Nein, ein "Ausnahmezustand" bestehe in Estland nicht mehr - jedenfalls nicht mehr nach dem 18.Mai, so kündigte es Regierungschef Ratas an (err). Unsere Maßnahmen erlauben es uns jetzt, zu einem normaleren Leben zurückzukehren," meinte Ratas. Man müsse jedoch wachsam bleiben.
Die Nachbarn aus Litauen und Lettland dürfen jetzt einreisen, ohne erst mal 14 Tage in Quarantäne geschickt zu werden. Für Einreisende aus Finnland sind genaue Bedingungen genannt: wenn keine Krankheitssymptome vorliegen, dürfen Finninnen und Finnen die in Estland arbeiten oder studieren einreisen, ebenso alle die aus familiären Gründen, also wegen einer anstehende Hochzeit oder Beerdigung, einreisen wollen.
Am meisten Aufsehen erregten in der vergangenen Woche jedoch die Bären, die freilaufend auf den Straßen der estnischen Hauptstadt gesichtet wurden. "Wenn drei, vier, fünf Wochen lang niemand auf den Straßen herumläuft und sie stört, werden sie eben mutiger," meinte der estnische Zoologe Aleksei Turovski (err). Eine andere Bemerkung wird Einwohner*innen Tallinns wohl kaum beruhigt haben: "Wenn sie aus dem Winterschlaf kommen, sind die Bären eben auch am hungrigsten." - Turovski gibt auch Tipps für Begegnungen mit Bären: "Flüstern sie nicht, sprechen Sie in normaler Lautstärke." Aber ob Hauptstädter*innen dieselbe Wortwohl wie ihre Zoologen wählen werden, muss offen bleiben. Turowski empfiehlt Sätze wie diesen: "Hallo Teddy, schön dich zu sehen!"
Die estnische Polizei hatte die Suche nach den nahe des Freilichtmuseums (Vabaõhumuuseum) gesichteten Bären, bei der auch fliegende Drohnen und Suchhunde im Einsatz waren, ohne Ergebnis wieder abgebrochen. Insgesamt wird geschätzt, dass mehrere hundert Braunbären in Estland leben.
Ist Estland eigentlich "baltisch"? Die estnische Sprache ist ja dem Finnischen ähnlich (finno-ugrisch), und das sogenannte "Baltikum" ist sowieso ein Behelfsbegriff ohne Grundlage. Noch viel zu wenig ist in Deutschland bekannt über Kultur und Geschichte, über Politik und Gesellschaft in Estland. Die jungen Europäer in Deutschland und Estland werden die Zukunft prägen! Wir rufen auf zur Diskussion.
Sonntag, Mai 17, 2020
Samstag, Mai 02, 2020
Estnische Opernlegende
"In diesen Zeiten", wie man im Moment so gerne sagt, also "in diesen Zeiten" müssen leider auch runde Geburtstage anders gefeiert werden als geplant. In Estland ist das zum Beispiel Georg Ots - den manche vielleicht auch als Name eines Schiffes kennen mit dem sie schon gefahren sind, oder sie haben im gleichnamigen Hotel übernachtet. Georg Ots (1920-1975) hätte in diesem Jahr 100. Geburtstag feiern können - und da das nur wenige erreichen, wird dieses runde Datum ja meist von den Verehrern und Verehrerinnen begangen.
Ganz abgesehen davon, dass das erwähnte Schiff illegal verschrottet worden sein soll, sind für Anfang September 2020 zwei Gala-Jubiläumskonzerte zu Ehren der estnischen Opernlegende Georg Ots geplant - ob sie auch stattfinden können, die Opernfreund*innen hoffen noch. Ots spielte auch in vielen Filmen mit - und unter der Regie von Peeter Simm wurde seine Lebensgeschichte 2007 auch verfilmt (Titel "Georg", imdb / efis/ Filmkritik). Ots, der auch italienisch, russisch, deutsch und finnisch sang, war der Star estnischer Opernaufführungen schon in den 1950iger Jahren gewesen, seien es in Gershwin's "Porgy & Bess", Mozarts "Don Giovanni", Bizet's "Carmen", Verdi's "Maskenball" oder "Eugen Onegin" von Tschaikowsky. Und "G.Otsa" - so heißt auch eine der Straßen, die zur Nationaloper hinführt.
Nun werden in Zukunft die Besucher*innen noch mehr an Estlands bekanntesten Opernsänger erinnert: direkt am Eingang der Estnischen Nationaloper wird eine Skulptur des Künstlers aufgestellt werden. Die Gestaltung übernimmt gleich ein ganzes Team, bestehend aus dem Bildhauerpaar Ilme und Riho Kuld, dem Landschaftsarchitekt Kristofer Soop, und dem Architekt Ott Alver. Eine Expertenjury prämierte das Siegerprojekt der Ausschreibung mit 10.000 Euro. Vadim Belobrovtsev, stellvertretender Bürgermeister Tallinns, zeigte sich besonders angetan von den "dynamisch-abstrakten Formen" des neuen Denkmals (Baltic Times / ERR).
Georg Ots war 1975 - auf dem Zenit seiner Karriere - im Alter von nur 55 Jahren verstorben.Auch eine Musikschule in Tallinn trägt inzwischen seinen Namen - und die Liste der Absolventen dieser Schule ist beeindruckend: Arvo Pärt, Veljo Tormis, Erkki-Sven Tüür, Neeme Järvi, Eri Klas, Olav Ehala, Jaak Joala, Sven Grünberg, oder Raivo Tafenau - sie alle machten hier ihren Abschluss.
Eigentlich sollte "Mr. Georg Ots" auch als Oper auf die Bühne gebrachte werden - jedoch sind die Aufführungen unter der Regie des Russen Dmitri Bertman, bereits 2019 auf den Operntagen Saaremaa uraufgeführt, gegenwärtig im Zuge der Corona-Einschränkungen vorläufig abgesagt.
Trailer zum Film "Georg Ots" / Doku-Filmausschnitt /
Ganz abgesehen davon, dass das erwähnte Schiff illegal verschrottet worden sein soll, sind für Anfang September 2020 zwei Gala-Jubiläumskonzerte zu Ehren der estnischen Opernlegende Georg Ots geplant - ob sie auch stattfinden können, die Opernfreund*innen hoffen noch. Ots spielte auch in vielen Filmen mit - und unter der Regie von Peeter Simm wurde seine Lebensgeschichte 2007 auch verfilmt (Titel "Georg", imdb / efis/ Filmkritik). Ots, der auch italienisch, russisch, deutsch und finnisch sang, war der Star estnischer Opernaufführungen schon in den 1950iger Jahren gewesen, seien es in Gershwin's "Porgy & Bess", Mozarts "Don Giovanni", Bizet's "Carmen", Verdi's "Maskenball" oder "Eugen Onegin" von Tschaikowsky. Und "G.Otsa" - so heißt auch eine der Straßen, die zur Nationaloper hinführt.
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| In Umkehrung eines oft genutzten Spruches: doch, nahezu alle Besucherinnen und Besucher der estnischen Nationaloper werden in Zukunft "an Georg Ots vorbeikommen" ... |
Georg Ots war 1975 - auf dem Zenit seiner Karriere - im Alter von nur 55 Jahren verstorben.Auch eine Musikschule in Tallinn trägt inzwischen seinen Namen - und die Liste der Absolventen dieser Schule ist beeindruckend: Arvo Pärt, Veljo Tormis, Erkki-Sven Tüür, Neeme Järvi, Eri Klas, Olav Ehala, Jaak Joala, Sven Grünberg, oder Raivo Tafenau - sie alle machten hier ihren Abschluss.
Eigentlich sollte "Mr. Georg Ots" auch als Oper auf die Bühne gebrachte werden - jedoch sind die Aufführungen unter der Regie des Russen Dmitri Bertman, bereits 2019 auf den Operntagen Saaremaa uraufgeführt, gegenwärtig im Zuge der Corona-Einschränkungen vorläufig abgesagt.
Trailer zum Film "Georg Ots" / Doku-Filmausschnitt /
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Tallinn
Montag, April 20, 2020
Inselvirus, Virusinsel
Die Ostseeküste Estlands (= Läänemeri rannikuala, die "Westsee" Estlands) ist auch wegen der vielen Inseln berühmt. Die bekannteste ist natürlich Saaremaa, auch bei den Touristen sehr beliebt. Nun wird die Insel mit neuen Herausforderungen fertig werden müssen: neben der Hauptstadt Tallinn ist Saaremaa zu einem Ort mit sehr vielen Covid-19-Infizierten geworden.
Nun wird gerätselt, wie das passieren konnte. Hier eine Chronik:
27. Februar 2020 - Gesundheits- und Sozialminister Kiik muss den ersten Corona-Fall in Estland feststellen.
4.+5.März 2020 - eine Mannschaft des "Powervolley Milano" besucht Saaremaa und trägt zwei Spiele gegen den heimischen Club "Saaremaa SK" aus (err).
7.März 2020 - auf Saaremaa findet das "Mullifestival" statt - Champagner und Sekt wird hier präsentiert. Estnische Agenturen vermuten, dass auch ein ausführlicher Bericht der BBC zu starkem Besucherandrang führte.
8. März 2020 - Am Internationalen Frauentag kann es unter anderem einen stärkeren Besucherandrang bei Altenheimen oder bei Verwandten gegeben haben.
11. März 2020 - die ersten zwei Krankheitsfälle von Covid-19 werden auf Saaremaa diagnostiziert.
Beim Manager des Clubs "Saaremaa SK" wird ebenfalls Corona festgestellt. Alle Spieler des "Powervolley Milano" kommen nach der Rückkehr in Italien in Quarantäne, ohne allerdings Symptome zu zeigen.
Es gibt 10 weitere Erkrankungen anderswo in Estland.
12. März 2020 - die estnische Regierung ruft den Ausnahmezustand aus und terminiert diesen bis zum 1. Mai.
Der Schiedsrichter des Volleyballspiels wird positiv auf Covid-19 getestet, ebenso mehrere Spieler der italienischen Mannschaft.
Die Behörden auf Saaremaa schließen alle Schulen (zunächst für zwei Tage) und testen die Schüler*innen., die das Volleyballspiel besucht haben.
13. März 2020 - Ein Wehrdienstleistender des "Kalev Infanterie Battallions", der das Volleyballspiel besucht hatte, wird positiv getestet. Daraufhin wird für 146 weitere Wehrdienstleistende und acht Soldaten Quarantäne verhängt.
14. März 2020 - Inzwischen gibt es 109 positiv auf Covid-19 getestete Menschen in Estland.
Es werden neue Restriktionen verhängt: der Zugang zu den größeren estnischen Inseln ist nun für alle gesperrt, die dort nicht ihren ständigen Wohnsitz haben. Auf den Autofähren müssen nun alle Passagiere während der Überfahrt in ihren Fahrzeugen bleiben. Alle Sporteinrichtungen, Kindergärten und Hotels werden geschlossen.
Am Krankenhaus von Kuresaare werden nun alle, die sich testen lassen wollen, schon im Auto behandelt.
16. März 2020 - Inzwischen sind es 205 Fälle von Covid-19 in Estland. Nun muss jede/r, der/die aus dem Ausland einreist, sich für 14 Tage in Quarantäne begeben.
18. März 2020 - alle Flüge von und nach den Inseln Saaremaa und Hiiumaa werden abgesagt. Das Krankenhaus von Kuresaare ruft über die sozialen Netzwerke zu Spenden für die Beschaffung von medizinischer Ausrüstung auf.
19. März 2020 - auch der Bürgermeister von Saaremaa, Madis Kallas, ein ehemaliger Zehnkämpfer, wird positiv auf Covid-19 getestet.
20. März 2020 - Es wird bekannt, dass auch die meisten der Corona-Patieten, die in den Krankenhäusern von Pärnu und Tallinn liegen, von der Insel Saaremaa gekommen sind.
22. März 2020 - es wird bekannt, dass auch mehrere Spieler der Mannschaft "Saaremaa SK" positiv getestet wurden.
25. März 2020 - Estland beklagt die erste Tote im Zusammenhang mit Covid-19, eine 83-jährige Frau.
26. März 2020 - als neue Beschränkung müssen nun alle, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, 14 Tage zu Hause in Quarantäne bleiben.
27. März 2020 - ein Vergleich der Zahlen von Saaremaa und der Region Tallinn zeigen, dass es mit Stand an diesem Tage 218 Corona-Fälle auf Saaremaa gibt (bei einer Bevölkerung von 33.000), während im Bezirk Harju es 208 Fälle gibt (583.000 Menschen). Das Krankenhaus von Kuresaare gibt bekannt, dass bereits 20 der eigenen Mitarbeiter*innen positiv getestet wurden und sich in Quarantäne befinden.
Es werden nun auch alle Einkaufszentren geschlossen.
29. März 2020 - Regierungschef Jüri Ratas gibt neue Restriktionen bekannt. Die meisten Läden werden nun geschlossen. Die Einwohner von Saaremaa müssen nun ihre ID-Card immer mit sich führen, Vergehen werden mit bis zu 2000 Euro bestraft.
Das staatliche Gesundheitsamt beklagt den ersten Corona-Toten auf Saaremaa. Präsidentin Kersti Kaljulaid beordert 40 Angehörige des Militärs zur Unterstützung der Polizei nach Saaremaa.
31. März 2020 - inzwischen gibt es 754 Corona-Erkrankte in Estland. Verteidigungsminister Jüri Luik kündigt an, die Armee werde eine zusätzliche Krankenstation mit Feldbetten auf Saaremaa einrichten.
Die Polizeipatroillen auf Saaremaa werden verstärkt durch Freiwillige der Kaitseliit.
1. April 2020 - das Feldhospital der Armee wird auf Saaremaa eingerichtet.
2. April 2020 - allein an diesem Tag sterben 6 Menschen in Estland an Covid-19, drei davon in Kuresaare. Das dortige Krankenhaus gibt bekannt, dass bereits 41 ihrer Mitarbeiter*innen positiv auf Covid-19 getestet wurden.
3. April 2020 - in Estland gibt es jetzt insgesamt 961 positiv Getestete, 359 davon auf Saaremaa (303 in der Region Tallinn). Es werden neue Einschränkungen für Altenheime und Sozialstationen bekannt gegeben: niemand darf mehr die Einrichtungen verlassen (falls doch, gibt es keine Rückkehrmöglichkeit). Verlassen und dann wiederkommen, dieses Verhalten wird als einer der Gründe für das vermehrte Auftreten von Corona in Altenheimen festgestellt.
5. April 2020 - inzwischen wurden 21.000 Menschen in Estland auf Covid-19 getestet, 1018 davon positiv.
6. April 2020 - es gibt vier weitere Tote auf Saaremaa, zwei Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 60 und 86 Jahren.
8. April 2020 - es gibt die erste Tote unter dem Krankenhauspersonal auf Saaremaa, eine 53-jährige Frau.
14. April 2020 - es gibt inzwischen mehr als 30 Tote in Estland im Zusammenhang mit Covid-19. Einige Erkrankte werden vom Krankenhaus Kuresaare in andere Einrichtungen aufs Festland verlegt.
19. April 2020 - inzwischen wurden 40.000 Menschen in Estland auf Corona-Virus getestet, 40 sind verstorben.
20. April 2020 - inzwischen gibt es im Bezirk Tallinn (Harju) etwas mehr Erkrankte als auf Saaremaa. Die estnischen Medien veröffentlichen die Nummer eines Spendenkontos für das Krankenhaus in Kuresaare auf Saaremaa. (nach einer Aufstellung des ERR)
Der Bürgermeister von Saaremaa, Madis Kallas, erklärt die politische Verantwortung für die Lage auf Saaremaa übernehmen zu wollen - ab Mai 2020 werde er als Bürgermeister zurücktreten. Inzwischen gibt es im Bezirk Saare (Saaremaa, Muhu und kleinere Inseln, insgesamt 33.000 Einwohner*innen) insgesamt 520 positiv auf Covid-19 getestete Menschen.
Andere Nachrichten: am 16. April beschließt die estnische Regierung, je 100.000 Euro für Italien und für Spanien, dazu auch Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel zur Corona-Bekämpfung zur Verfügung zu stellen.
Nun wird gerätselt, wie das passieren konnte. Hier eine Chronik:
27. Februar 2020 - Gesundheits- und Sozialminister Kiik muss den ersten Corona-Fall in Estland feststellen.
4.+5.März 2020 - eine Mannschaft des "Powervolley Milano" besucht Saaremaa und trägt zwei Spiele gegen den heimischen Club "Saaremaa SK" aus (err).
7.März 2020 - auf Saaremaa findet das "Mullifestival" statt - Champagner und Sekt wird hier präsentiert. Estnische Agenturen vermuten, dass auch ein ausführlicher Bericht der BBC zu starkem Besucherandrang führte.
8. März 2020 - Am Internationalen Frauentag kann es unter anderem einen stärkeren Besucherandrang bei Altenheimen oder bei Verwandten gegeben haben.
11. März 2020 - die ersten zwei Krankheitsfälle von Covid-19 werden auf Saaremaa diagnostiziert.
Beim Manager des Clubs "Saaremaa SK" wird ebenfalls Corona festgestellt. Alle Spieler des "Powervolley Milano" kommen nach der Rückkehr in Italien in Quarantäne, ohne allerdings Symptome zu zeigen.
Es gibt 10 weitere Erkrankungen anderswo in Estland.
12. März 2020 - die estnische Regierung ruft den Ausnahmezustand aus und terminiert diesen bis zum 1. Mai.
Der Schiedsrichter des Volleyballspiels wird positiv auf Covid-19 getestet, ebenso mehrere Spieler der italienischen Mannschaft.
Die Behörden auf Saaremaa schließen alle Schulen (zunächst für zwei Tage) und testen die Schüler*innen., die das Volleyballspiel besucht haben.
13. März 2020 - Ein Wehrdienstleistender des "Kalev Infanterie Battallions", der das Volleyballspiel besucht hatte, wird positiv getestet. Daraufhin wird für 146 weitere Wehrdienstleistende und acht Soldaten Quarantäne verhängt.
14. März 2020 - Inzwischen gibt es 109 positiv auf Covid-19 getestete Menschen in Estland.
Es werden neue Restriktionen verhängt: der Zugang zu den größeren estnischen Inseln ist nun für alle gesperrt, die dort nicht ihren ständigen Wohnsitz haben. Auf den Autofähren müssen nun alle Passagiere während der Überfahrt in ihren Fahrzeugen bleiben. Alle Sporteinrichtungen, Kindergärten und Hotels werden geschlossen.
Am Krankenhaus von Kuresaare werden nun alle, die sich testen lassen wollen, schon im Auto behandelt.
16. März 2020 - Inzwischen sind es 205 Fälle von Covid-19 in Estland. Nun muss jede/r, der/die aus dem Ausland einreist, sich für 14 Tage in Quarantäne begeben.
18. März 2020 - alle Flüge von und nach den Inseln Saaremaa und Hiiumaa werden abgesagt. Das Krankenhaus von Kuresaare ruft über die sozialen Netzwerke zu Spenden für die Beschaffung von medizinischer Ausrüstung auf.
19. März 2020 - auch der Bürgermeister von Saaremaa, Madis Kallas, ein ehemaliger Zehnkämpfer, wird positiv auf Covid-19 getestet.
20. März 2020 - Es wird bekannt, dass auch die meisten der Corona-Patieten, die in den Krankenhäusern von Pärnu und Tallinn liegen, von der Insel Saaremaa gekommen sind.
22. März 2020 - es wird bekannt, dass auch mehrere Spieler der Mannschaft "Saaremaa SK" positiv getestet wurden.
25. März 2020 - Estland beklagt die erste Tote im Zusammenhang mit Covid-19, eine 83-jährige Frau.
26. März 2020 - als neue Beschränkung müssen nun alle, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, 14 Tage zu Hause in Quarantäne bleiben.
27. März 2020 - ein Vergleich der Zahlen von Saaremaa und der Region Tallinn zeigen, dass es mit Stand an diesem Tage 218 Corona-Fälle auf Saaremaa gibt (bei einer Bevölkerung von 33.000), während im Bezirk Harju es 208 Fälle gibt (583.000 Menschen). Das Krankenhaus von Kuresaare gibt bekannt, dass bereits 20 der eigenen Mitarbeiter*innen positiv getestet wurden und sich in Quarantäne befinden.
Es werden nun auch alle Einkaufszentren geschlossen.
29. März 2020 - Regierungschef Jüri Ratas gibt neue Restriktionen bekannt. Die meisten Läden werden nun geschlossen. Die Einwohner von Saaremaa müssen nun ihre ID-Card immer mit sich führen, Vergehen werden mit bis zu 2000 Euro bestraft.
Das staatliche Gesundheitsamt beklagt den ersten Corona-Toten auf Saaremaa. Präsidentin Kersti Kaljulaid beordert 40 Angehörige des Militärs zur Unterstützung der Polizei nach Saaremaa.
31. März 2020 - inzwischen gibt es 754 Corona-Erkrankte in Estland. Verteidigungsminister Jüri Luik kündigt an, die Armee werde eine zusätzliche Krankenstation mit Feldbetten auf Saaremaa einrichten.
Die Polizeipatroillen auf Saaremaa werden verstärkt durch Freiwillige der Kaitseliit.
1. April 2020 - das Feldhospital der Armee wird auf Saaremaa eingerichtet.
2. April 2020 - allein an diesem Tag sterben 6 Menschen in Estland an Covid-19, drei davon in Kuresaare. Das dortige Krankenhaus gibt bekannt, dass bereits 41 ihrer Mitarbeiter*innen positiv auf Covid-19 getestet wurden.
3. April 2020 - in Estland gibt es jetzt insgesamt 961 positiv Getestete, 359 davon auf Saaremaa (303 in der Region Tallinn). Es werden neue Einschränkungen für Altenheime und Sozialstationen bekannt gegeben: niemand darf mehr die Einrichtungen verlassen (falls doch, gibt es keine Rückkehrmöglichkeit). Verlassen und dann wiederkommen, dieses Verhalten wird als einer der Gründe für das vermehrte Auftreten von Corona in Altenheimen festgestellt.
5. April 2020 - inzwischen wurden 21.000 Menschen in Estland auf Covid-19 getestet, 1018 davon positiv.
6. April 2020 - es gibt vier weitere Tote auf Saaremaa, zwei Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 60 und 86 Jahren.
8. April 2020 - es gibt die erste Tote unter dem Krankenhauspersonal auf Saaremaa, eine 53-jährige Frau.
14. April 2020 - es gibt inzwischen mehr als 30 Tote in Estland im Zusammenhang mit Covid-19. Einige Erkrankte werden vom Krankenhaus Kuresaare in andere Einrichtungen aufs Festland verlegt.
19. April 2020 - inzwischen wurden 40.000 Menschen in Estland auf Corona-Virus getestet, 40 sind verstorben.
20. April 2020 - inzwischen gibt es im Bezirk Tallinn (Harju) etwas mehr Erkrankte als auf Saaremaa. Die estnischen Medien veröffentlichen die Nummer eines Spendenkontos für das Krankenhaus in Kuresaare auf Saaremaa. (nach einer Aufstellung des ERR)
Der Bürgermeister von Saaremaa, Madis Kallas, erklärt die politische Verantwortung für die Lage auf Saaremaa übernehmen zu wollen - ab Mai 2020 werde er als Bürgermeister zurücktreten. Inzwischen gibt es im Bezirk Saare (Saaremaa, Muhu und kleinere Inseln, insgesamt 33.000 Einwohner*innen) insgesamt 520 positiv auf Covid-19 getestete Menschen.
Andere Nachrichten: am 16. April beschließt die estnische Regierung, je 100.000 Euro für Italien und für Spanien, dazu auch Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel zur Corona-Bekämpfung zur Verfügung zu stellen.
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Dienstag, März 31, 2020
Home office Estland
Alles digital in Estland? Es gibt immer noch Überraschungen. Gerade bei politischen Entscheidungen zeigten sich in der vergangenen Woche Lücken: es stand die Wahl des Parlamentsvorstands an, die einmal im Jahr erfolgen muss - und die Abgeordneten wählten nicht etwa von zu Hause aus (ERR). Dabei waren Überraschungen kaum zu erwarten, denn alle drei bisherigen Amtspersonen traten zur Bestätigung bzw. Wiederwahl an: Vorsitzender Henn Põlluaas (EKRE), als Stellvertreter Helir-Valdor Seeder (Isamaa) und Siim Kallas (Reform). Oder hätte die Spannung darin gelegen, dass derjenige Vize mit den meisten Stimmen sich "1.Stellvertreter" nennen darf, der andere aber nur "2.Stellvertreter"? Man sollte meinen, es gäbe derzeit wichtigere Dinge zu entscheiden in Estland.
Es wurde zu einem langwierigen Ritual: sechs Wahlurnen wurden im Parlament aufgestellt, und wer nur im Hof mit dem Auto vorfahren wollte (maskiert und mit Handschuhen), dem wurde die Abstimmungsbox noch ans Autofenster gehalten. Aber analog musste es wohl sein.(ERR)
Das Gesundheitswesen, das auch in Estland gerade gewaltige Lasten schultern muss, fällt dagegen durch die bekannten elektronischen Lösungen auf. Angesichts der aktuellen Krisensituation wurde in Estland ein weiterer Schritt in Richtung der elektronische Krankenakten getan (deren Einführung in Deutschland für 2021 geplant ist / BGM). Seit dem 16. März ist es in Estland möglich, sich online krank zu melden. Die dafür nötige Krankenakte (Haigusleht) kann ebenfalls online ausgefüllt werden, die Daten werden dann dann zur Versicherungsfond, dem Hausärzteverband und dem estnischen Gesundheitszentrum weitergeleitet. Erst im nächsten Schritt meldet sich dann ein Arzt, um Symptome und Zustand des Patienten zu klären (Haigekassa). Auch über die Länge einer eventuellen Krankschreibung entscheidet dann der Arzt.
Um diese Schritte online zu erledigen, werden entweder die estnische ID-Karte oder die mobile ID verwendet, die in Estland die meisten Menschen bereits besitzen und nutzen. Genutzt wird dabei ein nationales Patientenportal (Digilugu.ee). Bereits eine Woche nach der Einführung hatten 12.000 Estinnen und Esten die Möglichkeit der Online-Krankenakte genutzt (ERR).
Mit diesem Schritt soll vor allem die Belastung für die Hausärzte verringert werden.
Es wurde zu einem langwierigen Ritual: sechs Wahlurnen wurden im Parlament aufgestellt, und wer nur im Hof mit dem Auto vorfahren wollte (maskiert und mit Handschuhen), dem wurde die Abstimmungsbox noch ans Autofenster gehalten. Aber analog musste es wohl sein.(ERR)
Das Gesundheitswesen, das auch in Estland gerade gewaltige Lasten schultern muss, fällt dagegen durch die bekannten elektronischen Lösungen auf. Angesichts der aktuellen Krisensituation wurde in Estland ein weiterer Schritt in Richtung der elektronische Krankenakten getan (deren Einführung in Deutschland für 2021 geplant ist / BGM). Seit dem 16. März ist es in Estland möglich, sich online krank zu melden. Die dafür nötige Krankenakte (Haigusleht) kann ebenfalls online ausgefüllt werden, die Daten werden dann dann zur Versicherungsfond, dem Hausärzteverband und dem estnischen Gesundheitszentrum weitergeleitet. Erst im nächsten Schritt meldet sich dann ein Arzt, um Symptome und Zustand des Patienten zu klären (Haigekassa). Auch über die Länge einer eventuellen Krankschreibung entscheidet dann der Arzt. Um diese Schritte online zu erledigen, werden entweder die estnische ID-Karte oder die mobile ID verwendet, die in Estland die meisten Menschen bereits besitzen und nutzen. Genutzt wird dabei ein nationales Patientenportal (Digilugu.ee). Bereits eine Woche nach der Einführung hatten 12.000 Estinnen und Esten die Möglichkeit der Online-Krankenakte genutzt (ERR).
Mit diesem Schritt soll vor allem die Belastung für die Hausärzte verringert werden.
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Mittwoch, März 18, 2020
Krisen-Estland
Wenn in Estland die Schulen geschlossen werden - bekommen Schüler*innen und Schüler ihre Hausaufgaben digital, auch die Eltern sind darüber (digital) informiert. Sogar die Notengebung ist ins digitale System einbezogen (siehe: EKool). Der "Youthreporter" berichtete noch vor kurzem von einer in Estland kurz vor der Umsetzung stehenden Vorschrift, dass alle Schulmaterialien jetzt auch digital vorliegen müssen.
Seit dem 16. März meldet Estland: beginnend mit dem heutigen Tag bleiben unsere Schulen geschlossen. Das Lernen wird daher komplett online ablaufen.
Und damit nicht genug: Estland bietet Erfahrungen des digitalen Lernen anderen Ländern zur Nutzung an - so zumindest verkündet es eine Informationsseite des estnischen Bildungsministeriums. Diese beruft sich auf die estnischen Firmen "99math.com", "Lingvist.com", "Clanbeat.com", "Speakly.me", "ALPA Kids", und "DreamApply.com", die sich bereit erklärt hätten, ihre Lösungen auch auf internationaler Ebene kostenfrei zugänglich zu machen. Eine Liste dieser Angebote stellte das Ministerium ebenfalls online. Auch "Estonianworld" stimmt in den begeisterten Chor ein: "Estland bietet seine digitalen Werkzeuge zur Unterstützung anderer Länder in der Krise an."
Allerdings ist es wie so oft, wenn Apps kostenfrei angeboten werden: im Kleingedruckten ist dann doch das wirklich Kostenfreie sehr begrenzt.So bietet sich die Sprachlern-Software "Lingvist" zum Beispiel als "in den Zeiten der Krise einen Monat lang für Schulen kostenfrei" an. Wer genauer nachliest, erfährt hier auch, dass LINGVIST schon bisher als kostenlose Software angeboten war - aber gegenwärtig ein Abomodell einführen will, um Einnahmen generieren zu können. Also: hier will das Ministerium wohl eher estnischen Startups einen Anschub aufs internationale Parkett geben, als wirklich altruistisch in der Krise Hilfe leisten zu wollen."Lingvist" weist inzwischen einen Preis von etwa 20 Euro pro Monat für die Nutzung aus - da kommt der Verdacht auf, hier den beschenkten Schulen dringend ein Gefühl für den Wert des Geschenks geben zu wollen - ähnlich den Supermärkten, die erst ihre Preise erhöhen, um dann wöchentliche "Sonderaktionen" auszurufen.
Andere der genannten Firmen, wie z.B. "Clanbeat", gehen mit dem Kostenlos-Angebot noch offensiver um und machen es zur aktuellen Haupt-Schlagzeile. Hier kommt die Info allerdings Englisch daher, und die Frage kommt auf: dürfen in Deutschland interessierte Lehrer*innen nun einfach hemmungslos runterladen und anwenden, entscheidet das die Schulleitung? Oder vielleicht wird auf Anordnungen des zuständigen Ministeriums gewartet? - Und auch bei "Clanbeat" ist die "Kostenlos-Taktik" nicht ohne Tücken: ob hier die Nutzung Sinn macht, oder nicht, ob es Alternativen gibt - natürlich suchen wir unabhängige Beratung vergeblich. "We will send instructions" verspricht das Unternehmen, setzt also darauf, dass erst mal "kostenlos bestellt", und erst danach das Nachdenken über Sinn und Unsinn einsetzt. Zudem gibt es Unterschiede je nach Infoquelle - teilweise wird hier auch nur von "kostenlos bis zum Ende des Schuljahres" gesprochen (education-nation). Und das kommt schon bald.
Angesichts der Begeisterung auf estnischer Seite nach dem Motto "Estland hilft kostenlos der ganzen Welt" bleibt doch offenbar etwas Zurückhaltung angebracht. Wir erinnern uns: Hände waschen, Panik vermeiden. Das gilt offenbar auch in digitalen Dingen.
Seit dem 16. März meldet Estland: beginnend mit dem heutigen Tag bleiben unsere Schulen geschlossen. Das Lernen wird daher komplett online ablaufen.
Und damit nicht genug: Estland bietet Erfahrungen des digitalen Lernen anderen Ländern zur Nutzung an - so zumindest verkündet es eine Informationsseite des estnischen Bildungsministeriums. Diese beruft sich auf die estnischen Firmen "99math.com", "Lingvist.com", "Clanbeat.com", "Speakly.me", "ALPA Kids", und "DreamApply.com", die sich bereit erklärt hätten, ihre Lösungen auch auf internationaler Ebene kostenfrei zugänglich zu machen. Eine Liste dieser Angebote stellte das Ministerium ebenfalls online. Auch "Estonianworld" stimmt in den begeisterten Chor ein: "Estland bietet seine digitalen Werkzeuge zur Unterstützung anderer Länder in der Krise an."
Allerdings ist es wie so oft, wenn Apps kostenfrei angeboten werden: im Kleingedruckten ist dann doch das wirklich Kostenfreie sehr begrenzt.So bietet sich die Sprachlern-Software "Lingvist" zum Beispiel als "in den Zeiten der Krise einen Monat lang für Schulen kostenfrei" an. Wer genauer nachliest, erfährt hier auch, dass LINGVIST schon bisher als kostenlose Software angeboten war - aber gegenwärtig ein Abomodell einführen will, um Einnahmen generieren zu können. Also: hier will das Ministerium wohl eher estnischen Startups einen Anschub aufs internationale Parkett geben, als wirklich altruistisch in der Krise Hilfe leisten zu wollen."Lingvist" weist inzwischen einen Preis von etwa 20 Euro pro Monat für die Nutzung aus - da kommt der Verdacht auf, hier den beschenkten Schulen dringend ein Gefühl für den Wert des Geschenks geben zu wollen - ähnlich den Supermärkten, die erst ihre Preise erhöhen, um dann wöchentliche "Sonderaktionen" auszurufen.
Andere der genannten Firmen, wie z.B. "Clanbeat", gehen mit dem Kostenlos-Angebot noch offensiver um und machen es zur aktuellen Haupt-Schlagzeile. Hier kommt die Info allerdings Englisch daher, und die Frage kommt auf: dürfen in Deutschland interessierte Lehrer*innen nun einfach hemmungslos runterladen und anwenden, entscheidet das die Schulleitung? Oder vielleicht wird auf Anordnungen des zuständigen Ministeriums gewartet? - Und auch bei "Clanbeat" ist die "Kostenlos-Taktik" nicht ohne Tücken: ob hier die Nutzung Sinn macht, oder nicht, ob es Alternativen gibt - natürlich suchen wir unabhängige Beratung vergeblich. "We will send instructions" verspricht das Unternehmen, setzt also darauf, dass erst mal "kostenlos bestellt", und erst danach das Nachdenken über Sinn und Unsinn einsetzt. Zudem gibt es Unterschiede je nach Infoquelle - teilweise wird hier auch nur von "kostenlos bis zum Ende des Schuljahres" gesprochen (education-nation). Und das kommt schon bald.
Angesichts der Begeisterung auf estnischer Seite nach dem Motto "Estland hilft kostenlos der ganzen Welt" bleibt doch offenbar etwas Zurückhaltung angebracht. Wir erinnern uns: Hände waschen, Panik vermeiden. Das gilt offenbar auch in digitalen Dingen.
Donnerstag, Februar 20, 2020
Einspar-Folklore
Das kleine estnische Städtchen Viljandi ist vielleicht nicht einmal allen Estland-Touristen bekannt - viele pendeln nur zwischen Tallinn, Tartu und Saaremaa. Für Liebhaber*innen der Folkmusik ist das anders: geradezu legendär ist das VILJANDI FOLK MUSIC FESTIVAL, das im Jahr 2020 wieder einmal um die 800 Musiker*innen bei über 100 Konzerten zusammenbringen wird, inzwischen kommen an den vier Festivaltagen über 25.000 Musikfreund*innen.
1989 gegründet, ist das Festival zusammen mit der inzwischen etablierten "Viljandi Kulturakademie" geradezu zum Symbol geworden für den freien, estnischen Geist, das Kennenlernen anderer Kulturen, und
"Wir mussten unseren Weg finden von der sowjetischen Pseudo-Folk-Szene zu einer qualitativen musikalischen Ausbildung", schreibt Festivalleiter Ando Kiviberg in einem Rückblick auf die Entwicklung seit 1990. Kiviberg erinnert an die Wiederentdeckung der Traditionen des estnischen Dudelsackbaus genauso wie an die findigen Handwerker von Viljandi, die auch schon mal individuelle Transportbehälter für die Musikinstrumente aus Holz herzustellen in der Lage waren. Sogar das Vokabular musste neu geschaffen werden: den Begriff "pärimus" (estnisch für etwas ererbtes, traditionelles) soll zuerst die Band "Kukerpillid" verwendet haben - in Viljandi wurde “pärimusmuusika” zum neuen Begriff für die Musik, die hier präsentiert wurde (und englisch "Folkmusik") genannt wird.
2008 wurde das "Traditional Music Center" in Viljandi eröffnet. Alte Liedtexte und Schriften, auch alte Tonaufnahmen, Fotos und Filme sammelt das "Eesti Rahvaluule Arhiiv" (ERA) schon seit 1927 - anfangs als Teil des Estnischen Nationalmuseums, inzwischen als Abteilung des estnischen Literaturmuseums in Tartu, und seit 2000 sind alle verschiedenen Folklore-Sammlungen unter diesem Dach vereint. Über 13.000 estnische Volkslieder und ihre Melodien sind hier dokumentiert.
Doch offenbar ist diese Archivarbeit nicht jedem gleichermaßen wichtig. In der estnischen Presse häufen sich Berichte, denen zufolge das estnische Folklorearchiv in diesem Jahr keine Unterstützung für Forschungsprojekte erhalten wird (Eesti Päevaleht / Klassikraadio). Seitdem ist die estnische Folkszene in Aufruhr. Dichterin Kristiina Ehin und Folk-Musikerin Mari Kalkun schufen bereits einen "Protestsong" mit der Bezeichnung "Notruf an den Premierminister" ("Hädaabikõne peaministrile") - inspiriert von der Musik von Miina Härma und Gedichten von Anna Haava. "Ich habe noch nie einen Protestlied geschrieben, aber diese Situation zwingt mich es zu tun. Wir müssen unsere Traditionen bewahren, und auch die Leute die diese Arbeit tun," so Kalkun gegenüber dem estnischen Pressedienst ERR.
Es kursieren Unterschriftenlisten, und ein Solidaritätskonzert zur Unterstützung des Folklorearchivs soll am 4. März im Estnischen Nationalmuseum stattfinden (Postimees). Dort werden eine Reihe von Bands und Musiker*innen auftreten, die sich von den estnischen Traditionen der Folkmusik inspirieren lassen, wie "Trad.Attack!", Mari Kalkun, Sander Mölder, Maarja Nuut, "Zetod", Cätlin Mägi, die "Curly Strings" oder die "Johansons".
Kritisiert werden auch die Finanzierungsstrategien für die wissenschaftliche Forschung. "So wie es gegenwärtig gemacht wird, ist es wie eine Lotterie - da werden Forschungsprojekte nicht danach orientiert wo es Forschungbedarf gibt, sondern welcher Antrag wahrscheinlich erfolgreich sein wird", meint Risto Järv, der Leiter des Folklorearchivs (err).
1989 gegründet, ist das Festival zusammen mit der inzwischen etablierten "Viljandi Kulturakademie" geradezu zum Symbol geworden für den freien, estnischen Geist, das Kennenlernen anderer Kulturen, und"Wir mussten unseren Weg finden von der sowjetischen Pseudo-Folk-Szene zu einer qualitativen musikalischen Ausbildung", schreibt Festivalleiter Ando Kiviberg in einem Rückblick auf die Entwicklung seit 1990. Kiviberg erinnert an die Wiederentdeckung der Traditionen des estnischen Dudelsackbaus genauso wie an die findigen Handwerker von Viljandi, die auch schon mal individuelle Transportbehälter für die Musikinstrumente aus Holz herzustellen in der Lage waren. Sogar das Vokabular musste neu geschaffen werden: den Begriff "pärimus" (estnisch für etwas ererbtes, traditionelles) soll zuerst die Band "Kukerpillid" verwendet haben - in Viljandi wurde “pärimusmuusika” zum neuen Begriff für die Musik, die hier präsentiert wurde (und englisch "Folkmusik") genannt wird.
2008 wurde das "Traditional Music Center" in Viljandi eröffnet. Alte Liedtexte und Schriften, auch alte Tonaufnahmen, Fotos und Filme sammelt das "Eesti Rahvaluule Arhiiv" (ERA) schon seit 1927 - anfangs als Teil des Estnischen Nationalmuseums, inzwischen als Abteilung des estnischen Literaturmuseums in Tartu, und seit 2000 sind alle verschiedenen Folklore-Sammlungen unter diesem Dach vereint. Über 13.000 estnische Volkslieder und ihre Melodien sind hier dokumentiert.
Doch offenbar ist diese Archivarbeit nicht jedem gleichermaßen wichtig. In der estnischen Presse häufen sich Berichte, denen zufolge das estnische Folklorearchiv in diesem Jahr keine Unterstützung für Forschungsprojekte erhalten wird (Eesti Päevaleht / Klassikraadio). Seitdem ist die estnische Folkszene in Aufruhr. Dichterin Kristiina Ehin und Folk-Musikerin Mari Kalkun schufen bereits einen "Protestsong" mit der Bezeichnung "Notruf an den Premierminister" ("Hädaabikõne peaministrile") - inspiriert von der Musik von Miina Härma und Gedichten von Anna Haava. "Ich habe noch nie einen Protestlied geschrieben, aber diese Situation zwingt mich es zu tun. Wir müssen unsere Traditionen bewahren, und auch die Leute die diese Arbeit tun," so Kalkun gegenüber dem estnischen Pressedienst ERR.
Es kursieren Unterschriftenlisten, und ein Solidaritätskonzert zur Unterstützung des Folklorearchivs soll am 4. März im Estnischen Nationalmuseum stattfinden (Postimees). Dort werden eine Reihe von Bands und Musiker*innen auftreten, die sich von den estnischen Traditionen der Folkmusik inspirieren lassen, wie "Trad.Attack!", Mari Kalkun, Sander Mölder, Maarja Nuut, "Zetod", Cätlin Mägi, die "Curly Strings" oder die "Johansons".
Kritisiert werden auch die Finanzierungsstrategien für die wissenschaftliche Forschung. "So wie es gegenwärtig gemacht wird, ist es wie eine Lotterie - da werden Forschungsprojekte nicht danach orientiert wo es Forschungbedarf gibt, sondern welcher Antrag wahrscheinlich erfolgreich sein wird", meint Risto Järv, der Leiter des Folklorearchivs (err).
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Samstag, Februar 15, 2020
Zum Jubiläum: kein Schnee!
1960 fand der erste Tartu Skimarathon statt - es wäre also in diesem Jahr ein rundes Jubiläum gewesen. Tauende Skifahrer*innen aus der ganzen Welt kommen jedes Jahr in die Gegend zwischen Tartu und Otepää - dieses Jahr wird es eine Enttäuschung werden. Es gibt keinen Schnee. Und auch die Menge des in Tehvandi vorbereiteten Kunstschnees reicht nicht aus, um die 63km Streckenlänge zu präparieren. Über 5.000 Skibegeisterte hatten sich bereits angemeldet - und werden nun entweder ohne Schnee planen müssen, oder enttäuscht wieder abreisen. ![]() |
| Der "Marathonkalender" von Tartu |
Wahrscheinlich werden die Veranstalter auch die Teilnahmegebühr nicht zurückzahlen können, so zitiert die "Postimees" eine Aussage von Peeter Liik, dem Marketingchef beim Tartu Marathon Club. Es müsse erst mal gerechnet werden - eventuell könne man eine Gutschrift für 2021 berechnen.
Auch die Biathlon-EM wurde bereits jetzt von Estland nach Weißrussland verlegt (ran). Wirtschaft und Tourismus insbesondere in Otepää äußerten bereits ihre Sorge, die Absagen könnten zu erheblichen Einbußen führen (err). Am 8./9. Februar hatten auch bereits die Wettbewerbe der Nordischen Kombination in Otepää abgesagt werden müssen (ran).
Freitag, Januar 31, 2020
Klimasorgen am Ölberg
Auch Estland positioniert sich zum international diskutierten Thema der menschengemachten Klimaveränderungen. Hauptthema dabei: die Zukunft der Energieversorgung Estlands OHNE Ölschiefer.
Der Streit um die Prioritäten in der estnischen Energiepolitik scheint noch nicht ganz ausgestanden - denn nicht alle Kennzahlen der Wirtschaft entwickeln sich derzeit positiv. Um 2% sank die Industrieproduktion in Estland im Jahr 2019 gegenüber dem Vorjahr. Weniger Holz, weniger Metalle und auch weniger Elektrotechnik; nicht unwichtig, denn 67% der estnischen Industrieproduktion gehen in den Export. (Estonian Statistics)
Zumindest die estnischen Ökonomen befürchten nun, steigende Energiekosten würden dazu führen, dass billige Energiezufuhr aus Russland den Markt fluten könnte. Angesichts der Sorgen um das Weltklima haben die Länder der Europäischen Union den „Green Deal“ angekündigt, mit einer angestrebten Klimaneutralität bis zum Jahr 2050. 1000 Mrd. EUR sollen in den nächsten zehn Jahren für klimaneutrale Investitionen ausgegeben werden. Das neue Stichwort, auch für Estland, ist der "Just-Transition-Fund", der finanzielle Hilfe für diejenigen Regionen der EU bereitstellen soll, die bisher von Kohle oder Ölschiefer abhängig sind (euraktiv). Allerdings zweifelt das estnische Finanzministerium die Kalkulationsmethoden zur Höhe der für Estland nötigen Umstiegshilfen an (err). Bisher sind 125 Millionen Euro für diesen Zweck vorgesehen - verglichen mit den zwei Milliarden Euro, die allein Polen bekommen wird, scheinbar wenig. Befürworter weisen darauf hin, dass dies immerhin einen Betrag von 95€ pro Einwohner*in Estlands bedeutet. Auch eine interessante Zahl, denn in der Berechnung der CO2-Emissionen pro Einwohner*in liegt Estland EU-weit mit an der Spitze.
3 Terrawattstunden Strom pro Jahr exportierte Russland in den Jahren 2013-17 Richtung baltische Staaten; 2018 stieg dieser Wert dann auf 5,5 TWSt., 2019 sogar auf 7,8 TWSt., so berichten estnische Medien (err).
Ölschiefer, das rotbraune Sedimentgestein, präziser gesagt, der Anteil "Kukersit" darin, prägt schon seit mehr als 100 Jahren die Industrieentwicklung im Nordosten Estlands. Es ist wegen seines hohen Ölgehalts - bis zu 46%, in Estland bis 30% - brennbar. Die erste Anlage zur Gewinnung von Öl aus Kukersit wurde 1924 in Kohtla-Järve in Betrieb genommen.
Aber dass der Ölschiefer-Abbau auch große Umweltprobleme hervorruft, das war schon für die estnischen Unabhängigkeitsbewegung Ende der 1980iger Jahre ein Thema. Etwa die Hälfte des Ölschiefers bleibt nach der Verbrennung in Form giftiger Schlacken- und Aschenberge übrig.
Heute sind es ebenfalls EU-Förderprogramme, die auch die journalistische Weiterbildung zum Thema "Klimaschutz" unterstützen. Estnische Umweltinitiativen, die zu verstärkten Anstrengungen zu diesem Thema aufrufen, konnten 2019 allerdings nur ganze 3000 Unterschriften sammeln, um diese dann Regierungschef Jüri Ratas zu übergeben (euki).
Die Umsetzung der EU-Zukunftsziele im Bereich Energie wird dann in Händen einer Estin liegen: Estlands Ex-Energieministerin Kadri Simson. Vorerst bemüht sich Simson, Sorgen gegenüber steigenden CO2-Abgaben und Billig-Importen aus Russland und Weißrussland zu zertreuen. Ihre Einschätzung: "Energieimporte aus Russland stammen zu 75% aus Atomkraft, und 25% von mit Kohle betriebenen Kraftwerken", sagte sie der estnischen Agentur ERR. "Ein Teil davon erreicht unsere Region über Finnland, oder auch über Litauen."
Noch vor wenigen Monaten hatte Simson behauptet, auch neue Ölschiefer-Anlagen seien aus der Sicht der EU akzeptabel (ERR). Noch vor wenigen Jahren hatte die estnische Regierung der Ölschiefernutzung erhebliche Steuererleichterungen gewährt.
Da wird noch viel gearbeitet werden müssen, um Details der zukünftigen Entwicklung der bisher von den großen Abraumhalden geprägten Region um Kohtla-Järve und den bisher 6400 Arbeiter*innen in der Ölschiefernutzung realistisch zu gestalten.
Der Streit um die Prioritäten in der estnischen Energiepolitik scheint noch nicht ganz ausgestanden - denn nicht alle Kennzahlen der Wirtschaft entwickeln sich derzeit positiv. Um 2% sank die Industrieproduktion in Estland im Jahr 2019 gegenüber dem Vorjahr. Weniger Holz, weniger Metalle und auch weniger Elektrotechnik; nicht unwichtig, denn 67% der estnischen Industrieproduktion gehen in den Export. (Estonian Statistics)
Zumindest die estnischen Ökonomen befürchten nun, steigende Energiekosten würden dazu führen, dass billige Energiezufuhr aus Russland den Markt fluten könnte. Angesichts der Sorgen um das Weltklima haben die Länder der Europäischen Union den „Green Deal“ angekündigt, mit einer angestrebten Klimaneutralität bis zum Jahr 2050. 1000 Mrd. EUR sollen in den nächsten zehn Jahren für klimaneutrale Investitionen ausgegeben werden. Das neue Stichwort, auch für Estland, ist der "Just-Transition-Fund", der finanzielle Hilfe für diejenigen Regionen der EU bereitstellen soll, die bisher von Kohle oder Ölschiefer abhängig sind (euraktiv). Allerdings zweifelt das estnische Finanzministerium die Kalkulationsmethoden zur Höhe der für Estland nötigen Umstiegshilfen an (err). Bisher sind 125 Millionen Euro für diesen Zweck vorgesehen - verglichen mit den zwei Milliarden Euro, die allein Polen bekommen wird, scheinbar wenig. Befürworter weisen darauf hin, dass dies immerhin einen Betrag von 95€ pro Einwohner*in Estlands bedeutet. Auch eine interessante Zahl, denn in der Berechnung der CO2-Emissionen pro Einwohner*in liegt Estland EU-weit mit an der Spitze.
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| Vielleicht doch ein wenig mehr Klima- schutz, Herr Ministerpräsident? |
3 Terrawattstunden Strom pro Jahr exportierte Russland in den Jahren 2013-17 Richtung baltische Staaten; 2018 stieg dieser Wert dann auf 5,5 TWSt., 2019 sogar auf 7,8 TWSt., so berichten estnische Medien (err).
Ölschiefer, das rotbraune Sedimentgestein, präziser gesagt, der Anteil "Kukersit" darin, prägt schon seit mehr als 100 Jahren die Industrieentwicklung im Nordosten Estlands. Es ist wegen seines hohen Ölgehalts - bis zu 46%, in Estland bis 30% - brennbar. Die erste Anlage zur Gewinnung von Öl aus Kukersit wurde 1924 in Kohtla-Järve in Betrieb genommen.
Aber dass der Ölschiefer-Abbau auch große Umweltprobleme hervorruft, das war schon für die estnischen Unabhängigkeitsbewegung Ende der 1980iger Jahre ein Thema. Etwa die Hälfte des Ölschiefers bleibt nach der Verbrennung in Form giftiger Schlacken- und Aschenberge übrig.
Heute sind es ebenfalls EU-Förderprogramme, die auch die journalistische Weiterbildung zum Thema "Klimaschutz" unterstützen. Estnische Umweltinitiativen, die zu verstärkten Anstrengungen zu diesem Thema aufrufen, konnten 2019 allerdings nur ganze 3000 Unterschriften sammeln, um diese dann Regierungschef Jüri Ratas zu übergeben (euki).
Die Umsetzung der EU-Zukunftsziele im Bereich Energie wird dann in Händen einer Estin liegen: Estlands Ex-Energieministerin Kadri Simson. Vorerst bemüht sich Simson, Sorgen gegenüber steigenden CO2-Abgaben und Billig-Importen aus Russland und Weißrussland zu zertreuen. Ihre Einschätzung: "Energieimporte aus Russland stammen zu 75% aus Atomkraft, und 25% von mit Kohle betriebenen Kraftwerken", sagte sie der estnischen Agentur ERR. "Ein Teil davon erreicht unsere Region über Finnland, oder auch über Litauen."
Noch vor wenigen Monaten hatte Simson behauptet, auch neue Ölschiefer-Anlagen seien aus der Sicht der EU akzeptabel (ERR). Noch vor wenigen Jahren hatte die estnische Regierung der Ölschiefernutzung erhebliche Steuererleichterungen gewährt.
Da wird noch viel gearbeitet werden müssen, um Details der zukünftigen Entwicklung der bisher von den großen Abraumhalden geprägten Region um Kohtla-Järve und den bisher 6400 Arbeiter*innen in der Ölschiefernutzung realistisch zu gestalten.
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Dienstag, Dezember 31, 2019
Februar schon verplant
Warum ist in Estland der 24. Februar ein Feiertag? Manche können sich offenbar nicht so richtig erinnern. Oder wollen es nicht.
Der Präsident - gegenwärtig eine Präsidentin - lädt gewöhnlich am Nationalfeiertag zu einem Staatsempfang ein. Es gab schon Jahre, wo Fernsehen und Printmedien aus diesem Anlass endlose Reihen von am "first couple" vorbei defilierenden Gästen zeigte - mit wem bist Du da? Krawatte oder Fliege? Welcher Blauton für die Frau? Ein wirkliches Sehen und Gesehenwerden.
Aber es gibt ja immer Leute, die haben etwas anderes vor. Der 24. Februar 2020 wird auf einen Montag fallen - eine gute Chance, ein verlängertes Ski-Wochenende mit der Familie zu verbringen (in Deutschland zudem: Rosenmontag!).
Was dem einfachen Bürger, der Bürgerin, sicher verziehen wird - beim Ministerpräsident fällt es auf. Er sei an diesem Tage nicht in Tallinn, lässt Juri Ratas (Zentrumspartei) verlauten.
Der Ministerpräsident "habe das Recht, den Unabhängigkeitstag im Kreise seiner Familie verbringen zu wollen", rechtfertigt Außenminister Reinsalu (Partei "Isaamaa") den Regierungschef. Offenbar fühlt sich Ratas durch die zuletzt sich häufenden kritischen präsidialen Anmerkungen doch persönlich stärker getroffen, so dass er nun weder ein "Jahresendtreffen" mit Präsidentin Kaljulaid begehen werde, noch im Februar Zeit für einen Präsidialbesuch finden könne. Kaljulaid hatte Ratas zuletzt offen die Entlassung des rechtpopulistischen Innenministers Helme (EKRE) empfohlen und bezeichnete diesen als "Risiko für die Sicherheit Estlands". (Postimees)
Aktuell bekennt Ratas in einem Interview: "Ich will nicht Präsident werden." Und er fügt an: "Ich mache lieber konkrete Dinge." (err) - Die nächsten Präsidentschaftswahlen stehen in Estland 2021 an.
Eines konnte dann am 30. Dezember doch noch gefeiert werden: der 50.Geburtstag von Präsidentin Kersti Kaljulaid. Allerdings auch dies ohne die führenden Vertreter der gegenwärtigen Regierung.
Der Präsident - gegenwärtig eine Präsidentin - lädt gewöhnlich am Nationalfeiertag zu einem Staatsempfang ein. Es gab schon Jahre, wo Fernsehen und Printmedien aus diesem Anlass endlose Reihen von am "first couple" vorbei defilierenden Gästen zeigte - mit wem bist Du da? Krawatte oder Fliege? Welcher Blauton für die Frau? Ein wirkliches Sehen und Gesehenwerden.
Aber es gibt ja immer Leute, die haben etwas anderes vor. Der 24. Februar 2020 wird auf einen Montag fallen - eine gute Chance, ein verlängertes Ski-Wochenende mit der Familie zu verbringen (in Deutschland zudem: Rosenmontag!).
Was dem einfachen Bürger, der Bürgerin, sicher verziehen wird - beim Ministerpräsident fällt es auf. Er sei an diesem Tage nicht in Tallinn, lässt Juri Ratas (Zentrumspartei) verlauten.
Der Ministerpräsident "habe das Recht, den Unabhängigkeitstag im Kreise seiner Familie verbringen zu wollen", rechtfertigt Außenminister Reinsalu (Partei "Isaamaa") den Regierungschef. Offenbar fühlt sich Ratas durch die zuletzt sich häufenden kritischen präsidialen Anmerkungen doch persönlich stärker getroffen, so dass er nun weder ein "Jahresendtreffen" mit Präsidentin Kaljulaid begehen werde, noch im Februar Zeit für einen Präsidialbesuch finden könne. Kaljulaid hatte Ratas zuletzt offen die Entlassung des rechtpopulistischen Innenministers Helme (EKRE) empfohlen und bezeichnete diesen als "Risiko für die Sicherheit Estlands". (Postimees)
Aktuell bekennt Ratas in einem Interview: "Ich will nicht Präsident werden." Und er fügt an: "Ich mache lieber konkrete Dinge." (err) - Die nächsten Präsidentschaftswahlen stehen in Estland 2021 an.
Eines konnte dann am 30. Dezember doch noch gefeiert werden: der 50.Geburtstag von Präsidentin Kersti Kaljulaid. Allerdings auch dies ohne die führenden Vertreter der gegenwärtigen Regierung.
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Mittwoch, Dezember 18, 2019
Peinliche Stammesbrüder
"Ich habe nicht für die ganze Regierung gesprochen, nur für unsere Partei" - zur Zeit vergeht kaum eine Woche, in der sich Estland nicht für seine Regierungsverantwortlichen entschuldigen muss - oder, genauer gesagt: für die wohl peinlichsten estnischen Amtsträger seit der Sowjetzeit.
In Finnland regiere mit der jungen Regierungschefin Sanna Marin nun eine "Allianz der Roten", die "Finnland zerstören wolle und es zur EU-Provinz verkommen lasse". (err) So sagte es Mart Helme, amtierender estnischer Innenminister. Und nicht nur das. In einem Radiointerview soll er auch, mit Blick auf die neue Regierung in Finnland, gesagt haben: "Nun sehen wir, wie eine Verkäuferin Premierministerin wird, und andere ungebildete Leute werden Regierungsmitglieder." (err)
Nein, mit Diplomatie haben solche Äußerungen wohl nichts zu tun. Empörte Reaktionen kamen somit von nahezu allen Seiten: Vertreter aller Oppositionsparteien im estnischen Parlament verurteilten die Aussagen ebenso wie die "Zentrumspartei", die zusammen mit der konservativen "EKRE" die Regierungskoalition bildet (mit Mart Helme als Vorsitzendem).
Auch in anderen EU-Ländern erregten diese Äußerungen Wellen (ORF / BBC "Die Presse"). Auch bei "Eurotopics" wurde "Undiplomat" Helme zum Thema: wegen "ihrer einfachen Herkunft" sei die neue finnische Regierungschefin kritisiert worden - so die dort dokumentierten Kommentare - "weil sie schon mit 15 Jahren ihr eigenes Brot verdienen musste". Auch die Antwort der Finnin wird zitiert: "Sie hat erklärt, stolz zu sein auf Finnland, wo ein Kind aus einer armen Familie sich hoch qualifizieren und auch eine Kassiererin Premierministerin werden kann." (siehe auch: Blog Sanna Marin)
Da stützt nur noch die Allianz der Familie Helme. "Nicht verurteilen, sondern loben" solle man Helmes Äußerungen, meint Sohn Martin Helme, Finanzminister der gegenwärtigen Regierung Ratas (err). Die ganze Diskussion sei "ein Sturm im Wasserglas" - auch eine Entschuldigung gegenüber Finnland sei daher nicht nötig. Papa Helme selbst klagt inzwischen die Presse an, "falsche Dinge zu betonen", so dass es möglicherweise zu "Missverständnissen" gekommen sei.
Das sehen sowohl Regierungschef Jüri Ratas (Zentrumspartei) und auch Präsidentin Kersti Kaljulaid entschieden anders. Beide haben sich inzwischen eindeutig geäußert - wobei Ratas lediglich betont, Helme spreche nicht für die estnische Regierung. Warum Ratas überhaupt diese Art der Koalition gewählt hat? Nicht nur bei den Zentrums-Wähler/innen bleiben viele Fragenzeichen.
Helme hatte seine Äußerungen bei "TRE RAADIO" getätigt - einem Sender, der als EKRE-nah gilt. Gründer, Eigentümer und Geschäftsführer ist hier Siim Pohlak, ein Parteikollege der Helmes. Hatte also vielleicht Parteifreund Helme gedacht, er sei gewissermaßen "unter sich", könne sich also nach Herzenslust profilieren?
Am 17. Dezember überstand Innenminister Helme ein gegen ihn gerichtetes Misstrauensvotum im Parlament - nur 44 der 101 Abgeordneten stimmten dafür, 11 Abgeordete des Koalitionspartners der Vaterlandspartei ("Isamaa") enthielten sich der Stimme (err).
Drei Minister musste die rechtspopulistische EKRE bereits austauschen, seit dem Start des zweiten Regierungskabinetts Ratas im April 2019. Die rechtspopulistische EKRE hatte bei den Wahlen am 3. März 2019 17,8% der Stimmen für sich verbuchen können.
"Ihre Äußerungen zielen einfach auf die eigenen Anhänger - die anderen Estinnen und Esten müssen dann sehen, wie sie damit fertigwerden," so schätzt es Politikwissenschaftler Tõnis Saarts ein (ERR). Und er meint auch: "die beiden anderen Regierungsparteien, sowohl die Zentrumspartei wie auch Isaamaa, werden ohne die gegenwärtige Koalition einfach wichtige Ziele nicht durchsetzen können. Daher haben sie Angst vor deren Zerfall; somit hat EKRE sogar die angenehmste Lage hier am Tisch", meint er.
Die Neujahrswünsche jedoch dürften bereits bei vielen Estinnen und Esten sortiert sein.
In Finnland regiere mit der jungen Regierungschefin Sanna Marin nun eine "Allianz der Roten", die "Finnland zerstören wolle und es zur EU-Provinz verkommen lasse". (err) So sagte es Mart Helme, amtierender estnischer Innenminister. Und nicht nur das. In einem Radiointerview soll er auch, mit Blick auf die neue Regierung in Finnland, gesagt haben: "Nun sehen wir, wie eine Verkäuferin Premierministerin wird, und andere ungebildete Leute werden Regierungsmitglieder." (err)
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| Supermarktkasse oder Ministeramt? Für welchen Job mehr Qualifikation verlangt wird, bleibt in Estland offen |
Auch in anderen EU-Ländern erregten diese Äußerungen Wellen (ORF / BBC "Die Presse"). Auch bei "Eurotopics" wurde "Undiplomat" Helme zum Thema: wegen "ihrer einfachen Herkunft" sei die neue finnische Regierungschefin kritisiert worden - so die dort dokumentierten Kommentare - "weil sie schon mit 15 Jahren ihr eigenes Brot verdienen musste". Auch die Antwort der Finnin wird zitiert: "Sie hat erklärt, stolz zu sein auf Finnland, wo ein Kind aus einer armen Familie sich hoch qualifizieren und auch eine Kassiererin Premierministerin werden kann." (siehe auch: Blog Sanna Marin)
Da stützt nur noch die Allianz der Familie Helme. "Nicht verurteilen, sondern loben" solle man Helmes Äußerungen, meint Sohn Martin Helme, Finanzminister der gegenwärtigen Regierung Ratas (err). Die ganze Diskussion sei "ein Sturm im Wasserglas" - auch eine Entschuldigung gegenüber Finnland sei daher nicht nötig. Papa Helme selbst klagt inzwischen die Presse an, "falsche Dinge zu betonen", so dass es möglicherweise zu "Missverständnissen" gekommen sei.
Das sehen sowohl Regierungschef Jüri Ratas (Zentrumspartei) und auch Präsidentin Kersti Kaljulaid entschieden anders. Beide haben sich inzwischen eindeutig geäußert - wobei Ratas lediglich betont, Helme spreche nicht für die estnische Regierung. Warum Ratas überhaupt diese Art der Koalition gewählt hat? Nicht nur bei den Zentrums-Wähler/innen bleiben viele Fragenzeichen.
Helme hatte seine Äußerungen bei "TRE RAADIO" getätigt - einem Sender, der als EKRE-nah gilt. Gründer, Eigentümer und Geschäftsführer ist hier Siim Pohlak, ein Parteikollege der Helmes. Hatte also vielleicht Parteifreund Helme gedacht, er sei gewissermaßen "unter sich", könne sich also nach Herzenslust profilieren?
Am 17. Dezember überstand Innenminister Helme ein gegen ihn gerichtetes Misstrauensvotum im Parlament - nur 44 der 101 Abgeordneten stimmten dafür, 11 Abgeordete des Koalitionspartners der Vaterlandspartei ("Isamaa") enthielten sich der Stimme (err).
Drei Minister musste die rechtspopulistische EKRE bereits austauschen, seit dem Start des zweiten Regierungskabinetts Ratas im April 2019. Die rechtspopulistische EKRE hatte bei den Wahlen am 3. März 2019 17,8% der Stimmen für sich verbuchen können.
"Ihre Äußerungen zielen einfach auf die eigenen Anhänger - die anderen Estinnen und Esten müssen dann sehen, wie sie damit fertigwerden," so schätzt es Politikwissenschaftler Tõnis Saarts ein (ERR). Und er meint auch: "die beiden anderen Regierungsparteien, sowohl die Zentrumspartei wie auch Isaamaa, werden ohne die gegenwärtige Koalition einfach wichtige Ziele nicht durchsetzen können. Daher haben sie Angst vor deren Zerfall; somit hat EKRE sogar die angenehmste Lage hier am Tisch", meint er.
Die Neujahrswünsche jedoch dürften bereits bei vielen Estinnen und Esten sortiert sein.
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Freitag, November 29, 2019
Deutschbalten ins Museum?
Viele behaupten ja, die Geschichte der Deutschbalten - also der deutschen Minderheit, Ex-Oberschicht in Estland und Lettland - hätte mit der erzwungen-freiwilligen Aussiedlung "Heim-ins-Reich" 1939/40 geendet. Historisch gesehen ist das sicher richtig - auch wenn es heute noch Personen und Organisationen gibt, die an "deutschbaltisches Erbe" nicht nur erinnern wollen, sondern auch nach Konzepten suchen diese Traditionen heute, von welchem Ort aus auch immer, fortsetzen zu können. Marika Valk, Kunsthistorikerin und Direktorin der Museen in Lihula and Hanila, schlägt nun vor: gründen wir in Estland ein Museum für die Deutschbalten! (err / Lääne Elu)
Valk, die auch schon beim Aufbau des Museums für moderne Kunst in Tallinn (KUMU) beteiligt war, will ihren eigenen Worten zufolge damit eine bessere Verfügbarkeit des Wissens über die Geschichte der Deutschbalten erreichen - aus estnischer Sicht, so würden es die Deutschbalten selbst wahrscheinlich kommentieren. Während Valk eine "Informationsdatenbank" vorschlägt, "eine Sammlungen mit Informationen über Häuser, Kunstwerke, Bildung, Theater der Deutschbalt/innen, dazu entsprechende Forschungsergebnisse", könnte dieser Vorstoß für manche traditionsgebundenen Funktionäre der deutschbaltischen Verbände auch ein wenig befremdlich wirken. So versuchen doch die meist auf ihren alten Traditionen beharrenden Verbände gern nur immer sich selbst das Zentrum aller deutschbaltischen Bezüge zu Estland hinzustellen: ob nun Herder-Institut Marburg, Carl-Schirren-Gesellschaft und "Nord-Ost-Institut" in Lüneburg, Deutsch-Baltische Gesellschaft (ehemals "Deutsch-Baltische Landsmannschaft") in Darmstadt, oder die immer noch existierende "Estnische Ritterschaft" - vom Brömse- bis zum Baltenhaus sammeln alle fleißig neue "deutschbaltische" Mitstreiter.
Dabei verstehen sich die Mitglieder solcher Organisationen offenbar nicht einfach als "Deutsche", sondern vielmehr als "Angehörige einer Gemeinschaft mit verbindenden Wertvorstellungen" (Zitat "Estnische Ritterschaft"). Allerdings beschränken sich die Aktivitäten solcher Reste alter Strukturen meist auf gelegentliche Reisen in die alten Heimat, Pflege alter Gräber und humanitäre Hilfe.
Nun will Frau Valk bereits über ihre Idee mit deutschbaltischen Organisationen (mit welchen genau, das lässt sich aus den Pressemeldungen nicht herauslesen) gesprochen haben. Auch die lettische Presse hat den Vorschlag bereits aufgenommen und weiter verbreitet (Latvijas Avize). Können wir also zukünftig mal einen neuen Blick auf deutschbaltische Kulturgeschichte erwarten, diesmal aus der Sicht der (von Oberschichtgehabe) betroffenen Völker? Das wäre doch mal etwass Neues - und könnte uns vielleicht doch die eine oder andere der verkrusteten Strukturen in Deutschland überflüssig machen. Und auf Konferenzen und Tagungen würden nicht mehr Deutschbalten "über sich selbst" referieren, sondern endlich nur noch richtige Wissenschaftler/innen. Puuh - hoffentlich ist das jetzt nicht wieder eine zu klare Sprache.Auf gehts, Frau Valk!
Valk, die auch schon beim Aufbau des Museums für moderne Kunst in Tallinn (KUMU) beteiligt war, will ihren eigenen Worten zufolge damit eine bessere Verfügbarkeit des Wissens über die Geschichte der Deutschbalten erreichen - aus estnischer Sicht, so würden es die Deutschbalten selbst wahrscheinlich kommentieren. Während Valk eine "Informationsdatenbank" vorschlägt, "eine Sammlungen mit Informationen über Häuser, Kunstwerke, Bildung, Theater der Deutschbalt/innen, dazu entsprechende Forschungsergebnisse", könnte dieser Vorstoß für manche traditionsgebundenen Funktionäre der deutschbaltischen Verbände auch ein wenig befremdlich wirken. So versuchen doch die meist auf ihren alten Traditionen beharrenden Verbände gern nur immer sich selbst das Zentrum aller deutschbaltischen Bezüge zu Estland hinzustellen: ob nun Herder-Institut Marburg, Carl-Schirren-Gesellschaft und "Nord-Ost-Institut" in Lüneburg, Deutsch-Baltische Gesellschaft (ehemals "Deutsch-Baltische Landsmannschaft") in Darmstadt, oder die immer noch existierende "Estnische Ritterschaft" - vom Brömse- bis zum Baltenhaus sammeln alle fleißig neue "deutschbaltische" Mitstreiter.
Dabei verstehen sich die Mitglieder solcher Organisationen offenbar nicht einfach als "Deutsche", sondern vielmehr als "Angehörige einer Gemeinschaft mit verbindenden Wertvorstellungen" (Zitat "Estnische Ritterschaft"). Allerdings beschränken sich die Aktivitäten solcher Reste alter Strukturen meist auf gelegentliche Reisen in die alten Heimat, Pflege alter Gräber und humanitäre Hilfe.
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| Deutschbaltische Archive - bald mit estnischem Standort? |
Nun will Frau Valk bereits über ihre Idee mit deutschbaltischen Organisationen (mit welchen genau, das lässt sich aus den Pressemeldungen nicht herauslesen) gesprochen haben. Auch die lettische Presse hat den Vorschlag bereits aufgenommen und weiter verbreitet (Latvijas Avize). Können wir also zukünftig mal einen neuen Blick auf deutschbaltische Kulturgeschichte erwarten, diesmal aus der Sicht der (von Oberschichtgehabe) betroffenen Völker? Das wäre doch mal etwass Neues - und könnte uns vielleicht doch die eine oder andere der verkrusteten Strukturen in Deutschland überflüssig machen. Und auf Konferenzen und Tagungen würden nicht mehr Deutschbalten "über sich selbst" referieren, sondern endlich nur noch richtige Wissenschaftler/innen. Puuh - hoffentlich ist das jetzt nicht wieder eine zu klare Sprache.Auf gehts, Frau Valk!
Freitag, Oktober 11, 2019
Modell Narva
Wenn von einem "Modell Narva" die Rede ist, dann ist bisher meistens wenig Positives gemeint. Als Estland Anfang der 1990iger Jahre seine Unabhängigkeit wieder erlangte, wollten 1993 manche per Referendum die Stadt für "autonom" erlären.
Wer in Narva (Narwa?) estnisch sprechen möchte, muss außerhalb der eigenen Familie lange suchen: um die 95% sind russischsprachig, es wird viel russisches Staatsfernsehen geschaut. Blau, rot oder grau - das ist hier die Frage: die Menschen hier haben entweder den blauen estnischen Pass, den roten russischen, oder den grauen Pass der "Nichtbürger" - die aber doch Einwohner Estlands sind. Staatsbürger ohne Bürgerschaft - ein immer noch existierendes Absurdum.
Narva als Objekt des Medieninteresses: gelegentlich als "möglicher Konfliktherd mit Russland" benannt ("The Atlantic"), oder bildhaft "Wo der Westen endet" (Tages-Anzeiger), "Getrennte Zwillinge" (DRadio), oder auch "letzter Halt vor Russland" ("Westfälischen Nachrichten"). Nun hat in Narva ein "Haus der estnischen Sprache" (Eesti Keele Maja) eröffnet (err). Ob es den vielen Russischsprachigen beim Aufbau einer estnischen Identität helfen kann? Eine Devise scheint für das Projekt wichtig: alle Varianten des Estnisch-Lernens sollen kostenfrei angeboten werden. Die Initiatoren, darunter mehrere estnische Ministerien, stellten es bei der Eröffnung auch als Standortvorteil heraus, dass die neue Einrichtung direkt nebenan zu mehreren anderen Einrichtungen liegt: dem Kunstzentrum "Vaba Lava", dem Studio Narva des estnischen Rundfunks- und Fernsehens ERR, und einem "object business incubator".
Doch eines dürfte klar sein: auch wenn davon die Rede ist "lasst uns eine gemeinsame Sprache finden", dann dürfte hier nicht irgend eine beliebige Sprache gemeint sein. Gemeinsame Sprache Estnisch? Zur "Estonianness" ist es bisher immer noch ein weiter Weg.
Wer in Narva (Narwa?) estnisch sprechen möchte, muss außerhalb der eigenen Familie lange suchen: um die 95% sind russischsprachig, es wird viel russisches Staatsfernsehen geschaut. Blau, rot oder grau - das ist hier die Frage: die Menschen hier haben entweder den blauen estnischen Pass, den roten russischen, oder den grauen Pass der "Nichtbürger" - die aber doch Einwohner Estlands sind. Staatsbürger ohne Bürgerschaft - ein immer noch existierendes Absurdum.
Narva als Objekt des Medieninteresses: gelegentlich als "möglicher Konfliktherd mit Russland" benannt ("The Atlantic"), oder bildhaft "Wo der Westen endet" (Tages-Anzeiger), "Getrennte Zwillinge" (DRadio), oder auch "letzter Halt vor Russland" ("Westfälischen Nachrichten"). Nun hat in Narva ein "Haus der estnischen Sprache" (Eesti Keele Maja) eröffnet (err). Ob es den vielen Russischsprachigen beim Aufbau einer estnischen Identität helfen kann? Eine Devise scheint für das Projekt wichtig: alle Varianten des Estnisch-Lernens sollen kostenfrei angeboten werden. Die Initiatoren, darunter mehrere estnische Ministerien, stellten es bei der Eröffnung auch als Standortvorteil heraus, dass die neue Einrichtung direkt nebenan zu mehreren anderen Einrichtungen liegt: dem Kunstzentrum "Vaba Lava", dem Studio Narva des estnischen Rundfunks- und Fernsehens ERR, und einem "object business incubator".
Doch eines dürfte klar sein: auch wenn davon die Rede ist "lasst uns eine gemeinsame Sprache finden", dann dürfte hier nicht irgend eine beliebige Sprache gemeint sein. Gemeinsame Sprache Estnisch? Zur "Estonianness" ist es bisher immer noch ein weiter Weg.
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Donnerstag, September 26, 2019
Das Gold von Saaremaa
Meistens seien Hobbyarchäologen bereits glücklich, mal eine alte Münze oder ein Stück Keramik zu finden - so beschreibt es auch die estnische Nachrichtenagentur ERR. Auf Saaremaa wurden vor wenigen Tagen goldene Armreife gefunden, offenbar 1700 Jahre alt. "Wahrscheinlich der wertvollste Einzelfund, der je in Estland
ausgegraben wurde“, so sagt es die leitende Archäologin Marika Mägi von
der Universität Tallinn. Jegor Klimov, "ein Mann mit einem Metalldetektor" sei der Finder, so heißt es in verschiedenen Pressemeldungen dazu; er hatte Archäologen bei Ausgrabungen geholfen, die an dieser Stelle vorher nichts gefunden hatten. Er gab auf ein ganz schwaches Signal seines Geräts reagiert. "Aber ich kenne mein Gerät gut, ich ahnte sofort dass dort etwas ist," sagte er. Auch in Deutschland waren eifriger Detektoren diese Woche Thema. Beim Südwestrundfunk heißt es, allein in Deutschland seien 10.000 solche sogenannte "Sondengänger" unterwegs. Nach deutschen Recht gehören wissenschaftlich bedeutsame Funde - egal wer sie findet - immer zwingend der Allgemeinheit; niemand kann sich daran bereichern oder Ansprüche stellen, auch nicht die Finder. Und sogar wissenschaftlich nicht bedeutsame Stücke gehören in Deutschland nicht allein dem Finder, sondern auch dem Grundstückseigentümer, auf dessen Grund die Stücke gefunden wurden. Im aktuellen estnischen Fall aber war der Finder sowieso im Auftrag der Archäologen unterwegs.
![]() |
| der glückliche Finder |
Oder sind es vielleicht goldene Ringe des sagenhaften Riesen Suur Tõll, von dem alte Geschichten erzählen? Vielleicht hat er seine Ringe in der Sauna vergessen? Oder ist vielleicht ein schmuckbehangener, außerirdischer Münchhausen auf dem Meteorit geritten, der bei Kaali einschlug? Oder vielleicht auch der "nordische Frosch", der als verwunschener Prinz die goldenen Ringe seiner Prinzessin aus dem Brunnen geholt hat?
Die seriöseren Schlußfolgerungen wird sicher die Archäologin Marika Mägi ziehen, die sich schon seit Jahren mit Ausgrabungen auf Saaremaa beschäftigt - allerdings war sie bisher eher auf die Zeit der Wikinger konzentriert. Der kürzliche Fund könnte sogar der bisher wertvollste archäologische Fund aller Zeiten in Estland sein.
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Freitag, August 23, 2019
Mrs. President is not amused
Ungewöhnliche Zeiten für Estland: Da haben doch Marketingexperten jahrelang am positiven Bild Estlands im Ausland gearbeitet, und ausgerechnet Präsidentin Kersti Kaljulaid stellt fest: "So geht es nicht weiter!"
Für manche sieht das Erscheinungsbild Estlands im Ausland - das sogenannte "Image" - immer noch ähnlich aus wie es 2011 der "Spiegel" beschrieb: Wirtschaftsfreundlich, komplett digital organisiert, transparente Verwaltungsstrukturen, Tallinn als "Mittelalter-Wunderland" für Touristen. Das Handelsblatt meint gar, im Vergleich zu Deutschland, "Länder wie Estland liegen weit vor uns." Endlich wird Tallinn nicht mehr mit irgend einem Ort auf Island verwechselt (Trump: "Kann ich das kaufen?"), aber Estlands Präsidentin äußerte nun schon mehrfach deutliche Ungeduld.
Dass der estnische Ministerpräsident Ratas zur Absicherung des eigenen Machterhalts die Rechtsaußenpartei EKRE in die Regierung mit aufzunahm, erzeugte auch international viele Irritationen (zusammen verfügen EKRE und Zentrumspartei über 53 der 101 Sitze im Parlament). Vor allem den guten Ruf Estlands sehen viele Presseberichte bedroht (Financial Times, Postimees, Süddeutsche, Estonian World). "Rechtsradikale in Estland an der Macht - ganz im Sinne von Putin-Russland" mahnen andere (OpenDemocracy). Und in der "Welt" ist zu lesen: "Estland verliert seinen Wunderland-Status." Zumindest einen "Chaosfaktor" stellt auch "Telepolis" fest, und die "Süddeutsche" titelt: "Vom Musterschüler zum Rabauken".
Vielleicht war also die Aufnahme Estlands als nichtständiges Mitglied im UN Sicherheitsrat (DW) der vorläufig letzte estnische Erfolg, basierend auf einem mühsam aufgebauten guten Image. Aktuell heute, zum 23. August 2019, möchten sich offenbar auch Regierungskritiker in Hongkong einem vermeintlichen "guten Beispiel" anschließen:in Gedenken an den "Baltischen Weg" sollten die heutigen Protestaktionen als "Honkonger Weg" veranstaltet werden.
Da gibt es ja noch einen anderen Spruch; im Deutschen beginnt er mit "ist der Ruf erst ruiniert ..." Petar Kehayov, ein Bulgare, geht in einem Blogbeitrag den möglichen Gründen für die unterschiedliche Sichtweise auf Estland - in diesem Fall im Vergleich mit Bulgarien - nach. "Mit 21 kam ich zum Studium nach Estland und lebte dort 16 Jahre, bevor meine Frau – eine Estin – und ich vor ein paar Jahren nach Deutschland zogen", schreibt er. "Immer wieder erstaunt es mich, wie schlecht Bulgarien von hier aus aussieht und wie positiv Estland."
Zumindest Kersti Kaljulaid hat nun offenbar die Geduld verloren mit denen, die ihrer Ansicht nach den guten Ruf Estlands mutwillig zerstören. Im Fokus ihrer Kritik stand in der vergangenen Woche der estnische Innenminister Mart Helme. Dessen Versuch, den Chef der estnischen Polizei- und Grenztruppen, Elmar Vaher, aus dem Amt zu drängen, verurteilt die Präsidentin öffentlich: "solches Verhalten stellt die Gültigkeit estnischer Gesetzgebung in Frage," meint Kaljulaid (ERR).
"Eher sollte Frau Präsidentin sebst zurücktreten!" giftete Martin Helme, seines Zeichens Innenministers Sohn und selbst Finanzminister, im perfekten "Bäumchen-wechsel-dich"-Spiel zurück (ERR). "Sinnloser Hysterie" seien die präsidialen Äußerungen seiner Meinung nach zuzurechnen. Papa Helme traf sich aber daraufhin mit Vaher, und erklärte die "Meinungsverschiedenheiten" für beigelegt. Ministerpräsident Ratas schloss sich an (ERR).
Also alles nur ein "Sturm im estnischen Wasserglas"? Auf die Medien jedenfalls scheint der Streit schon jetzt verwirrend zu wirken: Leser/innen des "Handelblatt" und Hörer/innen der "Deutschen Welle" etwa können sicher nur schwer erkennen, wen nun Präsident Kaljulaid mit ihrer Kritik meinte: Innenminister Helme (Vater) oder Finanzminister Helme (Sohn). Im Zweifel beide. Da bleibt vorläufig nur Ironie: Egal, Helme oder was - Hauptsache Island!
Für manche sieht das Erscheinungsbild Estlands im Ausland - das sogenannte "Image" - immer noch ähnlich aus wie es 2011 der "Spiegel" beschrieb: Wirtschaftsfreundlich, komplett digital organisiert, transparente Verwaltungsstrukturen, Tallinn als "Mittelalter-Wunderland" für Touristen. Das Handelsblatt meint gar, im Vergleich zu Deutschland, "Länder wie Estland liegen weit vor uns." Endlich wird Tallinn nicht mehr mit irgend einem Ort auf Island verwechselt (Trump: "Kann ich das kaufen?"), aber Estlands Präsidentin äußerte nun schon mehrfach deutliche Ungeduld.
Vielleicht war also die Aufnahme Estlands als nichtständiges Mitglied im UN Sicherheitsrat (DW) der vorläufig letzte estnische Erfolg, basierend auf einem mühsam aufgebauten guten Image. Aktuell heute, zum 23. August 2019, möchten sich offenbar auch Regierungskritiker in Hongkong einem vermeintlichen "guten Beispiel" anschließen:in Gedenken an den "Baltischen Weg" sollten die heutigen Protestaktionen als "Honkonger Weg" veranstaltet werden.
Da gibt es ja noch einen anderen Spruch; im Deutschen beginnt er mit "ist der Ruf erst ruiniert ..." Petar Kehayov, ein Bulgare, geht in einem Blogbeitrag den möglichen Gründen für die unterschiedliche Sichtweise auf Estland - in diesem Fall im Vergleich mit Bulgarien - nach. "Mit 21 kam ich zum Studium nach Estland und lebte dort 16 Jahre, bevor meine Frau – eine Estin – und ich vor ein paar Jahren nach Deutschland zogen", schreibt er. "Immer wieder erstaunt es mich, wie schlecht Bulgarien von hier aus aussieht und wie positiv Estland."
Zumindest Kersti Kaljulaid hat nun offenbar die Geduld verloren mit denen, die ihrer Ansicht nach den guten Ruf Estlands mutwillig zerstören. Im Fokus ihrer Kritik stand in der vergangenen Woche der estnische Innenminister Mart Helme. Dessen Versuch, den Chef der estnischen Polizei- und Grenztruppen, Elmar Vaher, aus dem Amt zu drängen, verurteilt die Präsidentin öffentlich: "solches Verhalten stellt die Gültigkeit estnischer Gesetzgebung in Frage," meint Kaljulaid (ERR).
"Eher sollte Frau Präsidentin sebst zurücktreten!" giftete Martin Helme, seines Zeichens Innenministers Sohn und selbst Finanzminister, im perfekten "Bäumchen-wechsel-dich"-Spiel zurück (ERR). "Sinnloser Hysterie" seien die präsidialen Äußerungen seiner Meinung nach zuzurechnen. Papa Helme traf sich aber daraufhin mit Vaher, und erklärte die "Meinungsverschiedenheiten" für beigelegt. Ministerpräsident Ratas schloss sich an (ERR).
Also alles nur ein "Sturm im estnischen Wasserglas"? Auf die Medien jedenfalls scheint der Streit schon jetzt verwirrend zu wirken: Leser/innen des "Handelblatt" und Hörer/innen der "Deutschen Welle" etwa können sicher nur schwer erkennen, wen nun Präsident Kaljulaid mit ihrer Kritik meinte: Innenminister Helme (Vater) oder Finanzminister Helme (Sohn). Im Zweifel beide. Da bleibt vorläufig nur Ironie: Egal, Helme oder was - Hauptsache Island!
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Dienstag, Juli 30, 2019
Estnisch lernen für Est/innen
In Tõstamaa trafen sich in den vergangenen Tagen alle diejenigen, die Estnisch im Ausland unterrichten, meldet ERR. Das wirft Fragen auf. Erstens: wo ist Tõstamaa? Eine Landgemeinde in der Nähe von Pärnu, ehemals bekannt durch ein Rittergut, dessen letzter Besitzer, Alexander Wilhelm Baron
Stael von Holstein, Professor für Sanskrit und tibetanische Sprachen war,
Direktor des Harward-Indian Instituts in Peking, wo er 1937 starb - soviel erfahren wir auf der Internetpräsentation der Familie Stael von Holstein.
1921 wurde in dem Gebäude die Schule von Testama untergebracht. Der Ex-Eigentümer war also so etwas wie ein Sprachgenie - ob er auch Estnisch konnte, ist an dieser Stelle nicht überliefert. Wikipedia ergänzt: obwohl er enteignet wurde, nahm er die estnische Staatsbürgerschaft an.
Immerhin sechzig Lehrerinnen und Lehrertrafen sich jetzt also in Tõstamaa zu Erfahrungsaustausch und Weiterbildung. Insgesamt 4000 Kinder sollen es sein, so ist in den Berichten über das Treffen zu lesen, die Estnisch lernen. Es geht hier allerdings in diesem Fall nicht um deutsche Studierende oder andere Kurse für Deutschsprachige - es dreht sich hier zumeist um Kinder von im Ausland lebenden Esten und Estinnen.
Für Deutschland finden sich in der Aufstellung des Estnischen Instituts (Eesti Instituut) erstaunlicherweise gleich sieben Angebote: mit der "Europäischen Schule" (Frankfurdi Euroopa Kool) und der "Estnischen Schule in Frankfurt" (Frankfurdi Eesti Kool) zwei sehr namensähnliche in Deutschlands Bankenhauptstadt. Und auch München mit doppeltem Angebot, und sehr ähnlicher Namensverwirrung: die "Europäische Schule München" (Müncheni Euroopa Kool) und die Estnische Schule in München (Müncheni Eesti Kool). In NRW gibt es eine Kölner estnische Schule für Kinder ab 4 Jahre, wo vor allem gespielt, gesungen und gebastelt wird (im Pfarrheim Aegidius in Köln-Wahn). Auch in Hamburg betreibt die Estnische Volksgemeinschaft einige Kindergruppen (Hamburgi Eesti Kool). Und Berlin darf natürlich nicht fehlen: hier trifft sich die "Berliini Eesti Kool" im Familienzentrum Mehringdamm.
Einen noch breiteren Fokus auf's Estnische soll die letzte Woche im September 2019 bekommen - sie soll zur "Woche der estnischen Sprache" ausgerufen werden, mit dem Ziel, drei Millionen Menschen zu erreichen und für das Erlernen des Estnischen zu interessieren. Und übrigens: nicht wundern, wenn im Zusammenhang mit Kindern im Estnischen immer von "last" die Rede ist - hier hilft nur: Sprache lernen und verstehen, dass auch die Est/innen absolut kinderfreundlich sind.
1921 wurde in dem Gebäude die Schule von Testama untergebracht. Der Ex-Eigentümer war also so etwas wie ein Sprachgenie - ob er auch Estnisch konnte, ist an dieser Stelle nicht überliefert. Wikipedia ergänzt: obwohl er enteignet wurde, nahm er die estnische Staatsbürgerschaft an.
Immerhin sechzig Lehrerinnen und Lehrertrafen sich jetzt also in Tõstamaa zu Erfahrungsaustausch und Weiterbildung. Insgesamt 4000 Kinder sollen es sein, so ist in den Berichten über das Treffen zu lesen, die Estnisch lernen. Es geht hier allerdings in diesem Fall nicht um deutsche Studierende oder andere Kurse für Deutschsprachige - es dreht sich hier zumeist um Kinder von im Ausland lebenden Esten und Estinnen.
Für Deutschland finden sich in der Aufstellung des Estnischen Instituts (Eesti Instituut) erstaunlicherweise gleich sieben Angebote: mit der "Europäischen Schule" (Frankfurdi Euroopa Kool) und der "Estnischen Schule in Frankfurt" (Frankfurdi Eesti Kool) zwei sehr namensähnliche in Deutschlands Bankenhauptstadt. Und auch München mit doppeltem Angebot, und sehr ähnlicher Namensverwirrung: die "Europäische Schule München" (Müncheni Euroopa Kool) und die Estnische Schule in München (Müncheni Eesti Kool). In NRW gibt es eine Kölner estnische Schule für Kinder ab 4 Jahre, wo vor allem gespielt, gesungen und gebastelt wird (im Pfarrheim Aegidius in Köln-Wahn). Auch in Hamburg betreibt die Estnische Volksgemeinschaft einige Kindergruppen (Hamburgi Eesti Kool). Und Berlin darf natürlich nicht fehlen: hier trifft sich die "Berliini Eesti Kool" im Familienzentrum Mehringdamm.
Einen noch breiteren Fokus auf's Estnische soll die letzte Woche im September 2019 bekommen - sie soll zur "Woche der estnischen Sprache" ausgerufen werden, mit dem Ziel, drei Millionen Menschen zu erreichen und für das Erlernen des Estnischen zu interessieren. Und übrigens: nicht wundern, wenn im Zusammenhang mit Kindern im Estnischen immer von "last" die Rede ist - hier hilft nur: Sprache lernen und verstehen, dass auch die Est/innen absolut kinderfreundlich sind.
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Dienstag, Juli 02, 2019
Ab sofort nur noch baltisch?
Bei den "Geburtstagsfeiern" Ende März 2018 hatte alles noch ganz anders geklungen: "Nordica", die "Fluggesellschaft Estlands", zähle, Zitat, "zu den wettbewerbsfähigsten in der Region" (tip). Und damit nicht genug. Jaan Tamm, der Vorstandsvorsitzende von Nordica, wurde mit den Worten zitiert: "was Nordica ausmacht, sind die Menschen in Estland." Am 21. Juni 2019 gab "Nordica" nun per Pressemeldung bekannt, ab Ende Oktober alle Passagierflüge einstellen zu wollen.
Ja, wo sind sie denn geblieben, die "Menschen in Estland"? Vermutlich sind sie lieber mit "Ryanair", "Wizzair" und anderen Billigjets gefolgen, und haben sich nicht darum gekümmert, dass die eigene Regierung viel Geld dafür aufwendete, Flieger mit estnischer Flagge auf den Flughäfen der Welt erleben zu dürfen.
Nun wollten doch die Estinnen und Esten so gerne "nordisch" sein - bleiben sie nun "baltisch"? "AirBaltic", die lettische Schwester (bisher Konkurrentin), gegenwärtig zu 80% im Besitz des lettischen Staates, bietet sich schon mal als neue "Wahl des Herzens" an, und fliegt neuerdings mit einem estnisch lackierten Flieger durch Europa. Der Rest ist wahrscheinlich eine Frage der Presseschlagzeilen (also = Image). "AirBaltic will die Herzen der Esten erobern", titelt die "Flugrevue". Estnische Herzensfragen - eine reine Flaggenzeremonie? Vorsichtshalber wird schon mal der moralische Zeigefinger ausgefahren: 1000 Arbeitsstunden habe die Lackierung gekostet, betonen die Auftraggeber. Vielleicht haben die Ärbalten auch noch die Meldungen des Jahres 2016 im Kopf, als es hieß: "Estlands Nationalairline ärgert Air Baltic" (AeroTelegraf).
Auch damals gab es Schlagzeilen der Art "Baltische Airline ist pleite" (fvw) - gemeint war Estonian Airlines. Schon um Gleichlautendes jetzt zu verhindern, dafür hat sich vermutlich der Flugzeuganstrich schon gelohnt. Und in der sonst eher als zurückhaltend bekannten Schweizer Presse weht der Duft unritterlicher Feldzüge: "Air Baltic zeigt mit Lackierung Anspruch auf Estland" (nau.ch).
Wer will, kann auch Schlagzeilen mit negativerer Tönung lesen. "Nordica ist am Ende" (fvw),"Nordica gibt auf" (AustrianWings), oder, etwas geschickter formuliert: "Estonia’s flag carrier forced to change its business model" (rusaviainsider).
Was die "estnischen Herzen" angeht, so kann man auch bei Nordica-Finanzmanagerin Kristi Ojakäär nachlesen; sie wird zitiert wird mit der Aussage, mit den Billigpreisen habe man nicht mithalten können, und ganz besonders mache "Nordica" die lettische "AirBaltic" zu schaffen. "Wo die Liebe hinfällt", heißt es da wohl. Oder, anders gesagt: auch Ojakäär wurde erst Anfang 2019 neu eingestellt und hatte vorher Erfahrung im Glückspiel-Business (Casinos).
Jaan Tamm (der mit den "Menschen in Estland") ist inzwischen seines Postens enthoben und fand in Gunnar Kobin einen Nachfolger. Es gibt erste Stimmen aus der estnischen Politik, denen zufolge der estnische Staat nun lieber seine Anteile an "Nordica" loswerden will - das heißt dann in Pressesprech: gesucht wird ein "strategischer Investor".
Trotz Steigerung bei Einnahmen und Passagieren um 30% habe "Nordica" 2018 5,4 Millionen Euro Verluste gemacht, schreibt ERR. 765.000 Menschen seien im Jahr 2018 mit der Airline geflogen (wie viele Est/innen unter ihnen waren, wurde nicht bekannt). Dem stehen die Statistiken von AirBaltic entgegen: 210.000 Passagiere seien es auf den Strecken von und nach Estland in den ersten fünf Monaten 2019 gewesen (ERR / AirBaltic), eine Steigerung um 32%. Ab sofort werde "AirBaltic" zwei ihre Flieger des Typs Airbus A220-300 in Tallinn stationieren. Auf der Flugroute Riga-Tallinn sind gegenwärtig jede Woche etwa 7.000 Passagiere unterwegs.
Zumindest die Szene der "PlaneSpotter" (Menschen, die Fotos machen von möglichst vielen Flugmaschinen) reagiert erregt: der blau-schwarz-weiße Flieger wurde schon in Wien (AviationNetonline), in Olso (Planespotters) und auch in Berlin gesehen (Berlin-spotter). Es spottet also jeder Beschreibung - will sagen: die Werbewelle rollt.
Nun warten wir alle gespannt auf die Eröffnung der Schnellzug-Route "Rail-Baltica" nach Tallinn. Der erste Zug wird dann sicherlich in Nationalfarben auf die Reise geschickt werden - vielleicht in digitaler Form an der Außenhaut, so dass die Flaggen jeweils gewechselt werden können, wie es gerade zum Image passt.
Ja, wo sind sie denn geblieben, die "Menschen in Estland"? Vermutlich sind sie lieber mit "Ryanair", "Wizzair" und anderen Billigjets gefolgen, und haben sich nicht darum gekümmert, dass die eigene Regierung viel Geld dafür aufwendete, Flieger mit estnischer Flagge auf den Flughäfen der Welt erleben zu dürfen.
Nun wollten doch die Estinnen und Esten so gerne "nordisch" sein - bleiben sie nun "baltisch"? "AirBaltic", die lettische Schwester (bisher Konkurrentin), gegenwärtig zu 80% im Besitz des lettischen Staates, bietet sich schon mal als neue "Wahl des Herzens" an, und fliegt neuerdings mit einem estnisch lackierten Flieger durch Europa. Der Rest ist wahrscheinlich eine Frage der Presseschlagzeilen (also = Image). "AirBaltic will die Herzen der Esten erobern", titelt die "Flugrevue". Estnische Herzensfragen - eine reine Flaggenzeremonie? Vorsichtshalber wird schon mal der moralische Zeigefinger ausgefahren: 1000 Arbeitsstunden habe die Lackierung gekostet, betonen die Auftraggeber. Vielleicht haben die Ärbalten auch noch die Meldungen des Jahres 2016 im Kopf, als es hieß: "Estlands Nationalairline ärgert Air Baltic" (AeroTelegraf).
Auch damals gab es Schlagzeilen der Art "Baltische Airline ist pleite" (fvw) - gemeint war Estonian Airlines. Schon um Gleichlautendes jetzt zu verhindern, dafür hat sich vermutlich der Flugzeuganstrich schon gelohnt. Und in der sonst eher als zurückhaltend bekannten Schweizer Presse weht der Duft unritterlicher Feldzüge: "Air Baltic zeigt mit Lackierung Anspruch auf Estland" (nau.ch).
Wer will, kann auch Schlagzeilen mit negativerer Tönung lesen. "Nordica ist am Ende" (fvw),"Nordica gibt auf" (AustrianWings), oder, etwas geschickter formuliert: "Estonia’s flag carrier forced to change its business model" (rusaviainsider).
Was die "estnischen Herzen" angeht, so kann man auch bei Nordica-Finanzmanagerin Kristi Ojakäär nachlesen; sie wird zitiert wird mit der Aussage, mit den Billigpreisen habe man nicht mithalten können, und ganz besonders mache "Nordica" die lettische "AirBaltic" zu schaffen. "Wo die Liebe hinfällt", heißt es da wohl. Oder, anders gesagt: auch Ojakäär wurde erst Anfang 2019 neu eingestellt und hatte vorher Erfahrung im Glückspiel-Business (Casinos).
Jaan Tamm (der mit den "Menschen in Estland") ist inzwischen seines Postens enthoben und fand in Gunnar Kobin einen Nachfolger. Es gibt erste Stimmen aus der estnischen Politik, denen zufolge der estnische Staat nun lieber seine Anteile an "Nordica" loswerden will - das heißt dann in Pressesprech: gesucht wird ein "strategischer Investor".
Trotz Steigerung bei Einnahmen und Passagieren um 30% habe "Nordica" 2018 5,4 Millionen Euro Verluste gemacht, schreibt ERR. 765.000 Menschen seien im Jahr 2018 mit der Airline geflogen (wie viele Est/innen unter ihnen waren, wurde nicht bekannt). Dem stehen die Statistiken von AirBaltic entgegen: 210.000 Passagiere seien es auf den Strecken von und nach Estland in den ersten fünf Monaten 2019 gewesen (ERR / AirBaltic), eine Steigerung um 32%. Ab sofort werde "AirBaltic" zwei ihre Flieger des Typs Airbus A220-300 in Tallinn stationieren. Auf der Flugroute Riga-Tallinn sind gegenwärtig jede Woche etwa 7.000 Passagiere unterwegs.
Zumindest die Szene der "PlaneSpotter" (Menschen, die Fotos machen von möglichst vielen Flugmaschinen) reagiert erregt: der blau-schwarz-weiße Flieger wurde schon in Wien (AviationNetonline), in Olso (Planespotters) und auch in Berlin gesehen (Berlin-spotter). Es spottet also jeder Beschreibung - will sagen: die Werbewelle rollt.
Nun warten wir alle gespannt auf die Eröffnung der Schnellzug-Route "Rail-Baltica" nach Tallinn. Der erste Zug wird dann sicherlich in Nationalfarben auf die Reise geschickt werden - vielleicht in digitaler Form an der Außenhaut, so dass die Flaggen jeweils gewechselt werden können, wie es gerade zum Image passt.
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Donnerstag, Juni 20, 2019
Start der Citybienen
Nicht nur die Verkehrsplaner in Deutschland erwarten gegenwärtig den großen Boom der E-Scooter - auch in Estland sind die Verleiher startbereit. Schon zur angelaufenen Touristensaison werden die Gäste in Tallinn E-Scooter ausleihen können.
"Bzzzz is coming", wirbt eine der neuen Scooter-Verleiher, die Firma CITYBEE, ein Start-up aus Litauen, der auch in Estland bisher mit Carsharing-Angeboten bekannt wurde. Doch wird die "Bzzz-Freude" wirklich so groß sein? Der Domberg ist steil und führt über Pflasterstein-Straßen, der Weg zum Museum wie das "Kumu" oder zum Flughafen wird von Gästegruppen meist mit dem Bus zurückgelegt. Vom Hafen ins Stadtzentrum - eine zu kurze Strecke. Wo also sollen E-Scooter überhaupt fahren? Quer durch Kalamaja, oder rund um die Altstadt? Bisher ist es wohl nur der Reiz des Neuen.
So ist es vielleicht auch typisch,dass es E-Scooter in Tallinn nur als ergänzendes Angebot zum Autoverleih / Carsharing geben wird. Oder vielleicht werden wir auch Leihwagen-Fahrer/innen sehen, die am See Peipsi wieder aussteigen und dort dann ihren E-Scooter auspacken, als Anreiz für die ganze Familie? Allerdings wird in Estland die E-Scooternutzung auf Personen ab 18 Jahren beschränkt werden.
Mit etwa 15 Euro pro Tag liegt die Ausleihgebühr leicht über der für ein Fahrrad. Die Nutzer/innen sollen allerdings verpflichtet werden, die Scooter nur an festgelegten Orten wieder zurückzulassen, so der zweite Tallinner Anbieter "Bolt" (bisher "Taxify"). "Tallinn ist die Heimatstadt von Bolt", so wirbt das Unternehmen für seine Dienste. Grundlage ist immer die Nutzung per Smartphone und App. "Bolt" sei in Estland auch der große Konkurrent des Verkehrsdienstleisters "Uber", so berichtete bereits die "New York Times". Es ist vor allem eine schöne Story über Markus Villig, der mit 19 Jahren "Bolt" gründete, auf Saaremaa aufwuchs und die Skype-Gründer seine Vorbilder nennt. Wie die deutsche AHK weiß, wird diese Firma auch von der deutschen Daimler unterstützt.
Sind E-Scooter also nur scheinbar eine umweltfreundliche, weil abgasfreie Alternative im Verkehr? Auch bei massenhaftem Einsatz von E-Autos - sofern das so kommen wird - ist ja noch nicht bewiesen, dass so die Umwelt tatsächlich besser wegkommt. Erste Richtlinie scheint vor allem zu sein: "alles easy"! Easy nutzen, easy bezahlen. Vielleicht sollten wir also die E-Scooter vorerst als das nehmen, was sie sind: ein weiteres Spielzeug für die Spaßgesellschaft. Und natürlich eine Option für diejenigen, die sich in Estland sowieso an den digitalen Angeboten orientieren.
Oder, weitere Option: die Angebote werden genutzt, weil sie von anderswo her bereits bekannt sind. "Bolt" zum Beispiel ist auch in Helsinki, London, Paris, Riga und Vilnius aktiv, ja sogar in Melbourne und Moskau. Da dürfte doch der Ausflug nach Estland für den Kunden/ die Kundin eine der leichteren Übungen sein - und andere Firmen ziehen sicherlich nach.
"Bzzzz is coming", wirbt eine der neuen Scooter-Verleiher, die Firma CITYBEE, ein Start-up aus Litauen, der auch in Estland bisher mit Carsharing-Angeboten bekannt wurde. Doch wird die "Bzzz-Freude" wirklich so groß sein? Der Domberg ist steil und führt über Pflasterstein-Straßen, der Weg zum Museum wie das "Kumu" oder zum Flughafen wird von Gästegruppen meist mit dem Bus zurückgelegt. Vom Hafen ins Stadtzentrum - eine zu kurze Strecke. Wo also sollen E-Scooter überhaupt fahren? Quer durch Kalamaja, oder rund um die Altstadt? Bisher ist es wohl nur der Reiz des Neuen.
So ist es vielleicht auch typisch,dass es E-Scooter in Tallinn nur als ergänzendes Angebot zum Autoverleih / Carsharing geben wird. Oder vielleicht werden wir auch Leihwagen-Fahrer/innen sehen, die am See Peipsi wieder aussteigen und dort dann ihren E-Scooter auspacken, als Anreiz für die ganze Familie? Allerdings wird in Estland die E-Scooternutzung auf Personen ab 18 Jahren beschränkt werden.
Mit etwa 15 Euro pro Tag liegt die Ausleihgebühr leicht über der für ein Fahrrad. Die Nutzer/innen sollen allerdings verpflichtet werden, die Scooter nur an festgelegten Orten wieder zurückzulassen, so der zweite Tallinner Anbieter "Bolt" (bisher "Taxify"). "Tallinn ist die Heimatstadt von Bolt", so wirbt das Unternehmen für seine Dienste. Grundlage ist immer die Nutzung per Smartphone und App. "Bolt" sei in Estland auch der große Konkurrent des Verkehrsdienstleisters "Uber", so berichtete bereits die "New York Times". Es ist vor allem eine schöne Story über Markus Villig, der mit 19 Jahren "Bolt" gründete, auf Saaremaa aufwuchs und die Skype-Gründer seine Vorbilder nennt. Wie die deutsche AHK weiß, wird diese Firma auch von der deutschen Daimler unterstützt.Sind E-Scooter also nur scheinbar eine umweltfreundliche, weil abgasfreie Alternative im Verkehr? Auch bei massenhaftem Einsatz von E-Autos - sofern das so kommen wird - ist ja noch nicht bewiesen, dass so die Umwelt tatsächlich besser wegkommt. Erste Richtlinie scheint vor allem zu sein: "alles easy"! Easy nutzen, easy bezahlen. Vielleicht sollten wir also die E-Scooter vorerst als das nehmen, was sie sind: ein weiteres Spielzeug für die Spaßgesellschaft. Und natürlich eine Option für diejenigen, die sich in Estland sowieso an den digitalen Angeboten orientieren.
Oder, weitere Option: die Angebote werden genutzt, weil sie von anderswo her bereits bekannt sind. "Bolt" zum Beispiel ist auch in Helsinki, London, Paris, Riga und Vilnius aktiv, ja sogar in Melbourne und Moskau. Da dürfte doch der Ausflug nach Estland für den Kunden/ die Kundin eine der leichteren Übungen sein - und andere Firmen ziehen sicherlich nach.
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Freitag, Juni 14, 2019
Saufende Populisten?
Es heißt, das Ende von Zar Nikolai II. habe sich bereits abgezeichnet, als er 1914 ein Alhoholverbot aussprach. Damals kam es zu Plünderungen von Gaststätten und Weinlagern. Als Alkoholersatz mussten Spiritus, Politurmittel oder sogar Lacke herhalten, und für einen Selbstgebrannten nahm man Rüben oder sogar Holzspäne.
Auch Gorbatschow schränkte 1986 den Alkoholverkauf ein, und es war wieder die Rede davon, dass eine alkoholfreie Hochzeitsfeier ja eigentlich gar keine Feier sei.
Auch in Estland ist die Steuer auf Alkoholisches wie immer eine Fragen entweder des Schutzes vor zuviel Alkoholismus, oder der staatlichen Einnahmen.Nach Einführung des erhöhten Steuersatzes sollen die Staatseinnahmen um 80 Mio. € zurückgegangen sein (NZZ). Die geringeren Einnahmen bedeuteten allerdings nicht automatisch auch geringeren Konsum: nun wurde es populär, kurz über die lettische Grenze einkaufen zu fahren (Blogbeitrag). Dagegen ging der Strom der Alkoholtouristen aus Richtung Helsinki stark zurück - noch im Jahr 2014 "stammte 1/3 des Alkohols in Finnland aus Estland", behauptete "Nordisch.info". Und auch die Finnen fuhren nun einfach ein paar km weiter bis über die Grenze nach Lettland, wenn sie auf der Suche nach billigem Alkohol waren.
Nun also wird der Alkohol in Estland wieder billiger. Ein Schritt, den auch die oppositonelle Reformpartei mit unterstützt. Der Gesetzesvorschlag, ab dem 1. Juli 2019 den Steuersatz auf Bier, Schnaps und Cidre um 25% zu senken, wurde am 15. Juni vom estnischen Parlament (Riigikogu) mit großer Mehrheit verabschiedet (err).
Kritik kommt u.a. von kirchlicher Seite. "Aus christlicher Perspektive sollte eher das Prinzip liebe deinen Nächsten Priorität haben," meint Urmas Viilma, Erzbischof der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche ( EELK),"beim Umgang mit Alkohol sollten eher das Leben der Menschen, die Gesundheit und Sicherheit Vorrag haben, nicht die Steuerbilanzen." (err/ Eesti Kirik) "Es wird mir ein wenig zu viel nur darüber gesprochen, ob nun estnisches Steuergeld nach Lettland, oder finnisches in Estland bleibt," meint er. "12 EuroCent auf einen halben Liter Bier sparen zu können, sollte für einen Christen nicht die entscheidende Frage sein." Eher solle man schauen, wie die Zahl der Unfälle unter Alkoholeinfluß, die Verbrechen und die Fälle häuslicher Gewalt reduziert werden könnten.Auch sei es immer noch erlaubt, selbst für Kinder alkoholhaltige Mixgetränke zu verkaufen (sogenannter "Kinder-Sekt"). Und auch bei Sportveranstaltungen sei der extensive Alkoholkonsum noch immer nicht in Frage gestellt. "In einer Zeit, wo so viel Wert gelegt wird auf Umweltschutz, gesunde Ernährung, ökologisch erzeugte Produkte, vegane Lebensmittel, körperliche Fitness und einen gesunden Lebensstil müsse teilweise oder völliger Verzicht auf Alkohol zumindest als Option möglich sein," meint der Kirchenmann.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie des estnischen Instituts für Wirtschaftsforschung (KI) hatte einen 10-Jahres-Tiefststand des Alkoholkonsums in Estland ergeben - gegenwärtig 10,1 Liter (pro Erwachsene Person im Jahr 2018). In einer Studie der Welt-Gesundheitsorganisation wird die These vertreten, ein Angeben des Preises auf Alkohol um 1% würde den Alkoholkonsum um 0,5% senken. Ob eine solche Rechnung auch beim 25fachen in die gegensätzliche Richtung aufgeht, wird die Zukunft zeigen müssen.
In derselben Studie ist ein Rückblick auf die finnische Steuersenkung auf Alkohol um 33% nachzulesen - das geschah 2004 weil Estland der EU beigetreten war.Daraufhin lag der Alkoholkonsum in Finnland 2005 um 12% höher - und der private Import von alkoholischen Getränken verdoppelte sich trotzdem (machte 17% des gesamten Alkoholverbrauchs aus). Die Steuereinnahmen auf Alkohol gingen 2005 in Finnland im Vergleich zu 2003 dennoch um 29% zurück. 2008 und 2009 wurde hob die finnische Regierung dann den Steuersatz sogar mehrfach wieder an - mit dem Ergebnis, dass die Steuereinnahmen um 27% anstiegen (2010, verglichen mit 2007), der Konsum aber nur um 7% zurückging. Die WHO nennt das "die Asymetrie der Elastizität".
Zuletzt noch eine Stellungnahme der AHK (Auslands-Handelskammer) zum Thema. "Die Bewohner der baltischen Staaten geben europaweit den größten Anteil des Haushaltseinkommens für alkoholische Getränke aus", heißt es hier in einer Pressemeldung unter Berufung auf Zahlen von "Eurostat": "in Estland sind es 5,2 Prozent, in Lettland 4,9 Prozent und in Litauen 4,0 Prozent." In Deutschland liegt der Anteil nur bei 1,4% - na, mal gut, dass die Deutschen nicht direkt neben den Est/innen wohnen., oder?
Auch Gorbatschow schränkte 1986 den Alkoholverkauf ein, und es war wieder die Rede davon, dass eine alkoholfreie Hochzeitsfeier ja eigentlich gar keine Feier sei.
Auch in Estland ist die Steuer auf Alkoholisches wie immer eine Fragen entweder des Schutzes vor zuviel Alkoholismus, oder der staatlichen Einnahmen.Nach Einführung des erhöhten Steuersatzes sollen die Staatseinnahmen um 80 Mio. € zurückgegangen sein (NZZ). Die geringeren Einnahmen bedeuteten allerdings nicht automatisch auch geringeren Konsum: nun wurde es populär, kurz über die lettische Grenze einkaufen zu fahren (Blogbeitrag). Dagegen ging der Strom der Alkoholtouristen aus Richtung Helsinki stark zurück - noch im Jahr 2014 "stammte 1/3 des Alkohols in Finnland aus Estland", behauptete "Nordisch.info". Und auch die Finnen fuhren nun einfach ein paar km weiter bis über die Grenze nach Lettland, wenn sie auf der Suche nach billigem Alkohol waren.
Nun also wird der Alkohol in Estland wieder billiger. Ein Schritt, den auch die oppositonelle Reformpartei mit unterstützt. Der Gesetzesvorschlag, ab dem 1. Juli 2019 den Steuersatz auf Bier, Schnaps und Cidre um 25% zu senken, wurde am 15. Juni vom estnischen Parlament (Riigikogu) mit großer Mehrheit verabschiedet (err).
Kritik kommt u.a. von kirchlicher Seite. "Aus christlicher Perspektive sollte eher das Prinzip liebe deinen Nächsten Priorität haben," meint Urmas Viilma, Erzbischof der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (
Eine kürzlich veröffentlichte Studie des estnischen Instituts für Wirtschaftsforschung (KI) hatte einen 10-Jahres-Tiefststand des Alkoholkonsums in Estland ergeben - gegenwärtig 10,1 Liter (pro Erwachsene Person im Jahr 2018). In einer Studie der Welt-Gesundheitsorganisation wird die These vertreten, ein Angeben des Preises auf Alkohol um 1% würde den Alkoholkonsum um 0,5% senken. Ob eine solche Rechnung auch beim 25fachen in die gegensätzliche Richtung aufgeht, wird die Zukunft zeigen müssen.
In derselben Studie ist ein Rückblick auf die finnische Steuersenkung auf Alkohol um 33% nachzulesen - das geschah 2004 weil Estland der EU beigetreten war.Daraufhin lag der Alkoholkonsum in Finnland 2005 um 12% höher - und der private Import von alkoholischen Getränken verdoppelte sich trotzdem (machte 17% des gesamten Alkoholverbrauchs aus). Die Steuereinnahmen auf Alkohol gingen 2005 in Finnland im Vergleich zu 2003 dennoch um 29% zurück. 2008 und 2009 wurde hob die finnische Regierung dann den Steuersatz sogar mehrfach wieder an - mit dem Ergebnis, dass die Steuereinnahmen um 27% anstiegen (2010, verglichen mit 2007), der Konsum aber nur um 7% zurückging. Die WHO nennt das "die Asymetrie der Elastizität".
Zuletzt noch eine Stellungnahme der AHK (Auslands-Handelskammer) zum Thema. "Die Bewohner der baltischen Staaten geben europaweit den größten Anteil des Haushaltseinkommens für alkoholische Getränke aus", heißt es hier in einer Pressemeldung unter Berufung auf Zahlen von "Eurostat": "in Estland sind es 5,2 Prozent, in Lettland 4,9 Prozent und in Litauen 4,0 Prozent." In Deutschland liegt der Anteil nur bei 1,4% - na, mal gut, dass die Deutschen nicht direkt neben den Est/innen wohnen., oder?
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