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Donnerstag, Januar 28, 2016

Toomas hat ne Neue

Fast liest es sich wie eine estnische Variante des bekannten Merkel-Ausspruchs: "We will manage, Europe will manage" - so sagte es Präsident Toomas Hendrik Ilves in seiner Neujahrsansprache. Fürs verflossene Jahr diagnostizierte Ilves ein "Zittern und Wackeln" - nicht nur bei der europäischen Flüchtlingspolitik, auch in der Ukraine, und sogar in der estnischen Regierung.

Neue Stilikone Estlands: Ieva Kupce
Neujahrswünsche könnten viele Estinnen und Esten aber dieses Jahr für überflüssig gehalten haben, denn schon am 2. Januar fand die Trauung des estnischen Staatsoberhaupts (62) mit der Lettin Ieva Kupce (38) in der St.Anna.Kirche in Halliste statt. Wenig Zittern und Wackeln also im Privatleben - erst im April 2015 hatte Ilves die Trennung von seiner zweiten Frau Evelin Ilves bekannt gegeben. Nun also Ieva Kupce - zukünftige Ieva Ilves - 38 Jahre alt, aufgewachsen in Limbaži und Salacgriva; der Vater starb bereits als sie 3 Jahre alt war, die Mutter arbeitete in Limbaži als Kunstlehrerin. Ieva schloss ein Studium der Politikwissenschaften an der Lettischen Universität Riga ab, später auch an der John Hopkins Universität, Washington D.C., USA. Ihre offizielle Biographie zählt sie zu denjenigen Mitarbeiterinnen des lettischen Aussenministeriums, die bis 2004 die NATO-Mitgliedschaft vorbereiteten. 2006 war sie an der Durchführung des NATO-Gipfels in Riga beteiligt, danach arbeitete sie als Mitglied der lettischen Delegation bei der NATO in Brüssel und galt als Spezialistin für Azerbaidschan. Nachdem sie 2012 ihren Studienabschluß in Washington erreicht hatte arbeitete sie im lettischen Verteidigungsministerium als Expertin für Cybersicherheit. Es ist nicht überliefert, was Kupce von der Bezeichnung "Karrierediplomatin" hält.

Aus der Sicht von Ilves könnte man auch meinen, er suche nun seine Frau nach seinen politischen Vorlieben aus: NATO und USA, starker Westen und unbedingte Orientierung an modernen IT-Techniken - da ist zu erwarten, dass sich Ilves auch privat in Russland-kritische Betrachtungen oder zu nordisch-estnische Identitäten ausbreiten darf, ohne dass jemand ihm ungeduldig das Wort verbietet. Estinnen und Esten sind von ihrem gegenwärtigen Präsidenten allerdings auch gewohnt, dass er bunte "Patchwork-Spuren" hinterläßt. Seine jetzt geschlossene Ehe mit seiner 24 Jahre jüngeren Ieva ist seine dritte. Mit der US-amerikanischen Psychologin Dr. Merry Bullock hat er zwei Kinder: Luukas Kristjan (geb. 1987) und Juulia Kristiine (geb.1992). 2004 heiratete er Evelin Int-Lambot, die Tochter Kadri Keiu kam 2003 zur Welt.
Zur Familie Ilves dazu kommen nun zwei Kinder mit ebenfalls unterschiedlichem Namen: Ralfs Jānis Pundurs (geb. 2004, gemeinsames Kind mit Ivars Pundurs, momentan lettischer Botschafter in Griechenland) und Izabella Kupce (geb. 2014), deren Vater auf tragische Weise in Azerbeidschan verstarb.

Präsidiale Ex-Gattinnen: Merry (links) und Evelin

Nun muss sich die neue "First Lady" Estlands auch an öffentliche Auftritte und verschärfte Aufmerksamkeit der Medien langsam gewöhnen. Zu mehr als einem zögerlichen "tere õhtust" (estn. "Guten Abend") reichte es bei ihrem ersten Auftritt im estnischen Fernsehen noch nicht - es wirkte wie eine lästige Pflicht, so wie sie der stocksteife Moderator gleich nach diesen zwei Worten für ihre gute Aussprache lobte. Die folgenden 22 Minuten wurde Englisch parliert. "Ich muss akzeptieren, dass Toomas nicht nur Ehepartner, sondern auch Präsident ist," - auch dieses Statement wirkte sehr pflichtschuldig. Oder sind es Anzeichen gemeinsamen, nordisch-zurückhaltenden Temperaments?

Auch mit einer Frage "Was war der Moment, wann ist es passiert, als Sie sich verliebten?" lässt sich die lettische Präsidentengattin kaum aus der Reserve locken: natürlich folgten keine Details dazu, dass beide sich schon aus Brüsseler Zeiten kennen, als Ilves noch Abgeordneter des Europaparlaments war - also schon vor seiner voriger Ehe, die 2004 geschlossen wurde.
Seine neue Verbindung zur geliebten Ieva hatte der estnische Präsident im vergangenen Herbst zwar noch nicht öffentlich verkündet, aber auch nicht verheimlicht; das frisch verliebte Paar wurde gemeinsam auf mehreren Musikfestivals wie auch in Rigaer Cafés gesehen.
Beim Pilzeputzen habe Ilves - der seine neu Angetraute übrigens, deren eigener Aussage zufolge, für eine typische Livin hält - seinen Heiratsantrag gemacht, und diesen dann durch einen Verlobungsring bekräftigt. Und auf die Frage nach den Gründen einer kirchlichen Vermählung folgte kein öffentliches Glaubensbekenntnis, sondern ebenfalls ein recht allgemeiner Satz von der "großen symbolischen Bedeutung der Kirche". "Für mich war es die erste kirchliche Heirat, und wir beide sind der Überzeugung, dass es richtig war es so zu tun," so Ieva Kupce. "Und es war auch nicht zu früh dazu", begegnet sie Auffassungen, man habe sich ja auch noch etwas Zeit lassen können. "Ein Abschnitt mit Freunschaft lag schon hinter uns, nun entwickelten sich neue Dimensionen."

Offenbar reagierten estnische Medien auf die schnelle Wiederheirat ihres Noch-Präsidenten (seine Amtszeit läuft dieses Jahr aus) kritischer als die lettischen, wo hauptsächlich Begeisterung über ihre "zweite First Lady" vorherrschte. So sah sich Ieva Ilves offenbar veranlaßt öffentlich zu verkünden, dass auch Isabella, ihr erst 2 Jahre altes Kind, nicht etwa bereits ein gemeinsames Kind mit Präsident Ilves sei.
Allerdings hat auch die "Neatkarīgā Rīta Avīze" ("Unabhängige Morgenzeitung") sich zumindest in Ieva Kupces Steuererklärung näher vertieft: Grundbesitz in Salacgrīva, eine Wohnung in Limbaži, Anteile an gemeinschaftlichem Landbesitz in Riga, und auch noch eine Wohnung im malerischen georgischen Städtchen Kazbegi sei dort ebenso aufzufinden, wie der Besitz von zwei Autos (einen neuem BMW und einem alten VW Golf). Wo es andernorts ein Steuergeheimnis gibt, gelten solche privaten Details in Lettland, wo die Anschuldigung dass Politiker und Emporkömmlinge hemmungslos persönlich bereichern, als gewohnter oder erlittener Teil von öffentlicher Transparenz. So wird denn auch noch hinzugefügt, dass auf Kupces Haben-Seite 10.000 Euro und 5.000 US-Dollar verbucht sein sollen, dazu 82.000 Euro Schulden. (NRA 15.1.16)

Estlands neue First Lady machte klar, dass sie vorhabe, ihre berufliche Tätigkeit vorerst weiterzuführen, und präsidiale Aufgaben immer dann wahrzunehmen, wenn es notwendig sei. In sofern wird die Klatschpresse sicherlich genau verfolgen, wie zum Beispiel der Nationalfeiertag am 24. Februar ablaufen wird.

Dienstag, April 21, 2015

Kein Brot mehr für den Präsidenten

Kennen Sie Merry Bullock? Hmm, vielleicht hätten Sie sich auch für diese Dame nicht zu interessieren brauchen. Vielleicht wären ihre Fachkenntnisse auf die Zirkel der international vernetzten Psychologen beschränkt geblieben, und nur bei genauerer Betrachtung wäre vielleicht zumindest aufgefallen, dass sie auch schon mal in Estland gearbeitet hat (siehe Virumaa.ee).

Ganz verschwinden aus dem Blickfeld der estnischen
Öffentichkeit wird Evelin Ilves (ex Int-Lambot) sicher auch in
Zukunft nicht
"No time for honeymoon", sagte kürzlich Präsident Toomas Hendrik Ilves, und meinte damit, etwas launisch - wie so oft - nicht sich selbst, sondern die neue Regierung. Nun aber lässt Herr Präsident sich scheiden - und die offiziellen Stellen sehen sich genötigt, neben all dem Klatsch und Tratsch, den die Sache inzwischen schon erzeugt hat, eine offizielle Pressemitteilung herauszugeben. "Ich bin bereit für den Krieg," - auch ein Zitat des Präsidenten, allerdings meinte er wohl damit nicht seine Frau. Am 30.April trete die Scheidung von Evelin in Kraft, verkündet die Nachrichtenagentur ERR. Nicht ohne hinzuzufügen, dass neben der gemeinsamen Tochter Kadri Keiu Ilves (geb. 2003) auch noch zwei weitere Präsidenten-Kinder existieren: Luukas Kristjan (geb. 1987) and Juulia Kristiine (geb. 1992), beide aus erster Ehe von Toomas Hendrik mit eben dieser US-Psychologin Merry Bullock.

Das letzte offizielle gemeinsame Fotos? Herausgegeben
von der Pressestelle des Präsidenten, zum
estnischen Nationalfeiertag am 24.Februar
. Ohne Fliege,
ohne Händedruck
Da blicke noch einer durch - das estnische Leben bei Hofe scheint in Estland momentan nicht ganz unkompliziert zu sein. Oder anders gesehen: beide Frauen hat Herr Ilves offenbar während seiner  außenpolitischer Tätigkeit kennengelernt.

Bisher stellte das Präsidentenbüro, neben der Arbeit des Präsidenten, auch die Aktivitäten von Evelin Ilves ausführlich vor - zum Beispiel mit eigener Webseite.Vielleicht kehrt sie ja in die Werbebranche zurück - schon früher als Mitarbeiterin von "Enterprise Estonia" war sie mit beteiligt an der estnischen Imagewerbung im In- und Ausland (Beispiele: Evelins Brotrezepte, oder auch ihre Teilnahme am Berliner Inline-Marathon 2008). Im August 2014 hatte Evelin Ilves in der estnischen Presse Aufsehen erregt, als Fotos auftauchten, die sie nach einer Party in inniger Umarmung mit einem jungen Franzosen zeigten. „So ist das Leben. Du weißt nie, was geschehen wird. Und das, was geschieht, könnte etwas sein, das du nie erwartet hättest.“ (Zitat Daniela Schadt, deutsche First-Lady, im Gespräch mit Evelin Ilves vor zwei Jahren - FOCUS)

Der eifrige Twitter-Nutzer Toomas Hendrik Ilves ("The man who made E-Estonia" - schrieb der Guardian) war 2011 mit 73 von 101 Stimmen für eine zweite Amtszeit als Präsident Estlands gewählt worden. Ilves wurde in Schweden geboren, studierte in den USA Psychologie und arbeitete für "Radio Free Europe" in München, bevor er 1993 in den diplomatischen Dienst Estlands eintrat (und seine US-Staatsbürgerschaft aufgab). Seine USA-Kenntnisse wurden auch schon mal so beschrieben: "Er kannte Bruce Springsteen, bevor dieser sein erstes Album veröffentlichte." (Observer) Seine Amtszeit als Präsident läuft 2016 aus.

Mittwoch, März 03, 2010

Wer folgt auf Ilves?

EU-Kommissar Siim Kallas hat erst jüngst verlautbart, sich für den Umzug in Schloß Kadriorg, den Sitz des estnischen Präsidenten, nicht zu interessieren. Der 2006 gewählte Amtsinhaber Toomas-Hendrik Ilves kann außerdem für eine zweite Amtszeit kandidieren. Die nächste Wahl ist in anderthalb Jahren, im Herbst 2011.

Die estnische Verfassung sieht die Wahl des Präsidenten mit 2/3-Mehrheit durch das Parlament vor. Gelingt dies nicht, wird aus Vertretern der kommunalen Parlamente und den Abgeordneten von Riigikogu ein spezielle Versammlung einberufen. Da noch keine Koalition seit 1992 breit genug angelegt war, wurde der Präsident mit der Ausnahme auch vom Wahlverfahren 1992 immer erst in diesem Gremium bestimmt. Und da kann es zu unerwarteten Mehrheiten kommen.

Die Volksunion, welche mit Arnold Rüütel Ilves’ Vorgänger stellte, ist nach den Skandalen um ihren früheren Vorsitzenden politisch wenig erfolgreich gewesen. Bei den Kommunalwahlen im vergangen Herbst brachte sie es landesweit nur auf 1,9% der Stimmen. Mehr oder weniger besser abgeschnitten hat die Partei im zentralestnischen Jõgevamaa, in Ida-Virumaa an der Grenze zu Rußland, auf der Insel Saaremaa und in Pärnumaa. Dennoch stellt sie in 39 Gebietskörperschaften den Ratsvorsitz.

Das wurde möglich, weil zahlreiche Mitglieder der Partei in örtlichen Listenkoalitionen kandidiert haben und dann zum Vorsitzenden des Rates gewählt wurden. Die parteipolitische Verteilung dieser Position ist aber wiederum eher ein Ausweis für das örtliche Koalitions-Farbenspiel als für die absolute Stärke der Parteien, denn die Ämterbesetzung ist überall das Ergebnis politischer Kompromisse.

Und so gehören seit der letzten Kommunalwahl 77 Ratsvorsitzende überhaupt keiner Partei an und wurden über örtliche Listen gewählt; das ist etwa ein Drittel aller Kommunalparlamente. Vaterland und Res Publica stellen die zweitstärkste Gruppe gefolgt von der Reformpartei. Die oppositionelle Zentrumspartei stellt 25 Ratsvorsitzende, darunter in den beiden großen Städten Tallinn und Tartu, während die Sozialdemokraten nur zehn und die im nationalen Parlament vertretenen Grünen überhaupt keinen Vertreter vorweisen können. Damit haben die Regierungsparteien unter den Ratsvorsitzenden der Kommunalparlamente keine Mehrheit.

Ist diese Position im politischen Alltagsgeschäft weniger wichtig, wird sie gleichzeitig wegen des Gremiums für die Präsidentschaftswahl plötzlich interessant. Auch unter Berücksichtung der 101 Riigikogu-Abgeordneten stellten 2006 die Ratsvorsitzenden allein ein Drittel der Delegierten in dieser Versammlung.

Nicht unbedeutend ist außerdem die Rolle der ethnischen Minderheiten. Da in Estland auch ständige Einwohner ohne etsnische Staatsbürgerschaft über das kommunale Wahlrecht verfügen, beeinflussen sie indirekt auch die Wahl des Präsidenten.

Und wer wird es nun? Ilves ist nicht unpopulär, er kann wiedergewählt werden und unter den Regierungsparteien wird er eher Zustimmung als Ablehnung erfahren. Viel hängt folglich davon ab, welche Parteien welche weiteren Kandidaten portieren. 2001 hatte eine liberal-konservative Regierung eine Parlamentsmehrheit. Trotzdem gewann Arnold Rüütel die Wahl gegen den Tartuer Professor Peeter Tulviste.

Mittwoch, August 27, 2008

Bundeskanzlerin Merkel in Tallinn

Georgien ist DAS Thema beim Besuch der Bundeskanzlerin in Estland. Ihre Rede im neuen Kunstmuseum wurde in den Agenturen zitiert. Eins wurde deutlich, estnische Politiker drängen auf Konsequenzen nach den Ereignissen in Georgien. Ich halte hier mal kurz einen Punkt von Präsident Ilves fest (aus der FAZ, der Artikel wird wohl nur vorübergehend online lesbar sein):
Ilves hält nichts mehr von kleinlichen Beschlüssen. Der Westen stehe vor einer enormen Herausforderung, denn die Grundannahme der internationalen Beziehungen der vergangenen zwei Jahrzehnte sei hinfällig. Es sei eben keineswegs anzunehmen, dass Russland vor einem Einmarsch in ein anderes Land wie 1968 in die Tschechoslowakei zurückschrecken werde. Die Nato müsse sich daher auf ihre Kernaufgabe besinnen, den territorialen Schutz seiner Mitgliedstaaten. Alle Aufmerksamkeit müsse vorerst darauf gerichtet werden, den Artikel 5 des Nato-Vertrages zu konkretisieren, also die Pflicht zum militärischen Beistand. Eventualplanungen für Polen gebe es im Bündnis bereits, führte Ilves aus. Nun müsse es auch Planungen für die Verteidigung der baltischen Staaten geben.


Bisher hat Estland erreicht, dass das Cyberwar-Forschungszentrum der NATO in Tallinn eingerichtet wurde. Aber für viele ist das nun kein ausreichender Schutz mehr.

Rückblickend bleibt die Suche nach den Details des Kriegsausbruchs, um festzustellen, was im August um und in Ossetien geschehen ist. Ein Beispiel liefert dieser Spiegel-Online Bericht. Aus anderer Perspektive hatte ich schon einen Artikel des Telegraph verlinkt: "In Washington nahm niemand das Telefon ab".
Und hier aus ossetischer Sicht die entscheidenden Tage:
Carnage in Tskhninvali

Offene Fragen bleiben viele: Wie kann ein Staat anerkannt werden, der möglicherweise gar keine Staatsbürger hat? Angeblich haben die meisten Südosseten die russische Staatsbürgerschaft. Die Meßlatte für die Anerkennung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten war hoch. Mehrere freie Wahlen unter internationaler Beobachtung, zusätzlich ein Referendum unter Einschluß aller im Lande lebenden Personen. Noch nicht einmal das hatte am Ende gereicht.
Also, gibt es eine vernünftige, machbare Perspektive für eine Unabhängigkeit Ossetiens, nicht nur weil Russland es so will?

Dienstag, Juni 19, 2007

Der estnische Praesident zu den Internetangriffen

Die FAZ hat den estnischen Praesidenten zu den Internetangriffen interviewt. Hendrik Ilves hat schon mehrere englischsprachige Stellungnahmen dazu abgegeben. Das Fazit des Praesidenten ueber die Verursacher der Attacken:

Herr Präsident, waren die Internetangriffe auf Estland mehr als nur organisierte Kriminalität?

Es war jedenfalls mehr als gewöhnliche Kriminalität. Jemand hat sehr viel Geld bezahlt, um sich den Service von Internetverbrechern leisten zu können. Wenn man sich den Verlauf der Angriffe anschaut, fällt auf, dass sie exakt um null Uhr Mitternacht aufhörten. Ich habe CERT gefragt, was das zu bedeuten hat. Und mir wurde gesagt: Naja, so lange haben sie an dem Tag für den Angriff eben bezahlt. Es war also organisiert, und sicherlich nicht von einem Verrückten, der in Sankt Petersburg sitzt und Estland ärgern will.


Die Erkenntnisse des Praesidenten beziehen sich laut diesem Artikel auf das Computer Emergency Response Team CERT.
Nach nun bald zwei Monaten kann man sagen, dass das Thema 'cyberwar' das Thema ist, mit dem ueber Estland am gruendlichsten im Internet und Blogosphaere waehrend der letzten Jahre diskutiert und berichtet wurde.

Donnerstag, Mai 17, 2007

Eine neue Synagoge in Tallinn

Nach langer Vorplanung: Es gibt wieder eine Synagoge für die Juden in Tallinn. Hier der BBC-Bericht.
Vielleicht wird in den nächsten Tagen noch mehr über dieses Ereignis berichtet. Aber dieser historische Moment sollte festgehalten werden. Für die Juden gab es eine Kulturautonomie in Estland in der ersten Unabhängigkeitszeit bis 1940. Der 2. Weltkrieg führte zu einem abrupten Ende.
Hier der ältere Post dazu von 2005.
Und hier die offizielle Darstellung vom 16. Mai 2007 über jüdisches Leben in Estland auf der Seite des Aussenministeriums, darunter Fotos der Synagoge und der Architektur des Gebäudes.

Estonia chief Rabbi Shmuel Kot expressed hope that the new synagogue would strengthen the local Jewish identity.
'For a long time, it was not possible to practice Jewish life in Estonia,' he said Tuesday. 'There was no rabbi, no kosher food ... no possibility to learn about Judaism.'
'People will now have the possibility to feel as a Jew,' he said.

von Jari Tanner.

Mittwoch, November 01, 2006

Sie reden miteinander

Interfax hat den estnischen Präsidenten Ilves interviewt. Zwei wunde Punkte im Verhältnis zwischen Russland und Estland werden angesprochen. Der ausstehende Grenzvertrag und die "Bronzestatue" in Tallinn, die einen Sowjetsoldaten als "Befreier" darstellt. Ich meine, Ilves findet den richtigen Ton. Wenn es hier eher um das Gedenken an die gefallenen Soldaten ginge, führe dies vielleicht zu einer akzeptablen Umdeutung des Denkmals:

As for suggestions made in Estonia to demolish or move the monument to Soviet liberators in Tallinn Ilves said: "Let me ask a question in return - is it a monument to the victorious Red Army, a monument to the fallen victors or a gravestone for the dead?"
"I respect the commemoration of those who died in the war. However, glorifying foreign conquerors is alien to any people or culture, including the Russian people, of course," he said.
Ilves suggested giving a broader symbolic meaning to the monument.
"I support changing the meaning of the Bronze Soldier [as the monument is unofficially called in Estonia] that it would cover everything related to the Red Army - both the ouster of the Nazis and the sufferings that later befell the Estonian people," he said.
"Unfortunately, it happened so that for the Estonian people in 1944 one criminal regime was replaced by another," Ilves said.

Und noch etwas, das an der Bronzestatue stört: Der dargestellte Soldat erinnert an andere Heroenfiguren aus der Sowjetzeit, die alle unter Muskeldoping zu leiden scheinen. Zeitgemäß ist diese Art von Gedenken jedenfalls nicht. Siehe Foto oben: Monument für die Delegierten des I. Kongresses der Gewerkschaften Estlands, 1964.

Dienstag, Oktober 10, 2006

"What has happened to our dreamland?"

Mehrere Posts hier drehten sich um den Wahlkampf für die Präsidentschaft Estlands. Toomas Hendrik Ilves ist jetzt das neue Staatsoberhaupt. Und er richtet gleich einen Apell an die Bürger. Sie sollten nicht dem Staat den Rücken zukehren, sondern selbst die Entscheidungen beeinflussen.
...
There has been wailing that after the accession to the NATO and the European Union Estonia has no goal. Just like a student we have worked hard for more than ten years, successfully graduated from the university and achieved everything we intended to while growing up. In a way we are at a loss now: what to do now as an adult. What kind of targets to set; what kind of responsibility to assume as an adult state?

However, while setting targets let us ask ourselves and ask honestly: have the people and the state internally done equally well?

What has happened to our dreamland, to the democratic Republic of Estonia if its citizens are afraid to freely express their opinion; if the citizens have become scared and frustrated to act as citizens, to implement the duty of citizen and follow one’s conscience?

Plans to mine phosphorite, which once enkindled our independence movement have transformed into our own businessmen’s plan to open new oil-shale mines. Is the threat to Estonia’s nature now really less significant? Should the people in Virumaa take it more calmly now that the potential environmental catastrophe will be caused not by decision-makers in Moscow but in Tallinn?
...
Nachdem alle bisherigen Ziele erreicht wurden wie die EU-Mitgliedschaft fragt er, in welche Zukunft Estland eigentlich steuern möchte.

Samstag, September 30, 2006

Und schon geht's los

Angekündigt war, dass der neue Präsident Estlands anecken wird. Schon geschehen. Bevor er richtig im Amt sitzt fühlen sich einige schon auf den Schlips getreten. Die Moldauer haben mal wieder genaueres. Die westeuropäischen Medien tun immer noch so, als ob Estland ganz weit weg liegt, sie berichten über sowas kaum, oder gar nicht:

Ilves recommends that Estonia conduct its relations with Russia through the European Union and that it work with the European Commission to raise with Russia the issues of interest to Estonia. The Russian Duma’s international affairs committee chairman, Konstantin Kosachev, promptly criticized the president-elect for having “never acknowledged that Estonia had joined the Soviet Union de jure” (Interfax, September 23). Such remarks suggest that Moscow is interested in unsettled relations with the Baltic states even at the cost of singularizing Russia with that position.


Diese alte Klamotte, mit dem freiwilligen Beitritt zur Sowjetunion, oder hier der 'de Jure'-Trick ist wirklich ein wenig mehr als veraltet. Wer seit 60 Jahren nicht dazulernen will, sollte sich setzen und gar nichts sagen. Rote Karte von hier aus.

Donnerstag, September 28, 2006

Nochmal Ilves (der neue Präsident)

Aber aus anderer Perspektive. Einmal Ross Mayfield im Silicon Valley, USA, der mit einer Estin verheiratet ist. Er war in den 90ern IT-Berater des estnischen Präsidenten Lennart Meri, seine Reaktion hier.Darauf hat sich ein Osteuropaexperte gemeldet,Edward Lucas. Warum Ilves so bedeutend sei schildert er hier.
Und damit besitzen die baltischen Staaten eine Sonderstellung in Europa! Drei Präsidenten stammen aus den Exilkreisen. Schweden, USA und Kanada sind da einige Stationen. Präsidenten, die US-Staatsbürger waren. Mitten in diesem Kontinent stehen Menschen an der Spitze ihrer Länder mit völlig anderer Perspektive als wir es gewohnt sind,wir, die deutlich zwischen den USA und Europa unterscheiden.
Update: Die Moldawier gehen weiter in ihren Spekulationen. Was wäre wenn Rüütel Präsident geworden wäre?
Ilves’ election also invalidates the recent deal among Ruutel, the Center Party, and the People’s Union. Under that deal, a reelected Ruutel was to have reciprocated by nominating Savisaar as prime minister of a Center Party-People’s Union government in the spring of 2007, with Ruutel slated as guarantor of that agreement. Such a constellation could have brought non-transparent business interests associated with Savisaar as well as Russian interests close to the center of power in the country (see EDM, September 22). With parliamentary elections due in spring 2007, a center-right alliance of the Pro Patria Union, Res Publica, the Reform Party, and Social Democrats seems likely to form the government

Also, hier die Sichtweise aus Moldawien.

Sonntag, September 24, 2006

Es ist Ilves!

Vielleicht werden wir nun mehr aus Kardriorg dem Präsidentenpalast Estlands hören. Die letzten Jahre ware da vergleichsweise eher Ebbe. Vielleicht geht es mit Ilves, dem gerade gewählten und neuen Präsidenten des Landes. Wohl deshalb,weil kleine Provokationen aus einem kleinen Land gar nicht schaden, ganz im Gegenteil:

lves ist im schwedischen Exil geboren und studierte in der USA Psychologie und Literaturwissenschaften. Nachdem Estland 1991 die Unabhängigkeit von der damaligen UdSSR wiedererlangen konnte, kehrte er in das Land seiner Eltern zurück. Der bisweilen unkonventionelle agierende Ilves ist im Baltikum auch wiederholt durch flapsige Bemerkungen über Nachbarländer und andere Politiker aufgefallen. Mit seiner Frau Evelin hat er drei Kinder. Ilves neue Position trägt der Verfassung nach eher repräsentativen Charakter.

ausSZOn

und hier die FAZ:
Von Estland wird nun wieder häufiger zu hören sein. Toomas Hendrik Ilves gehörte in seiner Zeit als Außenminister nicht gerade zu den schüchternen Zeitgenossen und verstand es, sein Land größer erscheinen zu lassen, als es ist. Ilves und der kürzlich verstorbene Lennart Meri, damals noch Präsident der baltischen Republik, ergänzten sich in dieser Hinsicht wie Plisch und Plum. Die Wahl von Ilves zum Staatspräsidenten hat wohl auch darin ihren Grund.

Update: Ich habe ein wenig gegoogelt. Und was taucht über Ilves schon sehr früh auf?. Es ist ein Schweizer Begehren für Entschädigung:
Auch erwähnt wurde die Frage der Entschädigung der Schweizer, die
Liegenschaften und Betriebe auf dem Gebiet des heutigen Estland besessen
hatten und während des Zweiten Weltkriegs enteignet wurden.


Aber seien wir diplomatisch, es liegt hofffentlich an Google und nicht am Geld, dass diese Url so weit vorne liegt bei den Suchergebnissen für Ilves.

Dienstag, Mai 02, 2006

Wer wird Präsident?


Regierungskrise Estland 1992
Originally uploaded by Jens-Olaf.
Hier sehen wir einen der vielen Rücktritte Edgar Savisaars (in der Mitte). Als Premierminister Anfang 1992. Aber er steht für das "Come Back"-Image in der estnischen Politik. Giustino, der einen Estland-Blog betreibt, befürchtet das Schlimmste. Für ihn spitzt sich das Duell zur Präsidentschatfswahl auf Savisaar versus Ilves zu. Lassen wir uns überraschen.

Dienstag, April 11, 2006

Präsidentschafts-Algebra

Oder Arithmetik? Egal, mit Mathe kommt man hier erfahrungsgemäß nicht viel weiter: Schlagzeile des Wochenbeginns in Estland ist die Aufstellung der Präsidentschaftskandidaten. Für nur 1,5 Millionen Einwohner und mehreren im Parlament vetretenen Parteien ist die Auswahl an Kandidaten für das Präsidentschaftsamt erstaunlich hoch. Pro Partei gibt es wenigstens drei Bewerber. Einzige Einschränkung, es gibt auch parteienübergreifende Kandidaten. Toomas Hendrik Ilves ist gleich von dreien aufgestellt worden und befindet sich so gesehen in der Spitzenposition:

• Reformierakond: Paul-Eerik Rummo, Laine Jänes, Toomas Hendrik Ilves

• Res Publica: Ene Ergma, Jaak Aaviksoo, Jaan Männik

• Sotsiaaldemokraatlik Erakond: Toomas Hendrik Ilves, Liina Tõnisson, Jaak Aaviksoo

• Keskerakond: Toomas Varek, Enn Eesmaa, Aadu Must

• Isamaaliit: Peeter Tulviste, Jaan Manitski, Toomas Hendrik Ilves

Allikas: PM


Da der Präsident nicht direkt gewählt wird, sind Verschiebungen wie bei den vorangegangenen Abstimmungen möglich.

Dienstag, März 28, 2006

Blick in die Zukunft - Präsidentschaftswahlen

In Estland werden zur Zeit die Kandidaten der politischen Parteien für die anstehende Präsidentenwahl ernannt. Toomas Hendrik Ilves hat da gute Aussichten, er war auch schon Aussenminister. Auf seiner offiziellen Homepage finden sich zahlreiche Texte dazu. Einer fällt dabei besonders auf. 2001 verfasst, werfen die "Reflections of Estonia's Foreign Policy Landscape" kein gutes Licht auf die deutsche Diplomatie und ihr Verhältnis zu Estland. Einmal beschreibt er eine Periode aus der Zeit der Unabhängigkeitsbewegung, als ein deutscher Gelehrter im Frühjahr 1991 anreiste und mehr als nur anriet von der Idee der Unabhängigkeit Abstand zu nehmen. Ein weiteres Mal 1997 wurde dem estnischen Aussenminister in Deutschland erklärt, Estland könne nicht EU-Mitglied werden, da es sonst auch Aussichten auf die NATO-Mitgliedschaft habe, aber das wäre nicht im deutschen Interesse. Das soll ein "security adviser" im Bundeskanzleramt gesagt haben.

Der ganze Text (unauthorisierte Übersetzung, Englisch)hier im pdf-Format.

Diese Episode 1997 scheint so unglaublich, das Treffen mit dem Berater des Bundeskanzleramtes sollte geheim und inoffiziell bleiben. Ich hoffe, dass das Ganze im estnischen Original nicht so einen harten Unterton hat.

Kleine Randnotiz zu Ilves, da der letzte Post von den estnisch-schwedischen Beziehungen handelte: Er wurde in Stockholm geboren.