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Donnerstag, Juni 11, 2020

Coranse Brilon

Hansetage Brilon 2020 - die Besucherbank
blieb leer - und das virtuelle Notprogramm
war dafür kein Ersatz 
Die Briloner Waldfee war einer der Gäste zu den Internationalen Hansetagen in Tartu 2005, in Pärnu 2010 ebenfalls - aber ob Estinnen und Esten damals wussten, wo dieses Städtchen überhaupt zu finden ist? Zum Hansetag 2015 in Viljandi schickten die Sauerländer einen Trupp Jagdhornbläser. Auch 1992 fand in Tallinn schon ein Hansetag statt - und damit wären es insgesamt vier Gelegenheiten für die Briloner gewesen, estnische "Hansepartner*innen" zu besuchen.

Die Gelegenheit für Estinnen und Esten, die Stadt der Wälder und der Esel (Wappentier!) zu besuchen, musste für 2020 aufgegeben werden.Der Internationale Hansetag, geplant für den 4.-7. Juni 2020 in Brilon, fiel weitgehend aus.

Erstaunlicherweise war für genau dasselbe Wochenende auch in Viljandi ein Hansetag geplant - der ebenfalls ausfallen musste. Im Gegensatz zur internationalen Variante, wo schon über 10 Jahre vorher die Gastgeber*innen feststehen, findet der "Hansetag" in Viljandi jedes Jahr am ersten Juniwochenende statt, die Interessierten können auf 2021 vertröstet werden. Gleichartiges gilt auch für Pärnu oder Tartu, wo der örtliche Hansetag im Juli begangen wird. Da liegt für Est*innen und Esten vermutlich näher, den Ausfall ihrer estnischen Hansetage zu bedauern, als eine Fahrt nach einer unbekannten deutschen Kleinstadt zu wagen. Und auch das estnische Wikipedia kennt nur die vier Hansetage (Hansepäevad) seit 1992, die in Estland stattgefunden haben. Und "Visitestonia" bewirbt, selbstverständlich, ebenfalls nur Ereignisse innerhalb Estlands.

Tja, von einem Land aus gesehen, wo die Ostsee "Westsee" heißt, reicht der hanseatische Blick wohl vor allem bis Lübeck und Stralsund, vielleicht noch bis Hamburg. Wollen wir etwas estnisch üben? "nagu ikka hansalaat" spricht nicht etwa abwertend von der momentanen Krise ("so ein Salat"?), sondern meint schlicht: "Wie immer hanseatisch".

Der Briloner Bürgermeister, wohl kraft seines Amtes, hat da eine andere Wahrnehmung. „Je länger wir uns von 2020 entfernen, umso historischer werden diese ersten virtuellen Hansetage werden“, so läßt sich Brilons Bürgermeister zitieren ("Sauerlandkurier"). Nun ja, lieber Herr Bürgermeister: so geht das grundsätzlich mit allen Ereignissen.

Esel in Brilon - ein Nutztier
mit Tradition
Oder vielleicht ist es ja gar nicht richtig, dass von Estland aus Brilon nicht bekannt ist? Wir entdecken merkwürdige Berichterstattung der deutschen Lokalpresse. "Litauerinnen und Estländerinnen haben großen Anteil an Gewerbeanmeldungen von Ausländern in Brilon" - so eine Schlagzeile. Von 399 Gewerbeanmeldungen sollen 2016 demnach allein 100 aus Litauen und Estland gewesen sein. In diesem Zusammenhang erfahren wir erstaunt, dass es im katholischen Brilon gleich drei Bordelle gibt, und die hier gezählten Personen sind offenbar fast ausnahmslos Prostituierte. 

Nein, es gibt Themen, die Brilon offenbar unangenehme Fragen erzeugen. So auch, dass 1938 bei den Reichtagswahlen 95,5% der Briloner für die NSDAP stimmten. Auf einem Gedenkstein nahe der Innenstadt steht ist der Satz zu finden: "am 9.November 1938 wurde die Synagoge bei den folgenschweren Ausschreitungen durch ein Feuer zerstört." Wundersam, wundersam. Der Gedenkstein wurde übrigens nicht durch die Stadt Brilon aufgestellt, sondern durch eine Vereinigung der Stadtführer*innen. Nüchtern beschreiben die Tafeln, dass die Ruinen "anschließend abgetragen" wurden, und man erfährt auch, dass nach dem Synagogenbrand 15 Männer verhaftet wurden - allesamt Juden, 11 davon landeten im KZ (Wikipedia). 


Sie meinen, dass alles gehört nicht zum Thema Hansetag? Nun ja, wir stellen zunächst nur fest: dies alles ist sichtbar für Menschen, die mit offenen Augen durch Brilon laufen. Und bei einer Durchführung der Hansetage hätten das ja wohl Zehntausende Besucher*innen gemacht. Nein, wir behaupten ja gar nicht, dass in dieses Bild auch die Musik-CD passt, die von den Briloner Verantwortlichen in "Überraschungstüten" am 7.Juni ausschließlich an Autofahrer verteilt wurde: 17 Mal Marschmusik, Blasmusik und Jagdfanfaren. Oder, anders gesagt: Tirol, Böhmen, Bayern, Alpenglühen - umgearbeitet für Sauerländer Ohren. Wir ahnen: irgendwie stellten sich die Eselstädter einen Hansetag einfach wie ein ziemlich großes Schützenfest vor. 

Und wie stellen wir uns den nächsten Internationalen Hansetag vor? Verschoben werden konnte nichts, denn die jährlichen Ausrichter stehen ja bereits seit vielen Jahren fest. Die Wiederholung einer "Coranse" wünschen wir niemand. Was ein "digitaler Hansetag" ist, und ob es auch interaktive digitale Angebote geben kann, das werden die Hanse-Aktivisten ja noch lernen. 2021 werden die estnischen Hansestädte es leichter haben, in Riga teilzunehmen (und vermutlich nicht mehr parallel eigene Hansetage planen). 

Eindrücke Hansetage 2020, Teil 3
Eindrücke Hansetage 2020, Teil 2
Eindrücke Hansetage 2020, Teil 1

Montag, Juni 17, 2013

Hanse in Herford: die Zukunft sei Wirtschaft

Gut vorbereitet zum Hansetag:
Sprachenkundige Souvenirverkäufer
Treffen der Hansestädte. Da sind Tallinn, Pärnu, Narwa, Tartu und Viljandi dabei - ebenso wie Riga, Danzig, oder in Deutschland Stralsund, Wismar oder Rostock. Ach, und nicht zu vergessen auch Lübeck - denn der "Städtebund Die Hanse" - wie sich die neue Vereinigung nennt, deren gemeinsame Hansetage zunächst in den 1980er Jahren in den Niederlanden, Deutschland und Schweden, danach auch wieder rund um die Ostsee stattfinden, hat sich eine Satzung gegeben der zufolge Lübeck immer den Präsidenten stellt. Wenigstens über diese neue Hanse darf Lübeck präsidieren, wo die Stadt doch sonst manches der früheren Bedeutung verloren ging. So aber darf Bernd Saxe, als gebürtiger Westfale in Lübeck exakt genau so lange im Bürgermeisteramt wie die Bestimmung des Hansebunds zur automatischen Präsidentschaft Lübecks gilt, Jahr für Jahr Hansetage eröffnen. Diesmal also in Herford.

Nicht wundern, wen solche Menschen
im Stadtbild überraschen sollten:
es ist Hansetag.
Lübeck voran! 
Einer von vier Stellvertretern Saxes, die sich einer Wahl durch die Versammlung der Städtedelegierten stellen müssen, ist Manfred Schürkamp, seines Zeichens Stadtkämmerer und Genußmensch, beim Hansetag offenbar unverzichtbarer als der Herforder Bürgermeister. Zusammen mit Marion Köhn als Vertreterin der Wirtschaftsförderung Herford wurde die Herforder Seite nicht müde, zwei Dinge zu betonen: erstens habe "der Herforder" sich inzwischen gut mit der Idee der Hanse vertraut gemacht, zweitens sei man gerade dabei endlich auch die Wirtschaft einzubeziehen. Gut, was das Erste betrifft, in der Herforder Lokalpresse war nachzulesen dass die Stadt die Ortseingangsschilder nun umgerüstet hat: ab sofort heißt es nun: "Hansestadt Herford"! Weniger willkommen war der einheimischen Wirtschaft die deutliche Erhöhung der Standgebühren an diesen Tagen: traditionell wurde gleichzeitig das "Hoeker-Fest" und parallel auch noch ein "Weindorf" angeboten. Die Hansetage - durchaus das Herforder Highlight des Jahres also.

Drei Hansebund-Präsidiumsmitglieder:
Bernd Saxe (links), Manfred Schürkamp (rechts)
mit Inger Harlevi von der Traditionsstadt Visby
auf Gotland
Allein gestellt?
Ob bei den vorangegangenen 32.Hansetagen sich die Wirtschaft tatsächlich irgendwie vernachlässigt vorgekommen ist - mir als Besucher erschließt sich das nur aus Sicht der Herforder Wirtschaftsförderung. Noch letztes Jahr in Lüneburg kann ich mich erinnern, dass es bei einem rundrum gelungenen Festival der Hansekulturen auch riesige Sponsorenflaggen gab, deren Größe die Kennzeichnung der Wegzeichen und des Bühnenprogramms weit überragte. Als erstes hoffe ich also - egal was die Herforder Wirtschaft, die offensichtlich eine "Inspiration" gut gebrauchen kann sich erhofft - dass die Hansetage der Zukunft nicht völlig von Verkaufszwang und Konsumrausch überrollt werden. Und in Kenntnis der vielen Netzwerke rund um die Ostsee, von denen viele bezogen auf die Wirtschaft sind (von den Außenhandels-Handelskammern über das "Baltic Sea Forum" und das "Baltic Development Forum" bis sogar zum "Hanseparlament" - um nur die größten zu nennen) klingt die Antwort auf die Frage, warum gerade in Herford noch etwas völlig neues - nach eigenen Worten ohne vorherige Analyse der bereits bestehenden Netzwerke - gegründet werden muss, etwas dürftig. Von einem "Alleinstellungsmerkmal" war die Rede (klingt englisch abgekürzt noch bedeutungsvoller: USP). Nach einer gewissen Anlaufzeit, wo sich manche in der neuen "Wirtschaftshanse" vielleicht noch mehr Kontakte und zusätzliche Finanzmittel versprechen wird sich zeigen müssen, wer am Ende allein gestellt stehen bleibt.

Aitäh, Estland!
Mir gefällt an Hansetagen vor allem die kulturelle Vielfalt. Es dürfen auch fremde Sprachen, Speisefolgen und ungewohnte Ideen des Miteinanders sein! Auch die hätte ja bessere Förderung nötig! Und wieder einmal überrascht, wie stark Estland präsent ist. Fragt in Tallinn, Tartu, Pärnu oder Viljandi denn niemand, warum Geld für reisende Künstler, Kunsthandwerker und Touristikfachkräfte ausgegeben werden muss um in Herford ("Kuhu te peate kogunema?") dabei zu sein? Estland präsentierte sich frisch, frech, bunt und vielseitig.
Altes und Neues als Hansetags-Mischung:
so präsentierte sich Herford optisch 
Ein Vergleich mit den lettischen Nachbarn bietet sich ja immer an. Die hatten vielleicht dieses Jahr zwei Handicaps: das große lettische Sängerfest steht Anfang Juli direkt bevor (wer kann sich da Extra-Reisen leisten?), und es wird in ein paar Wochen auch noch ein Deutsch-Lettisches Partnerschaftstreffen geben (in Melle bei Osnabrück). Aber auch das Motto der Aktivitäten war unterschiedlich: traten die Letten bewußt mit "Labi, ka reiz bija ta" (Gut wie es einst war) als ins Bild gesetzte Vergangenheit auf (Volkslieder und Tanz, wie inzwischen allen Lettland-Besuchern bekannt), so mischen die Esten ihre Traditionen neu auf. Da wird zwar handwerklich gefilzt, geschmiedet und gebacken, doch was präsentiert wird darf auch nach "neu" aussehen schmecken. Der Eindruck liegt nahe: Estland, ein Land für moderne Trends und junge Leute.

Mit etwas Glück bekam man es
in Herford zu Trinken:
spezielles Hansetags-Wasser
Offen und spontan: auch das ist Hansetag!
Auch musikalisch wich der estnische Beitrag der Band "PAABEL" durchaus etwas ab vom sonst oft verwendeten Hanse-Motiv der Shantychöre und Volkstänze: hier werden Jazz, beliebte Melodien, E-Gitarre, Saxophon, Dudelsack und Mundorgel gespielt, und da passt es hinein, wenn der Schlagzeuger oder der Gitarrist mal sein kreatives Solo auf ein paar Minuten ausdehnt. Hier zeigt sich auch ein Vorteil von Herford, den Lüneburg (gezwungenermaßen) nicht hatte: Lüneburg hat so viele Denkmalschutzbestimmungen, dass strenge Vorschriften für den Bühnenaufbau und die Aufführungen und Präsentationen gelten mussten. In Herford war das offensichtlich anders: so konnte auch PAABEL nach dem offiziellen Auftritt schnell noch einen "inoffiziellen" Nachschlag ankündigen und die eigene Anlage in der Nähe des Viljandi-Standes auf einer Freifläche aufbauen. Ein Auftritt mitten im Publikum! Was kann sich ein Musiker besseres wünschen, als umgeben zu sein von begeisterten, mittanzenden und laut Beifall klatschenden Menschen!
Mitreissende Auftritte unterm Hanselogo:
PAABEL aus Estland
Das bleibt als Frage durchaus an die Organisatoren des Hansetags-Bühnenprogramms stehen: der Gegensatz zwischen den Interessen der auf "das gewohnte Wochenend-Verhalten" beharrenden Einheimischen und den "Kultur- und Länderfans" (so wie ich), die sich durchaus nicht einfach beim Bier oder Kaffee und Kuchen von "irgendwas" berieseln lassen wollen. Jedes Jahr muss es ein sogenanntes "musikalisches Highlight" sein - die Herforder Presse stellte also die Auftritte von Manfred Mann (den gibts auch noch!) und Roman Lob (den gibts immer noch!) heraus. Für die Steigerung der Besucherzahlen und des Getränkeumsatzes mags gut sein. Für den anderen Teil der Veranstaltung, der sich Hansetag nennt, und wo es auch neue Städte und Regionen zu entdecken galt, da ist es wichtig dass hier jedem gratis etwas Käse, Brot und Bier gereicht wird und alle sich zusammen wohlfühlen (kurzer Estnisch-Kurs inbegriffen!).
Außer den weißen Papierschiffchen waren
Infostände aus Pappe und diese
umgestalteten "Ruhezonen" ein Hinweis auf
eine gewollte Verknüpfung zur Recycling-Idee

"Ehrbar" in die Zukunft
Was bleibt also als Bilanz? Hansetage in Städten, bei denen nur wenige ihre Verbindung zur historischen oder neuen Hanse ahnen, werden wohl immer etwas anders verlaufen. Es gab Sprüche in den Herforder Presseerklärungen und in der Lokalpresse wie "Herford als Vorreiter für Europa und die Welt"! (siehe bsw. Westfalen-Blatt). Auch die Rede davon, dass in der neuen "Wirtschaftshanse" nun "ehrbare Kaufleute" sich zusammentun (Zitat aus dem sogenannten "Kodex": "Es gibt ein Wort für Handel, Vertrauen, Qualität und Zuverlässigkeit: Wirtschafts-HANSE"), wird andere, die bereits seit Jahren und Jahrzehnten im Ostseeraum vernetzt sind wohl eher Stirnrunzeln ins Gesicht treiben - konsequenterweise haben sich bei näherem Hinsehen neben der agilen Herforder Wirtschaftsförderung auch zunächst mal nur Städtevertreter aus eher "Ostsee-fernen" Ländern hier zusammengetan: England, Frankreich, die Niederlande und - Deutschland und Polen, von denen beide bekannt ist, dass sie den Ostseefragen eigentlich keine überregionale Bedeutung beimessen. Ob das mit dem Logo "ehrbarer Kaufmann" nun besser geht? Zu hoffen bleibt, dass am Ende nicht wieder - wie kürzlich in der Finanzkrise - die Wirtschaft vom Volk vor den eigenen großspurigen Ideen gerettet werden muss (Stichwort: Steuergelder für Bankenrettung).
Die bunte Kultur der Hansestädte wird hoffentlich erhalten bleiben: auch aus estnischer Sicht. Ebenso die Vielfalt an Sprachen und Kulturen, die gerade auf den bisherigen Hansetagen noch nicht gleichmäßig über den einen (kommerziellen) Kamm geschoren scheint. Ein Fest auch für Individualisten mit ausgefallenen Hobbys.

Mehr (auch ganz ehrbar Hörbares) zum Hansetag Herford gibt es in der Sendung der "Baltischen Stunde" am Dienstag den 2.Juli ab 19 Uhr bei Radioweser.tv (auch per Livestream).
2015 findet der Internationale Hansetag dann wieder in Estland statt: in Viljandi. Falls Sie Lübeck 2014 übersehen sollten: die Musiker/innen von PAABEL warten schon!

Infos: Hansetag Herford / Die Wirtschaftshanse / Einladung "Hanse-Business-Forum" / Städtebund "Die Hanse" / Hansestädte Tallinn, Narwa, Viljandi, Tartu, Pärnu

Eindrücke von den Hansetagen Herford in bewegten Bildern:

Film 1 (Lettland) / Film 2 (Lettland) / Film 3 (Lettland)
Film 4 - Film 5 - Film 6 - Film 7 (PAABEL in Konzert, Tanzgruppe "Vabajalg")

Freitag, Juli 06, 2012

2012 waren wir in Lüneburg ...

Die Internationalen Hansetage 2012 fanden rund um das vergangene Wochenende in Lüneburg statt, seit 1412 zum 600.mal. Allerdings heisst die veranstaltende Vereinigung inzwischen "Neue Hanse", 1980 neu gegründet, mit - nach eigenen Angaben - inzwischen 176 Mitgliedsstädten. Hier im Blog waren unter anderem Bilder vom Hansetag 2006 in Osnabrück zu sehen. "Jedes Jahr werden es mehr Teilnehmer" meint Lüneburgs OB Ulrich Mädge, "und bis ins Jahr 2038 haben wir schon Voranmeldungen der Ausrichterstädte".
Nach Pärnu 2010 und Kaunas 2011 tourt das Hanseanliegen nun noch ein paar Jahre durch Deutschland: 2013 wird das westfälische Herford an der Reihe sein, 2014 Lübeck, bevor es 2015 wieder nach Viljandi in Estland gehen wird.

Estnische Gäste in Lüneburg:
Piret Aus und Ülle Jantson
Ein paar Eindrücke vom Hansetrubel: erstaunlicherweise wirkt die Lüneburger Altstadt fast zu groß, um die Massen aufzunehmen. Zwar gab es einzelne Abschnitte, wo sich die einzelnen Städte Zelt an Zelt darstellten, aber dazwischen fanden sich auch immer Straßen, die entweder völlig leer, oder die eben den üblichen Einkaufsrush zu bieten hatten: die Hansetage waren als verkaufsoffenes Wochenende gestaltet - was vermutlich auch denen entgegen kam, die neben ihrem musikalischen Gastauftritt auch noch dringende Besorgungen ins Auge gefasst hatten.
Lederhandwerker aus Tartu
Dabei gab es mehrere mögliche Auftrittsformen für die Gäste: teilweise etwas abseits, von Sperrgittern abgeschirmt, und auf deutlich angehobener Ebene fast über den Köpfen der Gäste waren die großen Bühnen angeordnet. Während hier morgens die zarten Töne einer Kannel sich Geltung zu verschaffen versuchten, sang nachmittags im selben Setting Mary Roos mit Band, und abends rockten hier Ted Herold und Geier Sturzflug. Zudem waren auf den verschiedenen Bühnen nicht immer Moderatoren im Einsatz (in schlichter Funktion als "Ansager" hätte gereicht), so dass diejenigen Bühnen, wo solcher Service zuverlässig vorhanden war, besonders angenehm wirkten (sicher auch für Deutsch-unkundige Gastmusiker). Aber es gab auch immer wieder "Musik am Zelt" - Musiker/innen unterstützten den Auftritt ihrer Stadt - und das kam immer gut an. Und nur die wirklich großen Bühnen waren so abgeriegelt und vom gemeinen Publikum etwas abgehoben - alles anderes mischte sich bunt durcheinander: Musiker, Gäste, Kunsthandwerker, Städtepräsentationen und spezielle Vorführungen. Estnische Beteiligung gab es auch bei "HanseArtWorks", einer Ausstellung künstlerischer Arbeiten (aus Pärnu Janno Bergmann, aus Tallinn Siim Tanel Annus, aus Tartu Markus Kasemaa und aus Viljandi Priit Pangsepp). Und auch beim "Hanse-Hornfest" gab es kräftige Unterstützung aus Estland.

Erstaunlich, wie oft in den Altstadtstraßen von Lüneburg Menschen anzutreffen waren, die bereits mehrere Hansetage besucht hatten. Vielleicht sind dies gerade die Menschen aus kleineren deutschen Hansestädten, die diese Möglichkeit als Treffpunkt und Möglichkeit zum Kennenlernen und Austausch gerne wahrnehmen. So ist es 2013 dann Herford, eine international sicher nicht allzu bekannte Stadt, die als Veranstalter der nächsten Internationalen Hansetage die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird.

Piret Aus und Ülle Jantson from Albert Caspari on Vimeo.

mehr Fotos

Webseite Hansetage Lüneburg

Dienstag, Mai 08, 2012

Lüneburg bereitet sich auf Hansetag vor

"Wer das verpaßt, muss 176 Jahre warten, bis wir zum nächsten Mal mit der Ausrichtung an der Reihe wären!"







So selbstbewußt wirbt eine Mitarbeiterin des Projektbüros "Hansetag" in Lüneburg (der Partnerstadt von Tartu) im Norddeutschen Fernsehen (siehe Clip)
Der Hansetag feiert vom 28.Juni bis 1.Juli 2012 in Lüneburg sein 600-jähriges Jubiläum. Der erste Hansetag in Lüneburg fand 1412 statt. Näheres zum Ablauf und Programm:
Programminfos als PDF   --- Webseite des Hansetags in Lüneburg

Sonntag, Juni 27, 2010

Hansetreffen auf estnisch Art

Viele kennen die Hanse auch dem Geschichts- unterricht - im Mittelalter war es ein bedeutender Zusammenschluß von Städten, die vor allem übers Meer und vor allem an der Ostsee Handel betrieben. Eigentlich als "Vereinigung niederdeutscher Kaufleute" gegründet und betrieben, gibt es heute auch ein anderes Hanseverständnis, das sich weder auf nur eine Nationalität noch auf nur ein Land beschränkt: der seit 1980 wieder ausgerichtete HANSETAG bringt Menschen aus Städten "zwischen Aberdeen und Nowgerod, zwischen La Rochelle und Bergen" zusammen und ist per im Jahre 2000 beschlossener Satzung inzwischen, modern ausgedrückt, eine NGO (Nichtregierungsorganisation).
Ob Wirtschafts- verträge und Standesdenken heute weiterhelfen würden wie es in geschichtlichen Zeiten üblich war, das bleibt dabei eher unklar. Klar ist seit 1980 aber, dass der alljährliche Hansetag die Möglichkeit geben soll, "Tradition und Geschichte sowie ihre kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung einer großen Öffentlichkeit in geeigneter Form darzustellen" (§9 der Satzung). Kleiner Nachteil: die Ausrichter müssen die Kosten der Veranstaltung selbst aufbringen. 
Dennoch sind auch die zukünftigen Ausrichter bereits viele Jahre im voraus festgelegt. Schon 1992 war es Tallinn, 2001 Riga, 2005 Tartu, und am Wochenende 24.-27.Juni 2010 Pärnu (2015 wird es dann Viljandi sein).

Besonders aktiv von deutscher Seite zeigen sich bei den "neu-hansischen" Aktivitäten die mittelgroßen und die kleineren Städte. Seit 1980 gab es bereits Hansetage in Dortmund, Duisburg, Köln, Hamburg und Osnabrück, aber auch in Lübeck, Neuss, Braunschweig, Wesel, Münster, Stade, Soest, Frankfurt/Oder, und Lippstadt. 2008 war mit Salzwedel die bisher kleinste deutsche Stadt Veranstalter (25.000 Einwohner). Neben der Organisation "Die Hanse" besteht parallel eine Jugendorganisation ("Youth Hansa").

Dem Teilnehmerverzeichnis des Hansetages 2010 in Pärnu zufolge nahmen 34 Delegationen deutscher Städte - von Alfeld/Leine bis Wismar in diesem Jahr in Estland teil. Dem entsprechend relativ groß ist auch die Aufmerksamkeit in vielen deutschen Regionalmedien: in Städten wie zum Beispiel Lippstadt, Halle, Hamm, Lemgo, Kyritz, Salzwedel, Attendorn, Lüneburg, Herford gab es bereits Vorabberichte über die Planungen und Aktivitäten. Zu erwarten ist also, dass sich aus diesem Anlaß auch wieder viele neue Verbindungen und Kontakte zwischen Deutschland und Estland knüpfen ließen.

P.S.: auch das "Publik-Viewing" (öffentliches Fernseh-Schauen) des Spiels Deutschland-England war in Pärnu gesichert, wie aus diesem Bericht der Rheinischen Post über die Delegation aus Kalkar deutlich wird.


Mittwoch, Juni 21, 2006

Nachtrag Hansetage in Osnabrück


Natürlich waren die Hansetage in Osnabrück erfolgreiche Werbung für das Reiseziel Estland. Hinter der Vertretung Tallinns standen zum Beispiel die Mitarbeiter von "Olde Hansa", die mittelalterliche Produkte und Dienstleistungen anbieten.
Die Musik aus Narva wurde dagegen von den Schülern der örtlichen Musikschule geboten. Angereist mitsamt einem passionierten Lehrer. Aber das hat Tradition in Osteuropa. Einer der Musiker ist Michael Nikitin (Jahrgang 90) mit eigener Homepage. Im Gegensatz zu den anderen estnischen Städtevertretern waren hier auch einige der russischsprachigen Minderheit dabei. Selbstbewusst haben sie ihre Stadt Narva präsentiert. Und an der Zugehörigkeit zu Estland keinen Zweifel gelassen. Peinlich war eher meine Frage, ob sie auch an den nationalen jährlichen Chor- und Musikwettbewerben teilnähmen. Natürlich. Aber aus alten Reflexen habe ich die Frage gestellt. Auf die Trennung zwischen Esten und Russen kommen nur wir Auswärtigen zu sprechen. Hier bei den Hansetagen standen Narva, Viljandi und die anderen zusammen. Die russischen Vertretungen waren tatsächlich an anderer Stelle in Osnabrück.

Samstag, Juni 17, 2006

Esten nach zwei Hansetagen in Osnabrück


Nun sind die Esten schon mehr als zwei Tage in Osnabrück. Wegen der Hanseverbindung steht das Mittelalter im Vordergrund. Seltsame Spiele treiben sie, oder versuchen mannesgemäße Unterhosen zu verkaufen. Besonders die Vertreter von Tallinn.

Am Ende wundert sich mancher: Wieviel Saku Originaal habe ich eigentlich getrunken?

Vielleicht wäre ab und zu ein Trockenfisch dazwischen besser gewesen.

Freitag, Juni 16, 2006

Esten in Osnabrück


Die Hansetage haben begonnen und die Medien waren auch gleich dabei, hier nochmal beim Stand von Viljandi.






Und was bringen die Esten aus der Hauptstadt Tallinn mit:
Vana Tallinn (den berüchtigten Likör)
Saku Originaal (Bier)
und Valge Viin (Vodka)

Und dann die Vorstellung der über 100 teilnehmenden Städte vor dem Rathaus (links) der Stadt Osnabrück:

Donnerstag, Juni 15, 2006

Hansetage in Osnabrück



Heute geht's los, aber alles ist noch im Aufbau begriffen, in Osnabrück. Hier die ersten Eindrücke vor dem offiziellen Marktbeginn um 18 Uhr und den weiteren Veranstaltungen.
Tallinn und die anderen estnischen Städtevertreter werden noch dazukommen.

Donnerstag, Juni 08, 2006

Was haben wir vor 15 Jahren getrunken?


Vielleicht das hier. Etwas für Ostalgiker - Das Etikett zwischen Unterlagen wiederentdeckt, ein Bier aus der Eksperimentaal- olletehas
(Brauerei)
Mal schauen was die Esten übernächstes Wochenende zu den Hansetagen in Osnabrück mitbringen werden. Hier bald mehr darüber.

Update am 12.06.2006
Tallinn, Tartu, Pärnu und Viljandi werden mit eigenen Ständen in Osnabrück vertreten sein. Was sie aber mitbringen und veranstalten haben sie der Stadt noch nicht verraten.

Montag, April 03, 2006

Estland und die Neue Hanse in Osnabrück


Die Vorbereitungen auf die Hansetage im Juni in Osnabrück schreiten voran.Hier das große Banner mit den Mitgliedern der Neuen Hanse. Ein Programmpunkt aus estnischer Sicht steht schon fest. Der Dirigent Tonu Kaljuste wird das Osnabrücker Symphonieorchester bei einem Konzert im Theater leiten.
Heutzutage werden die positiven Seiten der historischen Hanse betont, dass aber die Hanse auch anders gesehen werden kann, dazu gibt es bereits einen älteren Beitrag im Estlandblog.

Freitag, Juli 08, 2005

Von Tartu nach Osnabrück - Die neuzeitlichen Hansetage


Die Hansetage kommen nach Deutschland. Jedes Jahr darf ein Mitglied des ehemals mittelalterlichen Städtebunds die moderne Form des gemeinsamen Treffens veranstalten. Anfang Juli hatte Tartu unter großem Andrang die "hansapäevad" durchgeführt, örtliche Zeitungen berichten von über 100 000 Besuchern in wenigen Tagen. Am Ende wurde die Hanseflagge dem Osnabrücker Oberbürgermeister Fip überreicht.(NOZ-Zeitungsausschnitt 8.Juli) Posted by Picasa
Osnabrück bezeichnet sich auch als Friedensstadt. Der Hintergrund für diese Selbstbeschreibung sind die Verhandlungen zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, die in Münster und Osnabrück stattfanden. Was aber den Westfalen, jetzt Niedersachsen, heutzutage weniger bewusst ist: Auch damals gab es zahlreiche Verbindungen ins Baltikum. Einmal durch die Siedlungsbewegung im Mittelalter, mit der viele Westfalen nach Livland abwanderten. Viele Familiennamen lassen sich in diesen Jahrhunderten dort mit Osnabrücker Namensvarienten finden, nicht wenige werden, als Kaufleute z.B., indirekt durch die Hanse in Kontakt mit der alten Heimat gestanden haben.
Die nächste Klammer zwischen der Ostsee und Westfalen setzten die Schweden. Sie besetzten erfolgreich Osnabrück bei ihren Feldzügen besonders gegen die kaiserlichen Truppen. Schweden war klein, mit einer Millionen Einwohner, aber Großmacht. Und das bedeutete: Sie rekrutierten auch Finnen, wahrscheinlich auch Esten und Letten. Zu diesem Aspekt des Dreißigjährigen Krieges liegen noch viele unerforschte Dokumente im Reichsarchiv in Stockholm. Ein Aufsteiger im schwedischen Militär war Erich Andersson Trana aus Karelien, Generalkommissar von Livland und Kriegskommissar von Estland. Teilweise auch zuständig für die Belagerung von Osnabrück. Hier aus dem Briefwechsel mit dem schwedischen Reichskanzler im Jahr 1633:
...Am 14. erst kamen die Mörser von Hameln, mit denen man die Petersburg [eine Festung in Osnabrück] mit Steinen bezwingen konnte. Und wurde recht nach russischer Art Tag und Nacht in einem durch mit Steinen dareingeschossen, daß die 600 Mann - ohne Frauen und Kinder-, die darin belagert waren, sich nicht anders bergen konnten, als indem sie sich erbärmlich in die Wälle eingruben. Ihr großes Glück war das schöne Wetter an all diesen Tagen, so daß sie keine Not durch Regen litten.

Historische Querverbindungen gibt es genügend, trotzdem wird es für die meisten Hansetagbesucher 2006 exotisch sein, einmal estnisches Bier in Osnabrück trinken zu können.
Die Hanse steht zur Zeit für das Verbindende in Europa. Das EU-erweiterte Europa entdeckt seine gemeinsamen Wurzeln. Aber Vorsicht. Schon bei der Hanse fängt es an. Grenzübergreifend war sie, ja, aber nur solange die eigenen Interessen zum Zuge kamen. Schon bei unserem norwegischen Nachbarn ergibt sich ein ganz anderes Geschichtsbild.

aus Baltic Sea Academy

Die Hanse als Bedrohung: Die norwegische Sichtweise
DER DEUTSCHE KERN in der Hanse hat innerhalb der skandinavischen Historiographie zu
einer gänzlich anderen Bewertung geführt. Auch hier waren im 19. Jahrhundert
nationale Bewegungen aktiv, die sich aus der Geschichte legitimierten. In der
nationalisierten Sicht galt die Hanse in den skandinavischen Ländern vor allem als
deutsche Bedrohung. Mit Dänemark führte die Hanse lange Zeit erbitterte
Auseinandersetzungen. Daher fand die Idee von Björn Engholm, eine Kooperation im
Ostseeraum „Neue Hanse“ zu nennen, nur bedingte Begeisterung.
Gerade in Norwegen, das erst 1905 endgültig von Schweden unabhängig wurde,
wurde die Hanse in der nationalen Geschichtsschreibung als Bedrohung interpretiert.
Nach 1945 nahmen diese Deutungen zu, da die deutsche Besatzung während des
Zweiten Weltkrieges Anlass war, die Hanse als Kontinuität des deutschen
Expansionsstrebens zu interpretieren. Da Hansekaufleute im Spätmittelalter den
Außenhandel Norwegens weitgehend kontrollierten, wurden sie dafür verantwortlich
gemacht, dass norwegische Kaufleute kaum Fernhandel betreiben konnten. Daher habe
sich kein starkes norwegisches Bürgertum herausbilden können, das schon früher die
norwegische Unabhängigkeit erkämpft hätte. Ebenso wurde die Kreditvergabe an die
norwegischen Bauern und die damit einhergehende häufige Verschuldung als
Ausbeutung der norwegischen Bevölkerung gesehen.
Neuere Forschung hingegen betont, dass die Hanse mit ihrer Monopolstellung auch
positive Effekte auf die Entwicklung Norwegens gehabt habe. Dazu gehöre der starke
Einfluss der niederdeutschen Sprache auf das Norwegische, die kulturellen
Verbindungen nach Europa, die mit dem Hansehandel aufgebaut wurden, und die
gesicherte Abnahme des Stockfisches, damals Hauptexportprodukt Norwegens. Diese
Neuinterpretation der Geschichte trägt zum Teil Züge einer „nationalen
Umkehridentifikation“: Waren bisher nationale Deutungen vorherrschend, wird nun
eine Europäisierung versucht, die manche Konflikte, die das Wirken der Hanse immer
auch geprägt haben, harmonisiert.

Aber bleiben wir bei den positiven Entwicklungen. Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass die Stellungnahme eines Osnabrücker Oberbürgermeisters in Tartu in Estland von Bedeutung sein könnte? Und das liest sich dann in der Zeitung Postimees so:

Hans-Jürgen Fip
Osnabrücki linnapea
«Tartus olid väga head hansapäevad. Kui me suudame Tartu taset säilitada, oleme juba päris hästi hakkama saanud. Kuid see on keeruline ülesanne, sest arvatavasti pole meil isegi ilm nii hea nagu teil.»