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Dienstag, März 31, 2020

Home office Estland

Alles digital in Estland? Es gibt immer noch Überraschungen. Gerade bei politischen Entscheidungen zeigten sich in der vergangenen Woche Lücken: es stand die Wahl des Parlamentsvorstands an, die einmal im Jahr erfolgen muss - und die Abgeordneten wählten nicht etwa von zu Hause aus (ERR). Dabei waren Überraschungen kaum zu erwarten, denn alle drei bisherigen Amtspersonen traten zur Bestätigung bzw. Wiederwahl an: Vorsitzender Henn Põlluaas (EKRE), als Stellvertreter Helir-Valdor Seeder (Isamaa) und Siim Kallas (Reform). Oder hätte die Spannung darin gelegen, dass derjenige Vize mit den meisten Stimmen sich "1.Stellvertreter" nennen darf, der andere aber nur "2.Stellvertreter"? Man sollte meinen, es gäbe derzeit wichtigere Dinge zu entscheiden in Estland.

Es wurde zu einem langwierigen Ritual: sechs Wahlurnen wurden im Parlament aufgestellt, und wer nur im Hof mit dem Auto vorfahren wollte (maskiert und mit Handschuhen), dem wurde die Abstimmungsbox noch ans Autofenster gehalten. Aber analog musste es wohl sein.(ERR)

Das Gesundheitswesen, das auch in Estland gerade gewaltige Lasten schultern muss, fällt dagegen durch die bekannten elektronischen Lösungen auf. Angesichts der aktuellen Krisensituation wurde in Estland ein weiterer Schritt in Richtung der elektronische Krankenakten getan (deren Einführung in Deutschland für 2021 geplant ist / BGM). Seit dem 16. März ist es in Estland möglich, sich online krank zu melden. Die dafür nötige Krankenakte (Haigusleht) kann ebenfalls online ausgefüllt werden, die Daten werden dann dann zur Versicherungsfond, dem Hausärzteverband und dem estnischen Gesundheitszentrum weitergeleitet. Erst im nächsten Schritt meldet sich dann ein Arzt, um Symptome und Zustand des Patienten zu klären (Haigekassa). Auch über die Länge einer eventuellen Krankschreibung entscheidet dann der Arzt.

Um diese Schritte online zu erledigen, werden entweder die estnische ID-Karte oder die mobile ID verwendet, die in Estland die meisten Menschen bereits besitzen und nutzen. Genutzt wird dabei ein nationales Patientenportal (Digilugu.ee). Bereits eine Woche nach der Einführung hatten 12.000 Estinnen und Esten die Möglichkeit der Online-Krankenakte genutzt (ERR).
Mit diesem Schritt soll vor allem die Belastung für die Hausärzte verringert werden.

Donnerstag, April 11, 2019

Digitalisiert, aber ungesund?

Auf der Suche nach dem Glück - bekannt ist vielleicht die Umfrage, der zufolge angeblich die Dänen die glücklichsten Menschen Europas sind.Viele Estinnen und Esten sind wahrscheinlich nicht sehr glücklich über die neue Regierung, die sich gerade gebildet hat - ab sofort werden nicht mehr nur die sowjetromantischen Ideologen aus Moskau auf Rechtsradikale in Estland hinweisen.

Nein, Umgang und Ausmaß des Glückes wird ja in Europa gern in Form von Statistiken gemessen. Und ein sehr wichtiger Bestandteil - bei den guten Wünschen für die Zukunft immer ganz vorn - ist die Gesundheit. Nun könnten wir annehmen, ein so naturnahes und gleichzeitig von Modernisierungen geprägtes Leben wie in Estland kann doch nur gesund sein - aber oh Schreck! Hier wurden nicht die Ärzte gefragt, sondern die betroffenen Menschen. Und siehe da: nur jeder zweite Este fühlt sich gesund.

Was ist da passiert? Wurden die Befragungen am Flughafen Tallinn gemacht, wo vielleicht arbeitslose, frustrierte Est/innen kurz vor dem Abflug zur Arbeitssuche nach irgendwohin stehen? Oder im Hafen an den Anlegern der Schiffe nach Helsinki?

Dass die Est/innen ein klein wenig besser dastehen wie ihre Nachbarn aus Lettland und Litauen (wie so oft!), nein das ist kein Trost. Auch nicht, dass selbst in Deutschland, wo sicher viele Tausende Euro pro Patient und Einwohner mehr für das Gesundheitswesen verwendet wird als in Estland, das Grundgefühl eher ins Negative schwankt. Gesund und glücklich offenbar (mal wieder?) diejenigen, die nach Irland ausgewandert sind.

Auffällig auch der große Unterschied zwischen den Geschlechtern: 63,4% der estnischen Männer fühlen sich gesund, aber nur 53,7% der Frauen (eurostat). Hier fällt auf, dass in den ärmeren EU-Ländern dieser Unterschied sehr viel größer ausfällt als in den reicheren. Während es in Deutschland nur 3,8%, in Dänemark nur 1,6% und in Luxemburg sogar nur 0,4% Unterschied sind, fällt diese Kluft in Litauen mit 11,4% und in Lettland mit 12,5% besonders groß aus. Glückliche Frauen dagegen in Irland: hier fühlen sich sogar mehr Frauen als Männer gesund.

Eine der möglichen Ursachen wäre das Alter: die Aussage man fühle sich gesund geht mit dem Alter zurück, und durchschnittlich werden Frauen älter als Männer. Aber mehr sagt uns die Eurostat-Statistik an dieser Stelle nicht. Hoffentlich macht es nicht krank, solche Statistiken zu lesen - ähnlich, wie es beim Anblick der neuen estnischen Regierung gehen könnte ...

Mittwoch, April 11, 2018

Das Apfelrätsel

Alte Livländer Apfelsorten: Ananas, Gravensteiner oder...
... Suisleper (rechts) - in einem Gartenbaubuch von 1884
Zuerst sah ich dieses Gemälde - vermutlich von dem Lithograph und Verleger Emil Hochdanz (1816-1885) gemalt. Als sehr naturgetreue Abbildung in einem alten Buch, Neuberts deutschem Garten-Magazin, erschienen 1884. Bildtitel: "Drei Apfelsorten, welche in der Nähe von Riga in grossen Quantitäten gezüchtet werden".  Das macht doch neugierig! Einer der drei hat einen ungewöhnlichen Namen: "Suisleper".

Ein Hofgärtner namens Kuphaldt soll sie den Buchautoren (nach München) per Post geschickt haben - 10 Apfelsorten zur Probe, dazu auch Zweige. Drei davon gelangen hier im Buch zur ausführlicheren Darstellung: der Ananasapfel, der Liefländer Gravensteiner, und eben dieser "Suisleper". Ein Apfel ähnlich dem "Cuisinot", urteilt der Buchautor, von ausgiebiger Röte - aber ohne weitere, nähere Beschreibung. Vielleicht kam damals ein Teil dieser Kuphaldtschen Postsendung zumindest dem Botanischen Garten in München zu Gute.

Wer heute den "Suisleper" sucht, findet ihn noch unter "seltene Apfelsorten", aber oft mit der Angabe "Herkunft unbekannt". Erst auf der "Biologie-Seite" fand ich Näheres - ein Zufall, dass der Betreiber ebenfalls aus München kommt? Hier ist unter dem Stichwort "Suislepper" folgende Notiz zu finden: "Ein Hr. Goegginger bezog die Sorte um 1907 vom Gut Suislepp, Dorpat (Estland), wohin sie aus Frankreich gekommen sein soll". Eine estnische Apfelzüchtung also? Beide Quellen, aus den Jahren 1884 wie 1907, geben die Herkunft aus Livland an, soviel kann als Zwischenergebnis festgehalten werden.
Abb. aus: "Eesti mõisaportaal"

Das zugehörige Gut (zum Apfel) zu finden, bereitet in Zeiten des Internets ebenfalls wenig Schwierigkeiten. "Vana-Suislepa mõis" - der Gutshof Alt-Suislepp" - befindet sich in der Gemeinde Tarvast bei Viljandi in Südwest-Estland. Paul I., Sohn Katherina der Großen und 1796-1801 Kaiser von Rußland, schenkte Suislep Baron Mengden, der das Gut (Neu-Suislep) 1799 für 28.000 Rubel an  Carl von Krüdener weiterverkauft haben soll. Alt-Suislepp blieb Staatseigentum.

Aber war der "Suisleper" eine Ausnahme? Ein seltener Fall eines nordischen Apfelsorte?  Es ist schließlich eine alte Ausgabe der "Baltischen Wochenschrift" (Ausgabe von 1876) in der sich eine ausführliche Übersicht zu den damals in Livland angebauten Apfelsorten befindet. Dort findet sich ein Bericht zur "Dorpater Obstausstellung" des Septembers 1875; hier sind die einheimischen Äpfel eingeteilt in Calvillen, Schlotteräpfel, Gulderlinge, Rosenäpfel, Taubenapfel, Rambour, Reinetten,  Streiflinge, Spitzäpfel und Plattäpfel - insgesamt 158 verschiedene Sorten! Unser "Suisleper" befindet sich dabei unter den Rosenäpfeln einsortiert, und auch die Abstammung von Sorten aus Frankreich ("Pfirsichroter Sommerapfel") wird hier bestätigt.
Aus Anlaß der genannten Obstausstellung besichtigte eine speziell hierfür gebildete Kommission 180 Gärten persönlich und erfassten 1800 Obstbäume, indem dort kleine Blechschildchen angebracht wurden. Sollte jemand also heute, beim Spaziergang in der Gegend um Tartu, Viljandi oder Otepää, solch ein Blech noch finden - dann muss es wohl ein alter "õunapuu" sein.

Mittwoch, Juli 27, 2016

Steuerfrei in die Muckibude

Gehören Sie auch zu denjenigen, die sich nach getanem Tageswerk noch träge, schlapp und faul fühlen und dies mit einem Stündchen Muskeltraining im Fitnessklub bekämpfen möchten? Einem Gesetzentwurf in Estland zufolge sollen zukünftig Arbeitgebern ihren Angestellten bis zu 400 Euro jährlich Zugang zu Fitnessklubs gewähren dürfen - steuerfrei. "Die Arbeitgeber werden mehr Möglichkeiten bekommen, etwas für die Gesundheit ihrer Leute zu tun," ließ sich Finanzminister Sven Sester zitieren (Baltic Times).

Eines der beliebtesten Volkssport-Events in Estland, Jahr
für Jahr: die Tartu Rattaralli (Tartu Marathon)
Es muss aber nicht die Muckibude sein: auch die Teilnahme an Volksport-Events oder die Beanspruchung eines Psychotherapeuten soll steuerabzugsfähig werden. Ausgaben bis maximal 100 Euro pro Quartal und 400 Euro jährlich sollen dann möglich anzurechnen sein. Dem Gesetzesvorschlag zufolge soll diese Regelung zunächst für 5 Jahre eingeführt und der Effekt dann zunächst evaluiert werden.

Vielleicht hat sich der gute Herr Sester die Idee in den USA abgeschaut; dort gilt allerdings noch zwei zusätzliche Vorbedingungen: steuerfrei ist die Fitnesseinlage nur dann, wenn sie erstens zum Ausgleich einer Gesundheits-Beeinträchtigung eingesetzt wird, und zweitens der Betroffene vor Beginn der Maßnahme NICHT schon Mitglied in einem entsprechenden Klub war (US Tax Center). In Kanada dagegen ist vor allem dann eine Steuerbegünstigung nicht möglich, wenn der Arbeitgeber die Möglichkeit grundsätzlich allen Angestellten zur Verfügung stellt (Gov.of.Kanada) - genau das aber wollen die Esten tun. In Australien dagegen ist die Regelung ähnlich, bis zu 300 Dollar an Ausgaben sind abzugsfähig (Australian Taxation Office). In Deutschland ist § 3 Nr. 34 EStG maßgebend: bis zu 500 Euro an "Leistungen des Arbeitgebers zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands" bleiben steuerfrei.

Ob die Esten hier ihren Fitnessklub-Besitzern unter die Arme greifen, oder sich nur dem international üblichen Standard anpassen wollen, bleibt indes vorerst unklar. Estinnen und Esten, bleibt gesund!

Samstag, Oktober 31, 2015

Der schönste Mann

Bei den Estinnen und Esten sind eher Präsdent Ilves und Ex-Regierungschef Andrus Ansip beliebt, bei Russen in Estland eher Edgar Savisaar oder Vladimir Putin - soweit, so wenig überraschend. Wer aber ist Märt Avandi? Das estnische Umfrageinstitut EMOR TS fragte nach dem idealen Mann - und dieser war der meist genannte. Außerhalb Estlands vielleicht noch nicht so bekannt, aber das kann sich vielleicht bald ändern.

Freund der Kinder, starker Partner für die Frauen - aktuell
beeindruckend auch für die Estinnen (Abb.: Zorro-Film)
Märt Avandi - der estnische Til Schweiger? In der Pressemeldung zur Umfrage (ERR) ist davon die Rede, die "durchschnittliche estnische Frau" bevorzuge intelligente, gutherzige Männer. Avandi - der Name klingt für Unwissende ein wenig nach Autovermietung oder Italo-Restaurant - könnte aber zumindest auch deutschen Filmfans bald ein Begriff werden. Avandi ist aktuell der Hauptdarsteller in der finnisch-estnischen Koproduktion "Miekkailija" ("Vehkleja"), der bereits im Juni auf dem Filmfest München zu sehen war und im Dezember unter dem Titel "Die Kinder des Fechters" auch in die deutschen Kinos kommt (siehe Trailer).In Deutschland sind der Bayrische Rundfunk und ARTE Partner, also in diesen Programmen wird der Film wohl auch Platz finden. Für Regisseur Klaus Härö ist dieser Film bereits die vierte Nominierung (Vorschlag) Finnlands für den besten ausländischen Film bei den US-Acedemy Awards (Oscars). Auf diese Weise - denn es ist ja der Vorschlag Finnlands - gibt es jetzt zwei estnische Kandidaten: der estnische Vorschlag ist "1944" (siehe Blog).

Märt Avandi spielte bereits auf den Bühnen der Theater in Rakvere, Pärnu und Tallinn, trat auch als Sänger, Moderator und Comedian auf.2009 bekam er am estnischen Schauspielhaus den "Großen Ants" ("Suur Ants") verliehen, ein Preis für die Rolle des Asaf in dem Stück „Because ehk mängud tagahoovis“ ("Because", oder "Spiele im Hinterhof"). 2013 bekam er den Oskar Luts Preis für Humor. Auch Gastgeber der TV-Show "Estland sucht den Superstar" war Avandi schon. Ein viel beschäftigter Schauspieler ist Avandi sowieso. Und glücklich verheiratet ist er auch - mit Ehefrau Liis-Katrin, Tochter des Musikers, Komponisten und Sängers Tõnis Mägi; zur Familie gehören noch Sohn Herman und Tochter Helmi.

Aber was kümmert das die Verehrerinnen, wenn er dennoch in Filmclips sich weiterhin so exklusiv präsentiert wie gegenwärtig als Werbefigur für das Kinderspektakel "Pardiralli" - in einer Badewanne, allein. Mit einem ernsten Hintergrund: Märt und Liis-Katrins erster Sohn Albert starb 2012 an Krebs - das Festival wird zugunsten der Krebsforschung und der Behandlung von Krebskranken veranstaltet. Die Avandis engagieren sich auch für die estnische Vereinigung der Eltern von Krebspatienten (Eesti Vähihaigete Laste Vanemate Liit). Da scheint die Vorbildfunktion doch vielfach verdient, sicher nicht nur in den Augen der estnischen Frauen.

Donnerstag, Mai 29, 2014

Schmutzige Schweizer

"In Spanien und Frankreich badet man im Dreck!" so schrieb diese Woche die Schweizer Boulevardzeitschrift "20Minuten". Und nicht nur das:  trotz dieser aufsehenerrregenden Überschrift muss im Text zugestanden werden, dass in Spanien 96,9% und in Frankreich 94,1% aller untersuchten Küstenbadestellen in Ordnung sind. Vielleicht wurde es den zuständigen Redakteuren an dieser Stelle zu langweilig, es folgt dann der Satz: "Am anderen Ende der Skala rangiert Estland, wo die Wasserqualität bei nur 6 Prozent der Badeorte in Ordnung" sei.

Das verlangt eine Nachfrage - vorausgesetzt, der Gedanke so weit im Norden Europas Baden zu wollen, ist für die empfindlichen Schweizer nicht gar zu verrückt. Die Datenquelle ist in diesem Fall der jährliche Bericht zur Qualität der Badegewässer in Europa, herausgegeben von der Europäischen Umweltagentur (EEA). Dort steht nachzulesen (sinngemäß aus dem Englischen übersetzt):
- 70% aller untersuchten Gewässer befinden sich in Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien
- Estland weist unter allen EU-Ländern tatsächlich den höchsten Prozentsatz an nicht adäquater oder mangelhafter Gewässerqualität aus: 5,7% (in Zahlen ausgedrückt allerdings nur 3 unzureichende von 53).

Auch einsame Strände mit guter Wasserqualität:
bald gehts wieder los mit dem Badespass
an der estnischen Ostsee (im Bild ein Strand
auf Saaremaa)
Eines ist also schon mal klar: nicht 6% saubere Gewässer sind in Estland zu erwarten, sondern 94,3%. Und auch Spanien und Frankreich fallen nur dann negativ auf, wenn man nur die Statistik aller 28 EU-Staaten liest. Unzureichende Gewässerqualität wird in Frankreich bei 3,5% und in Spanien bei 3.3% festgestellt - da dort zahlenmäßig viel geprüft wird, fallen die absoluten Zahlen auch hoch aus: in Frankreich 116 unzureichende Gewässer, in Spanien 71.

Wirklich bedenklich fallen aber die Ergebnisse für die Schweiz selbst aus - aus deren Sicht Franzosen, Spanier oder Esten eben nur deshalb "dreckig" sein können, da in der EU-Statistik die Schweiz nicht genannt ist. Wer den ausführlichen Bericht liest (auf der EEA-Webseite frei verfügbar), dem fällt schnell auf, dass 2012 noch 335 Gewässer in der Schweiz geprüft wurden, 2013 aber lediglich 167. Grund angeblich: 172 Gewässer wurden fürs Baden dauerhaft geschlossen.
von den 167 geprüften Schweizer Gewässern waren 37 nicht bewertbar, weil zu selten Proben entnommen wurden (das sind schon 22,2%!). So kommt es, dass der Bericht nur für 77,8% der Schweizer Inlandgewässer ausreichende Qualität bescheinigt (einer der niedrigsten Werte aller Länder!). Na, wenn das die "Schweizer Taktik" ist: bei Problemen die Gewässer für die Öffentlichkeit schließen, oder gar keine Proben nehmen ...

Die Probleme in Estland dagegen scheinen hauptsächlich zu sein, dass bei der geringen Gesamtzahl der Badeplätze einzelne "schwarze Schafe" schon mit einer statistitisch relativ hohen Zahl herausstechen (bei den Inlandgewässern 1 Gewässer, bei den Küstengewässern 2). Die Stellen mit unzureichender Badewasserqualität befanden sich in Alt-Pärnu, in Karepa an der Nordküste und am Anne-Kanal in Tartu. Kurzzeitige Probleme gab es auch in Kuresaare auf Saaremaa, dies wurde aber extremen Wetterbedingungen zugeschrieben, Badevorbote konnten nach einiger Zeit wieder aufgehoben werden.
Also: auf in die estnische Badesaison!

EEA Bericht Badegewässer in Europa    /   EEA Badegewässerbericht für Estland

Detaillierte Zahlen zu den einzelnen Messungen (estnisch)

Samstag, Mai 01, 2010

Immer trocken bleiben

Nachdem hier im Blog die Ergebnisse von Umfragen und die Umgangsweise damit plötzlich so populär geworden sind, möchte ich auch noch ein Beispiel dazu beisteuern. Da titelt der "Standard" in einem Beitrag vom 21.April 2010: "Österreicher Dritter im Kampftrinker-Ranking!" Nun gut, ob das eine Sensation ist, mögen andere beurteilen. Aber ein Satz in diesem Beitrag erregt doch unsere Aufmerksamkeit: "Den ersten Platz beim Alkoholkonsum belegten die Österreicher bei der Frage, ob man vier- bis fünfmal wöchentlich trinkt." - dann die Aufzählung verschiedener anderer Länder, und dann: "Schlusslichter waren Estland und Lettland".

Esten als Antialkoholiker?
Kann das sein? Die Esten trinken am wenigsten Alkohol in ganz Europa? Mir ist unbekannt, ob diese Untersuchung irgendwo auch in der estnischen Presse auftauchte. Vielleicht mit einer potentiellen Schlagzeile "Unsere Säufer sind gar nicht so schlimm - ganz Europa trinkt mehr!"

Da schauen wir also mal genauer hin. Basis dieser Umfragen und Zahlen ist eine EU-Studie zum Thema "Einstellungen der EU-Bürger gegenber Alkohol", durchgeführt im Oktober 2009 von TNS Opinion & Social, veröffentlicht im April 2010.
Wer die ganze Studie liest, könnte auch 25 andere kleine Zeitungsbeiträge schreiben, alle mit anderen Schlagzeilen (und ein paar herausgepflückten Prozentzahlen), jeweils gemünzt auf ein anderes Land (gute Einkommensquelle für Journalisten?).
Ein paar Beispiele:
- Dänemark hat prozentuell den höchsten Anteil an Alkoholkonsumenten (93%)
- In Portugal und Italien trinken nur 58% bzw. 60% der Menschen überhaupt Alkohol, ein hoher Anteil dieser Alkoholkonsumten trinkt jeden Tag.

Der Freitag wartet
Was die baltischen Staaten angeht, so liegt ein Teil der Antwort im "Trickreichtum" der Fragen. Auf die Frage "Haben Sie in den vergangenen 30 Tagen Alkohol getrunken?" antworten in Lettland 77% mit JA, in Litauen 74% (niedrigste Rate in Europa). Estland liegt mit 81% nicht viel darüber. Täglich trinken davon nur 4% der Esten (2% Letten, 1% Litauer), was aber nur bedeutet, dass sich alles auf 1-3 Tage konzentriert (59% der Esten). So zusammengemixt, sind in diesem Punkt auch die Esten europäische Spitze!

Interessant zu lesen ist eine Definition für "Besäufnis" - das sei der Fall, wenn mehr als 5 Getränke an einem Tag getrunken werden. Das geht in Richtung "Komasaufen", und hier liegt Deutschland mit vorn (36% tranken mindestens einmal die Woche mehr als 5 Drinks, genauso viel wie in Österreich). In Estland liegt dieser Prozentsatz nur bei 18%, in Lettland sogar nur bei 11% (niedrigster Wert in Europa).

Gasttrinker
Bei den Finnen übrigens (welche ja oft in Estland zu Gast sind) ist der Prozentsatz derjenigen europaweit am höchsten, die glauben das Alkoholkonsum durch massive Preiserhöhungen erheblich zu senken sei. Aber auch hier interessant, welche Zahlen man zitiert: 52% der Finnen glauben angeblich an die Wirksamkeit einer solchen Maßnahme, aber wieviele Prozent sagen, sie würden selbst weniger kaufen, wenn sie realisiert würde? Lediglich 24%.

Die Aussage aus dem Zeitungsbeitrag war trotz Bemühen zwischen den Zahlen des tatsächlichen Untersuchungsergebnisses so nicht wiederzufinden. Die Umfrage ist also die eine Sache, was man draus macht meist eine andere.

Montag, Januar 28, 2008

Estnisches

Nicht mehr nur als Land des E-Voting und der verbreiteten Internetnutzung findet Estland in der deutschen Presse Erwähnung. Hier einige Beispiele der vergangenen Woche.

"Anna-Lena kommt von Estland nicht mehr los", schrieb das "Wiesbadener Tagblatt" am vergangenen Samstag. 11 Monate lang leistete eine 21-jährige Chemiestudentin aus dem Rheingau in einer estnischen Einrichtung für geistig Behinderte Freiwilligendienst, und die heimische Presse berichtet darüber. "Wie herzlich die Menschen zu mir waren, auch wenn ich mich nicht verständigen konnte, wie selbstverständlich ich in ihre Gemeinschaft aufgenommen wurde, das werde ich nie vergessen," so zitiert sie die Presse. Jedenfalls wurden in den vergangenen Monaten über Erfahrungen in Estland viele Berichte geschrieben - von den Printmedien bis zu persönlichen Blogs.

In Estland verdienen Frauen wenig - eine erstaunliche Feststellung? Mehrere Medien berichteten über entsprechende Studien und einen Bericht der EU-Kommission. Danach soll der Arbeitslohn in Estland für Frauen um 25% niedriger ausfallen als für Männer. Der EU-weite Schnitt liegt bei 15%, für Deutschland werden 22% ausgewiesen. Ebenfalls interessant: EU-weit sind 32,6% aller Managerstellen mit Frauen besetzt, in Deutschland sind es 27,4%. Hier liegen Estlands südliche Nachbarn Lettland und Litauen vorn: 40% weibliche Manager!

Allergieresistenz ist der Gegenstand von Forschungen schwedischer Wissenschaftler. Menschen in Estland haben sie, bei Menschen in Schweden steigen die Allergien jedoch immer weiter. Warum? Über entsprechenden Fragestellungen berichtet der "Technology Review" bei HEISE.DE. Vorläufige Hypothese: Allergien steigen bei einem weitgehend sterilen Lebensstil an. Um eines braucht man sich also offenbar in Estland keine Sorgen zu machen: um ein funktionierendes Immunsystem.

Was sonst noch? Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Estland hat eine Botschaft in der virtuellen Welt "Second Life" eröffnet. Das entspricht dann doch wieder dem Klischee - oder dem virtuellen Wunschbild, wo doch auch schon manches andere garstige Filmchen im Internet zu bewundern ist, wo Estland nicht so gut wegkommt. Das können die amtlichen estnischen Stellen nicht so stehen lassen. Und nicht nur das: der reale Botschafter Margus Laidre hielt in der virtuellen Botschaft eine reale Vorlesung. Und teilte sie danach per Presseerklärung der realen Jounalistenwelt mit - falls jemand im "zweiten Leben" keine Aktien drin hat. Thema des Vortrags: "Erinnerung an die Zukunft". An Erich von Däniken und seine landenden Marsmännchen dachte er dabei wohl nicht - aber vielleicht fühlen sich die Esten außerhalb Estland schon manchmal ein wenig zu (virtuell) abgedreht. Ein Satz aus Laidres Vortrag:
"For small countries it is crucial to be visible in the everchanging world." Nur virtuell nicht mit real sichtbar verwechseln, das könnte vielleicht helfen - so "everchangable" die Welt in diesem klimagewärmten Januar 2008 auch ist.

Infos:
Bericht zu berufstätigen Frauen bei AFP

Bericht zu berufstätigen Frauen bei FOCUS-online

Bericht Wiesbadener Tagblatt

Bericht über Allergieforschung in Schweden

Margus Laidres Vortrag bei "Second Life" (offizieller Text)