Sonntag, Dezember 31, 2023

Estland, wohin?

In Estland werden "Zeitenwenden" offenbar anders interpretiert. Zugegeben, die Umstellung aufs Digitale begann schon Mitte der 1990iger Jahre, die deutsche Öffentlichkeit, deutsche Politik und deutsche Medien entdeckten die estnischen Fähigkeiten und Modelle erst vor wenigen Jahren. Also kann es ja sein, dass sich in Estland auch auf anderen Handlungsfeldern schon etwas getan hat, wovon wir in Deutschland noch nichts gemerkt haben. 

Auf manch anderem Gebiet scheint es aber auch in Estland verschiedene Ideen für die Zukunft zu geben, und Entscheidungen stehen noch aus. 164 Seiten stark ist ein Bericht einer 39-köpfigen Arbeitsgruppe, die Argumente sammelte für den Einsatz von Atomkraft in Estland. Daraus machen einige die Schlagzeile: Atomkraft würde sich innerhalb von sechs Jahren amortisieren (siehe auch: Blog). Dem zufolge müssten irgendwann Paldiski, Toila, Kunda, Varbla oder Loksa mit atomarer Beglückung rechnen. Vorteil für Atomkraft-Fans hier: zur Frage der Entsorgung atomarer Abfälle genügen allgemeine Formulierungen wie diese: "Estland sollte eine Strategie zur Entsorgung radioaktiver Abfälle entwickeln und den Bau einer Endlagerstätte für abgebrannte Kernbrennstoffe in Betracht ziehen.“(err)

Eine andere Frage schien in den vergangenen Monaten zu sein, wie lange sich Estlands Regierungschefin Kaja Kallas noch halten kann. Jetzt heißt es: Kaja Kallas (Reformpartei) soll Estlands nächste EU-Kommissarin werden (err) - mit dieser Aussage wird Kajas politischer Konkurrent Jüri Ratas (Zentrum) zitiert, verbunden mit dem Ausspruch, eine ehemalige Ministerpräsidentin können wohl auch auf einen stellvertretenden Chefposten in der EU-Kommission Anspruch erheben. Die Reformpartei steht gemäß Umfragen in der Wählergust bei ihrem schlechtesten Wert seit fünf Jahren (err). Regierungschefin Kallas war wegen dubioser Geschäftspraktiken ihres Mannes Arvo Hallik in die Kritik geraten, bei denen Komponenten aus estnischer Produktion auch nach Russland geliefert worden waren - trotz aller öffentlich verkündigten Boykott-Beschwörungen der Regierung.  - Aus der Zentrumspartei stammt die gegenwärtige estnische EU-Kommissarin Kadri Simson, zuständig für den Energiebereich. 

Wie lange wird die Zentrumspartei noch eine führende Rolle in Tallinn behalten? Ende 2022 war der langjährige Parteichef Edgar Savisaar verstorben, Bürgermeister in Tallinn 2001-2004 und nochmals 2007-2015. Seit den Kommunalwahlen 2021 braucht die Zentrumspartei einen Koalitionspartner. 79 Sitze hat der Stadtrat, durch einige Austritte und Parteiübertritte hat die gegenwärtig regierende Koalition aus Sozialdemokraten und Zentrum nur noch eine knappe Mehrheit. Schon seit 2019 ist Zentrumspolitiker Mihhail Kõlvart Bürgermeister. Wofür ist Tallinn schon seit einigen Jahren auch in Deutschland bekannt? Alle Einwohnerinnen und Einwohner bekommen die Nutzung des ÖPNV kostenfrei.  Bei der Einführung dieser Regelung 2013 sollen sich 30.000 Menschen zusätzlich bei der Stadt registriert haben. Nun präsentiert Kõlvart stolz Gäste aus Montpellier in Frankreich: auch für die dortigen Stadtbewohner/innen soll bald der ÖPNV kostenlos sein. Aber in Tallinn? Kõlvart konnte nicht umhin zugeben zu müssen, dass ja die gegenwärtige estnische Regierung diese Regelung eher abschaffen möchte (err). 

Drei Themen also, bei denen die Richtung für 2024 und die kommenden Jahre noch nicht klar scheint. Mal sehen, wo die Reise hingeht.

Mittwoch, Dezember 27, 2023

zu neuen Ufern

Bisher schweift der Blick von Tallinns Altstadt
ziemlich frei Richtung Ostsee: war da noch was?
Wie nahe die estnische Hauptstadt Tallinn am Wasser gelegen ist, erleben zum Beispiel die Kreuzfahrttouristen jedes Mal bei Einfahrt in den Hafen: eigentlich können auch schon vom Schiff aus gute Erinnerungsfotos gemacht werden. Nur wenig mehr als 10 Minuten Spaziergang, die Altstadt Tallinns in fußläufiger Reichweite. Aber: Tallinn kann mehr, so denken offenbar die örtlichen Stadtplaner, und veröffentlichten jetzt Ideen einer völligen Umgestaltung des Ostseeufers nahe des Stadtzentrums. 

Vor allem geht es um "das Meeresufer rund um die "Linnahall", also das, was heute schlicht "Stadthalle" genannt wird. Erbaut 1980 als "Wladimir-Iljitsch.-Lenin-Palast für Kultur und Sport", pünktlich zu den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau (die Segelwettbewerbe fanden in Tallinn statt). Bis zur Einweihung der "Saku Suurhall" im November 2001 war die Linnahall die größte Mehrzweckhalle Estlands, entworfen von Riina Altmae und Raine Karp (architektuul)

Seit 2010 steht sie leer, die Türen sind geschlossen. Investoren wurden gesucht, ein Einblick ins Innere der leer stehenden "Linnahall" wurde vorübergehend als "einzigartiges Erlebnis für Architekturliebhaber" verkauft (visittallinn). Auch Christopher Nolans Film „Tenet“ wurde hier gedreht,

Vor einigen Wochen wurden nun die Pläne vorgestellt, wie dieser ganze Bereich in Zukunft aussehen könnte. Eine neu gestaltete Linnahall, daneben eine Bibliothek, Parks, Wasserspiele und Springbrunnen. Aber offenbar sind noch nicht alle wichtigen Entscheidungen getroffen worden. Zwar heißt es, die bisherige "Linnahall" solle "Konzertsaal und Konferenzzentrum" werden. Aber die Entscheidung über "Abriss oder Neukonstruierung" ist wohl noch nicht gefallen. (err)

 Die Zielsetzung bestehe in der "Nutzung neuer städtischer Räume, Grünflächen und öffentlicher Verkehrsmittel", so wird Tallinns Bürgermeister Mihhail Kõlvart zitiert. (err) Ein Radiobeitrag aus Österreich bezeichnete die "Linnahall" mal als "heißen Sowjet-Dinosaurier" und bilanzierte demzufolge: "Für Immobilieninvestoren ist der Bau potthässlich, gehört abgerissen, weil in Prime-Lage am Meer, und durch schicke Appartmentkondos ersetzt." (FM4/ORF) Aber die Autorin zitiert, wie so viele andere auch, Architekturhistoriker Andres Kurg. Er hat die Linnahall wohl am intensivsten untersucht, auch in Form von mehreren Veröffentlichungen. Kurg erzählt zum Beispiel, dass an der "Linnahall" auch Studierende und Rentner mitbauen mussten, weil sie sonst nicht rechtzeitig zu den Olympischen Spieln 1980 fertig gerworden wäre. Und er weiß auch, dass der heutige kathastrophale Zustand mitverursacht wurde durch schlechte Baumaterialien zu Sowjetzeiten. 

Die aktuellen Entwicklungspläne der Stadt Tallinn sehen 10 Jahre bis zur Realisierung vor. Ob das machbar ist? 330 Millionen Euro soll es kosten. Da ist zu vermuten, dass es nicht die letzte, und schon gar keine endgültige Aussage zu diesem Thema ist. 

Mittwoch, November 15, 2023

Risiko: Leben in Estland

Es liest sich zunächst harmlos: 3,5% der Bevölkerung Estlands lebt in Armut. Statistiken, die auch europaweit erhoben werden, fassen allerdings die zweite Kategorie mit dieser Zahl zusammen: insgesamt 22,5% leben in Estland "mit Armutsrisiko" (stat.ee). Ein Viertel der Bevölkerung Estlands hat also kein finanziell abgesichertes Leben. Im (statistischen) Durchschnitt aller Länder der Europäischen Union liegt dieser Prozentsatz (Arme plus Gefährdete) bei 21,6% - alle drei baltischen Staaten liegen darüber (Litauen 24,6%, Lettland 26%). Aber auch Deutschland liegt mit 20,9% nur knapp besser. Am unteren Ende der Scala liegen, vielleicht erstaunlicherweise, Tschechien (11,8%), Slowenien (13,3%) und Polen (15,9%). 

Es lohnt sich genauer hinzuschauen. Vom "Armutsrisiko" betroffen sind vor allem zwei Altersgruppen in Estland: Erstens, wer allein lebt. Und zweitens, wer allein lebt und alt ist. Bei den Menschen älter als 65 Jahren liegt das Armutsrisiko inzwischen bei 79,1%! Bei Ein-Personen-Haushalten sind 51,9% gefährdet (stat.ee

"303,900 Menschen in Estland lebten 2022 mit einem Armutsrisiko", sagt Epp Remmelg, Chefanalytiker bei 'Statistics Estonia'. "Das bedeutet, ihr Einkommen pro Haushalt war geringer als 856 Euro. Und auch bei Familien mit Kindern, insbesondere solche mit drei oder mehr Kindern, ist das Armutsrisiko gegenüber 2021 am meisten gestiegen." 

Auch die Alltagsrealität der 48.000 Menschen in Estland, die 2022 in absoluter Armut lebten, versucht das Statistikamt in Zahlen zu fassen: hier betrage das Einkommen pro Haushalt nicht mehr als 303 Euro. 

"Wir müssen aber die Regionen unterscheiden," meint Ellu Saar, Professorin für Sozalwissenschaften an der Universität Tallinn. "In Süd-Ost oder Ost-Estland ist das Armutsrisiko fast doppelt so hoch wie in Tallinn. Bisher hat das estnische soziale Sicherungssystem nicht genug getan, um zur Linderung der Armut im Land beizutragen." (err)

Montag, Oktober 23, 2023

Ja, Ja, die Autos ...

Als kürzlich Frankreichs Präsident Macron in Estland zu Gast war, musste Regierungschefin Kaja Kallas offenbar erklären, warum in Meinungsumfragen die estnische Regierungskoalition so schlecht dasteht: die drei Koalitionspartner Reformpartei, Eesti200 und Sozialdemokraten lagen im Oktober bei zusammen nur noch 42%. (err) Nein, das sei nicht die Auswirkung irgendwelcher "Skandale", so soll Kallas ihrem Gast erläutert haben, vielmehr  müsse man gegenwärtig eine unpopuläre Steuer auf PKWs durchsetzen. (err) Ein "Aufstand der Autofahrer" in Estland? Was wird da geplant? 

Ab 2025 soll es in Estland eine neue Besteuerung von PKWs geben. Diese neue Steuerberechnung wird CO2 als Grundlage haben, kündigte Finanzminister Mart Võrklaev (Reformpartei) an (err). "Je mehr die Umwelt verschmutzt wird, desto höher wird die Rechnung ausfallen", stimmt ihm auch Toomas Uibo, Parteichef bei "Eesti200", zu. (err) Je mehr CO2 ein Auto emittiert, und je schwerer ist ist, desto höher soll in Zukunft die Steuer berechnet werden. "Der CO2-Ausstoß estnischer Autos ist mit am höchsten in ganz Europa", meint Võrklae, "daher müssen wir unsere Gesetzgebung entsprechend anpassen. Dies soll die Estinnen und Esten dazu bewegen, in Zukunft beim Autokauf nachhaltigere Entscheidungen zu treffen." Und eine weitere wesentliche Änderung sei es, wenn nur noch für die Erstzulassung eines Fahrzeuges in Estland eine Registrierungsgebühr fällig werde, bei einem Eigentümerwechsel innerhalb Estlands aber nicht. (fin.ee)

"Die neue Steuer wird vor allem ärmere Leute, Bewohner ländlicher Gebiete und kinderreiche Familien am härtesten treffen," kritisiert Jüri Ratas vom oppositionellen "Zentrum". Seiner Meinung nach sei überhaupt fraglich, ob angesichts von Erhöhungen bei Verbrauchssteuern und Mehrwertsteuer die Einführung einer weiteren Steuer angebracht sei. (err) "Die Leute sollen offenbar dazu bewegt werden, ihr eigenes Auto aufzugeben," meint Urmas Reinsalu, Chef der ebenfalls oppositionellen "Isamaa". 

Da scheint es logisch, dass auch vom estnischen Verband der Fahrzeughändler Kritik kommt. Leino Luik, Vertriebsleiter bei "United Motors" meint, gerade die geplante Registrierungsgebühr falle unerwartet hoch aus. Sein Kollege Janek Eskor ("Topauto") meint, wer es sich leisten könne, werde wohl im kommenden Jahr versuchen das Auto durch ein anderes Modell zu ersetzen. Dies könne zu einem Überangebot und Preisverfall bei Gebrauchtwagen führen. Aber andere Autobesitzer würden wohl versuchen, meint er, ihr altes Auto noch so lange wie irgend möglich (und bezahlbar) zu fahren. "Und das Ministerium sagt, die Leute sollten zum Kauf umweltfreundlicherer Fahrzeuge bewogen werden," fügt Leino Luik hinzu, "aber gemäß der Berechnungstabelle ist es günstig, Autos zu kaufen die fünf, sechs Jahre alt sind - also nicht so umweltfreundlich sein können wie neue Autos". (err)

Das estnische Fernsehen ETV machte Interviews unter Menschen, die auf dem Lande wohnen. Empfehlungen, lieber öffentliche Verkehrsmittel zu bevorzugen, wirken im ländlichen Estland einfach nur naiv - so hier die Erkenntnis (err). Und Arno Sillat vom Verband der estnischen Autoverkaufs- und Servicefirmen (AMTEL) meint: "Das Ministerium will Steuereinnahmen generieren - und da ist dann ein grünes Etikett lediglich nachträglich draufgeklebt." Statistisch werde die neue Steuer aber die Anzahl der Fahrzeuge in Estland schnell verringern - einerseits seien da geschätzte 50.000 Fahrzeuge, die zwar noch registiert seien, aber gar nicht mehr vorhanden (sogenannte "Phantomautos"). Und schließlich kämen noch geschätzte 100.000 Fahrzeuge dazu, die es zwar noch gäbe, die aber nicht mehr gefahren würden. Sillat kritisiert: tatsächlich würde ja selbst in Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden, zwei ausgesprochene Fahrradländer, die Anzahl der Autos nicht nennenswert sinken. (err)

230 Millionen Euro an Einnahmen pro Jahr kalkuliert das Finanzministerium offenbar als Folge der neuen Steuer. Wie viel es für jede/n einzelne/n Autobesitzer/in kosten wird, dazu versucht sich das estnische Finanzministerium in Beispielrechnungen. Die estnischen Autofirmen ziehen nach, und so finden sich jetzt auf vielen Infoportalen eigene Berechnungen (avasta / err) und sogar speziell für eine Berechnung oder Vorabschätzung eingerichtete Webseiten und Apps (codelab / toehaal / mobire / lobusoit)

Was übrigens die Umfragen angeht: seit die oppositionelle "Isamaa" (Vaterlandspartei) das Thema für sich entdeckt hat, und nun fordert die neue Autosteuer komplett zu streichen, hat dies die Partei momentan auf Platz 2 in den Umfragen katapultiert und damit sogar die populistische EKRE-Partei überflügelt (err). Parteichef Urmas Reinsalu zitiert in seinen aktuellen Stellungsnahmen zur politischen Lage in Estland sogar den deutschen Bundeskanzler Scholz als (gutes) Beispiel (eestiuudised). Die neue Kfz-Steuer jedenfalls verschärfe die Lebensverhältnisse in Estland, beeinträchtige die Mobilität und verletzt das Eigentumsrecht, so die Oppositionspartei (eestiuudised).

Samstag, September 02, 2023

E & M

Dass Estland elektronisch wählt dürfte inzwischen bekannt sein. Personalausweis mit Chipkarte, mobiles Lesegerät und individueller Zugang sorgen dafür, dass seit 2005 auch bei Wahlen die digitale Stimmabgabe möglich ist.

Im Ganzen wird es gern "E-Vote", oder auch Englisch "I-Vote" genannt, und die estnischen Infoseiten dazu dürften inzwischen allgemein bekannt sein. Der Slogan dazu ist einfach: "In Estland sind 99 % der öffentlichen Dienste rund um die Uhr online verfügbar. Lediglich bei Hochzeiten und Scheidungen sind E-Dienste nicht möglich – nur dafür muss man noch das Haus verlassen." (e-estonia). Dieses digitale System sei "sicher, bequem und flexibel", so heißt es. Resultat, in den Worten der Macher, ist "die wahrscheinlich beste digitale Gesellschaft der Welt". (e-estonia)

Große Worte. Immerhin einer der Gründe, warum inzwischen weniger Deutsche das Land Estland mit Island verwechseln. Aber der estnische Leitsatz "Jeder ist Eigentümer seiner persönlichen Daten" erzeugt in Deutschland keinesfalls automatisches Verständnis. Misstrauen ist angesagt - nicht speziell gegenüber Estland, sondern, was demokratische Wahlen betrifft, speziell gegenüber einem Vorgang, wo der Mensch nicht mehr persönlich an einem bestimmten Ort erscheinen muss, damit etwas passiert. Wie sehen "elektronische Wahlkabinen" aus? 

Doch Estland macht zumindest eines konsequent vor: noch bevor Deutschland so richtig nur über die möglichen Konsequenzen eines "E-Voting" nachgedacht hat, geht Estland schon einen Schritt weiter. Die neueste Ankündigung ist jetzt: nach "E-Vote" kommt "M-Vote". 

"M-Voting wird die Wahlbeteiligung sicher steigern", davon ist Doris Põld überzeugt, Geschäftsführerin des Estnischen Verbandes für Informationstechnologie und Telekommunikation (err). "Wahlen mobil möglich machen" ist der neue Wahlspruch. Ziel: bis zu den Wahlen zum Europäischen Parlament 2024 soll "Wahl per Smartphone" möglich werden. Ergebnis wären dann "die ersten M-Wahlen der Welt", so Põld. 

Ein paar Schritte müssen noch gemacht werden, um dieses Ziel erreichen zu können. Einige estnische Wahlgesetzgebungen müssen entsprechend angepasst werden. Erreicht werden soll auch "Technologieneutralität", also die Verwendung von Authentifizierungs- und digitaler Signatursystemen gleicher Sicherheit, unabhängig von der Bauart der jeweiligen Geräte. Zu "Smart-ID" kommt dann "Mobile-ID" als Identifizierungsprozess hinzu. 

Bei den vergangenen Wahlen in Estland soll es schon vorgekommen sein, dass Wählerinnen und Wähler es bereits versucht hätten, per Handy abzustimmen. Frustriert hätten sie feststellen müssen, dass dies nicht geht - und als Resultat hätten manche den gesamten PC in den Urlaub mitgenommen, nur um an den Wahlen teilnehmen zu können. 

Ob alle estnischen Parteien diesen Schritt unterstützen werden, wird abgewartet werden müssen. Die Ergebnisse der vergangenen Parlamentswahlen waren in sofern interessant, dass zunächst die konventionellen Stimmen ausgezählt wurden, am Schluß kamen die "E-Votes" dazu. Dadurch wurde zum Bespiel deutlich, dass Anhänger der regierenden Reformpartei von Ministerpräsidentin Kallas sehr viel mehr zur Nutzung des "E-Vote" neigen als zum Beispiel die Wähler der rechtskonservativen EKRE. Da Ministerpräsidentin Kallas ja momentan genug mit dem Skandal um die Russland-Geschäfte ihres Mannes zu tun hat, wäre es aus dieser Sicht wahrscheinlich willkommen, wenn auch in den estnischen Medien wieder mehr über den estnischen E-Fortschritt berichtet würde ...

Donnerstag, August 24, 2023

Gast und Freundschaft

Nein, das hat Estland nicht verdient. Sicher, es könnte noch ein paar mehr Touristen geben, noch immer ist das Niveau von 2019 nicht wieder erreicht, so meldete es auch zuletzt das Estnische Amt für Statistik. Aber zumindest die Hauptstadt Tallinn hat ja auch schon einiges von denjenigen touristischen Trends mitbekommen, die sich nicht unbedingt positiv auswirken auf die Menschen, die dort wohnen und leben, wo es passiert. 

Zuerst kam der Alkoholtourismus aus Finnland. Dann kamen die ausufernden "Stag-Parties" - man könnte es auch "Junggesellen-Sauftouren" nennen. Inzwischen offenbar ein festes Segment mit klarem Label bei viel Bier, Stripper-Yachten, Nachtclubs und eigener Webseite. Wem das nicht ausreicht, der kann auch eine "VIP-Party" (Very Important Party) machen mit Paintball, Crashcar-Rennen und Waffenübungen als "ultimate anger management" (so verspricht die Werbung). Aktivitäten für "echte Männer" eben.

Es soll ja Städte geben, wo Hotels und Restaurants eindeutige Hinweise (no stag!) bereits an der Eingangstür kleben haben. - Andere Aktivitäten, von dem, was sich so Tourismus nennt, beeinträchtigen eher die Natur. Vielleicht auch die Menschen, die auf dem Dorf oder in Gegenden mit wenig menschlicher Besiedlung leben. Da stellte doch neulich ein Beitrag in der österreichischen Zeitung "Der Standard" fest, dass ein Aufenthalt in Norwegen selbst für "Wildcamper" nicht mehr "einsam" genannt werden könne. Etwas ironisch heißt es dort, auch an "jungfräulichen Gletschern" und "unbeleckten Felskanzeln" würden täglich "nur wenige Tausende Menschen" ihre Selfies machen. Norwegen sei eben "Sehnsuchtsort der Wildcamper". Da sei doch "das Baltikum" eine Alternative, so die These im "Standard".

Gut, wir kennen, was Skandinavien angeht, das dortige "Allemansrätt" (Jedermannsrecht). Es erlaubt vor allem, fast überall für eine Nacht zu bleiben - unter der Maßgabe, keine Schäden anzurichten und nichts Übles zu hinterlassen. Gibt es in Estland eigentlich Ähnliches? Aber ja, meint "Nordisch-Info", in Estland werde es "igamehe õigus" genannt, und niemand dürfe der Zutritt zur Küste, zum Wald oder zu Seen und Flüssen verwehrt werden. Wer übernachten will, möge höflich den Besitzer fragen, heißt es hier. Abgesehen davon, dass es sicher nicht leicht wird, immer "Besitzer" zu finden, empfehlen aber Portale wie "Caravanya" Ähnliches; "Trekkingstrails" bietet sogar eine europaweite Übersichtskarte und verweist auf die "Guidelines for nature tourists". Viele Portale, so zum Beispiel "Camperstyle" informieren allerdings sehr ungenau und "deutschlandtypisch" einfach über "Baltikum", weisen also nicht einmal darauf hin, dass es sich hier um drei unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen Gesetzgebungen geht. Hier bleibt es bei der schlichten Empfehlung "Dass du dich dabei an die üblichen Benimmregeln hältst und dich unauffällig und ruhig verhältst, sollte selbstverständlich sein". 

So entsteht dann manchmal eine Art "Heimlichtuerei" - wer sich eher "unauffällig" verhalten will, kommt in der Praxis sicher auch in wenig eindeutige Situationen. Angekommen auf einer schönen Waldwiese, einem einsamen Küstenstreifen einer estnischen Insel, oder an einem schönen Aussichtsplatz - wer möchte da schon laut nach einem "Besitzer" rufen? "Estland-typisch" steht dann da manchmal sogar ein Schild mit einer Telefonnummer, die man anrufen möge. Aber wie viele machen das? 

"Standard"-Autor Sascha Aumüller hat uns Leserinnen und Lesern eben auch nicht verraten, warum auch in Norwegen inzwischen "Wildcamper" aus Deutschland nicht mehr ganz so beliebt sind. Gut. Norwegerinnen und Norweger bemühen sich jeden Sommer aufs Neue, ausgesprochen freundlich mit allen Gästen umzugehen (Norweger im November oder März zu treffen, kann da manchmal sehr lehrreich sein!). Und manche Schlagzeilen stehen dann eben auch nur in der norwegischen Heimatpresse. Dass zum Beispiel über Zufahrtsbeschränkungen zu norwegischen Inseln diskutiert wird, da im Sommer regelmäßig die ganze Inselküste rundrum von Touristen zugeparkt wird. Gerne von Wohnmobilen. 

Und ebenso ist in Norwegen bekannt, dass eben Deutsche nicht nur gerne in Wohnmobilen anreisen, sondern dort auch vorzugsweise ein riesiger Kühlschrank enthalten ist. Da gibt es inzwischen offenbar nicht wenige "Spezialisten", die in Norwegen massenweise Lachs aufkaufen, diesen im eigenen Kühlschrank oder Gefriertruhe lagern, und ihn dann zu Hause in Deutschland weiterverkaufen. Motto: billig leben im Gastland, möglichst noch ein gutes Geschäft machen dabei (das funktioniert übrigens auch bei einigen anderen Fischarten noch). 

Für Estland gibt es da eher noch ein anderes Problem. Weiterhin beliebt ist ja die Etikettierung der Reiseziele als "Baltikum". Zusätzlich auch noch in enge Zeitrahmen gepresst, organisieren viele Veranstalter die Reisegruppen so, dass sie ein Bus von Ort zu Ort bringt. Manchmal wird dazwischen dann noch ein paar Kilometerchen Rad gefahren, gewandert oder eine Sehenswürdigkeit erkundet. Für die Busse müssen jedenfalls, manchmal auch spontan, Standorte gesucht werden, Parkplätze an möglichst attraktiven Orten, wo dann die Reisenden Anlaufstellen haben um entweder dort wieder in den Bus einzusteigen, oder wo oft auch noch eine ausgiebige Pause einer großen Gruppe stattfindet, manchmal mit Fleisch und Würstchen frisch vom Grill. Ich habe es selbst erlebt, dass dann ein kleines Schild "privat" solche zwar kurzen, aber in schöner Regelmäßigkeit immer wieder stattfindenen "Partys" nicht verhindert. Nein, Herr Aumüller, es wäre wirklich nicht schön, wenn sich solche Gewohnheiten noch weiter auf die schönsten Orte Estland ergießen würden. Nun ja, vielleicht bauen die Est/innen ja auch noch ein paar Lachsfarmen?

Samstag, August 05, 2023

Estnische Erdbeeren

Wachsen in Estland Erdbeeren? Die Frage ist zumindest gegenüber denjenigen verständlich, die glauben, in den einsamen Gegenden des Landes würden auch Rentiere herumlaufen. Nein, ganz so nördlich ist Estland dann doch nicht gelegen - auch wenn sich die Bewohnerinnen und Bewohner gerne selbst lieber als "nordisch" denn als "baltisch" bezeichnen. 

"Maasikas" ist zwar auch der Name eines estnischen Diplomaten, eines Nachtclubs in Tartu, eines Kindergartens in Tallinn und auch einer estnischen Glaskünstlerin - und in Viljandi gibt es Erdbeeren aus Beton. Aber zunächst einmal werden Kundinnen und Kunden daran denken, "Maasikas" entweder selbst im eigenen Garten anbauen oder auf den Wochenmärkten kaufen. Unter "Eesti Maasikas" finden wir dann auch entsprechende Angebote: "Polka", "Sonata" oder "Elianny" heißen hier zum Beispiel die angebotenen Sorten, so wusste es sicher auch der 2019 verstorbene Unternehmer Valdis Kaskema, bis dahin einer der größten Erdbeerbauern in Estland, dessen Firma „Kindel Käsi“ in der Gemeinde Nõo im Kreis Tartu auf 20 Hektar Erdbeeren anbaute. Nach seinem tragischen Unfalltod erzählte sein Bruder Varmo in der estnischen Presse: "Er hat so schöne Erdbeeren angebaut, dass die Esten manchmal gar nicht glaubten, dass so etwas auch im eigenen Landes wachsen kann." (Postimees)

Genau an diesem Punkt der Diskussion macht sich nun das estnische "Zentrum für landwirtschaftliche Forschung" (Maaelu Teadmuskeskus METK) weitere Gedanken, eine Einrichtung die am 1. Januar 2023 frisch ihre Arbeit aufgenommen hat und nun die Projekte des "Estnischen Pflanzenzüchtungsinstituts" und des "Agrarforschungszentrums" zusammenführen soll. Auch von um ein Vielfaches gestiegenen Preisen war in der estnischen Presse immer wieder zu lesen (ERR)

Aber obwohl es auch in Estland viele aus anderen Ländern importierte Erdbeeren gibt, bevorzugen doch estnische Verbraucherinnen und Verbraucher gerne die regionalen Produkte aus dem eigenen Land - wenn man sich nicht die Mühe machen will die schmackhaften Walderdbeeren zu suchen. Nun sei es aber schon vorgekommen, so berichtet Piret van der Sman, stellvertretende Laborleiterin bei METK, dass Händler polnische Erdbeeren als einheimische ausgegeben hätten, um dann höhere Preise verlangen zu können. Allerdings seien solche Betrügereien bisher nur schwer nachzuweisen gewesen. (ERR)

Nun aber gibt es eine Datenbank für estnische Erdbeeren. Vielleicht könnte man da in E-Estonia auch an digitalisierte Erdbeeren denken - nein, genauer gesagt ist es eine "Referenzdatenbank für Erdbeeren estnischen Ursprungs", so das Projekt des METK; realisiert wird es in Zusammenarbeit mit der deutschen "Agroisolab GmbH".aus Jülich, eine in der Branche offenbar erfahrene und anerkannte Firma. Dort wird das Verfahren dann "geografische Herkunftsüberprüfung" genannt. 

"Der Ursprung der estnischen Erdbeere kann nun bestätigt werden" verkündet das METK nun im Sommer 23 in einer Pressemeldung. Projektleiterin Liina Kruus sagt zu, jetzt estnische Erdbeeren eindeutig identifizieren zu können. Wir lassen unsere Phantasie wieder etwas schweifen und stellen uns vor, dass nun Estinnen und Esten mit einer "Erdbeeren-App" auf dem Handy zum Markt gehen. Das einzige, was in Estland NICHT ditigal erledigt werden kann, ist ja angeblich "heiraten, Scheidung und Immobilienkauf", so ein beliebter Spruch. Wir lernen dazu: auch zum Erdbeeren testen muss zunächst das zuständige Amt angefragt werden (ob sie auch spontan eingeschickte oder vorbei gebrachte Warenproben akzeptieren, ist der Pressemeldung nicht eindeutig zu entnehmen, auch über eine Kostenübernahme ist nichts gesagt).

Jedenfalls enthalte die estnsiche Referenzdatenbank bereits Daten von insgesamt 21 estnischen, 11 lettischen und sieben litauischen Produzenten, so heißt es. Ergänzt worden sei das von Erdbeerproben, die von Beamten der Landwirtschafts- und Lebensmittelbehörde aus Einzelhandelsverkäufen in verschiedenen Regionen Estlands entnommen wurden. Liebe Estinnen und Esten! Sollte also jemand auf die Idee kommen, Erdbeeren aus dem eigenen Garten auf dem Markt verkaufen zu wollen, da gilt wohl auch: please contact your Databank!

 


Montag, Juli 03, 2023

Alles fägt mit Aabits an

Ein estnisches "Aabits" - hier in Variante
aus der bekannten "Lotte"-Reihe

In Estland fängt das Lernen mit "Aabits" an - Deutsch würden wir vielleicht "ABC-Fibel" sagen. Solche estnischen "Aabits" soll es bereits seit dem 16. Jahrhundert gegeben haben. Für die Heranwachsenden in Estland gibt es gegenwärtig einige Änderungen: Für Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 4 beginnt ab 2024 der Übergang zum Sprachunterricht ausschließlich in estnischer Sprache, mit dem Ziel, diesen Prozess bis 2030 abzuschließen. 

Bis das soweit ist, gibt es aber offenbar noch einige Probleme. Da ist zunächst mal der Mangel an Lehrkräften, die Estnisch unterrichten können. Und es geht auch nicht nur um Kinder: in Bezirk Ida-Virumaa etwa, im Nordosten Estlands gelegen, seien es zumeist Frauen älter als 40 Jahre, die sich verbesserte Estnisch-Kenntnisse aus beruflichen Gründen wünschten (ERR). Darunter seien auch Lehrerinnen, die bisher zwar Estnisch verstehen, aber nicht unbedingt gefordert waren ihren Unterricht tatsächlich auf hohem Niveau in Estnisch abzuhalten. Und auch für die Flüchtinge aus der Ukraine werden Estnisch-Kurse und entsprechend Lehrkräfte gebraucht. Tallinns Bürgermeister Mihhail Kõlvart stellt allein für die Hauptstadt 700 Erzieher/innen mit guten Estnisch-Kenntnissen in den Kindergärten und weitere 144 Pädagog/innen für die ersten vier Grundschulklassen fehlen würden. (err)

Der estnische Rechnungshof (Riigikontroll) hatte hatte Anfang Juni einen Bericht vorgelegt, der im Ergebnis mehr Sorgfalt beim Übergang zur estnischen Sprache in den forderte. Hier wird zum Beispiel festgestellt, dass obwohl in Schulen mit Russisch als Unterrichtssprache in neun Grundschuljahren insgesamt 1050 Stunden Estnisch unterrichtet wird, etwa ein Drittel der dortigen Absolvent/innen nicht genügend Estnisch-Kenntnisse aufweisen um ein Studium anschließen zu können. 

Bemängelt wird in diesem Bericht auch, dass die estnischen Kommunalverwaltungen nicht genügend auf Fortschritte in diesem Bereich achten würden - weder durch Anreize, noch durch Strafen. Die estnische Bildungsministerin Kristina Kallas (Eesti200, ein Koalitionspartner der Reformpartei von Regierungschefin Kaja Kallas) gab zu dass etwa das Berufsbildungszentrum in Ida-Virumaa weiterhin auch in Russisch unterrichte und forderte den dortigen Schuldirektor Hannes Mets zum Rücktritt auf. (err). Nach Darstellung von Mets habe man im vergangenen Herbst 1500 neue Studierende aufgenommen, von denen 1350 nicht über ausreichende Estnisch-Kenntnisse verfügten. Allerdings lehre seine Schule auch Kenntnisse in den Bereichen Handel und Wirtschaft und sei nicht auf Sprachen spezialisiert. Ende Juni trat Mets dann zurück (ERR), und nur kurze Zeit später wurde Mati Lukas zum neuen Leiter ernannt (ERR). 

Die estnische Sprachaufsichtsbehörde (Keelamet) hatte bereits eine Reihe von Strafen für Lehrkräfte des Bildungszentrums wegen unzureichender Estnisch-Kenntnisse verhängt. Das Strafmaß für Schulen, welche die Anforderungen an den Estnisch-Unterricht nicht erfüllen wurde auf maximal 10.000 Euro erhöht und dem "Keeleamet" das Recht zugestanden, Klassräume zu besuchen und Sprachkenntnisse der Pädagog/innen zu prüfen. Für Schulen im Bezirk Ida-Virumaa habe es bisher etwa 200 Strafen gegeben, in einer Höhe zwischen 30 - 400 Euro. (err)

Nach Angaben der estnische Regierung liegt das Ziel des Übergangs zum estnischen Sprachunterricht vor allem darin, allen Kindern in Estland, unabhängig von ihrer Muttersprache, die Möglichkeit zu bieten, einen qualitativ hochwertigen estnischen Sprachunterricht zu bekommen.

Sonntag, Juni 04, 2023

Auf dem Wege nach A-Estonia?

sieht so die neue Vision der Zukunft Estlands aus?
Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich auch in Estland einiges geändert. Die Inflationsrate, zeitweise bis 20% hochgeschnellt, liegt gegenwärtig immer noch bei 11.%. (err

Während dessen fordert die neue estnische Regierungskoalition von den Mitgliedern der NATO jeweils nicht nur 2%, sondern sogar 2,5% fürs Militär auszugeben, und gibt für Estland neuerdings sogar ein Ziel von 3% vor. Der Fokus soll dabei unter anderem auf einer Stärkung der Luftabwehr liegen (err). Zu Ehren des finnischen NATO-Beitritt gab die estnische Post (Omniva) sogar eine eigene Briefmarke heraus. 

Die neue Briefmarke der Omnia -
um 90Grad gedreht auf den Brief
kleben könnte das geografische
Verständnis erhöhen ..
.
Auf der Einnahmeseite versucht die estnische Regierung, verschiedene Steuern zu erhöhen - und löste damit massenhafte Gegenanträge und Blockaden der beiden oppositionellen Zentrumspartei und EKRE aus. 

Mit weit weniger Aufsehen werden offenbar Untersuchungen regierungsamtlich vorangetrieben, die den Einsatz von Atomkraft in Estland vorbereiten sollen. Offiziell heißt es, 2024 solle die Entscheidung für oder gegen den Neubau eines estnischen Atomkraftwerks fallen.
Wenn es um die CO2-Belastung geht, dann ist bisher die Ölschieferverstromung Estlands ganz vorn dabei (TAZ). In Estland gibt es knapp ein Fünftel aller europäischen Ölschiefervorkommen. Aber statt sich zugusten des Klimaschutzes über einen Ersatz durch erneuerbare Energien ernsthaft Gedanken zu machen, wird offenbar mit der Atomenergie geliebäugelt. Schon vor einigen Monaten machte Rene Kundla, Journalist der Agentur ERR, in der estnischen Bevölkerung drei unterschiedliche Gruppen aus: Befürworter, Gegner und Skeptiker. Befürworter meinen zum Beispiel die Atomkraft diene "der nationalen Energiesicherheit". (err)

Klimaschutz also plötzlich wieder als "nationale Frage"? Wenn es um die militärische Sicherheit geht wird ja immer betont, dies sei nur durch die gegenseitige Unterstützung aller NATO-Mitglieder zu erreichen. "Fermi Energia" zum Beispiel wirbt für "kleine, modulare Atomreaktoren" und möchte gern einen Siedewasserreaktor des Modells des US-amerikanischen Herstellers "GE Hitachi Nuclear Energy (GEH)" in Estlan bauen. Der Hersteller verspricht sauberen, sicheren, bezahlbaren und CO2-freien Strom. Dabei sei für eine Anlage lediglich eine Landfläche von 170x280 Meter nötig. Und wie um es noch ein wenig verträglicher zu machen für den estnischen Geschmack, gibt Fermi dem Projekt einen eigenen Namen: Linda. Estnisch, aber auch international verständlich, heißt es. 

Atommüll: Standorte im Visier
Die Nuklearfirmen denken den Entscheidungsprozess übrigens ganz vom anderen Ende aus: "Damit ein Kernkraftwerk in Estland gebaut werden kann, ist ein Beschluss des Riigikogu – also des Parlaments – erforderlich" (Nuklearforum). Dass die estnischen Parlamentarier/innen auch anders entscheiden könnten, ist in diesen Szenario nicht eingeplant. "Linda" soll es sein - in der estnischen Sage von Kalevipoeg entstammt dessen Mutter Linda einem Birkhuhnei. 

Bliebe noch die Frage nach dem Atommüll. Auch hier wollen die estnischen Atombefürworter die einfachen Lösungen; Atommüll könne gleich am selben Ort wie die zu bauende Atomanlage deponiert werden, heißt es. Entsprechende Voruntersuchungen wurden bereits in Loksa, Kunda, Toila, und Varbla durchgeführt. "Das kann alles in tiefen Bohrlöchern vergraben werden" meint Anna-Helena Purre vom Ingenieurbüro "Steiger OÜ", die mit der Erstellung einer entsprechenden Machbarkeitsstudie beauftragt wurden (siehe auch: NEImagazine). Bei der Standortsuche sind offenbar bisher 15 mögliche Orte untersucht worden (err

Da staunen wahrscheinlich selbst die Bayern (die sich ja in Deutschland bisher am meisten gegen einen Standort für Atommüll sträuben). Allerdings wird der Zeitraum, wann in Estland Atomstrom tatsächlich ins Netz eingespeist werden könnte, inzwischen als "nicht vor 2035" angegeben. Vorerst verhindert wohlmöglich der russische Ukraine-Krieg (und die als Reaktion darauf geplanten zusätzlichen Projekte und deren Kosten) ein schnelles estnisches Atom-Engagement. Und die Hoffnung bleibt, dass der Bau anderer, wirklich umweltfreundlicher Anlagen, einfach kostengünstiger ist und schneller geht.

Sonntag, April 16, 2023

Musikalisches Märchen

Mirjam Mesak ist wohl vor allem in zwei Regionen ein bekannter Name: in Estland, und in München. An der Staatsoper in München ist sie festes Mitglied des Ensembles. Nun haben musikinteressierte Menschen eine ganz neue Möglichkeit, die inzwischen 32 Jahre junge Estin kennenzulernen: im September 2022 feierte der Film Orphea in love von Regisseur Axel Ranisch an der Bayerischen Staatsoper Premiere mit Mirjam Mesak in der Hauptrolle.

Seitdem ist der Film im Programm mehrerer Festivals gelaufen, neben dem Filmfest München auch bei den "Hofer Filmtagen", beim "Filmfestival Cottbus" und beim "Bremer Filmfest". Wie es der Regisseur Axel Ranisch denn geschafft habe, die Opernsängerin für die Rolle zu gewinnen, wurde Schauspieler Heiko Pinkowski ("Höllbach") nach der Vorführung in Bremen gefragt. Das sei im wesentlichen eine Sache des gegenseitigen Vertrauens, meinte Pinkowski. "Er hat ein paar Aufnahmen gemacht, hat sie ihr gezeigt, um ihr das Gefühl zu geben wie sie im Film wirkt." Außerdem sei das kein "Opernfilm" - obwohl ja die allseits bekannte Legende von "Orpheus" die Grundlage bildet, und ausschließlich Opernmusik zu hören ist. Der bessere Ausdruck sei "musikalisches Liebes-Märchen". Natürlich habe es ihr auch geholfen, dass sie im Film eben auch ein estnisches Mädchen habe spielen dürfen, meinte Mirjam Mesak im Filmgespräch zur Premiere. "Inzwischen bin ich so in die Rolle der Nele reingewachsen, sie ist jetzt ein Teil von mir." 

Nicht nur für Mirjam Mesak als "Nele", sondern auch für Guido Badalamenti als "Kolya" war es die erste Rolle in einem Kinofilm. Beide spielen herausragend zwei Außenseiter, die sich singend und tanzend durch eine ihnen fremde Welt bewegen und ihre eigene Realität erschaffen. Opernliebhaber Fabius beschreibt es in seinem Blog so: "Mesaks faszinierende Mimik und Körpersprache, ihr Wechselspiel von Verletzlichkeit, Verzagtheit, Sehnsucht und Stärke bewegt ebenso wie ihr gesanglicher Vortrag, der Arien, z.B. aus Madama Butterfly oder La Wally, zu emotionalen Brennpunkten macht." 

Regisseur Ranisch ist dafür bekannt, dass oft nahezu "improvisiert" gedreht wird - also vieles schon nach dem ersten Dreh "im Kasten" ist. "Nahezu 90%" von "Orphea in Love" sei auf diese Weise - allerdings nach langen Vorgesprächen - entstanden, so Pinkowski. "Ich wollte einfach meine Lieblingsmusik und das, was Oper für mich bedeutet, in eine andere Form gießen", erklärt Ranisch im Gespräch mit BR-KLASSIK.

Auffällig im Film ist auch die einfühlsame Art, wie die Kamera hier die getanzten und gesungenen Szenen eingefangen hat. Fast schwebend wirken manchmal die Darstellerinnen und Darsteller, alles hat eine poetische Leichtigkeit. Kameramann Dennis Pauls sei es auch gewesen, der die meisten Locations für die Drehs aufgespürt habe (mubi). Das, was hier als Film-Opernhaus dargestellt wird, wurde zum Beispiel in der Außendarstellung in Stralsund und im Innenraum in München gedreht. Einige eher industriell geprägte Orte der Handlung wirken fast wie außerhalb von Raum und Zeit, während Szenen, die an der deutschen Ostseeküste entstanden, ein klarer Rückblick auf Neles Kindheit und Jugend (in Estland?) darstellt. Estland als Land kommt allerdings im Film nicht vor.

Der Film "Orphea in Love" startet in deutschen Kinos ab Juni 2023. 

In Estland wird man sich sicher auch noch an die andere Mijam Mesak erinnern: als Beteiligte beim European Song Contest (ESC). 2007 war Mesak Backgroundsängerin für Gerli Padar war, der mit seinem Lied "Partners in Crime" im ESC-Halbfinale ausschied. 2009 war Mesak erneut als Backgroundsängerin aktiv, und zwar bei "Urban Symphony", die mit dem Song Rändajad den sechsten Platz erreichte. 2007 gab es mit "Far Away and Here" (Samas kaugel ja siin) sogar ein Soloalbum. 

2012 schloss sie dann ihr Studium (klassischer Gesang) an der Georg Ots Musikschule Tallinn ab, und setzte ihr Studium an der Guildhall School of Music & Drama in London fort. Ihre Vielseitigkeit kommt vielleicht auch durch eine im estnischen Fernsehen gemachte Aussage zum Ausdruck: "Irgendwie war ich in der Jugend auch ein großer Metall-Fan" (err) Außerdem sei sie sehr von Liisi Koikson und ihren Liedern beeinflußt worden. "Ihr Album, dass ich mit 14 gekauft habe, höre ich auch heute noch." (err

Erst im Oktober 2022 gab Mirjam Mesak ihr erstes abendfüllendes Opernkonzert in ihrem Heimatland Estland (err / delfi / Postimees)

Dienstag, April 11, 2023

Augen auf ... das Klavier

Wenn am 13. Mai in Liverpool das diesjährige ESC-Finale beginnt, hat eine ganz besondere Frachtpost aus Esland hoffentlich ihr Ziel erreicht - nein, besser sollte es schon einige Tage vorher angekommen sein, denn Estland muss ja zunächst das Halbfinale überstehen, und Proben gibt es ja auch noch. Bei dieser Fracht handelt es sich um ein ganz besonderes Piano - das bisher im Bereich des Tallinner Flughafens seinen Platz hatte, wie die estnische Presse berichtet (err) Das sensible Instrument wurde jedoch nicht einfach ins nächste Flugzeug gewuchtet, sondern zunächst zum Hersteller, der "Estonia Klaverivabrik" transportiert und dann auf ein Schiff verladen. 

Die Herstellerfirma erklärt ihren Namen gern so: "es steckt schon im Namen – auf Latein 'Es toni' bedeutet 'es gibt Ton' und 'Estonia' bedeutet: 'alles sein' ". Das traditionsreiche Unternehmen wird sicher stolz sein, auch mal auf dieser großen Bühne präsent zu sein - da können wir wohl erwarten, dass der Name "Estonia" auch in diesem Zusammenhang deutlich sichtbar sein wird ...

Es ist Alika Milova, die in diesem Jahr den estnischen Beitrag mit dem Titel "Bridges" singen wird. Und auch einige ESC-Fanportale haben die Nachricht vom "reisenden Piano" schon mitbekommen: "Alika bringt ihr Klavier nach Liverpool!" (eurovision-fun) Estnische Fans träumen natürlich von einer Wiederholung des Sieges beim ESC in Kopenhagen im Jahr 2001. Bei vielen beliebt sind die Vorab-Spekulationen, welches Lied und welches Land wohl diesmal gewinnen wird. Da gibt es auch Äußerungen wie diese: "das selbstspielende Klavier war das Einzige, was hängen blieb." (esc-kompact)

Freitag, März 10, 2023

Denkmalschutz

Am 15. Februar hatte das estnische Parlament ein Gesetz beschlossen, das den Umgang mit Denkmälern, Bauwerken und Kunstwerken regelt, wenn dort der Verdacht der Verherrlichung des Sowjetregimes besteht. Die neuen Bestimmungen sollten das Baugesetzbuch ergänzen und den öffentlich sichtbaren Teil von Gebäuden regeln. Dort sollte nichts erkennbar sein, das zur Rechtfertigung eines Besatzungsregimes, eines Angriffs, Völkermordes, eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit oder eines Kriegsverbrechens angesehen werden könnte.Das neue Gesetz sollte gleichzeitig dem Staat die Erlaubnis zum Einschreiten geben, wenn etwas diesen Regelungen widerspräche. (err)

Diese neue Regelung ist nun vorerst gestoppt. Der estnische Präsident Alar Karis legte sein Veto ein (president.ee) und verwies es zur erneuten Beratung zurück ins Parlament. Zur Begründung werden vor allem unklare Formulierungen genannt. Der Grundsatz der Rechtsklarheit gebiete es jedoch, dass ein Gesetz so klar und verständlich ist, dass eine Person das Handeln des Staates vorhersehen und sein Handeln entsprechend anpassen kann. Ein vage formuliertes Verbot verleite dazu, Bauwerke zu entfernen oder von deren Errichtung abzusehen, allein weil rechtliche Risiken befürchtet würden. Solch übertriebene Vorsicht stehe einem auf Freiheit gegründeten Land nicht zu, so urteilt der Präsident.(err)

In der estnischen Presse wird nun diskutiert, wie das inzwischen neu gewählten Parlament mit dem "Arbeitsauftrag" des Präsidenten umgeht. Bisher hatte vor allem die "Vaterlandspartei" (Isamaa) das Gesetz vorangetrieben, diese wird aber möglicherweise der neuen Regierungskoaliton nicht mehr angehören.

Dienstag, März 07, 2023

Besser aufgeladen

Skeleton - eigentlich war das ja die Sportart, in der sich eher Letten als Esten profilieren konnten. Aber in diesem Fall geht es nicht um Sport. Vor einem Jahr bezeichnete der "Spiegel" die Firma "Skeleton Technologies" noch als "Batterie-Start-Up", inklusive der Hoffnung, Deutschland möge sich als "Standort für die Energiewende" entwickeln. Anlass war der Einstieg des Esten Taavet Hinrikus als Investor, bis dahin bereits bekannt von zwei Erfolgsprojekten: dem Messengerdienst Skype und dem Zahlungsdienstleister Wise. Auch beim Mibilitätsdienstleister "Bolt" hatte Hinrikus sich bereits beteiligt (siehe auch: Handelsblatt)

Die Firma selbst beschreibt die Aufgabenteilung der verschiedenen Standorte so: "Skeleton Technologies ... hat drei Niederlassungen: die Skeleton Technologies GmbH im sächsischen Großröhrsdorf, wo Produktion und Vertrieb angesiedelt sind, Skeleton Technologies OÜ, in der Nähe von Tallinn, Estland, zuständig für F&E sowie Pilotproduktion und Skeleton Technologies OY in Finnland mit einem F&E-Labor."

Skeleton entwickelt und produziert Ultrakondensatoren; Speicher, die Energie schneller als Lithium-Ionen-Batterien aufnehmen und abgeben können. Diese Speicher sollen in PKWs, LKWs und Busse, aber auch für Windkraftanlagen und Stromnetze verwendet werden. (siehe Firmenpräsentation)

Neben dem Standort in Großröhrsdorf, ein Ort mit 9.000 Einwohner/innen bei Dresden, will Skeleton nun einen zweiten Produktionsstandort in Deutschland einrichten. "Wir haben in der letzten Zeit mehrere Großaufträge erhalten, darunter so bekannte Firmen wie Shell, Honda, und Siemens", erklärt Manager Taavi Madiberk in der estnischen Presse (err). Das neue Werk soll westlich von Leipzig entstehen auf einer Fläche von 20.000 qm. Skeleton will hier 220 Millionen Euro investieren, dazu wollen Bundesregierung und Land Sachsen das Werk mit 51 Millionen Euro co-finanzieren. "Mit Energie in die Zukunft" - schon jetzt wirbt der geplante Standort Markranstädt mit diesem Slogan. Angeblich wird das neue Werk 240 neue Arbeitsplätze schaffen (Sächsische).

Sortierfähige Varianten

Sechs Parteien haben es in das neu gewählte estnische Parlament (Riigikogu) geschafft. Die Reformpartei von Regierungschefin Kaja Kallas hat nun die Partnerwahl. Da lohnt ein Blick ins Dickicht der übrigen Parteien. 

Nein, mit Regierungschefin Kallas ist Kristina Kallas, die Spitzenkandidatin bei "Eesti 200" auf der Liste Tartu, nicht verwandt. In den Jahren 2015–2019 war sie Direktorin des Narva College der Universität Tartu und spricht neben Estnisch, Russisch und Englisch auch Polnisch, denn sie ist mit einem Polen verheiratet.
Die Partei "Eesti 200" wurde in dem Jahr gegründet, als "Estland 100" gerade gefeiert wurde - 2018. Zunächst scheiterte die Partei aber zweimal: 4,4% bei den Parlamentswahlen 2019 reichten ebenso nicht wie die 3,2% bei den Europawahlen im selben Jahr. "Eesti200" setze auf Wissenschaft und Fakten, betont Kallas. Die Partei sei liberal und progressiv, aber nicht konservativ - denn wenn Estland nur auf sich selbst schauen würde, wäre Estland nicht überlebensfähig. Eesti 200 interpretiert "progressiv" als Pro-EU, Pro-NATO, auch pro gleichgeschlechtliche Partnerschaften und für Militärausgaben in Höhe von 3% des BIP. Kallas sagte in einem Interview, sie wolle das Geld, mit dem bisher kostenloser öffentlicher Nahverkehr in Tallinn gewährleistet werde, lieber in ein besseres Bildungssystem stecken (err). 

Bei der EKRE gibt man sich konservativ und nationalistisch; Parteichef Martin Helme deutet das so: "in der gegenwärtigen politischen Landschaft müssen wir immer kämpfen." Helme ist ein Freund klarer Aussagen: "Die sogenannten 'Eliten' in Europa und in Nordamerika sind dermaßen korrupt, damit möchte ich nichts zu tun haben" meint er und diagnostiziert eine weltweite Auseinandersetzung zwischen "Souveränisten" und "Globalisten", wobei seiner Meinung nach erstere immer auch Nationalisten seien (err). Außerdem sei Estland gegenwärtig keine wahre Demokratie, behaupet Helme - denn Mitglieder von Oppositionsparteien landeten in Estland regelmäßig vor Gericht, während Mitglieder von Regierungsparteien seiner Meinung nach offenbar davor auf geheimnisvolle Weise geschützt seien. 

Weit weg von Koalitionsüberlegungen ist dagegen die neu gegründete Partei "Parempoolsed" gelandet, die den Parteinamen lieber mit "richtig" als mit "rechts" übersetzt wissen möchte. Zwar wurden nur 2,3% der Stimmen erreicht, das reicht aber immerhin um staatliche Wahlkampfkostenunterstützung zu bekommen. Parteichefin Lavly Perling kommentierte das so: "2,3%, das sind hoch qualitative Stimmen mutiger Leute." (err)

Gleiches gilt auch für die "Vereinigte Linke" (Eestimaa Ühendatud Vasakpartei - EÜVK), die nach 0,1% Wählerstimmen 2019 diesmal zusammen mit der "Koos/Вместе"-Bewegung antrat. Deren Kandidat Aivo Peterson, der kurz vor der Wahl von Russland besetzte Gebiete in der Ukraine besucht hatte, erreichte in Ida-Virumaa, wo die Wahlbeteiligung mit 46,7% beonders niedrig war, 3969 Stimmen. Zu einem Parlamentssitz reichte das nicht. (err)

Kandidatin Yana Toom dagegen reichten immerhin schon 3.546 Stimmen für einen Parlamentssitz, da sie auf der Liste der Zentrumspartei kandidierte. Allerdings ist sie gegenwärtig noch Abgeordnete im Europaparlament - falls sie darauf nicht verzichtet, wird Aleksej Jevgrafov, Ex-Bürgermeister von Narva, nachrücken: mit nur 1402 persönlichen Stimmen. Die Zentrumpartei zeigt sich ansonsten flexibel: "Wir hatten schon Koalitionen mit allen bisher im Parlament vertretenen Parteien", sagt Tanel Kiik, der auch stellvertretender Bürgermeister von Tallinn ist, "wir schließen auch jetzt keinen möglichen Partner aus." (err)

Auch die estnischen Sozialdemokraten (Sotsiaaldemokraatlik Erakond) können sicher davon ausgehen, als Koalitionsprtner in Betracht zu kommen. "Im Gegensatz zu anderen Parteien gibt es wenige, die uns hassen", streicht Piret Hartmann, gegenwärtig Kulturministerin im Kabinett Kallas, heraus. Eine Koalition mit EKRE schließt sie allerdings aus. (err)

Mihhail Stalnuhhun erntete 4578 Stimmen als unabhängiger Einzelkandidat, ebenfalls in Ida-Virumaa. Stalnuhhun war aus der Zentrumspartei ausgeschlossen worden, nachdem er infolge der Beseitigung eines sowjetischen T-34-Panzers Mitglieder der Zentrumspartei als "Faschisten" und "Nazis" bezeichnet hatte (err) Jetzt fehlten ihm nur etwa 400 Stimmen, um als unabhängiger Kandidat einen Parlamentssitz zu erringen.

Die estnischen Grünen dagegen verfehlten mit nur 1% sogar die geringst möglichen Ziele. 

Einige Beobachter sehen auch die Vaterlandspartei "Isamaa" als große Verlierer der Wahl. Die Reformpartei habe nun so viele mögliche Koalitionsoptionen, dass die Isamaa mit nun nur noch 8 Sitzen (vorher 12) wohl kaum gebraucht werde. Parteichef Seeder benannte für die Fall einer erneuten Regierungsbeteiligung den Übergang des Bildungssystem zum rein estnischsprachigem Unterrricht als Priorität für seine Partei. (err)

Die rechtskonservative EKRE scheint sich nun inzwischen vor allem auf Zweifel am E-Voting zu fokussieren. Henn Põlluaas, stellvertretender Parteivorsitzender, meint Estland sei merkwürdigerweise das einzige Land mit E-Voting, während andere Länder eher zweifelten und sich dagegen entschieden hätten. Er kündigte eine Prüfung des gesamten Wahlsystems durch unabhängige Experten im Fall einer Regierungsbeteiligung der EKRE an. (err)

Übrigens werden künftig 30 Frauen im estnischen Parlament vertreten sein - bisher waren es 28 und bei den Wahlen 2015 waren es nur 24 gewesen. (err)

Regierungschefin Kallas zufolge erwägt die Reformpartei vier verschiedene Optionen:
1) Reformpartei mit Zentrumspartei
2) Reform, Sozialdemokraten und Isamaa (so wie bisher)
3) Reform, Eesti 200 und Isamaa
4) Reform, Eesti 200 und Sozialdemokraten.

Montag, März 06, 2023

E-Vote als Turnaround

Erst spät am Wahlabend wurden die elektronisch vorher abgebenen Stimmen zum Wahlergebnis hinzugefügt - bis dahin hatte die rechtkonservative EKRE vorn gelegen, mit einer Voraussage auf mögliche 28 Parlamentssitze. Und auch die Zentrumspartei lag noch bei einer Prognose von 22 Sitzen. 

Doch schon nach der Wahl 2019 hieß es, dass gerade die Wähler/innen der Reformpartei gern das e-Vote bevorzugen. Von den insgesamt 966.129 Wahlberechtigten haben sich 615.009 beteiligt, davon 313.514 online (valimised). Und inzwischen sieht das vorläufige Endergebnis also nun so aus: 

Allein Regierungschefin Kallas konnte 31.818 Stimmen auf sich vereinigen. EKRE-Parteichef Martin Helme äußerte Zweifel daran, ob die elektronisch abgegebenen Stimmen korrekt ausgezählt worden seien. 

Estnisches Wahlamt, Wahlresultate


Sonntag, März 05, 2023

Wählen mit Vorab-Rekord

Schon vor der offiziellen Bekanntgabe der Resultate der Wahlen zum estnischen Parlament werden Rekorde vermeldet: wieder einmal wurde die Zahl derjenigen, die auf elektronischem Wege ihre Stimme abgeben, gesteigert. 

Der Statistik des estnischen Wahlamtes zufolge haben sich 313.514 Menschen auf elektronischem Wege beteiligt. Schon sechs Tage vor dem Wahltermin, in diesem Fall Montag 27.2. ab 9:00 Uhr, war die elektronischem Wege möglich und endet am Tag vor der Wahl (Samstag 20:00 Uhr). 

Entwicklung der vorab abgegebenen Stimmen
bei Wahlen in Estland: per Papier (+Brief, blau)
und elektronisch (gelb)
Bei den vorherigen Parlamentswahlen 2019 hatten insgesamt 247.232 Wahlberechtigte ihre Stimme auf elektronischem Wege abgegeben. Die Wahlbeteiligung insgesamt hatte bei 63,7% gelegen. 



Samstag, Februar 04, 2023

Tallinn - grün und wild

Die estnische Hauptstadt Tallinn hat gegenwärtig etwa 435.000 Bewohner/innen, etwa 27 Menschen pro Hektar Fläche (2797 pro km²). In Tallinn leben etwa 33% der Gesamtbevölkerung Estlands. Dazu bietet Tallinn auch Arbeitsplätze: 43% aller Arbeitnehmer/innen findet ihren Job in der Hauptstadt. (stat.ee) Da sollten wir eigentlich vermuten: wer dieses Gedränge an Menschen nicht mag, der / die hat genug Platz im übrigen Estland, wo es teilweise nur 10 menschliche Wesen pro Quadratkilometer gibt. Ein Zehntel des estnischen Territoriums ist mit nur 1–2 Einwohnern pro Quadratkilometer dünn besiedelt.

Doch wie eine neue Untersuchung zeigt, leben in Tallinn auch eine Menge Tiere. Im Auftrag der Stadt untersuchte "Elusloodus OÜ" die im Stadtgebiet lebenden Tierpopulationen. In den Grünflächen und Parks der estnischen Hauptstadt laufen Hunderte von Füchsen, Rehe und Hasen herum. Aber auch 20 - 30 Elche und ebenso viele Biber haben Tallinn als ihren Lebenraum erkoren, dazu auch 15 Dachse. Bären und Luchse wurden zwar auch schon mal gesichtet, allerdings nur als Kurzzeitgäste. (err)

Tallinn darf im Jahr 2023 den Titel "European Green Capital" tragen (im Jahr zuvor war das Grenoble in Frankreich, 2024 wird es Valencia sein). "Als eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Europas, UNESCO-Weltkulturerbe, zeichnet sich Tallinn auch durch eine vielfältige und mosaikartige Landschaft aus, die auch als Lebensraum für seltene Arten dient." Dieser Begründung stimmte offenbar auch die Europäische Kommission zu. (Imgagefilm / Youtube) Allerdings werden die Aktivitäten dieses Jahres erst jetzt, am 8. Feburar, in Brüssel offiziell gestartet (greentallinn) Vieles, was dann auf der Agenda der Stadt steht, ist - typisch Estnisch - digital ausgerichtet.