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Dienstag, Juli 23, 2024

Nicht alles ist olympisch

25 Athleten und Athletinnen, dazu ein 49-köpfiges Betreuerteam, und auch ein Pferd werden Estland bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 vertreten (err). (zum Vergleich: Team Deutschland 427 Athletinnen und Athleten, dazu 44 als Ersatz, die genaue Zahl der Pferde ist mir nicht bekannt). 

Die Estin Kristin Tattar allerdings fährt einen Sieg nach dem anderen ein, 2022 wurde sie als erste Estin überhaupt in ihrer Sportart Weltmeisterin, 2023 wurde sie Europameisterin und verteidigte ihren Weltmeisterschaftstitel erfolgreich. Mit Olympia 2024 hat sie allerdings nichts zu tun - denn Disc Golf, ihre Sportart, ist nicht olympisch. 

Als Jugendliche hatte Tattar es zunächst mit Skilanglauf probiert - musste das aber wegen einiger gesundheitlicher Schwierigkeiten aufgeben und suchte dann nach neuen Wegen sich sportlich zu betätigen. 2023 gewann sie alle sogenannten "Disc Gold Grand Slam"-Turniere, und in diesem Jahr, als "Comeback" nach einer Verletzung, auch schon wieder ein Turnier in Finnland (ERR). 

Das Runde muss ins Kettige

Aber wahrscheinlich hat sich Kristin inzwischen daran gewöhnt, dass vieles, was ihre Sportart betrifft, im Detail noch verbessert werden kann. Oder dass sie es sogar selbst in die Hand nehmen muss. Zusammen mit schwedischen Partnern gründete sie "Latitude 64°", und wer sich hier das angebotene Sortiment anschaut wird vielleicht endgültig das Vorurteil los, die "Disc-Golfer" würden nur mit einfachen Frisbee-Scheiben herumspielen ("Frisbee" ist ein geschützer Markenname einer bestimmten Firma). 

"Disc Golf wird nach ähnlichen Regeln wie Golf gespielt", so viel können wir auch beim "Discgolf Deutscher Frisbee Verband" lernen. International gibt es die PDGA (Professional Disc Golf Association), die zum Beispiel Spielregeln festlegt und Zulassungen erteilt für jede einzelne Scheibe, die bei Turnieren eingesetzt werden darf. So wie auch beim neuesten Modell "Sinus" - 176 Gramm schwer, und 21,2 cm Durchmesser. Die PDGA-Statistik verrät uns außerdem, dass Kristin Tattar bei ihren bisherigen 96 Turniersiegen (Stand Juli 2024) insgesamt 306,567.40 Dollar an Preisgeld einstreichen konnte (die besten deutschen PDGA-Profis liegen da eher so bei 2.000 Dollar). 

Mehr Männer an der Scheibe


Die PDGA-Statistiken sagen auch, dass sehr viel mehr Männer professionell Disc-Golf spielen als Frauen (etwa 120.000 gegenüber 10.000). Und in Europa liegt Deutschland zwar bei den bei der PDGA angemeldeten Profis mit 819 auf Platz sechs - weit davor liegen aber Schweden, Finnland und Norwegen, auf Platz 4 dann Estland (1447 Profis), noch vor Dänemark.

Wer also einmal Disc-Golf-Scheiben oder -Ausrüstung mit einem KT sehen sollte - Kristin Tattar hinterlässt ihre Spuren. Neben KT-Wurfscheiben sind inzwischen auch T-Shirts, Schirme oder spezielle Rucksäcke mit dem Tattar-Signet erhältlich. 

Aber da Disc-Golf ja voraussichtlich auch in den nächsten Jahren kaum olympiareif werden wird, und häufig (wie in Deutschland) eher als Randsportart gilt, tut Kristi Tattar einiges, um ihre Sportart bekannter zu machen. Wenn möglich, auch in Form von kommerziell orientierten Interviews. Da bekennt sie zum Beispiel, ihr Vater, ein Bauunternehmer, habe mit ihr auf estnischen Waldwegen Autofahren geübt - als Symbol für die Freiheit, sich fortbewegen zu können (Porsche ist Geschäftspartner und Sponsor von Kristin). (porsche.ee)
Die Antwort darauf, wie sie Privatleben als Ehefrau und Mutter mit dem Sportlerinnenalltag vereinbaren kann, fällt der inzwischen 32-Jährigen leicht: "Mein Partner ist ebenfalls Disc-Golf-Spieler" (zuca-europe). 10 Jahre ist es jetzt hier, seitdem sie erstmals estnische Meisterin im Disc-Golf wurde. Eines lässt sich inzwischen sicher sagen: mag auch bei Olympia niemand diese Sportart so recht schätzen - in Europa ist Estland eine Disc-Golf-Hochburg!

Freitag, Juni 14, 2024

Wieder zehnfach

Achttausendsiebenhundertvierundsechzig Punkte - was sagt uns das? Die estnische Presse jubelt: nur 51 Punkte weniger als der legendäre Erki Nool! (ERR)

Also schlagen wir mal genauer nach. Es stimmt: immer wenn Esten (in diesem Fall sind nur die Männer gemeint) irgendwo in der Leichtathletik auftauchten, sei es Speerwerfen, Laufen oder Diskuswerfen, früher oder später kam immer die Rede auf Erki Nool. Ein Aushängeschild des estnischen Sports, im wieder unabhängig gewordenen, kleinen, aber stolzen Land. Weniger bekannt dagegen ist der Name Valter Külvet - der erste Este, der im Zehnkampf mehr als 8500 Punkte erreichte - 8506 Punkte am 3.Juli 1988 in Minsk. Külvet startete aber bei Olympia 1988 noch unter der Flagge der Sowjetuion, und musste dort am zweiten Wettkampftag verletzungsbedingt aufgeben. Er starb bereits 1998, im Alter von nur 34 Jahren (durch einen Raubüberfall!). 

Neuer Held

Nun also holte Johannes Erm bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Rom erneut eine Goldmedaille im Zehnkampf für Estland. Die Gesamtpunktzahl von 8764 ist das zweitbeste Ergebnis in der estnischen ewigen Rangliste. Erki Nool holte 51 Punkte mehr, als Vizeweltmeister des Jahres 2001. Als Nool jedoch erstmals Europameister wurde, im Jahr 1998 in Budapest, holte er diesen Titel mit nur 8667 Punkten - 97 weniger als Erm. Sogar als Olympiasieger in Sydney 2000 reichten Nool lediglich 8641 Punkte - von daher kann Erm mit seinem Ergebnis in Rom wirklich zufrieden sein.

Gestern kam Johannes Erm zurück nach Estland. Er wird mit den Worten zitiert: "Schon während der Wettkampftage hatte ich Schwierigkeiten zu schlafen - jetzt kann ich es immer noch nicht!" Aber auch: "Ich will so bald wie möglich wieder trainieren." (err) Und an anderer Stelle: "Ich bin einfach in Emotionen ertrunken. Tausende und Abertausende Arbeitsstunden sind in diese Errungenschaft geflossen!" (postimees) Und Estland ist offenbar froh, in der gegenwärtig so angespannten politischen Lage, nahe an Russland, derart positive Nachrichten vermelden zu können. 

Montag, Dezember 27, 2021

Wer immer Maske trägt

Die estnische Sportlerin des Jahres 2021 ist ... Katrina Lehis. So meint es die estnische Sportpresse. Katrina wer? Aber doch - wir haben inzwischen vom Fechtsport in Estland schon mehrfach gehört. Einmal durch den Kinofilm, dessen deutschsprachige Ausgabe als "Die Kinder des Fechters" herauskam (siehe Beitrag). Zum anderen wird eine Geschichte weitergeschrieben - bisher war unter den Fechterinnen noch Julia Beljajeva das allein herausragende Vorbild: Einzel-Weltmeisterin des Jahres 2013 und Team-Weltmeisterin 2017. Nun kommt Katrina Lehis dazu: denn sie holte 2021 Bronze im Einzel und Gold mit dem Damenteam (auch Beljajeva war 2021 wieder dabei, daneben noch Erika Kirpu und Irina Embrich).

Andrej Schumakow, Chefredakteur des russischsprachigen "Delfi", wurde mit folgender Aussage zitiert: „Das Fecht-Team ist wie ein Querschnitt des Landes, der ganzen Gesellschaft. Da sind Russinnen und Estinnen. Die Mitglieder kommen aus den verschiedensten Städten: der Hauptstadt Tallinn, der Universitätsstadt Tartu, dem kleinen, gemütlichen Haapsalu. Erika Kirpu ist gar in Moskau geboren, was unter den Bewohnern von Estland ja auch nicht gerade selten ist." (eurotopics) So ist es also kaum verwunderlich, dass auch das Damen-Fechterteam den ersten Platz bei der Sportlerinnenwahl Estlands belegte (ERR)

Also war wohl Fechten die estnische Sportart des Jahres 2021. Von Haapsalu, der Heimatstadt der estnischen Star-Fechterin, bekam die zweifache Medaillengewinnerin ein 1800 m2 großes Stück Land geschenkt - offenbar in der Hoffnung, die berühmte Tochter der Stadt würde der Heimat (längerfristig) erhalten bleiben (ERR).

Mittwoch, November 17, 2021

Finale in Mexiko

 "Vamos, Anett!" das werden in den kommenden Stunden sicherlich die estnischen Sportfans wieder ihrem neuen Tennissternchen zurufen wollen (delfi.sport). Etwas überraschend steht die 25-Jährige Estin Anett Kontaveit im Finale des WTA-Finalturniers in Mexiko. Teilnehmerinnen sind hier die besten acht der Tennis-Weltrangliste - also eigentich kann Kontaveit als Achte froh sein, überhaupt dabei zu sein. Aber nach Siegen über die beiden Tschechinnen Karolína Plíšková und Barbora Krejčíková (Nr. 3 und 4 der Weltrangliste) sowie der Griechin Maria Sakkari (laut estnischer Presse eine gute Freundin / ERR) steht die junge Estin sogar im Finale (sportschau). Dabei war allein schon die Qualifikation in sofern senationell, dass es noch nie eine Estin zuvor unter die besten acht Spielerinnen geschafft hatte (Estonian World). Zitat Kontaveit: "Ma ei suuda siiani päriselt uskuda, et isegi siin olen" (ich kann immer noch nicht glauben, dass ich hier bin / ERR)

Damit ist nicht nur sicher, dass dies das größte Finale ihrer bisherigen Sportlerinnenkarriere sein wird - auch 860.000 Dollar Preisgeld hat sie schon klar gemacht. Nun wartet im Finale noch die Spanierin Garbiñe Muguruza (wta-tennis), die noch im Gruppenspiel vorher klar gewonnen hatte. Aber: Kontaveit gewann 29 der vergangenen 32 Matches. Sie hat den "winning spirit", heißt es.

In ihrem Heimatland erzeugte Kontaveit natürlich schon länger Aufsehen: 2009 wurde sie im Alter von 13 Jahren estnische Tennismeisterin. Seit 2011 spielt sie im Rahmen der Tourniere des ITF (International Tennis Federation) und WTA (World Tennis Association). Und auch für dieses Finale am 18.11. (2.30 Uhr MEZ) hat die estnische Presse ein Zitat von Kontaveit bereit: „Mul pole midagi kaotada“ (ich habe nichts zu verlieren) / Ohtuleht)

Nur für Fans: wer weiß, was es mit diesen Namen auf sich hat, der ist wahrscheinlich eine/r: Andrei Luzgin, Märten Tamla, Peeter Lamp, Paul McNamee, Glenn Schaap, Nigel Sears, Ain Suurthal, Dmitry Tursunov.

Samstag, Oktober 02, 2021

Eesti 21

Schalke 04, BVB 09, TSG 1899, Mainz 05, Hannover 96 - viele Fußballvereine tragen stolz ihr Gründungsdatum im Namen. Wie nun auch der Weltfußballverband FIFA offiziell zur Kenntnis nahm: das Gründungsjahr des Fußballverbands in Estland (Eesti Jalgpalli Liit) war das Jahr 1921. 

Erst kürzlich werden die europäischen Fußballfans registriert haben, das der estnische Rekordtitelträger Flora Tallinn (13x Meister) kein Verein der Gartenfreunde ist, sondern inzwischen sogar Teilnehmer an der UEFA Europe Conference League - auf dem Wege dorthin wurde immerhin gegen die Shamrock Rovers aus Irland gewonnen. 2019 spielte auch Eintracht Frankfurt schon mal gegen die "Floristen", und das Magazin "Kicker" fragte "Flora wer?".

FIFA-Präsident Infantino (links)
mit Aivar Pohlak, Chef des
estnischen Fußballverbands,
Kinderbuchautor sowie
Präsident und Gründer
von Flora Tallinn
"Estland entwickelt sich beständig", so formuliert es auch die UEFA. Dort ist dann auch zu lesen, dass Fußball in Estland von britischen Seeleuten eingeführt worden sei und das erste Fußballspiel bereits am 6. Juni 1909 in Tallinn zwischen den Teams von Meteoor und Merkuur durchgeführt wurde. 

Auch der 21. Juni 2021 wird als markantes Datum für den estnischen Fußball in Erinnerung bleiben: an diesem Tag siegte das estnische Nationalteam nach 83 Jahren zum ersten Mal wieder gegen den Nachbarn Lettland und gewann damit den "Baltic Cup". (delfi/ ERR )

Sonntag, August 22, 2021

Lange Strümpfe

Die Zahl der international bekannten Sportlerinnen aus Estland ist sicher nicht sehr hoch - wir denken vor allem an Tennisspielerinnen oder Ski-Langläuferinnen. Aber auch im estnischen Nachwuchs gibts Athletinnen, die für die Zukunft Hoffnung machen. Aber wenn wir da "Pippi Lotta" lesen, denken manche vielleicht zunächst an ganz andere Märchen. 

Ja, "Pippi Lotta"s gibts durchaus mehrere, nicht nur Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf (estnisch eigentlich "Pipi Pikksukk", auch als Oper). Die estnische Fassung wurde zuerst 1968 veröffentlicht. Seit es das Internet gibt, hat sich auch die Zahl der "Pippi Lotta"s stark vermehrt: von Designermode, Segelclubs, Fotografinnnen, Ferienhäusern, einem Kinderfriseur, bis hin natürlich zu Ponyclubs und Spielzeug.

Diese junge estnische Pippilotta aber ist nun bereits Vizeweltmeisterin, und der entscheidende Wettkampf fand genau an ihrem 19. Geburtstag statt: es geht um Pippi Lotta Enok, geboren am 19. August 2002, estnische Teilnehmerin im Siebenkampf der Leichtatlethik bei den U-20-Weltmeisterschaften in Nairobi, Kenia (err). Das war eine Veranstaltung, die ohne deutsche Athlet/innen stattfand - "aufgrund der unsicheren Corona-Lage", so teilte der deutsche Verband mit. Die Impfquote vor Ort lag nur bei 1,53%, und so entschieden sich auch andere Länder wie USA, Neuseeland, Australien, Großbritannien und Irland zur Absage. Österreich dagegen entsandte zwei Teilnehmer/innen, darunter Sophie Kreiner (ATSV Linz LA) im Siebenkampf. Am Ende wurde die Österreicherin mit 5.652 Punkten Vierte - geschlagen von der Siegerin Saga Vanninen aus Finnland und eben Pippi Lotta Enok aus Estland als Zweite mit 5746 Punkten (Resultat Nairobi). 

Bei den U20-Europameisterschaften, die wenige Wochen zuvor im Kadriorg-Stadion in Tallinn stattgefunden hatten, erzielte Enok 5634 Punkte und wurde damit Fünfte (die deutschen Siebenkämpferinnen Marie Dehning und Serina Riedel wurden vor Enok Dritte und Vierte, aber auch die EM hatte Saga Vanninen gewonnen - Resultat Tallinn).

Die Veranstalter in Nairobi nannten das Event "highly sussessful" - gezählt wurden dabei allerdings nur die sportlichen Rekorde.

Freitag, September 04, 2020

Masken-Rallye


Für Estland ist es das allererste Mal: ein Rennen der "World Rally Championship WRC" hat an diesem Wochenende estnische Gastgeber. Es ist die höchstrangige Rennserie des Rallyesports, der ja in Estland viele Fans hat (siehe Beitrag). Ott Tänak ist der amtierende Rallye-Weltmeister, er gewann 2017, 2018 und auch 2019 auch die Rallye Deutschland (DMV-Motersport). Und auch Markko Märtin war estnischer Rallye-Spitzenfahrer, inzwischen Förderer von Tänak. 

Was für Deutschland der Fußball war, für Frankreich der Radsport, das möchte Estland 2020 gern für den Rallyesport leisten: den Re-Start trotz Corona. "Für Estland ein wichtiges Ereignis", meinte Regierungschef Ratas.
Eines ist immerhin schon erreicht: schon seit Wochen spekuliert die Sportpresse was jetzt Anfang September in Estland möglich sein wird, und was nicht. Einen "Schottertanz" erwartet "Motorsport-XL". Mitte Juli hieß es noch: "Rallye Estland läßt 16.000 Zuschauer zu." (Rallye-Magazin) Dann sollten es maximal 2.000 Zuschauer*innen für eine Outdoor-Veranstaltung sein (ERR). Am 6. August dann gab das zuständige estnische Ministerium bekannt: Ja, die Rallye wird stattfinden (ERR).

Inzwischen haben sich die Organisator*innen vorgenommen, die insgesamt weiterhin zugelassenen 16.000 Inhaber der Eintritts-Tickets, die alle mit Namen und Adresse erfasst sind, auf einzelne Zonen zu verteilen, die dann maximal 1000 Menschen zulassen (ERR). An den Eingängen werden außerdem die Hände desinfiziert und Gesichtsmasken verteilt. Ein organisatorischer Kraftakt.

Bei der drei Tage dauernden "Rallye Estonia" wird es 17 Streckenabschnitte mit insgesamt 60 Teilnehmer*innen geben, im Bereich der Orte Kanepi, Kambja, Otepää und Elva - also im Süden Estlands. Ott Tänak, der Mann geboren auf Saaremaa, ist mit seinem Hyundai natürlich Favorit. Eine weitere Einschränkung für die Besucher*innen gibt es: bitte nicht mit den Fahrer*innen unterhalten, so heißt es. Den Gästen wird außerdem empfohlen, auf dem Handy die estnische Corona-App HOIA aufzuspielen und angeschaltet zu haben. 

"Der Erfolg der Rallye hängt ganz von Ihnen ab!", so wird es allen Besucher*innen vermittelt. Bleibt zu hoffen, dass Spaß und Sport die Oberhand behalten. (siehe auch: "Speedweek", "Motorsport XL", "Motorsport Total", "Rallye-Magazin", "GrenzEcho")

Montag, August 17, 2020

Baltisches Einigkeitsdatum, erradelt

Wenn die Estinnen und Esten von "Balti Kett" reden, müssten eigentlich auch Deutschsprachige wissen, von was hier die Rede ist. Oder ist der Begriff "Baltischer Weg" eindeutiger? Ja doch, es ist auch von einer bestimmten Wegstrecke die Rede, nämlich der Weg zwischen Vilnius, Riga und Tallinn. Am 23. August 1988 standen etwa zwei Millionen Menschen, Hand in Hand, in einer Reihe zwischen den drei baltischen Hauptstädten. Es war als unmissverständliches Zeichen gedacht: was immer da zwischen Hitler und Stalin 1939 vereinbart und unterschrieben wurde - wir wollen unsere Unabhängigkeit zurück! 

Seitdem gibt es kaum ein Jahr, in dem dieses Datum achtlos verstreicht. Zumal dem 23. August auch das Gedenken an den "Augustputsch" gegen Gorbatschow vorausgeht - ein Grund mehr um zu feiern, denn dessen Misslingen brachte auch international den Durchbruch für die baltischen Staaten in eigener Sache. 2018 stand "100 Jahre Unabhängigkeit im Vordergrund", 2019 der 30.Jahrestag der "Balti Kett". Aber auch 2020 gibt es Aktivitäten - trotz den außergewöhnlichen Corona-Umständen (siehe ERR). 

Wer also in den vergangenen Tagen von einer "Baltic Chain Tour" hörte, der sollte nicht erwarten, dass hier jemand in Ketten gelegt wurde. Nein, es ist eher eine Variante davon, was sich in Estland sonst auch schon mal "Rattaralli" nennt: ein Radrennen. Die Tartu-Rattaralli allerdings, den "Radsport-News" zufolge "das größte Radrennen Osteuropas", konnte im Juni 2020 nur virtuell stattfinden. Bereits seit 2011 gibt es allerdings auch die "Baltic Chain Tour", ein Etappenrennen über drei Tage, das auch im Rennkalender der UCI (Union cyliste Internationale) zu finden ist, und gemeinsam mit Partner*innen in Litauen und Lettland organisiert wird. Nur 2019 musste das Event, wegen Finanzierungschwierigketien, ausfallen. Diesmal aber, zur Freude der Estinnen und Esten: auf dem Siegertreppchen standen diesmal gleich drei Esten. 

16 Mannschaften nahmen teil, trotz aller Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie. Der deutsche Nachwuchsfahrer Lars Kulbe belegte bei Etappe 1 und 3 jeweils den vierten Platz. Der Este Gert Jõeäär gewann sowohl den Sprint von Etappe 3 in Valga / Valka wie auch die Gesamtwertung, vor seinen Landsleuten Alo Jakin und Rait Ärm, dem Gewinner von Etappe 2, der auch als bester Nachwuchsfahrer geehrt wurde (siehe Siegerlisten).  

Montag, Juli 27, 2020

Estland olympisch

In Tallinn wird am 29. Juli 2020 wieder das Olympische Feuer entzündet werden - so kündigte es das Estnische Olympische Komitee an. Die in diesem Zusammenhang verwendeten Symbole lassen eine Verbundenheit mit Moskau erkennen, wie es lange nicht mehr in Estland zu sehen war. Offenbar haben Estinnen und Esten an die Olympischen Segelwettbewerbe 1980 nur die besten Erinnerungen ...

Am 20.Juli 1980 um 16.22 Uhr hatte Vaiko Vooremaa, estnischer Segler und damals erst 17 Jahre alt, das olympische Feuer in Tallinn-Pirita entzündet. Eigentlich war Vooremaa vor allem Eissegler - aber diese Sportart ist bis heute nicht olympisch (im Video: Eröffnungszeremonie).

Speziell für Olympia 1980, das ja damals von insgesamt 66 Ländern, darunter die Bundesrepublik Deutschland, boykottiert wurde, waren etliche neue Anlagen in Tallinn entstanden. Die Sportanlagen in Pirita, ein Gelände von 193,000 m² Größe, waren designed worden von den Architekten Henno Sepmann, Peep Rabbit, Ants Raid, und Himm Looveer. Anlandemöglichkeiten für 470 Schiffe sollten es sein, dazu ein Jachtclub, ein Pressezentrum und ein Olympisches Dorf mit 632 Betten. 5000 Zuschauer konnten die Wettkämpfe beobachten. Damals entstanden auch der Fernsehturm in Tallinn, ein neues Flughafengebäude und das 28 Stockwerke hohe Hotel Olümpia (heute Hotel Radisson).

In Japan, wo das olympische Feuer ja gegenwärtig ungeplant nach ein Jahr brennen muss bis es zum Einsatz kommen kann, hat Tallinn wohl nicht angefragt - wenn es am 29.Juli Bürgermeister Mihhail Kõlvart mittels eines großen roten Schalters wieder entflammen will. Wie schon 1980 soll auch jetzt die Flamme von der Innenstadt hinaus nach Pirita gebracht werden (err), diesmal in elektrisch angetriebenen Booten. 2018 war eine umfassende Renovierung der dortigen Sportanlage fertiggestellt worden (olympic.org)

Samstag, Februar 15, 2020

Zum Jubiläum: kein Schnee!

1960 fand der erste Tartu Skimarathon statt - es wäre also in diesem Jahr ein rundes Jubiläum gewesen. Tauende Skifahrer*innen aus der ganzen Welt kommen jedes Jahr in die Gegend zwischen Tartu und Otepää - dieses Jahr wird es eine Enttäuschung werden. Es gibt keinen Schnee. Und auch die Menge des in Tehvandi vorbereiteten Kunstschnees reicht nicht aus, um die 63km Streckenlänge zu präparieren. Über 5.000 Skibegeisterte hatten sich bereits angemeldet - und werden nun entweder ohne Schnee planen müssen, oder enttäuscht wieder abreisen.
Ja, zugegeben - es gibt auch noch den Tartu Jooksumaraton (Nordic Walking), Tartu Rattaralli (Fahrradrennen), den Tartu Rattamaraton (Mountainbike-Rennen), den Rulluisumaraton (für Inline-Skater) und sogar noch einen Jooksumaraton (Waldmarathonlauf). Dennoch werden die Skifans wohl sagen: alles kein guter Ersatz! Die "Juubelimatk ("Jubiläumsreise") fällt aus - ersatzweise wird eine Wanderung zu Fuß angeboten.

Der "Marathonkalender" von Tartu
Auch aus Deutschland hatten sich bereits viele Teilnehmer*innen angemeldet. Einerseits haben Skireiseveranstalter das Event im Programm (z.B. Schulz / Sandoz, / Wildost), und noch im vergangenen Jahr waren die Verhältnisse so hervorragend gewesen, dass die Veranstalter vom "besten Winter seit langem" schwärmten (visittartu). Aber andererseits kann der Skimarathon auch nicht verschoben werden, denn der Termin ist fest verankert im internationalen Rennkalender (International Worldloppet).

Wahrscheinlich werden die Veranstalter auch die Teilnahmegebühr nicht zurückzahlen können, so zitiert die "Postimees" eine Aussage von Peeter Liik, dem Marketingchef beim Tartu Marathon Club. Es müsse erst mal gerechnet werden - eventuell könne man eine Gutschrift für 2021 berechnen.

Auch die Biathlon-EM wurde bereits jetzt von Estland nach Weißrussland verlegt (ran). Wirtschaft und Tourismus insbesondere in Otepää äußerten bereits ihre Sorge, die Absagen könnten zu erheblichen Einbußen führen (err). Am 8./9. Februar hatten auch bereits die Wettbewerbe der Nordischen Kombination in Otepää abgesagt werden müssen (ran).

Donnerstag, März 07, 2019

E-Land im Winter zum D-Land

Vom e-Land zum d-Land - so könnte dieser Tage eine Schlagzeile lauten. Oder, etwas zynisch: alles, was in Estland nicht komlett digital laufen kann, schafft Probleme. Der anlässlich der Nordischen Skiweltmeisterschaften in Österreich bekannt gewordene Dopingskandal hat vor allem ein estnisches Gesicht.

Nun hat auch noch der 33-jährige estnische Ski-Langläufer Algo Kärp in einem Interview mit der Tageszeitung Ohtuleht gestanden, zu dem in Erfurt festgenommenen Sportarzt Mark S. Kontakt gehabt und mit dessen Hilfe Blutdoping betrieben zu haben (sportschau).
"Ich kann doch nichts dafür!" Den anderen Sportlern im estnischen
"Team Haanja" - wie hier
Marko Kilp, estnisches Meister im Skispint -
bleibt im Moment nur ratlose Irritation
Kärp spricht von Reue - spricht aber gleichzeitig auch davon, seine Leistungen seien vor dem Doping besser gewesen als danach. "Ich war vorher nicht besser als 20. gewesen, und ich dachte so könnte ich unter die besten 10 kommen." Kann man so eine Reue ernst nehmen? Oder soll man es lieber zynisch kommentieren: "na, wenn der Rest der besten 20 eben auch gedopt ist, dann bringt es eben nichts!"

Es gibt auch Berichte über Nebenwirkungen des Dopings. Depressionen zum Beispiel. In diesem Zusammenhang wirkt es logisch: nicht in Form sein, mit Doping Leistungssteigerung erhoffen, diese nicht erreichen, und in Depressionen versinken.
"Zum Glück sind die anderen Doper die Esten, nicht die Letten", so ein Kommentar aus Österreich, "sonst wäre die Farbkombination unserer Flagge demnächst gleichgesetzt mit einer Doper-Flagge!" (Standard)

noch am 3.Februar 2019 stolz auf Instagram gepostet:
Andreas Veerpalu als estnischer Meister
In den estnischen Medien gibt sich Mati Alaver, Skitrainer und Vorsitzender des estnischen Skiverbandes, zerknirscht:er selbst sei es gewesen, der den estnischen Sportlern den Kontakt zu dem Erfurter Arzt vermittelt habe. Nun spricht Alaver vom "größten Fehler meines Lebens" - nun ja. Estlands Präsidentin Kaljulaid sah sich bereits bemüßigt, Alaver alle bisher verliehenen Orden wieder zu entziehen (err).

Im Fokus ist das "Team Haanja", dem alle drei erwischten Sportbetrüger (Andreas Veerpalu, Algo Kärp, Karel Tammjärv) angehörten. Der estnische Baukonzern "Merko" soll bereits angekündigt haben, die Zusammenarbeit mit dem "Team Haanja" beenden zu wollen.(tt)

Leichter haben es da die Funktionäre:  Urmas Sõõrumaa, Chef des Estnischen Olympischen Komitees, äußerte sich enttäuscht und schockiert über den Skandal (err). Sõõrumaa erklärte die estnischen Dopingkontrollen für ausreichend: "Sünder gibt es überall!"
Die estnische Presse beobachtete auch genau den Umgang der Ertappten Doper mit der Öffentlichkeit: während Karel Tammjärv sich noch in Österreich auf einer Pressekonferenz erklärte, waren Vater Andrus und Sohn Andreas Veerpalu erst mal einige Tage "verschwunden". Eine spätere Stellungnahme schickte dann Mama Angela Veerpalu den estnischen Medien. Diese liest sich so: "Ich wollte ja nicht abhauen, ich wollte nur zurück zu meiner Familie." (err) Dabei war die "Familie" - der Vater, 2013 selbst schon mal Objekt von Doping-Anklagen - ja die ganze Zeit selbst dabei.

Der bisherige Kulturminister Indrek Saar, ein Sozialdemokrat, äusserte Überlegungen, Doping in Estland gesetzlich zu einer Straftat zu erklären.Er wird allerdings voraussichtlich nach den Wahlen jetzt nicht Mitglied der Regierung bleiben.
In diesen Tagen beginnt in Schweden die Biathlon-WM. Auch die nicht auf den Skisport fixierte Magazine wie der "Kicker" haben nun offenbar den Tenor öffentlicher Generalverdächigungen aufgenommen und schon mal vorab Biathlonstar Martin Fourcade gefragt. Halten Sie Doping auch beim Biathlon für möglich? Darauf Fourcade: "Ich wäre nicht überrascht."

Es sollen ja bei dem jetzt angeklagten Erfurter Arzt noch ca. 40 weitere Blutbeutel gefunden worden sein, nur mit Codenamen versehen. Die Untersuchungskommission wird versuchen, diese mit vorhandenen Blutproben verschiedener Sportler zu vergleichen. Man darf gespannt sein, was in dieser Sache noch zu Tage gefördert wird.


Mittwoch, Juli 27, 2016

Steuerfrei in die Muckibude

Gehören Sie auch zu denjenigen, die sich nach getanem Tageswerk noch träge, schlapp und faul fühlen und dies mit einem Stündchen Muskeltraining im Fitnessklub bekämpfen möchten? Einem Gesetzentwurf in Estland zufolge sollen zukünftig Arbeitgebern ihren Angestellten bis zu 400 Euro jährlich Zugang zu Fitnessklubs gewähren dürfen - steuerfrei. "Die Arbeitgeber werden mehr Möglichkeiten bekommen, etwas für die Gesundheit ihrer Leute zu tun," ließ sich Finanzminister Sven Sester zitieren (Baltic Times).

Eines der beliebtesten Volkssport-Events in Estland, Jahr
für Jahr: die Tartu Rattaralli (Tartu Marathon)
Es muss aber nicht die Muckibude sein: auch die Teilnahme an Volksport-Events oder die Beanspruchung eines Psychotherapeuten soll steuerabzugsfähig werden. Ausgaben bis maximal 100 Euro pro Quartal und 400 Euro jährlich sollen dann möglich anzurechnen sein. Dem Gesetzesvorschlag zufolge soll diese Regelung zunächst für 5 Jahre eingeführt und der Effekt dann zunächst evaluiert werden.

Vielleicht hat sich der gute Herr Sester die Idee in den USA abgeschaut; dort gilt allerdings noch zwei zusätzliche Vorbedingungen: steuerfrei ist die Fitnesseinlage nur dann, wenn sie erstens zum Ausgleich einer Gesundheits-Beeinträchtigung eingesetzt wird, und zweitens der Betroffene vor Beginn der Maßnahme NICHT schon Mitglied in einem entsprechenden Klub war (US Tax Center). In Kanada dagegen ist vor allem dann eine Steuerbegünstigung nicht möglich, wenn der Arbeitgeber die Möglichkeit grundsätzlich allen Angestellten zur Verfügung stellt (Gov.of.Kanada) - genau das aber wollen die Esten tun. In Australien dagegen ist die Regelung ähnlich, bis zu 300 Dollar an Ausgaben sind abzugsfähig (Australian Taxation Office). In Deutschland ist § 3 Nr. 34 EStG maßgebend: bis zu 500 Euro an "Leistungen des Arbeitgebers zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands" bleiben steuerfrei.

Ob die Esten hier ihren Fitnessklub-Besitzern unter die Arme greifen, oder sich nur dem international üblichen Standard anpassen wollen, bleibt indes vorerst unklar. Estinnen und Esten, bleibt gesund!

Samstag, Januar 02, 2016

Musketiere in Schulsporthalle

Auch in den Kinos bekommen es Interessierte mit "Die Kinder des Fechters" in diesen Wochen mit einem Sport zu tun, der in den deutschen Medien so gut wie keine Sendezeit hat, also kaum jemandem aktuell näher bekannt sein sollte: dem Fechtsport. "Die Zahl derer, die in Deutschland hobbymäßig dem Fechtsport nachgehen, wird auf zirka 25.000 geschätzt", schreibt der Deutsche Fechterbund, organisiert in 500 Fechtvereinen. Einerseits kann stolz berichtet werden, Fechten gehöre neben Boxen und Ringen zu den "ersten Wettbewerben der Menschheit" (auch besonders Ringen hat stark an Popularität verloren, gegen die Herausnahme aus dem olympischen Programm wurde kürzlich erfolgreich protestiert). Andererseits ist Fechten in der regionalen Sportberichterstattung vor allem in süd- und westdeutschen Landen präsent: die deutschen Meister kommen in der Regel aus Augsburg, Böblingen, Heidenheim, Koblenz - seltener auch mal aus Leverkusen, Düsseldorf, oder Bonn. In den 1980iger und 1990iger Jahren war Tauberbischofsheim in den bundesdeutschen Schlagzeilen als "Mekka des Fechtsports", und die Stadt ist wohl heute noch eine der wenigen, wo Fechten gleich auf den ersten Blick als Bestandteil des Images der Stadt zu erkennen ist. Mit über 370 Medaillen bei olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften zählt der Fecht-Club Tauberbischofsheim e.V zu den erfolgreichsten Vereinen weltweit - 1976 war der heutige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach Olympiasieger im Herrenflorett. Zuletzt vor 30 Jahren wurde mit Cornelia Hanisch eine Fechterin Deutschlands Sportlerin des Jahres (1985), im Jahr darauf war es die Degenfechter-Mannschaft.

Fechterimage
"Kids von heute können Fechten voll cool finden: Jede und jeder nimmt schließlich mal einen Holzstock vom Waldboden (oder den Strohhalm vom Saftglas) und fängt an  sich zu schlagen - pardon zu fechten." So schreibt es der Deutsche Fechterbund. Was gerne verschwiegen wird, sind häufige Assoziationen mit den früher häufigen "schlagenden Verbindungen" der deutschen Studentenschaften, weit verbreitet vor allem zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs (auch: "Burschenschaften"), zu deren bekannt-berüchtigten Ritualen Duell und Mensur (Fechten mit scharfen Waffen) gehörten. Verbindungen zu politischen Strömungen waren dabei unterschiedlich gelagert: mal waren es Katholiken gegen Protestanten, nach 1850 waren viele durch zunehmenden Antisemitismus, stark konservativen Einstellungen und Nationalismus gekennzeichnet. Zu studentenbewegten Zeiten (68iger) standen die Burschenschaften und Studentenverbindungen unter besonders starker Kritik, in den sozialistischen Ländern galt auch Fechten als Teil typischer Relikte der alten herrschenden Klassen. - Auch heute noch gibt es Streitfragen; aktuell traten in den letzten Jahren 40 Burschenschaften aus dem Dachverband aus, weil ihnen dessen Tendenzen - beispielsweise Ausschluß von nicht-deutschen Mitgliedern - zu rechtsradikal schienen.

estnisches Fecht-Idol:
Julija Beljajewa
Diese Thematik - fokussiert auf Sowjet-Estland - hat nun ein Film zur Grundlage, der im Dezember auch in die deutschen Kinos kam. Während der deutsche Kinobesucher vielleicht maximal etwas von den obigen Themen gehört hat - oder ganz neu zum ersten Mal Näheres über Fechtsport sehen wird - wie steht es um den Fechtsport eigentlich in Estland?
Im kleinen Estland erregt ja jeder Medaillengewinner große Aufmerksamkeit; so war es auch 2013, als bei den Fechtweltmeisterschaften sowohl Nikolai Novosjolov (Degen) wie auch Julia Beljajeva (Degen) die WM-Goldmedaille gewannen (Präsident Ilves gratulierte - wie sich das für einen estnischen Präsidenten gehört - per Twitter). Novosjolov, als ethnischer Russe gebürtig aus Haapsalu und seit 1996 im Besitz der estnischen Staatsbürgerschaft, wurde im gleichen Jahr (nach 2010) zum zweiten Mal Estlands Sportler des Jahres. Inzwischen ist er als Mitglied der Reformpartei sogar in die Politik eingestiegen. Für Beljajeva war der WM-Sieg eine kleine Sensation - wenn man den Sieg 2010 Juniorinnen-WM im Team 2010 mal ausnimmt - so wird man als Fechtsportlerin auch mal von Presse und Fans jubelnd am Flughafen Tallinn emfpangen. Aber vielleicht war es auch etwas Besonderes, als Beljajeva 2013 ebenfalls estnische Sportlerin des Jahres war und damit zwei Mitglieder aus derselben Branche in Estland geehrte wurden.

Eine Story von Drama und Abenteuer
Im estnischen Fechterfolgsjahr 2013 wurden sogar von Dichtern Loblieder aufs Fechten verfaßt (siehe Contra mit "Võimas Musketärimaa").
Schon seit 1971 wird jedes Jahr um das "Schwert von Tallinn" gefochten - beim ersten Mal waren 42 Teilnehmer/innen dabei, 2015 waren es 273. 
Beim Kinofilm "Kinder des Fechters" (estnisch: "Vehkleja”, Finnisch "Miekkailija") geht es um Endel Nelis aus Haapsalu, gespielt vom estnischen Schauspieler Märt Avandi. Das im Film erzählte Geschehen ist frei erfunden - anders gesagt, "dramatisiert" - und so kommt der Film darum herum, etwa von alten estnischen Burschenschaften oder gar glorreichen deutschbaltischen Zeiten erzählen zu müssen. "Jede Zeit schafft sich ihre neue Mythen" - das gilt auch für die Republik Estland. Die 2 Millionen Euro Budget teilen sich estnische, finnische und deutsche Produktionspartner, gedreht wurde natürlich in Haapsalu. Regisseur Klaus Härö wird mit diesem Film 2016 erneut Finnlands Oskar-Nominierung sein - für Härö zum dritten Mal. "Miekkailija" landete diesmal immerhin auf der Shortlist, (die besten 9 von 81 Bewerbungen), am 8.Januar werden die besten fünf für die Endausscheidung festgelegt (nominiert ist der Film übrigens auch für den Golden Globe). 2014 schaffte es die estnisch georgische Coproduktion "Mandarinen" (Mandariinid) auf die Liste der Oscar-Nominierten, gewann aber nicht. Dieses Jahr also hoffen die Esten auf den finnischen Umweg für den Einzug ins cineastische Pantheon.

Endel Nelis, mit Fechterstandarte
Der wirkliche Endel Nelis starb 1993 in Haapsalu. Aus dem von ihm gegründeten Fechtklub "En garde" gingen einige bekannte Esten hervor, wie z.B. der Politiker Andres Lipstok. Aber eine "wahre Geschichte" wird im Film nicht erzählt - besser gesagt wird die wirkliche Existenz dieser Person nur zum Anlaß genommen, einen eigenen Film zu machen - wohl vor allem, um die Filmhandlung in die Zeit 1952 / 1953 versetzen zu können. "Nelis hatte zwar oft mit Sowjetautoritäten zu tun, aber es gibt keinen Nachweis, dass er in ein Arbeitslager kam," gibt Regisseur Härö im Interview zu. Man habe mehr von Estlands Geschichte in die Handlung einbauen wollen. Und da ist ja auch noch Drehbuchschreiberin Anna Heinämaa, selbst Fechterin, die auf die Idee für den "Fechter" bei einem Spaziergang durch Haapsalu kam, als sie angeblich ungewöhnlich viele Menschen in Fechtkleidung herumlaufen sah (Tampere Magazin). In einem Fechtclub in Haapsalu sei sie dann auf Helen Nelis getroffen, Endels Tochter.
Die Verflechtung von angeblich realer Story mit dem Anspruch, estnische Geschichte erzählen zu wollen, treibt Kinogänger wie Lars Tunçay (indiekino) zu der Behauptung, in Estland kenne jeder Endel Nelis' Geschichte; das Schrauben am Image Estlands scheint zu funktionieren (und natürlich haben viele Esten nun den Film gesehen).

Kammerspiel in der Schulturnhalle
Ich musste unter den vielen kurzen Kinokritiken etwas suchen, bis ich eine Bezeichnung fand, die auch meinem Eindruck entspricht, nachdem ich den Film sah. Katharina Schulz bezeichnet es bei "Radio Berg" als "Kammerspiel in der Schulturnhalle". Treffend! Auch die Einordnung als "unkonventioneller Ansatz, der ansonsten abgesteckte Wege geht" kann ich teilen. Denn so ungewöhnlich zunächst der Ausgangsort der Geschichte sich anfühlt - am Ende des Films lassen sich doch eine ganze Menge Dinge aufzählen, die der Film eben NICHT erzählt: nicht über die Faszination des Fechtens an sich. Nichts über estnisches Leben in der Sowjetzeit. Sogar Endels wahrscheinlicher Hintergrund, dass er zu Zeiten der deutschen Besetzung als SS-Mitglied gekämpft haben könnte und daher auf der "schwarzen Liste der Roten" steht, wird nicht benannt. Vielmehr wird unter den Zusehern eine automatische Angst vor den "Schrecken des Kommunismus" vermutet und vorausgesetzt: "Der böse Schulleiter ist böse. Der weise Großvater ist weise. Die süßen Kinder sind süß, und die Politkommissare steigen in knöchellangen Ledermänteln aus ihren schwarzen Autos" (Katharina Schulz).
Dazu kommt dann noch, dass der Held der Kinder dann tatsächlich in Leningrad während des Fechtturniers vom KGB verhaftet wird - nur um dann nach einer kurzen Schwarzblende wieder - scheinbar unversehrt - am Bahnhof von Haapsalu aufzutauchen, unbeschadet, alle Kinderchen warten (und sehen noch genauso aus wie vor seiner Verhaftung), und der Held geht mit ihnen und seiner Geliebten im Arm in den Sonnenuntergang ...
Ross A. Lincoln drückt es bei "Dealine-com" so aus: "Ein Drittel 'Karate Kid', ein Drittel 'Club der toten Dichter', ein Drittel 'Animal Farm' ".

"Echter" Fechtnachwuchs, stolz auf das Geleistete
beim Fechtklub "En Garde" in Haapsalu
Ja, also ein schöner Film. Märt Avandi spielt durchaus beeindruckend, er entwickelt einen Charakter der Eindruck hinterläßt. Aber die Geschichte verharrt unentschlossen zwischen Kinderfilm und flach erzähltem Historienschinken. Es ist eben weder "Stalins Staat der Angst" (Badische Zeitung"), noch "David gegen Goliath". Diese heruntergekommende Schulturnhalle hätte auch im Westdeutschland der frühen Adenauerzeit stehen können, und die Lehrer hätten genauso menschenfeindlich und steif, auf Karriere bedacht, autoritätshörig und ähnlich unkollegial sein können.
Vielleicht ist es auch gerade die potentielle Ähnlichkeit zu eigenen Kindheitserlebnissen, die manche deutsche Kinokritker so positiv reagieren lässt. Oder vielleicht sogar die Begegnung mit vom Krieg traumatiesierten Kindern heute? Da trifft aktuell manches trendige zusammen.
Oder die vorgefassten Schablonen, die Deutsche nun mal so haben: Der "FilmNewsBayernBlog" zitiert die Münchner Produktionsfirma "Kick Film", die den Film offenbar mit Bezügen zur aktuellen poltischen Lage bewirbt. Von Putin bedrohte Esten als Motivation gerade diesen Film zu sehen. Putin, Stalin, Lenin ... alles dasselbe?

Kampfesmutige Esten und beachtenswert gute Kinderdarsteller - ok. Der Hauptdarsteller ein "schöner Ritter mit einem kleinen Geheimnis" (so Klaus Härö). Wenn da eben nicht das Drehbuch wäre, das alles zusammen wie in ein Korsett zwängt, keine Zweideutigkeiten, kein Konflikte, kein Scheitern und keine Lügen. Es kommt keine rechte Tiefe auf, trotz sehr gut komponierter Filmmusik (Gert Wilden Jr.). Eine gute Kameraführung und, schlicht und einfach "schöne Bilder", machen den Film dennoch zu einem recht kurzweiligen Kinoerlebnis.

Zorro Filmverleih / Fechtklub "En Garde" Haapsalu / Webseite zum Film

Mittwoch, Dezember 23, 2015

Schachgeburtstag

2016 wird ein Keres-Jahr! So ist es in estnischen Medien zu lesen, und offenbar ist es auch in der deutschen Schachwelt schon angekommen: die "Schachnachrichten" weisen besonders auf die 2-Euro-Gedenkmünze hin, die in Kürze erscheinen wird (ERR). Paul Keres, geboren am 7.Januar 1916 in Narwa, gestorben am 5.Juni 1975 in Helsinki, war - wie die Schachwelt weiß - einer der stärksten Schachspieler des 20.Jahrhunderts. Obwohl er nie Weltmeister war, hat er aber gegen neun amtierende oder ehemaligen Weltmeister Turnierspiele gewonnen. Paul Keres war auch Estlands Sportler des Jahres 1959 und 1962. Ganz oben an die Weltspitze kam er nie, daher nannten ihn manche auch "der ewige Zweite". Fast vierzig Jahre gehörte Keres zu den besten Schachspielern der Welt, auch bekannt durch seine Bücher mit brillianten Analysen. In der Straße Vene tänav 29 in Tallinn befindet sich das "Paul-Keres-Schachhaus".
Estland ehrte ihn schon zu Zeiten der estnischen Krone (1992 - 2010) mir einer Abbildung auf dem 5-Krooni-Schein. Vom 8.Januar an wird nun eine Gedenkmünze im Handel sein, in einer Auflage von 500.000 für den normalen Gebrauch als 2-Euro-Münze, 5.000 Stück werden speziell für Sammler in Sonderauflage produziert. (Eesti Pank). Den ausgeschriebenen Wettbewerb zur Gestaltung der Münze gewann Riho Luuse. 2016 werden auch eine Reihe von Schachturnieren in Gedenken an Paul Keres durchgeführt werden.

Montag, Februar 10, 2014

Kratzen am olympischen Mythos

Ausgerechnet passend zu einem der sportlichen Saisonhöhepunkte in Estland - die olympischen Winterspiele Sochi 2014 gehören mit Sicherheit dazu - bekommt ein weiteres der großen sportlichen Vorbilder Estlands weitere Kratzer. Kristiina Šmigun, inzwischen verheiratet als Šmigun-Vähi, zweifache Goldmedaillengewinnerin der Spiele in Turin 2006, wird eben wegen dieser Turinger Wettkämpfe das Dopings beschuldigt. Quelle dieser Nachrichten war vor einigen Tagen die russische "Ves Sport".

Estnischer Modellathlet:
auch vergangene Erfolge
mit Fragezeichen?
Kirstjan Port, Chef der estnischen Anti-Dopingagentur, sagte dazu die Untersuchungsmethoden würden eben nach und nach immer mehr verfeinert, daher die häufigen Nachtests. Auch Andres Veerpalu, 2001 Langlauf-Weltmeister und Doppel-Olympiasieger 2002 und 2006, hatte sich noch 2011 Doping-Vorwürfen ausgesetzt gesehen. Er sorgte erst kürzlich mit einer eigenen Modekollektion für Aufsehen und hält sich im Auftrag der Mannschaft Kasachstans in Sochi auf. Seine Sperre war dann vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) wegen Zweifeln an den Untersuchungsmethoden (nicht wegen Zweifeln an den Befunden) wieder aufgehoben worden (siehe FAZ). Details zu den aktuell neuen Untersuchungsergebnissen - die nicht nur Šmigun betreffen sollen - sind zur Veröffentlichung nach Ende der Olympischen Spiele von Sochi angekündigt. Šmigun-Vähi sagte zu den Vorwürfen, ihr selbst sei erst vor zwei Monaten versichert worden, in den Tests seien keine verbotenen Substanzen gefunden worden - wie es auch gar nicht sein könne, da sie ja solche nie genommen habe. Unter anderem hatte sie auch einen Lügendetektor zu Hilfe genommen, um Argumente für ihre Unschuld zu sammeln.
Šmigun-Vähi ist inzwischen auch Vicepräsidentin des Nationalen Olympischen Komitees (EOK) in Estland.

Zu möglichen Folgen positiver Dopingtests gegen die beiden estnischen Langlaufsportler äußerten sich bereits tschechische Medien (Radio Prag, Prague Post)), denn falls beiden ihre Medaillen von Turin aberkannt würden, könnten zwei Tschechen die "Nutznießer" sein: Veerpalu hatte in Turin das Rennen über 15 Kilometer klassisch vor Lukáš Bauer gewonnen, Smigun-Vähi siegte damals im Skiathlon vor Kateřina Neumannová.
Auch norwegische Medien (VG) sind inzwischen aufmerksam geworden, da Šmigun 2010 ihre Silbermedaille vor der norwegischen Langläuferin Marit Bjørgen gewonnen hatte, die auch in Sochi schon wieder erfolgreich war. Bjørgen selbst, von der norwegischen Presse nach Šmigun befragt, erklärte die Meldungen für "bloße Gerüchte".

Esten in Sochi - hier das Tammsaare-Museum
Medaillienträume gibt es für estnische Athleten in Sochi diesmal nicht; so sagte es sogar der estnische Sportchef Marko Kaljuveer der estnischen Presse. Für die Berichterstattung aus der Olympiaregion wichtiger scheint da, dass es dort auch mal estnische Besiedlung gab:die estnische Zeitung Ohtuleht entdeckte Valter German, 62-jähriger Vorsitzender der "Estosadok Society". Esto Sadok ist eine frühere estnische Siedlung, wo sich 1886 36 estnische Familien niederließen. Wörtlich übersetzt bedeutet dies "estnisches Gärtchen" - das Thema wurde auch schon von Journalisten aus Österreich entdeckt, und es beherbergt auch ein Museum des estnischen Schriftstellers Anton Hansen Tammsaare, der 1912/13 dort wohnte. Über einen Museumsbesuch dort ist auch bei "Ost-Impuls" nachzulesen, Infos auch bei "Visit Sochi". Im Moment sind dies wahrscheinlich die angenehmeren estnisch-bezogenen Aktivitäten in Sochi.

Dienstag, Dezember 24, 2013

Sotschi-Kandidaten

Sollte es bei den Olympischen Winterspielen überraschend auch estnische Medaillengewinner geben, so wird es einer von diesen Namen sein:

Langlauf: Aivar Rehemaa, Anti Saarepuu, Kein Einaste, Algo Kärp, Een Vahtra, Karel Tammjärv, Raido Ränkel, Piret Pormeister, Timo Simonlatser, Heidi Raju, Siim Sellis, Laura Alba, Kaija Vahtra, Peeter Kümmel, Triin Ojaste, Tatjana Mannima.

Alpinski: Warren Cummings Smith, Tõnis Luik, Ranek Koni, Triin Tobi.

Snowboard: Kadri Pihla, Siim Paalo.

Nordische Kombination: Kail Piho, Han Hendrik Piho, Kristjan Ilves, Karl-August Tiirmaa.

Skispringen: Martti Nõmme, Kaarel Nurmsalu, Siim-Tanel Sammelselg.

Eiskunstlauf: Jelena Glebova, Viktor Romanekov.

Speed skating: Saskia Alusalu.

Biathlon: Kadri Lehtla, Kristel Viigipuu, Roland Lessing, Indrek Tobreluts, Daniil Steptšenko, Kauri Kõiv, Jan Treier, Grete Gaim, Johanna Talihärm, Daria Yurlova, Kalev Ernits, Rene Zahkna.
Die entgültige Teilnehmer/innen-Liste wird Ende Januar 2014 festgelegt. Doppel-Olympiasiegerin Kristina Šmigun-Vähi ist inzwischen zur Vice-Präsidentin des estnischen olympischen Komittees aufgerückt. Bei den drei vergangenen Winterspielen in Vancouver, Turin und Salt Lake City gab es jeweils auch estnische Medaillenerfolge. 

Quelle: estnisches AußenministeriumERR
Estnisches Olympisches Komittee

Dienstag, Mai 07, 2013

UEFA lobt Estlands Frauen

Stolz auf steigende Popularität des Fußballs
auch beim weiblichen Nachwuchs: Keith Boanes
und seine starken Frauen
Estlands erste Frauenfußball-Konferenz war kürzlich für den europäischen Dachverband UEFA Grund genug für ein Lob für die sportlichen estnischen Frauen. Der Frauenfußball sei "auf dem Weg nach oben", so verkündet es der Verband.
Europaweit gibt es insgesamt inzwischen 1,8 Millionen Fußballspielerinnen, in Estland wurden entsprechende Vereine erst in den 1990er Jahren gegründet. In den beiden obenen Ligen Estlands spielen insgesamt 15 Teams.

Schottisches Training, geizig nur bei Gegentoren
Als Keith Boanas 2009 von Schottland nach Estland zog um hier Frauenfußball-Nationaltrainer zu werden, musste er zunächst mit zwei 0:12 Niederlagen seines frisch formierten Eesti-Teams gegen Island und auch gegen Frankreich verkraften. Boanas hatte auch in England bereits Frauenfußball-Teams der Premiere-League trainiert und war auch Manager gewesen - beinahe hätten ihn die "Lincoln-Ladies" für 2013 auch erfolgreich mit einem neuen Vertrag locken können (siehe Bericht der BBC) - aber er entschied sich für Estland (ebenfalls BBC).Diese Gespräche zwischen England und Estland seien zumeist - typisch estnisch? - via Skype gelaufen, berichtet Boanas bei "Womensoccerunited". In Estland habe er Möglichkeiten die er in England nicht bekommen könne, und dabei sei Geld nicht das allein entscheidende gewesen.

Frauen und Fußball -inzwischen
in Estland auch ein zunehmend
interessantes Thema für eine
breitere Öffentlichkeit
Boanas schreibt auch ausführlich über seine Estland-Erfahrungen im britischen Frauenfußball-Portal "She kicks". Und wohl genauso regelmäßig machen sich die Soccer-Ladies der Insel Hoffnungen er könne zurückkehren.Auch in Estland würde bei denjenigen Klubs, die finanzielle Schwierigkeiten haben, oft zuerst am Frauenfußball gespart, berichtet er. Aber dennoch hätten es bereits drei estnische Fußballfrauen zu Verträgen in den USA, in Schweden und Italien gebracht.Aber immer noch sind es nur etwa 500 registrierte Frauenfußball-Spielerinnen in Estland, berichtet Boanas.
Obwohl es bei einer Trainertätigkeit in einem anderen Land einige der üblichen Schwierigkeiten gäbe - Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede - der Respekt und die Anerkennung seiner Arbeit in Estland beeindrucke ihn immer wieder. Die Spielerinnen seien immer bereit, vier- bis fünfmal die Woche zu trainieren - trotz aller Belastungen in der Schule oder bei der Arbeit. Mangel herrsche aber an gut ausgebildeten Trainer/innen. Auch qualitative Sportanlagen seien nicht immer vorhanden, und manche Eltern hätten noch Vorurteile wenn ihre Mädchen sich fürs Fußballspielen interessierten. 

Estnisches Frauen-Nationalteam vor
dem Spiel am 20.3. gegen Luxemburg (1:1)
Auch privat ist Boanas eng mit dem Frauenfußball verbunden: Pauline Cope, genannt "Copey", eine der bekanntesten weiblichen Fußballtorwarte auf der britischen Insel, spielte zwischen 1995 und 2004 fürs englische Nationalteam und ist heute seine Frau (Cope debütierte 1995 im Spiel gegen Deutschland in Bochum, als Silvia Neid noch selbst mitspielte und Birgit Prinz als junges Talent eingewechselt wurde und das Siegtor schoss).
In Estland ist die "Frau an seiner Seite" (Co-Trainerin) Katrin Kaarna, die als eine der ersten Estinnen die Trainer-A-Lizenz im Frauenfußball erreichte. Mit Anne Rei gibt es im Fußballverband EJL inzwischen auch eine weibliche Generalsekretärin. Inzwischen ist die Anzahl der estnischen Fußballerinnen bereits auf 800 angestiegen und der Verband hofft bald die 1.000-Grenze zu übersteigen.
Und sportlich? Schon 2010 gab es erste überraschende Erfolge: Nord-Irland wurde geschlagen, Kroatien sogar auswärts, und die Niederlagen gegen Frankreich mit 0:6 "halbierten" sich sozusagen. Das estnische Nationalteam nimmt heute zumindest für sich in Anspruch, das beste Frauenfußballteam der baltischen Staaten zu sein - am 30.März wurde Lettland in Riga 5:3 besiegt.

Webseite Estnisches Nationalteam Frauen / UEFA-Bericht zur Frauenfußball-Konferenz

Dienstag, Oktober 23, 2012

Kiiking-News aus Germany

Ein neuer Beitrag zum "Kiiking" nach estnischem Vorbild. Vor einiger Zeit hier im Blog beschrieb Winfried Voigt seine Eigenbau-Versuche im eigenen Garten - nun gibt es eine neue filmische Dokumentation über den deutschen Kiiking-Fan, hier zu bewundern:

(notice:
licence for the music is limited to users in Germany - please excuse possible inconvenience)

Samstag, Oktober 06, 2012

Senegals Sonne in Sillamäe

Senegalesisch-Französisch-Estnisch: eine bunte Mischung sicherlich. Zumal wenn der Betroffene, Fußballspieler Kassim Aidara, nicht in Tallinn, Pärnu oder Tartu engagiert ist, sondern in Sillamäe. Bei "Transfermarkt.de" ist nun ein ausführliches Interview mit ihm zu lesen.
Estland-Freunde werden vielleicht genau hinhören bzw. -lesen. Ob wirklich in Sillamäe ein besserer Fußball gespielt wird als in Tallinn, das zu beurteilen mag noch Insidern der estnischen Fußball-Szene überlassen bleiben. Was macht der Senegalese wenn ihm in Sillamäe zu langweilig wird? Er geht nach Narwa, die Aidara als "nächste Großstadt" bezeichnet, wo er Shoppen und ins Kino gehen könne. Er spricht offenbar nur Englisch, kein Estnisch oder Russisch - hat allerdings einen russischen Berater, der ihm die Verträge in Estland vermittelt hat. Der Verein werde vom Hafen der Stadt Sillamäe gesponsort, so Aidara - da sind die russischen Netzwerke wohl klar. Die Spieler seien deshalb zufrieden, weil der Präsident "recht großzügig" sei und "ein offenes Ohr für die Spieler" habe. Was das im Einzelfall heißt, bleibt im Interview offen.

Aidaras Einschätzung des estnischen im Vergleich zum deutschen Fußball: die besten drei estnischen Mannschaften könnten in der deutschen 3.Liga mithalten. Aber das Interview offenbart nicht alles - der Leser ahnt, dass ein Leben als Fußballer in Bereichen, wo keine großen Summen verdient werden können nicht einfach ist. Zu seinem vorhergehenden Aufenthalt in Tallinn sagt Aidara: "Ich habe in einem Appartement gelebt und bekam vom Vereins-Restaurant drei Mahlzeiten am Tag". Nach Privatleben klingt das nicht. Immerhin spielt hier das Thema Ausländerfeindlichkeit keine Rolle. Aber was macht er, wenn er nicht Fußball spielt? Antwort: "dann denke ich an Fußball und bin mit meiner Familie telefonisch in Kontakt." Wo lebt die Familie eigentlich, ist er verheiratet, oder meint er nur die Eltern? Das läßt das Interview leider offen.

Interview Transfermarkt  / Aktuelles zur estnischen Meistriliiga

Mittwoch, September 05, 2012

Finnen mit estnischen Sponsoren

Vom estnischen Tourismusamt bisher als "Platz für
eine schöne Aussicht" beworben: Sprunganlage
in Otepää. In Zukunft gibt es offenbar erweiterte
estnische Möglichkeiten.
Erfolge waren für die finnischen Skispringer in den vergangenen zwei Wintern selten geworden. Nachdem Janne Ahonen seine Karriere beendete, und auch die besten Tage von Matti Hautamäki lange vorüber zu sein scheinen, sucht der 2010 neu ins Amt gekommene Nationaltrainer Pekka Niemelä nun neue Wege und Konzepte. Aber zuletzt kam einiges Verletzungspech dazu, und Nachwuchstalente wie Harri Olli fielen eher durch schlechtes Benehmen als durch sportliche Erfolge auf. Da der finnische Skiverband die Finanzierung kürzte, sahen finnische Skisprungfans zuletzt auch keine Besserung in Sicht.

Nun aber zeichnet sich, einem Bericht auf "Skispringen.com" zufolge, eine estnisch-finnische Kooperation ab. Estnische Skispringer? Gut, bei Weltcups und der Vierschanzentournee nahmen zuletzt auch vereinzelt estnische Springer teil. Aber können Finnen von ihnen sportlich was lernen? Da ist ein Zitat vom erwähnten Sportportal aufschlußreich: "Während Team Estland vom Service-Material und Know-How der erfahrenen Finnen profitieren soll, erhält die stark angeschlagene finnische Mannschaft im Gegenzug finanzielle Unterstützung."

Estnische Sponsoren also für finnische Sportler. Die Meldung weiß außerdem zu betonen, dass beide Nationen weiterhin unter eigener Flagge antreten werden (siehe Hymne). Vielleicht wäre "Finn-Eesti-Ugria" mal eine Idee.
Auf Facebook hat die Fanseite "Skisprungteam Estland" gerade mal einen Fan - den Gründer der Seite, nehme ich an.