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Donnerstag, Mai 14, 2026

Wer ist Sipsik?

Der Name ist vielleicht außerhalb Estlands gar nicht so bekannt: vielleicht könnten wir sagen "Sipsik kennt jedes Kind". Oder besser: "Sipsik kennen vor allem die Kinder in Estland". Nun rückt auch eine neue 2-Euro-Münze der Bank von Estland den "Sipsik" in den Fokus. 

Zum Leben erweckt 

Wer ist Sipsik? Es hat mit den Kinderbüchern von Eno Raud und Illustrator Edgar Valter zu tun. "Eesti Pank" schreibt dazu: "In seinen 65 Jahren hat Sipsik den Weg von den Seiten eines Kindermagazins über Bücher und Filme bis hin zu einer Münze zurückgelegt" (gemeint ist die Erstausgabe des Kinderbuches aus dem Jahr 1962). Und Zeichnungen von Edgar Valter seien nun auch eine Vorlage gewesen für Ivar Sakk, den Designer der neuen Münze. Die Münze soll in einer Auflage von 988.000 Exemplaren produziert werden. 

Nur gut, das "Sipsik" auch eine eigene Webseite hat: >sipsik.ee<. Die Frage "Wer ist Sipsik?" wird hier so beantwortet: "Sipsik ist eine sprechende, denkende und ziemlich eigensinnige Stoffpuppe, die Mart zum Geburtstag seiner Schwester Anu genäht hat. Zunächst war Sipsik ein ganz normales Spielzeug, bis er eines Tages anfing zu sprechen. Seitdem sind Anu und Sipsik unzertrennlich!" Der Vorteil für alle estnischen Kinder: im "Shop" gibt verschiedene Varianten von Puppen, die fürs eigene Zuhause bestellt werden können, und für die dann wohl Ähnliches gilt: eines Tages fing die Puppe an zu sprechen ...

Ein Held in über 30 Sprachen 

Ganz schnell reagiert hat "Historia Hamburg", eine Münzhandelsgesellschaft, und stellt Info auch in deutscher Sprache bereit. Sipsik sei ein "Held der estnischen Kinderliteratur", heißt es hier.  

Allerdings: das ist zwar richtig, aber deutschsprachige Kinder hätten eigentlich eine Chance, diesen "Sipsik" schon zu kennen. Es gab schon mehrere deutschsprachige Ausgaben! Deutsch heißt die kleine Puppe "Flickerl", 1968 in deutscher Übersetzung von Helga Viira erschienen. 10 Jahre später gab's mit "Anu und Flickerl" eine Fortsetzung, und 1994 eine Ausgabe in einem anderen Verlag, hier heißt die Puppe dann "Reggie" (wohl abgeleitet von der englischen Sprachversion). 

Noch etwas bekannter, wenn auch ebenfalls schon vor vielen Jahren erschienen, sind ja vielleicht die "drei lustigen Gesellen" ("naksitrallid"), ebenfalls von Eno Raud und Edgar Valter. Ein Buch, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Die deutsche Bezeichnung "Flickerl" bringt allerdings auch ein paar Schwierigkeiten mit, denn eine aus Stoffflicken genähte Handpuppe so oder so ähnlich zu nennen, da sind estnische Kinderbuchautoren im deutschsprachigen Bereich nicht mehr ganz allein: unter sehr ähnlichem Namen sind auch Handarbeiten aus Bayern zu finden, in der ARD gab es mal "Flickerl und Fleckerl", und auch der Bär "Winniepooh" beansprucht ein "Flickerl" für sich (Zitat: "Immer mehr fingen an, solche Flickerl herzustellen und inzwischen gibt es auch viele, viele dieser Flickerldecken"). 

Schon 65 - aber nicht in Rente! 

Da halten wir uns doch lieber an die neuen Münzen, und merken uns: die Eesti Pank feiert die Einführung der Sipsik gewidmeten Münze mit einem Konzert im Toompark am 5. Juni um 11.00 Uhr - mit Sipsik, Anu und Ewert Sundja & Band auf der Bühne! 

Dienstag, Dezember 23, 2025

Festtagstrunk

Was trinken Estinnen und Esten zu Weihnachten? Zumindest auf der Insel Saaremaa ist man überzeugt: wir trinken unser Weihnachtsbier! Und damit nicht genug: der Verein für Volkskultur von Saaremaa setzt sich dafür ein, das Saaremaa-Hausbier sogar in die Liste des immateriellen Kulturerbes Estlands aufzunehmen.

Auf Estlands größter Insel Saaremaa war es einmal Tradition, Weihnachtsbier aus Wasser, Hefe, Hopfen und Malz zu brauen. Aber heutzutage kommt nur noch selten "Selbstgebrautes" auf den Weihnachtstisch. Peeter Laum ist einer der letzten, der diese Tradition am Leben halten möchte, sagt er. Laum, ehemals Chef seiner eigenen Bootwerft, baute auch schon mal Wikingerschiffe nach, oder lädt pensionierte Fischer zu Traditionstreffen ein. 

Tradition und Handwerk

„Ich kann sagen, dass meine Vorfahren und Großeltern mit denselben Werkzeugen Bier gebraut haben", erzählte Laum der "Aktuellen Kamera" des estnischen Fernsehens. (err) 
"Ich benutze auch dieselben Geräte," sagt er. Dann füllt er sein Bier in Holzfässer ab. "Es sollte bis Lichtmeß, also dem Ende der Weihnachszeit reichen - wenn man es nicht vorher austrinkt," sagt der Inselbrauer schmunzelnd. (err) 

Aber mit seinen Bierbrauerrezepten ist er offensichtlich nicht allein. Auf verschiedenen Internetseiten sind entsprechende Anleitungen zu lesen, um "Jõuluõlle" herzustellen. "Selbstgebrautes Bier verbindet Handwerkskunst, Naturverbundenheit und Weihnachtsstimmung" (maarahvapood) 

Ein Foto aus estnischen Archiven:
Lieferung von Weihnachtsbier an 
den Nachbarn zum Probieren (folklore.ee)
Als Zutaten werden Zimt, Nelken, Sternanis, Orangenschalen, Ingwer und Honig empfohlen, dazu als "individuelle Note" noch Kräuter aus deinem Garten – zum Beispiel Rosmarin, Thymian oder Zitronenmelisse. Einige Bauern, die ihr Bier besonders reichhaltig brauen wollten, sollen früher auch noch Roggenmehl und Wacholderbeeren hinzu getan haben. Gutes Weihnachtsbier galt in früheren Zeiten, nicht nur auf Saaremaa, als Zeichen des Wohlstands, heißt es.

Nach Mitsommer kommt Weihnachten, wenn wieder Bier gebraut wird - auch so könnte eine estnische Kalenderregel lauten. Auf der Webseite des Estnischen Folklorerats werden Tricks von der Insel Hiiumaa verraten: "Wenn man ein brennendes Streichholz an das Bier halten kann, ist die Gärung beendet." 

Gekauft, oder selbst gemacht? 

Wohl bekommt's! Ob es in Estland wirklich an privaten Bierbrauern mangelt? Bei "Postimees" ist noch ein "Weihnachtsbiertest" aus dem Jahr 2021 zu sehen (es testen vorwiegend Frauen). Demnach gibt es viele Sorten im Handel. Was wird hier verkostet? Ob "Jõuluõlle" wirklich auch aus der Dose schmeckt? Und müssen es unbedingt Sorten wie "Apfelsine-Schokolade" oder "Champagner-Ale" sein?  Ein genereller Mangel an Weihnachtsbier kann es also nicht sein, was einen Mensch wie Peeter Laum antreibt. Aber wer selbst braucht - muss nicht in den Laden gehen. 

Donnerstag, Mai 30, 2024

Estnischer Sommer: Hungern, Holzski und Skandale?

 Manchmal sind auch touristische Infos irritierend, wenn es um Estland geht. Sagen wir mal so: man sollte sich rechtzeitig orientieren, worum es wirklich geht. Das ist auch bezüglich der Aktivitäten für den Sommer 2024 so, wozu der Estnische Touristikverband nun Informationen zusammengestellt hat (err). Da sind Dinge angekündigt, die näheres Hinsehen verdienen. 

Baltische Skandale?

Da ist zunächst BALTOSCANDAL, in Rakvere im Norden Estlands, vom 3.-7. Juli. Dieses Festival kann immerhin schon sein 30. Jubiläum feiern, dürfte also auch dem entsprechenden Fachpublikum in Europa bereits bekannt sein. Wer trifft sich dort? Die blumenreiche Webseite verrät es nicht auf den ersten Blick.
Ich übernehme hier mal die Erklärung der lettischen Nachbarn von "theatre.lv": "Baltoskandal hat nichts mit einem 'Skandal' zu tun - der Name setzt sich zusammen aus den Wörtern Baltikum und Skandinavien. Es handelt sich um ein zeitgenössisches Theaterfestival in Rakvere, im Norden Estlands. Die Stadt ist nur ein wenig größer als Limbaži. Das Festival wird von etwa 5000 Menschen besucht. Sie kommen aus aus dem ganzen Land und auch aus anderen Ländern. Die Aufführungen beginnen um 14:00 Uhr und enden gegen 1:00 Uhr nachts. Es dauert 4 Tage."

Beim Blick in die Geschichte der bisherigen Festivals zähle ich 14 deutsche Beteiligungen zwischen 1990 und 2022, und nur selten lässt sich gleich am Namen ablesen, wo sie herkamen (einmal "Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz", einmal "Kammertheater Neubrandenburg"). Oft sind es, wie überall im Programm, Aufführungsbeteiligte verschiedener Nationalitäten. 2024 gibts aber gleich zwei deutsche Beiträge. Dabei ist unter anderem Robert Henke, also eigentlich ein Musiker - der Autritt geht wohl eher in Richtung einer Performance (Webseite). Und Florian Malzacher präsentiert im Rakvere Theater ein Buch mit dem Titel "Die Kunst der Montage". 

Holzski im Sommer? 

Bei der Suche danach, was auf dem "Treskifest" geboten wird, ist zu empfehlen besser keine KI zu benutzen - sonst könnte eine künstlich gefütterte Intelligenz noch auf die Idee kommen, das Wort "Treski" aus dem Norwegischen zu übersetzen (Tre = Baum / Holz). Nein, es sind hier keine Loipen für Holzskier gespurt - "Treski" ist einfach der Name eines kleinen Dorfes im äußersten Südosten Estlands, und hier wurde 2021 eine neue Freilichtbühne fertig gestellt. Auch hier ist die Zahl 3 von Bedeutung - es findet nun zum dritten Mal ein Festival statt. Die Veranstalter beschreiben es so: "Treski ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um etwas Besonderes zu erleben. Wir laden Sie ein, Kultur, Musik und friedliche Natur zu genießen und außergewöhnliche Erinnerungen zu schaffen." Vom 9.-11. August 2024 gibts hier vor allem Musik, vorwiegend von Bands aus Estland.

Etwas abgelegen liegt der Ort allerdings schon: wer mit der Bahn kommt, müsste in Orava aussteigen, 8 km entfernt (die Bahnfahrt dauert von Tartu aus etwa 1 Stunde). Autofahrern empfehlen die Veranstalter doch bitte nicht allein zu kommen sondern andere mitzunehmen - um Kosten und nötige Parkplätze zu sparen. Einen Tag vor Beginn, am 8. August, gibt es schon Workshops und Diskussionen - die sogenannte "Treski inspiration conference". Und wer teilgenommen hat, bringt sich vielleicht "Treski"-Shirts oder andere Werbeartikel mit und machen den Ort (der offiziell inzwischen weniger als 100 Einwohner/innen hat) dann auch etwas bekannter in der Welt.  

Freiwillig hungern? 

Auch für das Festival das vom 14.-18. August stattfindet, müssen wir "alle Ecken Estland" erkunden. Es findet in Narva-Jõesuu statt, und auch die Deutschen wissen inzwischen, dass Narva ebenfalls nahe der Grenze zu Russland liegt. Und falls jemand den Festival-Titel HUNGERBURG allzu ernst nehmen sollte: doch, doch, die Lebensmittelversorgung ist dort völlig normal. Die Veranstaltung ist ein Projekt des "Tartu Uus Teater" (Neues Theater Tartu), eine Einrichtung die ihre Arbeitsweisen in einem "'Manifesto" formuliert: "Das Neue Theater Tartu ist eine offene Plattform für neue Ideen."

Benannt ist das Festival nach dem sogenannten "historischen Ortsnamen" von Narva-Jõesuu: ihren heutigen Ortsnamen erhielt die Stadt offiziell erst im Jahr 1890. Ein Ort, der auch als Kurort bekannt ist und mit seinen 2600 Einwohner/innen (nur 13% davon Est/innen) seit 1993 Stadtrechte verliehen bekam. Also müsste ja deutsches Publikum besonders interessiert sein? Kennen Sie denn das alte Hungerburg nicht? (sowie manche immer gern von Dorpat, Reval oder Wesenberg reden?)

Auch hier gilt: bitte keine künstliche Intelligenz oder Google einsetzen. Sonst finden Sie zum Beispiel einen Stadtteil von Innsbruck (auch unter "Quaeldich.de" zu finden), den Gutshof Hungerburg in Bitburg in der Eifel (mit Pferdepension), eine Künstlerkolonie in Berlin oder eine Sandinsel ganz im Norden Deutschlands, an der dänischen Grenze. Alles falsch! möchte man da ausrufen. Aber auch wer nach "Hungerburg in Estland" sucht, findet bisher die Hinweise eher im "Lexikon der Wehrmacht", als Hinweis auf ein KZ-Außenlager der Nazis, oder eben in alten Fotos und Ansichtskarten. Theaterfreunde, bitte verändert Europa!

Freitag, März 10, 2023

Denkmalschutz

Am 15. Februar hatte das estnische Parlament ein Gesetz beschlossen, das den Umgang mit Denkmälern, Bauwerken und Kunstwerken regelt, wenn dort der Verdacht der Verherrlichung des Sowjetregimes besteht. Die neuen Bestimmungen sollten das Baugesetzbuch ergänzen und den öffentlich sichtbaren Teil von Gebäuden regeln. Dort sollte nichts erkennbar sein, das zur Rechtfertigung eines Besatzungsregimes, eines Angriffs, Völkermordes, eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit oder eines Kriegsverbrechens angesehen werden könnte.Das neue Gesetz sollte gleichzeitig dem Staat die Erlaubnis zum Einschreiten geben, wenn etwas diesen Regelungen widerspräche. (err)

Diese neue Regelung ist nun vorerst gestoppt. Der estnische Präsident Alar Karis legte sein Veto ein (president.ee) und verwies es zur erneuten Beratung zurück ins Parlament. Zur Begründung werden vor allem unklare Formulierungen genannt. Der Grundsatz der Rechtsklarheit gebiete es jedoch, dass ein Gesetz so klar und verständlich ist, dass eine Person das Handeln des Staates vorhersehen und sein Handeln entsprechend anpassen kann. Ein vage formuliertes Verbot verleite dazu, Bauwerke zu entfernen oder von deren Errichtung abzusehen, allein weil rechtliche Risiken befürchtet würden. Solch übertriebene Vorsicht stehe einem auf Freiheit gegründeten Land nicht zu, so urteilt der Präsident.(err)

In der estnischen Presse wird nun diskutiert, wie das inzwischen neu gewählten Parlament mit dem "Arbeitsauftrag" des Präsidenten umgeht. Bisher hatte vor allem die "Vaterlandspartei" (Isamaa) das Gesetz vorangetrieben, diese wird aber möglicherweise der neuen Regierungskoaliton nicht mehr angehören.

Samstag, Juli 02, 2022

Im Wald und bei den Pilzen: introvertiert allein

Ein guter Titel ist immer ein guter Grund, ein Buch zumindest mal zur Hand zu nehmen. So ist es vielleicht auch mit "Die Kunst, Pfifferlingen zuzuhören" des estnischen Schriftstellers Valdur Mikita - das allerdings bisher noch auf eine Übersetzung ins Deutsche wartet, ebenso wie "Lingvistiline mets” (Linguistischer Wald), ein anderer bekannter Titel des Autors. In einem Beitrag für das deutsche Goethe-Institut war auch schon seine These zu lesen, das Waldvolk der Esten verkomme im 21. Jahrhundert allmählich zu einem Sumpfvolk. - Mikita kommt vielleicht zu Gute, dass er auch schon als Dozent im Marketing gearbeitet hat. Um einprägsame Sprüche war Mikita noch nie verlegen: Du kannst den Esten aus der Wildnis nehmen, aber Du kannst nicht die Wildnis aus dem Esten nehmen (engl.= You can take the Estonian out of the wild, but you can't take the wild out of the Estonian).

Ein estnischer Blogautor fasst die Erzählweise von Mikita etwa so zusammen: "Warum sollte ein Este kein Buch mögen, in dem steht, wie besonders er ist! Ein introvertierter Schamane aus dem Norden, aufgewachsen mit dem Wald, fast eins mit den Tieren, schaut in den Himmel und stellt fest, wie das Wetter an Mittsommer im nächsten Jahr sein wird. Dann fährt er vom Wald nach Hause, mäht mit seiner Husqvarna das Gras im Hinterhof, schickt neben einem Baum sitzend einige E-Mails nach Brüssel und Singapur, püriert mit der Hand die Blaubeeren, die er aus dem Wald mitgebracht hat in einem Mixer, verwandelt den im Garten wachsenden Spinat zu einem schönen Smoothie und geht abends in die Rauchsauna. Ein echter Waldeste!"

Valdur Mikita stammt aus der Region bei Viljandi, genauer gesagt steht sein Haus am Flüsschen Õhne bei Suislepa, nahe des Võrtsjärv-Sees. Der kleine Ort ist stolz auf eine alte Apfelsorte, die hier mal gezüchtet wurde (siehe auch: "das Apfelrätsel"). Mikita ist studierter Biologe, mag also sicher einschätzen können, welche Naturwerte seine Heimatregion bietet. 

Mikita hat aber offenbar nicht nur Bewunderer. Ein Zeitungsbericht berichtete über illegale Baumfällarbeiten auf dem Familiengrundstück, inklusive katastrophaler Folgen für die Vogelbrut mitten im Juni - Mikita klagte gegen die Behauptung, er habe mit dem Vorgang etwas zu tun. 

Sehr viel mehr Aufsehen erregte jetzt die Ausrufung eines "Reservats für Introvertierte" (Introvertide kaitseala) durch den Schriftsteller und Wortkünstler (RP-online / FR), entsprechend einem Buchtitel von Anneli Lamp. Mikita bietet auch Selbstanalyse an: "Haben Sie Ihren eigenen Ort zum Sammeln von Pilzen geheim gehalten oder kennen jemanden, der einen geheimhält? Oder haben Sie sich mit Leuten darüber gestritten, wie man Holz lagert? Kennen Sie eine Person namens Luule oder Elmar? Oder kennen Sie jemanden, der überhaupt nicht spricht? Wenn ja, sind Sie wahrscheinlich Este", sagte er.

Estland sei an vielen Orten inzwischen viel zu laut geworden, konstatiert Mikita - überall Musikfestivals, Sportwettbewerbe und Ähnliches. Bedingung für das neue "Reservat": Höchstteilnehmerzahl eine Person. Schon einige Jahre zuvor war Mikita beteiligt an einem Projekt zur Installation riesiger Holz-Magaphone mitten im estnischen Wald - um "im Buch der Natur zu stöbern", wie der Autor damals erläuterte (err)

Das erste "Event für eine Person", das nun durchgeführt wurde, war gleich mal die Präsentation von Mikita's neuestem Buch ("Mõtterändur"). Perfekte Selbstvermarktung - oder eine gute Methode, um die Gedanken der Estinnen und Esten von den gegenwärtigen Sorgen abzulenken? Vielleicht. Mit 22% ist die Inflation in Estland momentan eine der höchsten innerhalb der Euroopäischen Union (eer).

Donnerstag, April 07, 2022

Brückendiskussion

Die "Võidu sild" ist eine in den Jahren 1952 bis 1957 gebaute Stahlbetonbrücke über den Fluss Emajõgi, im Zentrum von Estlands zweitgrößter Stadt Tartu gelegen. Ihren Namen erhielt die Brücke im Jahr 1965, auf Beschluss des Stadtrats, zum 20. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Denn "Võidu sild" heißt übersetzt "Brücke des Sieges". 

Die Diskussion im Stadtrat von Tartu, die Brücke anders zu benennen, geht schon einige Jahre. Aber als Tourist/in könnten wir uns zunächst fragen: Was für eine Brücke ist das? Reiseinfoseiten wie "Estland-com" erwähnen eine Reihe von Brücken: Bogenbrücke (Kaarsild), Steinbrücke (Kilvisild), Marktbrücke (Turusild), Engelsbrücke (Ingisild), Teufelsbrücke (Kuradisild). Aber "Siegesbrücke"? "Visittartu" beschreibt ausführlich die Bogenbrücke. Aus touristischer Sicht wird die Brücke der Durchfahrtsstraße, die einfach die Riga-Straße mit der Narva-Straße verbindet, am wenigsten hervorgehoben.

Seit 1926 gab es auch schon eine "Freiheitsbrücke" in Tartu: nach der sowjetischen Besetzung 1940 schon einmal kurzzeitig in "Siegesbrücke" umbenannt, überstand sie den Krieg nicht (von den abziehenden Deutschen zerstört). Am Ende des 2.Weltkriegs waren in Tartu alle Brücken zerstört. Die heutige "Freiheitsbrücke" wurde 2009 eröffnet.

Nun sucht Tartu einen neuen Namen für die bisherige "Siegesbrücke" (tartu.ee / err) "Wir können einen solche Sieg nicht weiter feiern", heißt es (tartu.ee). Bis zum 10. April sollen nun Namensvorschläge gesammelt werden. Ein witziger (wohl nicht ernst gemeinter) Vorschlag war auf dem Portal "Lugejakiri" (Eigenwerbung: "die seriöseste Nachrichtenquelle in Estland") zu lesen: um Geld und Mühe zu sparen, solle nur der erste Buchstabe ausgetauscht werden - statt "Võidu sild" (Siegesstraße) nun "Sõidu sild" (Fahrstraße). 

Ein Thema, dass vielleicht aber nur symbolisch die andauernde Diskussion um die russische Haltung zu Putins Angriffskrieg wiederspiegelt. Nikolai Põdramägi, Arzt und Mitglied der Zentrumspartei in Tartu, sprach sich nicht nur gegen die Umbenennung der Brücke aus, sondern bezeichnete auch die gegenwärtigen Vorgänge in der Ukraine als "Bürgerkrieg" (err). Als Reaktion distanzierte sich nicht nur die Zentrumspartei von ihm, sondern auch die Ärztekammer (Postimees / delfi)

Montag, Februar 21, 2022

Begegnung mit Jaan

Nun wird man ihm auch beim Spaziergang durch Tallinns Altstadt begegnen - und Touristen werden ihn kaum noch ignorieren können, denn die neu errichtete Statue zu seinem Gedenken steht direkt vor der Touristinformation. Mikhail Kõlvart, Bürgermeister von Tallinn, war persönlich bei der Einweihung anwesend und wird mit den Worten zitiert: "die Geschichte der Stadt Tallinn und Kulturgeschichte haben durch die Werke von Jaan Kross viel gewonnen". (err / tallinn.ee)

Geboren war er 1920, gestorben ist er 2007 im Alter von 87 Jahren. Es war nicht nur die Idee der estnischen Literaturszene, dass er auch mit dem Nobelpreis gebührend hätte geehrt werden können. Er übersetzte unter anderem Heine, Brecht, Shakespeare und Balsac ins Estnische. Aber ihm wird auch der Satz zugeschrieben, Estland sei aus einem Gefängnis gekommen und in einem Warenhaus gelandet. 2010 wurde ein Jaan-Kross-Literaturpreis geschaffen - der aktuelle Preisträger ist der Literaturwissenschaftler Jüri Talvet.

Die Überlegungen zu einem Denkmal für Jaan Kross konkretisierten sich rund um seinen 100. Geburtstag, aber es wurden verschiedene mögliche Standorte diskutiert (Baltic Times). Nun steht die Statue mit Blick direkt auf das Haus des Schriftstellerverbandes, in dem Jaan Kross zusammen mit seiner Frau Ellen Niit einige Jahre gewohnt hatten.

Palju õnne sünnipäevaks - typisch estnische Ehrung?
Google erinnerte an Estlands bekanntesten Schriftsteller

Die Statue wurde als Ergebnis eines Designwettbewerbs vom Bildhauer Jaak Soans erstellt (unter Mitwirkung der Architekten Karmo Tõra und Mark Kovalenko) und soll die Stadt Tallinn 165.000 Euro gekostet haben. In Deutschland ist Soans vor allem in Schwerin bekannt, denn auch die dort noch immer standhaft erhaltene Lenin-Statue wurde 1985 von ihm geschaffen (hauspost / Deutschlandfunk /  FAZ / dreesch-schwerin)


Samstag, Januar 29, 2022

Insel ohne Õ

Wer vielleicht, schon wegen schwieriger Reiseumstände, seit 2019 nicht mehr auf estnischen Insel Saaremaa war, wird sich vielleicht wundern: nun gibt es neue Grenzen. Nein, keine Angst - es ist weder eine Zollgrenze, noch muss ein Passdokument vorgezeigt werden. Es ist lediglich ein ausdrücklicher linguistischer Hinweis: der Buchstabe Õ, auf desssen Existenz alle Estnisch-Sprechenden sonst so stolz sind, gilt in weiten Teilen der Insel Saaremaa nicht. 

Nun wird auch jeder Gast, mehr oder weniger dezent, auf diesen sprachlichen Umstand hingewiesen; anfangs waren sogar Straßenschilder aufgestellt worden, die allerdings von der estnischen Straßenverwaltung beanstandet wurden.

Nun ist es einfach ein 5 Meter großes Õ, aufgestellt an der Straße zwischen Kuressaare und Kuivastu. Taavi Pae, Professor der Geografie und einer der Initiatoren dieser Aktion, wird mit den Worten zitiert: "Es gibt ja viele Witze über dieses Thema, aber dieses Zeichen steht auch als Bekenntnis zu unserer kulturellen Identität. Es gibt eben doch auch Dialekte in der estnischen Sprache, und es ist wichtig sie zu achten." (err)

Als wissenschaftliche Grundlage wird meist auf die Untersuchung von Theodor Kaljo aus dem Jahr 1928 verwiesen, der die genaue Sprachgrenze analysierte und eigene Aufzeichnungen machte (Saarte Hääl).

Rattasõit või rattasöit? fragte auch "Visitsaaremaa" etwas scherzhaft ("Radfahren oder Radfahren"), weist aber doch auf Otto Wilhelm Masing hin, der zuerst auf die Existenzberechtigung des Õ hingewiesen hatte. Und inzwischen hat der Buchstabe selbstverständlich einen eigenen Wikipedia-Eintrag. 

Ob es ehemals deutsche Besiedlung oder schwedischer Einfluss war, die das Ö auf Ösel hinterließen? Da wird die gebotene Information ungenau. Aber, es bleibt dabei: ein Besuch beim Õ / Ö, vielleicht eine neue Touristenattraktion! Und, vielleicht als "Geheimtipp": es gibt auch ein Ö-Restaurant - das befindet sich allerdings in Tallinn.

Dienstag, Mai 04, 2021

Seltener Kirchgang

Es gibt ja verschiedene Ansichten, ob Estland ein christliches Land ist. Zu Zeiten frisch errrungener Unabhängigkeit, Anfang der 1990iger Jahre, wurde es denjenigen ohne jede Landeskenntnis meist so erklärt: Litauen ist katholisch, Lettland und Estland evangelisch-lutherisch. 

Das Kirchengebäude von Tõrva - im Krieg stark beschädigt,
zu Sowjetzeiten eher als Lager genutzt, heute vor allem
Ort vieler Kulturveranstaltungen

Laut estnischen Denkmalschutzbehörden gibt es noch etwa 450 alte Kirchen ist Estland. Aber es gibt unterschiedliche Perspektiven: die lutherische wie die orthodoxe Kirche in Estland wiesen dem Staat die Schuld zu, dass viele dieser Kirchen mehr oder weniger stark renovierungsbedürftig sind - verlottert und vernachlässigt zu Sowjetzeiten. Soll also auch der Staat die Renovierungskosten bezahlen? 

Kirche und Staat sind in Estland bereits seit 1920 getrennt - und nicht erst seit Sowjetzeiten. Das wiederum wäre ein gutes Argument auch der Kirche die Verantwortung für die Instandhaltung der Gebäude zu überlassen. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Kirchengemeinden in Estland auch Eigentümer der Kirchen - aber die Zahl der Kirchgänger/innen geht ständig zurück. Gemäß einer Untersuchung des "Eesti Uuringukeskus" ist die Anzahl derjenigen Menschen im Alter zwischen 15 und 74 Jahren, die sich in irgendeiner Form als "religiös" bezeichnen, in den letzten fünf Jahren von 20% auf 19% zurückgegangen (ERR). Erzbischof Urmas Viima versucht es postiv zu sehen: immerhin hätten ja 63% ausgesagt dass sie sich dem Christentum "nahe" fühlen.

Als Atheisten bezeichnen sich inzwischen 9% der Estinnen und Esten. Die Zahl derjenigen, die an keinerlei Gottheit irgendwelcher Art zu glauben angeben, ist von 44% auf 31% gesunken. Damit ist aber auch gleichzeitig klar: niemand könnte ganz selbstverständlich behaupten, die Mehrheit der Menschen in Estland seien gläubige Christen. 69% sagen sogar ganz klar, dass sie im Untersuchungsjahr 2020 nie einen Gottesdienst in der Kirche besuchten hätten - 15% geben die Anzahl der Kirchbesuche auf ein- oder zweimal an. 

Immerhin befürworteten 62% aller estnischsprachigen Einwohner/innen Estlands eine am Christentum orientierte Erziehung in den Schulen (bei den Russischsprachigen 48%). 

Ganz neu ist das Projekt der "offenen Kirchen", die jetzt durch eine eigene Internetseite erkundbar gemacht wurden. Aber das bringt vielleicht eher Pluspunkte auf der touristischen Seite, und die Gemeindepfarrer/innen werden diese Gäste wohl weiterhin nur um Spenden bitten können - zu bezahlten Tourismusführer/innen werden sie sicher nicht werden. 

Übersicht zu Kirchen in Estland

Samstag, Mai 02, 2020

Estnische Opernlegende

"In diesen Zeiten", wie man im Moment so gerne sagt, also "in diesen Zeiten" müssen leider auch runde Geburtstage anders gefeiert werden als geplant. In Estland ist das zum Beispiel Georg Ots - den manche vielleicht auch als Name eines Schiffes kennen mit dem sie schon gefahren sind, oder sie haben im gleichnamigen Hotel übernachtet. Georg Ots (1920-1975) hätte in diesem Jahr 100. Geburtstag feiern können - und da das nur wenige erreichen, wird dieses runde Datum ja meist von den Verehrern und Verehrerinnen begangen.

Ganz abgesehen davon, dass das erwähnte Schiff illegal verschrottet worden sein soll, sind für Anfang September 2020 zwei Gala-Jubiläumskonzerte zu Ehren der estnischen Opernlegende Georg Ots geplant - ob sie auch stattfinden können, die Opernfreund*innen hoffen noch. Ots spielte auch in vielen Filmen mit - und unter der Regie von Peeter Simm wurde seine Lebensgeschichte 2007 auch verfilmt (Titel "Georg", imdb / efis/ Filmkritik). Ots, der auch italienisch, russisch, deutsch und finnisch sang, war der Star estnischer Opernaufführungen schon in den 1950iger Jahren gewesen, seien es in Gershwin's "Porgy & Bess", Mozarts "Don Giovanni", Bizet's "Carmen", Verdi's "Maskenball" oder "Eugen Onegin" von Tschaikowsky. Und "G.Otsa" - so heißt auch eine der Straßen, die zur Nationaloper hinführt.

In Umkehrung eines oft genutzten Spruches: doch, nahezu
alle Besucherinnen und Besucher der estnischen
Nationaloper werden in Zukunft "an Georg Ots vorbeikommen" ...
Nun werden in Zukunft die Besucher*innen noch mehr an Estlands bekanntesten Opernsänger erinnert: direkt am Eingang der Estnischen Nationaloper wird eine Skulptur des Künstlers aufgestellt werden. Die Gestaltung übernimmt gleich ein ganzes Team, bestehend aus dem Bildhauerpaar Ilme und Riho Kuld, dem Landschaftsarchitekt Kristofer Soop, und dem Architekt Ott Alver. Eine Expertenjury prämierte das Siegerprojekt der Ausschreibung mit 10.000 Euro. Vadim Belobrovtsev, stellvertretender Bürgermeister Tallinns, zeigte sich besonders angetan von den "dynamisch-abstrakten Formen" des neuen Denkmals (Baltic Times / ERR).

Georg Ots war 1975 - auf dem Zenit seiner Karriere - im Alter von nur 55 Jahren verstorben.Auch eine Musikschule in Tallinn trägt inzwischen seinen Namen - und die Liste der Absolventen dieser Schule ist beeindruckend: Arvo Pärt, Veljo Tormis, Erkki-Sven Tüür, Neeme Järvi, Eri Klas, Olav Ehala, Jaak Joala, Sven Grünberg, oder Raivo Tafenau - sie alle machten hier ihren Abschluss.
Eigentlich sollte "Mr. Georg Ots" auch als Oper auf die Bühne gebrachte werden - jedoch sind die Aufführungen unter der Regie des Russen Dmitri Bertman, bereits 2019 auf den Operntagen Saaremaa uraufgeführt, gegenwärtig im Zuge der Corona-Einschränkungen vorläufig abgesagt.

Trailer zum Film "Georg Ots" / Doku-Filmausschnitt /

Donnerstag, Februar 20, 2020

Einspar-Folklore

Das kleine estnische Städtchen Viljandi ist vielleicht nicht einmal allen Estland-Touristen bekannt - viele pendeln nur zwischen Tallinn, Tartu und Saaremaa. Für Liebhaber*innen der Folkmusik ist das anders: geradezu legendär ist das VILJANDI FOLK MUSIC FESTIVAL, das im Jahr 2020 wieder einmal um die 800 Musiker*innen bei über 100 Konzerten zusammenbringen wird, inzwischen kommen an den vier Festivaltagen über 25.000 Musikfreund*innen.

1989 gegründet, ist das Festival zusammen mit der inzwischen etablierten "Viljandi Kulturakademie" geradezu zum Symbol geworden für den freien, estnischen Geist, das Kennenlernen anderer Kulturen, und
"Wir mussten unseren Weg finden von der sowjetischen Pseudo-Folk-Szene zu einer qualitativen musikalischen Ausbildung", schreibt Festivalleiter Ando Kiviberg in einem Rückblick auf die Entwicklung seit 1990. Kiviberg erinnert an die Wiederentdeckung der Traditionen des estnischen Dudelsackbaus genauso wie an die findigen Handwerker von Viljandi, die auch schon mal individuelle Transportbehälter für die Musikinstrumente aus Holz herzustellen in der Lage waren. Sogar das Vokabular musste neu geschaffen werden: den Begriff "pärimus" (estnisch für etwas ererbtes, traditionelles) soll zuerst die Band "Kukerpillid" verwendet haben - in Viljandi wurde “pärimusmuusika” zum neuen Begriff für die Musik, die hier präsentiert wurde (und englisch "Folkmusik") genannt wird.

2008 wurde das "Traditional Music Center" in Viljandi eröffnet. Alte Liedtexte und Schriften, auch alte Tonaufnahmen, Fotos und Filme sammelt das "Eesti Rahvaluule Arhiiv" (ERA) schon seit 1927 - anfangs als Teil des Estnischen Nationalmuseums, inzwischen als Abteilung des estnischen Literaturmuseums in Tartu, und seit 2000 sind alle verschiedenen Folklore-Sammlungen unter diesem Dach vereint. Über 13.000 estnische Volkslieder und ihre Melodien sind hier dokumentiert.

Doch offenbar ist diese Archivarbeit nicht jedem gleichermaßen wichtig.  In der estnischen Presse häufen sich Berichte, denen zufolge das estnische Folklorearchiv in diesem Jahr keine Unterstützung für Forschungsprojekte erhalten wird (Eesti Päevaleht / Klassikraadio). Seitdem ist die estnische Folkszene in Aufruhr. Dichterin Kristiina Ehin und Folk-Musikerin Mari Kalkun schufen bereits einen "Protestsong" mit der Bezeichnung "Notruf an den Premierminister" ("Hädaabikõne peaministrile") - inspiriert von der Musik von Miina Härma und Gedichten von Anna Haava. "Ich habe noch nie einen Protestlied geschrieben, aber diese Situation zwingt mich es zu tun. Wir müssen unsere Traditionen bewahren, und auch die Leute die diese Arbeit tun," so Kalkun gegenüber dem estnischen Pressedienst ERR.

Es kursieren Unterschriftenlisten, und ein Solidaritätskonzert zur Unterstützung des Folklorearchivs soll am 4. März im Estnischen Nationalmuseum stattfinden (Postimees). Dort werden eine Reihe von Bands und Musiker*innen auftreten, die sich von den estnischen Traditionen der Folkmusik inspirieren lassen, wie "Trad.Attack!", Mari Kalkun, Sander Mölder, Maarja Nuut, "Zetod", Cätlin Mägi, die "Curly Strings" oder die "Johansons".

Kritisiert werden auch die Finanzierungsstrategien für die wissenschaftliche Forschung. "So wie es gegenwärtig gemacht wird, ist es wie eine Lotterie - da werden Forschungsprojekte nicht danach orientiert wo es Forschungbedarf gibt, sondern welcher Antrag wahrscheinlich erfolgreich sein wird", meint Risto Järv, der Leiter des Folklorearchivs (err).

Freitag, November 29, 2019

Deutschbalten ins Museum?

Viele behaupten ja, die Geschichte der Deutschbalten - also der deutschen Minderheit, Ex-Oberschicht in Estland und Lettland - hätte mit der erzwungen-freiwilligen Aussiedlung "Heim-ins-Reich" 1939/40 geendet. Historisch gesehen ist das sicher richtig - auch wenn es heute noch Personen und Organisationen gibt, die an "deutschbaltisches Erbe" nicht nur erinnern wollen, sondern auch nach Konzepten suchen diese Traditionen heute, von welchem Ort aus auch immer, fortsetzen zu können. Marika Valk, Kunsthistorikerin und Direktorin der Museen in Lihula and Hanila, schlägt nun vor: gründen wir in Estland ein Museum für die Deutschbalten! (err / Lääne Elu)

Valk, die auch schon beim Aufbau des Museums für moderne Kunst in Tallinn (KUMU) beteiligt war, will ihren eigenen Worten zufolge damit eine bessere Verfügbarkeit des Wissens über die Geschichte der Deutschbalten erreichen - aus estnischer Sicht, so würden es die Deutschbalten selbst wahrscheinlich kommentieren. Während Valk eine "Informationsdatenbank" vorschlägt, "eine Sammlungen mit Informationen über Häuser, Kunstwerke, Bildung, Theater der Deutschbalt/innen, dazu entsprechende Forschungsergebnisse", könnte dieser Vorstoß für manche traditionsgebundenen Funktionäre der deutschbaltischen Verbände auch ein wenig befremdlich wirken. So versuchen doch die meist auf ihren alten Traditionen beharrenden Verbände gern nur immer sich selbst das Zentrum aller deutschbaltischen Bezüge zu Estland hinzustellen: ob nun Herder-Institut Marburg, Carl-Schirren-Gesellschaft und "Nord-Ost-Institut" in Lüneburg, Deutsch-Baltische Gesellschaft (ehemals "Deutsch-Baltische Landsmannschaft") in Darmstadt, oder die immer noch existierende "Estnische Ritterschaft" - vom Brömse- bis zum Baltenhaus sammeln alle fleißig neue "deutschbaltische" Mitstreiter.

Dabei verstehen sich die Mitglieder solcher Organisationen offenbar nicht einfach als "Deutsche", sondern vielmehr als "Angehörige einer Gemeinschaft mit verbindenden Wertvorstellungen" (Zitat "Estnische Ritterschaft"). Allerdings beschränken sich die Aktivitäten solcher Reste alter Strukturen meist auf gelegentliche Reisen in die alten Heimat, Pflege alter Gräber und humanitäre Hilfe.
Deutschbaltische Archive - bald mit estnischem Standort?

Nun will Frau Valk bereits über ihre Idee mit deutschbaltischen Organisationen (mit welchen genau, das lässt sich aus den Pressemeldungen nicht herauslesen) gesprochen haben. Auch die lettische Presse hat den Vorschlag bereits aufgenommen und weiter verbreitet (Latvijas Avize). Können wir also zukünftig mal einen neuen Blick auf deutschbaltische Kulturgeschichte erwarten, diesmal aus der Sicht der (von Oberschichtgehabe) betroffenen Völker? Das wäre doch mal etwass Neues - und könnte uns vielleicht doch die eine oder andere der verkrusteten Strukturen in Deutschland überflüssig machen. Und auf Konferenzen und Tagungen würden nicht mehr Deutschbalten "über sich selbst" referieren, sondern endlich nur noch richtige Wissenschaftler/innen. Puuh - hoffentlich ist das jetzt nicht wieder eine zu klare Sprache.Auf gehts, Frau Valk!

Donnerstag, September 26, 2019

Das Gold von Saaremaa

Meistens seien Hobbyarchäologen bereits glücklich, mal eine alte Münze oder ein Stück Keramik zu finden - so beschreibt es auch die estnische Nachrichtenagentur ERR. Auf Saaremaa wurden vor wenigen Tagen goldene Armreife gefunden, offenbar 1700 Jahre alt. "Wahrscheinlich der wertvollste Einzelfund, der je in Estland ausgegraben wurde“, so sagt es die leitende Archäologin Marika Mägi von der Universität Tallinn. Jegor Klimov, "ein Mann mit einem Metalldetektor" sei der Finder, so heißt es in verschiedenen Pressemeldungen dazu; er hatte Archäologen bei Ausgrabungen geholfen, die an dieser Stelle vorher nichts gefunden hatten. Er gab auf ein ganz schwaches Signal seines Geräts reagiert. "Aber ich kenne mein Gerät gut, ich ahnte sofort dass dort etwas ist," sagte er.

Auch in Deutschland waren eifriger Detektoren diese Woche Thema. Beim Südwestrundfunk heißt es, allein in Deutschland seien 10.000 solche sogenannte "Sondengänger" unterwegs. Nach deutschen Recht gehören wissenschaftlich bedeutsame Funde - egal wer sie findet - immer zwingend der Allgemeinheit; niemand kann sich daran bereichern oder Ansprüche stellen, auch nicht die Finder. Und sogar wissenschaftlich nicht bedeutsame Stücke gehören in Deutschland nicht allein dem Finder, sondern auch dem Grundstückseigentümer, auf dessen Grund die Stücke gefunden wurden. Im aktuellen estnischen Fall aber war der Finder sowieso im Auftrag der Archäologen unterwegs.

der glückliche Finder
Vielleicht muss nun die Frühgeschichte der Insel Saaremaa neu geschrieben werden, schreibt die estnische "Postimees". War da nicht mal was? Hatte nicht auch der estnische Ex-Präsident Lennart Meri die These vertreten, der mystische Ort "Thule" (oder "Ultima Thula") könnte auf Saaremaa gelegen haben ("Silberweiß" / "Hõbevalge")?
Oder sind es vielleicht goldene Ringe des sagenhaften Riesen Suur Tõll, von dem alte Geschichten erzählen? Vielleicht hat er seine Ringe in der Sauna vergessen? Oder ist vielleicht ein schmuckbehangener, außerirdischer Münchhausen auf dem Meteorit geritten, der bei Kaali einschlug? Oder vielleicht auch der "nordische Frosch", der als verwunschener Prinz die goldenen Ringe seiner Prinzessin aus dem Brunnen geholt hat?

Die seriöseren Schlußfolgerungen wird sicher die Archäologin Marika Mägi ziehen, die sich schon seit Jahren mit Ausgrabungen auf Saaremaa beschäftigt - allerdings war sie bisher eher auf die Zeit der Wikinger konzentriert. Der kürzliche Fund könnte sogar der bisher wertvollste archäologische Fund aller Zeiten in Estland sein.

Donnerstag, April 18, 2019

Auf ein Wort

Estland macht sich Sorgen. Um die Zukunft? Die neue Regierung? Das auch. Aber die Estinnen und Esten beschäftigen sich offenbar auch mit sehr "estnischen" Fragen. Wir lernen: auch die Eigenschaft "estnisch" an sich ist offenbar noch zu steigern. Gesucht wurde in Estland nämlich kürzlich "das allerestnischte" - oder wie soll man sagen? Das am meisten Estland-typische .... Wort.

"Schande - häbi!" könnte es einem spontan entfahren, angesichts der Merkwürdigkeiten der aktuellen Regierungsbildung. Aber nein, ein Wort mit nur vier gewöhnlichen Buchstaben, das war natürlich gar nicht in der engeren Auswahl. "Jäääär" - kommt mir als nächstes in den Sinn; wahrscheinlich schon viel "estnischer", und mit vierfach-Vokal: eine estnische Band, und, einige Jahre lang ein in Berlin beliebtes estnisches Café (zur Zeit nur noch in den Facebook-Memories existent).

"Tööö" oder "Kuuuurija" schlägt uns der Blog "Auf in den Norden" als herausragende estnische Worte vor (Nachtarbeit, Mondforscher). Nicht ohne zu ergänzen, dass es auch Wörter gäbe im Estnischen, die nur zu beschreiben, aber nicht zu übersetzen seien - aber selbst ein schönes Wort wie "Hauaööõudused" kam beim estnischen Wettbewerb nicht ganz nach vorn.

Sõnajalaõis - die "Farnblüte" soll es jetzt also sein. Das "estnischte", sozusagen (ERR). "Eine fantastische Wahl!" jubelt Rain Kooli (Eesti Rahvusringhääling / Estnischer Rundfunk ERR). In diesem Wort seien ethnisch-mystische Aspekte genauso enthalten wie die Sehnsucht nach Glück. 7000 Stimmen wurden insgesamt abgegeben. Auch eine gesungene Version mit diesem Titel soll es bereits geben. 
Da irritiert nur eine Mitteilung im "Looduskalender", geschrieben bereits 2010. Dort heißt es:
"In der estnischen Volksüberlieferung ist der Rainfarn, sõnajalaõis, eine magische Blume. Sie blüht nur für sehr kurze Zeit in der Mitsommernach, und soll dem Finder Glück bringen können, sowie die Fähigkeit, die Tiersprache zu verstehen, Unsichtbarkeit, Reichtum und vieles mehr."-
Trösten wir uns, vermutlich ist da nicht "Rainfarn" (
Tanacetum vulgare) gemeint, eine Pflanze die zumindest in Deutschland sehr gewöhnlich und weit verbreitet ist. Wie wir u.a. auf "Kostbare-Natur" nachlesen können, gehört dieser nicht zu den Farnen, sondern zu den Korbblütlern. Früher soll man in Livland Wurmkuren für Pferde mit Rainfarn zubereitet haben, so berichten alte Enzyklopädien. Auch Johannes Brobowski soll übrigens schon den Rainfarn als Übersetzung für "Farnblüte" missverstanden haben - lernen wir beim "Deutschlandfunk" (siehe auch: Planet Lyrik). Vielleicht kommt das daher, wie wir in den Annaberger Annalen nachlesen können, dass es bei Brobowski sogar eine eigene Erzählung mit dem deutschen Titel "Rainfarn" gibt - die von einem Kraut erzählt das unsichtbar macht. 

Wie auch immer: ob nun reale "Sõnajalaõis", oder nur fantasierte - vermutlich werden die Estinnen und Esten auch dieses Jahr zu Mitsommer nicht mit dem schlichten Rainfarn (Harilik soolikarohi) am Wegesrand zufrieden sein. Einige haben schon begonnen damit, im Internet "Fake-Sõnajalaõis" zu posten - also angeblich in der Mitsommernacht gefundene Farnblüten. Für alle, die mehr als nur EIN Wort Estnisch lernen wollen: den Wortschatz zum Mitsommer-Feiern hat bereits der "Eestikultuurist" zusammengetragen. Nehmen wir - als Deutsche - das Ganze mal als Ermutigung, von der schönen Sprache des Estnischen doch mehr als nur "Terviseks" zu lernen (ganz deutsch betont auf der letzten Silbe ...).

Samstag, Dezember 22, 2018

Der Frost und der Kratt

Wer hätte schon seinen Kindern verbieten mögen, einen Schneemann zu bauen? Ja, estnische Mythologie müsste man kennen - und den Film "November" sehen, der momentan in manchen deutschen Kinos läuft. Für den Moment ein "November im Dezember."

Alte, verlassene Bauernhöfe gibt es im dünn besiedelten Estland genug - und sei es nur ein alter Schuppen mit zusammenfallendem Dach. Sehr viel mehr haben diese Menschen nicht, die uns Rainer Sarnet hier vor Augen führt. Und oh weh, scheinbar führen auch alte Baumsägen, Tierschädel und rostige Nägeln noch ein Eigenleben: schwarze Romantik und archaische Mythen "wie man sie vorher nur bei Andrej Tarkovskij gesehen hat" (epd-film).

Kein Film für Wärmeliebende: Schneegriesel wehen, es schneit unaufhörlich, es dunkelt früh, ein eisiges Wetter von der Art, dass Wasser an allen Zweigen und Gegenständen festfriert und die ganzen Landschaft den weiß-grauen Frosthauch überzieht. Die wenigen Menschen leben in Räumen, in denen sie kaum aufrecht stehen können, Vieh angekettet neben dem Bett. Da ist es schwer, persönliche Interessen zu sichern, oder gar eigenes Selbstbewußtsein. Viel stärker sind die "dunklen Mächte", die Zeichen und Wunder, hinter denen der allgegenwärtige Volksglaube zunächst mal Unheil vermutet.

Was könnte ein Symbol für den Teufel sein? Ein toter Vogel? Ein Knopf? Eine Mücke? Manchmal reicht es schon, wenn  ein Ziegenbock zum falschen Zeitpunkt in die Scheune hereinstolpert. Die Baumwipfel drehen sich um den Betrachter, Menschen sind ohne viel Aufwand in der Lage, den Wolfsschrei auszustoßen und den Vollmond zu verehren oder im dunklen Festtagskleid ins Wasser zu gehen.

Sind es Menschen, uns hier gezeigt werden? Schreckliche Fratzen, fehlende Zähne, schreckgeweitete Augen, wirre Haare - Kämme wären zu dieser Zeit wirklich noch nicht erfunden.
Dagegen waren die Schrecken der Pest sicher noch nicht vergessen. Auf dem Wasser bilden sich Eisblumen. Schwarze und weiße Kutschen, ohne Blumen. Auf allen Bäumen lastet der Schnee.

"November" führt uns irgendwo ins Estland des 19. Jahrhunderts. In einem kalten Herrenhaus decken zwei Bedienstete den Tisch, aber es sind keine Gäste zu sehen. Die Tochter des Barons mondsüchtig, springt fast vom Dach. Was kann es anderes geben als den baldigen Tod? - Mühsam, schwermütig, langsam webt sich der Faden der Liebe durch diese Atmosphäre. Leider wissen wir nicht wie das Buch von Andres Kivirähk ("Rehepapp", in estnischer Originalversion ein Bestseller) diese Story entwickelt, mit welcher Portion Sarkasmus es vielleicht Estinnen und Esten selbst sehen - eine Übersetzung des Buches ins Deutsche fehlt bisher. Ganz ernst gemeint habe Kivirähk es nicht, so einige die Estland sehr gut kennen. Immerhin hält der zarte Liebesfaden hier den Film am Leben, uns lässt ihn nicht versinken in übertriebenem Grusel oder albernen Grausamkeiten.

Doch es ist hier von unerfüllter Liebe die Rede; vielleicht auch von unvollendeten Taten. "Hast Du sie getötet? Sie, die er vereehrt, den Du liebst?" "Nein, ich konnte es nicht" - so die Antwort. "Er wäre sonst von Traurigkeit gestorben." - "Er muss ein seltsamer Mensch sein." "Das ist er."

Gut, wer einen "Kratt" zum Ratgeber hat; zumindest dies lernen wir aus diesem Film. Ein "Kratt", so wie es nur Estinnen und Esten haben, wie es Andres Kivirähk schreibt. Das kann ein Rest eines Gartengeräts sein, oder die feurigen Kohleaugen eines Schneemanns. Ein Kratt nimmt Sorgen und Wünsche entgegen - aber seine Ratschläge zu befolgen, das ist auf eigenes Risiko. "Brau mir einen Trank, der eine Frau mich lieben macht." - "Nimm deine eigene Scheiße, deinen Schweiß und Blut, und schon hast Du so einen Trank." Natürlich ist die Wirkung verheerend - der Liebhaber muss mit einer spitzen Gabel in seinem Rücken fliehen.

Nach zwei Stunden Film bleiben Zuschauer zurück, die vielleicht demnächst nicht mehr ganz fantasielos sind, sollten jemand mal einsam durch einen Wald gehen. Vielleicht aber auch mit mehr Verständnis fürs einfache bäuerliche Leben der Vergangenheit, als Bäuerin oder Bauer noch als Leibeigene, ohne Schreib- oder Lesekenntnisse versuchen mussten die Welt zu verstehen. Menschwerdung ist schwierig - aber möglich.

Kritiken zu "November":
EPD Film / Filmfestival GoEast / Estnische Filmdatenbank / Neues Deutschland / Mephisto / Tagesspiegel / Jumpcut / New York Times /

Mittwoch, Mai 16, 2018

Eestimaa - hundimaa = Wolfsland

Estland hat eine Nationalblume (die Kornblume), einen Nationalvogel (die Rauchschwalbe), einen Nationalfisch (der Strömling), einen Nationalstein (Kalkstein), und sogar einen National-Schmetterling (nach Abstimmungsergebnissen aus dem Jahr 2017 soll es der Schwalbenschwanz sein - estnisch "Pääsusaba"). Und nun endlich, nach fast fünf Jahren andauernder Diskussion, wurde auch über ein estnisches National-TIER entschieden - es soll der Wolf sein.

Es soll eine hitzige Diskussion gewesen sein: Vertreter/innen von 20 Naturschutz- und Kulturorganisationen saßen jahrelang zusammen, um sich über ein estnisches Nationaltier zu einigen. Schließlich entschied eine Mehrheit für den Wolf, als Symbol für unberührte Natur, der seit Hunderten und vielleicht Tausenden von Jahren schon die Wiesen und wälder beherrscht. "Der Wolf ist ein Indikator intakter Natur und spiegelt das estnische Naturverständnis wieder", so die Befürworter. (Postimees)

Welches Tier wäre denn als Alternative in Frage gekommen? Storch, Bär und Elch reklamiert auch Litauen für sich (Storch als Nationaltier, der Bär im Wappen Žemaitijas, der Elch als Symbol der Kurischen Nehrung). Elche wären ja auch durch Skandinavien schon genug strapaziert. Nun ja, der Bär - es soll in Estland immerhin etwa 800 geben - ist vielleicht auch zu sehr bekannt in seiner Version als "russischer Bär" - da haben alle schönen Geschichten von durch Estland wandernde Bären wohl keine Chance. Nein, weder Biber, Fuchs, Dachs oder Luchs wäre der Gegenvorschlag gewesen - wohl aber der Igel! Denn wer das Nationalepos "Kalevipoeg" gelesen hat, der kennt den Igel als klugen Ratgeber des großen Helden - ein wichtiges Argument! Schließlich soll der Igel, der Sage zu Folge, sein "dornenbesetztes Röckchen" nur deshalb tragen, weil Kalevipoeg es ihm zum Dank schenkte.

Am Ende jedoch siegte der Wolf - zumindest bei dieser Abstimmung unter Naturfreunden; vielleicht ist er nicht im Kalevipoeg nicht so positiv erwähnt, aber doch in sehr vielen estnischen Volkssagen präsent. 200 Wölfe in 20-25 Rudeln soll es derzeit in Estland geben. Dem Estnischen Jagdverband zufolge werden jedes Jahr auch 100-150 Wölfe geschossen - mit Jagderlaubnis. "Gut organisiert sind winterliche Lappjagden auf Isegrim", schwärmt die Zeitschrift "Jagen weltweit". Angesichts des potentiell weit verbreiteten Kundenkreises deutscher Jäger in Estland ist naheliegend, dass der Wolf in Deutschland niemals Nationaltier werden kann: "Einen ehrlichen Interessenvertreter hat der Wolf hierzulande nicht," bilanziert DIE ZEIT die Diskussion in Deutschland.

Es gibt auch andere Anlässe, Estland als "Wolfsland" zu identifizieren: dem estnisch-lettischen Film mit Autor und Sänger Jaan Tätte über Natur in Estland gab der NDR (und auch der estnische Regisseur Urmas Eero Liiv) schon 2006 den Titel: "Estland - Wölfe, Biber, Bären." Wer will, kann es ja als Prioritätenliste sehen.
Es gibt auch Stimmen, die mit geschichtlichen Fakten die Angst der Menschen vor Wölfen bearbeiten wollen. "Vor 140 Jahren haben Wölfe noch Menschen gefressen", schrieb der Wissenschaftsjournalist Villu Pärt in einem Blog der Universität Tartu. "Im 18. und 19. Jahrhundert war das Nahrungsangebot in Estland sehr viel geringer," schreibt er, und beruft sich einerseits auf die historischen Schriften von Jakob Benjamin Fischer, einem deutschbaltischen Naturforscher Ende des 18. Jahrhunderts. Andererseits hat mit Ilmar Rootsi auch ein junger estnischer Wissenschaftler die Beziehungen zwischen Mensch und Wolf untersucht. In früheren Zeiten seien unter anderem auch deshalb manchmal Kinder zu Opfern von Wölfen geworden, weil eben auch schon Kinder als Hirten eingesetzt waren, die Schafs- oder Kuhherden bewachen mussten, oft ganz allein. Die beiden letzte Todesfälle in Verbindung mit einem Wolf sollen sich in Estland 1853 und 1873 zugetragen haben: das Opfer im ersten Fall war fünf Jahre alt, im zweiten neun.

Nun ja, den Wolf in Estland als weit verbreitet anzusehen, kann jedenfalls nicht falsch sein. Es kann ja den Estinnen und Esten nicht "verordnet" werden, ihr nun "demokratisch gewähltes" Nationaltier auch lieben zu müssen. - Warum ausgerechnet der Schwalbenschwanz zu Estlands Schmetterling gevotet wurde, versuchten es die initiatoren so zu begründen: "Ganz so wie die Esten sich gerne auf den Berghängen versammeln, um zusammen zu singen, versammeln sich auch die Schwalbenschwänze auf ihren Balzflügen oft auf Bergspitzen." (Looduskalender) Nur das es in Estland eben keine "Bergspitzen" gibt.

Bliebe eigentlich nur noch, vor sprachlichen Falltüren in Estland zu warnen: der "koer" ist der estnische Name für Hund - "hunt" jedoch ist: der Wolf. Trickreich ist, dass es auch einen "Hundikoer" gibt: den Wolfshund.

Mittwoch, April 11, 2018

Das Apfelrätsel

Alte Livländer Apfelsorten: Ananas, Gravensteiner oder...
... Suisleper (rechts) - in einem Gartenbaubuch von 1884
Zuerst sah ich dieses Gemälde - vermutlich von dem Lithograph und Verleger Emil Hochdanz (1816-1885) gemalt. Als sehr naturgetreue Abbildung in einem alten Buch, Neuberts deutschem Garten-Magazin, erschienen 1884. Bildtitel: "Drei Apfelsorten, welche in der Nähe von Riga in grossen Quantitäten gezüchtet werden".  Das macht doch neugierig! Einer der drei hat einen ungewöhnlichen Namen: "Suisleper".

Ein Hofgärtner namens Kuphaldt soll sie den Buchautoren (nach München) per Post geschickt haben - 10 Apfelsorten zur Probe, dazu auch Zweige. Drei davon gelangen hier im Buch zur ausführlicheren Darstellung: der Ananasapfel, der Liefländer Gravensteiner, und eben dieser "Suisleper". Ein Apfel ähnlich dem "Cuisinot", urteilt der Buchautor, von ausgiebiger Röte - aber ohne weitere, nähere Beschreibung. Vielleicht kam damals ein Teil dieser Kuphaldtschen Postsendung zumindest dem Botanischen Garten in München zu Gute.

Wer heute den "Suisleper" sucht, findet ihn noch unter "seltene Apfelsorten", aber oft mit der Angabe "Herkunft unbekannt". Erst auf der "Biologie-Seite" fand ich Näheres - ein Zufall, dass der Betreiber ebenfalls aus München kommt? Hier ist unter dem Stichwort "Suislepper" folgende Notiz zu finden: "Ein Hr. Goegginger bezog die Sorte um 1907 vom Gut Suislepp, Dorpat (Estland), wohin sie aus Frankreich gekommen sein soll". Eine estnische Apfelzüchtung also? Beide Quellen, aus den Jahren 1884 wie 1907, geben die Herkunft aus Livland an, soviel kann als Zwischenergebnis festgehalten werden.
Abb. aus: "Eesti mõisaportaal"

Das zugehörige Gut (zum Apfel) zu finden, bereitet in Zeiten des Internets ebenfalls wenig Schwierigkeiten. "Vana-Suislepa mõis" - der Gutshof Alt-Suislepp" - befindet sich in der Gemeinde Tarvast bei Viljandi in Südwest-Estland. Paul I., Sohn Katherina der Großen und 1796-1801 Kaiser von Rußland, schenkte Suislep Baron Mengden, der das Gut (Neu-Suislep) 1799 für 28.000 Rubel an  Carl von Krüdener weiterverkauft haben soll. Alt-Suislepp blieb Staatseigentum.

Aber war der "Suisleper" eine Ausnahme? Ein seltener Fall eines nordischen Apfelsorte?  Es ist schließlich eine alte Ausgabe der "Baltischen Wochenschrift" (Ausgabe von 1876) in der sich eine ausführliche Übersicht zu den damals in Livland angebauten Apfelsorten befindet. Dort findet sich ein Bericht zur "Dorpater Obstausstellung" des Septembers 1875; hier sind die einheimischen Äpfel eingeteilt in Calvillen, Schlotteräpfel, Gulderlinge, Rosenäpfel, Taubenapfel, Rambour, Reinetten,  Streiflinge, Spitzäpfel und Plattäpfel - insgesamt 158 verschiedene Sorten! Unser "Suisleper" befindet sich dabei unter den Rosenäpfeln einsortiert, und auch die Abstammung von Sorten aus Frankreich ("Pfirsichroter Sommerapfel") wird hier bestätigt.
Aus Anlaß der genannten Obstausstellung besichtigte eine speziell hierfür gebildete Kommission 180 Gärten persönlich und erfassten 1800 Obstbäume, indem dort kleine Blechschildchen angebracht wurden. Sollte jemand also heute, beim Spaziergang in der Gegend um Tartu, Viljandi oder Otepää, solch ein Blech noch finden - dann muss es wohl ein alter "õunapuu" sein.