Donnerstag, Februar 20, 2020

Einspar-Folklore

Das kleine estnische Städtchen Viljandi ist vielleicht nicht einmal allen Estland-Touristen bekannt - viele pendeln nur zwischen Tallinn, Tartu und Saaremaa. Für Liebhaber*innen der Folkmusik ist das anders: geradezu legendär ist das VILJANDI FOLK MUSIC FESTIVAL, das im Jahr 2020 wieder einmal um die 800 Musiker*innen bei über 100 Konzerten zusammenbringen wird, inzwischen kommen an den vier Festivaltagen über 25.000 Musikfreund*innen.

1989 gegründet, ist das Festival zusammen mit der inzwischen etablierten "Viljandi Kulturakademie" geradezu zum Symbol geworden für den freien, estnischen Geist, das Kennenlernen anderer Kulturen, und
"Wir mussten unseren Weg finden von der sowjetischen Pseudo-Folk-Szene zu einer qualitativen musikalischen Ausbildung", schreibt Festivalleiter Ando Kiviberg in einem Rückblick auf die Entwicklung seit 1990. Kiviberg erinnert an die Wiederentdeckung der Traditionen des estnischen Dudelsackbaus genauso wie an die findigen Handwerker von Viljandi, die auch schon mal individuelle Transportbehälter für die Musikinstrumente aus Holz herzustellen in der Lage waren. Sogar das Vokabular musste neu geschaffen werden: den Begriff "pärimus" (estnisch für etwas ererbtes, traditionelles) soll zuerst die Band "Kukerpillid" verwendet haben - in Viljandi wurde “pärimusmuusika” zum neuen Begriff für die Musik, die hier präsentiert wurde (und englisch "Folkmusik") genannt wird.

2008 wurde das "Traditional Music Center" in Viljandi eröffnet. Alte Liedtexte und Schriften, auch alte Tonaufnahmen, Fotos und Filme sammelt das "Eesti Rahvaluule Arhiiv" (ERA) schon seit 1927 - anfangs als Teil des Estnischen Nationalmuseums, inzwischen als Abteilung des estnischen Literaturmuseums in Tartu, und seit 2000 sind alle verschiedenen Folklore-Sammlungen unter diesem Dach vereint. Über 13.000 estnische Volkslieder und ihre Melodien sind hier dokumentiert.

Doch offenbar ist diese Archivarbeit nicht jedem gleichermaßen wichtig.  In der estnischen Presse häufen sich Berichte, denen zufolge das estnische Folklorearchiv in diesem Jahr keine Unterstützung für Forschungsprojekte erhalten wird (Eesti Päevaleht / Klassikraadio). Seitdem ist die estnische Folkszene in Aufruhr. Dichterin Kristiina Ehin und Folk-Musikerin Mari Kalkun schufen bereits einen "Protestsong" mit der Bezeichnung "Notruf an den Premierminister" ("Hädaabikõne peaministrile") - inspiriert von der Musik von Miina Härma und Gedichten von Anna Haava. "Ich habe noch nie einen Protestlied geschrieben, aber diese Situation zwingt mich es zu tun. Wir müssen unsere Traditionen bewahren, und auch die Leute die diese Arbeit tun," so Kalkun gegenüber dem estnischen Pressedienst ERR.

Es kursieren Unterschriftenlisten, und ein Solidaritätskonzert zur Unterstützung des Folklorearchivs soll am 4. März im Estnischen Nationalmuseum stattfinden (Postimees). Dort werden eine Reihe von Bands und Musiker*innen auftreten, die sich von den estnischen Traditionen der Folkmusik inspirieren lassen, wie "Trad.Attack!", Mari Kalkun, Sander Mölder, Maarja Nuut, "Zetod", Cätlin Mägi, die "Curly Strings" oder die "Johansons".

Kritisiert werden auch die Finanzierungsstrategien für die wissenschaftliche Forschung. "So wie es gegenwärtig gemacht wird, ist es wie eine Lotterie - da werden Forschungsprojekte nicht danach orientiert wo es Forschungbedarf gibt, sondern welcher Antrag wahrscheinlich erfolgreich sein wird", meint Risto Järv, der Leiter des Folklorearchivs (err).

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