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Samstag, August 05, 2023

Estnische Erdbeeren

Wachsen in Estland Erdbeeren? Die Frage ist zumindest gegenüber denjenigen verständlich, die glauben, in den einsamen Gegenden des Landes würden auch Rentiere herumlaufen. Nein, ganz so nördlich ist Estland dann doch nicht gelegen - auch wenn sich die Bewohnerinnen und Bewohner gerne selbst lieber als "nordisch" denn als "baltisch" bezeichnen. 

"Maasikas" ist zwar auch der Name eines estnischen Diplomaten, eines Nachtclubs in Tartu, eines Kindergartens in Tallinn und auch einer estnischen Glaskünstlerin - und in Viljandi gibt es Erdbeeren aus Beton. Aber zunächst einmal werden Kundinnen und Kunden daran denken, "Maasikas" entweder selbst im eigenen Garten anbauen oder auf den Wochenmärkten kaufen. Unter "Eesti Maasikas" finden wir dann auch entsprechende Angebote: "Polka", "Sonata" oder "Elianny" heißen hier zum Beispiel die angebotenen Sorten, so wusste es sicher auch der 2019 verstorbene Unternehmer Valdis Kaskema, bis dahin einer der größten Erdbeerbauern in Estland, dessen Firma „Kindel Käsi“ in der Gemeinde Nõo im Kreis Tartu auf 20 Hektar Erdbeeren anbaute. Nach seinem tragischen Unfalltod erzählte sein Bruder Varmo in der estnischen Presse: "Er hat so schöne Erdbeeren angebaut, dass die Esten manchmal gar nicht glaubten, dass so etwas auch im eigenen Landes wachsen kann." (Postimees)

Genau an diesem Punkt der Diskussion macht sich nun das estnische "Zentrum für landwirtschaftliche Forschung" (Maaelu Teadmuskeskus METK) weitere Gedanken, eine Einrichtung die am 1. Januar 2023 frisch ihre Arbeit aufgenommen hat und nun die Projekte des "Estnischen Pflanzenzüchtungsinstituts" und des "Agrarforschungszentrums" zusammenführen soll. Auch von um ein Vielfaches gestiegenen Preisen war in der estnischen Presse immer wieder zu lesen (ERR)

Aber obwohl es auch in Estland viele aus anderen Ländern importierte Erdbeeren gibt, bevorzugen doch estnische Verbraucherinnen und Verbraucher gerne die regionalen Produkte aus dem eigenen Land - wenn man sich nicht die Mühe machen will die schmackhaften Walderdbeeren zu suchen. Nun sei es aber schon vorgekommen, so berichtet Piret van der Sman, stellvertretende Laborleiterin bei METK, dass Händler polnische Erdbeeren als einheimische ausgegeben hätten, um dann höhere Preise verlangen zu können. Allerdings seien solche Betrügereien bisher nur schwer nachzuweisen gewesen. (ERR)

Nun aber gibt es eine Datenbank für estnische Erdbeeren. Vielleicht könnte man da in E-Estonia auch an digitalisierte Erdbeeren denken - nein, genauer gesagt ist es eine "Referenzdatenbank für Erdbeeren estnischen Ursprungs", so das Projekt des METK; realisiert wird es in Zusammenarbeit mit der deutschen "Agroisolab GmbH".aus Jülich, eine in der Branche offenbar erfahrene und anerkannte Firma. Dort wird das Verfahren dann "geografische Herkunftsüberprüfung" genannt. 

"Der Ursprung der estnischen Erdbeere kann nun bestätigt werden" verkündet das METK nun im Sommer 23 in einer Pressemeldung. Projektleiterin Liina Kruus sagt zu, jetzt estnische Erdbeeren eindeutig identifizieren zu können. Wir lassen unsere Phantasie wieder etwas schweifen und stellen uns vor, dass nun Estinnen und Esten mit einer "Erdbeeren-App" auf dem Handy zum Markt gehen. Das einzige, was in Estland NICHT ditigal erledigt werden kann, ist ja angeblich "heiraten, Scheidung und Immobilienkauf", so ein beliebter Spruch. Wir lernen dazu: auch zum Erdbeeren testen muss zunächst das zuständige Amt angefragt werden (ob sie auch spontan eingeschickte oder vorbei gebrachte Warenproben akzeptieren, ist der Pressemeldung nicht eindeutig zu entnehmen, auch über eine Kostenübernahme ist nichts gesagt).

Jedenfalls enthalte die estnsiche Referenzdatenbank bereits Daten von insgesamt 21 estnischen, 11 lettischen und sieben litauischen Produzenten, so heißt es. Ergänzt worden sei das von Erdbeerproben, die von Beamten der Landwirtschafts- und Lebensmittelbehörde aus Einzelhandelsverkäufen in verschiedenen Regionen Estlands entnommen wurden. Liebe Estinnen und Esten! Sollte also jemand auf die Idee kommen, Erdbeeren aus dem eigenen Garten auf dem Markt verkaufen zu wollen, da gilt wohl auch: please contact your Databank!

 


Sonntag, August 26, 2018

Die Apfelestin

Schon manches ist in diesem Jahr unternommen worden, um in variantenreicher Form dem 100-jährigen Jubiläum des unanbhängigen Estland zu gedenken - vom Eichenbäume pflanzen bis zum gemeinsamen Fahrrad fahren, tanzen, singen oder Theater spielen. Für die Künstlerin Kamille Saabre jedoch stehen gerade jetzt im Spätsommer ganz bestimmte Objekte im Fokus: estnische Äpfel.

Kamille Saabre malt Äpfel. Nicht ausschließlich - auch andere Früchte, und auch Blumen. Aber stets schlicht nach der Natur. Vielleicht auf dem Weg, die eigene Identität erkunden zu wollen. Saabre sagt: "Jeder Apfel ist wie ein Este". Aber aufgepasst: umgedreht stimmt dieser Satz noch lange nicht! Keinesfalls ist jeder Apfel wie ein Este (oder eine Estin) - ein Blick auf die Vielzahl der meist auf äußerliche Schönheit und einheitliche Größe gezüchteten Äpfel dieser Welt hilft weiter. Und Estland ist in dieser Hinsicht eben doch lieber nicht wie Italien - wo schon 70% aller Obstgärten nur "Golden Delicious" bieten (und auch Elstar, Jonagold, Gala, Cripps Pink, Rubinette und Pinova sind alles Kreuzungen mit dieser kommerziell erfolgreichsten Sorte des Handels.

Weiterhin sagt Saabre: "Ich bin nicht darauf aus, die Schönheit der Natur zu kopieren. Ich möchte aber die Betrachter inspirieren, obwohl auf den Bildern ja keine Menschen zu sehen sind. Dennoch gibt es die ganze Bandbreite menschlichen Lebens zu sehen." Und die Künstlerin kann es auch an der eigenen Person erklären, was sie meint: "Ich war schon in New York, ich habe meine Familie in Zürich gegründet. Zu meiner persönlichen Farbpalette kommt ein polnischer Großvater, eine türkische Großmutter, ein Vater aus Ägypten, eine Mutter aus Estland und ein Ehemann aus der Schweiz dazu. All dies beeinflusst mein Leben und meine Kunst."

Kamille Saabre hat schon ein wenig weiter gedacht: das hundertste Jubiläumsjahr ist bald schon zu Ende. Was dann? "Õun on nagu eestlane", wie gesagt. Saabre hat vorgesorgt, und einen Kalender nach diesem Motto für das Jahr 2019 zusammengestellt. "Wenn es nach mir ginge, würde ich den Apfel zur Nationalfrucht Estlands erklären" - auch dieser Satz stammt von Saabre. "Sogar dort, wo Bauernhöfe aufgegeben wurden und die Menschen längst weg sind, da stehen die Apfelbäume noch."

So gelangen die Apfelfreunde dann vielleicht zu der Erkenntnis:Kingin sulle õuna. Sest õun on eestlase moodi 
(Ich gebe Dir einen Apfel - weil der Apfel ein estnischer Weg ist)

Sehr schön auch, dass der Saabre-Apfelkalender 2019 auch den Apfelsorten-Spezialisten weiterhelfen wird: Geboten wird der "Liivi kuldrenett" im Januar, "Valge klaarõun" im Februar, ein "Sõstraroosa" im März, und ein "Juulikuine" schon im April. Es folgen ein "Suislep" im Mai, der "Paide taliõun" sowohl im Juni wie auch im Juli, und der "Pärnu tuviõun" für den August, der auch "Trebuu" oder Lambanina" genannt wird. Im September steht dann der "Antoonovka" im Kalender (der sogar schon einen Eintrag bei Wikipedia hat und wissenschaftlich "Kloostri Antonovka" genannt wird). Der Kalender-November bietet noch den "Krameri tuviõun", und das Jahr schließt ab mit dem "Liivi sibulõun". Was fehlt? Die für den Kalender-Oktober herausgesuchte Sorte nennt Kamille Saabre "Komsomolka" - ein Begriff, der von den meisten wohl mit verschiedenen Dingen des sowjetischen Alltags in Verbindung gebracht wird, den ich aber bei Apfelhändlern noch nicht gefunden habe. Vielleicht ein Apfel aus Nachbars Garten?

Und noch dies: Untersuchungen des estnischen Landwirtschaftsministeriums zufolge ist der Apfel der Est/innen meist konsumierte Frucht - 34g pro Einwohner und Tag (gegenüber Zitrusfrüchten mit 30g und Bananen mit 22g /Tag).

Kamille Saabre Webseite / Facebookseite / Estonia100

Samstag, Juni 28, 2014

Eco-Estonia

Die Produktion im Bereich der ökologisch erzeugten Lebensmittel habe sich in Estland innerhalb der vergangenen 10 Jahre vervierfacht - das ist eine der Kernaussagen einer neuen Infobroschüre des estnischen Landwirtschaftsministeriums.
1989 wurde die estnische Vereinigung für biodynamischen Landbau gegründet, später folgten weitere regionale und landesweite Ökoverbände. Inzwischen gibt es auch 84 Verarbeitungsbetriebe für Ökoprodukte, die meisten allerdings Kleinbetriebe. 34 Ökohöfe - so die Statistik des Ministeriums - produzieren eigene Produkte. Statistisch gesehen nimmt Ökolandbau in Estland heue 153,426 ha Land ein, 16.3% der gesamten landwirtschaftlich bewirtschafteten Fläche mit 1.553 Ökobetrieben.

Estnische Steigerungsraten:oben die
Flächengröße des Ökoanbaus, unten
die Anzahl der Ökohöfe
Im Mai traf sich auch das "Organic Data Network" in Tallinn - nach Angaben der Organisatoren vierundzwanzig Teilnehmer aus 15 beteiligten Projekten. Ihre estnischen Projektpartner konnten bilanzieren, dass die größte Anzahl von Öko-Produzenten im Bezirk Võru im Südosten Estlands zu finden ist, die größte bewirtschafteste Fläche aber auf der Insel Saaremaa. Im Bezirk der Insel Hiiumaa produziert fast zwei Drittel der landwitschaftlichen Fläche ökologische Produkte.

Ob noch "Veteranen" des estnischen Ökoanbaus heute dabei sein, lässt sich den verschiedenen Berichten leider nicht entnehmen. Durch die radikale Einstellung jeglicher Subventionen für die Landwirtschaft nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit hatten es auch Ölobauern in den 1990er Jahren nicht leicht. Finanzielle Unterstützung zahlt die estnische Regierung seit dem Jahr 2000.


Infobroschüre "Organic farming in Estonia" (Mahepõllu Majandus eestis)
Organic Data Network /  Estnische Stiftung Ökolandbau

Mittwoch, Februar 01, 2012

Grüne Estenwochen

Kaum ist das Kulturhauptstadtjahr vorbei, gibt das estnische Außenministerium weitere Pläne für besondere Ereignisse bekannt. Im Januar 2014 wird Estland Gastland der Grünen Woche in Berlin sein. Landwirtschaftsminister Helir-Valdor Seeder habe eine entsprechende Vereinbarung mit der Messeleitung in Berlin abgeschlossen. Gastland 2012 war Rumänien, 2013 werden es die Niederlande sein. Eine erste Bilanz der gerade abgelaufenen Grünen Woche 2012 ergab einen Besucherzuspruch von 420.000 Menschen.

Sonntag, Februar 08, 2009

Dreimal Vorbild Estland

Manchmal ist es geradezu beängstigend, wie oft sich mediale Gewohnheiten einprägen, und ständig wiederholt werden. Da werden Themen der (relativ kleinen) baltischen Staaten, mit ihrer natürlich durch ihre jeweils eigenen Sprachen geprägten medialen Selbstwahrnehmung, oft lange Zeit litaneiartig abgelehnt oder für unwichtig erklärt. Aber hat Estland es einmal mit einem "Branding" in die internationale Öffentlichkeit geschafft, zieht es ungeahnte, ständig wiederholte Kreise.


Beispiel 1: Maßnahmen gegen Cyberwar als "estnische Erfindung"

Zwar war das kleine Estland ja eher "Betroffener" eines Angriffs auf die virtuellen Kommunikationswege, aber inzwischen wird auch die Reaktion darauf als estnisch geprägt eingeschätzt. So berichtet der SPIEGEL in dieser Woche: "Bundeswehr baut geheime Cyberwar-Truppe auf". Bei der Ortangabe des Übungsplatzes beschleichen manche vielleicht auch unangenehme Gefühle (Rheinbach bei Bonn), denn nahe Bonn wurden auch schon mal kilometerweise unterirdische Atomschutzbunker gebaut, weil die damalige Bundesregierung sich öffentlich nicht zu sagen traute, dass dies alles gegen eine atomare Kathastrophe nichts helfen wird. Laut SPIEGEL trainieren die Damen und Herren im Rheinischen den "elektronischen Ernstfall, wie es ihn zuletzt in Estland und Georgien gab." Ob damit eher gemeint ist, dass nun estnische Probleme auch in Deutschland ernst genommen werden, oder ob es nur als Warnzeichen möglicher Bedrohungen gesehen wird (wo dann wieder Einschränkungen der demokratischen Freiheit mit dem Vorhandensein diffuser Bedrohungen gerechtfertigt werden), das muss vorerst unklar bleiben. (Bericht auch bei Heise/Telepolis - dort auch eine Menge Leserreaktionen darauf)

Beispiel 2: Bundeskabinett verabschiedet Bürgerportalgesetz
Wie ebenfalls auf "Heise online" ausführlich fachlich kommentiert wird, ist ein vom Bundesinnenministerium erarbeitete Gesetzentwurf über Einrichtung und Betrieb von "Bürgerportalen" von der Bundesregierung verabschiedet worden. "De-Mail steht für Fortschritt, IT und IT-Sicherheit made in Germany", hat angeblich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) das Projekt gelobt. Aber schnell folgt das Zugeständnis zumindest der Fachpresse: "Mit De-Mail folgt Deutschland in gewisser Weise dem e-Vorbild Estland."

Beispiel 3: Bauern lernen Fremdsprachen: in Estland!
Wie die Schweriner Volkszeitung berichtet (und gleich auch noch eine nette Karikatur zum Thema anbietet), lernen Bauern aus der Region Bützow nun verstärkt "Agrar-Englisch". Gegenwärtig eilt es offenbar besonders, denn "im Frühjahr und Sommer haben die Bauern wenig Zeit", das haben auch die Veranstalter der Kurse erkannt. Möglich also, dass wir auf mecklenburger und vorpommerischen Bauernhöfen also demnächst auch mit einem "Good morning, nice to see you" begrüßt werden könnten.
Woher haben die Bützower Bauern Idee und Erkenntnis? "Bei einem Besuch in Estland ist mir aufgefallen, dass mein Englisch nicht so gut ist", muss selbst Bauernverbands-Geschäftsführerin Katrin Kauer zugeben. Nun ja: zwar ist es zwischen "Estnisch" und "Englisch" noch ein kleiner Schritt, aber eins steht ja schon mal fest: uninteressant kann der Besuch in Estland ja nicht gewesen sein, wenn mecklenburger Bauern gerne noch mehr davon verstehen wollen. Übrigens: Bützow unterhält eine Partnerschaft mit Sillamäe in Estland.

Mittwoch, Oktober 22, 2008

Frauen in Estland: Funsport oder lustiges Landleben?

Als deutschsprachiger Mensch und Estland-Freund ist es immer interessant mitzuverfolgen, welches Bild sich in den deutschsprachigen Medien wiederspiegelt. Da fallen in dieser Woche zwei Beiträge auf, die Frauen aus und in Estland zum Thema haben.

Da ist einerseits Evelin Ilves. "SCC-Running" interviewt sie als teilnehmende Inline-Skaterin beim Berlin-Marathon 2008. Das steht wohl unter dem Motto "Coole Präsidentin haben diese Esten (und Estinnen)"...

Interessant die Begründung zur Frage, wie denn die Bedingungen zum Inline-Skaten in Estland ausfallen: "
Jede neue Straße in Estland muss einen Fahrradweg haben, daher sind die Bedingungen besser als in vielen anderen Ländern." - Nun, sehr vereehrte Frau Ilves, das ist Europarecht (das mit den neuen Straßen und den dazu zu bauenden Radwegen!). Aber können Sie uns erstens verraten, ob Sie nun etwa auf den Radwegen skaten (ist das in Estland erlaubt? oder wegen nur wenigen Radfahrer/innen möglich?), und zweitens, warum denn die anderen EU-Länder (etwa die Nachbarländer Lettland und Litauen) nicht auch diese Gesetze gleichermaßen umsetzen?

Andere Aspekte zum Thema "Frauen in Estland" sind bei Agrar-heute nachzulesen. Dass die angeblich positive Entwicklung in der estnischen Landwirtschaft immer nur in Form von kurzfristigen Statistiken gemessen wird (nicht etwa von 1990 an gerechnet oder damit verglichen!), das sind wir ja schon gewohnt. Hier aber steht unkommentiert, dass 37% der 12.700 Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe in Estland Frauen seien. "Frauen spielen eine wichtige Rolle", steht da zu lesen. Als Geringverdiener, als landwirtschaftliche Zuerwerbsbetriebe (40% aller Betriebe haben zusätzlich eine außerlandwirtschaftliche Tätigkeit), als Alleinerziehende, als Öko-Bäuerinnen, oder als Liebhaberinnen des Landlebens? Vielleicht steht das ja mal woanders nachzulesen.

Donnerstag, Januar 19, 2006

Ökolandbau in Estland - nichts ist unmöglich!

Ökolandbau in einem so weit nördlich liegenden Land wie Estland? Ja, geht denn das? Solche Fragen südlicher orientierter Öko-Freaks, die eher naturbelassenes Olivenöl oder Ökowein aus Südeuropa konsumieren, kann nun ein neuer Bericht des Vereins EKO-CONNECT mit Sitz in Leipzig beantworten.

Überraschend große Bedeutung
Estland, das Land was gleich nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit die meisten der Subventionen für die Landwirtschaft erst einmal abschaffte, steht heute mit dem - nach Tschechien - "höchsten Öko-Flächenanteil in Mittel- und Osteuropa" da. "Beachtliche 6,0 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche, über 58.000 ha (inkl. Umstellungsflächen), werden zurzeit biologisch bewirtschaftet," so fasst es die neue Ausgabe des Informationsrundbriefs von EKO-CONNECT zusammen.

Von Rindern, Schafen und grünem Gras
Weiterhin stellen die Ökolandbau-Fachleute fest, dass zu Zeiten der Sowjetunion die estnische Landwirtschaft noch sehr stark auf die Produktion von Fleisch und Milch konzentriert war. Bei der Milchproduktion hat sich das in sofern gehalten, als dass die beiden größten Biobetriebe Estlands auch Milchproduktion betreiben und jeweils etwa 850ha Fläche bewirtschaften.
Trotz des hohen Grünlandanteils von insgesamt 81,8 % haben aber weniger als zwei Drittel der Biobetriebe eine Tierhaltung (63 %). Dabei werden Rinder und Schafe am häufigsten gehalten.
Bereits ein Drittel der estnischen Schafproduktion erfolgt nach ökologischen Richtlinien.

(Abbildung: aus einer Ausstellung des "Eesti Rahva Muuseum", historisches Foto von 1913 der Getreideernte auf Saremaa)

Bei uns ist doch eigentlich alles Öko, oder?
Viele werden die Aussagen von Esten aus der Zeit des politischen Umbruchs kennen, als man naturnahe Flächen und den Verzicht auf Pestizide und Herbizide im ländlichen Estland vielfach schon als "ökologisch" bezeichnete. Damals fehlten natürlich ein eigenes Ökosiegel und die Qualitätskontrolle. Heute sind die meisten der 1013 estnischen Bio-Betriebe in den Verbänden Estonian BioDynamic Association (EBA) und die Estonian Organic Producers Union organisiert. Die EBA wurde bereits 1989 gegründet und organisierte die ersten Ökolandbaukurse in Zusammenarbeit mit skandinavischen und deutschen Kollegen. Die Estonian Organic Producers Union besteht seit dem Jahr 2000 und bemüht sich vor allem darum, das Angebot größerer Betriebe für die Vermarktung zu bündeln.

Langsamer Start, aber erfreuliche Entwicklung.
In den 90er Jahren ging die Entwicklung des Ökolandbaus in Estland noch sehr schleppend voran, so bestätigt auch der Bericht von EKOCONNECT. Erst seit Ende der 90er Jahre wurden auch staatlicherseits konkrete Fördermaßnahmen ergriffen, trotzdem gab es 1999 erst 89 anerkannte Biobetriebe mit etwa 4.000 ha Gesamtfläche. Inzwischen ist ein Ökobauernhof in Estland durchschnittlich 58ha groß. Ab 1997/98 gelang es, auch die staatlichen Verantwrotlichen wieder für den Ökolandbau zu begeistern. Mit dem Bio-Logo "Mahemärk" wurde ein Förderprogramm geschaffen, und seit 2001 ist das Bio-Gesetz (Estonian Organic Farming Act) von 1997 an die entsprechenden Regelungen der EU angepasst worden. Im Gegensatz zu vielen anderen EU Ländern wird die Kontrolle von Öko-Erzeugern, -Verarbeitern, -Händlern und -Gastronomen, wie in
Dänemark, seit 2001 von staatlichen Stellen durchgeführt. Die landwirtschaftlichen Betriebe werden vom Estonian Plant Production Inspectorate (PPI) kontrolliert. Kleine Betriebe bis 10 ha bezahlen 13 € pro Jahr, so berichtet EKO-CONNECT. Ab dem elften Hektar sei zusätzlich 0,32 € pro Hektar zu zahlen. Der maximale Gesamtbeitrag liege bei ca. 510 €. Bei Betrieben die sowohl ökologisch als auch konventionell wirtschaften, muss auch für die konventionellen Flächen Kontrollgebühr entrichtet werden.


Beratung und Hilfestellungen
Auch der Schulungs- und Beratungs-Sektor ist in Estland inzwischen gut entwickelt: Zwei
private Organisationen, das Centre for Ecological Engineering (CEET, 1992) und die Estonian Organic Farming Foundation (EOFF, 2001) unterstützen die ökologische Landwirtschaft durch die
Bereitstellung von Informationsmaterialien. Außerdem führen sie Infoveranstaltungen sowie
Weiterbildungsmaßnahmen für Umstellungsinteressierte und Ökolandwirte durch. Auch die moderne und gut ausgestattete landwirtschaftliche Universität (Estonian Agricultural University) in Tartu und einige landwirtschaftliche Fachschulen beschäftigen sich mit dem Ökolandbau (siehe auch den schon etwas älteren, aber ausführlichen Länderbericht von Ülle Roosmaa / Universität Tartu oder den von Merit Mikk - beide in Englisch).

Und wo sind die Ökobetriebe zu finden?
Der Schwerpunkt der Öko-Fläche liegt offensichtlich in den Extensivregionen im Westen und Süden Estlands. Ein Bespiel ist die Insel Hiiumaa, wo 117 Betriebe rund 70 % der Landwirtschaftsfläche ökologisch bewirtschaften. Relativ viele Betriebe gibt es auch auf Saaremaa und in den Bezirken Võru und Läänemaa.

Was gibt es noch zu tun?
Finanzielle Unterstützung gibt es in Estland aus einem speziellen Programm für Agrar-Umweltmaßnahmen - auch dazu lassen sich ein paar Zahlen aus dem Bericht von EKO-CONNECT entnehmen. Im Jahr 2004 lagen die Prämien für Ackerland bei 96,89 €/ha, bei 73,88 €/ha für Grünland und 240,56 €/ha für Garten- und Obstbau. Für die Umstellung und Beibehaltung des Ökolandbaus seien die gleichen Beträge gezahlt worden. Aber ein noch vorhandenes Manko erwähnt EKO-CONNECT auch: leider gibt es keine Unterstützung für Investitionsmaßnahmen, so dass eine Modernisierung für Ökobetriebe in Estland immer noch schwierig sei.
Weitere Informationen: EkoConnect - Internationales Zentrum für den Ökologischen Landbau Mittel- und Osteuropas e. V., Arndtstraße 11, 01099 Dresden. Tel. : +49 (0) 351 / 20 66-172, Fax: +49 (0) 351 / 20 66-174, Email : info@ekoconnect.org. Internet: www.ekoconnect.org