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Dienstag, Februar 17, 2009

Die Finanz-und Wirtschaftskrise

In Berichten über Nord-Osteuropa werden häufig wie in alten Zeiten, alle Staaten östlich von Deutschland in einem Satz zusammengefasst. Da werden Länder wie Polen, Ukraine und Russland mitunter in einer Schlagzeile untergebracht. Telegraph:

Failure to save East Europe will lead to worldwide meltdown
The unfolding debt drama in Russia, Ukraine, and the EU states of Eastern Europe has reached acute danger point.


Warum auch die baltischen Staaten. Vielleicht wegen Lettland?
Telegraph:
In Poland, 60pc of mortgages are in Swiss francs. The zloty has just halved against the franc. Hungary, the Balkans, the Baltics, and Ukraine are all suffering variants of this story. As an act of collective folly – by lenders and borrowers – it matches America's sub-prime debacle. There is a crucial difference, however. European banks are on the hook for both. US banks are not.

Almost all East bloc debts are owed to West Europe, especially Austrian, Swedish, Greek, Italian, and Belgian banks. En plus, Europeans account for an astonishing 74pc of the entire $4.9 trillion portfolio of loans to emerging markets.

They are five times more exposed to this latest bust than American or Japanese banks, and they are 50pc more leveraged (IMF data).

Ha, die Wiederauferstehung des "Ostblocks". Aber nehmen wir die Zahlen. Der Telegraph sagt "sie" seien mehr den Risiken ausgesetzt als amerikanische und japanische Banken. Vielleicht ist mir hier etwas entgangen. Es gibt meiner Meinung nach keine nennenswerten estnischen Banken mehr. Für die Aktionäre der gut laufenden Hansapank gab es damals eine Ausschüttung und danach war sie schwedisch. In Estland haben im Bankwesen zu 90 Prozent die Schweden und Dänen das Sagen:

Quelle:Estnisches Finanzministerium
Trotzdem ist der Druck auf das Finanz- und Währungssystem in Estland groß. Inwieweit eine Abwertung der Eesti Kroon ernsthaft in Betracht kommt, kann ich nicht beurteilen, hier aber wird es angedacht:
Latvia, Estonia and Lithuania are ''under pressure'' to follow Russia and Kazakhstan in reducing their currency management and allowing devaluation, Nouriel Roubini, New York University professor, said last week.
BBH predicts that, by the middle of this year, the Baltic currencies could see a 50% decline against the euro, writes BLOOMBERG/LETA.
Thin also added that dwindling reserves may also force the devaluation of the Baltic currencies.
Latvia’s reserves have dropped 27% to USD 4.7 billion since July. Estonia’s declined 5% to USD 3.9 billion in the second half of last year, and Lithuania’s slumped 13% to USD 6.3 billion, International Monetary Fund data show.

Quelle: The Baltic Course
Hier noch eine kurzer Überblick über die Zahlen des Abschwungs, auch The Baltic Course
Die beiden Blogger Knut und Kloty über die Wirtschaftskrise in Estland, hier:
Estland: ein flammendes Inferno?
Und noch eine kurze Erinnerung an den Beginn der Krise, die vor allem 2008 die Immobilienblase betraf:
Zuversicht in Zeiten der Krise - Von Hang-over nach dem Ende der Party (noch) keine Spur
Konrad-Adenauer-Stiftung Länderbericht Oktober 2008.
Ständige Updates von Wirtschaftsdaten und Meldungen im Blog von Kairi Kurm
Darunter auch die Nachricht, dass trotz sinkender Touristenübernachtungen in Estland, die Anzahl der Besucher aus Russland steigt.

Freitag, Dezember 05, 2008

Überraschendes politisches Schauspiel um Geld

Auch Estland ist von der derzeitigen globalen Finanzkrise betroffen. Aus diesem Grund planten die Parlamentarier einen Schritt, der für ihre Kollegen weltweit ungewöhnlich ist. Üblicherweise wird gerade über gegenteilige Beschlüsse gestritten: Die Abgeordneten von Riigikogu wollen sich angesichts der klammen finanziellen Situation der Einwohner Estlands die automatische Vergütungserhöhung verweigern.

Das aber verstößt nach Ansicht von Präsident Toomas Hendrik Ilves gegen die Verfassung. Bereits einmal hat er das Gesetz zu neuerlichen Beratung an das Parlament zurück verwiesen. Die Abgeordneten verabschiedeten es aber erneut. Jetzt hat der Präsident die Novelle beim Verfassungsgericht eingereicht, daß wohl bis Februar kommenden Jahres entscheiden wird.

Õiguskantsler[1] Indrek Teder ist der Ansicht, daß die Verfassung zwar in der Tat die Erhöhung des Einkommens der Abgeordneten für die laufende Legislaturperiode verbiete, diese also nur für das nächste Parlament in Kraft treten könne. Dies gelte aber nicht für eine Senkung und das Einfrieren der Bezüge. Diese Meinungsäußerung hat nach Auffassung des Vorsitzenden des Verfassungsausschusses, Väino Lind, die Abgeordneten so weit überzeugt, daß das Gesetz mit 58 von 101 Stimmen verabschiedet wurde.

Die Reformpartei hat sich der Stimme jedoch enthalten. Jürgen Ligi begründete, daß angesichts von Arbeitslosigkeit und stagnierenden Einkommen dies auch für die Parteifreunde unangenehm sei.

Der Vorsitzende der Fraktion der Grünen, Marek Strandberg, bestätigt, es sei für die Gesellschaft in Krisenzeiten nicht egal, ob das Parlament konsequenten Sparwillen beweise. Gleichzeitig halte er es für richtig, den Streit zwischen staatlichen Organen vor dem Verfassungsgericht auszutragen.
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[1] Diese Institution ist in der estnischen Verfassung ein über den Ombudsmann weit hinaus gehendes Amt, daß auch die Rechtmäßigkeit der Gesetzgebung und die Arbeit der kommunalen Selbstverwaltung beobachtet und berät.

Donnerstag, Oktober 16, 2008

Luxus-Spa oder Bankenkrise?

Estland braucht keine EU-Bürokratie! Solche Sprüche waren 2003 vor dem EU-Referendum von estnischen EU-Gegnern zu lesen und zu hören. Der estnische Wirtschaftsaufschwung werde nur von der lahmen EU behindert, so selbstbewußte estnische Wirtschaftsgurus damals. - Heute schwimmt nicht nur Estland mitten in der Banken- und Finanzkrise, und manche Experten sagen auch, kleinere Länder hätten ihre Währungen schon längst erheblich abwerten müssen ohne den Schutz der EU (siehe Island). Gespannt blicken wir also auch nach Estland und hoffen vielleicht insgeheim wieder auf estnische Kreativität und Erfinderreichtum. "Die Krise erfasst jetzt Osteuropa", titelt zum Beispiel der ARD-Börsenbericht, und bezeichnet die baltischen Staaten als neben Ungarn am stärksten von der Finanzkrise betroffenen Regionen. Ein Einschätzung der Financial Times pflichtet dem bei, und nennt ein hohes Leistungsbilanzdefizit und den Einfluß krisengeschüttelter skandinavischer Banken als Gründe.

Aber es gibt dem auch scheinbar wiedersprechende Meldungen. Angeblich sollen doch gerade die fallenden Immobilienpreise ein deutliches Zeichen überzogener Erwartungen sein? "Neues Luxus-Ferienresort an der estländischen Küste" meldete Gewerbeimmobilien24 gestern. Gleiches meldet "Cash-online" (schöner Name, angesichts der Milliarden-Stützungssteuergelder für die Banken!). Zugegeben wird allerdings, dass Baubeginn der Projekte erst 2009 sei. Ein Vier-Sterne-Hotel, Luxus-Eigentumswohnungen und -villen sollen entstehen - und wo? Gerade dort, wo manche deutschen Reiseführer sogar bisher von einem Besuch abgeraten haben: in der Region Narwa.

Nun ist plötzlich von "Grundstücken in attraktiver Küstenlage" die Rede, von "Medical-Spa-Bereichen" mit über 7.000 qm und Hotels mit Luxus-suiten. Aber der Estland-Freund wird vielleicht spätestens spätestens bei der Ortsbeschreibung stutzen: "Narva-Jõesuu, ein von Russen wie von Estländern gleichermaßen beliebter Ferienort", so preist es das Immobilienportal. Wird hier noch schnell angepriesen, was nachrichtenmäßig noch nicht in der letzten Ecke Estlands angekommen ist? Die IGP Ingenieur AG aus Berlin ist bei diesem Projekt Auftragnehmer eines Investors aus St.Petersburg (Novost-info nennt Andrej Katkov als für das Projekt verantwortlichen Unternehmer, und bezeichnet diesen als Vertrauten von Präsident Putin). Oder retten nun wirklich die Russen das estnische (und nebenbei das deutsche im Ausland tätige) Baugewerbe?Dass Bauplanungen der IGP momentan nicht überall vorankommen, zeigt zum Beispiel ein Bauprojekt in Wattenscheid (Bericht Emsdettener Volkszeitung 5.10.08). Sogar bei den neuen Luxusbauten Moskaus soll es neuerdings Baustopps geben. Oder, wie bei einem Bauprojekt in Berlin-Lichtenberg, dort dauerte es schlappe 10 Jahre bis aus einem begonnenen Projekt und einer langjährigen Bauruine dann doch noch (durch die IGP) eine Luxusanlage wurde (Bericht Berliner Morgenpost 27.06.08). Also: Krise, welche Krise? Irgendwelche Reichen, die hübsch abgeschirmt schick Urlaub machen wollen, werden schon übrig bleiben, auch in Estland!

Für Investoren, die noch "flüssig" sind:

Webseite Narva Jõesuu Spa

Wohungen kaufen in Narva-Jõesuu

Virumaa.ee

Dienstag, April 15, 2008

Droht auch estnischen Banken die Pleite?

Manche Finanzanalysen sagen gegenwärtig voraus, auch Banken in den baltischen Staaten könnten noch wegen schlecht abgesicherter Kredite in Schwierigkeiten kommen.
Baltic Business News (bbn) schrieb am 14.4., 28% der Befragten hätten zugegeben, Schwierigkeiten bei der Rückzahlung ihrer Baukredite zu haben (Quelle: Umfragen von Faktum&Ariko
). Die meisten, die das betrifft, seinen jünger als 34 Jahre alt. Dabei gaben die weiblichen Interviewten ihre Schwierigkeiten offener zu als die Männer.

BBN zitiert Triin Messimas von der SEB-Bank, wonach die Tendenz zu beobachten sei, dass Privatkunden zunächst ihren Baukredit zurückzuzahlen versuchen - und dabei im Falle von Schwierigkeiten die Schulden ihrer Kreditkarte oder von Leasing-Geschäften erstmal auflaufen lassen. Terje Lääts, ein Berater für Kunden mit Rückzahlungproblemen erzählt im gleichen Beitrag, er habe etwa zehn solche Fälle innerhalb von zwei Tagen, meist "normale arbeitende Menschen".

Eine Rolle spielen in dieser Diskussion offenbar auch die sogenannten "SMS-Kredite" - ein Griff zum Mobiltelefon, und schon ist der Kreditvertrag "unterschrieben" (gibts das in Deutschland eigentlich auch?). Die meisten Est/innen sprechen sich für ein Verbot dieser SMS-Kredite aus (20% dagegen). Näheres zum Verfahren dieser "SMS-loans" hier (Network Europe).

"DSL-Tarife" schreibt zu diesem Thema, nicht ohne zu erwähnen, dass in Deutschland ein Kredit als "sittenwidrig gilt, wenn er 91% übersteigt:
"die Zinsbelastung ist enorm: Bereits nach 14 Tagen werden für 100 Euro insgesamt 120 Euro fällig. Nach zwei Monaten hat sich die geforderte Summe bereits verdoppelt. Innerhalb eines Jahres hat sich die Summe mit einer Verzinsung von 11.400 Prozent verhundertfacht."
Und im TAZBLOG war folgendes zu lesen: "Die ursprünglich aus Finnland stammende Firma Ferratum bietet Ihnen einen Blitzkredit von 300 Euro an. Der könne in 10 Minuten gutgeschrieben sein. Innerhalb von 15 Tagen muss zurückbezahlt werden. - zuzüglich einer Gebühr von sage und schreibe 75 Euro. Der Trick: Ferratum nennt es nicht Zinsen sondern 'Bearbeitungsgebühr'."

Also aufgepasst: die nächste SMS von Deiner Bank könnte auch die letzte sein ...