Freitag, September 04, 2026

Die neue Ülle

Estland hat eine neue Präsidentin - und ein Teil der Estinnen und Esten fragt sich vermutlich: wer ist das eigentlich? Denn auch in Estland wird ja ein Präsidentin oder ein Präsident nicht von der Einwohnerschaft direkt gewählt (laut Umfragen würden dies 70% befürworten / ERR), sondern die im Parlament vertretenen Parteien suchen sich jemand, der oder die eine Mehrheit der Parlamentarier/innen hinter sich bringt. In Deutschland ist es ja ähnlich. 68 Stimmen waren im estnischen Parlament nötig, um gewählt zu werden - 71 entfielen gleich im ersten Wahlgang auf Dr. Ülle Madise. 

Zunächst: "Ülle" ist nicht etwa ein lässig ausgesprochener Spitzname für eine Ulrike oder eine Ursula, sondern ein Name, der besonders in den 1960iger Jahren in Estland für Mädchen oft gewählt wurde. Vielleicht nicht so traditionell wie Mari, Tiiu, Anneli oder Anu (auch "Hülle" als Frauenname wäre möglich). Aber immerhin gibt es laut Estnischen Statistikamt im Jahr 2026 noch 4163 Frauen mit dem Namen "Ülle", das ergibt Platz 20 der beliebtesten Frauennamen. Die männliche Form dazu wäre Ülo. Auch eine Ähnlichkeit zwischen Vor- und Nachname kommt in Estland häufiger vor - dann sieht es so aus, als hätten die Eltern den Vornamen entsprechend dem Nachnamen gewählt. Ülle Ulla ist so ein Beispiel, estnische Ballerina und Opernsängerin. Und es gibt einen estnischen Namenstag für alle, die Ülle heißen - das ist der 19. Februar. Wenn wir uns nun das Land Estland als "Eltern" vorstellen, wäre die Überlegung: gut, am 24. Februar ist unser nationaler Tag, dann nehmen wir jemand mit zeitlich naheliegendem Namenstag. Dann können wir ein paar Tage länger feiern.

"Estnischen Kindern werden zunehmend kurze, international beliebte Namen gegeben", so hieß es noch 2024 in einem Bericht (ERR), und als populärste Namen wurden etwa Sofia, Mia, Emily, Maria, Nora, Olivia, Elli, Saara oder Eva genannt. Viele Estinnen und Esten wählen Namen offenbar mit Blick auf international häufig genutzte Sprachen - für Ülle wird es auf Englisch schwierig.

Als Ülle Anton in Tartu aufgewachsen, war Ülle Madise dort Absolventin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität, und arbeitete in den letzten 30 Jahren für mehrere Regierungsbehörden. Anfang der 2000er Jahre war sie Leiterin der Abteilung für Gesetzgebungspolitik im Justizministerium zur Einführung des estnischen Online-Wahlsystems bei und half einige Jahre später als Leiterin des Sekretariats des Verfassungsausschusses des Riigikogu bei der Umsetzung von EU-Rechtsvorschriften in estnisches Recht.

Präsident Toomas Hendrik Ilves engagierte sie 2009 als Rechtsberaterin. Im Januar 2015 wurde Madise zur ersten Justizkanzlerin Estlands gewählt und bekleidet dieses Amt nun seit elf Jahren in Folge. Sie ist dafür bekannt sich für die Verfassung und die Menschenrechte einzusetzen. Kritik äußerte sie wiederholt an zu viel Bürokratie und zu viel Datenhunger der Behörden. Aufsehen erregte einmal ein Foto, dass sie im Jahr 2021 neben Präsidentin Kaljulaid zeigte. Die Präsidentin trug eine Maske, Madise nicht. Nach den Gründen gefragt sagte sie: „Weil ich kein Heuchler sein kann. Davor hatten wir anderthalb Stunden lang ohne Masken miteinander geredet, gegessen und gelacht. Keiner von uns hatte Symptome oder COVID.“ (ERR)

Ülle Madises Ehemann ist Lauri Madise, Richter am Europäischen Gerichtshof mit Sitz in Luxemburg. Dr. Ülle Madise wird ihr Amt als Präsidentin Estlands am 12.Oktober antreten. Verständigungsprobleme mit Deutschsprachigen wird es keine geben, denn die neue Präsidentin verfügt über sehr gute Deutschkenntnisse. Elagu Eesti! 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen