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Samstag, Juni 27, 2009

Estland in Venedig

Da war doch mal was? Das Stichwort "Denkmalstreit" kann Estland zugeordnet werden, auch wenn das Ereignis selbst inzwischen mehr als 2 Jahre zurückliegt. r die Estin Kristina Norman ist es künsterlische Grundlage für ihre Arbeit. "After war" - so der dramatisch klingende Titel der estnischen Beitrags zur 53. Bienale in Venedig, eine Installation aus Videos, Fotos und Objekten. Zwei Jahre nach den realen Ereignissen brachte Norman ein bronzenes Abbild zurück zum ehemaligen Standort der Statue, eigenen Worten zufolge um zu beweisen, dass die Auseinandersetzung darum immer noch präsent ist.

"Ich habe immer schon dokumentarisch gearbeitet", so Kristina Norman im Text der Projektdarstellung, "und ich lebe in einem Land, wo die Vergangenheit stark die Gegenwart beeinflußt. Die estnische Mehrheit und die russische Minderheit bilden zwei unterschiedliche 'Gedächtnis-Kollektive'. Da mein persönlicher Hintergrund Bezüge zu beiden hat, habe ich versucht, mich auch künstlerisch dazwischen zu positionieren." Kristina Norman ist 1979 in Tallinn geboren, studierte Kunst an der estnischen Kunstakademie und arbeitete als Kunstlehrerin.

"Estland zeigt eine politsch brisante Arbeit und straft seine Künstlerin dafür mit Ignoranz", so kürzlich ein Beitrag in "Die Presse" aus Österreich, die von Norman erfahren haben will, dass die estnischen Medien diese Arbeit ignoriere. Der Biennale-Beitrag Estlands wurde von einer internationalen Jury aus 20 estnischen Kunstwerken ausgewählt. - Immerhin sind auch Zitate der Künsterlin zu finden, die einen Teil der Zurückhaltung des offiziellen Estland erklären könnte: "Vor zwei Jahren war es vielleicht die estnische Regierung, die den Medienkrieg gewann. Was ich im Moment als Künsterlin tue, ist dieses Image zu attackieren." (Zitat bei EFP). Da ist keine Rede mehr vom "Dazwischen-Stehen", sondern das klingt eher nach beabsichtigt experimenteller Opposition.

Der Kunst schadet ein wenig Aufsehen meistens nicht. Dem DeutschlandradioKultur zufolge ist der estnische Beitrag in Venedig ein Publikumsmagnet.

Mehr dazu:

Homepage Kristina Norman (mit Videos zum Anschauen)

Kristina Norman's Pressekonferenz in Ljubljana zu ihrer Arbeit (engl.) auf YouTube

Bericht von bei EFP – Estonian Free Press (englisch)

Informationen des estnischen Zentrums für Gegenwartskunst (CCA / Kaasaegse kunsti eesti keskus)

CCA-Presseübersicht zum Thema (estnisch/russisch)

Goethe-Institut Helsinki


Eurotopics

Bericht der BBC (engl.)

Kloty's Blog

Samstag, April 26, 2008

Teurer Bronzesoldat?

Ende April 2007 machte Estland Schlagzeilen - für die einen war es "Schändung von Grab- und Gedenkstätten", für andere war es eine dringend notwendige Verlegung eines ungeliebten Symbols ehemaliger Sowjetherrschaft.
Jahrestage verleiten zu Vergleichen - so auch in diesem Fall, der weltweit Schlagzeilen machte.

Ein Beispiel. Der Bronzesoldat kostete Estland 350 Millionen Euro - das schreibt Kaja Koovit von der estnischen Wirtschaftszeitung "Äripäev" (Baltic Business News). Sie bezieht sich dabei auf die Ausgabe des "International Herald Tribune" vom 25.April, die das ausgerechnet haben will. Um 7% sei das Transitgeschäft mit Rohöl gesunken, der Handel mit Kohle gar um die Hälfte (auf jetzt 3,7 Millionen t).
In derselben Zeitung wird auch der estnische Integrationsministerin Urve Palo zitiert - mit einer erstaunlichen Aussage. Die "April-Krise" (ebenfalls eine interessante Formulierung) sei keinesfalls als Zeichen für fehlgeschlagene Integration der russischsprechenden Bevölkerungsteile in Estland zu werten, denn: "1.000 der insgesamt 3.000 Beteiligten waren Esten."

Mittwoch, Oktober 17, 2007

Geschichtsmythen in Deutschland


Nearby Pronkssodur
Originally uploaded by Jens-Olaf
Sahra Wagenknecht, eine der bekanntesten Vertreterinnen der Linkspartei, hatte diese Behauptung auf ihrer Webseite:
"Mündliche Anfrage der Europaparlamentarierin Sahra Wagenknecht (Linkspartei.PDS) an die EU-Kommission bezüglich der »geplanten Zerstörung sowjetischer Denkmäler in Estland, d..."


Zerstörung schreibt sie , obwohl es um die Versetzung eines Denkmals ging.

Und Ulla Jelpke legt jetzt in Junge Welt nach. Sie "ist Mitglied der Bundestagsfraktion von »Die Linke« und deren innenpolitische Sprecherin"

"Dabei verdanken Litauen, Lettland und Estland ihre Existenz als selbständige Staaten dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk aus dem Jahr 1918 zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Sowjetrußland."


Verdanken? 1918? Den Unabhängigkeitskrieg gibt es wohl nicht und den Friedenschluss mit der Sowjetunion, die Estland auf ewig anerkannte, auch nicht.

"Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, 1939, gab es im geheimen Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrag eine Aufteilung der Interessensphären, wonach Litauen, Lettland und Estland von den Nazis verschont bleiben sollten."


Verschont? Regierungsmitglieder. Parlamentarier fast alle wichtigen Persönlichkeiten, Politik und Militär des estnischen Staates wurden festgenommen, deportiert, ermordet oder flohen rechtzeitig, bevor die Nazis kamen. Im Sommer 1941 rollten die Güterzüge mit willkürlich Verhafteten und nicht wenigen Kindern,Richtung Sibirien.

"Im August 1940 entschieden sich die Bürger der drei baltischen Staaten in Volksabstimmungen für den Anschluß an die UdSSR als sozialistische Sowjetrepubliken."


"Entschieden sich die Bürger"? Jeder, der es wissen will, kann nachlesen, dass Gegenkandidaten ausgeschlossen wurden, war da nicht auch Militär? Sowjetisches. Durch die Sowjetunion verschont? Finnland wird sich ebenfalls für den Winterkrieg bedanken oder was?


Das Foto stammt oben vom Soldatenfriedhof in Tallinn, wo jetzt in der Mitte der umstrittene Bronzene Soldat steht. Wenig daneben zum Beispiel der abgebildete Gedenkstein. Der Friedhof ist gleichzeitig einer der wichtigsten Bestattungsorte für estnische Militärangehörige.
Um bei Geschichtsklischees zu bleiben. Einer der ersten Symphonien, die ich mir als Schallplatte gekauft habe, war die Leningrader von Schostakowitsch. Zuerst wird das "friedliche" Vorkriegsleben in der Sowjetunion gezeichnet, um sich musikalisch mehr in einen Militärmarsch zu verwandeln. Der Überfall der Wehrmacht. Am Ende wird dieser Gegner auch in der Melodie besiegt. So einfach war das.
Nur 1939 waren "17 Millionen" Menschen in der Sowjetunion vermisst.
The Census Bureau had just enough time to put an announcement in Izvestia saying that 17 Million people were missing, before the census-makers themselfs were shot.

Norman Davies "Europe At War", zitiert hier Robert Conquest.

Update: Ein Zeitungsartikel aus Moskau News vom Juli 1991. So wurde berichtet,als der Zugang zu den Archiven möglich wurde. In der Sowjetunion, in Moskau: "Hand in Hand mit der Gestapo. Stalins Geheimdienst hat Hunderte Antifaschisten nach Deutschland abgeschoben." von Irina Schtscherbkowa

Mittwoch, Mai 23, 2007

Eine Umfrage

Meine Beobachtungen in Tallinn Ende April Anfang Mai stimmen in etwa mit dieser Umfrage von infopartisan.com überein. Umfragen sind immer kritisch zu sehen, in der gegenwärtigen Situation wären mehr davon aber angebracht.
Über die Stimmungslage der russischsprachigen Bevölkerung in Estland:
Fifteen year old Sergei, apparently under the influence of pro-Kremlin TV channels, called for an outright military intervention. Russian president Vladimir "Putin must defend us," Sergei said, "he should send troops to kill the fascist" Estonian prime minister Andrus Ansip.
Not all Russians in Estonia agree, however, on the desirability of this solution.
Most of about a two dozen Russians questioned by infopartisan.com said they are simply tired of the ongoing bickering between the two countries. "It is really getting on my nerves," said Yelena, a 45 year old teacher.

Dienstag, Mai 22, 2007

Post-Bronzesoldat-Folklore

Foto von Siim Teller, der noch weitere Beispiele dieser Folklore gesammelt hat.
Der F-secure-Blog hat einige Screenshots von russischen Webseiten, die zu den Cyberattacken gegen das estnische Netz aufgerufen haben. Ein Grund, warum es zu dem wellenartigen Verlauf gekommen ist. Der 9. Mai war einer der Höhepunkte der Angriffe.

Montag, Mai 21, 2007

Rückblende Pronkssodur II

Der umstrittene "Bronzene Soldat" ist aus den Schlagzeilen. Nachträglich konnte man in einigen Blogeinträgen lesen, dass das Monument an irgendeinen "gewöhnlichen" Soldatenfriedhof versetzt wurde. Dem ist nicht so. Es ist ein Friedhof auf dem Militärs des estnischen Freiheitskrieges, der bis 1920 andauerte, bestattet sind. Einige Gräber wurden während der Sowjetzeit beseitigt um dort gefallene Sowjetsoldaten zu bestatten. Es ist also ein Ort, der mit Emotionen verbunden ist. Und er hat nichts Gewöhnliches an sich.

triple 500 hat dazu im Tallinn City Paper Forum, The Soviet soldier monument, seine Meinung geäußert. Vorweg Arlington ist einer der zentralen Bestattungsplätze für Gefallene in den USA:

They [the Soviets] blew up the large Estonian monuments there - the equivalent of Arlington National Cemetery, and then they started burying Soviet troops there. Now it is a mish-mash.
I would like to comment on the tastefulness of the Soviet era gravestones but shan't, except for the grand idea of putting the entire tailfin of an airplane with a red star on top of someone's final resting place.
More offensive is the way the Soviet regime utilized this - the premier Estonian military graveyard of the independence period. I remember in particular an NKVD officer's grave, planted alongside that of an officer who perished in the War of Independence.


Hier haben wir nun eine Situation, wie sie zum Beispiel in Osnabrück zu finden ist. Ehemalige 1. Weltkriegs-Erzfeinde sind auf dem gleichen Areal bestattet: Serben, Deutsche, Russen und Finnen.

Dienstag, Mai 15, 2007

Rückblende Pronkssodur

Im letzten Post ist ein Bericht von Jaanus On The Internet verlinkt. Er hat vor wenigen Tagen einige der wichtigsten Gedenkstätten in Tallinn besucht und seine Eindrücke festgehalten. Nicht nur er sieht den Wendepunkt im Umgang mit dem Bronzenen Soldaten im letzten Mai. Ein Vorfall vor einem Jahr führte am Ende zu dem Streit um das Denkmal, ein Streit der mittlererweile die Beziehungen zwischen EU und Russland belastet.
Jaanus über den alten Standort:
I wasn’t sure if I could park there, but even car parking is allowed similarly as to how it was some years ago before things turned ugly there last May. It’s as if nothing happened here, and normal city life continues.

Im Mai 2006 kam es zu einem kleinen Vorfall am Tönismägi, als ein Este mit Fahne und Protestplakat festgenommen wurde. Am Bronzenen Soldaten fanden Gedenkveranstaltungen statt. Und das Fernsehen war auch dabei. Und diese Fernsehbilder, auch von weiteren Rangeleien vor dem Bronzenen Soldaten haben einen großen Einfluß auf die politischen Entscheidungen gehabt. Der Beschluss "Pronkssodur" auf einen Soldatenfriedhof innerhalb Tallinns zu versetzen.
Hier der Videoclip bei Youtube.
Am 27.05. gab es bereits Absperrungen um das Monument, Videoaufzeichnung einer estnischen Nachrichtensendung.

Montag, Mai 14, 2007

Eine Denkmäler-Rundreise durch Tallinn


Freiheitskrieg
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Jaanus hat sie unternommen. Stationen sind der ehemalige Standort des Bronzenen Soldaten, dessen neuer Standort dort liegt, wo auch estnischen und britischen Gefallenen des Unabhängigkeitskrieges 1918-1920 gedacht wird. Ausserdem ein Besuch bei Klooga, wo viele Juden ermordet wurden. Hier sein Stimmungsbericht.


Eine andere Tragödie ist der Untergang der Estonia 1994. Hier gibt es kein abschliessendes Bild über die Ursachen. Erneut hat eine schwedische Kommission eine weitere Dokumentation vorgelegt. Andere werden folgen prognostiziert Vilhelm Konnander.

Photo, die Stadtverwaltung Vorus war mit der Estonia auf dem Weg nach Schweden. Die Namen der Ertrunkenen sind in das Denkmal eingraviert.

Dienstag, Mai 08, 2007

Zwischen den Stühlen in Estland


Tallinn Gimchi-chigae
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Wo sind die moderaten Stimmen in der aufgehitzten Debatte um Staatsbürgerschaft und Sprachentest, russische Schulen und Integration in Estland? Das fragt Giustino in seinem Blog, Itching for Eestimaa.
Morgen bleibt kein Spielraum für diese Gedanken, denn es soll wieder demonstriert werden, wieder am Tonismägi in Tallinn, wo der Bronzene Soldat stand. Der 9. Mai, an dem die großen Siegesparaden in Moskau stattfinden. Die Protestler sollen in rot erscheinen, in Anspielung an die Sowjetunion.
Es gibt aber diese moderaten Stimmen und dazu gehören die wenigen Koreastämmigen. Warum leben sie in Estland? Weil Stalin alle Koreaner, mehr als 100 000 im Fernen Osten deportieren ließ. Obwohl viele im Widerstand gegen die Japaner waren, galt hier das Motto: Traue keinem Schlitzauge, eventuell ist er japanischer Spion. Sowjetische Logik eben. Die Koreaner sind die absoluten Kriegsverlierer, entwurzelt und siedelten sich später wenn möglich da an, wo rassischtische Übergriffe kaum vorkamen, zum Beispiel in Estland. Nun müsste man erwarten, dass die estnische Staatsbürgerschaft das angestrebte Ziel bei ihnen ist. Nein, es gibt auch Staatenlose in Estland, die weder die russische noch die estnische Staatsbürgerschaft einfordern, einige der Jüngeren leben eh schon in Übersee. Korea heisst sie auch nicht willkommen, sie waren dort nicht geboren.
Ein Koreaner mit Geschäft hält übrigens alle, die an den Überfällen beteiligt waren für Esten. Aber egal, er wird morgen auf sein Geschäft acht geben.

Donnerstag, Mai 03, 2007

Pronkssõdur - Ein Platz zum Trauern

Darum dreht sich die Krise zwischen EU-Estland und Russland. Der Bronzesoldat ist auf diesen Soldatenfriedhof umgesetzt worden. Russische Friedhofgänger heute bei der Grabpflege unmittelbar hinter der umstrittenen Statue.
Die erste Person, die sich dem Denkmal mit einer Kerze nähert ist eine Soldatenwitwe, sie steht etwas versteinert da. Spricht bedächtig ein paar Worte. Hier könne sie jetzt um ihren Mann trauern, in diesem Park und Friedhof, und nicht an der alten Stelle, zwischen Verkehr, politischem Gezerre. Sie ist eine Estin.
Pronkssodur

Pronkssodur

A monument will be unvailed at this location in June 2007
Pronkssodur

Mittwoch, April 18, 2007

Die unendliche Geschichte - "Pronkssõdur"


Halo
Originally uploaded by Flasher T.
Der Bronze Soldat in Tallinn. Je nach Lesweise der Geschichte ein Monument und Symbol für die Gefallenen des 2. Weltkriegs oder für die "Befreiung" von den Nazis oder für die Befreiung Estlands. Letzteres sehen die Esten anders. Vielleicht läßt es sich mit den zwei ersteren Interpretationen leben. Aber die Politik hat entschieden. Ende April sollen Ausgrabungen am Denkmal stattfinden. Sie sollen klären, ob an diesem Ort tatsächlich Sowjetsoldaten bestattet wurden. Es gibt eine Gruppe "Denkmalbeschützer", die vor dem Präsidentenpalast Kadriorg für den Bestand des Denkmal an hergebrachter Stelle demonstrierten. Sie meinen, der estnische Präsident hätte sein Wort dafür eingelegt. Wahrscheinlich werden die Ausgrabungen über den 9. Mai hinaus gehen. Dem Tag des "Sieges" über Nazideutschland. Somit werden wohl alle Gegner und Befürworter des Denkmals sich einen anderen Ort für weitere Aktionen suchen müssen. Fortsetzung folgt.

Montag, Februar 12, 2007

Der estnische Aussenminister zum Denkmalstreit

Jetzt wird wohl die nächste Runde in der Auseinandersetzung um den "Bronzenen Soldaten" in Tallinn eröffnet. Mit deutlichen Worten hat der estnische Aussenminister die eigene Haltung zum Denkmalstreit beschrieben.
Giustino hat bereits darüber gepostet, hier.

Update 15.01.:
Estonian lawmakers on Thursday approved a bill calling for the removal of a Soviet war memorial, ignoring Moscow's warning of "irreversible consequences" for relations between the two countries.
The vote was close, 46-44. Eleven of Parliament's 101 members abstained.

Associated Press, Kansas.com
Update 16.01.:
Präsident Ilves hält das Gesetz nicht für verfassungskonform und er hat das letzte Wort. Nach der Parlamentsabstimmung hat er nur wenige Stunden für diese Entscheidung gebraucht. Das war's erst einmal. Vorläufig (?)

Lesetipp:
Vilhelm Konnander aus Schweden versucht die Hintergründe des Streits um das Denkmal auszuleuchten: Die kommenden Parlamentswahlen in Estland, die politischen Verstrickungen, die Rolle Edgar Savisaars und die Wirtschaftsverflechtungen.
Battle by Bronze Proxy

Mittwoch, Februar 07, 2007

Rußland und das Denkmal 2. Teil

Hier noch drei Weblinks, die Informationen enthalten, die man beim Streit um den sowjetischen "Bronzenen Soldaten" berücksichtigen sollte.

Einmal geht es um die beiden Mädchen, die 1946 einen Anschlag auf das Vorgängerdenkmal aus Holz verübt hatten.
Oliver in einem Kommentar bei Giustino:
Well... yes, the plates on the monument say “to those who died in World War II” (that is of course since year 2000 – before that, it was something about Red Army and Great Patriotic War...)
Oh and its original predecessor (made of wood) was dedicated to the “great victory” and “liberation” of Tallinn… It was blown up in 1946 by two Estonian schoolgirls (15-year-old Ageeda Paavel and 14-year-old Aili Jõgi [Jürgenson]) who received the maximum sentence and were sent to prison camp in Siberia...
And even today the Russian Ministry of Foreign Affairs calls it the “statue of the soldier-liberator”.

Dazu gibt es im Internet fast nur estnischsprachige Quellen.

Ausserdem ein weiterführender Link zu Kloty's Kommentar im ersten Teil (siehe auch Klotys Post: Die Geschichte vom Bronzenen Soldaten und viele andere):
"Es wurden aber bereits schon in den 70ern Jahren bei Bauarbeiten Saerge gefunden. Man weiss sogar wer dort beerdigt ist".
Wenn das alles so einfach zu beantworten wäre: Common grave for and a memorial to Red Army soldiers on Tõnismägi, Tallinn

Ansonsten schließe ich mich in einem Punkt Klotys Meinung an. Dieses Thema kurz vor den Wahlen durch das Parlament zu bringen und in neue Gesetze zu formen ist schlechte Politik. Der Präsident Hendrik Ilves hat das in einer seiner jüngsten Reden herausgestrichen. Eine der entscheidenen Abschnitte:
We remember our victories. Be it the War of Independence, or the Tartu Peace Treaty, or the re-establishment of independence upon the ruins of the Soviet Union. Every people and nation must remember and commemorate its victories.

How to relate, though, to the victories of other peoples? Especially if one of these peoples lives here in Estonia with us and in a situation where their victory is not at the same time, ours? Moreover, how to treat their victories, when their celebration in fact turns into a celebration of our losses?

The destruction of Nazism—a victory for all of Europe—deserves to be celebrated. Half of Europe, however, was subsequently bent for decades under Moscow’s rule. This meant loss and suffering for Estonia. In the beginning killings, arrests and mass deportations, later persecution, russification, intimidation, and destruction of the spirit.

History can be multi-colored. For Russia and also for many Russian-speakers in Estonia, the Second World War means the Great Patriotic war that took place in the years 1941-1945, when the Nazis attacked the Soviet Union and were defeated.

For Estonia, as well for Latvia, Lithuania, and Poland, the Second World War began two years earlier, on August 23, 1939, when two allies, Stalin and Hitler, divided Europe into their spheres of influence. This was followed by the agreement on the stationing of Soviet military bases, the overthrow of the government, loss of one’s state, and various occupations.

Freitag, Januar 19, 2007

Russland und das Denkmal

Der Denkmalstreit zwischen Estland und Russland geht weiter und spitzt sich zu. Im Kern geht es um die mögliche Umsetzung eines bronzenen Soldaten im Zentrum Tallinns. In der englischsprachigen Blogosphäre sind einige aktuelle ausführliche Beiträge dazu veröffentlicht worden. Hier eine kleine Liste:
Edward Lucas kritisiert die Art und Weise, wie die Parlamentarier in Estland mit diesem Thema umgehen (Im März sind Wahlen):
Conflicting views of soviet history

Giustino über den Unwillen in Russland, die sowjetischen Geschichtsbetrachtungen zu ändern:
The War on Estonian Manhood

Peteris Cedrins fügt dem Ganzen die lettischen Verhältnisse beim Denkmalstreit hinzu:
Some Musings on Monuments

Mittwoch, Dezember 20, 2006

Erinnerungskulturen V


Estland möchte den Gebrauch von Sowjet- und Nazisymbolen in der Öffentlichkeit verbieten. Der russische Aussenminister Sergei Lavrov ist weiterhin aufgebracht über die Gleichbehandlung beider Symbole und versucht es mit alten Propagandatricks:
“We considerate it sacrilegious and dangerous to put an equality sign between liberators and occupants. At present, this is happening in Estonia,” he told a news conference on Wednesday.
He added that Russia “will continue work in contacts with Estonian leadership and in the international arena to avert a revival of fascism and its heroisation”.

Hat tip to Giustino
Diese Kontroverse war der Anlass für die Reihe Erinnerungskulturen. Warum andere Länder nicht die Befreiung durch die Sowjetunion am Ende des 2. Weltkrieges feiern können. Jetzt kommt die Perspektive der Koreaner hinzu und macht deutlich, dass Russland noch lange an seiner sowjetischen Geschichte arbeiten muss. Es geht um die Zwangsdeportationen von annährend 200 000 Koreanern in die kasachische Steppe. Nachkommen dieser Tragödie leben übrigens heutzutage in Tallinn als Betreiber der koreanischen Restaurants, in der Hauptstadt Estlands.
Es begann 1937, einige Historiker meinen sogar, der 2. Weltkrieg hätte schon damals begonnen. Nämlich mit der japanischen Besetzung Chinas. Korea war da schon längst einverleibt in das japanische Imperium. Viele Koreaner gingen nach Russland um gegen die Japaner kämpfen zu können. Aber Stalin sah das anders. Wer zu Japan gehörte, war potentieller Spion. Egal ob besetzt und unterdrückt. Sowjetische Logik. Daraus folgte:
All 180,000 Koreans were packed into crowded cattle cars to make the 3700 mile journey to Kazakhstan and Uzbekistan. This highly organized, month long deportation is vividly brought to life though the memories of first hand survivors. About 98,000 Koreans were brought into Kazakhstan and disbursed throughout the country to establish collective farms. In the first years, many Koreans were relocated to uninhabited lands without any housing. At a small village named Ushtobe, 34,000 Koreans were brought and thousands lived out in the open steppe, digging holes in the ground for shelter. Others were sent far away to live among nomadic Kazakh herders making their homes in yurts. Native Kazakhs welcomed these Koreans and often assisted them as they settled into their new lives in these remote lands.

Ein Zitat aus einem Film, der gerade in den USA veröffentlicht wurde."Koryo Saram - The unreliable Koreans", Die unzuverlässigen Koreaner. Sie wurden also genauso wie die anderen Ethnien nach Zentralasien in Güterwaggons verfrachtet und dort ausgesetzt. Zum großen Teil ohne Behausung, einfach so, irgendwo. Wer überlebte hatte Glück. Bis zu Gorbatschows Zeiten war es Tabu über diese Geschichte zu forschen und zu berichten. Hier der wissenschaftliche Überblick von einem Koreaner in Kasachstan. Bezeichnend ist, dass deutsche Webseiten häufig den Begriff "Umsiedlung" benutzen, anstelle von Deportation. Das macht deutlich an wen Lavrov seine Propagandaoffensive richtet. In Polen, Ungarn, Korea wird er kein Gehör finden aber in Deutschland.

Sonntag, Dezember 10, 2006

Erinnerungskulturen IV

Die Stichworte Vertreibung und Polen bringen bei der Internetsuche vor allem die deutsche Perspektive der Vertreibungen seit 1944. Bezeichnend, dass es deutschsprachig kaum etwas über die Vertreibung der Polen durch die Sowjets gibt. Wie sollen sich Nachbarn, Deutsche, Polen, Litauer verstehen, wenn sie noch so große Lücken, Nichtwissen über die Geschichte der anderen Seite, besitzen.
Daniela Stankiewicz, 1928 im litauischen Wilna geboren, hat keinerlei Zweifel. Als sie und ihre Familie am 10. Dezember 1945 die Heimat Richtung Westen verlassen muss, geschieht das nur vordergründig freiwillig

Die ganze Zeit machten die russischen Truppen Straßen-Razzien, nahmen willkür-lich Leute fest, fingen an, sie abzutransportieren - richtiger Terror begann. Sie droh-ten: 'Wenn ihr Wilna nicht verlasst, schicken wir euch schnurstracks in die Lager nach Russland!'

Dies ist ein kurzer Ausschnitt aus einer Reihe des Deutschlandfunks. Hier Folge 10 aus Flucht und Vertreibung
Die Schilderungen machen deutlich, warum der Begriff "Befreier" (Synonym für Sowjets)in Polen wie eine nachträgliche Verhöhnung der Opfer klingen muss.

Freitag, Dezember 08, 2006

Erinnerungskulturen III


Budapest
Originally uploaded by Csaba1981.
Kaum zwei Monate zurück fanden die anhaltenden Demonstrationen gegen die Regierung in Ungarn statt. Anlass war das Eingeständnis der vorsätzlichen Lüge. Die Lage Ungarns wurde offiziell rosiger dargestellt als sie in Wirklichkeit war. Es ging um den Machterhalt. In diese stürmischen Wochen mit Dauerprotesten fiel der Jahrestag des Ungarnaufstandes 1956. Und hier zeigt sich, dass Ungarn gespalten ist. Die einen hätten nachträglich 1988/1989 gerne eine Revolution gesehen. Eine friedliche wie in der DDR, eine Singende Revolution wie im Baltikum, statt dessen gab es eine Wende. Das ist die Terminologie der ehemaligen Kommunisten. Ein Begriff den Egon Krenz auch für die DDR anwendete und der es geschafft hat bei uns die "Friedliche Revolution" zu verdrängen. Das zeigt, wie wenig sensibel wir mit osteuropäischer Vergangenheit umgehen, während für die Zeit ab 1933 in bundesrepublikanischer Tradition sich keiner einen Fehltritt in der Beschreibung des Nationalsozialismus und seiner Zeit leisten darf und durfte.
Nun war die Verwunderung groß, dass das estnische Parlament das Benutzen von Nazi- und Sowjetsymbolen verbieten möchte. Klingt überraschend, aber Ungarn hat dieses Gesetz schon längst. Und im Photo sieht man Demonstranten im September beim Vollzug. Sie entfernen das Sowjetsymbol am Obelisken für die "Befreier" in Budapest. Csaba, der die Aufnahme gemacht hat, meint, die heftige Reaktion aus Russland auf das estnische Verbotsvorhaben läge wohl daran, dass Estland Teil der Sowjetunion war und dadurch die Empfindlichkeiten in Moskau größer seien.

Donnerstag, Dezember 07, 2006

Erinnerungskulturen II


Kyiv
Originally uploaded by Neeka.
Anders als Estland gehörte die Ukraine während der Zwischenkriegszeit zur Sowjetunion. Hier stand im November ein Gedenktag im Vordergrund, die Erinnerung an den Holodomor. Die große Hungersnot während der Zwangskollektivierung, die Millionen das Leben gekostet hat. Während der Sowjetzeit gab es also kein Gedenken an die Opfer des 1. Weltkrieges, siehe letzter Post, sondern auch nicht an die Opfer der Jahre 1932-33. Und wie sieht sowjetische Propaganda aus: Es sei kein verschleierter Mord, sondern eine Missernte gewesen. Dass Menschen, nachdem das Getreide beschlagnahmt wurde bei der Suche nach übriggebliebenen Körnern auf den Feldern erschossen wurden, spielt da eine untergeordnete Rolle. Zwischen der Ukraine und Russland gibt es einen Streit um den Begriff Genozid. Mehr dazu bei Wikipedia.
Estland hat nach dieser Information den Holodomor als Genozid anerkannt, Deutschland anscheinend nicht.

Dienstag, Dezember 05, 2006

Europäische Erinnerungskulturen

Lange habe ich überlegt, ob ich den aktuellen Streit um das mögliche Verbot von Nazi- UND Sowjetsymbolen in Estland kommentieren soll. In Russland sind einige wieder aufgebracht, deutsche Medien übernehmen die entsprechenden Pressemeldungen von dort und in der Blogosphäre wird anhand dieser Meldungen drauflos diskutiert.
Das ist alles wertlos. Der Zweite Weltkrieg ist weitaus komplizierter als in Russland dargestellt und in Estland ist die Forschung über diese Jahre auch noch nicht abgeschlossen. Im Frühjahr diesen Jahres erschien der Band: "Die vergessene Front. Der Osten 1914/15" Es ist eine Sammlung verschiedener Autoren im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Daraus ein Zitat das nachdenklich stimmt über die Erinnerungskultur in Russland.
Kristiane Janecke, Seite 344:
"Das kollektive Gedächtnis [nach dem 1. Weltkrieg in der Sowjetunion] war von nun an ausschließlich mit der Erinnerung an die Helden und Toten des neuen Regimes besetzt. In der Tat erinnert in Russland nicht ein einziges National- oder Ehrenmal oder ein Friedhof an den Weltkrieg, bis in die neunziger Jahre gab es keinen Verband und keine Organisation, die sich der Erinnerung widmete."
Sie erwähnt auch die Zahlen für Russland: 1,7 Millionen Soldaten gefallen, fast 5 Millionen verwundet, 2,5 Millionen in Gefangenschaft.
In dem oben genannten Forschungsband wird auf die Bedeutung des 1. Weltkriegs für die Planungen des daruffolgenden hingewiesen. Getrennt lässt sich das nicht mehr betrachten. Die Europäer haben sich noch viel zu erzählen.
Das Foto oben zeigt übrigens estnische,bzw. russische Offiziere beim Pontoonbau an der Wolga 1917.

Mittwoch, November 01, 2006

Sie reden miteinander

Interfax hat den estnischen Präsidenten Ilves interviewt. Zwei wunde Punkte im Verhältnis zwischen Russland und Estland werden angesprochen. Der ausstehende Grenzvertrag und die "Bronzestatue" in Tallinn, die einen Sowjetsoldaten als "Befreier" darstellt. Ich meine, Ilves findet den richtigen Ton. Wenn es hier eher um das Gedenken an die gefallenen Soldaten ginge, führe dies vielleicht zu einer akzeptablen Umdeutung des Denkmals:

As for suggestions made in Estonia to demolish or move the monument to Soviet liberators in Tallinn Ilves said: "Let me ask a question in return - is it a monument to the victorious Red Army, a monument to the fallen victors or a gravestone for the dead?"
"I respect the commemoration of those who died in the war. However, glorifying foreign conquerors is alien to any people or culture, including the Russian people, of course," he said.
Ilves suggested giving a broader symbolic meaning to the monument.
"I support changing the meaning of the Bronze Soldier [as the monument is unofficially called in Estonia] that it would cover everything related to the Red Army - both the ouster of the Nazis and the sufferings that later befell the Estonian people," he said.
"Unfortunately, it happened so that for the Estonian people in 1944 one criminal regime was replaced by another," Ilves said.

Und noch etwas, das an der Bronzestatue stört: Der dargestellte Soldat erinnert an andere Heroenfiguren aus der Sowjetzeit, die alle unter Muskeldoping zu leiden scheinen. Zeitgemäß ist diese Art von Gedenken jedenfalls nicht. Siehe Foto oben: Monument für die Delegierten des I. Kongresses der Gewerkschaften Estlands, 1964.