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Mittwoch, Dezember 27, 2023

zu neuen Ufern

Bisher schweift der Blick von Tallinns Altstadt
ziemlich frei Richtung Ostsee: war da noch was?
Wie nahe die estnische Hauptstadt Tallinn am Wasser gelegen ist, erleben zum Beispiel die Kreuzfahrttouristen jedes Mal bei Einfahrt in den Hafen: eigentlich können auch schon vom Schiff aus gute Erinnerungsfotos gemacht werden. Nur wenig mehr als 10 Minuten Spaziergang, die Altstadt Tallinns in fußläufiger Reichweite. Aber: Tallinn kann mehr, so denken offenbar die örtlichen Stadtplaner, und veröffentlichten jetzt Ideen einer völligen Umgestaltung des Ostseeufers nahe des Stadtzentrums. 

Vor allem geht es um "das Meeresufer rund um die "Linnahall", also das, was heute schlicht "Stadthalle" genannt wird. Erbaut 1980 als "Wladimir-Iljitsch.-Lenin-Palast für Kultur und Sport", pünktlich zu den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau (die Segelwettbewerbe fanden in Tallinn statt). Bis zur Einweihung der "Saku Suurhall" im November 2001 war die Linnahall die größte Mehrzweckhalle Estlands, entworfen von Riina Altmae und Raine Karp (architektuul)

Seit 2010 steht sie leer, die Türen sind geschlossen. Investoren wurden gesucht, ein Einblick ins Innere der leer stehenden "Linnahall" wurde vorübergehend als "einzigartiges Erlebnis für Architekturliebhaber" verkauft (visittallinn). Auch Christopher Nolans Film „Tenet“ wurde hier gedreht,

Vor einigen Wochen wurden nun die Pläne vorgestellt, wie dieser ganze Bereich in Zukunft aussehen könnte. Eine neu gestaltete Linnahall, daneben eine Bibliothek, Parks, Wasserspiele und Springbrunnen. Aber offenbar sind noch nicht alle wichtigen Entscheidungen getroffen worden. Zwar heißt es, die bisherige "Linnahall" solle "Konzertsaal und Konferenzzentrum" werden. Aber die Entscheidung über "Abriss oder Neukonstruierung" ist wohl noch nicht gefallen. (err)

 Die Zielsetzung bestehe in der "Nutzung neuer städtischer Räume, Grünflächen und öffentlicher Verkehrsmittel", so wird Tallinns Bürgermeister Mihhail Kõlvart zitiert. (err) Ein Radiobeitrag aus Österreich bezeichnete die "Linnahall" mal als "heißen Sowjet-Dinosaurier" und bilanzierte demzufolge: "Für Immobilieninvestoren ist der Bau potthässlich, gehört abgerissen, weil in Prime-Lage am Meer, und durch schicke Appartmentkondos ersetzt." (FM4/ORF) Aber die Autorin zitiert, wie so viele andere auch, Architekturhistoriker Andres Kurg. Er hat die Linnahall wohl am intensivsten untersucht, auch in Form von mehreren Veröffentlichungen. Kurg erzählt zum Beispiel, dass an der "Linnahall" auch Studierende und Rentner mitbauen mussten, weil sie sonst nicht rechtzeitig zu den Olympischen Spieln 1980 fertig gerworden wäre. Und er weiß auch, dass der heutige kathastrophale Zustand mitverursacht wurde durch schlechte Baumaterialien zu Sowjetzeiten. 

Die aktuellen Entwicklungspläne der Stadt Tallinn sehen 10 Jahre bis zur Realisierung vor. Ob das machbar ist? 330 Millionen Euro soll es kosten. Da ist zu vermuten, dass es nicht die letzte, und schon gar keine endgültige Aussage zu diesem Thema ist. 

Freitag, August 26, 2022

Auswählen und aufräumen

Die Stimme Estlands ist hörbarer geworden in Europa - nein, diesmal nicht durch Digitalisierungsmaßnahmen oder andere Schlagworte mit einem großen E davor. Der ARD-Weltspiegel widmete Estland und der Ministerpräsidentin Kaja Kallas gleich volle 30 Minuten Aufmerksamkeit.  "Kaja Kallas - wer ist die Frau?" wird hier in einem Tonfall gefragt, als ob es gälte Mythen und Geheimnisse aufzuklären. 

Stimme der Eisernen

Und auch die Bezeichnung "Eiserne Lady des Baltikums" scheint ein beliebter Wanderpokal der Deutschen zu sein - galt es 1999 bis 2007 für die Lettin Vaira Vīķe-Freiberga, dann 2009 bis 2019 für die Litauerin Dalia Grybauskaite. Und auch Estland hatte ja eigentlich mit Präsidentin Kersti Kaljulaid schon eine durchaus "eiserne" - indem sie sowohl klar und deutlich wie auch unkonventionell zum Beispiel gegen rechtsradikale Tendenzen in ihrem Lande auftrat. Aber wer im eigenen Lande zu vielen "eisern" auf die Füße tritt, dem wird offenbar in Estland eine zweite Amtszeit verwehrt. - Erst dadurch tritt nun Kaja Kallas viel stärker in den Vordergrund als der estnische Präsident (wie heißt er noch gleich?). Dass "baltische" Präsidentinnen auch mal bei entsprechenden Anlässen Volkstracht tragen, scheint aus deutscher Sicht auch immer noch eine besondere Bemerkung wert zu sein (estnische Politikermänner tun das übrigens auch - aber wer berichtet darüber?). 

Foto aus dem Jahr 1994

 Abneigung gegen Sowjetisches

2007 war das Jahr des "Denkmalstreits" in Tallinn - und deutsche Berichterstattung wurde noch weitgehend von Stockholm, Moskau oder Warschau aus organisiert. Interessant, dass es schon damals um dieselben Vokabeln und Schlagzeilen ging, wie sie auch heute Verwendung finden. Schon 2006 war in Estland das öffentliche Zurschaustellen sowjetischer Symbole unter Strafe gestellt worden - ein Vorgang, der Tomasz Konicz Anlass gab zu bedauerten, das neue Gesetz mache es in Estland unmöglich, am "Siegestag über den Faschismus" ... "sowjetische Fahnen schwenkend durch die Straßen" zu ziehen (Junge Welt). Er sah damals Estland "im antikommunistischen Rausch" (aber gut erkannt - mit Kommunismus hat Estland wirklich wenig am Hut). 

Schon damals war auch der russische Außenminister Sergei Lawrow im Amt und beklagte die Gleichsetzung von UdSSR- und Nazi-Symbolen. Und auch einige deutsche Journalisten waren zu dieser Zeit mit dem "Etiketten-kleben" sehr schnell bei der Hand: Ulrich Heyden meinte feststellen zu müssen, man messe in "Tallin" (sic!) mit "zweierlei Maß" (Eurasisches Magazin). Und Ute Weinmann glaubte für "Jungle World" entdeckt zu haben, es gehe vor allem um die Überwindung des "Schmach der Westmächte, die den Sieg über Deutschland nur mit Hilfe der Sowjetunion erringen konnten". 

Vorwürfe und einfache Urteile

Anfang 2007, als sich eine parlamentarische Mehrheit für eine Versetzung des "Bronzesoldaten" in Tallinn im estnischen Parlament abzuzeichnen begann, versuchte Moskau monatelang mit gezielter Propaganda die Entwicklung aufzuhalten. Man könne ja die sowjetischen Denkmäler alle nach Russland holen, und auch die Transportkosten bezahlen, hieß es. Oder, als Variante, eine Kopie des estnischen Bronzesoldaten in Moskau aufstellen (aktuell.ru). Für die interessierte Öffentlichkeit lag damals eine lange Liste angeblicher estnischer Sünden bereit, und jeder Punkt darauf klang gleichfalls schändlich: Förderung von Faschismus, Ehrung estnischer SS-Kämpfer, Behinderung der russischen Sprache, keine wirkliche Demokratie. Erneut assistiert Ulrich Heyden, indem er Estland als "Schlußlicht bei der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen" bezeichnete. Die Zielorientierung an Idealen der Demokratie allerdings ging in Russland dann schnell verloren und wurde auch Estland gegenüber nur noch dann wiederholt, wenn es für "westliches" Publikum geschrieben wurde. Resultat waren Reaktionen wie die des österreichischen "Standard": "Esten räumen mit Sowjets auf". Das kleine Estland als Bedrohung Russlands? Oder war vielmehr eine Irritation des westlichen Wertegefüges durch Estland gemeint (das damals noch nicht den Ruhm eines E-Estonia hatte), weil das westliche Bild vom "guten Russen" noch zu sehr von Menschen wie Gorbatschow bestimmt war?

Zerstören, umsetzen, demontieren? 

Aber die Kaja Kallas von heute hat offenbar in mindestens einem Punkt vor, etwas anders zu machen als damals. Damals, ja sogar noch im April 2007 gab es sehr unklare Äußerungen von verantwortlichen estnischen Politikern dazu, was nun mit dem "Bronzesoldaten" passieren solle. Das gab den Gerüchten Auftrieb, das Denkmal solle "zerstört" werden. So titelte die "Frankfurter Rundschau" sogar noch bei Beginn der Arbeiten so: "Esten starten Abriss von Soldatendenkmal", und Korrespondent Gamillscheg ergänzt in einem Kommentar: "Der Beschluss, ihn abzubauen, war unsensibel" (beide Beiträge im Archiv der FR nicht mehr verfügbar, daher hier nicht verlinkt). Da kann spekuliert werden, ob es die deutschen Journalisten zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht besser wussten, oder die Lage einfach, von Stockholm aus gesehen, zu unübersichtlich war?

Kaja Kallas sagt heute (Aussage ARD-Weltspiegel): "Wir wollen die Denkmäler dahin versetzen, wo sie hingerhören: ins Museum." Das, was aktuell in der Ukraine passiere, erinnere die Esten daran, was sie selbst durchgemacht haben. In deutschen Medien wird die estnische Position dennoch auch heute unterschiedlich wiedergegeben. Während einige von "Verlegung" sprechen (ZEIT, Deutschlandfunk), ist bei anderen von "Demontage" die Rede (Tagesspiegel, FAZ), und es gibt auch Versuche den ganzen Vorgang zu verurteilen ("Bildersturm ist schlechte Geschichtspolitik", NZZ). 

Ein Plakat aus dem Jahr 2003, als
die Volksabstimmung zum EU-Beitritt
bevorstand. - Während Estland heute
gleichfalls deutlich die Unterschiede
zu Russland betont, erzeugt die
estnische Abgrenzung gegenüber
Russland anderswo in Europa nicht
überall Begeisterung

Begrenzte Einreise

Da ist es doch gut, dass Estland gleich noch mit einem anderen Thema Diskussionen ausgelöst hat: der Begrenzung von Visazuteilungen für Russinnen und Russen. Vom "Aufräumen" zum "Auswählen" sozusagen. Nach wie vor wird der direkte Zusammenhang mit Putins Angriffskrieg betont. Seit dem 24. Februar seien etwa eine Million Bürger/innen der Russischen Föderation in Länder der EU eingereist, bilanzieren die estnischen Behörden unter Berufung auf Daten von Frontex (Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache). Davon seien allein 28% über Estland gekommen (ERR). Estland und Finnland zusammengenommen machen sogar 61% dieser Einreisen aus. Unmittelbar nach Kriegsbeginn hatte die EU ja bereits weitgehende Flugbeschränkungen ausgesprochen, also bleibt vielen nun die Reise über Land als einzige Möglichkeit. Und auch Drittstaaten wie Georgien, die Türkei, Serbien oder Dubai seien als Einreiseweg in die EU genutzt worden. 

Die Vorstellung erzeugt klare Bilder: Russinnen und Russen machen Urlaub in Europa, während die Armee ihres Landes das Nachbarland versucht in Schutt und Asche zu legen. Derweil hatte in Tallinn Außenminister Reinsalu seinen Amtkollegen aus Ungarn Peter Szijjartozu Gast. Der Ungar berief sich dabei aufs deutsche Vorbild: "Wir stimmen mit dem deutschen Kanzler Scholz überein und planen keinerlei Einschränkungen." (ERR) Für stärkere Unerstützung der Ukraine, also für striktere Sanktionen gegen Russland, sprachen sich am 25. August in einer gemeinsamen Entschließung sieben Länder aus: Tschechien, Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen und Polen. (ERR)

Wir werden sehen, wo die Entwicklung noch hingeht - hoffentlich bald Richtung Frieden und Gerechtigkeit. Aber das die estnische Stimme - so unterschiedliche Reaktionen sie auch nach wie vor im deutschsprachigen Raum hervorruft - gegenwärtig deutlicher gehört wird, das ist wohl unbestritten.

Montag, Juli 27, 2020

Estland olympisch

In Tallinn wird am 29. Juli 2020 wieder das Olympische Feuer entzündet werden - so kündigte es das Estnische Olympische Komitee an. Die in diesem Zusammenhang verwendeten Symbole lassen eine Verbundenheit mit Moskau erkennen, wie es lange nicht mehr in Estland zu sehen war. Offenbar haben Estinnen und Esten an die Olympischen Segelwettbewerbe 1980 nur die besten Erinnerungen ...

Am 20.Juli 1980 um 16.22 Uhr hatte Vaiko Vooremaa, estnischer Segler und damals erst 17 Jahre alt, das olympische Feuer in Tallinn-Pirita entzündet. Eigentlich war Vooremaa vor allem Eissegler - aber diese Sportart ist bis heute nicht olympisch (im Video: Eröffnungszeremonie).

Speziell für Olympia 1980, das ja damals von insgesamt 66 Ländern, darunter die Bundesrepublik Deutschland, boykottiert wurde, waren etliche neue Anlagen in Tallinn entstanden. Die Sportanlagen in Pirita, ein Gelände von 193,000 m² Größe, waren designed worden von den Architekten Henno Sepmann, Peep Rabbit, Ants Raid, und Himm Looveer. Anlandemöglichkeiten für 470 Schiffe sollten es sein, dazu ein Jachtclub, ein Pressezentrum und ein Olympisches Dorf mit 632 Betten. 5000 Zuschauer konnten die Wettkämpfe beobachten. Damals entstanden auch der Fernsehturm in Tallinn, ein neues Flughafengebäude und das 28 Stockwerke hohe Hotel Olümpia (heute Hotel Radisson).

In Japan, wo das olympische Feuer ja gegenwärtig ungeplant nach ein Jahr brennen muss bis es zum Einsatz kommen kann, hat Tallinn wohl nicht angefragt - wenn es am 29.Juli Bürgermeister Mihhail Kõlvart mittels eines großen roten Schalters wieder entflammen will. Wie schon 1980 soll auch jetzt die Flamme von der Innenstadt hinaus nach Pirita gebracht werden (err), diesmal in elektrisch angetriebenen Booten. 2018 war eine umfassende Renovierung der dortigen Sportanlage fertiggestellt worden (olympic.org)

Mittwoch, März 27, 2013

Trojanisches Hotel, oder Botschaft der Freiheit?

In den Büchern von Sofi Oksanen taucht es als Thema auf, aber auch diejenigen Reisenden, die Tallinn bereits in den 80er Jahren besucht haben, werden sich gut erinnern: das Hotel VIRU war damals ein ganz besonderer Ort. Gebaut mit finnischen Firmen, streng sowjetisch überwacht, war das Hotel Viru einer der seltenen Berührungspunkte der östlischen und westlichen damaligen Welt. Ein neuer Dokumentarfilm dazu kommt in diesem Monat in die finnischen Kinos.


(Trailer zu einem neuen Dokumentarfilm zum Hotel Viru in Tallinn) 

Produktionspartner des Films in Estland ist "Amrion Productions", die nach Projekten wie "Poll", und die "Lotte"-Kinderfilme sich auch in Deutschland einen Namen gemacht haben sollte. "Oratorium für Hotel Viru" (Oratoorium Viru hotellile) lautet offenbar der Arbeitstitel für das erst kürzlich abgeschlossene Projekt, aber es ist englisch auch von "Embassy for freedom" als Filmtitel zu lesen. Für das Drehbuch des 79min-Streifenbs zeichnen Margit Kilumets und Taru Mäkelä verantwortlich, das Produktionsbudget belief sich auf 289.000 Euro. Die Hotels der Sokos-Hotelgruppe, zu denen das "Viru" heute gehört, haben bereits die Möglichkeit des Kaufs der Doku auf DVD in allen angeschlossenen Hotels angekündigt. 

Vorberichte in finnischen Medien verheißen interessante Einblicke ins sowjet-estnische Leben damals, die der Film aufgreift. Ein Beispiel: der Hoteldirektor erzählt aus dem Jahr 1984, als Moskau entschied die Olympischen Spiele in Los Angeles zu boykottieren. "Das sowjetische Fernsehen zeigte also nichts von der Olympiade. Also reiste fast die gesamte Moskauer Elite ins Viru-Hotel nach Tallinn, wo das finnische Fernsehen bequem zu sehen war!" 

Info der Sokos-Hotelgruppe zum Film / Info zum Film (bisher nur Finnisch)
Kinosto Ltd. / Amrion Productions  / Interview mit Taru Mäkelä (finnisch) / Filmtrailer (finnisch)

Samstag, Juni 27, 2009

Estland in Venedig

Da war doch mal was? Das Stichwort "Denkmalstreit" kann Estland zugeordnet werden, auch wenn das Ereignis selbst inzwischen mehr als 2 Jahre zurückliegt. r die Estin Kristina Norman ist es künsterlische Grundlage für ihre Arbeit. "After war" - so der dramatisch klingende Titel der estnischen Beitrags zur 53. Bienale in Venedig, eine Installation aus Videos, Fotos und Objekten. Zwei Jahre nach den realen Ereignissen brachte Norman ein bronzenes Abbild zurück zum ehemaligen Standort der Statue, eigenen Worten zufolge um zu beweisen, dass die Auseinandersetzung darum immer noch präsent ist.

"Ich habe immer schon dokumentarisch gearbeitet", so Kristina Norman im Text der Projektdarstellung, "und ich lebe in einem Land, wo die Vergangenheit stark die Gegenwart beeinflußt. Die estnische Mehrheit und die russische Minderheit bilden zwei unterschiedliche 'Gedächtnis-Kollektive'. Da mein persönlicher Hintergrund Bezüge zu beiden hat, habe ich versucht, mich auch künstlerisch dazwischen zu positionieren." Kristina Norman ist 1979 in Tallinn geboren, studierte Kunst an der estnischen Kunstakademie und arbeitete als Kunstlehrerin.

"Estland zeigt eine politsch brisante Arbeit und straft seine Künstlerin dafür mit Ignoranz", so kürzlich ein Beitrag in "Die Presse" aus Österreich, die von Norman erfahren haben will, dass die estnischen Medien diese Arbeit ignoriere. Der Biennale-Beitrag Estlands wurde von einer internationalen Jury aus 20 estnischen Kunstwerken ausgewählt. - Immerhin sind auch Zitate der Künsterlin zu finden, die einen Teil der Zurückhaltung des offiziellen Estland erklären könnte: "Vor zwei Jahren war es vielleicht die estnische Regierung, die den Medienkrieg gewann. Was ich im Moment als Künsterlin tue, ist dieses Image zu attackieren." (Zitat bei EFP). Da ist keine Rede mehr vom "Dazwischen-Stehen", sondern das klingt eher nach beabsichtigt experimenteller Opposition.

Der Kunst schadet ein wenig Aufsehen meistens nicht. Dem DeutschlandradioKultur zufolge ist der estnische Beitrag in Venedig ein Publikumsmagnet.

Mehr dazu:

Homepage Kristina Norman (mit Videos zum Anschauen)

Kristina Norman's Pressekonferenz in Ljubljana zu ihrer Arbeit (engl.) auf YouTube

Bericht von bei EFP – Estonian Free Press (englisch)

Informationen des estnischen Zentrums für Gegenwartskunst (CCA / Kaasaegse kunsti eesti keskus)

CCA-Presseübersicht zum Thema (estnisch/russisch)

Goethe-Institut Helsinki


Eurotopics

Bericht der BBC (engl.)

Kloty's Blog

Dienstag, Mai 08, 2007

Zwischen den Stühlen in Estland


Tallinn Gimchi-chigae
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Wo sind die moderaten Stimmen in der aufgehitzten Debatte um Staatsbürgerschaft und Sprachentest, russische Schulen und Integration in Estland? Das fragt Giustino in seinem Blog, Itching for Eestimaa.
Morgen bleibt kein Spielraum für diese Gedanken, denn es soll wieder demonstriert werden, wieder am Tonismägi in Tallinn, wo der Bronzene Soldat stand. Der 9. Mai, an dem die großen Siegesparaden in Moskau stattfinden. Die Protestler sollen in rot erscheinen, in Anspielung an die Sowjetunion.
Es gibt aber diese moderaten Stimmen und dazu gehören die wenigen Koreastämmigen. Warum leben sie in Estland? Weil Stalin alle Koreaner, mehr als 100 000 im Fernen Osten deportieren ließ. Obwohl viele im Widerstand gegen die Japaner waren, galt hier das Motto: Traue keinem Schlitzauge, eventuell ist er japanischer Spion. Sowjetische Logik eben. Die Koreaner sind die absoluten Kriegsverlierer, entwurzelt und siedelten sich später wenn möglich da an, wo rassischtische Übergriffe kaum vorkamen, zum Beispiel in Estland. Nun müsste man erwarten, dass die estnische Staatsbürgerschaft das angestrebte Ziel bei ihnen ist. Nein, es gibt auch Staatenlose in Estland, die weder die russische noch die estnische Staatsbürgerschaft einfordern, einige der Jüngeren leben eh schon in Übersee. Korea heisst sie auch nicht willkommen, sie waren dort nicht geboren.
Ein Koreaner mit Geschäft hält übrigens alle, die an den Überfällen beteiligt waren für Esten. Aber egal, er wird morgen auf sein Geschäft acht geben.

Freitag, Mai 04, 2007

Eine Woche spaeter


Eine Woche spaeter
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Gestern gab es ein Bloggertreffen im Nemeta in der Altstadt Tallinns. Die professionellen Medienleute haben Zugriff zu Einzelheiten, die das Bild der Ereignisse noch komplizierter machen.

Deshalb erstmal nur eine harmlose Episode, die dort erzaehlt wurde, kurz nach den Unruhetagen. Ereignet hat sie sich in einer Klasse der Medienschule in Tallinn. Scott ein Dozent hat sie in seiner Vorlesungsstunde selbst erlebt. Seine Studenten sind Esten, Esten mit russischem Hintergrund, andere kommen aus baltischen Nachbarlaendern oder noch weiter her.
Eine Kommilitonin ist eine estnische Russin, verliest ab und zu in einem Fernsehkanal die Wetternachrichten. Sie erschien im Unterricht mit gebrochenen Mittelfinger, einbandagiert. Die Esten fragten spoettisch, wo sie sich das wohl zugezogen habe (Anspielung auf die Pluenderungen und Gewalt letzter Woche). Darufhin springt sie ploetzlich auf, zeigt auf die Esten und schreit in ihre Richtung: Screw you, screw you!!! My family lived here in the independence time, all the time we were Estonians..."

In der Klasse herrscht Totenstille.
Scott geht nach der Vorlesung zu ihr, und gratuliert fuer ihre Geste. Sie schien in diesem Moment notwendig zu sein.

Das Foto oben: eine lettische Studentin faehrt zum Wochenende nach Hause, ebenfalls eingeschrieben an einer Medienschule, der Concordia in Tallinn. Sie hat die Ereignissse nur am Fernsehen verfolgt. Sie meint, die Studenten naehmen das Thema nicht soo ernst.
Auf die Frage, ob so was auch in Lettland denkbar sei, sagt sie: Das koenne sie sich nicht vorstellen.

Update:
Ich bin hin und hergerissen, ob die Zeichen auf Entwarnung stehen. Das hier hat jemand uebersetzt, Zitat aus einer Ansprache an die estnischen Schueler heute:
Ich hoffe, dass die Schüler die an den Krawallen teil hatten, waren sich nicht bewusst, was sie taten. Sie waren in einen ungesunden Eifer geraten, und waren von den Personen ausgenutzt, die Jungendliche in ihren politischen Spielen einsetzen. Neben der Familie spielt Schule eine große geselleschaftliche Rolle, und deswegen rechne ich mit Ihnen, sehr geehrte Lehrer!

Liebe Schüler, wenn jemand euch in eurer Schule scharfmachen wird, bitte, schreibt mir eine Mail.


Es ist bekannt in Tallinn, dass nach den Pluenderungen Schueler mit Armani Klamotten zum Unterricht kamen.

Der Grund, es kursieren Emails mit dem Aufruf zum bewaffneten Aufstand. Auch eine Kommilitonin von der lettischen Studentin oben hat so eine Email erhalten. Der 9. Mai.
Giustino von Itching for Eestimaa hat Hoffnung, es soll tagelang regnen. Also hoffen wir auf einen Wintereinbruch.

Donnerstag, Mai 03, 2007

Pronkssõdur - Ein Platz zum Trauern

Darum dreht sich die Krise zwischen EU-Estland und Russland. Der Bronzesoldat ist auf diesen Soldatenfriedhof umgesetzt worden. Russische Friedhofgänger heute bei der Grabpflege unmittelbar hinter der umstrittenen Statue.
Die erste Person, die sich dem Denkmal mit einer Kerze nähert ist eine Soldatenwitwe, sie steht etwas versteinert da. Spricht bedächtig ein paar Worte. Hier könne sie jetzt um ihren Mann trauern, in diesem Park und Friedhof, und nicht an der alten Stelle, zwischen Verkehr, politischem Gezerre. Sie ist eine Estin.
Pronkssodur

Pronkssodur

A monument will be unvailed at this location in June 2007
Pronkssodur

Mittwoch, März 01, 2006

Post-sowjetisches Tallinn 1992 und 2003


Post Soviet Tallinn 1992
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Zwei stellvertretende Fotos. Das erste zeigt weder alt noch neu, sondern typische Sowjetatmosphäre im Jahr 1 nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Links in den blinden Fenstern sind Löcher.Sie bedeuten: Ungebetenen Besuchern wird nicht geöffnet.

Das zweite Foto bedeutet alt UND neu, aber auf eine etwas andere Art. Nun kann man die Entwicklung zur Kommerzialisierung bedauern. Das Gebäude im Hintergrund gehört einer Bank. Es ist eines der Hochhäuser, die allmählich die Altstadt Tallinns einrahmen. Aber bitte nicht von den schönen Zeiten vorher schwärmen.