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Montag, November 29, 2021

Geehrter Thomas

"Lieber Thomas" ("Dear Thomas"), ein Film von Andreas Kleinert, hat das Leben des Schriftstellers Thomas Brasch als Thema (Trailer), der 2001 mit nur 56 Jahren in Berlin starb. Der Film wurde jetzt beim "Black Nights Film Festival" (PÖFF) in Tallinn mit dem Grand Prix für den besten Film ausgezeichnet (Pressemitteilung / ERR).

Brasch, Sohn jüdischer Emigranten, war in den 1950iger Jahren in die DDR übergesiedelt. Mit einem Vater als stellvertretendem Kulturminister, von der Filmhochschule exmatrikuliert, und dann auch noch 1968 gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestieren - die Lebensgeschichte bietet sicherlich genug Filmstoff.

"Tobende Körper, packende Augen" fielen der ZEIT an diesem "spannenden Kunstwerk über die Verzweiflung eines deutsch-deutschen Lebens" auf. Um dann zu urteilen: "die Verfilmung seines Lebens ist ein seltener Glücksfall für das deutsche Kino". Anders das ZDF: "Einen der auszog, Unruhe zu stiften" - unklar ob damit Brasch oder der Filmemacher gemeint ist. "Erzählt in traumhaft schönen Schwarz-Weiß-Bildern". "Eine brilliante Filmbiografie" (Süddeutsche). "Der letzte Held der DDR" (Welt)(weitere Pressestimmen: NDR , Kino-Zeit, KinoKino, EPD-Film, der Freitag, Augsburger Allgemeine, rbb)

Schön, dass jetzt auch die Estinnen und Esten etwas davon haben. Der Film lief auf dem PÖFF auch mit estnischen Untertiteln.

Sonntag, September 19, 2021

Filmriss, oder Wunderland?

Gibt es eine Filmindustrie in Estland? Sagen Ihnen die Filmtitel "Kirschtabak", "Die kleine Genossin", "Kinder des Fechters", "Mandarinen", oder "Der Geheimbund von Suppenstadt" etwas?

Falls ja, dann haben Sie zumindest mal einen Film aus Estland gesehen. Estland, mit seinen knapp über einer Million Einwohnern, hat gegenwärtig noch 54 Kinos, darunter 8 Multiplex (2004 waren es noch 69). Statistisch gesehen gehen Estinnen und Esten 2,78 mal pro Jahr ins Kino (2019), estnische Filme haben dabei im eigenen Land einen Marktanteil von 23%. 

In 30 Jahren Unabhängigkeit hat es für Filme aus Estland einige Erfolge gegeben - jedoch immer noch kein eigenes Filmstudio. Im Norden der Hauptstadt ist jetzt ein "Tallinn Film Wonderland" mit drei Studios und 3500 qm Studiofläche in Planung, für deren Bau sich 17 estnische Produktionsfirmen zusammengeschlossen haben. Voraussichtliche Kosten: 13,6 Millionen Euro (ERR). Internationale Partner seien sehr interessiert diese Einrichtung nutzen zu können. Estland werde so die Chance bekommen, zu einem Dreh- und Angelpunkt der modernen Filmproduktion zu werden. "Dabei haben wir eine Vereinbarung mit der Stadt Tallinn", erläutert Gren Noormets, Vorstandsmitglied des Projekts. "Die Stadt zahlt die Baukosten, und wir werden das Geld später von unseren Projektfinanzierungen zurückzahlen." 

Dennoch war noch vor wenigen Wochen, als die Baugenehmigung bereits erteilt war, vieles bei der Finanzierung noch unklar (err). Darauf wiesen auch estnische Filmregisseure in einem offenen Brief an Parlament und Regierung (kinoliit / err) hin, verbunden mit der Forderung, dieses Projekt wieder auf die Liste wichtiger Kulturprojekte zu setzen. Zusätzlich bereitet den Filmemachern Sorgen, dass die Filmfördermittel eventuell von sieben auf vier Millionen Euro gekürzt werden sollen (err). "Eigentlich wollen wir ja gern das estnische Autorenkino fördern", sagt Edith Sepp, Chefin des Estnischen Filminstituts.

Christopher Nolan kam zu Dreharbeiten seines Films "Tenet" auch nach Estland. Und auch der beim Filmfestival Cannes prämierte Film "Compartment Nr.6" (Hytty Nro6") wurde von Estland coproduziert. Allein "Tenet" habe für Estland 16 Millionen Euro eingebracht, so die Argumente der Filmindustrie, zudem hätten 700 kleine Unternehmen Nutzen davon gehabe, wovon nur 200 direkt mit dem Filmsektor zu tun hätten. Somit habe jeder investierte estnische Euro 6,6 Euro zurückgebracht. 

Das estnische Parlament zeigte sich nun in Mehrheit von den Argumenten zum Bau des "Filmcampus" überzeugt. Wie Finanzminister Keit Pentus-Rosimannus bestätigte, werde das Projekt erneut mit höchster Priorität versehen, genauso das Kulturquartier Narva Kreenholm, ein "Arvo Pärt Musikhaus" in Rakvere, und die Erweiterung der Nationaloper (err). Ganz vorn auf der Prioritätenliste steht bisher die Errichtung eines neuen Kulturzentrum in Tartu ("SüdaLinna Kultuurikeskus" SÜKU) - die Stadt wird 2024 Europäische Kulturhauptstadt sein.

Meistens werden estnische Kulturprojekte über die Stiftung "Eesti Kulturkapital" (Kulka) gefördert. Deren Chefin Kertu Saks kommentierte die Situation so, dass durchaus noch nicht festgelegt sei, in welcher Reihenfolge und mit welchem Zeitplan diese fünf Projekte realisiert werden können. Momentan werde immer noch Geld gebraucht für die jüngst fertig gestellten Projekte wie zum Beispiel das Estnische Nationalmuseum (err).

Samstag, Dezember 22, 2018

Der Frost und der Kratt

Wer hätte schon seinen Kindern verbieten mögen, einen Schneemann zu bauen? Ja, estnische Mythologie müsste man kennen - und den Film "November" sehen, der momentan in manchen deutschen Kinos läuft. Für den Moment ein "November im Dezember."

Alte, verlassene Bauernhöfe gibt es im dünn besiedelten Estland genug - und sei es nur ein alter Schuppen mit zusammenfallendem Dach. Sehr viel mehr haben diese Menschen nicht, die uns Rainer Sarnet hier vor Augen führt. Und oh weh, scheinbar führen auch alte Baumsägen, Tierschädel und rostige Nägeln noch ein Eigenleben: schwarze Romantik und archaische Mythen "wie man sie vorher nur bei Andrej Tarkovskij gesehen hat" (epd-film).

Kein Film für Wärmeliebende: Schneegriesel wehen, es schneit unaufhörlich, es dunkelt früh, ein eisiges Wetter von der Art, dass Wasser an allen Zweigen und Gegenständen festfriert und die ganzen Landschaft den weiß-grauen Frosthauch überzieht. Die wenigen Menschen leben in Räumen, in denen sie kaum aufrecht stehen können, Vieh angekettet neben dem Bett. Da ist es schwer, persönliche Interessen zu sichern, oder gar eigenes Selbstbewußtsein. Viel stärker sind die "dunklen Mächte", die Zeichen und Wunder, hinter denen der allgegenwärtige Volksglaube zunächst mal Unheil vermutet.

Was könnte ein Symbol für den Teufel sein? Ein toter Vogel? Ein Knopf? Eine Mücke? Manchmal reicht es schon, wenn  ein Ziegenbock zum falschen Zeitpunkt in die Scheune hereinstolpert. Die Baumwipfel drehen sich um den Betrachter, Menschen sind ohne viel Aufwand in der Lage, den Wolfsschrei auszustoßen und den Vollmond zu verehren oder im dunklen Festtagskleid ins Wasser zu gehen.

Sind es Menschen, uns hier gezeigt werden? Schreckliche Fratzen, fehlende Zähne, schreckgeweitete Augen, wirre Haare - Kämme wären zu dieser Zeit wirklich noch nicht erfunden.
Dagegen waren die Schrecken der Pest sicher noch nicht vergessen. Auf dem Wasser bilden sich Eisblumen. Schwarze und weiße Kutschen, ohne Blumen. Auf allen Bäumen lastet der Schnee.

"November" führt uns irgendwo ins Estland des 19. Jahrhunderts. In einem kalten Herrenhaus decken zwei Bedienstete den Tisch, aber es sind keine Gäste zu sehen. Die Tochter des Barons mondsüchtig, springt fast vom Dach. Was kann es anderes geben als den baldigen Tod? - Mühsam, schwermütig, langsam webt sich der Faden der Liebe durch diese Atmosphäre. Leider wissen wir nicht wie das Buch von Andres Kivirähk ("Rehepapp", in estnischer Originalversion ein Bestseller) diese Story entwickelt, mit welcher Portion Sarkasmus es vielleicht Estinnen und Esten selbst sehen - eine Übersetzung des Buches ins Deutsche fehlt bisher. Ganz ernst gemeint habe Kivirähk es nicht, so einige die Estland sehr gut kennen. Immerhin hält der zarte Liebesfaden hier den Film am Leben, uns lässt ihn nicht versinken in übertriebenem Grusel oder albernen Grausamkeiten.

Doch es ist hier von unerfüllter Liebe die Rede; vielleicht auch von unvollendeten Taten. "Hast Du sie getötet? Sie, die er vereehrt, den Du liebst?" "Nein, ich konnte es nicht" - so die Antwort. "Er wäre sonst von Traurigkeit gestorben." - "Er muss ein seltsamer Mensch sein." "Das ist er."

Gut, wer einen "Kratt" zum Ratgeber hat; zumindest dies lernen wir aus diesem Film. Ein "Kratt", so wie es nur Estinnen und Esten haben, wie es Andres Kivirähk schreibt. Das kann ein Rest eines Gartengeräts sein, oder die feurigen Kohleaugen eines Schneemanns. Ein Kratt nimmt Sorgen und Wünsche entgegen - aber seine Ratschläge zu befolgen, das ist auf eigenes Risiko. "Brau mir einen Trank, der eine Frau mich lieben macht." - "Nimm deine eigene Scheiße, deinen Schweiß und Blut, und schon hast Du so einen Trank." Natürlich ist die Wirkung verheerend - der Liebhaber muss mit einer spitzen Gabel in seinem Rücken fliehen.

Nach zwei Stunden Film bleiben Zuschauer zurück, die vielleicht demnächst nicht mehr ganz fantasielos sind, sollten jemand mal einsam durch einen Wald gehen. Vielleicht aber auch mit mehr Verständnis fürs einfache bäuerliche Leben der Vergangenheit, als Bäuerin oder Bauer noch als Leibeigene, ohne Schreib- oder Lesekenntnisse versuchen mussten die Welt zu verstehen. Menschwerdung ist schwierig - aber möglich.

Kritiken zu "November":
EPD Film / Filmfestival GoEast / Estnische Filmdatenbank / Neues Deutschland / Mephisto / Tagesspiegel / Jumpcut / New York Times /

Montag, Oktober 22, 2018

Nicht grün, aber ganz biodivers


Artur Talvik ist ein umtriebiger Mensch. 1964 in Tallinn geboren, bekam er vermutlich schon durch seine Eltern, eine Fernsehmoderatorin und ein Journalist, Techniken der öffentlichen Präsentation vermittelt. Er studierte Dramaturgie, war dann als Schauspieler am staatlichen Puppentheater in Tallinn beschäftigt, und arbeitete auch als Reporter für "Radio Kuku", in den 1990igern die erste private Radiostation Estlands. Dann waren es Film- und Fernsehproduktionen wie "Schnauze voll", an denen er beteiligt war.
Auch als Politiker könnte man sich manchmal fragen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Seine politische Karriere startete Talvik 2011. Er holte relativ viele Stimmen auf einer Liste der "Grünen" (Eestimaa Rohelised), die insgesamt aber nur 3,8% holte und damit keine Mandate zugesprochen bekam.

Vier Jahre später trat Talvik für die neu gegründete Estnische Freiheitspartei (Eesti Vabaerakond) an. (VVK) Er errang eines der acht Parlamentsmandate und trat der Partei im März 2017 bei. Es war ein tubulentes Jahr: schon im April wählte die Freiheitspartei Talvik zu ihrem Vorsitzenden. - "Damit haben wir uns selbst ins Knie geschossen", sagt heute Jüri Adams, wie Talvik Fraktionsmitglied der Freiheitspartei im Parlament (err). "Wir haben nie richtig hingeschaut, was diesen anscheinend vielversprechenden jungen Mann eigentlich antreibt," sagt Adams heute. "Er hat uns verlassen sogar ohne die Tür zuzuschlagen."

Talvik trat 2018 aus der Freiheitspartei aus, Ende August auch aus der Fraktion, und gehört einstweilen dem Parlament als fraktionsloser Abgeordneter an. Inzwischen gab Talvik die Gründung einer neuen Partei bekannt: sie soll "Elurikkuse Erakond" heißen, was in etwaa mit "Biodiversitätspartei" übersetzt werden kann. Angeblich gibt es schon 200 Mitglieder, und natürlich möchte sich Talvik dadurch auch für die nächsten Parlamentswahlen im März 2019 positionieren. "Es ist nun Zeit auch für einen Tigersprung in der Ökologie!" sagte Talvik der Zeitung Postimees, in Anspielung auf die erfolgreiche Digitalisierung.
Am 10. November soll es einen ersten Parteitag der "Biodiversen" geben. 500 Menschen müssen als Mitglieder unterschreiben, damit die Partei bei den Wahlen antreten könnte - mit weniger Unterstützung können dies nur Einzelpersonen. Möglich also, dass Talvik hier auch eine Doppelstrategie fährt.

''Artur ist ein guter Filmmacher," meint Indrek Tarand, der es 2009 und 2014 als unabhängiger Kandidat ins Europaparlament schaffte, "Aber eine gute Idee ist nicht immer gleich auch ein guter Film". (err) Auch Tarand hat seine Rückkehr auf die politische Bühne Estlands angekündigt, zögert aber sich einer Partei anzuschließen (err).

Nach "Estland200" ist die neue Talvik-Partei schon die zweite Gruppierung, die sich in Perspektive der anstehenden Wahlen neu bildet. Aktuellen Umfragen zufolge liegt gegenwärtig die Reformpartei mit 28,4% vorn, gefolgt vom Zentrum mit 26,7%, der Konservativen Partei EKRE mit 15,8% und den Sozialdemokraten mit 14%.
Pro Patria liegt noch bei 5,1%, Estonia200 bei 5,4%. Und auch die Estnischen Grünen hoffen noch auf eine Rückkehr ins Parlament: 4% der Befragten befürworten das momentan, während 25% sich noch unentschieden zeigten (ERR).

Mittwoch, November 16, 2016

Kleinstadtrituale, mütterlich

Estlands allernormalstes Leben findet offenbar in Ida-Virumaa statt: so zeigt es jedenfalls der Film "Ema" (Mutter) von Kadri Kõusaar, Hauptfilm der diesjährigen "Estnischen Filmabende" (EFA05) in Norddeutschland (in Kiel, Hamburg, Berlin, Oldenburg und Bremen). Es ist einer derjenigen Filme, wo empfohlen werden kann, sich vorher den Trailer zum Film anzusehen: es geht hier nur scheinbar darum, einen Kriminalfall aufzuklären.

Lauri, ein junger, offenbar lebenslustiger Mann in einer estnischen Kleinstadt und Lehrer an der örtlichen Schule, wurde von einer maskierten Person überfallen. Seitdem liegt er im Koma, inzwischen im eigenen Elternhaus, gelegentlich visitiert von einer eher gelangweilten Ärztin, betreut und geflegt von der eigenen Mutter. Den Drehort, eben ausgerechnet Ida-Virumaa, habe man deshalb gewählt - so erzählte die Produzentin Aet Laigu bei der Vorführung in Bremen - weil dort am besten diese Art von recht gesichtslosen Reihenhäusern zu finden war, der die Atmosphäre des Films prägt. Hier weht noch nicht der Wind der estnischen Start-ups und der virtuellen Servicewelten: die Wohnungsausstattung atmet den Geruch der 1980iger Jahre, immer wieder hektisch bestaubsaugt von der fürsorglichen Mutter.

Ob die Eltern vor diesem Ereignis im Mittelpunkt des Gemeindelebens standen, wer weiß es. Aber spätestens jetzt ist dieses Haus der Anlaufpunkt für viele Fragen: jeder und jede möchte mal mit Lauri, immer noch reglos im Koma liegend, ein paar Minuten allein sein. Das Dilemma ist offensichtlich: Antworten kann es hier keine geben. Vielleicht hofft jeder Besucher darauf den Moment zu erwischen, wo Lauri doch noch wieder aufwacht? Oder doch noch die großen Geldsummen zu finden, die er Gerüchten zufolge irgendwo versteckt haben soll?
Die Klassensprecherin aus Lauris Schulklasse hofft immer noch, mit ihrem heimlichen Schwarm beim nächsten Ausflug auch mal allein sein zu können. Lauri's Freundin bleibt sogar über Nacht, versucht Momente der vergangenen Zweisamkeit zu bewahren und gesteht ihrem Liebsten all ihre Sünden. Der Ortspolizist, nach vergeblichen Versuchen auf eine Karriere als Kommissar aufzuspringen hier im Örtchen gelandet, spielt professionelle Nachforschungen vor um seine Selbstachtung nicht zu verlieren. Elsas Mann, zusammen mit seinen Jagdfreunden (allesamt riesige estnische Kalevipoegs von Statur), sorgt sich um die Pflanzordnung im Garten und schläft regelmäßig vor dem Fernseher ein. Andres, offenbar für verschiedene Bauvorhaben in der Gemeinde zuständig, hat sich offenbar Geld von Lauri geliehen und verzweifelt daran, dass er nun dessen Verbleib nicht erklären kann, aber weiter in großen Schwierigkeiten steckt.

Vielleicht eine interessante Vorstellung für alle, die umziehen müssen an einen fremden Ort: wie wäre es, wenn die neuen Mitbewohner und Nachbarn alle der Reihe nach im eigenen Schlafzimmer vorbeiprominieren würden? Sowas passiert ja manchmal erst, wenn man wieder geht: hier kommt die Kondolenz zu früh, fast peinlich berührt betreten alle Gäste das Haus.

Aet Laigu
Am Anfang wie am Schluß des Films ein Geräusch, wie man es vom Abspielen einer Schallplatte kennt: die Nadel hängt noch in der Mitte, alles ist gespielt, und wird nun, da niemand das Gerät ausstellt, nur noch immer wieder von der letzten in die vorletzte Rille gezwungen. Endlos. Der Film hätte auch "Ritual" heißen können; ritualhaft sitzt Elsa immer wieder mit allen Gästen am Küchentisch, bietet Kaffee, Kuchen und geschmierte Brote an, und ist doch froh, wenn niemand der Eindringlinge Schmutz oder Gerüche hinterlässt. Aber gleichzeitig ist Elsa keine vereinsamte Hausfrau, die ihr Leben nur bedauern würde, die nie ihre Träume hätte realisieren können. Sorgsam organisiert sie sich, an den ihr sittsam bekannten Gewohnheiten ihres etwas pflegmatischen Mannes entlang, auch ihren Liebhaber: stets erscheint er mit relativ kümmerlichen Blumen, aber immerhin. Allerdings ist auch der Liebhaber kein Ausbruch aus der Biederlichkeit. Wer hierüber detaillierter nachdenkt, käme auch dem Plot der erzählten Geschichte näher.

Produzentin Aet Laigu ist mit diesem Film schon auf über 20 Filmfestivals zu Gast gewesen, erzählte sie in Bremen. Von ungewöhnlichen Zuschauerfragen nur inspiriert und offenbar immer noch voller Engagement für den Film, berichtet sie von Reaktionen in Kleinstädten auf anderen Kontinenten, wo Zuschauer gesagt hätten: "Ja, auch wir erkennen einen Teil unseres Lebens, etwas für uns Typisches in diesem Film." Gut für "Ema", denn er wirkt auf gewisse Weise wie das aktuelle Gegenstück zum "Supilinn"-Film (dt. "Das Geheimnis der Suppenstadt"), wo ganz unverhohlen Finanzmittel locker gemacht wurden, um speziell für die schöne Stadt Tartu zu werben, und sogar Sponsoren in die Handlung eingebaut erscheinen, ohne es groß zu verstecken (z.B. DHL-Paketwagen). Bei "Ema" dagegen ist alles möglicherweise Wiedererkennbare vermieden: sogar Estinnen und Esten werden keinen Platz mit einem örtlich bekannten Denkmal oder Brunnen, Rathaus oder anderem Gebäude einer bestimmten estnischen Stadt wiedererkennen können - außer vielleicht ihrem eigenen, früheren Leben.

Es wurden sogar schon Parallelen gezogen zu Alfred Hitchcock - Spannung bietet "Ema", in ritualhaften Spiralen, bis zum Schluß. Nicht immer steht allerdings, wie jetzt in Bremen, eine der Filmemacherinnen für Nachfragen zur Verfügung. Falls es die gerüchteweise schon recht betagten Mitglieder der "Akademie für die Kunst der bewegten Bilder" (AMPAS) schaffen, sich den Film in Ruhe anzusehen, vielleicht gibts ja den begehrten "Verdienstpreis der Akademie" - "Ema" ist nominiert für den Oscar für den besten fremdsprachlichen (nicht englischen) Film (siehe: Hollywoodreporter). "Es wird ja mal wieder Zeit für Estland, irgend etwas zu gewinnen!" meinte Aet Laigu fröhlich in Bremen. So sind sie, die Estinnen. Ein Stück Elsa wahrscheinlich innen drin, aber sprudelnd kreativ auf dem Weg in die Zukunft.

Der Film ist in dieser Woche noch bis Sonntag im Rahmen der Estnischen Filmabende zu sehen.

Webseite der Produktionsfirma Meteoriit (zum Film, und zu Kadri Kõusaar)
zu Kadri Kõusaar in Korea
Estnische Filmabende EFA05
Trailer zum Film
Twitternews zum Film
Kadri Kõusaar auf Twitter
Facebookseite zum Film

Sonntag, Oktober 23, 2016

Zaubersuppe aus Estland

Eine Filmstadt in Estland - die soll erst noch gebaut werden. "Tallinn Film Wonderland" in Kopli, einem Stadtteil von Tallinn (ERR), soll ab Ende 2018 als Filmproduktionsstätte dienen und Arbeitsstätte für 17 Filmproduktionsfirmen werden.

Da ist es doch günstig, dass auch Estlands zweite große Stadt Tartu filmisch etwas zu bieten hat: neu in deutschen Kinos ist nun "der Geheimbund von Suppenstadt" zu sehen, ein Film der in Tartu spielt und diese schöne, alte Stadt im besten Lichte zeigt. Unabhängig von der Meinung, die Kinder sich bilden werden - das eigentliche Zielpublikum - ist vielleicht jetzt schon klar, welche Bilder aus diesem Film den Zuschauern am meisten im Gedächtnis bleiben werden: fröhliche, radfahrende Kinder im romantisch wirkender, sonnendurchflutender Umgebung, zwischen wild wuchernden Gärten und bunten Holzhäusern. Ein Film, wie ihn sich Bürgermeister wünschen:Tartu erscheint in ziemlich bestem Licht, dank den Möglichkeiten von kamerabestückten fliegenden Drohnen und digitaler Filmtechnik.

Schade, dass der Film sich in seiner deutschen Fassung so gar nicht am Estnischen orientiert: würde doch auch ein Name wie "Supilinn" für Kinder recht lustig wirken. Deutsch synchronisiert aber wirken auch alle Kinderpersönlichkeiten ein wenig eingedeutscht, und über den eigentlichen Hintergrund der Bezeichnung "Suppenstadt" erfährt der Kinobesucher leider nichts (viele Straßennamen wie Suppenzutaten: Kartoffel-, Kürbis-, Erbsen-, Sellerie-, oder Kohlstraße). Manchmal ist auch zu vermuten, dass die estnischen Originaldialoge weitaus frischer waren als die synchronisierte Fassung, wo Sätze vorkommen als seien sie von vorbildlichen Eltern geschrieben: "Opa, ich bins, mit meinen Freunden!"

Doch zur Story des Films. Wieder einmal ist es ein Versuch, die Welt der Kinder mit derjenigen der Erwachsenen zu spiegeln: wie wäre es denn, wenn mal die Erwachsenen wild und ungestüm herumspringen würden, seltsame Laute ausstoßend? In der romantischen Suppenstadt, wo es viele abenteuerliche Ecken zum Radfahren und Verstecken, aber auch eine Open-Air-Bühne für Theateraufführungen gibt, geht ein mysteriöser Maskenmensch umher, der seltsame Mixturen in die Getränke der Erwachsenen mischt, wodurch sie kindisches Gebahren annehmen und sogar mit dem Tode bedroht sind. Wohl dem, der einen schlauen Opa hat! Tiit Lilleorg, in Estland bereits bekannt aus vielen Filmen und vom Theater Vanemuine in Tartu, spielt diesen Großvater Peeter eindrucksvoll und glaubwürdig (immer gut, wenn so ein Großvater von eher kleiner Statur ist, und die Kinder nicht weit überragt). Diese Kinder haben Smartphones, und schauen auch mal im Internet nach wenn sie etwas nicht wissen - aber dieser Opa arbeitet nicht nur mit Laptop, seine Werkstatt hat etwas von einem Daniel Düsentrieb, und spätestens wenn die Kinder dort angekommen sind, scheint das Abenteuer sicher. Doch Sadu (Arabella Antons), Olav (Hugo Soosaar) und Anton (Karl Jakob Vibur), die drei Freund/innen der Hauptheldin Mari (Olivia Viikant), wollen anfangs nicht so recht glauben an verborgene Schätze, die mittels Mari's Rätselaufgaben (vom Opa erdacht) gefunden werden sollen. Vielleicht haben auch die Zuschauer ihre Schwierigkeiten, in die Geschichte reinzufinden: die estnischen Namen klingen doch recht ungewöhnlich, und werden erst im Laufe der Geschichte irgendwo mal erwähnt, wo es der Lauf der Ereignisse irgendwie erlaubt. Identifikationsfigur wird also bei diesen estnischen Detektivgeschichten, die man auch für eine Variation der "drei Fragezeichen" halten könnte (wo aber nur Jungs auftreten), eher Mari sein - im richtigen Leben ein Mädchen von 10 Jahre aus Tallinn (Lieblingsfilm: die Vampirtagebücher).

Der Film beginnt recht schwungvoll mit einer Art Straßenfest in der Suppenstadt, untermalt von der estnisch-ukrainischen Band SVJATA VATRA, die zum Tanz aufspielt. Mari's Vater dagegen deutet an, dass im realen Supilinn in Tartu heute niemand mehr sagen würde "der letzte Slum Estlands" (Atlas obscura): Open-Air-Ballett wird wohl nicht in jedem Stadtteil geboten - und auch Tartus Vorstadt ist ja real bereits auf dem Weg zum "In-Viertel" einer jungen, gut verdienenden Generation.
Der weitere Verlauf der Geschichte wird dadurch geprägt, dass der schlaue Opa Peeter leider ebenfalls vom falschen Getränk nascht und vorerst handlungsunfähig in Krankenhaus muss, der Maskenmensch sich aber mit einer unsympatischen anderen Kinderbande verbündet, denen er Geld und Geschenke verspricht, wenn sie etwas gegen Mari und ihre drei Freunde unternehmen. Vor allem der Schluß enthüllt noch einmal eine überraschende Wendung dadurch, dass die Enttarnung des Maskenmensches auf einmal ganze neue Zusammenhänge enthüllt.

Der Film erhielt bei seinen bisherigen Festival-Auftritten vor allem Publikumspreise - was darauf hindeutete, dass Kinder doch eher nach dem Grundsatz Filme schauen: "Hauptsache nicht langweilig!". Denn Langeweile kommt hier bestimmt nicht auf - über die leichten inhaltlichen Überfrachtungen können Kinder sicher gern einfach hinwegsehen. Zudem schafft auch die Filmmusik von Liina Kullerkupp einen leichten, fröhlichen Rhytmus, der die immer wieder rasanten Radel-Kunststücke der Kinder besonders betont (ein Film also auch für Mountainbike-Fans).
Falls die Fans des Supilinn-Films
noch ein wenig drängen - es gäbe
noch mehr Kinderbücher von Mika
Keränen (zu verfilmen, oder ins
Deutsche zu übersetzen)
Ganz nebenbei besteigen die Kinder auch noch den Uhrenturm des Tartuer Rathauses - ganz im Stil der mutigen Studenten, die am selben Ort 1917/18 erstmals die estnische Nationalflagge hissten - so wie es der estnische Film "Nimed marmortahvlil" (zu deutsch "Die Namen auf der Marmortafel") zeigt. Aber das deutsche Publikum kann das vielleicht ebenso vernachlässigen wie die Hinweise, das dringend benötigte geheimnisvolle Notizbuch sei von Soldaten versteckt worden, damit die Besatzer Estlands das Buch nicht entdecken. 

5800 estnische Kinder wurden für diesen Film angeblich gecastet - und eine stattliches Budget von 1,14 Millionen € verbraucht. Die Stadt Tartu hatte kürzlich eine eigene regionalen Filmstiftung gegründet, mit einem Budget von 150.000 Euro jährlich. Der Suppenstadt-Film war einer der ersten Projekte dieser Stiftung, gefördert aus dem Budget für 2014 und 2015, und abgewickelt vom Zentrum für kreative Industrie (TCCI). Sponsoren aus der Wirtschaft gibt es ebenfall, und es scheint klar, was hier angeboten wird: im Film gab es eine eigene Sequenz mit einem Paketwagen der DHL - da freut sich die Firma.

In Estland sahen den Film bisher über 90.000 Kinogänger (der zweiterfolgreichste estnische Film des Jahres 2015, nach "1944").
Die Geschichte basiert auf dem Buch des finnisch-estnischen Schriftstellers Mika Keränen, der in Helsinki geboren wurde und Estnisch an der Universität Tartu studierte. Seit 2008 schreibt Keränen Kinderbücher. Dem Suppenstadt-Kinderfilm also zunächst einmal viel Erfolg - vielleicht verbunden mit dem Wunsch, die deutsche Synchronisation könnte nächstes Mal ruhig ein paar estnische Wörter behalten - denn die "Suppenstadt" ist ja eben nicht bloß als Filmkulisse erschaffen worden, sondern gibt es im realen Leben ja auch.

Samstag, Januar 02, 2016

Musketiere in Schulsporthalle

Auch in den Kinos bekommen es Interessierte mit "Die Kinder des Fechters" in diesen Wochen mit einem Sport zu tun, der in den deutschen Medien so gut wie keine Sendezeit hat, also kaum jemandem aktuell näher bekannt sein sollte: dem Fechtsport. "Die Zahl derer, die in Deutschland hobbymäßig dem Fechtsport nachgehen, wird auf zirka 25.000 geschätzt", schreibt der Deutsche Fechterbund, organisiert in 500 Fechtvereinen. Einerseits kann stolz berichtet werden, Fechten gehöre neben Boxen und Ringen zu den "ersten Wettbewerben der Menschheit" (auch besonders Ringen hat stark an Popularität verloren, gegen die Herausnahme aus dem olympischen Programm wurde kürzlich erfolgreich protestiert). Andererseits ist Fechten in der regionalen Sportberichterstattung vor allem in süd- und westdeutschen Landen präsent: die deutschen Meister kommen in der Regel aus Augsburg, Böblingen, Heidenheim, Koblenz - seltener auch mal aus Leverkusen, Düsseldorf, oder Bonn. In den 1980iger und 1990iger Jahren war Tauberbischofsheim in den bundesdeutschen Schlagzeilen als "Mekka des Fechtsports", und die Stadt ist wohl heute noch eine der wenigen, wo Fechten gleich auf den ersten Blick als Bestandteil des Images der Stadt zu erkennen ist. Mit über 370 Medaillen bei olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften zählt der Fecht-Club Tauberbischofsheim e.V zu den erfolgreichsten Vereinen weltweit - 1976 war der heutige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach Olympiasieger im Herrenflorett. Zuletzt vor 30 Jahren wurde mit Cornelia Hanisch eine Fechterin Deutschlands Sportlerin des Jahres (1985), im Jahr darauf war es die Degenfechter-Mannschaft.

Fechterimage
"Kids von heute können Fechten voll cool finden: Jede und jeder nimmt schließlich mal einen Holzstock vom Waldboden (oder den Strohhalm vom Saftglas) und fängt an  sich zu schlagen - pardon zu fechten." So schreibt es der Deutsche Fechterbund. Was gerne verschwiegen wird, sind häufige Assoziationen mit den früher häufigen "schlagenden Verbindungen" der deutschen Studentenschaften, weit verbreitet vor allem zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs (auch: "Burschenschaften"), zu deren bekannt-berüchtigten Ritualen Duell und Mensur (Fechten mit scharfen Waffen) gehörten. Verbindungen zu politischen Strömungen waren dabei unterschiedlich gelagert: mal waren es Katholiken gegen Protestanten, nach 1850 waren viele durch zunehmenden Antisemitismus, stark konservativen Einstellungen und Nationalismus gekennzeichnet. Zu studentenbewegten Zeiten (68iger) standen die Burschenschaften und Studentenverbindungen unter besonders starker Kritik, in den sozialistischen Ländern galt auch Fechten als Teil typischer Relikte der alten herrschenden Klassen. - Auch heute noch gibt es Streitfragen; aktuell traten in den letzten Jahren 40 Burschenschaften aus dem Dachverband aus, weil ihnen dessen Tendenzen - beispielsweise Ausschluß von nicht-deutschen Mitgliedern - zu rechtsradikal schienen.

estnisches Fecht-Idol:
Julija Beljajewa
Diese Thematik - fokussiert auf Sowjet-Estland - hat nun ein Film zur Grundlage, der im Dezember auch in die deutschen Kinos kam. Während der deutsche Kinobesucher vielleicht maximal etwas von den obigen Themen gehört hat - oder ganz neu zum ersten Mal Näheres über Fechtsport sehen wird - wie steht es um den Fechtsport eigentlich in Estland?
Im kleinen Estland erregt ja jeder Medaillengewinner große Aufmerksamkeit; so war es auch 2013, als bei den Fechtweltmeisterschaften sowohl Nikolai Novosjolov (Degen) wie auch Julia Beljajeva (Degen) die WM-Goldmedaille gewannen (Präsident Ilves gratulierte - wie sich das für einen estnischen Präsidenten gehört - per Twitter). Novosjolov, als ethnischer Russe gebürtig aus Haapsalu und seit 1996 im Besitz der estnischen Staatsbürgerschaft, wurde im gleichen Jahr (nach 2010) zum zweiten Mal Estlands Sportler des Jahres. Inzwischen ist er als Mitglied der Reformpartei sogar in die Politik eingestiegen. Für Beljajeva war der WM-Sieg eine kleine Sensation - wenn man den Sieg 2010 Juniorinnen-WM im Team 2010 mal ausnimmt - so wird man als Fechtsportlerin auch mal von Presse und Fans jubelnd am Flughafen Tallinn emfpangen. Aber vielleicht war es auch etwas Besonderes, als Beljajeva 2013 ebenfalls estnische Sportlerin des Jahres war und damit zwei Mitglieder aus derselben Branche in Estland geehrte wurden.

Eine Story von Drama und Abenteuer
Im estnischen Fechterfolgsjahr 2013 wurden sogar von Dichtern Loblieder aufs Fechten verfaßt (siehe Contra mit "Võimas Musketärimaa").
Schon seit 1971 wird jedes Jahr um das "Schwert von Tallinn" gefochten - beim ersten Mal waren 42 Teilnehmer/innen dabei, 2015 waren es 273. 
Beim Kinofilm "Kinder des Fechters" (estnisch: "Vehkleja”, Finnisch "Miekkailija") geht es um Endel Nelis aus Haapsalu, gespielt vom estnischen Schauspieler Märt Avandi. Das im Film erzählte Geschehen ist frei erfunden - anders gesagt, "dramatisiert" - und so kommt der Film darum herum, etwa von alten estnischen Burschenschaften oder gar glorreichen deutschbaltischen Zeiten erzählen zu müssen. "Jede Zeit schafft sich ihre neue Mythen" - das gilt auch für die Republik Estland. Die 2 Millionen Euro Budget teilen sich estnische, finnische und deutsche Produktionspartner, gedreht wurde natürlich in Haapsalu. Regisseur Klaus Härö wird mit diesem Film 2016 erneut Finnlands Oskar-Nominierung sein - für Härö zum dritten Mal. "Miekkailija" landete diesmal immerhin auf der Shortlist, (die besten 9 von 81 Bewerbungen), am 8.Januar werden die besten fünf für die Endausscheidung festgelegt (nominiert ist der Film übrigens auch für den Golden Globe). 2014 schaffte es die estnisch georgische Coproduktion "Mandarinen" (Mandariinid) auf die Liste der Oscar-Nominierten, gewann aber nicht. Dieses Jahr also hoffen die Esten auf den finnischen Umweg für den Einzug ins cineastische Pantheon.

Endel Nelis, mit Fechterstandarte
Der wirkliche Endel Nelis starb 1993 in Haapsalu. Aus dem von ihm gegründeten Fechtklub "En garde" gingen einige bekannte Esten hervor, wie z.B. der Politiker Andres Lipstok. Aber eine "wahre Geschichte" wird im Film nicht erzählt - besser gesagt wird die wirkliche Existenz dieser Person nur zum Anlaß genommen, einen eigenen Film zu machen - wohl vor allem, um die Filmhandlung in die Zeit 1952 / 1953 versetzen zu können. "Nelis hatte zwar oft mit Sowjetautoritäten zu tun, aber es gibt keinen Nachweis, dass er in ein Arbeitslager kam," gibt Regisseur Härö im Interview zu. Man habe mehr von Estlands Geschichte in die Handlung einbauen wollen. Und da ist ja auch noch Drehbuchschreiberin Anna Heinämaa, selbst Fechterin, die auf die Idee für den "Fechter" bei einem Spaziergang durch Haapsalu kam, als sie angeblich ungewöhnlich viele Menschen in Fechtkleidung herumlaufen sah (Tampere Magazin). In einem Fechtclub in Haapsalu sei sie dann auf Helen Nelis getroffen, Endels Tochter.
Die Verflechtung von angeblich realer Story mit dem Anspruch, estnische Geschichte erzählen zu wollen, treibt Kinogänger wie Lars Tunçay (indiekino) zu der Behauptung, in Estland kenne jeder Endel Nelis' Geschichte; das Schrauben am Image Estlands scheint zu funktionieren (und natürlich haben viele Esten nun den Film gesehen).

Kammerspiel in der Schulturnhalle
Ich musste unter den vielen kurzen Kinokritiken etwas suchen, bis ich eine Bezeichnung fand, die auch meinem Eindruck entspricht, nachdem ich den Film sah. Katharina Schulz bezeichnet es bei "Radio Berg" als "Kammerspiel in der Schulturnhalle". Treffend! Auch die Einordnung als "unkonventioneller Ansatz, der ansonsten abgesteckte Wege geht" kann ich teilen. Denn so ungewöhnlich zunächst der Ausgangsort der Geschichte sich anfühlt - am Ende des Films lassen sich doch eine ganze Menge Dinge aufzählen, die der Film eben NICHT erzählt: nicht über die Faszination des Fechtens an sich. Nichts über estnisches Leben in der Sowjetzeit. Sogar Endels wahrscheinlicher Hintergrund, dass er zu Zeiten der deutschen Besetzung als SS-Mitglied gekämpft haben könnte und daher auf der "schwarzen Liste der Roten" steht, wird nicht benannt. Vielmehr wird unter den Zusehern eine automatische Angst vor den "Schrecken des Kommunismus" vermutet und vorausgesetzt: "Der böse Schulleiter ist böse. Der weise Großvater ist weise. Die süßen Kinder sind süß, und die Politkommissare steigen in knöchellangen Ledermänteln aus ihren schwarzen Autos" (Katharina Schulz).
Dazu kommt dann noch, dass der Held der Kinder dann tatsächlich in Leningrad während des Fechtturniers vom KGB verhaftet wird - nur um dann nach einer kurzen Schwarzblende wieder - scheinbar unversehrt - am Bahnhof von Haapsalu aufzutauchen, unbeschadet, alle Kinderchen warten (und sehen noch genauso aus wie vor seiner Verhaftung), und der Held geht mit ihnen und seiner Geliebten im Arm in den Sonnenuntergang ...
Ross A. Lincoln drückt es bei "Dealine-com" so aus: "Ein Drittel 'Karate Kid', ein Drittel 'Club der toten Dichter', ein Drittel 'Animal Farm' ".

"Echter" Fechtnachwuchs, stolz auf das Geleistete
beim Fechtklub "En Garde" in Haapsalu
Ja, also ein schöner Film. Märt Avandi spielt durchaus beeindruckend, er entwickelt einen Charakter der Eindruck hinterläßt. Aber die Geschichte verharrt unentschlossen zwischen Kinderfilm und flach erzähltem Historienschinken. Es ist eben weder "Stalins Staat der Angst" (Badische Zeitung"), noch "David gegen Goliath". Diese heruntergekommende Schulturnhalle hätte auch im Westdeutschland der frühen Adenauerzeit stehen können, und die Lehrer hätten genauso menschenfeindlich und steif, auf Karriere bedacht, autoritätshörig und ähnlich unkollegial sein können.
Vielleicht ist es auch gerade die potentielle Ähnlichkeit zu eigenen Kindheitserlebnissen, die manche deutsche Kinokritker so positiv reagieren lässt. Oder vielleicht sogar die Begegnung mit vom Krieg traumatiesierten Kindern heute? Da trifft aktuell manches trendige zusammen.
Oder die vorgefassten Schablonen, die Deutsche nun mal so haben: Der "FilmNewsBayernBlog" zitiert die Münchner Produktionsfirma "Kick Film", die den Film offenbar mit Bezügen zur aktuellen poltischen Lage bewirbt. Von Putin bedrohte Esten als Motivation gerade diesen Film zu sehen. Putin, Stalin, Lenin ... alles dasselbe?

Kampfesmutige Esten und beachtenswert gute Kinderdarsteller - ok. Der Hauptdarsteller ein "schöner Ritter mit einem kleinen Geheimnis" (so Klaus Härö). Wenn da eben nicht das Drehbuch wäre, das alles zusammen wie in ein Korsett zwängt, keine Zweideutigkeiten, kein Konflikte, kein Scheitern und keine Lügen. Es kommt keine rechte Tiefe auf, trotz sehr gut komponierter Filmmusik (Gert Wilden Jr.). Eine gute Kameraführung und, schlicht und einfach "schöne Bilder", machen den Film dennoch zu einem recht kurzweiligen Kinoerlebnis.

Zorro Filmverleih / Fechtklub "En Garde" Haapsalu / Webseite zum Film

Samstag, Oktober 31, 2015

Der schönste Mann

Bei den Estinnen und Esten sind eher Präsdent Ilves und Ex-Regierungschef Andrus Ansip beliebt, bei Russen in Estland eher Edgar Savisaar oder Vladimir Putin - soweit, so wenig überraschend. Wer aber ist Märt Avandi? Das estnische Umfrageinstitut EMOR TS fragte nach dem idealen Mann - und dieser war der meist genannte. Außerhalb Estlands vielleicht noch nicht so bekannt, aber das kann sich vielleicht bald ändern.

Freund der Kinder, starker Partner für die Frauen - aktuell
beeindruckend auch für die Estinnen (Abb.: Zorro-Film)
Märt Avandi - der estnische Til Schweiger? In der Pressemeldung zur Umfrage (ERR) ist davon die Rede, die "durchschnittliche estnische Frau" bevorzuge intelligente, gutherzige Männer. Avandi - der Name klingt für Unwissende ein wenig nach Autovermietung oder Italo-Restaurant - könnte aber zumindest auch deutschen Filmfans bald ein Begriff werden. Avandi ist aktuell der Hauptdarsteller in der finnisch-estnischen Koproduktion "Miekkailija" ("Vehkleja"), der bereits im Juni auf dem Filmfest München zu sehen war und im Dezember unter dem Titel "Die Kinder des Fechters" auch in die deutschen Kinos kommt (siehe Trailer).In Deutschland sind der Bayrische Rundfunk und ARTE Partner, also in diesen Programmen wird der Film wohl auch Platz finden. Für Regisseur Klaus Härö ist dieser Film bereits die vierte Nominierung (Vorschlag) Finnlands für den besten ausländischen Film bei den US-Acedemy Awards (Oscars). Auf diese Weise - denn es ist ja der Vorschlag Finnlands - gibt es jetzt zwei estnische Kandidaten: der estnische Vorschlag ist "1944" (siehe Blog).

Märt Avandi spielte bereits auf den Bühnen der Theater in Rakvere, Pärnu und Tallinn, trat auch als Sänger, Moderator und Comedian auf.2009 bekam er am estnischen Schauspielhaus den "Großen Ants" ("Suur Ants") verliehen, ein Preis für die Rolle des Asaf in dem Stück „Because ehk mängud tagahoovis“ ("Because", oder "Spiele im Hinterhof"). 2013 bekam er den Oskar Luts Preis für Humor. Auch Gastgeber der TV-Show "Estland sucht den Superstar" war Avandi schon. Ein viel beschäftigter Schauspieler ist Avandi sowieso. Und glücklich verheiratet ist er auch - mit Ehefrau Liis-Katrin, Tochter des Musikers, Komponisten und Sängers Tõnis Mägi; zur Familie gehören noch Sohn Herman und Tochter Helmi.

Aber was kümmert das die Verehrerinnen, wenn er dennoch in Filmclips sich weiterhin so exklusiv präsentiert wie gegenwärtig als Werbefigur für das Kinderspektakel "Pardiralli" - in einer Badewanne, allein. Mit einem ernsten Hintergrund: Märt und Liis-Katrins erster Sohn Albert starb 2012 an Krebs - das Festival wird zugunsten der Krebsforschung und der Behandlung von Krebskranken veranstaltet. Die Avandis engagieren sich auch für die estnische Vereinigung der Eltern von Krebspatienten (Eesti Vähihaigete Laste Vanemate Liit). Da scheint die Vorbildfunktion doch vielfach verdient, sicher nicht nur in den Augen der estnischen Frauen.

Mittwoch, September 23, 2015

Ehrenrettung zwischen den Fronten?

Elmo Nüganen stellt sich keine leichten Aufgaben. Als Theaterregisseur ist er eigentlich bekannt für seine Adaptionen estnischer und russischer Novellen, seit 1992 Direktor des Stadttheaters Tallinn. Seit seinem Film "Nimed marmortahvlil" (zu deutsch: "Die Namen auf der Marmortafel", Estland 2002) könnte er als Chefkoordinator bei der Verbildlichung estnischer Geschichte gelten. Damals, weit vor dem 100.Jahrestags des Kriegsbeginns, war zumindest die deutsche Öffentlichkeit noch nicht eingestellt auf die estnische Variante des Kriegsausgangs: am Ende stand, nach hartem Ringen und mit dem Glück vom Zusammenbrechen zweier übermächtig scheinender Kriegsgegner profitieren zu können, die Unabhängigkeit Estlands.

Heute ist Nüganen einer der bekanntesten Regisseure Estlands. Aber er ist auch Schauspieler: erst kürzlich wurde "Mandarinen" (Mandariinid) für den Oscar nominiert, eine georgisch/estnische Koproduktion, in dem Nüganen eine Hauptrolle spielt; der Film schaffte es immerhin bis in die Endrunde der letzten fünf. Jetzt könnte Nüganen dieses Ziel als Regisseur erneut anvisieren: sein neuer Film "1944" (deutscher Arbeitstitel "Brüder / Feinde") wurde von Estland für die 88th "Academy Awards" 2016 vorgeschlagen.

Hintergrund des Films sind die Ereignisse bei den "Blauen Bergen" auf der Halbinsel Sõrve (Sworbe) auf Saaremaa (Ösel) gegen Ende des 2.Weltkriegs. Die Halbinsel war Schauplatz erbitterter Schlachten zwischen der deutschen Wehrmacht und der sowjetischen Roten Armee. 1944/45 beim Rückzug der Wehrmacht fanden tausende Soldaten hier den Tod. "Vend vena vastu" - ein Motto des Films: Brüder gegen Brüder.
Esten, die bei den Deutschen mitkämpfen mussten, Esten die auf der Seite der Sowjets standen. In diesem Fall die Geschichte von Karl und Juri. Der Filmtrailer stellt heraus: "Esten, in einem Krieg der anderen." So mögen sich manche Esten gefühlt haben, zwischen den Mühlsteinen der Großmächte, nach damals gerade mal zwei Jahrzehnten eines unabhängigen Landes. Möglichst objektiv wolle der Film das Schicksal diesser Männer darstellen, ihre Hoffnungen, Ziele, ihre Vorlieben und Träume. Kinobesucher dürfen gespannt sein - denn bei anderen filmischen Versuchen gerieten die filmischen Geschichten nur allzu oft entweder zu unscharfer Kriegsheldenverehrung, oder zur knatternden und knallenden Show von Spezialeffekten. Einseitige estnische Rechtfertigung nach dem Motto "unsere Motive waren stets ehrenhaft" wäre sicherlich ebenso fehl am Platze.

Seit Kinostart im Februar 2015 hatten den Film in Estland bereits nach 40 Tagen über 100.000 Menschen gesehen. Ein nach estnischen Maßstäben vergleichbares Debut legten nur Nüganen's "Marmorfafeln" hin. Der deutsche Titel "Brüder - Feinde" klingt noch ein wenig vorläufig und holprig: einfacher und schlichter wäre "feindliche Brüder". Produziert haben den Film die estnische "Taska Film", gegründet von Kristian Taska, Sohn des estnischen Filmemachers Ilmar Taska. Partner ist "MRP Matila Röhr Productions" aus Finnland. Die Realisierung wurde unterstützt vom Estnischen Filminstitut,dem estnischen Verteidigungsministerium, und privaten Sponsoren.

In der Sowjetzeit waren auf Sõrve Raketen stationiert. Ich persönlich hätte mir dieses Thema auch gut als estnisch-russische Koproduktion vorstellen können - aber nein, wie schade. Gegenwärtig sind Vergleiche der Auswüchse des Machtstrebens von Hitler und Stalin leider in Russland wenig in Mode. Einige im Internet eingestellte Ausschnitte bieten Anlaß für Diskussionen (zumindest Fragezeichen): ob Überschriften wie "Waffen SS in action" wirklich den Sinn des Filmes wiedergeben? Solange ich den Film nicht selbst gesehen habe fehlt allerdings die Vergleichsmöglichkeit, ob diese Szenen wirklich aus dem Nüganen-Film stammen. Die Reaktionen der "User" stimmen ebenfalls nachdenklich, zum Beispiel diese: "Whoah! An actual movie that shows how useless Russian actually were and how accurate Germans are."Bewunderer des "MG-42" melden sich dort ebenfalls zu Wort. Ähnliche Ausschnitte werden im Internet auch unter dem Schlagwort "battle on Tannenberg line" publiziert - natürlich nur mit solchen Teilen, die vermeintlich heroisch für die deutsche Seite enden. Von estnischer Seite sind einige "Making-off"-Szenen zu sehen, in denen besonders die Musik herausgestellt wird: Voldemar Kuslap und sein 'Lied von der fernen Heimat' (Laul kaugest kodust). Andere Szenen stammen offenbar von Privatpersonen. Und das Portal "PCGames" stilisiert den Film als "Antikriegsdrama". Auf "FilmTV" schreibt Jessica Neumayer: "Ein Anti-Kriegs-Drama, das vor allem durch seine Emotionalität punktet. Der Gewissenskonflikt der Soldaten, die auf ihre eigenen Landsleute schießen müssen wird so deutlich, dass man ihn fühlen kann. Brüder Feinde ist kein gewöhnlicher Kriegsfilm, weil er von allem etwas hat. Fans der Kriegsfilmreihen kommen auf ihre Kosten, aber ebenso ist der Film sehr gefühlvoll und hat auch ein paar kleine Witze bereit. Also wer etwas Ernsthaftes, zum Nachdenken sehen und dabei gut unterhalten werden möchte, ist hiermit gut bedient."
Im Internet ist die Diskussion um diesen Film offenbar schon ein paar Schritte weiter als in den Kulturspalten der Tageszeitungen.

Anfang Oktober kommt der Film auch in die deutschen Kinos.

Mehr über Elmo Nüganen / FilmTrailer deutsche Fassung

Sonntag, Februar 22, 2015

Hoffen auf den doppelten Champagner

Nie wurde in Estland gespannter ein festlicher Abend der US-amerikanischen "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" erwartet wie am kommenden Wochenende. Wenn nach estnischer Zeitrechnung in der Nacht von Sonntag auf Montag die diesjährigen OSCARS vergeben werden, könnten die Estinnen und Esten im Falle positiver Nachrichten gleich die nächste Nacht zum 24.2. weiter durchmachen, wenn der 97.Jahrestag der estnischen Unabhängigkeitserklärung gefeiert wird.

Es steht zu vermuten, dass neben einigen Fläschchen Champagner auch etliche Kilo Mandarinen bereitgestellt werden, denn seit der gemeinsame Film des Georgiers Sasa Uruschadse mit dem estnischen Co-Produzent Ivo Felt im Bereich "bester ausländischer Film" für einen Oskar nominiert wurde, befindet sich fast ganz Estland in gespannter Erwartung, auch die Facebookseite zum Film hat bereits über 6000 Fans. "Zum ersten Mal hat es ein kleines Land mit 1,3 Millionen Einwohnern geschafft für einen Oskar nominiert zu werden!" jubelt die estnische Presse (ERR). Es scheint sehr wahrscheinlich, dass Sonntagnacht eine Menge privater Treffen organisiert werden und viele Estinnen und Esten bei einer Direktübertragung aus L.A. mitfiebern.

Allerdings schätzen die Filmproduzenten selbst ihre Chancen als eher gering ein. Der Film (engl. Titel "Tangerines") hatte bisher noch keinen Vertrieb in den USA gefunden, ist dort also eher unbekannt. Erst vor wenigen Tagen sicherte sich "Samuel Goldwyn Films" die US-Rechte. Allerdings lief "Mandariinid" schon auf etwa 30 internationalen Festivals, und räumte Preise ab unter anderem in Warschau und Mannheim/Heidelberg, dazu eine Golden Globe Nominierung.

Einiges an Symbolik wurde schon in den Film hineingedeutet: von "Esten als Konfliktmediatoren"(ERR) bis "Mandarinen als Friedenssymbol". Sehr zeitaufwändig war die Produktion nicht: zwei Wochen soll Uruschadse für das Drehbuchschreiben benötigt haben, die Dreharbeiten dauerten ganze zwei Monate. 60% der Projektkosten in Höhe von 650.000 Euro kamen aus estnischen Fördertöpfen. Zusätzliches Geld floss in eine weitere PR-Kampagne, begleitend zur Oskar-Nominierung. Wenigstens als erster der drei baltischen Staaten möchte Estland nun einen OSKAR für sich verbuchen.

Hier ein letztes Interview - natürlich per "Skype" nach Estland übertragen - der "Mandariinid-Helden", live aus L.A., kurz vor der Preisverleihung. 22.495 Euro hat die estnische Regierung (als Kostenzuschuß) allein dafür bereit gestellt, dass die Filmemacher bei der OSKAR-Verleihung dabei sein können. Vielleicht bringts Sympathie-Punkte für die Parlamentswahl? Abwarten.

Mittwoch, Juni 11, 2014

Mechmershausen trifft Schnaps

Am Pfingstmontag war in Folge 913 der ARD-Krimireihe "Tatort" im Fernsehen zu sehen. Für viele Krimifans so etwas wie "Pflichtstoff" zum Diskutieren über Spannungsgehalt, Realitätsnähe, Actionszenen und Täterinnen und Täter. In dieser Folge gab es überraschend ein Wiedersehen mit dem estnischen Schauspieler Tambet Tuisk, und zwar ausgerechnet in Konfrontation mit Ritschy Müller als Kommissar Lannert - Kinofans bekannt für die dramtischen Szenen aus dem Film "Poll" (siehe auch Beiträge hier im Blog). Doch ganz so dramatisch wurde es diesmal nicht.
Die Schauspieler Richy Müller und Tambet Tuisk in einer Szene
der Tatort-Folge "Freigang"

Wer den Gutsverwalter Mechmershausen noch vor Augen hat, wie er den Esten mit dem schlichten Spitznamen "Schnaps" in einer Scheune in die Enge treibt, die dann in Brand gerät - während die junge Oda um ihn bangt - der wurde von Tatort doch ziemlich enttäuscht. Die Story hatte ja angekündigt, dass Tuisk in der Rolle des "Holger Drake" der Hauptverdächtige im neuen Tatort-Mordfall sei, Müller - diesmal in der Rolle eines ermittelnden Kommissars - erneut sein Gegenspieler. Möglicherweise erneut spannende Konfrontationen blieben jedoch aus.

Kaum mehr als 20 Sätze darf der "Hauptverdächtige" Drake in diesem Fall von sich geben - so ist es eben, wenn der Regisseur eigene Ideen hat. Da findet man seine DNA am Tatort - aber die Kommissare müssen dennoch unbedingt erstmal alle internen Strukturen des Überwachungsbetriebs im Knast untersuchen, bevor sie den Fall lösen. Und dann ist Drake (Tuisk) auch schon sehr schnell tot - erschossen vom Sicherheitschef des Gefängnisses - sicherheitshalber. Liebe deutsche Regisseure! Falls ihr uns noch einmal einen estnischen Schauspieler präsentiert (worüber wir uns freuen würden!), dann nutzt doch lieber besser dessen Möglichkeiten.

"Am Tage ihrer Verurteilung haben sie ihrer Frau gedroht: sie würden sie finden, und sie würden sie umbringen!" insistiert der Kommissar. Gespannt wartet man auf die Antwort von Tuisk - denn als "Poll" gedreht wurde, gab er seine Antworten in Interviews nur in Englisch. "Ich habe ihr vergeben, schon vor Jahren. Ich will meine Ruhe." Der ausländische Akzent ist auffällig. Aber statt nun zu überlegen "der Mann ist offenbar Este" (oder auch "Osteuropäer") - da müssen wir sein persönliches Umfeld und seine Vergangenheit mal erforschen - folgt, wie gesagt, erstmal gar nichts. Tuisk bekommt - wie gewünscht - seine Ruhe. Ganze 60 (Film-)Minuten lang - bis Mechmershausen (Lannert), inzwischen als Kommissar incognito ins Gefängnis eingeschleust, ihn dann doch mal näher befragt. In der Zwischenzeit war angeblich "kein Rankommen" an den Verdächtigten. Und, wie gesagt, sein Hintergrund, Herkunft, Familienverhältnisse, frühere Wohnung, Ex-Nachbarn - was in anderen Krimis wie selbstverständlich auch Ermittlungsrichtung ist, oder sich schon aus den Akten ergibt, bleibt hier außen vor.

Na ja. Wenigstens war diesmal keine "estnische Mafia" oder "russische Kriminelle" im Spiel - im Zusammenhang mit Estland in deutschen Filmen immer auch gern genommen. Dass der Verdächtige offensichtlich kein Deutscher ist, darüber geht diesmal die Handlung einfach hinweg. Am Schluß wird Drake (Tuisk) gezwungen, in vom Wachpersonal verheimlichten Freigang einen weiteren Mordversuch zu begehen - den er mit dem Leben bezahlt. Um diese Story für logisch zu halten muss man wohl ganz fest an das Vorhandensein krimineller Absprachen bis hin zu Gefängnisverwaltung und zuständigen Ministerien glauben ("deutsche Mafia"?). Bleibt wirklich nur zu sagen: gebt Tambet Tuisk bitte nächstes Mal eine richtige Rolle zum Schauspielern! Dann müsste er nicht schon gleich in der ersten Szene wie ein Tiger im Käfig herumlaufen, um dann aber ziemlich belanglose Sätze von sich zu geben. Ungenutzte Potentiale zugunsten eines übermächtigen Drehbuchs und einer offenbar standardmäßig abgearbeiteten Regie.

Mittwoch, November 13, 2013

Hundert plus Eins

Wenn estnische Filmemacher Deutschland aufsuchen, kann das überraschende Formen annehmen: selbstverständlich, denn die Mischung aus Wortkargheit und spontanem Witz, der sich oft in Estland findet, dürfte manchem Estland-Freund und Estland-Freundin bereits bekannt sein.
Eine gute Gelegenheit zum Treffen mit estnischen Filmemachern und deren Werken bietet zur Zeit "Eesti Film 101", ein estnischer Filmabend, der an vier Abenden in dieser Woche in Bremen, in Kiel, in Hamburg und abschließend in Hamburg zu erleben ist.

Aber keine Angst: was hier geboten wird, kann ganz gemütlich vom Kinosessel aus genossen werden. Auch wenn Andres Maimik und Rain Tolk ihren Film "Umbkotid" (dessen Titel mit "Lappen" ins Deutsche übersetzt wurde, aber auch so etwas wie "Looser" heißen könnte) regelrecht warnten: es sei eine Art "Krankheit" damit verbunden. Wenn also nach ansehen dieses Films irgendwie ein Tag anbricht, wo man plötzlich sein ganzes Geld verliert, oder auf einer Bananenschale ausrutscht, ein Ehestreit ausbricht oder der letzte Bus nach Hause doch noch verpasst wurde - dann, so meinten beide scherzhaft, möchten sie bitte nicht dafür verantwortlich gemacht werden.

Wenn das Konzept nicht überzeugt, wenn
Powerpoint streikt, wenn das zu bewerbende Produkt 
nicht schmeckt, oder wenn der Art-Direktor gerade
krank ist: einfach auf den Tisch steigen 
und noch übertriebenere große Reden führen - so oder
so ähnlich nimmt "Umbkotid" die Mechanismen der 
Werbebranche auf die Schippe
"Umbkotid" nimmt die estnische Werbebranche auf die Schippe, und ein wenig Konsumkritik kann vielleicht auch in Estland gut tun, das werden die Betrachter vielleicht zugestehen. Und wer Rain Tolk und Andres Maimik bisher als Filmemacher kannte ("Kuku", "Kormoranid ehk nahkpükse ei pesta ", "Jan Uuspõld läheb Tartusse"), der lernt hier dazu, dass sie sogar in ihren eigenen Filmen sich nicht scheuen auch ihre Rollen selbst zu spielen. Ein Stück Autobiographisches ist also durchaus im Spiel, wenn sie in "Umbkotid" immer von der Realisierung eines "genialen Künstlerfilms" träumen, Kant und Kierkegaard lesen - aber dann doch einen billigen Werbefilm drehen und diesen sogar noch mit überschwenglichen Reden begründen. Dabei stehen Maimik und Kolk selbst ja nicht in Gefahr, schwache Billig-Produktionen machen zu müssen - als Regisseure und auch als Schauspieler waren sie sowohl mit Spielfilmen wie auch Kinofilmen schon erfolgreich ("Sügisball", "Pangarööv", "Seenelkäik"). Dabei machen sie sich in "Imbkotid" weder zu Helden, die wissen wie es geht, noch zu Fatalisten, die aus Verzweiflung dem Alkohol verfallen. "Die Motive für unsere Filme sind meist aus dem Alltag genommen", sagte Maimik im Gespräch mit Filmbesuchern in Bremen.

Die Zahl der Liebhaber estnischer Filme wächst - zumindest war das am Auftaktabend in Bremen zu spüren. Dazu tragen auch die Kurzfilme von Studierenden der "Baltic Film und Mediaschool Tallinn" bei, von denen eine Auswahl ebenfalls am "Eesti-Film 101"-Abend präsentiert wurden. Diesmal war Haardy Keerutaja selbst in Bremen, um seinen Film "95" vorzustellen, der alltägliche Situationen jugendlicher Esten auf überraschende Weise als spannende Geschichten erzählt. Der Titel "95" orientiert sich dabei an der Oktanzahl einer Benzinsorte, die der jugendliche Protagonist ja gern für das Famlienauto erwerben würde - wenn er das dafür vorgesehene Geld nicht längst für andere Verwendungszwecke ausgegeben hätte. So entstehen neue Handlungsverläufe, die Interesse dafür erzeugen, welche Wege und Auswege hier wohl noch begangen werden.

Stellten sich im City46 in Bremen den Filmfreunden 
zur Diskussion: Kristiina Jessen, Kristin Laufer
(für die Filmauswahl "Eesti 1010" verantwortlich), 
Rain Tolk, Andres Maimik
Das Organisationsteam von "Eesti Film 101" in Deutschland ist durchweg weiblich: die beiden Estinnen Kristiina Jessen aus Bremen und Kristin Laufer aus Berlin weiteten in diesem Jahr das Programm sogar noch aus, nach dem es auch 2012 (zum 100.Jubiläum des ersten estnischen Films) bereits in Bremen und Hamburg einen Filmabend gegeben hatte. Fürs nächste Jahr gibt es bereits neue Pläne, aber vor allem Sponsoren werden noch gesucht: Vorschläge, welche weiteren Städte die Veranstaltungsreihe möglichst noch berücksichtigen sollte, nehmen beide gern entgegen - besonders gern in Verbindung mit entsprechender Finanzierungshilfe. Also dann: heute abend (13.11) in der "Pumpe" in Kiel, morgen (14.11.) im "3001 Kino" in Hamburg, am 15.11. im Bundesplatz Kino in Berlin - oder im nächsten Jahr wieder mit neuer Auswahl.

Mehr Fotos

Mittwoch, Mai 08, 2013

Keine Damen in Paris

Laine Mägi, in Estland
schon seit den 1980er
Jahren vor allem als
Theaterschauspielerin
bekannt. Oder dadurch,
dass sie einmal mit
Musiker Tõnis Mägi
verheiratet war und mit
ihm eine gemeinsame
Tochter hat
Ja, vielleicht musste es so kommen? Wenn drei Länder einen Film zusammen produzieren ist das Resultat eben für andere Länder nicht geeignet. Das muss sich zumindest der Arsenal-Filmverleih vorwerfen lassen, der für die deutsch synchronisierte Fassung von Ilmar Raag's "Eestlanna Pariisis" („Une Estonienne á Paris") den ziemlich irreführenden Titel "Eine Dame in Paris" erfand. Kinogänger in Deutschland, geleitet nur durch oberflächliche Kinokritiken, könnte dieser Titel dazu verleiten anzunehmen, der international weniger bekannte Ilmar Raag ("Klass") habe durch unverdientes Glück nur die gealterte Jeanne Moreau abfilmen wollen. Jeanne Moreau - eine Dame in Paris?
Jeanne Moreau - diesmal als
mürrische Alte mit
estnischen Wurzeln
Diesem Mißverständnis folgen offenbar eine ganze Reihe deutscher Filmkritiken, wie Gerhard Midding in "DIE WELT", Birgit Roschy in DIE ZEIT, oder Christiane Peitz für den NDR. Wer den Film aber gesehen hat - ein wenig Estland-Kenntnis hilft dabei - wird zu dem Schluß kommen: die versprochenen Damen in Paris gibt es in diesem Film nicht. Aber wer eine Spur interkulturelles Verständnis aus verschiedenen Ländern mibringt, wer jemals allein in einem fremden Land Arbeit suchte, wer französische und estnische Mentalitäten und Charakteristika kennt, der wird Freude und Glück in diesem Film empfinden - durch das was zu Sehen und zu Hören geboten wird.

Da zitiere ich doch lieber "Giustino" aus seinem Blog "Itching for Eestimaa": "Da war etwas in dem Film, das mir die Tränen in die Augen trieb. Ich weiß nicht genau warum. Vielleicht war es der betrunkene Ex-Ehemann, die brave Großmutter mit ihrer Demenz, das stille Begräbnis mit einem Schuß Vodka, die unrenovierte Wohnung mit den Möbeln aus der Sowjetzeit, die gestylten, egozentrischen Kids die keine Zeit für eine Beerdigung haben weil sie so viel arbeiten, ganz zu schweigen von der Dunkelheit und dem Schnee. Das rührte mich zu Tränen - vielleicht, weil es so gut beobachtet ist."
Ja, genau - auch ich war überrascht dass der Film fast 30Minuten Leben in Estland zeigt - obwohl Verleih und Medien ihn offenbar gern auf das verkürzen wollen, was Deutsche so von Frankreich, Paris und französischen Schauspielerinnen zu kennen glauben. Das gibt jedem Zuschauer die Chance, sich einzufinden in estnische Befindlichkeiten: zart, zurückhaltend, leise, wortkarg - wie Estinnen und Esten eben so sind.
In der deutschen Kritik wird es dann einem "schwachen Drehbuch" angekreidet, teilweise auch dem Regisseur, dessen erster Film "Klass" ja viele Szenen bot die Stoff für den Klatsch unter Facebook-Freunden sein können.

Das Estland-Missverständnis
Vielleicht steht die bisherige deutsche Rezeption des Films auch für eine Reihe heutiger, ganz typischer Missverständisse im europäischen Zusammenleben. Ein Film aus Estland, na und? In diesem Film spielt niemand mit dem Handy herum, geht drahtlos ins Internet, fährt als Einwohner Tallinns kostenlos Bus, oder fabuliert vom angeblichen "Baltikum". Vielleicht sollte man zweimal hinschauen (wer im genauen Hinschauen nicht so geübt ist)?

...aber sehr wohl Estinnen und
Französinnen in Europa?
Und, ein zweiter Tipp: unbedingt diesen Film im Kino ansehen! Nur so lassen sich die hervorragenden Kameraeinstellungen, die fein justierte Ausleuchtung vieler Szenen, die hervorragende Filmmusik ("Dez Mona" - über die außer im Abspann leider nirgendwo Infos zu bekommen sind) und sogar die für jede Stimmungslage anders hergerichteten Frisuren, Kleidungsstücke, Gesten und Blicke richtig genießen.
Ein weiteres Mißverständnis: vergessen Sie Jeanne Moreau, entdecken Sie Laine Mägi! Wer von Beginn des Films an auf Jeanne Moreau wartet, der macht sowieso etwas entscheidendes falsch, und Moreau läuft erst dann zu Höchstform auf, als Mägi (als Anne) ihr als Charakter ebenbürtig entgegentritt und sie einen adäquaten Gegenpart bekommt.

Also - um bei den deutschen Filmkritiken zu bleiben - da ist Carsten Beyer vom "Kulturradio" schon eher zuzustimmen, der den Film "wegen den Hauptdarstellern sehenswert" findet. Allerdings unterschlägt auch er, dass sich der Zuschauer schon ein wenig mit Estland befassen sollte, und nicht nur damit, wieviele Männer die Filmfigur "Frida" (Jeanne Moreau) nun eigentlich hatte. Es geht hier um das Zusammentreffen zweier Kulturen, und auch mehrerer Generationen: nur zu gern würde ich Näheres darüber lesen, wie Estinnen und Esten in Estland die dargestellte "Ex-Exil-Estnische Gemeinde" in Paris sehen, so wie sie Ilmar Raag auftreten lässt. Kurze Szenen nur, die aber Folgen für Generationen haben: zerstritten und missgünstig, ewig gleiche Diskussionen in einzelnen Sätzen eingefroren und wie Tropäen ausgesprochen vor sich hertragend, wortkarge Menschen, die sich gegenseitig selbst die wenigen Worte noch verbieten wollen. Bissig oder ironisch? Schade, dass nicht jeder Deutsche zusammen mit einem/einer Esten/Estin ins Kino gehen kann - immerhin besteht die Chance, erst nach Estland zu fahren und dann sich den Film anzusehen. Oder: mit weniger vorgefertigten Schablonen den Film anschauen und sich auf das durchaus vorhandene typisch estnische konzentrieren (Jeanne Moreau kommt dann von selbst und ist natürlich unverzichtbar!).
Hier noch ein Lob an die deutsche Synchronisierung: die deutsch eingesprochenen Szenen der im Film in Frankreich lebenden Esten sind ziemlich gut getroffen, und diesmal glücklicherweise nicht mit "irgendwelchen radebrechenden Osteuropäern" besetzt worden.

Sehnsucht nach Frankreich - und nach sich selbst
Vielleicht kann man Ilmar Raag, der ja auch das Drehbuch schrieb, doch an einigen Stellen kritisieren - vor allem für den Schluß. Es wirkt etwas unentschlossen sowohl zwischen den Figuren schwebend wie in Bezug auf die vorher so betonten verschiedenen Gefühlswelten, wenn am Schluß Fridas junger Liebhaber Anne leicht über die Backe streichelt, und Frida energisch Anna bedeutet: "Du bist doch hier zu Hause!"

Die tatsächlich in Estland auch historisch verankerten Frankreich-Bezüge Estlands kann ein europäischer Kinobesucher hier ja nicht ahnen: man muss nämlich gar nicht die angeblich so vorherrschenden Sowjet-Sehnsüchte nach "freiem Reisen" hervorkramen, um Frankreich-Sehnsüchte in Estland zu begründen; manch wohlmeinender Deutscher wird hier vielleicht auch "Ossi-Gaby und ihre Banane" vor Augen haben, also vermeintlich eher ahnungslose Illusionen. Nein, Estland hatte, ähnlich wie die Nachbarländer Finnland oder Lettland, schon zur Jahrhundertwende 1900 oder in der Zwischenkriegszeit ein derart reges Kulturleben, das sich von Paris anregen und verzaubern ließ. Auch Französisch als "Sprache der Kultur" (gegenüber Englisch als Sprache des Business, Russisch und Deutsch als Sprache der übermächtigen Großmächte) trägt das seinige dazu bei. Im Film wird das nur kurz angerissen - im Drehbuch gibt es keine Figuren aus dieser Zeit, etwa Annes oder Fridas Vorfahren. Aber immerhin können Estland-Kenner sich auch an diesen Details erfreuen, die stimmig eingebaut werden und auch ein Teil des Beziehungsgeflechts bilden, warum Esten sich mit Frankreich auseinandersetzen - ganz abgesehen von der Qualität der Croissants.

Am Schluß bliebt festzustellen: ich möchte gerne den Film nochmal sehen, und zwar in französicher Fassung. Denn auch mein Urteil ist natürlich subjektiv, geprägt von deutscher und estnischer Erfahrung. Ein Blick von Frankreich aus auf Estland wäre neu.
Ilmar Raags Film entzaubert beide "Damen" gleichermaßen: die zurückhaltende Estin muss erkennen, dass Sehnsucht nach Harmonie, moralisch geprägten Partnerbeziehungen und nachgeholten Jugendträumen nicht das einzig mögliche Lebensmodell ist. Genauso wichtig aber, dass auch die Französin mit estnischen Wurzeln hier nicht als "Besserwisserin" auftreten kann, je länger der Film dauert. Ob ihre lange als "freie Lebensart" empfundenen dunstigen Beziehungen zu verschiedenen Männern wirklich dauerhaft und wichtig sind, wird sie neu entscheiden müssen - auch in ihrem hohen Alter. Vielleicht ist also am Ende wichtiger, dass Frida in Anne eine ziemlich ebenbürtige Freundin gefunden hat - egal was der einzig verbliebene, und scheinbar ziemlich überforderte Mann (Patrik Pineau) dann noch zu tun gedenkt (ganz so wie es auch der TAGESSPIEGEL schreibt).
Also, Endversion 1: Anne mit Koffer vor dem riesigen Eiffelturm (ein paar Minuten wegschneiden also).
Version 2: Anne begleitet Frida nach Estland, das Flugzeug über den Lichtern Tallinns. Ende.
Version 3: Anne und Frida gehen zusammen einfach mal in ein anderes Café. Und reden, und reden ....

Die schönsten und berührendsten Momente im Film, in dem nun wirklich eher zwei Estinnen als zwei Damen präsentiert werden, sind für mich immer dann, wenn ein Mensch innehält, eine Tür leise geschlossen wird, ein Mensch geht hinaus und der andere bleibt zurück. Ein Plädoyer vielleicht dafür, auch im eigenen Leben mal ein wenig innezuhalten und genauer hinzusehen. Oder die lärmenden Geräusche von draußen einfach mal abzuschalten - und Momente der Einsamkeit nicht als Verlassenwerden zu begreifen, sondern als Chance: entweder bleiben und beharren, oder ändern und Wagnis - beides ist möglich, beides ist gleichviel wert. Zwei, drei Sekunden des Sich-Bewußtwerdens über diese Momente nur, das reicht. Und - sicherheitshalber für diejenigen hinzugefügt, die glauben alle Esten suchten einfach eine Chance im "Westen" zu bleiben: Estinnen sind beharrlich. Nicht nur weil sie an der Wohnungstür sich gewöhnlich die Schuhe ausziehen. Wer's nicht glaubt, wird einen Film mit Damen wie Jeanne Moreau in Estland machen müssen.

Infoseite zum Film des französischen Co-Produzenten "TS Productions"
UniFrance Films / Filminfos bei AMRION, dem estnischen Co-Producer /
Infos bei "Filmstarts.de" / Webseite zur deutschen Fassung / ARSENAL-Filmverleih /
Infos zur Schauspielerin Läine Mägi /