Freitag, November 29, 2019

Deutschbalten ins Museum?

Viele behaupten ja, die Geschichte der Deutschbalten - also der deutschen Minderheit, Ex-Oberschicht in Estland und Lettland - hätte mit der erzwungen-freiwilligen Aussiedlung "Heim-ins-Reich" 1939/40 geendet. Historisch gesehen ist das sicher richtig - auch wenn es heute noch Personen und Organisationen gibt, die an "deutschbaltisches Erbe" nicht nur erinnern wollen, sondern auch nach Konzepten suchen diese Traditionen heute, von welchem Ort aus auch immer, fortsetzen zu können. Marika Valk, Kunsthistorikerin und Direktorin der Museen in Lihula and Hanila, schlägt nun vor: gründen wir in Estland ein Museum für die Deutschbalten! (err / Lääne Elu)

Valk, die auch schon beim Aufbau des Museums für moderne Kunst in Tallinn (KUMU) beteiligt war, will ihren eigenen Worten zufolge damit eine bessere Verfügbarkeit des Wissens über die Geschichte der Deutschbalten erreichen - aus estnischer Sicht, so würden es die Deutschbalten selbst wahrscheinlich kommentieren. Während Valk eine "Informationsdatenbank" vorschlägt, "eine Sammlungen mit Informationen über Häuser, Kunstwerke, Bildung, Theater der Deutschbalt/innen, dazu entsprechende Forschungsergebnisse", könnte dieser Vorstoß für manche traditionsgebundenen Funktionäre der deutschbaltischen Verbände auch ein wenig befremdlich wirken. So versuchen doch die meist auf ihren alten Traditionen beharrenden Verbände gern nur immer sich selbst das Zentrum aller deutschbaltischen Bezüge zu Estland hinzustellen: ob nun Herder-Institut Marburg, Carl-Schirren-Gesellschaft und "Nord-Ost-Institut" in Lüneburg, Deutsch-Baltische Gesellschaft (ehemals "Deutsch-Baltische Landsmannschaft") in Darmstadt, oder die immer noch existierende "Estnische Ritterschaft" - vom Brömse- bis zum Baltenhaus sammeln alle fleißig neue "deutschbaltische" Mitstreiter.

Dabei verstehen sich die Mitglieder solcher Organisationen offenbar nicht einfach als "Deutsche", sondern vielmehr als "Angehörige einer Gemeinschaft mit verbindenden Wertvorstellungen" (Zitat "Estnische Ritterschaft"). Allerdings beschränken sich die Aktivitäten solcher Reste alter Strukturen meist auf gelegentliche Reisen in die alten Heimat, Pflege alter Gräber und humanitäre Hilfe.
Deutschbaltische Archive - bald mit estnischem Standort?

Nun will Frau Valk bereits über ihre Idee mit deutschbaltischen Organisationen (mit welchen genau, das lässt sich aus den Pressemeldungen nicht herauslesen) gesprochen haben. Auch die lettische Presse hat den Vorschlag bereits aufgenommen und weiter verbreitet (Latvijas Avize). Können wir also zukünftig mal einen neuen Blick auf deutschbaltische Kulturgeschichte erwarten, diesmal aus der Sicht der (von Oberschichtgehabe) betroffenen Völker? Das wäre doch mal etwass Neues - und könnte uns vielleicht doch die eine oder andere der verkrusteten Strukturen in Deutschland überflüssig machen. Und auf Konferenzen und Tagungen würden nicht mehr Deutschbalten "über sich selbst" referieren, sondern endlich nur noch richtige Wissenschaftler/innen. Puuh - hoffentlich ist das jetzt nicht wieder eine zu klare Sprache.Auf gehts, Frau Valk!

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