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Freitag, Mai 09, 2025

irgendwie gut

Musikalische Lehrstunde

"Es ist sooo gail!" Die estnische Musikerin Kadri Voorand sitzt am Piano und hält Zweige in die Luft, die aussehen wir dürre Nadelhölzer. Das Konzert wird unterbrochen, es werden Zweige im Publikum verteilt. Kadri Voorand singt von der estnischen Natur, von Vater und Mutter, von der Liebe. Auch von estnischen Traditionen und wundervollen Gerüchen, die gerade diese Zweige - frisch entnommen der estnischen Natur - verströmen sollen. Ein ganz besonderes Musikerlebnis - die Konzertgäste zeigen sich bewegt bis irritiert. Schon an vielen Orten in Deutschland ist die estnische Musikerin zusammen mit dem Bassisten Mihkel Mälgand aufgetreten, aber "Musik durch die Nase" wurde wohl noch nie geboten. Wir befinden uns auf der "Baltic Night" im "Zentrum für Kunst" in Bremen, ein Ereignis, aus dessen Anlass erstmals im Rahmen der Messe "Jazzahead" an einem Abend nacheinander estnische, dann lettische und schließlich litauische Musikerinnen und Musiker ihren Auftritt hatten. 

Naturkalender am Kräuterpiano

Kadri Voorand erzeugt Nachwirkungen. Natürlich lassen uns die dargebotenen wohlriechenden "Zauberpflanzen" keine Ruhe. Nein, wie man vielleicht denken könnte, Wacholder (estn.= "kadakas") ist es diesmal nicht. Kadakas wäre ja auch zum Beispiel auf Hiiumaa in Geschenkpackungen als Seife oder Duschgel erhältlich. Oder als Wacholdersirup aus Saaremaa, nicht zu vergessen die alkoholische Variante, die heutzutage meist nur noch "Gin" (džinn) genannt wird.

Diesmal geht es aber um etwas anderes. Kadri Voorands Ausruf "sooo gail" war nicht einfach als Anbiederung an das deutschsprachige Publikum gemeint, sondern bezieht sich auf den estnischen Pflanzennamen: Sookail (ledum palustre). Der estnische "Looduskalender" (Naturkalender) verknüpft die Informationen zu dieser Pflanze gleich mit einer Warnung: "Wenn man draußen in einem Zelt übernachtet kann man davon ziemliche Kopfschmerzen bekommen und sogar krank werden", so die Warnung. Dem gegenüber steht als Empfehlung: "nur für den Schutz vor Motten geeignet". Der "Sookail" ströme ätherische Öle aus von "schwindelerregenden atemberaubenden Geruch" (maakodu). 

Wahnsinnig berauschend, oder was?

Wer hat in Deutschland schon einmal "Sumpfporst" gesehen oder gerochen? Die Pflanze wächst bevorzugt in Hochmooren, auf nassen und kalkfreien Torfböden, und wurde früher zur Heilkunde verwendet, heißt es - nun aber wegen giftiger Bestandteile nicht mehr. Ein Relikt der Eiszeit. In Deutschland inzwischen, vor allem im Süden und Westen, nahezu ausgerottet (meint Wikipedia). "Der Inhaltsstoff Ledol hat oral eingenommen eine stark berauschende und narkotische Wirkung mit agressivem Charakter" (similasan). Ist das etwa der Grund, warum es so viele gruselige Geschichten von Menschen gibt, die orientierungslos im Moor herumgeirrt sind – vielleicht haben sie alle Sumpfporst gerochen …?

In Estland wie in Lettland kommt Sumpfporst aber noch derartig häufig vor, dass überall Warnungen zu lesen sind: Die Anwendung in der Naturheilkunde sollte mit ihrem Arzt oder Apotheker abgesprochen werden! Gleichzeitig wird online Abhilfe versprochen: "hierzu beraten Sie unsere Apotheker gerne" (meine-teemischung - 100g Sumpfporst kosten hier 20 Euro). An anderer Stelle kann Ähnliches mit dem englischen Begriff 'Labradortee' erworben werden. In Estland oder Lettland ist "Sumpfporst-Tee" (lettisch:"Purva vaivariņš") bei den verfügbaren Teemischungen relativ leicht zu finden und frei verkäuflich: Rezept: 5 Gramm Blüten und Blätter, in einem Glas mit heißem Wasser aufgießen und 15 bis 20 Minuten ziehen lassen (mammauntetim). So verschreibt es der lettische Arzt Artūrs Tereško als "Phytotherapie" (Kräutermedizin). Das "Estnisches Etymologie-Wörterbuch" (ETY) weist darauf hin, dass Estinnen und Esten in früherer Zeit die Kenntnisse zu dieser Pflanze und der estnischen Bezeichnung dafür eher nicht von den Deutschen, sondern von den Schweden übernommen hätten.

Wie wir in der "Livländischen Gourvernementszeitung", Ausgabe 2.7.1858 bereits nachlesen können, wurde Sumpfporst zur Herstellung von Bier verwendet, bevor im 13. Jahrhundert sich der Gebrauch von Hopfen immer mehr durchsetzte. "Im nördlichen Europa und Schweden war es früher in Gebrauch, dem Malztrank durch Ledum palustre (Sumpfporst, wilder Rosmarin), eine dort gewöhnliche Haidepflanze, Bitterkeit und eine Art von Stärke mitzutheilen." Auch die Wirkung wird beschrieben: das Bier "steige ungewöhnlich nach dem Kopfe", und auch Kopfschmerz, Ekel, und "bei übermäßigem Trinken sogar Wahnsinn" könne auftreten.
Nun ja, in Deutschland wird nur sehr selten jemand einen Strauch "Sumpfporst" von einer Wanderung mitbringen - er wäre wohl auch verboten, da es sich um eine in Deutschland streng geschützte Art handelt. Sogar Portale wie "Mein schöner Garten" geben zu, dass die Pflanze wohl unter dem Torfabbau stark zu leiden hatte. Ist das Biotop erst mal weg, kommt auch der Porst nicht wieder (nur beim Kauf im Gartencenter).

Porst ins Bier, das rat ich Dir

Es wäre in diesem Zusammenhang aber noch ein weiteres Fachgebiet zu entdecken: die Herstellung von "Grutbier". Die "Brauwelt" berichtet: "Am 1. Februar 2025 feierten Craft Bier-Fans auf der ganzen Welt den 13. International Gruitday. Dieser Tag ist der Feiertag des Grutbieres, eines Bieres gebraut mit Würzkräutern anstelle oder in Ergänzung des Hopfens, so wie es im Mittelalter Brauch war." Bezug genommen wird hier auf lateinische Quellen des Mittelalters, in denen "Grut" gleichbedeutend gewesen sei mit "fermentum, materia, levarentur und pigmentum" - also: Substanzen zur Herstellung von Bier. (Brauwelt) Genauer gesagt: als häufigste Zutaten zum Bier galten damals "Gagel und Porst" (Gagelstrauch und Sumpfporst). Gleichzeitig wird zugegeben: wer damals noch über "Gagel und Porst" hinausgehen wollte, griff auch zu Fliegenpilz, schwarzem Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel - alle mit (mindestens) halluzinogenen Eigenschaften. Wir ahnen die Bedeutung eines "Reinheitsgebots", auf dessen verschiedene Traditionen ja besonders das bayrische Bier besonders stolz ist.

Bei "Hopfenhelden" wird nicht ohne Stolz auf heutige Hersteller von "Grutbier" verwiesen, so ungefähr nach dem Motto: hast Du eine Kräuterwiese, kannst Du auch Grutbier brauen. "Porst" wird dabei allerdings nicht erwähnt, denn, wie gesagt: in Deutschland gibt es ihn beinahe nicht mehr, und er steht unter Artenschutz. Dennoch, wer's kräuterhaltig mag: Wohl bekommt's!

Eine Erkenntnis: beim Genuss von estnischer Musik können wir einiges lernen - wenn wir nur richtig hinriechen. Vielleicht nicht "super-geil", aber irgendwie gut.

Montag, Januar 20, 2025

Aber bitte mit Sahne!

Manchen mag es ja als gute Regel gelten, von fremden Sprachen jeden Tag ein neues Wort zu lernen. Also nehmen wir uns auch mal wieder etwas Estnisches vor: Vastlakukkel. Die Bäckereien Estlands melden bereits seit Jahresanfang unruhige Kundinnen und Kunden, denn bald beginnt die Jahreszeit für diese Köstlichkeit - so meldet es die estnische Presse. (err)

Süße Jahreszeiten

Doch was ist das? Kommt uns dies nicht irgendwie bekannt vor? Zumindest wer nur die Abbildung sieht, könnte sich an verschiedenes erinnern, das auch in deutschen Landen bekannt ist: ein "Berliner" mit Sahne? Oder vielleicht ein "Berliner Pfannkuchen"? Ein Krapfen? Ein Kräppel oder Puffel? 

Irgendwo scheint es auch mal die Bezeichnung "Faschingskrapfen" oder "Fastnachtsküchle" gegeben zu haben - und da sind wir dann offenbar auf der richtigen Spur.  

Und es gibt auch Spuren nach Skandinavien: "semla" (Schwedisch), "fastlagsbulle" (finnlandschwedisch), oder "laskiaispulla" (finnisch). Teilweise mit Füllung, teilweise mit heißer Milch serviert, heißt es.

"Shrove croissants" in Tallinn

Fasten, oder schlemmen? 

Und eben das estnische "vastlakukkel". Das estnische Wikipedia meint dazu: "traditionelles Gebäck, das in Skandinavien, Island, Finnland und den baltischen Ländern am Neujahrstag vor dem Fasten hergestellt wird. In Estland sind diese Brötchen vor allem als Neujahrsessen bekannt." Hinzugefügt wird hier, dieses Gebäck sei vor allem in Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark, Island, den Färöer-Inseln, Estland, Lettland, Litauen und "einigen Regionen Deutschlands" bekannt. Ok, vielleicht ist das estnische Selbstbewußtsein ja in diesem Fall ähnlich hoch wie beim Marzipan - von dem ja auch behauptet wird, es sei in Tallinn erfunden worden (siehe Jaan Kross: "Marts Brot"), und nicht etwa in Lübeck. Also: etwas sehr estnisches .... und irgendwo in Deutschland auch noch. 

Ein "Vastlakukkel" wird, gemäß der estnischen Beschreibung, aus Hefeteig plus evtl. Schlagsahne, Kardamom, Marzipan, Mandelbrösel oder Vanillecreme hergestellt. Dazu wird uns erklärt, dass die strenge Einhaltung der Fastenzeit "nach der Reformation verschwunden sei" (offenbar gilt das für Estland). Heute seien diese "Neujahrskuchen" von Januar bis Ostern in vielen Lebensmittelgeschäften und Konditoreien in Estland zu haben.

Geht weg, wie warme ...

Durchschnittlich 100 Stück Vastlakukkel, am Wochenende bis zu 200 verkauft derzeit die Bäckerei "La Boulangerie" in Tallinn, verrät der Eigentümer (ERR) - obwohl der Slogan gerade dieser Bäckerei eher "ein Stück Frankreich in Estland" ist. Und Kenneth Karjana, Eigentümer der Bäckerei "Karjase Saia" sagt, er würde dieses Gebäck "die ganze kalte Jahreszeit durch" herstellen (dort angegeboten als "Shrove Croissants"). Ob man nun den Stückpreis von 4-5 Euro akzeptabel findet, ist wohl den Genießerinnen und Genießern zu überlassen. Der Bäcker selbst scheint Sorge zu haben, ein Preis von über 5 Euro könne "sich eine estnische Familie nicht mehr leisten". (ERR)

In einem früheren Beitrag ist bei ERR dann allerdings doch zu lesen, die Esten hätten diese Tradition wahrscheinlich doch eher von den Deutschen übernommen, die zu früheren Zeiten im Lande gewohnt hätten. So wird wohl die Behauptung von "nach der Reformation verschwunden" eher zu "mit dem Ende der deutschen Vorherrschaft verändert". Professorin Reet Bender, Expertin für deutsche Sprache und Kultur, führt das auf Rezepte aus dem 18. Jahrhundert zurück, wo es als "heiße Wecken" in Estland verkauft worden sei. Die Deutschbalten hätten es früher sogar gern mit Rosinen und sogar Rosenwasser gebacken. Die Sahne sei dann in den 1920iger und 1930iger Jahren dazugekommen, denn Estland, als Agrarland, habe damals ausreichend viel davon produziert, und man habe es dann zu vielen Speisen hinzugenommen. Heute sei es ja manchmal auch ein Massenprodukt, so Bender, aber zu Hause könne es natürlich jeder und jede gern so üppig wie gewünscht herstellen.

Frisch empfohlen

Auch einige "Influencer" und Blogger haben das Gebäck schon entdeckt. Beim "Schneehörnchen" heißt es "auf zum Semlor essen"; die estnische Variante wird erwähnt, das Rezept ist wohl eher schwedisch. "Nordic Estonia" präsentiert "Vastlapäev" mit dem zugehörigen Gebäck, versteigt sich aber beim Blick aufs Nachbarland Lettland darauf, dasselbe würde dort "vēja kūkas" ("Windkuchen") heißen - nun ja, da sind wir doch eher beim Windbeutel, Elair, oder Blätterteig (ich kenne es aus Riga mit der Bezeichnung "Vēcrīga", Rezept hier). Die Sahne kommt hier nicht drauf, sondern hinein. 
"Estoniancuisine" klärt uns darüber auf, dass es in Estland zwei Fraktionen gäbe: die einen meinen, es gehöre ausschließlich Schagsahne auf den Vastlakukkel, aber die anderen wollen auch Marmalade drauf haben. Und eine Regel: lieber ein frisch gebackener Vastlakukkel am Morgen, als zehn alte pro Tag. Wie auch immer: nicht nur zur Fastenzeit ...

Sonntag, September 08, 2024

Estnische Gardinen

In deutschen Medien wurde in letzter Zeit eine spezielle estnische Serviceleistung angekündigt: angeblich wolle Estland Insassen von Gefängnisssen aus anderen EU-Ländern übernehmen. Schon Ende 2023 gab es einen entsprechenden Bericht über die Absicht von Großbritannien, Gefangene nach Estland zu verlegen.  Von "Zellen anmieten" war da die Rede.  

30 Millionen Euro Einnahmen für Estland? 

Im Juni 2024 besuchte eine Delegation des Obersten estnischen Gerichtshofs das Deutsche Bundesverfassungsgericht, danach stieg auch die deutsche Presse auf das Thema ein: "Estland will Deutschland die Knackis abnehmen", so titelt die BILD.  Und die Berliner Zeitung hat auch gleich eine Begründung parat: Estland brauche Geld für einen möglichen Krieg. Etwa 3000 Euro im Monat koste die Unterbringung eines Gefangenen in Estland, so zitiert die britische BBC die estnische Justizministerin Liisa Pakosta (Eesti200), die gleichzeitig bestätigte, dass britische Offizielle bereits ein Gefängnis in Tartu besichtigt hätten (andere Quellen sprechen von 90 Euro pro Tag). Während in Großbritannien die Regierung beinahe gezwungen sei, Inhaftierte wegen Überfüllung der Gefängnisse zu entlassen, seien in Estland die Anstalten nur zu 67% belegt - allerdings verfüge Estland auch nur über drei Gefängnisse für insgesamt 3041 Personen (Independent). Allerdings hat die britische Regierung bereits ein Informationspaket für den Fall bereitgestellt, dass es in Estland Gefängnisinsassen aus Großbritannien geben sollte. 

Bedenken gegen Kriminellen-Import

Innenminister Lauri Läänemets (SDE) äußerte sich jedoch skeptisch gegenüber den Plänen, Gefangene ausländischer Staatsangehöriger in estnischen Sicherheitseinrichtungen unterzubringen. Er habe Bedenken, kriminelle Banden aus verschiedenen Ländern könnten sich hinter estnischen Gefängnismauern treffen, so weitere krmininelle Aktivitäten starten und Estland zu einem weniger sicheren Land machen, äußerte Läänemets gegenüber der estnischen "Aktuaalne Kaamera". (ERR)

Berichten zufolge könnten die drei Gefängnisse Estlands in Tallinn, Tartu und Jõhvi insgesamt etwa tausend zusätzliche Insassen beherbergen. Tartu wurde als wahrscheinlicher Bestimmungsort für den Großteil der im Rahmen des Plans zu vermietenden Gefängnisräume ausgewählt. Das Gefängnis in Tartu bietet derzeit Platz für 933 Insassen, aber eines seiner Gebäude mit 600 Plätzen wurde stillgelegt und die Auslastung beträgt jetzt nur noch 29 Prozent. (ERR)

Rait Kuuse, Leiter des estnischen Gefängnisdienstes, wies darauf hin dass nur vier Länder in Europa einen Rückgang von Gefängnisinsassen in Höhe von 5% aufweisen: Estland, Litauen, Irland und Griechenland. Als weitere Option im Hinblick auf eine Reform des Gefängniswesens in Estland sieht er aber auch die Möglichkeit, doppelt belegte Zellen zu Einzelzellen umzuwandeln. (ERR)

Die Delegation aus Großbritannien jedenfalls habe nach der Besichtigung des Gefängniskomplexes in Tartu einen guten Eindruck gehabt, betonte Justizministerin Pakosta (ERR).

Donnerstag, Mai 30, 2024

Estnischer Sommer: Hungern, Holzski und Skandale?

 Manchmal sind auch touristische Infos irritierend, wenn es um Estland geht. Sagen wir mal so: man sollte sich rechtzeitig orientieren, worum es wirklich geht. Das ist auch bezüglich der Aktivitäten für den Sommer 2024 so, wozu der Estnische Touristikverband nun Informationen zusammengestellt hat (err). Da sind Dinge angekündigt, die näheres Hinsehen verdienen. 

Baltische Skandale?

Da ist zunächst BALTOSCANDAL, in Rakvere im Norden Estlands, vom 3.-7. Juli. Dieses Festival kann immerhin schon sein 30. Jubiläum feiern, dürfte also auch dem entsprechenden Fachpublikum in Europa bereits bekannt sein. Wer trifft sich dort? Die blumenreiche Webseite verrät es nicht auf den ersten Blick.
Ich übernehme hier mal die Erklärung der lettischen Nachbarn von "theatre.lv": "Baltoskandal hat nichts mit einem 'Skandal' zu tun - der Name setzt sich zusammen aus den Wörtern Baltikum und Skandinavien. Es handelt sich um ein zeitgenössisches Theaterfestival in Rakvere, im Norden Estlands. Die Stadt ist nur ein wenig größer als Limbaži. Das Festival wird von etwa 5000 Menschen besucht. Sie kommen aus aus dem ganzen Land und auch aus anderen Ländern. Die Aufführungen beginnen um 14:00 Uhr und enden gegen 1:00 Uhr nachts. Es dauert 4 Tage."

Beim Blick in die Geschichte der bisherigen Festivals zähle ich 14 deutsche Beteiligungen zwischen 1990 und 2022, und nur selten lässt sich gleich am Namen ablesen, wo sie herkamen (einmal "Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz", einmal "Kammertheater Neubrandenburg"). Oft sind es, wie überall im Programm, Aufführungsbeteiligte verschiedener Nationalitäten. 2024 gibts aber gleich zwei deutsche Beiträge. Dabei ist unter anderem Robert Henke, also eigentlich ein Musiker - der Autritt geht wohl eher in Richtung einer Performance (Webseite). Und Florian Malzacher präsentiert im Rakvere Theater ein Buch mit dem Titel "Die Kunst der Montage". 

Holzski im Sommer? 

Bei der Suche danach, was auf dem "Treskifest" geboten wird, ist zu empfehlen besser keine KI zu benutzen - sonst könnte eine künstlich gefütterte Intelligenz noch auf die Idee kommen, das Wort "Treski" aus dem Norwegischen zu übersetzen (Tre = Baum / Holz). Nein, es sind hier keine Loipen für Holzskier gespurt - "Treski" ist einfach der Name eines kleinen Dorfes im äußersten Südosten Estlands, und hier wurde 2021 eine neue Freilichtbühne fertig gestellt. Auch hier ist die Zahl 3 von Bedeutung - es findet nun zum dritten Mal ein Festival statt. Die Veranstalter beschreiben es so: "Treski ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um etwas Besonderes zu erleben. Wir laden Sie ein, Kultur, Musik und friedliche Natur zu genießen und außergewöhnliche Erinnerungen zu schaffen." Vom 9.-11. August 2024 gibts hier vor allem Musik, vorwiegend von Bands aus Estland.

Etwas abgelegen liegt der Ort allerdings schon: wer mit der Bahn kommt, müsste in Orava aussteigen, 8 km entfernt (die Bahnfahrt dauert von Tartu aus etwa 1 Stunde). Autofahrern empfehlen die Veranstalter doch bitte nicht allein zu kommen sondern andere mitzunehmen - um Kosten und nötige Parkplätze zu sparen. Einen Tag vor Beginn, am 8. August, gibt es schon Workshops und Diskussionen - die sogenannte "Treski inspiration conference". Und wer teilgenommen hat, bringt sich vielleicht "Treski"-Shirts oder andere Werbeartikel mit und machen den Ort (der offiziell inzwischen weniger als 100 Einwohner/innen hat) dann auch etwas bekannter in der Welt.  

Freiwillig hungern? 

Auch für das Festival das vom 14.-18. August stattfindet, müssen wir "alle Ecken Estland" erkunden. Es findet in Narva-Jõesuu statt, und auch die Deutschen wissen inzwischen, dass Narva ebenfalls nahe der Grenze zu Russland liegt. Und falls jemand den Festival-Titel HUNGERBURG allzu ernst nehmen sollte: doch, doch, die Lebensmittelversorgung ist dort völlig normal. Die Veranstaltung ist ein Projekt des "Tartu Uus Teater" (Neues Theater Tartu), eine Einrichtung die ihre Arbeitsweisen in einem "'Manifesto" formuliert: "Das Neue Theater Tartu ist eine offene Plattform für neue Ideen."

Benannt ist das Festival nach dem sogenannten "historischen Ortsnamen" von Narva-Jõesuu: ihren heutigen Ortsnamen erhielt die Stadt offiziell erst im Jahr 1890. Ein Ort, der auch als Kurort bekannt ist und mit seinen 2600 Einwohner/innen (nur 13% davon Est/innen) seit 1993 Stadtrechte verliehen bekam. Also müsste ja deutsches Publikum besonders interessiert sein? Kennen Sie denn das alte Hungerburg nicht? (sowie manche immer gern von Dorpat, Reval oder Wesenberg reden?)

Auch hier gilt: bitte keine künstliche Intelligenz oder Google einsetzen. Sonst finden Sie zum Beispiel einen Stadtteil von Innsbruck (auch unter "Quaeldich.de" zu finden), den Gutshof Hungerburg in Bitburg in der Eifel (mit Pferdepension), eine Künstlerkolonie in Berlin oder eine Sandinsel ganz im Norden Deutschlands, an der dänischen Grenze. Alles falsch! möchte man da ausrufen. Aber auch wer nach "Hungerburg in Estland" sucht, findet bisher die Hinweise eher im "Lexikon der Wehrmacht", als Hinweis auf ein KZ-Außenlager der Nazis, oder eben in alten Fotos und Ansichtskarten. Theaterfreunde, bitte verändert Europa!

Sonntag, Mai 19, 2024

Nirgendwo hin

Die Europawahlen stehen vor der Tür, aber in Estland wird nicht nur über die möglichen Prozentzahlen der einzelnen Parteilisten diskutiert. Ministerpräsidentin Kaja Kallas hat in den vergangenen Monaten international so viel Werbung für die eigene Person gemacht, dass manche Beobachter/innen fest davon ausgehen, sie sei als Kandidatin für einen Posten in der künftigen EU-Kommission fest gebucht. 

Gerüchteküche

Die Formulierungen, mit denen Kallas selbst die eigene Ambitionen versucht herunterzuspielen, sind vielfältig. "Es besteht überhaupt kein Grund zur Sorge, dass ich irgendwohin gehe“, sagte Kallas im "Vikerradio". (err) Kommentator/innen in den estnischen Medien trauen der Regierungschefin aber durchaus einen Job in der EU-Kommission zu: für Verteidigung, für Außen- und Sicherheitspolitik oder als Wettbewerbskommissarin.

Ähnliche Fragen wurden auch gestellt, als Kallas kürzlich in Riga war um an dem Treffen der drei Regierungschefinnen mit Bundeskanzler Scholz teilzunehmen. "Wir müssen erst einmal die Wahlergebnisse abwarten, dann werden all diese Diskussionen stattfinden", antwortet Kallas auf eine entsprechende Nachfrage von Aivars Ozoliņš für die lettische Zeischrift "IR". Und Jüri Ratas, ehemals Vorsitzender der estnischen Zentrumspartei und Regierungschef (inzwischen zur "Isamaa" gewechselt), sah schon Ende 2023 Kallas als geeignet für einen Job in der EU-Kommission an. 

Imagepflege

Als 2023 bekannt wurde, dass Kallas' Mann Arvo Hallik in dubiose Geschäfte mit Russland verwickelt war, stand die Ministerpräsidentin kurz vor einem Rücktritt. (taz / FAZ / JungeWelt / lsm / NZZ  / Handelsblatt). Damals, es liegt noch nicht lange zurück, machten Worte wie "offensichtliche Heuchelei" die Runde (Berliner Zeitung). Der "Spiegel" sah Kallas in einem "moralischen Dilemma" (erst Mahnerin, nun Ermahnte").

Inzwischen wird Kaja Kallas in vielen westdeutschen Medien dagegen auffällig positiv geschildert. Als "unerschrocken" wurde sie im "Merkur" bezeichnet, bei "ZEITonline" ist sie "Die Hellsichtige". Das Handelsblatt meint: "Die Frau, vor der Wladimir Putin Angst hat," die "Bild" kürt sie gar zu "Europas eisernen Lady". Reinhard Krumm, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung Riga, bezeichnet Kallas als "strahlende Gallionsfigur" (RND). Der österreichische "Standard" überschrieb ein 'Interview mit ihr so: "Wer nicht um die Freiheit kämpft, verliert am Ende alles." Anfang Dezember 23 wurde sie in Hamburg mit dem Marion-Dönhoff-Preis ausgezeichnet (Die Zeit), im Februar 24 war sie Ehrengast beim Hamburger Matthiae-Mahl (Welt). Als bekannt wurde, Russlands Diktator Putin habe Kallas zur Fahndung ausgeschrieben, wurde die Entgegnung von Kallas hervorgehoben: "Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass ich das Richtige tue." (ZDF)

Und so fand auch der gezielt lancierte "Aprilscherz" Anklang, Kallas werde zur neuen NATO-Generalsekretärin ernannt (Nachfolger von Jens Stoltenberg) - denn vor der Einigung der Allianz auf den Niederländer Mark Rutte gab es durchaus ernsthafte Spekulationen in diese Richtung (politico / ERR / lasi.lv).

Was ist also vom Ergebnis der Europawahlen in Estland zu erwarten? Jeder EU-Mitgliedstaat stellt einen Kommissar oder eine Kommissarin - wir sind gespannt, wer das - außer Kaja Kallas - wohl sein könnte. Eine Schwierigkeit könnte noch sein, dass die Kandidat/innen vom Europäischer Rat, einem Gipfel der Staats- und Regierungschefs, benannt werden. Also, Frau Kallas: was meinen Sie?

Sonntag, April 16, 2023

Musikalisches Märchen

Mirjam Mesak ist wohl vor allem in zwei Regionen ein bekannter Name: in Estland, und in München. An der Staatsoper in München ist sie festes Mitglied des Ensembles. Nun haben musikinteressierte Menschen eine ganz neue Möglichkeit, die inzwischen 32 Jahre junge Estin kennenzulernen: im September 2022 feierte der Film Orphea in love von Regisseur Axel Ranisch an der Bayerischen Staatsoper Premiere mit Mirjam Mesak in der Hauptrolle.

Seitdem ist der Film im Programm mehrerer Festivals gelaufen, neben dem Filmfest München auch bei den "Hofer Filmtagen", beim "Filmfestival Cottbus" und beim "Bremer Filmfest". Wie es der Regisseur Axel Ranisch denn geschafft habe, die Opernsängerin für die Rolle zu gewinnen, wurde Schauspieler Heiko Pinkowski ("Höllbach") nach der Vorführung in Bremen gefragt. Das sei im wesentlichen eine Sache des gegenseitigen Vertrauens, meinte Pinkowski. "Er hat ein paar Aufnahmen gemacht, hat sie ihr gezeigt, um ihr das Gefühl zu geben wie sie im Film wirkt." Außerdem sei das kein "Opernfilm" - obwohl ja die allseits bekannte Legende von "Orpheus" die Grundlage bildet, und ausschließlich Opernmusik zu hören ist. Der bessere Ausdruck sei "musikalisches Liebes-Märchen". Natürlich habe es ihr auch geholfen, dass sie im Film eben auch ein estnisches Mädchen habe spielen dürfen, meinte Mirjam Mesak im Filmgespräch zur Premiere. "Inzwischen bin ich so in die Rolle der Nele reingewachsen, sie ist jetzt ein Teil von mir." 

Nicht nur für Mirjam Mesak als "Nele", sondern auch für Guido Badalamenti als "Kolya" war es die erste Rolle in einem Kinofilm. Beide spielen herausragend zwei Außenseiter, die sich singend und tanzend durch eine ihnen fremde Welt bewegen und ihre eigene Realität erschaffen. Opernliebhaber Fabius beschreibt es in seinem Blog so: "Mesaks faszinierende Mimik und Körpersprache, ihr Wechselspiel von Verletzlichkeit, Verzagtheit, Sehnsucht und Stärke bewegt ebenso wie ihr gesanglicher Vortrag, der Arien, z.B. aus Madama Butterfly oder La Wally, zu emotionalen Brennpunkten macht." 

Regisseur Ranisch ist dafür bekannt, dass oft nahezu "improvisiert" gedreht wird - also vieles schon nach dem ersten Dreh "im Kasten" ist. "Nahezu 90%" von "Orphea in Love" sei auf diese Weise - allerdings nach langen Vorgesprächen - entstanden, so Pinkowski. "Ich wollte einfach meine Lieblingsmusik und das, was Oper für mich bedeutet, in eine andere Form gießen", erklärt Ranisch im Gespräch mit BR-KLASSIK.

Auffällig im Film ist auch die einfühlsame Art, wie die Kamera hier die getanzten und gesungenen Szenen eingefangen hat. Fast schwebend wirken manchmal die Darstellerinnen und Darsteller, alles hat eine poetische Leichtigkeit. Kameramann Dennis Pauls sei es auch gewesen, der die meisten Locations für die Drehs aufgespürt habe (mubi). Das, was hier als Film-Opernhaus dargestellt wird, wurde zum Beispiel in der Außendarstellung in Stralsund und im Innenraum in München gedreht. Einige eher industriell geprägte Orte der Handlung wirken fast wie außerhalb von Raum und Zeit, während Szenen, die an der deutschen Ostseeküste entstanden, ein klarer Rückblick auf Neles Kindheit und Jugend (in Estland?) darstellt. Estland als Land kommt allerdings im Film nicht vor.

Der Film "Orphea in Love" startet in deutschen Kinos ab Juni 2023. 

In Estland wird man sich sicher auch noch an die andere Mijam Mesak erinnern: als Beteiligte beim European Song Contest (ESC). 2007 war Mesak Backgroundsängerin für Gerli Padar war, der mit seinem Lied "Partners in Crime" im ESC-Halbfinale ausschied. 2009 war Mesak erneut als Backgroundsängerin aktiv, und zwar bei "Urban Symphony", die mit dem Song Rändajad den sechsten Platz erreichte. 2007 gab es mit "Far Away and Here" (Samas kaugel ja siin) sogar ein Soloalbum. 

2012 schloss sie dann ihr Studium (klassischer Gesang) an der Georg Ots Musikschule Tallinn ab, und setzte ihr Studium an der Guildhall School of Music & Drama in London fort. Ihre Vielseitigkeit kommt vielleicht auch durch eine im estnischen Fernsehen gemachte Aussage zum Ausdruck: "Irgendwie war ich in der Jugend auch ein großer Metall-Fan" (err) Außerdem sei sie sehr von Liisi Koikson und ihren Liedern beeinflußt worden. "Ihr Album, dass ich mit 14 gekauft habe, höre ich auch heute noch." (err) 

Erst im Oktober 2022 gab Mirjam Mesak ihr erstes abendfüllendes Opernkonzert in ihrem Heimatland Estland (err / delfi / Postimees)

Dienstag, März 07, 2023

Besser aufgeladen

Skeleton - eigentlich war das ja die Sportart, in der sich eher Letten als Esten profilieren konnten. Aber in diesem Fall geht es nicht um Sport. Vor einem Jahr bezeichnete der "Spiegel" die Firma "Skeleton Technologies" noch als "Batterie-Start-Up", inklusive der Hoffnung, Deutschland möge sich als "Standort für die Energiewende" entwickeln. Anlass war der Einstieg des Esten Taavet Hinrikus als Investor, bis dahin bereits bekannt von zwei Erfolgsprojekten: dem Messengerdienst Skype und dem Zahlungsdienstleister Wise. Auch beim Mibilitätsdienstleister "Bolt" hatte Hinrikus sich bereits beteiligt (siehe auch: Handelsblatt)

Die Firma selbst beschreibt die Aufgabenteilung der verschiedenen Standorte so: "Skeleton Technologies ... hat drei Niederlassungen: die Skeleton Technologies GmbH im sächsischen Großröhrsdorf, wo Produktion und Vertrieb angesiedelt sind, Skeleton Technologies OÜ, in der Nähe von Tallinn, Estland, zuständig für F&E sowie Pilotproduktion und Skeleton Technologies OY in Finnland mit einem F&E-Labor."

Skeleton entwickelt und produziert Ultrakondensatoren; Speicher, die Energie schneller als Lithium-Ionen-Batterien aufnehmen und abgeben können. Diese Speicher sollen in PKWs, LKWs und Busse, aber auch für Windkraftanlagen und Stromnetze verwendet werden. (siehe Firmenpräsentation)

Neben dem Standort in Großröhrsdorf, ein Ort mit 9.000 Einwohner/innen bei Dresden, will Skeleton nun einen zweiten Produktionsstandort in Deutschland einrichten. "Wir haben in der letzten Zeit mehrere Großaufträge erhalten, darunter so bekannte Firmen wie Shell, Honda, und Siemens", erklärt Manager Taavi Madiberk in der estnischen Presse (err). Das neue Werk soll westlich von Leipzig entstehen auf einer Fläche von 20.000 qm. Skeleton will hier 220 Millionen Euro investieren, dazu wollen Bundesregierung und Land Sachsen das Werk mit 51 Millionen Euro co-finanzieren. "Mit Energie in die Zukunft" - schon jetzt wirbt der geplante Standort Markranstädt mit diesem Slogan. Angeblich wird das neue Werk 240 neue Arbeitsplätze schaffen (Sächsische).

Sonntag, Juli 10, 2022

Estnischer Sommer 2022 - mit oder ohne Touristen?

Die estnische Tourismuswerbung versucht
die Deutschen zu erinnern:
Brot, Natur, Adelsspuren, estnische Sprache
und ... - alles schöner als Berlin!

In früheren Jahren, als die erneute Selbstständigkeit der baltischen Staaten für manche Deutsche vielleicht eher eine Überraschung darstellte, war ein Land wie "Estland" kein Urlaubziel (Island? Ästland?). Auch noch nach dem Beitritt zur Europäischen Union war es sicher nicht leicht, touristische Vorzüge dem deutschen Publikum nahe zu bringen. Nun aber muss offenbar vieles von neuem beginnen: nach drei Jahren mit Corona-Einschränkungen nun ein Sommer in direktem Kontakt zu unkalkulierbarem Kriegsgeschehen in den Nachbarländern im Osten. 

"Im Baltikum bleiben die Urlauber weg" - so diagnostiziert es Markus Nowak für den MDR, allerdings mit deutlichem Schwerpunkt auf Litauen. Evely Baum-Helmis von der estnischen Tourismusagentur "Visit Estonia" versucht es zumindest nicht negativ auszudrücken, wenn es hier heißt, man könne derzeit nicht sagen, wo "die Auswirkungen der Erholung von der Pandemie enden und wo die aktuellen Auswirkungen des Krieges beginnen." 

Derweil heißt es in Estland, besonders der Inlandstourimus erreiche Rekordwachstum (err). 249.000 Touristen seien im Mai gezählt worden, 176% mehr als im Jahr zuvor (stat.ee). Allerdings läge das gegenwärtige Niveau immer noch 50% unter den Zahlen vor der Pandemie 2019, und im Mai 2021 sei die Gästezahl eben auch besonders niedrig gewesen. 

Da wirken neueste Nachrichten aus der Hotelbranche sicher ermutigend, die von einer "Rückkehr der deutschen Touristen" berichten - viele Gruppen aus Deutschland, die nach Kriegsbeginn zunächst ihre Reise abgesagt hätten, kehrten nun langsam doch wieder nach Estland zurück. (err) Allerdings lohnt auch ein Blick auf die absoluten Zahlen: gegenwärtig ist von 922 Beherberungsbetrieben in Estland die Rede (err) - vorherige Statistiken wiesen noch über 1300 aus (entspr. 20.000 Gästezimmern / bisher 24.500, und 40.000 Betten / bisher 59.000 (stat.ee)

In der deutschsprachigen Presse macht Estland im Moment andere Schlagzeilen: "die Bedrohung ist real" (ZDF), "Frauen bereiten sich auf den Krieg vor" (heute.at), "keine Angst vor Eskalation" (ZDF), und zuletzt "überall werden Sirenen installiert" (Berliner Zeitung). 

Andererseits gibt es Berichte wie in der ARD, dem zufolge in vielen anderen Ländern ein Urlaub sehr viel teurer geworden ist (tagesschau). Zwar heißt es dort "Abseits der Touristenzentren locken Schnäppchen" - doch letztendlich geht der Blick der allermeisten Deutschen doch wohl nur Richtung Südeuropa. "Da wir weniger Touristen hatten, mussten wir die Preise leicht anheben," sagt Ain Käpp, Chef einiger Hotels in Estland (err). "Auch die 50%ige Erhöhung bei den Fährtickets wirkt da nach. Viele Hotels müssen momentan erst mal die Verluste aus der Corona-Zeit wieder aufholen. Aber das Preisniveau ist immer noch niedriger als in Skandinavien oder dem übrigen Europa."

Montag, November 29, 2021

Geehrter Thomas

"Lieber Thomas" ("Dear Thomas"), ein Film von Andreas Kleinert, hat das Leben des Schriftstellers Thomas Brasch als Thema (Trailer), der 2001 mit nur 56 Jahren in Berlin starb. Der Film wurde jetzt beim "Black Nights Film Festival" (PÖFF) in Tallinn mit dem Grand Prix für den besten Film ausgezeichnet (Pressemitteilung / ERR).

Brasch, Sohn jüdischer Emigranten, war in den 1950iger Jahren in die DDR übergesiedelt. Mit einem Vater als stellvertretendem Kulturminister, von der Filmhochschule exmatrikuliert, und dann auch noch 1968 gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestieren - die Lebensgeschichte bietet sicherlich genug Filmstoff.

"Tobende Körper, packende Augen" fielen der ZEIT an diesem "spannenden Kunstwerk über die Verzweiflung eines deutsch-deutschen Lebens" auf. Um dann zu urteilen: "die Verfilmung seines Lebens ist ein seltener Glücksfall für das deutsche Kino". Anders das ZDF: "Einen der auszog, Unruhe zu stiften" - unklar ob damit Brasch oder der Filmemacher gemeint ist. "Erzählt in traumhaft schönen Schwarz-Weiß-Bildern". "Eine brilliante Filmbiografie" (Süddeutsche). "Der letzte Held der DDR" (Welt)(weitere Pressestimmen: NDR , Kino-Zeit, KinoKino, EPD-Film, der Freitag, Augsburger Allgemeine, rbb)

Schön, dass jetzt auch die Estinnen und Esten etwas davon haben. Der Film lief auf dem PÖFF auch mit estnischen Untertiteln.

Sonntag, Dezember 13, 2020

Denk ich an Deutsche, wird mir Nacht ...

Ein Roman von Ungern-Sternberg - nein, kein Stück Literatur. Eher ein Stichwort für Spezialisten. Vielleicht müssen da erst einmal die "basics" erklärt werden: Ungern-Sternberg = deutschbaltisches Adelsgeschlecht. Zunächst "von Ungern", ab 1593 mit dem Zusatz "Sternberg". Eine Sippe voller Mythen und Geschichten, eine davon war einmal, sie kämen "aus dem Lande der Ungern". Unter den heute bekannten Persönlichkeiten sind unter anderem die Journalistin Christina von Ungern-Sternberg, oder der Diplomat Michael Freiherr von Ungern-Sternberg die öffentlich sichtbarsten Figuren. Vielleicht auch noch der Historiker Jürgen von Ungern-Sternberg. Aber "Roman" taucht erst kürzlich wieder in den Schlagzeilen auf - in der estnischen Presse (err). 45.000 Euro will die estnische Regierung für ein Denkmal bereitstellen. Da gilt es herauszufinden, welche Art Gedenken hier gemeint sein könnte.  
 
Als Kommandeur einer Teilgruppe der Weißen Armee, die im Russischen Bürgerkrieg (1918-22) gegen die Bolschewiki kämpften, besetzte "Roman" Anfang 1921 die Äußere Mongolei, woraufhin er vom Bogd Khan den Titel eines "Khan der Mongolei" verliehen bekam. Nach etwa sechs Monaten wurden seine Truppen von der Roten Armee zerschlagen. Ungern-Sternberg selbst wurde gefangen genommen - von seinen eigenen Leuten an die Rote Armee ausgeliefert - und nach kurzer Zeit hingerichtet.

Geschichten über seine Person werden demzufolge auch in der Mongolei diskutiert: früher mordender Antikommunist, neuerdings eher Bekämpfer der chinesischen Herrschaft? Starke Mythenbildung rund um seine Person - meint auch Mongolei online. Aber, wir lesen dort auch von unverhohlener Brutlalität seines Vorgehens. Der russische Schriftsteller Leonid Jusefowitsch bezeichnet Roman von Ungern-Sternberg als "Ideologen der Brutalität". 

Als Nikolaus Robert Maximilian am 10. Januar 1886 geboren, nannte sich der Sohn von Baronness Sophie von Wimpffen und ihres Mannes Baron Leonhard von Ungern-Sternberg später "Nikolai Roman Fjodorowitsch". Nachdem sich die Eltern scheiden ließen, blieb der Sohn bei der Mutter, und lebte nach deren zweiter Ehe mit Baron Hoyningen-Huene auf desse Gut Järvakanki (Järwakand). Schon als Schüler des Nikolaus-Gymnasiums Tallinn (damals Reval) soll er bekannt dafür gewesen sein, niemals irgendwelche Regeln zu akzeptieren: regelmäßig Schulbücher aus dem Fenster zu werfen, um dann, vorbei an seinen hilflosen Lehrern, den Büchern nachzurennen und nicht wieder zurück zu kommen, war da noch eine der harmlosesten Marotten (Wimpfen-Geschichte). Sein Stiefvater erbat dann seine Aufnahme in die Marineakademie St.Petersburg, wo er ebenfalls durch endlose Disziplinlosigkeiten auffiel. Er meldete sich dann freiwillig zur Russischen Armee (James Palmer: der blutige weiße Baron / die-andere-Bibliothek). 

Seit seinem Tod am 17. September 1921 in Nowosibirsk wurde dieser von den meisten eher gefürchtete Mensch schon vielfach zur Figur in Büchern. Mit unterschiedlicher Konotation: als paranoider Narzist, hemmungsloser Antisemit, entfesselter Warlord, heldenhafter Vorläufer des Führers Adolf Hitler, Dschingis Khan für ein halbes Jahr, oder doch eher eine Mischung aus Don Quichote und Iwan dem Schrecklichen? Warum aber will Estland so einer Person nun unbedingt ein Denkmal bauen?

Das beruht offenbar auf einer estnische Vereinigung mit dem Namen "Ungern Khan", sowie die "Sinine Äratus" (Blaues Erwachen), die der Partei EKRE nahesteht. Noch am 1. Dezember meldete der estnische Nachrichtenkanal ERR, die Partei würde die Errichtung eines Denkmals für Roman von Ungern-Sternberg finanziell unterstützen wollen. "Wir haben das Recht, Projekte zu unterstützen, die unseren Werten entsprechen", so Finanzminister und EKRE-Parteichef Martin Helme dazu. Einen Tag später erklärten die Vertreter von "Sinine Äratus" ihren Verzicht auf die Staatsgelder (err) - aber nicht auf das Denkmal. 
Wollen wir wirklich wissen, welcher estnische Bürgermeister (oder Bürgermeisterin) ein solches Denkmal gerne errichtet sehen will? Oder welche Organisationen in Deutschland dazu vielleicht applaudieren würden? Liebes Eestiland, wir hoffen, du bist noch nicht so tief gesunken, dass du solche zwielichtige "Helden" brauchst ...

Donnerstag, Juli 16, 2020

Lernende Gäste

Nein, im Gegensatz zu den USA müssen Studierende aus dem Ausland auch zu Krisenzeiten nicht um ihren Aufenthaltsstatus in Estland fürchten. Insgesamt 5528 junge Menschen sind es derzeit insgesamt, einer aktuellen Statitik zufolge, die an Hochschulen und Universitäten in Estland ein Studium absolvieren.

Es wäre auch widersinnig gewesen, gerade für Estland: wenn ich also vorwiegend online meine Dozent*innen und Univerwaltungen kontaktiere, so soll ich das Land verlassen? Estland, oder sollte ich besser sagen "E-Estonia", wirbt ja allzu häufig mit genau diesen virtuellen und digitalen Möglichkeiten. 5,5% der Studierenden in den USA seien Ausländer, heißt es in den aktuellen Meldungen. In Estland sind es 12,2% (ERR).

Die Statistik teilt nach Studienzielen auf: 2445 streben einen Abschluss in einem Master-Studiengang an, 1777 den Bachelor. Und 591 Studierende "wollen den Doktor machen", wie es so schön heißt. Zu den beliebtesten Fächern zählen Wirtschaft, Verwaltung, Jura, Sozialwissenschaften und Kommunikationstechnologie.
"StudyinEstonia"
Den größten Anteil ausländischer Studierender weist mit 36% die Estonian Business School (EBS) auf, eine 1988 zusammen mit Partnern in den USA und Kanada gegründete Privatschule, die 2011 sogar noch einen Campus in Helsinki eröffnete.

Die Webseite "Study in Estonia" wirbt mit diesen Schlagworten: "perfekt natürlich", "Startup spirit", "Schwitzen in der Sauna", "alles digital" und "gute Bildung". Zitat: "Ob Du Deinen Kontostand überprüfen willst, Dich für ein Stipendium bewerben, Deine Steuererklärung abgeben, oder ob Du wählen willst (ja, sogar das!) - alles ist so einfach wie das Öffnen von Instagram auf Deinem Smartphone".

In Deutschland wäre der DAAD zuständig für die Information von Interessierten. Dort steht der sogenannte "Ländersachstand Estland" zur Lektüre bereit. Hier ist u.a. zu sehen, dass es immer weniger Studierende aus Estland in Deutschland gibt. Es sind hier auch Informationen zu estnischen Studiengebühren zu finden: schon 2013 lagen sie zwischen 1660 und 11.000 Euro pro Studienjahr. Und hier sind auch andere, längerfristige Ziele der estnischen Bildungspolitik erläutert: demnach sollen 3% aller festen Stellen aller festen Stellen im akademischen Bereich von Ausländern besetzt werden. Bis 2015 war eine Zielgröße von 3000 ausländischen Studierenden in Estland abgestrebt - diese Zahl ist also inzwischen längst überschritten. Bei den deutsch-estnischen Projektförderungen sind hier für das Jahr 2018 Kooperationen der Hochschule Wismar, die Universitäten Greifswald, Bremen, Bamberg, Münster, Köln, Potsdam und Magdeburg, die TUs in Berlin und Dresden, die FH Bielefeld und die "Ecm Space Technologies Gmbh" an der TU Berlin aufgeführt.

Studieren in Estland, das ist auch etwas für diejenigen, die "Outdoorsport mögen und sich für Altstadtflair begeistern können" - so fasst es ein Erfahrungsbericht an der Uni Potsdam zusammen.

Diesem Trend scheint nun die kürzliche Entscheidung der estnischen Regierung, die Zahl der ausländischen Studierenden zu begrenzen, entgegen zu stehen. Zu erwarten war dementsprechend der Protest der Universitäten, wie etwa der Universität Tartu. Im Zusammenhang mit der Frage, die Einreise von dringend benötigten Saisonarbeiter*innen trotz Corona-Krise zuzulassen, war die Möglichkeit einer Begrenzung bei den Studierenden angekündigt worden - offenbar als Konzession an die rechtskonservative Regierungspartei EKRE. Betroffen wären dann besonders Studierende aus sogenannten "Drittstaaten", also Ländern, die weder der EU noch der OECD oder EEA angehören. "Wenn diese Studierenden die Schule in Estland beenden, dann können sie nicht bleiben" - so will es EKRE-Parteichef und Finanzminister Martin Helme (ERR). Bildungs- und Wissenschaftsministerin Mailis Reps von der Zentrumspartei schwächte diese Ankündigung dahingehend etwas ab, dass es Begrenzungen besonders dann geben soll, wenn Studierende Familienmitglieder nachholen wollen. - In sofern gilt wohl auch für Estland: die gegenwärtige Krise schüttelt alles Gewohnte ein wenig durch, und auch die Verantwortlichen in Estland werden noch überlegen müssen, wohin der Weg geht.

Dienstag, Juni 30, 2020

Besuch in Saksamaa

... einmal wenigstens die
Präsidentin mit dem Logo
im Hintergrund ... -
puuh, geschafft!
(Skeletontech)
Eigentlich ist es ja nur ein Gerücht - die Est*innen würden nur die Sachsen kennen, keine Deutschen (estnisch Deutschland = Saksamaa). Aber der Besuch der estnischen Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid dieser Tage speziell in Sachsen diente sicherlich einem doppelten Zweck: zum einen gibt es dort mit der "Skeleton Technologies GmbH" eine Firma mit Investoren aus Estland. Die Firma will "Blitzakkus für Hybridautos" bauen - wir lassen uns überraschen. "E-Estonia" baut also ganz auf E auch im Deutschland der Zukunft: E-Autos, E-Busse, e-ben immer noch etwas mehr. Wir lernen zumindest: in "Großröhrsdorf" werden also nicht die Röhren für die Ostsee-Gaspipeline gebaut, sondern Hochleistungs-Energiespeicher.

Dass es auch der erste Staatsgast war, den Bundespräsident Steinmeier seit Ausbruch der Corona-Krise empfing, gereit da in der bundesdeutschen Presse eher zur Nebensache. Klar ist aber, dass international derzeit ein Besuch der Staatspräsidentin Estland wesentlich willkommener geheißen wird als eine Auseinandersetzung über die Politik der estnischen Regierung. Der Schmusekurs von Regierungschefs Ratas mit der rechtkonservativen EKRE erzeugt weiterhin eher Kopfschütteln und Stirnrunzeln. Etwas voreilig die estnische ERR vielleicht, die schon von einem "Post-Corona-Besuch" schrieb.
Präsidentin, Bewunderer:
zusammen für digitales Saksamaa
So aber feiert sogar das "Neue Deutschland" Kaljulaid als "weltoffen" und erklärt sich zum Fan ihres Pullovers mit den Worten "SÕNA ON VABA" / "Das Wort ist frei". ("Bei uns bestellt!" postet das PG-Stuudio stolz). Keine Überraschung, dass in den Medien die üblichen Stichworte fallen: Estinnen und Esten gelten eben als "medienaffin",  und auch die Cybersicherheit sieht man im estnischen "Cybersecurity center" der NATO gut verankert.

Da helfen auch Schlagzeilen, die noch einen drauf setzen: "Digitale Lösungen sind sicherer als Papier"  titelt die "Sächsische". Und Frau Präsidentin wagt sich sogar an Ratschläge für Deutschland: "Jeder Deutsche muss selbst anfangen, seine digitale ID zu aktivieren, die Deutschland ja nun eingeführt hat, und digitale Dienstleistungen etwa in der öffentlichen Verwaltung zu nutzen," meint Kaljulaid, "Es liegt in der Hand der Bevölkerung und der Privatwirtschaft selbst, dies voranzubringen." (Sächsische)

Fahrradgenuß mit Teppich und Kronleuchter:
Fahr es besser draußen, Frank Walter!
Ein anderer Grund für einen Besuch speziell in Sachsen ist vielleicht auch, weil sowohl von Seiten der sächsischen Wirtschaft, in überraschender Übereinstimmung mit Linken und AFD, Stimmen für die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland zu hören sind - dem widerspricht Kaljulaid energisch.

Weniger im Fokus der Presse war, dass Kaljulaid auch "Amplerbikes" in Berlin besuchte, eine kleine Rundfahrt auf dem E-Bike machte ("Urbane E-Bikes aus Estland"), und sogar Gastgeber Hans-Walter dann ein eben solches zum Geschenk machte.

Im Schatten der Aufmerksamkeit steht derweil das 100-jährige Bestehen der Botschaft Estlands in Berlin - eben wegen den Beschränkungen in der Krise. Das genaue Jubiläumsdatum, der 15. Mai, fiel mitten in die Corona-Krise (siehe: "Geschichte der Botschaft"). "Wir sind glücklich, diese alte Doppelvilla in Berlin zu haben," schreibt Botschafter Alar Streiman, der sein Amt in Berlin Ende 2019 angetreten hatte.

Donnerstag, Juni 11, 2020

Coranse Brilon

Hansetage Brilon 2020 - die Besucherbank
blieb leer - und das virtuelle Notprogramm
war dafür kein Ersatz 
Die Briloner Waldfee war einer der Gäste zu den Internationalen Hansetagen in Tartu 2005, in Pärnu 2010 ebenfalls - aber ob Estinnen und Esten damals wussten, wo dieses Städtchen überhaupt zu finden ist? Zum Hansetag 2015 in Viljandi schickten die Sauerländer einen Trupp Jagdhornbläser. Auch 1992 fand in Tallinn schon ein Hansetag statt - und damit wären es insgesamt vier Gelegenheiten für die Briloner gewesen, estnische "Hansepartner*innen" zu besuchen.

Die Gelegenheit für Estinnen und Esten, die Stadt der Wälder und der Esel (Wappentier!) zu besuchen, musste für 2020 aufgegeben werden.Der Internationale Hansetag, geplant für den 4.-7. Juni 2020 in Brilon, fiel weitgehend aus.

Erstaunlicherweise war für genau dasselbe Wochenende auch in Viljandi ein Hansetag geplant - der ebenfalls ausfallen musste. Im Gegensatz zur internationalen Variante, wo schon über 10 Jahre vorher die Gastgeber*innen feststehen, findet der "Hansetag" in Viljandi jedes Jahr am ersten Juniwochenende statt, die Interessierten können auf 2021 vertröstet werden. Gleichartiges gilt auch für Pärnu oder Tartu, wo der örtliche Hansetag im Juli begangen wird. Da liegt für Est*innen und Esten vermutlich näher, den Ausfall ihrer estnischen Hansetage zu bedauern, als eine Fahrt nach einer unbekannten deutschen Kleinstadt zu wagen. Und auch das estnische Wikipedia kennt nur die vier Hansetage (Hansepäevad) seit 1992, die in Estland stattgefunden haben. Und "Visitestonia" bewirbt, selbstverständlich, ebenfalls nur Ereignisse innerhalb Estlands.

Tja, von einem Land aus gesehen, wo die Ostsee "Westsee" heißt, reicht der hanseatische Blick wohl vor allem bis Lübeck und Stralsund, vielleicht noch bis Hamburg. Wollen wir etwas estnisch üben? "nagu ikka hansalaat" spricht nicht etwa abwertend von der momentanen Krise ("so ein Salat"?), sondern meint schlicht: "Wie immer hanseatisch".

Der Briloner Bürgermeister, wohl kraft seines Amtes, hat da eine andere Wahrnehmung. „Je länger wir uns von 2020 entfernen, umso historischer werden diese ersten virtuellen Hansetage werden“, so läßt sich Brilons Bürgermeister zitieren ("Sauerlandkurier"). Nun ja, lieber Herr Bürgermeister: so geht das grundsätzlich mit allen Ereignissen.

Esel in Brilon - ein Nutztier
mit Tradition
Oder vielleicht ist es ja gar nicht richtig, dass von Estland aus Brilon nicht bekannt ist? Wir entdecken merkwürdige Berichterstattung der deutschen Lokalpresse. "Litauerinnen und Estländerinnen haben großen Anteil an Gewerbeanmeldungen von Ausländern in Brilon" - so eine Schlagzeile. Von 399 Gewerbeanmeldungen sollen 2016 demnach allein 100 aus Litauen und Estland gewesen sein. In diesem Zusammenhang erfahren wir erstaunt, dass es im katholischen Brilon gleich drei Bordelle gibt, und die hier gezählten Personen sind offenbar fast ausnahmslos Prostituierte. 

Nein, es gibt Themen, die Brilon offenbar unangenehme Fragen erzeugen. So auch, dass 1938 bei den Reichtagswahlen 95,5% der Briloner für die NSDAP stimmten. Auf einem Gedenkstein nahe der Innenstadt steht ist der Satz zu finden: "am 9.November 1938 wurde die Synagoge bei den folgenschweren Ausschreitungen durch ein Feuer zerstört." Wundersam, wundersam. Der Gedenkstein wurde übrigens nicht durch die Stadt Brilon aufgestellt, sondern durch eine Vereinigung der Stadtführer*innen. Nüchtern beschreiben die Tafeln, dass die Ruinen "anschließend abgetragen" wurden, und man erfährt auch, dass nach dem Synagogenbrand 15 Männer verhaftet wurden - allesamt Juden, 11 davon landeten im KZ (Wikipedia). 


Sie meinen, dass alles gehört nicht zum Thema Hansetag? Nun ja, wir stellen zunächst nur fest: dies alles ist sichtbar für Menschen, die mit offenen Augen durch Brilon laufen. Und bei einer Durchführung der Hansetage hätten das ja wohl Zehntausende Besucher*innen gemacht. Nein, wir behaupten ja gar nicht, dass in dieses Bild auch die Musik-CD passt, die von den Briloner Verantwortlichen in "Überraschungstüten" am 7.Juni ausschließlich an Autofahrer verteilt wurde: 17 Mal Marschmusik, Blasmusik und Jagdfanfaren. Oder, anders gesagt: Tirol, Böhmen, Bayern, Alpenglühen - umgearbeitet für Sauerländer Ohren. Wir ahnen: irgendwie stellten sich die Eselstädter einen Hansetag einfach wie ein ziemlich großes Schützenfest vor. 

Und wie stellen wir uns den nächsten Internationalen Hansetag vor? Verschoben werden konnte nichts, denn die jährlichen Ausrichter stehen ja bereits seit vielen Jahren fest. Die Wiederholung einer "Coranse" wünschen wir niemand. Was ein "digitaler Hansetag" ist, und ob es auch interaktive digitale Angebote geben kann, das werden die Hanse-Aktivisten ja noch lernen. 2021 werden die estnischen Hansestädte es leichter haben, in Riga teilzunehmen (und vermutlich nicht mehr parallel eigene Hansetage planen). 

Eindrücke Hansetage 2020, Teil 3
Eindrücke Hansetage 2020, Teil 2
Eindrücke Hansetage 2020, Teil 1