Mittwoch, September 09, 2026

Frühaufstehende Lernwillige

Wer es noch nicht wusste: in Estland beginnt der Unterricht in den Schulen inzwischen in der Regel um 9:00 Uhr. Wir ersparen uns eine Recherche, wie es dazu kam - viele werden in Deutschland ihre Schulstunden früher begonnen haben. Wenn aber estnische Schulen so früh zum Unterricht rufen - gibt es Proteste. 

Der Bus kommt pünktlich 

Der aktuelle Streitfall dreht sich um die Grundschule Kõrveküla (Kõrveküla Põhikool), in der Nähe von Tartu gelegen. Eigentlich gilt seit 2025 in staatlichen estnischen Schulen 9:00 Uhr als Unterrichtsbeginn - aber offenbar gibt es die Möglichkeit für Ausnahmeregelungen. Die Stadt Tartu, die die Schule betreibt, stellt sich aktuell auf den Standpunkt: die Schulbusse kommen nun mal um kurz vor acht, und das können wir nicht so einfach ändern. 

Ein erstaunliches Argument für ein Land, das - im Gegensatz zu Deutschland - in der PISA-Studie regelmäßig ganz gut abschneidet, auch beim Start um 9:00 Uhr. Zitat: "Im neu hinzugefügten Bereich der computergestützten Problemlösung konnten nur die jungen Teilnehmer aus Japan (557 Punkte) die estnischen Schüler (541 Punkte) übertreffen (siehe ERR). Vielleicht sollten also mal ein paar dieser glanzvollen Problemlöser/innen bei ihrem eigenen Gemeinderat anklopfen? 

Klagende Eltern

Der Gemeinderat meint: eine Änderung der Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs sei kompliziert und vor allem kostspielig. Es folgte aber etwas, das vielleicht auch nicht in vielen Schulen zum Alltag gehört: 142 Eltern von Grundschülern zogen wegen des Schulbeginns vor Gericht, 18 reichten sogar Klage beim Verwaltungsgericht ein. Es sind die ersten Eltern in Estland, die dieses Thema vor Gericht brachten. 

Während andere Schulen in Tartu schon auf 9:00 Uhr Schulbeginn gewechselt sind, haben drei Schulen in Kõrveküla, Lähte and Tabivere den frühen Start bisher noch beibehalten. Agu Laas, stellvertretender Bürgermeister von Tartu, erklärt seinerseits, eine Umstellung der Busfahrpläne würde so etwa 500.000 Euro kosten (UA / ERR). Er bezeichnet die klagenden Eltern als "lautstarke Minderheit". Man habe an der Schule eine Umfrage durchgeführt, und im Ergebnis sei ein Drittel für 9 Uhr gewesen, ein Drittel sei dagegen gewesen, und dem letzten Drittel sei es offenbar egal. Laas wurde 2025 in Tartu als "Persönlichkeit des Jahres" ausgezeichnet - allerdings für sein Engagement im Bereich Sport. (tartuvald) 

Ott Oja, Leiter der Abteilung für Vorschul- und Grundschulbildung im Ministerium für Bildung und Forschung, weist auf wissenschaftliche Erkenntnisse zugunsten eines späteren Schulbeginns hin. „Aus jahrzehntelangen Studien wissen wir, dass ein späterer Schulbeginn in erheblichem Maße dazu führt, dass die Schüler mehr Schlaf bekommen, und das trägt dazu bei, eine Vielzahl von gesundheitlichen Problemen zu verhindern.“

Mehr Schlaf, oder mehr Freizeit?  

Vertreter der Schule dagegen argumentieren, dass bei spätem Beginn ältere Schülerinnen und Schüler dann erst um 17 Uhr aus der Schule kommen könnten - und bei vielen stünde dann noch Musikunterricht, Sporttraining oder andere außerschulische Aktivitäten auf dem Plan. 

Eine aktuelle Umfrage des estnischen Schulleiterverbands ergab, bei einer Rückmeldung von 122 Schulen, dass nur 31 Schulen um 9 Uhr beginnen, während an 74 Schulen der erste Klingelruf bereits um 8:30 Uhr oder noch früher ertönt. In Tallinn beginnt der Unterricht an 36 von 61 städtischen Schulen vor 9 Uhr morgens, in Tartu sind es 10 von 23 Schulen, in Pärnu ist es allerdings nur eine der 14 städtischen Einrichtungen. 

Das Gerichtsverfahren in der Sache soll im November beginnen. Die Gemeinde hat jedoch bereits angedeutet, dass der Schulbeginn in Kõrveküla im nächsten Schuljahr auf 9 Uhr verlegt werden könnte.

Freitag, September 04, 2026

Die neue Ülle

Estland hat eine neue Präsidentin - und ein Teil der Estinnen und Esten fragt sich vermutlich: wer ist das eigentlich? Denn auch in Estland wird ja ein Präsidentin oder ein Präsident nicht von der Einwohnerschaft direkt gewählt (laut Umfragen würden dies 70% befürworten / ERR), sondern die im Parlament vertretenen Parteien suchen sich jemand, der oder die eine Mehrheit der Parlamentarier/innen hinter sich bringt. In Deutschland ist es ja ähnlich. 68 Stimmen waren im estnischen Parlament nötig, um gewählt zu werden - 71 entfielen gleich im ersten Wahlgang auf Dr. Ülle Madise. 

Zunächst: "Ülle" ist nicht etwa ein lässig ausgesprochener Spitzname für eine Ulrike oder eine Ursula, sondern ein Name, der besonders in den 1960iger Jahren in Estland für Mädchen oft gewählt wurde. Vielleicht nicht so traditionell wie Mari, Tiiu, Anneli oder Anu (auch "Hülle" als Frauenname wäre möglich). Aber immerhin gibt es laut Estnischen Statistikamt im Jahr 2026 noch 4163 Frauen mit dem Namen "Ülle", das ergibt Platz 20 der beliebtesten Frauennamen. Die männliche Form dazu wäre Ülo. Auch eine Ähnlichkeit zwischen Vor- und Nachname kommt in Estland häufiger vor - dann sieht es so aus, als hätten die Eltern den Vornamen entsprechend dem Nachnamen gewählt. Ülle Ulla ist so ein Beispiel, estnische Ballerina und Opernsängerin. Und es gibt einen estnischen Namenstag für alle, die Ülle heißen - das ist der 19. Februar. Wenn wir uns nun das Land Estland als "Eltern" vorstellen, wäre die Überlegung: gut, am 24. Februar ist unser nationaler Tag, dann nehmen wir jemand mit zeitlich naheliegendem Namenstag. Dann können wir ein paar Tage länger feiern.

"Estnischen Kindern werden zunehmend kurze, international beliebte Namen gegeben", so hieß es noch 2024 in einem Bericht (ERR), und als populärste Namen wurden etwa Sofia, Mia, Emily, Maria, Nora, Olivia, Elli, Saara oder Eva genannt. Viele Estinnen und Esten wählen Namen offenbar mit Blick auf international häufig genutzte Sprachen - für Ülle wird es auf Englisch schwierig.

Als Ülle Anton in Tartu aufgewachsen, war Ülle Madise dort Absolventin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität, und arbeitete in den letzten 30 Jahren für mehrere Regierungsbehörden. Anfang der 2000er Jahre war sie Leiterin der Abteilung für Gesetzgebungspolitik im Justizministerium zur Einführung des estnischen Online-Wahlsystems bei und half einige Jahre später als Leiterin des Sekretariats des Verfassungsausschusses des Riigikogu bei der Umsetzung von EU-Rechtsvorschriften in estnisches Recht.

Präsident Toomas Hendrik Ilves engagierte sie 2009 als Rechtsberaterin. Im Januar 2015 wurde Madise zur ersten Justizkanzlerin Estlands gewählt und bekleidet dieses Amt nun seit elf Jahren in Folge. Sie ist dafür bekannt sich für die Verfassung und die Menschenrechte einzusetzen. Kritik äußerte sie wiederholt an zu viel Bürokratie und zu viel Datenhunger der Behörden. Aufsehen erregte einmal ein Foto, dass sie im Jahr 2021 neben Präsidentin Kaljulaid zeigte. Die Präsidentin trug eine Maske, Madise nicht. Nach den Gründen gefragt sagte sie: „Weil ich kein Heuchler sein kann. Davor hatten wir anderthalb Stunden lang ohne Masken miteinander geredet, gegessen und gelacht. Keiner von uns hatte Symptome oder COVID.“ (ERR)

Ülle Madises Ehemann ist Lauri Madise, Richter am Europäischen Gerichtshof mit Sitz in Luxemburg. Dr. Ülle Madise wird ihr Amt als Präsidentin Estlands am 12.Oktober antreten. Verständigungsprobleme mit Deutschsprachigen wird es keine geben, denn die neue Präsidentin verfügt über sehr gute Deutschkenntnisse. Elagu Eesti!