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Mittwoch, Dezember 24, 2025

Unfriedlich

Es gibt nur wenige Menschen in Estland, die angesichts eines Krieges im Nachbarland irgend einen "Weihnachtsfrieden" erwarten. Aber es gibt noch einen anderen Bereich, wo es in Estland derzeit "unfriedlich" zugeht.

Nervosität im Tank 

Es ist der ungewohnte Preiskrieg an den Tankstellen. Denn jahrelang gab es da keine Unterschiede: ob Autobesitzer in Tallinn, Tartu, Narwa oder Otepää nachtanken. Es sah fast so aus wie heimliche Preisabsprachen - alles bis auf den Zehntel-Cent gleich. Und wenn sich mal etwas änderte, war die Suche nach preislichen Alternativen vergeblich: alle passten sich innerhalb kurzer Zeit an. Die zunehmende Umrüstung der Tankstellen auf automatischen Betrieb wurde dafür von den Betreibern als einer der Ursachen angegeben. 

Doch jetzt ist alles anders. Ausgelöst im September durch die Entscheidung einer einzelnen Firma, einen "Preiskrieg" zu entfachen. Das Unternehmen "Neste" senkte die Preise auf ein Rabattniveau, das bisher nur für treue Kund/innen galt. 

Die kraftstoffvollen Fünf 

Der estnische Kraftstoffmarkt ist sehr klein – der Verbrauch von Benzin und Dieselkraftstoff macht nur etwa ein halbes Prozent des Gesamtverbrauchs der Europäischen Union aus. Fünf Firmen stehen für etwa 85% des Marktes: "Circle K", "Neste", "Olerex", "Alexela" und "Terminal". 

"Neste" veröffentlichte im September einen neuen, einheitlichen Benzinpreis, und nun sehen Autofahrer und Autofahrerinnen in Estland bisher Ungewohntes: Preisunterschiede von einer Tankstelle zur nächsten. Der Benzinpreis sank zunächst um bis zu 11 Cent pro Liter, an einigen Stellen sogar noch mehr. Der Durchschnittspreis für 95-Oktan-Benzin sank von 1,62 Euro im August auf 1,44 Euro im Oktober. Bei Diesel ging es runter von 1,47 Euro auf 1,31 Euro. Es gab Tage, an denen Kraftstoff noch billiger war, und einige Unternehmen mussten zugeben, dass sie ihn an manchen Tagen unter Selbstkostenpreis verkauften; es gab Preisunterschiede bis zu 30 Eurocent von einer Woche zur anderen. (err) Nun entscheidet offenbar jede Tankstelle selbst: auch im Dezember hielt der Preiskampf immer noch an - mit Schwankungen bis zu 20 Cent an verschiedenen Tankstellen ein und derselben Marke. Bei "Alexela" soll es schon einen Brief an alle Beschäftigten gegeben haben, der "harte Entscheidungen" ankündigt. (err) 

Tanktouristen und Bilanzen 

Hinzu kommt noch ein anderer Effekt: Litauische Fernfahrer tanken mittlerweile in Estland, da die Dieselsteuer in dem nördlichsten baltischen Staat derzeit deutlich niedriger ist: in Litauen liegt der Steuersatz pro Liter derzeit bei 0,520 €, in Estland sind es 0,428 €. Auch wenn die Verbrauchsteuern auf Kraftstoffe in Estland sowohl 2026 als auch 2027 steigen sollen, werden sie voraussichtlich günstiger bleiben als in den unmittelbar südlich gelegenen Nachbarländern. Es stehen Preisunterschiede von bis zu 14 Cent in Aussicht. (err)

Momentan sind die Preise wieder etwas gestiegen - aber der Preiskampf bleibt vorerst. Von "Neste" wird am ehesten angenommen, dem Preisdruck standhalten zu können - denn das Unternehmen verfügt über eine eigene Raffinerie in Finnland. Schwieriger könnte es für drei lokale estnische Unternehmen werden, die ihren Kraftstoff hauptsächlich von der polnischen Firma Orlen aus deren Ölraffinerie in Litauen beziehen. Kurzfristig sind Verbraucherinnen und Verbraucher die Gewinner - allerdings nicht überall: in weniger bevölkerten Regionen, in denen es wenig oder gar keine Konkurrenz gibt, sind die Preise jetzt höher als in dicht besiedelten Gebieten. Längerfristig wird sich das Preisniveau konsolidieren, und die Firmen werden dann versuchen, ihre Verluste auszugleichen. (IR)

Derweil ist der Absatz von Autos in Estland, in Folge verschiedener Steuererhöhungen, zuletzt drastisch gesunken. Ein Minus von 64% im Vergleich zum Vorjahr wurde im November 2025 gemeldet. Für das gesamte Jahr 2025 wurde der Verkauf von 11.872 Neuwagen verzeichnet - davon 24,5% mit Verbrenner-Motoren und 62,6% Hybrid-Fahrzeugen. Der Anteil von Elektro-Autos lag bei 5,5%  (err). 

Montag, Juni 09, 2025

Esten bauen Lettland auf

Angestrebte Fahrzeiten zwischen den 
einzelnen Stationen - wenn "Rail Baltica"
mal fertig gebaut ist
"Doch, wir wären bereit, so eine Bahnlinie auch in Lettland zu bauen", mit diesen Worten wird der estnische Regierungschef Kristen Michal (Reformpartei) zitiert. Als sich Ende Mai die Delegationen der Regierungen Estlands, Lettlands und Litauens trafen, wurden einige Projekt der regionalen Zusammenarbeit diskutiert. Kurz vorher war bekannt geworden, dass Lettland befürchtet, die neue Schnellbahnlinie "Rail Baltica" nicht zum geplanten Eröffnungstermin 2030 fertig stellen zu können. (err)

Estland dagegen ist sich sicher, dass ab 2030 Züge auf der Strecke Tallinn bis zur lettischen Grenze fahren können (213 km Strecke in Estland). Auch Litauen liegt weitgehend im Zeitplan. Aber was wäre das wert, wenn auf der Strecke dazwischen (dort liegt wohl das Land Lettland) das Planungschaos herrscht? Vielen Bürgerinnen und Bürgern ist das Projekt inzwischen auch einfach nur noch dadurch bekannt, dass es riesige Summen von Geld verschlingt. Die lettische Regierung wechselte kürzlich den Verkehrsminister aus (vorher Kaspars Briškens, jetzt Atis Švinka). Eine parlamentarische Untersuchungskommission war zu dem Ergebnis gekommen, dass es bis 2035 dauern könnte, bis die "Rail-Baltica"-Baumaßnahmen die estnische Grenze erreichen (265 km Gesamtstrecke in Lettland). Und auch der Bau des neuen Zentralbahnhofs in Riga geht langsamer voran als geplant. 

Das hatte in Estland auch schon Kritik daran hervorgerufen, warum Estland zur Zeit überhaupt so viel Finanzen auf das Projekt "Rail Baltica" konzentiere. "Warum geben wir Millionen aus, um dann mit dem Zug von Tallinn nach Häädemeeste fahren zu können?" fragte Anastassia Kovalenko-Kõlvart von der oppositionellen Zentrumspartei. (err) Nun ja, die Frau ist bekannt dafür Motorradrennen zu fahren, wahrscheinlich nicht auf Schienen. 

Bei Kristen Michal dagegen klingt es anders. "74 Kilometer sind jetzt im Bau, und bis Ende 2026 wird das auf der gesamten Bahnstrecke in Estland der Fall sein" (valitsus). Und was entgegnete die lettische Ministerpräsidentin Silina? Sie habe geantwortet, sie sei "absolut dankbar" für Michals "ziemlich feinfühligen" Sinn für Humor, den er zu Meetings bringe, um alle aufzumuntern. (Err) 

Freitag, Februar 28, 2025

Das Steuer, die Steuer


Lange war es ein umstrittenes Thema in Estland: zum 1. Januar 2025 wurde eine Kraftfahrzeugssteuer eingeführt - als eines der letzten Länder in Europa, wie es heißt. Für alle registrierten Fahrzeugbesitzer bedeutet das zweimal zahlen: eine Gebühr für die Registrierung, und einen Beitrag pro Jahr.

In Estland fahren, so hieß es bisher, die ältesten Autos in der ganzen Europäischen Union (zusammen mit Griechenland). Und pro Neuwagen seien es bisher 141g CO2-Ausstoß pro Kilometer gewesen - gegenüber 110g im EU-Durchschnitt. (ARTE) Manche bezeichneten Estland bisher als "Autofahrerparadies" ("Die Presse")

Immerhin kamen für eine Petition gegen das neue Gesetz 70.000 Unterschriften zusammen - konnten das In-Kraft-Treten aber nicht verhindern. 

Estlands Autoverkäufer profitierten kurzfristig, und wunderten sich: viele wollten noch schnell Ende 2024 ein Auto kaufen, aber tatsächlich gekauft wurden nicht die kleinen Modelle, sondern große CO2-Schleudern, die gerade vom neuen Gesetz am meisten betroffen waren (ARTE). 

Rettungsfahrzeuge, Fahrzeuge für den diplomatischen Dienst, oder Militärfahrzeuge sind in Estland von der Kraftfahrzeugssteuer befreit. Aber Ülle Madise, die in Estland als "Õiguskantsler" so eine Art "Ombudsfrau" in Verfassungsfragen darstellt, fordert noch weitere Nachbesserungen und Ausnahmeregelungen. "Wenn an einem bestimmten Datum im Kalenderjahr ein Auto registriert wird," erläutert sie, "muss die Kraftfahrzeugsteuer für die verbleibenden Tage dieses Jahres gezahlt werden. Wenn aber das Fahrzeug schon am ersten Tag des Jahres kaputt geht, oder gestohlen wird, ist beispielsweise die volle Jahressteuer noch erforderlich, obwohl das steuerpflichtige Vermögen nicht mehr vorhanden ist. Sollte nun eine Person es sich leisten können, ein neues Auto zu kaufen, dann muss sowohl für den Vermögenswert, den das alte Auto hatte, wie auch für das neue Steuer gezahlt werden. Auch die Registrierungsgebühr kann nicht erstattet werden." (err)

Eine Steuerberechnung für jeden einzelnen Nutzungstag scheint nicht möglich, aber eine Verbesserung wäre es schon, so Madise, wenn die Steuer vielleicht vierteljährlich berechnet werden könnte. Und auch an Fahrzeuge die von Behinderten genutzt werden, sowie an kinderreiche Familien sollte vielleicht noch gedacht werden, meint die Expertin.

Im vergangenen Jahr gab es Berichte, denen zufolge etwa 200.000 Autos zwar in Estland registriert, aber offenbar nicht mehr in Benutzung seien. Die Hauptstadt Tallinn habe 2024 mit etwa 500 Autos zu tun gehabt, die irgendwo in schrottreifem Zustand stehen gelassen worden waren (err).

Gemäß Zahlen des estnischen Statistikamtes wurden im Dezember 2024 7046 PKWs in Estland registriert - doppelt so viel wie im Dezember des Vorjahres. Im gesamten Jahr 2024 wurden 50424 PKWs in Estland gekauft, darunter 25746 Neuwagen. Das bedeutete insgesamt eine Steigerung um 7%, bei Neuwagen um 12%. (err) 

Zum Verkehrsaufkommen in Estland einige Zahlen im Vergleich: an der A2 Anschlußstelle Hannover-Ost werden pro Tag etwa 85.000 PKW gezählt, dazu Schwerlastverkehr von ca. 20.000 Fahrzeugen. Am Frankfurter Kreuz waren es 120.000 PKWs (+ 20.000 LKWs). In Aurich / Ostfriesland waren es ca. 18.500 PKWs (+950 LKWs), und in Freiberg /Sachsen 13.500 PKWs (+750 LKWs). Alle Zahlen bezogen auf das Jahr 2022 (Bast) Auf dem Kölner Ring sollen auch schon 170.000 PKWs pro Tag gezählt worden sein (Wikipedia) Europaweit stiegen die CO₂-Emissionen im Personenverkehr von 1990 bis 2019 um 33,5%. (europarl)
 

Donnerstag, November 07, 2024

Oben ohne

Es gibt ja manchmal eine Diskussion darüber, wie dieses in Estland und den baltischen Nachbarn beliebte und bekannte Verkehrsmittel deutsch übersetzt werden sollte: Oberleitungs-Bus, O-Bus, oder doch lieber Trolleybus? Als im Juli 1965 in Tallinn der Betrieb von elektrisch betriebenen Bussen samt Oberleitungen eröffnet wurde, gab es sie in Vilnius (seit 1956) und Riga (seit 1947) schon lange. (tlt)

Wer jemals in überfüllten Trolleybussen unterwegs war, den wird vielleicht auch nicht verwundern, dass die Betreibergesellschaft "Tallinna Linnatransport TLT" ganz offiziell 8 Passagiere Aufnahmekapazität pro Quadratmeter Busfläche berechnete. Reisebuchautor Klaus Schameitat ist offenbar ein Fan der Tallinner Oberleitungs-Gefährte, denn er hat eine umfangreiche Infoseite dazu, illustriert mit zahlreichen eigenen Fotos, ins Internet gestellt.

Ab jetzt, oder sehr bald: Akutrolle

Ab dem 1. November wurden die 4 bisherigen Trolleybuslinien in Tallinn eingestellt; auf diesen Strecken werden jetzt - vorübergehend, wie es heißt - herkömmliche Busse eingesetzt (err). Dies bedeutete aber nicht die Abschaffung der Trolleybusse, so Bürgermeister Mihhail Kõlvart (tallinn.ee). "Wir wollen ein möglichst breites Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln bereitzustellen, um den Bedürfnissen der Stadtbewohner gerecht zu werden“, so Kõlvart. Ziel sei es, den öffentlichen Nahverkehr bis 2035 emmissionfrei zu betreiben.

Ab 2026 sollen also 40 neue batteriebetriebene Busse auf den bisherigen Linien eingesetzt werden - estnisch "Akutrolle" genannt. (tallinn.ee) Die bisher eingesetzten Fahrzeuge hätten ihre maximale Nutzungsdauer erreicht, 38 ausrangierte Trolleybusse der Marke Solaris Trollino sollen jetzt im Rahmen einer Auktion verkauft werden. Die Gesamtkosten dieses fünf bis sechs Jahre dauernden Umstellungsprojektes werden auf 40 bis 50 Millionen Euro veranschlagt.

Im Stadtzentrum werde nun das unnötig gewordene Oberleitungsnetz abgebaut, während in der Mustamäe- und der Sõprus-Straße eine für die neuen Trolleys geeignete Ladeinfrastruktur gebaut werden soll - die Busse sollen mindestens 25km mit einer Aufladung fahren können.  

Trauer, oder Vorfreude? 

Inzischen gibt es Reaktionen von Trolleybusfans. Videoclips mit der Bezeichnung "Trolleybus auf seiner letzten Fahrt in Tallinn" gibt es gleich mehrere auf den gängigen Portalen (Youtube1 / Youtube2 / instagram) zu finden. Andere schreiben von einer "Trolleybus Renaissance". 

Trolleybus-Oberleitungsnetz in Tallinn
Zu Spitzenzeiten betrieb Tallinn schon einmal neun Linien mit Trolleybussen - einige wurden inzwischen auf reguläre Busse umgestellt.

Ob sich auch die Bezeichnungen für die neuen akkubetriebenen Gefährte in Tallinn ändern wird? Oder wird sich vielleicht die Bezeichnung "Akutrolle" auch im Englischen und Deutschen durchsetzen?

Beim baltischen Nachbar in Vilnius spielen Trolleybusse offenbar auch in Zukunft noch eine größere Rolle als in Tallinn. Gerade erst wurden für Vilnius 73 neue Fahrzeuge angeschafft (siehe auch: Youtube), und am internationalen "Tag ohne Auto" (gelegentlich auch "Mobilitätswoche" genannt) fahren in Vilnius "Retro-Trolleybusse" als Attraktion. Den Vergleich mit Riga hingegen scheut Kaido Padar, Chef von TLT, nicht: immerhin sei der Fahrpreis pro km in der estnischen Hauptstadt rund 30% günstiger als beim lettischen Nachbarn (err).

Samstag, März 23, 2024

Bremsversuch

Wer mit dem Thema Digitalisierung beruflich zu tun hat, ist vielleicht schon einmal auf Dienstreise in Tallinn gewesen. Kostenfreies Wlan, Paketzustellung mit selbstfahrenden Fahrzeugen, selbstfahrende Busse, digitale Krankenakte, E-Residency und Wählen per E-Voting.  Es scheint in zwei Richtungen zu gehen: neben den digitalen Lösungen die (klimafreundlich) elektrischen. 

Scootermania

Stolz wird der "Äike T" als erster in Europa produzierter E-Scooter bezeichnet (rideaike). Auch "Volt" kommt aus Estland, weiterhin ist "Bolt" auch in Deutschland, in über 50 Städten von Augsburg bis Wolfsburg, mit E-Scooterverleih dick im Geschäft. Man könnte meinen, "E-Scooter" sei die Bezeichnung für "Estland-Fahrzeug". 

Geschwindigkeitsangaben
bei "ÄIKE"

Da wird es vielleicht verwundern, wenn gerade Tallinn die "Freiheiten" der E-Scooterfahrer einschränken möchte. "Maximal 20 km/h Geschwindigkeit ist absolut ausreichend", so wird Vladimir Svet, stellvertretender Bürgermeister der estnischen Hauptstadt, zitiert (err). "Wenn wir die Gefährdung von Fußgängern nicht ausschließen können, wird die Gesellschaft vielleicht ähnliche Lösungen wie in Paris einfordern, wo E-Scooter ganz verboten wurden." 

Zu schnell, zu viele

Es wird auch darauf hingewiesen, dass in der norwegischen Hauptstadt Oslo nur maximal 8 km/h erlaubt seien. Dort seien vielfach auch die Notaufnahmen der Krankenhäuser überfüllt gewesen, wegen vieler Unfälle gerade zur Nachtzeit. Konsequenz: in Oslo gilt jetzt auch ein Nachtfahrverbot zwischen 23 und fünf Uhr morgens (Tagesschau). 

Nun sind in der Innenstadt von Oslo auch nur noch insgesamt 8.000 E-Roller zugelassen, und die E-Scooter-Anbieter beklagten "ein Ende der Mikromobilität". In Tallinn dominieren vor allem "Bolt" und "Tuul" das Geschäft mit E-Scooterverleih. Wobei beide Firmen eigentlich darauf setzen, dass die Kundinnen und Kunden sich einfach die firmeneigene App herunterladen und dann dort einen Roller leihen, wo immer in Europa sie gerade sind. "Tuul" gehört zur "Kõu Mobility Group", wo auch die schon genannte "Äike" und auch der Fahrrad- und E-Bike-Hersteller "Ampler" zu finden sind. Hier wird "nachhaltige Mikromobilität" propagiert. 

In Tallinn soll es Uneinigkeit zwischen den E-Scooter-Anbietern gegeben haben. Demgegenüber sind sich aber die Stadtverwaltung und die Verkehrspolizei einig, nicht nur die zulässige Höchstgeschwindigkeit weiter abzusenken, sondern auch gesonderte Parkzonen für E-Scooter in der Innenstadt auszuweisen, die auch mit Ladestationen ausgerüstet sein sollen. Vizebürgermeister Vladimir Svet wünscht sich auch von der estnischen Regierung, dass Gesetzeslücken geschlossen werden. "In anderen Ländern, so wie auch bei unserem Nachbar Lettland, können die Städte und Gemeinden die Regeln für E-Scooter und Parken selbst festsetzen", meint er. Am liebsten würde man auf einzelnen Straßen 25 km/h erlauben, in der Nähe von Kindergärten oder Schulen aber nur 15 Km/h. (ERR)

Sonntag, Dezember 31, 2023

Estland, wohin?

In Estland werden "Zeitenwenden" offenbar anders interpretiert. Zugegeben, die Umstellung aufs Digitale begann schon Mitte der 1990iger Jahre, die deutsche Öffentlichkeit, deutsche Politik und deutsche Medien entdeckten die estnischen Fähigkeiten und Modelle erst vor wenigen Jahren. Also kann es ja sein, dass sich in Estland auch auf anderen Handlungsfeldern schon etwas getan hat, wovon wir in Deutschland noch nichts gemerkt haben. 

Auf manch anderem Gebiet scheint es aber auch in Estland verschiedene Ideen für die Zukunft zu geben, und Entscheidungen stehen noch aus. 164 Seiten stark ist ein Bericht einer 39-köpfigen Arbeitsgruppe, die Argumente sammelte für den Einsatz von Atomkraft in Estland. Daraus machen einige die Schlagzeile: Atomkraft würde sich innerhalb von sechs Jahren amortisieren (siehe auch: Blog). Dem zufolge müssten irgendwann Paldiski, Toila, Kunda, Varbla oder Loksa mit atomarer Beglückung rechnen. Vorteil für Atomkraft-Fans hier: zur Frage der Entsorgung atomarer Abfälle genügen allgemeine Formulierungen wie diese: "Estland sollte eine Strategie zur Entsorgung radioaktiver Abfälle entwickeln und den Bau einer Endlagerstätte für abgebrannte Kernbrennstoffe in Betracht ziehen.“(err)

Eine andere Frage schien in den vergangenen Monaten zu sein, wie lange sich Estlands Regierungschefin Kaja Kallas noch halten kann. Jetzt heißt es: Kaja Kallas (Reformpartei) soll Estlands nächste EU-Kommissarin werden (err) - mit dieser Aussage wird Kajas politischer Konkurrent Jüri Ratas (Zentrum) zitiert, verbunden mit dem Ausspruch, eine ehemalige Ministerpräsidentin können wohl auch auf einen stellvertretenden Chefposten in der EU-Kommission Anspruch erheben. Die Reformpartei steht gemäß Umfragen in der Wählergust bei ihrem schlechtesten Wert seit fünf Jahren (err). Regierungschefin Kallas war wegen dubioser Geschäftspraktiken ihres Mannes Arvo Hallik in die Kritik geraten, bei denen Komponenten aus estnischer Produktion auch nach Russland geliefert worden waren - trotz aller öffentlich verkündigten Boykott-Beschwörungen der Regierung.  - Aus der Zentrumspartei stammt die gegenwärtige estnische EU-Kommissarin Kadri Simson, zuständig für den Energiebereich. 

Wie lange wird die Zentrumspartei noch eine führende Rolle in Tallinn behalten? Ende 2022 war der langjährige Parteichef Edgar Savisaar verstorben, Bürgermeister in Tallinn 2001-2004 und nochmals 2007-2015. Seit den Kommunalwahlen 2021 braucht die Zentrumspartei einen Koalitionspartner. 79 Sitze hat der Stadtrat, durch einige Austritte und Parteiübertritte hat die gegenwärtig regierende Koalition aus Sozialdemokraten und Zentrum nur noch eine knappe Mehrheit. Schon seit 2019 ist Zentrumspolitiker Mihhail Kõlvart Bürgermeister. Wofür ist Tallinn schon seit einigen Jahren auch in Deutschland bekannt? Alle Einwohnerinnen und Einwohner bekommen die Nutzung des ÖPNV kostenfrei.  Bei der Einführung dieser Regelung 2013 sollen sich 30.000 Menschen zusätzlich bei der Stadt registriert haben. Nun präsentiert Kõlvart stolz Gäste aus Montpellier in Frankreich: auch für die dortigen Stadtbewohner/innen soll bald der ÖPNV kostenlos sein. Aber in Tallinn? Kõlvart konnte nicht umhin zugeben zu müssen, dass ja die gegenwärtige estnische Regierung diese Regelung eher abschaffen möchte (err). 

Drei Themen also, bei denen die Richtung für 2024 und die kommenden Jahre noch nicht klar scheint. Mal sehen, wo die Reise hingeht.

Montag, Oktober 23, 2023

Ja, Ja, die Autos ...

Als kürzlich Frankreichs Präsident Macron in Estland zu Gast war, musste Regierungschefin Kaja Kallas offenbar erklären, warum in Meinungsumfragen die estnische Regierungskoalition so schlecht dasteht: die drei Koalitionspartner Reformpartei, Eesti200 und Sozialdemokraten lagen im Oktober bei zusammen nur noch 42%. (err) Nein, das sei nicht die Auswirkung irgendwelcher "Skandale", so soll Kallas ihrem Gast erläutert haben, vielmehr  müsse man gegenwärtig eine unpopuläre Steuer auf PKWs durchsetzen. (err) Ein "Aufstand der Autofahrer" in Estland? Was wird da geplant? 

Ab 2025 soll es in Estland eine neue Besteuerung von PKWs geben. Diese neue Steuerberechnung wird CO2 als Grundlage haben, kündigte Finanzminister Mart Võrklaev (Reformpartei) an (err). "Je mehr die Umwelt verschmutzt wird, desto höher wird die Rechnung ausfallen", stimmt ihm auch Toomas Uibo, Parteichef bei "Eesti200", zu. (err) Je mehr CO2 ein Auto emittiert, und je schwerer ist ist, desto höher soll in Zukunft die Steuer berechnet werden. "Der CO2-Ausstoß estnischer Autos ist mit am höchsten in ganz Europa", meint Võrklae, "daher müssen wir unsere Gesetzgebung entsprechend anpassen. Dies soll die Estinnen und Esten dazu bewegen, in Zukunft beim Autokauf nachhaltigere Entscheidungen zu treffen." Und eine weitere wesentliche Änderung sei es, wenn nur noch für die Erstzulassung eines Fahrzeuges in Estland eine Registrierungsgebühr fällig werde, bei einem Eigentümerwechsel innerhalb Estlands aber nicht. (fin.ee)

"Die neue Steuer wird vor allem ärmere Leute, Bewohner ländlicher Gebiete und kinderreiche Familien am härtesten treffen," kritisiert Jüri Ratas vom oppositionellen "Zentrum". Seiner Meinung nach sei überhaupt fraglich, ob angesichts von Erhöhungen bei Verbrauchssteuern und Mehrwertsteuer die Einführung einer weiteren Steuer angebracht sei. (err) "Die Leute sollen offenbar dazu bewegt werden, ihr eigenes Auto aufzugeben," meint Urmas Reinsalu, Chef der ebenfalls oppositionellen "Isamaa". 

Da scheint es logisch, dass auch vom estnischen Verband der Fahrzeughändler Kritik kommt. Leino Luik, Vertriebsleiter bei "United Motors" meint, gerade die geplante Registrierungsgebühr falle unerwartet hoch aus. Sein Kollege Janek Eskor ("Topauto") meint, wer es sich leisten könne, werde wohl im kommenden Jahr versuchen das Auto durch ein anderes Modell zu ersetzen. Dies könne zu einem Überangebot und Preisverfall bei Gebrauchtwagen führen. Aber andere Autobesitzer würden wohl versuchen, meint er, ihr altes Auto noch so lange wie irgend möglich (und bezahlbar) zu fahren. "Und das Ministerium sagt, die Leute sollten zum Kauf umweltfreundlicherer Fahrzeuge bewogen werden," fügt Leino Luik hinzu, "aber gemäß der Berechnungstabelle ist es günstig, Autos zu kaufen die fünf, sechs Jahre alt sind - also nicht so umweltfreundlich sein können wie neue Autos". (err)

Das estnische Fernsehen ETV machte Interviews unter Menschen, die auf dem Lande wohnen. Empfehlungen, lieber öffentliche Verkehrsmittel zu bevorzugen, wirken im ländlichen Estland einfach nur naiv - so hier die Erkenntnis (err). Und Arno Sillat vom Verband der estnischen Autoverkaufs- und Servicefirmen (AMTEL) meint: "Das Ministerium will Steuereinnahmen generieren - und da ist dann ein grünes Etikett lediglich nachträglich draufgeklebt." Statistisch werde die neue Steuer aber die Anzahl der Fahrzeuge in Estland schnell verringern - einerseits seien da geschätzte 50.000 Fahrzeuge, die zwar noch registiert seien, aber gar nicht mehr vorhanden (sogenannte "Phantomautos"). Und schließlich kämen noch geschätzte 100.000 Fahrzeuge dazu, die es zwar noch gäbe, die aber nicht mehr gefahren würden. Sillat kritisiert: tatsächlich würde ja selbst in Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden, zwei ausgesprochene Fahrradländer, die Anzahl der Autos nicht nennenswert sinken. (err)

230 Millionen Euro an Einnahmen pro Jahr kalkuliert das Finanzministerium offenbar als Folge der neuen Steuer. Wie viel es für jede/n einzelne/n Autobesitzer/in kosten wird, dazu versucht sich das estnische Finanzministerium in Beispielrechnungen. Die estnischen Autofirmen ziehen nach, und so finden sich jetzt auf vielen Infoportalen eigene Berechnungen (avasta / err) und sogar speziell für eine Berechnung oder Vorabschätzung eingerichtete Webseiten und Apps (codelab / toehaal / mobire / lobusoit)

Was übrigens die Umfragen angeht: seit die oppositionelle "Isamaa" (Vaterlandspartei) das Thema für sich entdeckt hat, und nun fordert die neue Autosteuer komplett zu streichen, hat dies die Partei momentan auf Platz 2 in den Umfragen katapultiert und damit sogar die populistische EKRE-Partei überflügelt (err). Parteichef Urmas Reinsalu zitiert in seinen aktuellen Stellungsnahmen zur politischen Lage in Estland sogar den deutschen Bundeskanzler Scholz als (gutes) Beispiel (eestiuudised). Die neue Kfz-Steuer jedenfalls verschärfe die Lebensverhältnisse in Estland, beeinträchtige die Mobilität und verletzt das Eigentumsrecht, so die Oppositionspartei (eestiuudised).

Freitag, November 05, 2021

Trolley ohne

Trolleybusse, also Busse die ihre Energie aus Oberleitungen beziehen (manche nennen sie auch O-Busse), fahren in der estnischen Hauptstadt Tallinn seit 1965 - erst kürzlich wurde das 55.Jubiläum des Tallinner Trolleybusverkehrs gefeiert (tlt.ee). Das Betreiberunternehmen "Tallinna Linnatranspordi" betont aus diesem Anlass, Trolleybusse seien heute besonders wichtig für die Bewohner/innen der Stadtteile Mustamäe, Väike-Õismäe, Kristiine, Põhja-Tallinn and Kesklinn. 

Nun gibt es aber Pläne, bis 2025 keine Diesel-Busse und bis zum Jahr 2035 in Tallinn nur noch Busse mit Elektroantrieb einzusetzen (err). Um das zu erreichen, sollen nach und nach 650 Elektrobusse neu gekauft werden (err). Das Aus für die traditionellen Trolleybusse? "Trolleybusse werden stufenweise aus dem Stadtbild von Tallinn verschwinden", hieß es schon öfter in estnischen Presseberichten - ohne allerdings konkrete Daten zu nennen. (err / Baltic Times) Noch gibt es 50 Trolleybusse, eingesetzt auf nur noch vier von ehemals neun Linien.

Seit wenigen Wochen werden nun neue Fahrzeuge für die Tallinner Trolleybusflotte getestet. Die Fahrzeuge mit der Bezeichnung Solaris Trollino 24 MetroStyle sollen vor allem in der Lage sein, eine kurze Zeit auch ohne Stromabnehmer, also ohne Kontakt zu den Oberleitungen fahren zu können. Ein Fahrzeug, das auch bereits einen Designpreis abräumte (omnibusrevue) Auch in der slowakischen Hauptstadt Bratislava wurden bereits Probefahrten absolviert (busstreff).

den ganzen Bus auf ein Foto bekommen?
Schwierig ...

Das Gefährt aus Polen kann einige Kilometer mit bordeigenen Batterien bestreiten, die durch die Oberleitung aufgeladen werden. Das bringt die Tallinner Stadtplaner/innen auf neue Ideen. Zum einen wird über Express-Linien nachgedacht, "Metro-Busse" genannt, bei denen diese Fahrzeuge auf Hauptstraßen in Verkehrsspitzenzeiten eingesetzt werden und Kreuzungen schneller passieren können sollen. (Postimees) Außerdem ist statt Seitenspiegeln ein spezielles Kamerasystem eingebaut, das den "toten Winkel" eliminieren soll und den Fahrer vor anderen Verkehrsteilnehmer/innen wie Fahrradfahrer/innen oder Fußgänger/innen warnt.

Setzen offenbar eher auf die
Variante "selbstfahrend":
Uschi von der Leyen, Ministerpräsidentin
Kallas

Andererseits sind diese "Doppelgelenkbusse" auch 24 Meter lang, und damit doppelt so lang wie ein regulärer Bus, drinnen sollen 200 Passagiere Platz haben. Kaufpreis: 800.000 Euro. "So können wir vielleicht mit der zusätzlichen Energie aus den Batterien auch Stadtteile erreichen, die bisher unerreichtbar schienen", sagt Deniss Boroditš, Vorstandsmitglied bei "Tallinna Linnatranspordi AS". Immerhin koste so ein Metrobus dreimal weniger als eine Straßenbahn (err). "Der Elektrobus, das wird wie ein Trolleybus ganz neuer Art sein", versucht Boroditš die Nostalgiker zu trösten (err)

Bis Dezember werden nun zunächst die Trollino-24-MetroStyle-Busse in Tallinn getestet. Vorteil für Fahrgäste: einfach zusteigen und abfahren - Ticketkontrollen gibt es in den Testbussen nicht. Und wer die Fahrt mit Trolleybussen so richtig genießen kann, dem/der wird vielleicht auch das Lied von Viktor Tsoi vom "Троллейбус –Trolleybus” durch den Kopf gehen (ein Tipp des estnischen Bloggers "Flatfish") "We look out the window, with some hope at least, on the trolley-bus that goes to the east ..."

Freitag, April 09, 2021

Von Ausgangssperre zu Hüpffreiheit

Für die Dauer von zwei Wochen werden in Tallinn Straßen gesperrt - aber nicht aus Gründen des Gesundheitsschutzes, und auch nur für Autos. Von abends 21 Uhr bis morgens früh um 6 Uhr ist dann das Befahren verboten - es gibt Ausnahmen für den Öffentlichen Nahverkehr. (err / bnn). Das geschieht im Tallinner Stadtteil Habersti, vor allem im Bereich der Straßen der Astangu tänav und der Kotermaa tänav. Auch beim Zitieren der Aussage von Oleg Siljanov, stellvertretender Bürgermeister von Habersti, muss genau hingehört bzw. gelesen werden: "Wir wollen ein Massensterben verhindern." 

Gemeint ist in diesem Fall allerdings die jahreszeitlich bedingte Wanderung von Kröten und Fröschen. "Die Astangu tänav ist ein der bedeutendsten Migrationswege für Amphibien in Estland," erläutert Siljanov, "und wir sorgen hier für geschützte Tierarten, die von ihren Winterplätzen zu den Laichgewässern wandern." 

Wegen der Pandemie sei es in diesem Jahr auch nicht möglich, freiwillige Helfer/innen einzusetzen, so entschieden es die zuständigen Amtsstellen. 

2019 hatte der Estnische Naturschutzfond sogar zu einem Gedichtwettbewerb "Springender Frosch" eingeladen, um das Bewußtsein für die ökologische Bedeutung von Amphibien in Estland zu stärken. 

Infoseite: Amphibienarten in Estland (estnisch, mit Bild und Audio)

Dienstag, März 16, 2021

Kein Estland ohne E

Grafik: Enefit VOLT

Das Motto "E-Estonia" ist für das moderne Estland wirklich nicht neu - bisher wurde es meistens mit der zunehhmenden Verbreitung von Internet, W-Lan und digitalen Technologien verbunden. Damit ist Estlands Image im heutigen Europa verbunden. Nur zu gerne knüpfen offenbar andere Bereiche der estnischen Wirtschaft daran an - wohl in der Hoffnung auf ein gleichfalls postives Erscheinungsbild.

Wenn es um Klimaschutz geht, muss in Estland immer noch an die wenig umweltfreundliche Nutzung des Ölschiefers erinnert werden. Da passt besser ins Bild, dass "Skeleton" eine besondere "Superbatterie" bauen will (Ultrakondensatoren statt Akkus), die ganz auf die Erfordernisse des künftigen "E-Zeitalters" zugeschnitten sein soll (sifted.eu
).Skeleton eröffnete 2017 einen Produktionsstandort in Großröhrsdorf in Sachsen.

"E-Estonia" - das könnte in Zukunft auch heißen: Elektro-Estland. Alles, was zukünftig mit Planungen und Neubauten im Bereich Infrastruktur zu tun hat, soll nun verpflichtend mit Elektro-Ladestationen ausgestattet werden. Zu dieser Entscheidung beigetragen habe eine Mitteilung des schwedischen Autobauers VOLVO, ab 2030 nur noch Elektoautos herstellen zu wollen, hieß es im estnischen Fernsehen (err). Und die Stadt Tallinn plant, bis 2035 alle städtischen Busse elektrisch zu betreiben.

Die genaue Lage von Ladestationen lässt
sich bei verschiedenen Anbeitern auf speziellen

Karten im Internet ablesen

Als Estland vor einigen Jahren sein landesweites Netz von Ladestationen startete (Forbes), war das Ziel, mindestens alle 60km eine Lademöglichkeit anzubieten. Jedes Städtchen mit mehr als 5.000 Einwohner/innen sollte mindestens eine Ladestation anbieten - als Teil des landesweiten "e-Mobilitäts-Programms" (ELMO).

"Ab 2025 wird ein Elektroauto definitiv weniger kosten als ein Fahrzeug mit herkömmlichem Verbrennungsmotor," so wird Ivo Jaanisoo zitiert, Abteilungsleiter im estnischen Wirtschaftsministerium (ERR). Der estnische Energieversorger "Eesti Energia" warb vor einigen Monaten mit der Eröffnung der landesweit größten Ladestation - im Einkaufszentrum "Viru Keskus", wo jetzt 10 Fahrzeuge gleichzeitig geladen werden können, weitere sechs Stationen sollen noch folgen (energia.ee).

Ladesäulen-Beliebtheitsscala - hier angeboten von
goingelectric.de
Im Jahr 2019 wurden allerdings noch weniger als 100 E-Autos in Estland verkauft. Bis dahin waren der Volkswagen "e-Up" (135 EV) das meist gekaufte E-Auto in Lettland, in Estland dagegen der Nissan Leaf (266 EV) (Trans-motauto).

Eine neue Studie der „European Alternative Fuels Observatory“ (EAFO) zeigt, das es bisher in ganz Europa 287.000 öffentliche Ladestationen gibt. Die Verteilung allerdings ist äußerst ungleich: nur fünf der 32 Länder verfügen über 73% aller Ladestationen: in den Niederlanden 66.400, in Frankreich 46.000, in Deutschland 44.500 und in Norwegen 18.500.Dabei dominieren immer noch die Ladestationen unter 22KW: in den Niederlanden 96%, in Deutschland 83%. Nur in wenigen Ländern ist der Anteil der kraftvolleren "Schnellladestationen" höher: erstaunlicherweise in Lettland mit 75% am höchsten, gefolgt von Litauen mit 56%.

Der neue Entwicklungsplan bis 2035, kürzlich von der estnischen Regierung beschlossen, verspricht eine CO2-Reduzierung im Verkehrssektor von 23-38% (bis 2035, im Vergleich mit dem Niveau von 2018).

Sonntag, Dezember 27, 2020

Brex-exit

Kurz vor dem Start ins Jahr 2021, wenn das Vereinigte Königreich Großbritannien kein Mitglied der Europäischen Union mehr sein wird, ist offenbar noch dringende Rückreise nach Estland, und auch Lettland und Litauen geboten. Wie die Nachrichtenagentur ERR zunächst berichtete, solle am 28. Dezember ein von den Außenministerien der drei Länder gechartertes Flugzeug für Menschen zur Verfügung stehen, die "dringend ins Heimatland" zurück müssen (err). Das estnische Außenministerium ergänzte inzwischen, dass es auch am 29. Dezember noch einen Flug direkt nach Tallinn gäbe (VM.ee).  

Unter Bedingungen natürlich: Voranmeldung auf einer gemeinsamen Webseite ist nötig - so wie es gegenwärtig für alle Estinnen und Esten empfohlen wird, die trotz aller Einschränkungen ins Ausland reisen. Vorrang für diesen Sonderflug sollen Familien mit Kleinkindern, ältere Leute über 65 Jahre alt, und minderjährige Jugendliche die ohne Eltern reisen bekommen (Wortlaut der Ankündigung: "wer eilig zu repatriieren wünscht"). 

Das Flugticket muss von den Betroffenen selbst bezahlt werden. Wer am 28.12. nach Riga mitfliegen will, muss auch die Weiterreise nach Tallinn sichern. Diese Flüge seien allerdings nicht zur Unterstützung von Kurzreisen gedacht, heißt es, sondern nur für Personen mit dauerhaftem Wohnsitz in Estland (resp. Lettland oder Litauen). Gleichzeitig verständigten sich die drei Außenministerien, die am 20.12. wegen der neuen, aggressiven Corona-Variante verhängten Einschränkungen der Flugverbindungen nach Großbritannien bis zum 31. Dezember aufrecht erhalten zu wollen. 

Aus Großbritannien zurückkehrende Estinnen und Esten werden allerdings 14 Tage in "Selbstisolation" verbringen müssen. Auch wer einen Corona-Test mit negativem Ergebnis vorweisen kann, muss mindestens weitere sieben Tage in Isolation bleiben.

Dienstag, Juni 30, 2020

Besuch in Saksamaa

... einmal wenigstens die
Präsidentin mit dem Logo
im Hintergrund ... -
puuh, geschafft!
(Skeletontech)
Eigentlich ist es ja nur ein Gerücht - die Est*innen würden nur die Sachsen kennen, keine Deutschen (estnisch Deutschland = Saksamaa). Aber der Besuch der estnischen Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid dieser Tage speziell in Sachsen diente sicherlich einem doppelten Zweck: zum einen gibt es dort mit der "Skeleton Technologies GmbH" eine Firma mit Investoren aus Estland. Die Firma will "Blitzakkus für Hybridautos" bauen - wir lassen uns überraschen. "E-Estonia" baut also ganz auf E auch im Deutschland der Zukunft: E-Autos, E-Busse, e-ben immer noch etwas mehr. Wir lernen zumindest: in "Großröhrsdorf" werden also nicht die Röhren für die Ostsee-Gaspipeline gebaut, sondern Hochleistungs-Energiespeicher.

Dass es auch der erste Staatsgast war, den Bundespräsident Steinmeier seit Ausbruch der Corona-Krise empfing, gereit da in der bundesdeutschen Presse eher zur Nebensache. Klar ist aber, dass international derzeit ein Besuch der Staatspräsidentin Estland wesentlich willkommener geheißen wird als eine Auseinandersetzung über die Politik der estnischen Regierung. Der Schmusekurs von Regierungschefs Ratas mit der rechtkonservativen EKRE erzeugt weiterhin eher Kopfschütteln und Stirnrunzeln. Etwas voreilig die estnische ERR vielleicht, die schon von einem "Post-Corona-Besuch" schrieb.
Präsidentin, Bewunderer:
zusammen für digitales Saksamaa
So aber feiert sogar das "Neue Deutschland" Kaljulaid als "weltoffen" und erklärt sich zum Fan ihres Pullovers mit den Worten "SÕNA ON VABA" / "Das Wort ist frei". ("Bei uns bestellt!" postet das PG-Stuudio stolz). Keine Überraschung, dass in den Medien die üblichen Stichworte fallen: Estinnen und Esten gelten eben als "medienaffin",  und auch die Cybersicherheit sieht man im estnischen "Cybersecurity center" der NATO gut verankert.

Da helfen auch Schlagzeilen, die noch einen drauf setzen: "Digitale Lösungen sind sicherer als Papier"  titelt die "Sächsische". Und Frau Präsidentin wagt sich sogar an Ratschläge für Deutschland: "Jeder Deutsche muss selbst anfangen, seine digitale ID zu aktivieren, die Deutschland ja nun eingeführt hat, und digitale Dienstleistungen etwa in der öffentlichen Verwaltung zu nutzen," meint Kaljulaid, "Es liegt in der Hand der Bevölkerung und der Privatwirtschaft selbst, dies voranzubringen." (Sächsische)

Fahrradgenuß mit Teppich und Kronleuchter:
Fahr es besser draußen, Frank Walter!
Ein anderer Grund für einen Besuch speziell in Sachsen ist vielleicht auch, weil sowohl von Seiten der sächsischen Wirtschaft, in überraschender Übereinstimmung mit Linken und AFD, Stimmen für die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland zu hören sind - dem widerspricht Kaljulaid energisch.

Weniger im Fokus der Presse war, dass Kaljulaid auch "Amplerbikes" in Berlin besuchte, eine kleine Rundfahrt auf dem E-Bike machte ("Urbane E-Bikes aus Estland"), und sogar Gastgeber Hans-Walter dann ein eben solches zum Geschenk machte.

Im Schatten der Aufmerksamkeit steht derweil das 100-jährige Bestehen der Botschaft Estlands in Berlin - eben wegen den Beschränkungen in der Krise. Das genaue Jubiläumsdatum, der 15. Mai, fiel mitten in die Corona-Krise (siehe: "Geschichte der Botschaft"). "Wir sind glücklich, diese alte Doppelvilla in Berlin zu haben," schreibt Botschafter Alar Streiman, der sein Amt in Berlin Ende 2019 angetreten hatte.

Dienstag, Juli 02, 2019

Ab sofort nur noch baltisch?

Bei den "Geburtstagsfeiern" Ende März 2018 hatte alles noch ganz anders geklungen: "Nordica", die "Fluggesellschaft Estlands", zähle, Zitat, "zu den wettbewerbsfähigsten in der Region" (tip). Und damit nicht genug. Jaan Tamm, der Vorstandsvorsitzende von Nordica, wurde mit den Worten zitiert: "was Nordica ausmacht, sind die Menschen in Estland." Am 21. Juni 2019 gab "Nordica" nun per Pressemeldung bekannt, ab Ende Oktober alle Passagierflüge einstellen zu wollen. 

Ja, wo sind sie denn geblieben, die "Menschen in Estland"? Vermutlich sind sie lieber mit "Ryanair", "Wizzair" und anderen Billigjets gefolgen, und haben sich nicht darum gekümmert, dass die eigene Regierung viel Geld dafür aufwendete, Flieger mit estnischer Flagge auf den Flughäfen der Welt erleben zu dürfen. 

Nun wollten doch die Estinnen und Esten so gerne "nordisch" sein - bleiben sie nun "baltisch"? "AirBaltic", die lettische Schwester (bisher Konkurrentin), gegenwärtig zu 80% im Besitz des lettischen Staates, bietet sich schon mal als neue "Wahl des Herzens" an, und fliegt neuerdings mit einem estnisch lackierten Flieger durch Europa. Der Rest ist wahrscheinlich eine Frage der Presseschlagzeilen (also = Image). "AirBaltic will die Herzen der Esten erobern", titelt die "Flugrevue". Estnische Herzensfragen - eine reine Flaggenzeremonie? Vorsichtshalber wird schon mal der moralische Zeigefinger ausgefahren: 1000 Arbeitsstunden habe die Lackierung gekostet, betonen die Auftraggeber. Vielleicht haben die Ärbalten auch noch die Meldungen des Jahres 2016 im Kopf, als es hieß: "Estlands Nationalairline ärgert Air Baltic" (AeroTelegraf).
Auch damals gab es Schlagzeilen der Art "Baltische Airline ist pleite" (fvw) - gemeint war Estonian Airlines. Schon um Gleichlautendes jetzt zu verhindern, dafür hat sich vermutlich der Flugzeuganstrich schon gelohnt. Und in der sonst eher als zurückhaltend bekannten  Schweizer Presse weht der Duft unritterlicher Feldzüge: "Air Baltic zeigt mit Lackierung Anspruch auf Estland" (nau.ch).

Wer will, kann auch Schlagzeilen mit negativerer Tönung lesen. "Nordica ist am Ende" (fvw),"Nordica gibt auf" (AustrianWings), oder, etwas geschickter formuliert: "Estonia’s flag carrier forced to change its business model" (rusaviainsider).
Was die "estnischen Herzen" angeht, so kann man auch bei Nordica-Finanzmanagerin Kristi Ojakäär nachlesen; sie wird zitiert wird mit der Aussage, mit den Billigpreisen habe man nicht mithalten können, und ganz besonders mache "Nordica" die lettische "AirBaltic" zu schaffen. "Wo die Liebe hinfällt", heißt es da wohl. Oder, anders gesagt: auch Ojakäär wurde erst Anfang 2019 neu eingestellt und hatte vorher Erfahrung im Glückspiel-Business (Casinos).
Jaan Tamm (der mit den "Menschen in Estland") ist inzwischen seines Postens enthoben und fand in Gunnar Kobin einen Nachfolger. Es gibt erste Stimmen aus der estnischen Politik, denen zufolge der estnische Staat nun lieber seine Anteile an "Nordica" loswerden will - das heißt dann in Pressesprech: gesucht wird ein "strategischer Investor". 

Trotz Steigerung bei Einnahmen und Passagieren um 30% habe "Nordica" 2018 5,4 Millionen Euro Verluste gemacht, schreibt ERR. 765.000 Menschen seien im Jahr 2018 mit der Airline geflogen (wie viele Est/innen unter ihnen waren, wurde nicht bekannt). Dem stehen die Statistiken von AirBaltic entgegen: 210.000 Passagiere seien es auf den Strecken von und nach Estland in den ersten fünf Monaten 2019 gewesen (ERR / AirBaltic), eine Steigerung um 32%. Ab sofort werde "AirBaltic" zwei ihre Flieger des Typs Airbus A220-300 in Tallinn stationieren. Auf der Flugroute Riga-Tallinn sind gegenwärtig jede Woche etwa 7.000 Passagiere unterwegs. 

Zumindest die Szene der "PlaneSpotter" (Menschen, die Fotos machen von möglichst vielen Flugmaschinen) reagiert erregt: der blau-schwarz-weiße Flieger wurde schon in Wien (AviationNetonline), in Olso (Planespotters) und auch in Berlin gesehen (Berlin-spotter). Es spottet also jeder Beschreibung - will sagen: die Werbewelle rollt.

Nun warten wir alle gespannt auf die Eröffnung der Schnellzug-Route "Rail-Baltica" nach Tallinn. Der erste Zug wird dann sicherlich in Nationalfarben auf die Reise geschickt werden - vielleicht in digitaler Form an der Außenhaut, so dass die Flaggen jeweils gewechselt werden können, wie es gerade zum Image passt.

Donnerstag, Juni 20, 2019

Start der Citybienen

Nicht nur die Verkehrsplaner in Deutschland erwarten gegenwärtig den großen Boom der E-Scooter - auch in Estland sind die Verleiher startbereit. Schon zur angelaufenen Touristensaison werden die Gäste in Tallinn E-Scooter ausleihen können.

"Bzzzz is coming", wirbt eine der neuen Scooter-Verleiher, die Firma CITYBEE, ein Start-up aus Litauen, der auch in Estland bisher mit Carsharing-Angeboten bekannt wurde. Doch wird die "Bzzz-Freude" wirklich so groß sein? Der Domberg ist steil und führt über Pflasterstein-Straßen, der Weg zum Museum wie das "Kumu" oder zum Flughafen wird von Gästegruppen meist mit dem Bus zurückgelegt. Vom Hafen ins Stadtzentrum - eine zu kurze Strecke. Wo also sollen E-Scooter überhaupt fahren? Quer durch Kalamaja, oder rund um die Altstadt? Bisher ist es wohl nur der Reiz des Neuen.

So ist es vielleicht auch typisch,dass es E-Scooter in Tallinn nur als ergänzendes Angebot zum Autoverleih / Carsharing geben wird. Oder vielleicht werden wir auch Leihwagen-Fahrer/innen sehen, die am See Peipsi wieder aussteigen und dort dann ihren E-Scooter auspacken, als Anreiz für die ganze Familie? Allerdings wird in Estland die E-Scooternutzung auf Personen ab 18 Jahren beschränkt werden.

Mit etwa 15 Euro pro Tag liegt die Ausleihgebühr leicht über der für ein Fahrrad. Die Nutzer/innen sollen allerdings verpflichtet werden, die Scooter nur an festgelegten Orten wieder zurückzulassen, so der zweite Tallinner Anbieter "Bolt" (bisher "Taxify"). "Tallinn ist die Heimatstadt von Bolt", so wirbt das Unternehmen für seine Dienste. Grundlage ist immer die Nutzung per Smartphone und App. "Bolt" sei in Estland auch der große Konkurrent des Verkehrsdienstleisters "Uber", so berichtete bereits die "New York Times". Es ist vor allem eine schöne Story über Markus Villig, der mit 19 Jahren "Bolt" gründete, auf Saaremaa aufwuchs und die Skype-Gründer seine Vorbilder nennt. Wie die deutsche AHK weiß, wird diese Firma auch von der deutschen Daimler unterstützt.

Sind E-Scooter also nur scheinbar eine umweltfreundliche, weil abgasfreie Alternative im Verkehr? Auch bei massenhaftem Einsatz von E-Autos - sofern das so kommen wird - ist ja noch nicht bewiesen, dass so die Umwelt tatsächlich besser wegkommt. Erste Richtlinie scheint vor allem zu sein: "alles easy"! Easy nutzen, easy bezahlen. Vielleicht sollten wir also die E-Scooter vorerst als das nehmen, was sie sind: ein weiteres Spielzeug für die Spaßgesellschaft. Und natürlich eine Option für diejenigen, die sich in Estland sowieso an den digitalen Angeboten orientieren.
Oder, weitere Option: die Angebote werden genutzt, weil sie von anderswo her bereits bekannt sind. "Bolt" zum Beispiel ist auch in Helsinki, London, Paris, Riga und Vilnius aktiv, ja sogar in Melbourne und Moskau. Da dürfte doch der Ausflug nach Estland für den Kunden/ die Kundin eine der leichteren Übungen sein - und andere Firmen ziehen sicherlich nach.

Montag, März 11, 2019

Tunnelchinesisch

Schon häufig wurden Varianten eines möglichen Tunnelbaus zwischen Tallinn und Helsinki diskutiert - bereits die bestehenden intensiven Beziehungen zwischen den beiden Hauptstädten ließen manche von "Talsinki" reden. Der Begriff soll auf ein Essay des Schriftstellers Jaan Kaplinski aus dem Jahr 1992 zurückgehen. 1994 soll es die ersten Gespräche über ein Tunnelprojekt gegeben haben, 2008 wurde zwischen den beiden Stadtoberhäuptern eine Absichtserklärung zum Bau eines unterirdischen Eisenbahntunnels unterzeichnet (Baltic Times). Eine Machbarkeitsstudie wurde in Auftrag gegeben, aufgrund deren Ergebnisse die EU eine Mitfinanzierung 2009 ablehnte.
eine finnische Variante der Tunnelträume
Dennoch hielten manche estnischen Politiker einen Tunnelbau lange für wichtiger als den Bahnausbau des RAIL-BALTICA-Projekts.

Gern wird das Projekt mit dem 1994 eröffneten Tunnel zwischen Frankreich und Großbritannien verglichen, das bei einer Bauzeit von sechs Jahren mehr als 15 Milliarden Euro kostete. Erst 20 Jahre nach seiner Fertigstellung erwirtschaftete der Eurotunnel erste Gewinne - also ein absehbar jahrelang teures Ingenieursvergnügen. Ein Tunnel zwischen Helsinki und Tallinn würde 60 - 80 km lang sein müssen.
auch ein eigenes Wappen haben
findige Finnen bereits erschaffen
"Ein Tunnel würde alle wirtschaftlichen Probleme lösen," so ließ sich 2013 der Finne Joakim Helenius zitieren, der als möglicher Inmvestor angesehen wurde (err). Der einige Jahre für Verkehrsfragen zuständige EU-Kommissar Siim Kallas hielt ein Tunnelprojekt allerdings immer für unrentabel (err). 2014 kam der Name "Talsinkifix" für das Projekt auf, oder auch "FinEst Link". Inzwischen wurden schon 9 Milliarden Euro als Baukosten genannt (yle). Ein Stück Land wurde auf der Halbinsel Viimsi bereits dafür auserkoren eventueller Tunneleingang zu werden, es gab einen Ideenwettbewerb für Architekten, und in E-Estonia hat das Projekt natürlich auch inzwischen bereits eine eigene Webseite (siehe auch: Talsinki.info)

2017 kamen Vermutungen auf, das Tunnelprojekt könnte das Interesse chinesischer Investoren erregen (fin-land.net). Entsprechende Kontakte wollte unter anderm der finnische Unternehmer Peter Vesterbacka geknüpft haben. "Ich habe gehört, dass viele Menschen in Finnland sagen, dass sie das Gefühl haben, auf einer Insel zu leben. Aber es muss nicht so sein," so ließ sich auch der estnische Ministerpräsident Ratas zitieren (dw).

Allerdings gibt es wohl einen Unterschied zwischen allgemeinen Überlegungen von Politiker/innen und Beamt/innen, und manchmal geradezu ihm Stile von Marktschreiern vorgetragenen Ideen derjenigen, die gerne beim Geldeinsammeln für ein solches Projekt selbst viel Geld verdienen würden. So jemand ist zweifellos Vesterbacka, der sich selbst ausgezeichnet gut zu vermarkten versteht. Es gelang ihm erst kürzlich wieder, das Projekt erneut in die Schlagzeilen zu bringen - angeblich soll es nun konkrete Angebote der "Touchstone Capital Partners" aus China geben, so berichten estnische und finnische Medien (err / reuters)
Seit 2016 arbeitet Vesterbackas Beteiligungsunternehmen "FinEst Bay Area Development" an eigenen Plänen für ein Tunnelprojekt und beabsichtigt nach Informationen des Unternehmens in den nächsten Monaten die Einzelheiten einer Zusammenarbeit mit "Touchstone" auszuarbeiten. Bisher sei eine Finanzierung aus zwei Drittel Krediten und ein Drittel Risikokapital vorgesehen. Touchstone strebe dabei eine Beteiligung an dem Projekt an, die Mehrheit der Anteile würden aber in finnischem Besitz bleiben.

Finnen und Chinesen sorgen für das Wohl von Estland? Urmas Paet, Ex-Kultur- und Ex-Aussenminister und eigentlich der neoliberalen Seite zugeneigt, zur Zeit Abgeordneter im Europaparlament, rät zur Vorsicht mit chinesischen Investitionen in Europa (err). Tunnelexperten aus der Schweiz meinen zu wissen, die Chinesen wollten mit einem "Monsterbohrer" mit 17m Durchmesser in Estland anrücken (wo doch der Bohrer beim Bau des Gotthard-Tunnels nur Meter 9,5m Durchmesser hatte!) (blick) Und mit dem Aushub, der beim Tunnelbau übrig bleibt, könne angeblich eine neue Insel aufgeschüttet werden, die 50.000 Menschen Platz zum Wohnen biete. Der "Martime Herald" möchte gleich auch noch japanische oder chinesische Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Helsinki und Tallinn zum Einsatz bringen - einmal unter der Ostsee hindurch in nur 20 Minuten, allerdings pro Fahrt für 50 -100 Euro.

Zur Befeuerung der einen oder anderen Fantasie scheint das Thema jedenfalls gut zu taugen.Inzwischen ist aber bereits von 15 - 20 Milliarden Euro Kosten die Rede. Aber selbst wenn dieses Geld plötzlich von irgend einer Druckpresse hergestellt würde - eine Fertigstellung vor 2040 wird es wohl nicht geben. Schlagzeilen macht immer derjenige, der eine frühere Fertigstellung verspricht. "Warum sollen wir langsamer als die Chinesen fahren?" so die rhetorische Frage von Peter Vesterbacka (Huvudstadbladet). Kritischere Stimmen haben ausgerechnet, dass selbst nach Fertigstellung Finnland und Estland Unterhaltungskosten von jährlich 280 Millionen Euro tragen müssten - gerechnet auf einen Zeitraum von 40 Jahren. Da freut sich jede/r estnische Lokalpolitiker/in, der/die auch auf dem Lande mal eine Straße ausgebessert haben möchte.