den Hüften und mit so strahlend blauen Augen, wie wir Bürostubenhocker sie bisher nur beim vorbeischnürenden Husky des Nachbarn bestaunt hatten, rückte sie sofort in den Mittelpunkt." Nun gibt es auch schwarzhaarige Mädchen in Estland, und auch Huskys sind dort nicht jedermanns Haushund. Estland wird es egal sein: irgendwie Eindruck scheinen estnische Frauen schon gemacht zu haben bei Mischke: "Wir Bürogemeinschaftler wollten nur noch wissen, wann sie anfing."

Soweit, so gut. Nun aber meint Mischke seine estnischen Assoziationen gleichsetzen zu müssen mit dem Buch „Erotisches Kapital“ von Catherine Hakim, eine Art "Ratgeber für Frauen, die stilvoll Karriere machen wollen".Das weist auf einen weiteren Beitrag in der WELT hin, ein Interview mit Elisabeth Bonneau, der so stilvolle Fragen gestellt werden wie "Ist Schönheit hilfreich oder hinderlich für den Erfolg?".Immerhin weist die Antwort dort darauf hin, dass sich auch Estinnen nie die Nase operieren lassen sollten - Einheit von innen und außen reicht, meint die weibliche Expertin (auch wenn sie dabei nur Goethe zitiert, und nicht den Kalevipoeg). "Kleidung ist weniger wichtig als Mimik", erzählt Frau Bonneau bereitwillig - womit immerhin nicht behauptet wird, Estinnen seien schlecht gekleidet. In Mischkes männlichen Beschreibung seiner estnischen Frauenträume kommt immerhin vor, dass die estnische Bewerberin "langsam ihren Mantel aufknöpft". Und nach ein paar aus verschiedenen Büchern gepflückten Zitate wie "Schöne Frauen verdienen 20% mehr" geht es noch weiter: "Wir Bürohengste, zwei davon mit hohem IQ, waren von Maarja betört. Am ersten Tag räumte sie um, am zweiten besaß sie die Hoheit über Kaffeemaschine und Kücheneck, am dritten orderte sie Büromöbel auf unsere Rechnung. Sie war präsent, schaute, redete, handelte. Staunend ließen wir sie gewähren." 

Was haben wir nach Lektüre dieses Beitrag über Estland gelernt? Wir wissen nicht, ob es die vom Autor beschriebenen Frauen überhaupt gab, oder ob es eher als Rechtfertigung dafür dienen soll, dass hier ein Mann Aussagen macht über Ratgeber für Frauen. Zumindest eines scheint klar, besonders für zukünftige Praktikantinnen in der Redaktion der "Welt": wer geschickt auftritt, und noch dazu behauptet aus Estland zu kommen, kann es dort offenbar weit bringen ...
Anmerkung eines Online-Lesers zum Beitrag: "Eine Frau die wirklich über 'erotisches Kapital' verfügt, zeigt es, aber sie gibt es nicht aus!"

Freitag, April 02, 2010

Nordisch geadelt mit estnischen Themen: Sofi Oksanen


Die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen wird den Nordischen Literaturpreis des Jahres 2010 erhalten. Ausgezeichnet wird ihr Werk "Puhistus" ("Reinigung"). In der Begründung der Jury heißt es, Sofie Oksanen verknüpfe historische Ereignisse aus der Zeit der sowjetischen Okkupation in Estland mit einem brennenden weltweit aktuellen Themen, dem Problem des Menschen(Frauen-)handels. Sofi Oksanens Mutter stammt aus Estland, der Vater ist Finne. Aufgewachsen ist sie in Jyväskylä in Finnland und wohnt jetzt in Helsinki. Sie schrieb bisher drei Romane, die zwei vorangehenden heißen "Stalins Kühe" und "Baby Jane". "Puhistus" wird auch als Schauspiel an Finnlands Nationaltheater aufgeführt. Dieses Stück war eingeladen zum BERLINER STÜCKEMARKT 2009 und hieß dort in deutscher Übersetzung "Fegefeuer".Auch beim Festival des finnischen Theaters in Rostock wurde das Stück 2009 aufgeführt.Finnischen Quellen zufolge soll "Puhistus" nun sogar Grundlage für eine Oper werden, die Uraufführung soll für Februar 2011 geplant sein.

Was bedeutet aber der Nordische Literaturpreis in Deutschland? Kurzfristig offenbar wenig. Während in Skandinavien die Kulturseiten in diesem Tagen überquellen mit Berichten über Oksanen und ihr Werk, hat die nordeuropäische Kultur in diesen Tagen des langsam aufkommenden lange herbeigesehnten Frühlings offenbar wenig Freund/innen. Na gut, der Preis wird erst im November verliehen, aber ist das ein Grund, warum nicht einmal die Nachricht über die Verleihung Platz in den deutschen Medien findet? Bisher war nur eine kurze Meldung in der Süddeutsche Zeitung zu finden. Eine Kurznachricht findet sich immerhin noch bei der Berliner Literaturkritik und der Märkischen Oderzeitung.  Oder wir suchen noch weiter südlich, "Nachrichten.ch" ist es eine Meldung wert, ebenso in der Südostschweiz, den "Salzburger Nachrichten" oder dem "Standard". Auch das "Liechtensteiner Vaterland" druckt noch die Agenturmeldung ab. Die großen deutschen Feuilletons bereiten sich noch die großen Sonderseiten vor, oder? Bis November wäre noch Zeit. 

Ebenso Zeit wäre für Buchübersetzungen. Keiner der drei Romane von Sofi Oksanen ist bisher ins Deutsche übersetzt. Aber siehe da: Kiepenheuer & Witsch kündigt das Buch unter dem Titel "Fegefeuer" bereits für Herbst 2010 an, in Übersetzung von Angela Plöger.

mehr zum Inhalt von "Puhistus" bei World Literature Forum (engl.)
Beitrag zum Buch in Helsingin Sanomat (engl.)
Informationen zu Sofi Oksanen bei WSOY (engl./finnisch)
Beitrag zu Sofi Oksanen bei NRK (norwegisches Radio)
Beitrag in AFTONPOSTEN (Norwegen)
Beitrag bei "Information.dk" (dänisch)
Eesti Päevaleht (estn.)
ATN (Litauisch)
ausführlicher Beitrag in POLITIKEN (dänisch)
Mitteilung "Kiepenheuer & Witsch" zur Neuerscheinung "Fegefeuer" 
Finn-land.net (deutsch)
Kritik zum Theaterstück "Fegefeuer" bei NACHTKRITIK
Maimu Berg zu Sofi Oksanen (Eesti Päevaleht, estn.)
Sofi Oksanen im Interview mit PÄRNU POSTIMEES (2009, estn.)

Donnerstag, November 05, 2009

Sing, Taarka, sing!

"Der erste Film in der Sprache der Seto," so war "TAARKA" angekündigt, der 2008 in Tartu uraufgeführt wurde und inzwischen - mit viel Glück - ab und zu auch auf internationalen Festivals zu sehen ist. Interessierte Filmfans seien vorgewarnt: denjenigen, die diesen Film gesehen und erlebt hat, bleiben nachher mehr Fragen als vorher.

TAARKA ist kein "Dokumentarfilm" in dem Sinne, dass ein Sprecher mit sonorer Stimme aus dem Hintergrund Situationen und geschichtliche Zusammenhänge erklärt. Die Geschichte der Darja Pisumaa (so die Seto-Sängerin Hilana Taarka mit bürgerlichem, estnischem Namen) wird zwar erzählt, indem einzelne Sequenzen auch geschichtliche Daten einblenden und sich darauf beziehen. 1856 geboren und 1933 gestorben stellt "Taarka" sowohl für die Seto-Kultur (dessen Angehörige im Deutschen auch "Setukesen" genannt werden) als auch als Figur einer "starken Frau" einen Mythos dar.

Vielleicht hat ein Film dann einen Sinn, wenn den Zuschauern auch nachher noch Bilder und Eindrücke im Gedächtnis bleiben. Wie die junge Taarka in einem Tümpel Kontakt zu einer Kröte sucht, wie sie am Rande eines Dorffestes ihre erste Romanze mit einem Dorfjungen erlebt. Oder wie sie später gemeinsam mit ihrer Tochter zu Hochzeiten oder anderen Festlichkeiten ins Dorf kommt und den Widerwillen vor allem der Frauen des Dorfes ihr gegenüber zu überspielen versucht. Oder die Kette, das letzte Stück Schmuck was der jungen Frau blieb, die dann im herunterhängenden Zweig eines Baumes hängen bleibt und später, viel später von der eigenen Tochter wiedergefunden wird. Oder vielleicht wie eine kleine Gruppe Seto-Frauen in Festtracht auf einem unendlich klein scheinenden hölzernen Schiff hinüber nach Helsinki gebracht werden, um vor einer erlesenen finnischen Zuhörerschar am Ende dem finnischen Präsident (und striktem Antialkoholiker) eine Flasche Schnaps als "Liederöl" zu empfehlen.

Wie nah liegen Geburt und Tod, Schicksal und Glück, Ehre und Schande beieinander in diesem Film! Ein Kind wird gezeugt, aber nur eine kurze Szene lang darf deutlich werden, dass die junge Taarka es nicht ernähren wird können, und der Kindsvater Abstand nimmt. Schon in der nächsten Szene wird es begraben. Viele andere Szenen im Film geben vor allem den schweren Dorfalltag aus der Sicht der Frauen wieder - nicht nur der Alltag ist schwer, auch die Eskapaden und Anmaßungen der Männer müssen erduldet und erlitten werden.

Eine meiner Lieblingsszenen: die Ankunft der "finnischen Wissenschaftler" im Seto-Dorf. "Ich werde sie erforschen!" Eine junge blonde Frau mit hoch gesteckten Haaren tänzelt nervös zwischen den Dorfbewohnern umher (in Hosen!). Ihr Wissenschafts-Kollege, ausgerüstet mit vielen neuartigen Meßinstrumenten und Aufnahmegeräten, ihm scheint es wohl zu gelingen, einer Frau wie Taarka endlich mehr Geltung zu verschaffen im Dorf. Aber da lebt die Seto-Sängerin schon abgeschieden außerhalb (im Moor?). Sie gewinnt den Wettstreit mit den anderen: es bedarf nicht nur stundenlangen Singens, nein vor allem sind die angereisten Ethnologen an in Gedichtzeilen gefasste Beschreibungen des Alltagslebens der Seto interessiert. Und in diesen Disziplinen ist Taarka unschlagbar. 
Eindrucksvolle Schauspieler, die Kameraführung und die Einstellungen, auch die Filmmusik tragen dazu bei, dass dieser Film ein paar Bilder im Kopf hinterlässt. "Sing, Taarka, sing" diese Aufforderung bedeutete in vielen Phasen ihres Lebens für die eigentliche historische Figur und Filmheldin die einzige Möglichkeit auch für ihr Überleben zu sorgen. Denn mit ihrer direkten Art, ihrer Suche nach echtem Gefühl, nach Liebe und Lebenslust, war sie alles andere als geschaffen für ein abgeschiedenes Dörflerinnenleben. Am Ende wird klar: Ich habe es geschafft, mein Leben. Wenn dieses möglich ist, wie blass wird da vieles andere angeblich Unmögliche?


Mehr Info zum Film




Mittwoch, Dezember 10, 2008

Nicht zu fassen! Unglaublich Lebensrealität oder Phantasie und Fake?

Die Erwähnung des Estland-Blog-Posts über estnische Frauen im Postsozialismus im Emma-Forum führte zur Entdeckung eines dort erwähnten Interviews mit einer jungen Prostituierten unter dem Titel “Nur eine dumme Frau hat Sex ohne Bezahlung", das die estnische Zeitung Eesti Ekspress bereits am 17. Juli dieses Jahres veröffentlichte.

Eesti Ekspress ist eine während Glasnost und Perestroika entstandene unabhängige Wochenzeitung, die zwar viele Texte eines seriösen Journalismus publiziert, aber gleichzeitig auch ein Boulevardblatt ist.

Die Antworten des jungen Mädchens sind, wie der Titel bereits vermuten läßt, dermaßen haarsträubend, daß auch unter den Leserkommentaren das Wort “Fake” auftaucht und zahlreiche Zweifel angemeldet werden, ob sich diese nicht ein Journalist ausgedacht haben könnte.

Das Interview ist für eine komplette Übersetzung zu lang. Aber hier einige Kostproben dessen, was Jelena angeblich gesagt hat. So weit vulgäres Vokabular verwendet wird, handelt es sich um eine Übersetzung.

Die Beantwortung der Fragen, wann sie das erste Mal und unter welchen Umständen Geschlechtsverkehr hatte, möge im Original lesen, wer des Estnischen mächtig ist. Dies ist nur mit Vergewaltigung, Kindesmißbrauch und Zwangsprostitution zu umschreiben.

Jelenas Grundlebenseinstellung ist, daß Frauen nicht arbeiten müssen, sondern Männer sich um ihren Lebensunterhalt zu kümmern haben. Dafür bezahlen die Frauen: natürlich mit Sex. Und deshalb sei jede Frau eine Nutte.

Sex, erklärt Jelena, sei eine Sache, die für Männer gedacht ist, auf die Frage, ob sie je auch sexuelle Befriedigung erlebt habe. Manchmal verlangten die Kunden von ihr widerliche Dinge, aber alles sei eine Frage des Preises. Ältere Männer ab 40 lehnten Kondome ab, das sei auch kein Problem.

Damit drängt sich die Frage nach sexuell übertragbaren Krankheiten auf. Ja, solche habe sie schon gehabt, könne sich aber wegen der komplizierten langen Namen nicht mehr konkret erinnern. Einmal sei sie dumm genug gewesen, einem HIV-Test zuzustimmen, und anschließend habe man ihr erklärt, sie sei infiziert, so Jelena.

Die Konsequenz? Sie werde eben jetzt nicht mehr zur Untersuchung gehen. HIV sei keine Krankheit, sie fühle sich absolute wohl und kenne andere Mädchen, die ebenfalls angeblich infiziert, aber in Wahrheit kerngesund seien. – Richtig, HIV ist auch keine Krankheit, sondern ein Erreger.

Wie ist es zu diesem Lebenwandel gekommen, daß Jelena noch nie einer Arbeit nachgegangen ist? Ihre Mutter habe auch nie gearbeitet, sondern als Prostituierte gearbeitet, aber jetzt sei sie alt. Hätte sie ihr früher Klienten zugeführt, kümmert jetzt mitunter sie sich um ihre Mutter, wenn Kunden ältere Frauen wünschen.

Wie stellt sie sich ihre Zukunft vor? Nur in den rosigsten Farben. Sie werde einen reichen und gut aussehenden Ausländer kennenlernen, einen Amerikaner und in die neue Welt übersiedeln. Dort lebten die Menschen in Villen.

Kinder wolle sie freilich nicht. Eine Tochter würde nur wieder eine Nutte, ein Sohn könnte immerhin Sportler oder Schauspieler werden.

Jelena ist angeblich JETZT 17 Jahre alt.

Dienstag, Dezember 02, 2008

Estnische Frauen im Postsozialismus

Die vermeintlich weibliche Gesellschaft, ihre Formen, Ursachen und Fakten für das Beispiel Lettland wurden im Blog auf Deutsch und in der lettischen Tageszeitung Diena bereits diskutiert. Über die sozialen Folgen wird auch in der estnischen Presse berichtet: mit welchen Fragen werden heute im Ausland lebene Frauen konfrontiert und wie leben jene in Estland verbliebenen. Internationale Konflikte nach Trennungen bleiben ebenfalls nicht aus.

Aber zunächst einige Hintergründe.

Gesellschaftliche Realität im Sozialismus
Die Wirtschaft während er sowjetischen Zeit war weniger auf Dienstleistungen als auf Produktion ausgerichtet und diese war im Vergleich mit dem Westen wenig technisiert und deshalb eine arbeitsintensive. Da wenigstens ideologisch die Gleichstellung der Frau propagiert wurde, waren diese auch in Berufen beschäftigt, wo sie in westeuropäischen Gesellschaften kaum zu finden sind. Das fällt auch nach der Wende ausländischen Beobachtern meist schnell auf: Trolleybusse und Straßenbahnen werden überwiegend von Frauen gefahren.

Aber nicht nur darin unterscheidet sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Wegen der offiziellen und faktischen Gleichstellung, aber auch wegen der diktatorischen Herrschaft, die staatsbürgerliches Engagement nicht erlaubte, gab es in der Sowjetunion nie eine Frauenbewegung. Entgegen der bedeuteten Rolle der Frauen im Wirtschaftsbetrieb und oftmals als Manager ihrer Familie, hat sich ein archaisches Rollenbild der Geschlechter erhalten. Auch dies bemerken Ausländer schnell, daß die Damen im Alltag so viel wert auf ihr Äußeres legen wie in westlichen Gesellschaften nur zu bedeutenderen Anlässen. Bei längerer Beobachtung wird schnell deutlich, daß für die Frauen angesichts des männlichen Rollenverständnis die Verbindung von Beruf und Haushaltsführung der Normalfall ist.

Dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte eine Wirtschaftskrise und sozialer Niedergang, aber er brachte ebenso die Unabhängigkeit und neue Möglichkeiten.

Ausland und Ausländer als Ausweg?
Nach der Unabhängigkeit suchten viele Frauen ihr Heil in einer Verbindung mit einem westlichen Ausländer, zunächst häufig Finnen. Diese bilden allein wegen der geographischen Nähe den größten Anteil der touristisch oder geschäftlich in Estland reisenden Westler. Und dank der Empfangsmöglichkeit des finnischen Fernsehens schon während der Sowjetzeit war den meisten Esten diese eng verwandte Sprache geläufig. Die Attraktivität eines finnischen Partners minderte später der schlechte Ruf dieser Nation. Zu viele Finnen besuchten Estland vorwiegend wegen des günstigen Alkohols. Außerdem kamen als alternative Klientel Besucher zunehmend aus anderen westeuropäischen Staaten und aus Übersee.

Die Verbindung mit einem Ausländer bedeutet für die Frauen meistens früher oder später die dauerhafte Übersiedlung in ein anderes Land, denn die wenigsten Fremden übersiedeln auf Dauer nach Estland. Sie besuchen das Land meist nur zu Terminen oder leben als Vertreter ausländischer Firmen und Organisationen nur für einige Jahre an einem Einsatzort, um anschließend wieder versetzt zu werden. Für Vertreterinnen einer Nation, die gerade erst ihre Unabhängigkeit wiedergewonnen hat, ein schwerer Schritt, der mit dem Wechsel in eine andere Sprache einhergeht, denn das Estnische erlernen die wenigsten Ausländer. Trotzdem sind sie für einheimische Frauen eine so attraktive Partie, daß selten ein zeitweise nach Estland übersiedelter Ausländer lange alleinstehend bleibt. Keine Einheimische zur Frau nehmen meist nur jene, die bereits verheiratet sind.

Traditionelles Denken und Erhalt der Tradition
Ein Bestandteil des traditionellen Rollenverständnis ist der Kinderwunsch. Und damit wird der Erhalt der Muttersprache im Ausland und die Weitergabe an den eigenen Nachwuchs zum Thema. Viele im Ausland verheiratete Frauen lesen ihren Kindern vor, hören gemeinsam Kassetten und schauen Filme. Nichtsdestotrotz ist zu beobachten, wie die Kinder auf dem Weg zur Schule, so wird ein Beispiel aus New York beschrieben, die ersten Blocks noch mit Mama Estnisch sprechen, aber zehn Minuten später dann doch ins Englische wechseln. Eine mit einem deutschen verheiratete Estin, die mittlerweile in die USA umgezogen ist, mußte sich von ihrem elfjährigen Sohn fragen lassen, warum er in einer Sprache reden solle, die keiner seiner Freunde verstünde. Die Mutter antwortete ihm mit der Gegenfrage, wie er sonst mit seiner Großmutter kommunizieren wolle. Besonders schwierig wird es nach einhelliger Erfahrung, sobald die Kinder die Schule besuchen. Dann tritt die im Lande nicht gesprochene Muttersprache des einen Elternteils in den Hintergrund.

Das Rezept einiger Mütter dagegen ist, sich taub zu stellen. Ansonsten, so argumentieren sie, lernen die Kinder die Sprache nur passiv, verstehen sie, aber antworten doch in der anderen Sprache. Nicht immer ist dieses Vorgehen erfolgreich, weil manche Kinder darauf mit Trotz reagieren.

Aber manche Frauen berichten auch über innerfamiliäre Konflikte. Väter und Schwiegereltern fühlen sich mitunter ausgegrenzt, wenn Mutter und Kinder in ihrer Gegenwart in einer für sie unverständlichen Sprache kommunizieren. In manchen Familien ist der Gebrauch der Muttersprache der Mutter darum sogar verboten. Doch auch wenn es gelingt, die Muttersprache an die eigenen Kinder weiterzugeben, wird es in der dritten Generation zunehmend schwierig.

Traditionelles Denken und sowjetische Traditionen
Doch nicht alle Frauen können sich aus Patriotismus vorstellen, die Ehe mit einem Ausländer einzugehen und ihre Heimat zu verlassen. Einigen ist es vielleicht auch nicht gelungen, den entsprechenden Partner zu finden. So gab es gerade in den ersten Jahren nach dem Umbruch leider auch tragische Geschichten von Frauen, die ihr Geld in der Prostitution verdienten und sich dabei etwa mit AIDS infizierten. Sextourismus ist inzwischen vor allem auch im benachbarten Lettland ein Thema.

Neben den üblichen Gründen, sich diesem Risiko auszusetzen, wirkt hier ein vom Westen grundlegend abweichender Umgang mit Sexualität während der Sowjetzeit nach, der sich in der postsozialistischen Gesellschaft noch heute in einer über dem europäischen Durchschnitt liegenden Zahl von Abtreibungen wie auch im sozialen Profil der Patientinnen manifestiert. Während in westlichen Staaten die wenigstens Abtreibungen von Frauen gewünscht werden, die Familien haben und über 40 Jahre alt sind, sei es in Estland genau umgekehrt, so die Gynäkologin Kai Haldre. 71,4% der Frauen haben bereits wenigstens ein Kind und für 60,3% ist es nicht die erste Abtreibung. Das durchschnittliche Alter der Frauen beträgt 28,3 Jahre. Sie verfügen zumeist die über eine dem deutschen Realschulabschluß vergleichbare teils auch berufsspezifische Mittelschulbildung. Der Anteil mit Hochschulbildung ist seit 2001 von 9,5 auf 14,3% gestiegen. Die Frauen sind zu 57% berufstätig und leben zu 57% in einer festen Beziehung oder sind verheiratet. Sehr viele Patienten wollten irgendwann später noch einmal Kinder, so Heldre und erklärt dieses Verhalten mit fehlendem Vertrauen in Verhütungsmittel.

Ursächlich für diese beinahe als Ignoranz gegenüber der eigenen Gesundheit zu bezeichnende Haltung wie auch die Abwesenheit im Westen regelmäßig diskutierter moralischer Bedenken ist die Sowjetzeit. Im Gegenteil zu vielen westlichen Ländern, wo Abtreibungen erst in den 70er Jahren legalisiert wurden, wurden Abtreibungen hier ähnlich wie in anderen sozialistischen Bruderstaaten nicht besonders eingeschränkt. Die Zugänglichkeit von Verhütungsmitteln war es hingegen wohl, entsprechende Präparate geradezu verboten, wie Haldre sich ausdrückt. In den postsozialistischen Ländern wurden sie erst in den 90er Jahren verbreitet. Auch eine Sexualerziehung auf westlichem Niveau fehlte in der Sowjetzeit.

So ist es für Haldre nicht Ungewöhnliches, wenn eine Patientin in ihrer Praxis angibt, ihre Mutter habe gesagt, daß Verhütungstabletten gesundheitsschädigender seien als eine Abtreibung. Noch verbreiteter sind zweifelhafte Verhütungsmethoden. So haben nach eigenen Angaben 57,4% der Patientinnen, die eine Abtreibung wünschten, zwar in irgendeiner Form zu verhütet versucht, von denen sich 34,9% nur auf die Unterbrechung des Beischlafes verließen.

Derart unsichere Methoden sind in Estland, wie Haldre bedauert ganz im Gegenteil zu den nordischen Ländern, mit denen Estlands politische Elite sich gerne assoziiert, um sich von Osteuropa oder dem postsozialistischen Raum zu distanzieren, verbreitet. Die Ärztin ist sich unsicher, was in den Praxen, aber auch in den Köpfen der Betroffenen vorgeht, wenn weniger als ein Viertel der Frauen vor und nach der Wunschäußerung, eine Abtreibung vorzunehmen, sich mit Verhütung beschäftigen.

Als Gründe für die Abtreibung geben 37,2% der Frauen wirtschaftliche Probleme an, 23% vertrauen der Zukunft ihrer Partnerschaften nicht, respektive 11,9% möchten kein Kind von dem biologischen Vater. 17% beklagen eine zu kleine Wohnung und 16% wollen ihre Ausbildung erst beenden. Die Bereitschaft zur Erziehung fehlt 16,8% der Frauen und 11,1% sehen sich generell nicht als Mutter. 10,4% der Frauen möchten die Alleinerziehung vermeiden. 8% fühlen sich zu jung und ebenso viele berichten über einen entsprechenden Druck der Eltern. Ihre Arbeitsumstände sehen 5,7% als Problem, fehlende Unterstützung 3,5%, und 3,4% geben an, nicht genügend Zeit für ein Kind zu haben.

Die geographische Verteilung zeigt ein eindeutiges Bild. 2007 gab es auf 100 Geburten 101,2 Abtreibungen im nordöstlichen Landkreis Ida-Virumaa, wo vorwiegend russischstämmige Menschen leben und die wirtschaftliche Situation wenigstens als problematisch bezeichnet werden muß. 82,2 davon wurden auf Wunsch der Frau vorgenommen. Noch 1996, als die soziale Lage komplizierter war, kamen sogar 207,7 Abtreibungen auf 100 Geburten, davon 188,8 auf Wunsch der Frau. Der estnische Durchschnitt beträgt 70,5, davon 56,3 auf eigenen Wunsch. Der Unterschied zwischen Stadt und Land verschwindet, wenn auch die niedrigste Rate mit 28,8 auf der zweitgrößten Insel Hiiumaa verzeichnet wurde.

Nichtsdestotrotz wurden 2007 mit 8.900 so wenig Abtreibungen verzeichnet wie nie vorher seit der Unabhängigkeit. 1992 waren es 25.803 in einem Land mit damals etwa 1,5 Millionen Einwohnern.

Zurück in die Zukunft?
Und es gibt noch eine dritte Gruppe. Frauen, die tatsächlich ins Ausland gezogen sind, dort eine Familie gegründet, sich später aber wieder von ihrem Partner getrennt haben. Je nachdem, an welchem Ort sich die Kinder zu diesem Zeiptunkt befinden, entwickeln sich die Konflikte über das Sorgerecht und den Aufenthaltsort des Kindes wie auch die Rechte des anderen Elternteils, so berichtet die Referentin für internationale Rechtshilfe des Justizministeriums, Marju Kern.

Mitunter eskaliert der Streit so weit, daß ein Kind sogar von einem Elternteil entführt wird. Kern berichtet von dem Fall eines Norwegers, der sein Kind von der in Pärnu lebenden einfach mit in die Heimat nahm. Während die Mutter ihren Ex-Partner der Vergwaltigung, des Kontrollwahns und noch schlimmerer Verbrechen beschuldigte, versuchte der Vater die glücklichen Lebensumstände des Kindes mit einem Video zu beweisen. Darüber berichteten die Medien in der Sendung Pealtnägija. Während sich die norwegischen Behörden hinter ihren Staatsbürger stellten, unterstützten die estnischen die Mutter. Nach Kerns Aussagen hilft der Gang in die Öffentlichkeit überhaupt nicht, denn die Behörden im Ausland interessieren sich nicht für die Darstellung der Medien in Estland.

Wenn ein Kind in ein anderes Land gebracht wird, bevor sich die Eltern über das Sorgerecht geeinigt haben, dann wird per Gericht die Rückführung in das ursprüngliche Aufenthaltsland beschlossen, wo sich das dortige Gericht mit der Frage befaßt. So etwas kann, so Kern, zwei bis vier Jahre dauern. Sie empfiehlt deshalb, vor einem endgültigen Urteil das Kind eben nicht in ein anderes Land zu bringen, denn per Gerichtsbeschluß die Kinder von einem ins andere Land hin und her zu überführen, sei alles andere als eine angenehme Angelegenheit.

Da nach Kern allein die estnische Staatsbürgerschaft des Kindes als Grund nicht ausreicht, daß es künftig in Estland lebt, bedeutet im Klartext, daß juristisch gesehen die Hoffnung einer im Ausland lebenden Estin, nach der Trennung vom Partner mitsamt Kind in die Heimat zurückzukehren eher gering ist. Andererseits, so Kern, verliert im Laufe der Zeit und über Gerichtsprozesse mitunter auch ein Elternteil die Lust daran, diese Prozedur bis zum Ende auszufechten.

Mittwoch, Oktober 22, 2008

Frauen in Estland: Funsport oder lustiges Landleben?

Als deutschsprachiger Mensch und Estland-Freund ist es immer interessant mitzuverfolgen, welches Bild sich in den deutschsprachigen Medien wiederspiegelt. Da fallen in dieser Woche zwei Beiträge auf, die Frauen aus und in Estland zum Thema haben.

Da ist einerseits Evelin Ilves. "SCC-Running" interviewt sie als teilnehmende Inline-Skaterin beim Berlin-Marathon 2008. Das steht wohl unter dem Motto "Coole Präsidentin haben diese Esten (und Estinnen)"...

Interessant die Begründung zur Frage, wie denn die Bedingungen zum Inline-Skaten in Estland ausfallen: "
Jede neue Straße in Estland muss einen Fahrradweg haben, daher sind die Bedingungen besser als in vielen anderen Ländern." - Nun, sehr vereehrte Frau Ilves, das ist Europarecht (das mit den neuen Straßen und den dazu zu bauenden Radwegen!). Aber können Sie uns erstens verraten, ob Sie nun etwa auf den Radwegen skaten (ist das in Estland erlaubt? oder wegen nur wenigen Radfahrer/innen möglich?), und zweitens, warum denn die anderen EU-Länder (etwa die Nachbarländer Lettland und Litauen) nicht auch diese Gesetze gleichermaßen umsetzen?

Andere Aspekte zum Thema "Frauen in Estland" sind bei Agrar-heute nachzulesen. Dass die angeblich positive Entwicklung in der estnischen Landwirtschaft immer nur in Form von kurzfristigen Statistiken gemessen wird (nicht etwa von 1990 an gerechnet oder damit verglichen!), das sind wir ja schon gewohnt. Hier aber steht unkommentiert, dass 37% der 12.700 Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe in Estland Frauen seien. "Frauen spielen eine wichtige Rolle", steht da zu lesen. Als Geringverdiener, als landwirtschaftliche Zuerwerbsbetriebe (40% aller Betriebe haben zusätzlich eine außerlandwirtschaftliche Tätigkeit), als Alleinerziehende, als Öko-Bäuerinnen, oder als Liebhaberinnen des Landlebens? Vielleicht steht das ja mal woanders nachzulesen.

Montag, Januar 28, 2008

Estnisches

Nicht mehr nur als Land des E-Voting und der verbreiteten Internetnutzung findet Estland in der deutschen Presse Erwähnung. Hier einige Beispiele der vergangenen Woche.

"Anna-Lena kommt von Estland nicht mehr los", schrieb das "Wiesbadener Tagblatt" am vergangenen Samstag. 11 Monate lang leistete eine 21-jährige Chemiestudentin aus dem Rheingau in einer estnischen Einrichtung für geistig Behinderte Freiwilligendienst, und die heimische Presse berichtet darüber. "Wie herzlich die Menschen zu mir waren, auch wenn ich mich nicht verständigen konnte, wie selbstverständlich ich in ihre Gemeinschaft aufgenommen wurde, das werde ich nie vergessen," so zitiert sie die Presse. Jedenfalls wurden in den vergangenen Monaten über Erfahrungen in Estland viele Berichte geschrieben - von den Printmedien bis zu persönlichen Blogs.

In Estland verdienen Frauen wenig - eine erstaunliche Feststellung? Mehrere Medien berichteten über entsprechende Studien und einen Bericht der EU-Kommission. Danach soll der Arbeitslohn in Estland für Frauen um 25% niedriger ausfallen als für Männer. Der EU-weite Schnitt liegt bei 15%, für Deutschland werden 22% ausgewiesen. Ebenfalls interessant: EU-weit sind 32,6% aller Managerstellen mit Frauen besetzt, in Deutschland sind es 27,4%. Hier liegen Estlands südliche Nachbarn Lettland und Litauen vorn: 40% weibliche Manager!

Allergieresistenz ist der Gegenstand von Forschungen schwedischer Wissenschaftler. Menschen in Estland haben sie, bei Menschen in Schweden steigen die Allergien jedoch immer weiter. Warum? Über entsprechenden Fragestellungen berichtet der "Technology Review" bei HEISE.DE. Vorläufige Hypothese: Allergien steigen bei einem weitgehend sterilen Lebensstil an. Um eines braucht man sich also offenbar in Estland keine Sorgen zu machen: um ein funktionierendes Immunsystem.

Was sonst noch? Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Estland hat eine Botschaft in der virtuellen Welt "Second Life" eröffnet. Das entspricht dann doch wieder dem Klischee - oder dem virtuellen Wunschbild, wo doch auch schon manches andere garstige Filmchen im Internet zu bewundern ist, wo Estland nicht so gut wegkommt. Das können die amtlichen estnischen Stellen nicht so stehen lassen. Und nicht nur das: der reale Botschafter Margus Laidre hielt in der virtuellen Botschaft eine reale Vorlesung. Und teilte sie danach per Presseerklärung der realen Jounalistenwelt mit - falls jemand im "zweiten Leben" keine Aktien drin hat. Thema des Vortrags: "Erinnerung an die Zukunft". An Erich von Däniken und seine landenden Marsmännchen dachte er dabei wohl nicht - aber vielleicht fühlen sich die Esten außerhalb Estland schon manchmal ein wenig zu (virtuell) abgedreht. Ein Satz aus Laidres Vortrag:
"For small countries it is crucial to be visible in the everchanging world." Nur virtuell nicht mit real sichtbar verwechseln, das könnte vielleicht helfen - so "everchangable" die Welt in diesem klimagewärmten Januar 2008 auch ist.

Infos:
Bericht zu berufstätigen Frauen bei AFP

Bericht zu berufstätigen Frauen bei FOCUS-online

Bericht Wiesbadener Tagblatt

Bericht über Allergieforschung in Schweden

Margus Laidres Vortrag bei "Second Life" (offizieller Text)

Donnerstag, Januar 03, 2008

Ein Schriftstellerkollege - eine Außenansicht Estlands

Wie Jens Olaf schon richtig bemerkte, führten die historischen Themen in den Büchern von Jaan Kross vor allem auch Menschen mit deutschbaltischen Bezügen zu einer Auseinandersetzung mit dem Autor. Einige der Bücher von Kross erschienen gerade Anfang der 90er Jahre, als auch Begegnung und Austausch mit Estland einfacher wurden, nach Jahrzehnten der Abschottung.

Nicht zu vernachlässigen sind jedoch auch die immer wiederkehrenden Fragen nach der gesellschaftlichen Gegenwart in Estland. Wer heute ein ins Deutsche übersetztes Buch aus Estland lesen möchte, könnte ja Kross als Grundlage nehmen ("Der Verrückte des Zaren" und "Professor Martens Abreise" sind gegenwärtig im Handel lieferbar, teilweise als Taschenbuch, oder auch "Die Frauen von Wesenberg"). Ich möchte mal auf ein anderes Buch aufmerksam machen, und würde gerne mal andere Meinungen hören, wie hier Estland in der Literatur gespiegelt wird. Ich meine das kürzlich auf Deutsch erschienene Buch des Engländers Adam Thorpe mit dem Titel "Taktverschiebung" (Original: "Between each breath"). Foto: Adam Thorpe (Quelle: Lucky Luck Associates)

"Essen Sie lieber ihren Kuchen bevor mich," sagt die sportliche Estin Kaja ihrem englisch sprechenden Kunden in einem Café in Tallinn.
Später wird Jack (der in Ich-Form erzählt, solange die Handlung in Estland spielt) behaupten, um seine estnischen erotischen Heimlichkeiten zu verbergen, dass "diese Mädchen aus den ehemaligen kommmunistischen Staaten oder Thailand oder so" es ja immer so machen: sie "werfen ihre Netze aus, schlafen mit jedem", angeln sich "irgendeinen armen Schlucker" ihm sie dann hinterher zu erpressen. Die "Kaja-Bedrohung" für sein gut bürgerliches, aber kaum ereignisreiches Leben im englischen Wohlstandsghetto. "Die Sex-Metropole der Welt" lässt Thorpe die englischen Bekannten des forschen Tallinn-Abenteurers sagen, oder auch "der Polterabend in Tallinn" (war im englischen Original wohl dasselbe gemeint, was es im Deutschen bedeutet?).

Jack ist Komponist moderner Musik, und ein Fan von Arvo Pärt. Um eine Auftragsarbeit zu estnischen Themen vorzubereiten, fährt er wie zur Recherche nach Tallinn. Das Estnische in Thorpes Buch erscheint nahezu unverändert, fast Original, real beschrieben (für diejenigen, die Estland kennen). Der "Held" des Buches, Jack, wie ein Kurzzeit-Besuch eines "Wessis" eben (und "Wessis" wollen sich vergnügen, oder?). Dieser Wessi hat seltsamerweise Kenntnisse über Estland, die nicht nur aus einem Reiseführer stammen können. Kaja, die Kellnerin, ist aus "Haaremaa" - unverkennbar, dass hier die größte estnische Insel (Saaremaa) gemeint ist.
Im Buch wird aber "Haaremaa" noch näher erklärt: "haare wie estnisch greifen", erklärt Kaja, oder "Insel des Entfaltens", gepaart mit holprigen sprachlichen Unzulänglichkeiten Kajas im Englischen. Kaja: "Wahrscheinlich ist es die Insel der Espen, 'haa', aus dänischen Zeiten, und wir haben es nur vergessen. Gibt es Espen bei euch in England?" fragt Kaja, und erklärt dazu: "Ihre Blätter zittern, und sie leben nicht allzu lang" (hallo ihr Baumexperten! Ist das in Estland biologisches Allgemeingut?). Ihr männliches Gegenüber aber erwidert doch glatt: "Meine Espe, du," denkt aber offensichtlich in erster Linie an kurzfristige Freuden mit seiner heimlichen Geliebten. Jacks eigene Versuche ein paar Brocken Estnisch zu lernen - wieder ganz Tourist der anbändeln will - enden kläglich und zu Lasten seiner angeblich verehrten estnischen Kurzzeitgeliebten.

Jack's Frau (Milly) verliert zu Hause das gemeinsame Kind durch einen leichten Autounfall, Jack fühlt sich schuldig und taucht lange Kapitel nicht mehr aus diesem englischen Kleinstadtmilieu wieder auf. Gut, das "England unter Blair" soll er beschreiben, das sagen die Kritiken. Andere finden es wieder interessant, dass Milly ausgerechnet mit Öko Business macht, und davon ganz erfüllt scheint. Oder die anderen englischen Männer, deren kümmerliche Existenzen angeblich mit Ironie beschrieben sind (das könnte ja in der englischen Fassung durchaus anders wirken als in der deutschen, für Deutsche veröffentlicht). Ich habe mich durchgekämpft bis zu dem Abschnitt, als Jack plötzlich doch wieder in Estland ist. Allerdings ebenfalls kümmerlich, unehrlich, bestenfalls verwirrt. Milly hat sich von ihm getrennt (und was machen Männer, wenn ihnen die Frauen weglaufen?).

Es gibt einige andere Symboliken in diesem Buch, die auch vielleicht nicht "Estnisch" sind, sondern Thorpe's Vorlieben entsprechen. Zum Beispiel der Vergleich des Gesichts der geliebten Kaja mit einer "Kaurimuschel". Diese Art ist ja wohl nicht typisch für Estland. Oder, wer weiß mehr? - Über die Kaurimuschels ist zu finden, dass sie aus Afrika, Ostindien und der Südsee bekannt war, "auch als Zahlungsmittel im Sklavenhandel". Welche Assoziation hat Thorpe nun hier? Eine ästhetisch aufgemachte Anspielung auf die ökonomischen Ungleichheiten zwischen West- und Osteuropa?

Es gibt aber auch gute Beobachtungen. Entweder hat sich Thorpe hier den Stoff "angelesen" (gibt also tendenziell doch nur oft beschriebene Estland-Phänomene" wieder), oder er war zur Recherche selbst da - denn untypisch sind solche Beschreibungen nicht. Ein Beispiel: "Der Barmann mit dem rasierten Schädel war mit Gläserputzen beschäftigt; als er mich sah, lächelte er auf diese leise, ernste Art der Esten - wenn sie überhaupt lächelten."
Oder auch, aus der Beschreibung eines Konzerterlebnisses in Estland: "Ein Mann in einem blauen Anzug, mit blauer Krawatte und einer Beethoven-Mähne kam von hinten auf die Bühne. Die einzigen Worte, die ich in seiner Rede erkannte, waren Namen: Händel, Acis, Polyphemus,Galathea, Ovid und KP-Erdnussbutter - obwohl Letzteres wohl eher ein phonetischer Zufall gewesen sein muss. Der Mann verbeugte sich zum diskreten Applaus, der länger anhielt, als es in England der Fall gewesen wäre, aber nicht so lange wie in Deutschland. Als die Künstler hervorkamen, belebte sich der schon beinahe erstorbene Beifall zu einem übertriebenen Crescendo, was auf die Anwesenheit von Freunden und Verwandten schließen ließ."

Außerhalb Estlands wird Thorpe's Story auffällig ungenau - wenn es sich nicht um England handelt. Den tatsächliche Vorfall eines Mordes an einer französischen Schauspielerin verlegt er von Litauen nach Lettland (S.275 - zu den tatsächlichen Hintergründen siehe z.B. diesen Bericht aus dem STERN), oder es heißt auch schon mal "Belorus oder so." Die typischen Verwechslungen, wie es auch aus deutscher Perspektive der Fall wäre.

Das Erholsamste am ganzen Buch zum Schluß: die schallende und schmerzhafte Ohrfeige, die Kaja ihrem "englischen Freund" zu Anfang des Buches austeilt. Es reicht für das ganze Buch. Denn ein wenig wünscht man Estland, es möge doch bitte mit einem Buch über die Engländer zurückschlagen.

Infos zum Buch:

Rezensionen
"Eindrucksvoll, klug und komplex" - so Literaturnetz

"Ausflug nach Estland" - in der Kölnische Rundschau

"Kitsch, Krampf und Klischees" - meint die Neue Züricher Zeitung

zur englischen Ausgabe Platz 47 bei "Eric Forbes Best Reads 2007"

"Down and out in Hampstead" im Guardian / Observer ("Reeaders expect a virtual EasyJet-Tour", kommentiert hier der Kritiker zur Story)

Kritik an der Buchkritik: Blog bei "First drafts"

Kommentar bei "Fantastic & Fiction"

David Horspool in der Sunday Times

"How a trying time became a tragic time" - beim Telegraph: "a melodrama of the highest order"

Info des Britsh Council zu Adam Thorpe

zu Adam Thorpe bei Lucky Luck Associates

Dienstag, Juli 17, 2007

Estland - Ein Statistikfund

In Giustinos Blog ueber Estland wurde ueber die Frauen des Landes diskutiert. Es drehte sich auch um die aeltere Generation. Auf der Suche nach Beispielen, die nicht auf die Stereotypen wie die jungen Blonden oder die alten Muetterchen hinauslaufen, bin ich beim Sport gelandet. Genauer der Leichtathletik, der olympischen Kerndisziplin und Medalliengrube fuer alle baltischen Laender:
In der aktuellen Tabelle der besten estnischen Diskuswerferinnen mischen drei ueber 40jaehrige kraeftig mit. Die Spitzenpostion wird von einer Sportlerin des Jahrgangs 63 gehalten, der 7. Rang wird sogar von einer 50jaehrigen eingenommen.
In Europa ist das, soweit ich das ueberblicken kann, neu und unterstreicht eine Entwicklung , die schon laenger anhaelt. Leistungssport wird im Durchschnitt von immer aelteren Aktiven betrieben. An die 30jaehrigen auf dem Siegertreppchen haben wir uns gewoehnt, es war nur eine Frage der Zeit bis auch die 40jaehrigen hinzustossen.
Kettaheide estn. fuer Diskus Stand Juli 2007
Kettaheide 1kg Koostajad:
53.98 Eha Rünne 25.05.1963
45.76 Anu Teesaar 15.02.1983
41.70 Raine Kuningas 20.10.1988
41.15 Lea Vahter 07.07.1961
40.84 Signe Kobolt 31.07.1986
39.72 Leana Vahter 23.09.1986
38.98 Mare Külv 15.05.1957