Samstag, März 14, 2009

Wen vertritt der russische Botschafter?

Wie das estnische Radio berichtete, kommentierte Bildungsminister Tōnis Lukas auf einer Pressekonferenz die Eingabe eines Schülers der Tallinner Reaalgümnaasiums Mustamäe, die auch von der Vereinigung der Schülervertretungen abgesegnet worden war. Der junge Mann kritisiert darin die jüngsten Äußerungen des russischen Botschafters in Estland, Nikolai Uspensti gegenüber der Zeitung Tribuna.

Der Botschafter hatte in einem Interveiw behauptet, die Sprachinspektion werde in Estland instrumentalisiert, um eine „Bereinigung“ unter dem Lehrpersonal durchzuführen und die russischen Schüler würden im Unterricht diskriminiert, ja sogar der gebrauch der russischen Sprache von Lehrern untersagt.

Lukas sagte, daß selbstverständlich unter den jungen Leuten über alle möglichen Fragen auch sehr unterschiedliche Meinungen vertreten würden. Die meisten sprächen jedoch hervorragend Estnisch und zweifelten nicht am Sinn der Unabhängigkeit des Landes im Gegnteil zu älteren Personen, die sich nicht gut integriert hätten.

Die Schüler seien verärgert über die Verbreitung von Lügen und betrachteten dies als Einmischen in innere Angelegenheiten. Sie verlangten eine Entschuldigung von Seiten des Botschafters.

Donnerstag, März 12, 2009

Tüür - Öffner

Pressegespräch in einer Schulaula - nein, diesmal kein schreckliches Ereignis. Keine vernachlässigten Kinderseelen wie in Erfurt oder Winnenden. Eher im Gegenteil: 100 Schulkinder lauschen gebannt in der Aula der Schule an der Nürnberger Straße in Bremen-Findorff. Markus Poschner, Generalmusikdirektor der Bremer Philharmoniker, vermittelt Kindern und Jugendlichen ein Werk von Erkki Sven Tüür. "Ein Komponist aus einem Land ganz weit weg, auf der Landkarte oben rechts," die Einleitung klingt noch ein wenig unbestimmt. Aber Poschner versteht es, seine jungen Zuhörer/innen in seinen Bann zu ziehen.

"Das was passieren wollte, scheint passiert zu sein." - Dieser Satz steht für alle sichtbar angeschrieben. Ja, alle sind alt genug, um schon Lesen und Schreiben gelernt zu haben, aber es geht hier nicht um philosophische Betrachtungen. Vielmehr vergleicht Poschner den Zugang zur Sprache (alle können lesen, meinen zu verstehen, aber jede/r hat andere Vorstellungen des vermeintlichen Sinnes im Kopf) mit dem Zugang zur Musik.

Es ist Erkki Sven Tüür's Cellokonzert aus dem Jahre 1997, das den Schülerinnen und Schülern dann auszugsweise zu Gehört gebracht wird. Poschner fragt nach Assoziationen: von Cowboyfilmen, Kriminalfällen bis hin zum Verirren in einem dunklen Wald ist alles dabei.
Inzwischen ist das Projekt "Phil-sagend" der Bremer Philharmoniker bereits in Phase 2 angekommen: Schülerinnen und Schüler des Max-Planck-Gymnasiums in Delmenhorst haben bereits eigene Visionen entwickelt, und mit den Eindrücken gearbeitet, die das Stück bei Ihnen ausgelöst hat - es entstanden Fotos, Collagen, sogar ein kurzer Film. Gezeigt wird all dies beim Sonderkonzert der Bremer Philharmoniker am Montag, den 23.März im Bremer Konzerthaus "Die Glocke". Zwei Zielgruppen des Projekts also: die einen stellen die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem Werk Erkki Sven Tüürs anderen auf einer Konzertbühne vor. Am Schluß soll dann das etwa 20-minütige Werk komplett gespielt werden.

Das Projekt "Phil-sagend" soll in ähnlicher Weise fortgeführt werden, so die Pressestelle der Bremer Philharmoniker. Eine Aufführung in Estland, oder in Anwesenheit oder Zusammenarbeit mit dem Komponisten, ist jedoch bisher nicht geplant.

Links und Infos:

Interview Erkki Sven Tüür am 21.11.2008 in DIE ZEIT

Info zur Person Erkki Sven Tüür (engl.)

Info zum Konzert "Phil-sagend" am 23.März 2009 in Bremen

Erkki Sven Tüür bei Klassikinfo

Dienstag, März 10, 2009

Skypes Sten Tamkivi


Skype's Sten Tamkivi
Originally uploaded by jurvetson
Soll ich jetzt über die Kreditlasten der (fast) Eigenheimbesitzer in Estland schreiben? Deren Zahl ist hoch, viele haben ohne Eigenkapitalbeteiligung Häuser oder Wohnungen erworben. Noch wohnen die meisten, aber alles hängt von der Tiefe und Länge der Wirtschaftskrise ab.
Woanders konnte man lesen, dass die Hoffnung auf dem Technologievorsprung Estlands beruht. Nicht in jedem Sektor. Aber dort, wo IT also Computertechnologie angesagt ist. Und da sind Esten tatsächlich gefragt. Hier in Stanford, Kalifornien. Sten Tamkivi der Manager von Skype Estonia.
Wer auf das Foto klickt, bekommt ein paar Daten des Vortrags zu lesen, die Steve Jurvetson festgehalten hat.

Wen es genauer interessiert, hier ist die Veranstaltungsreihe.

Dienstag, März 03, 2009

Kiiking - wenn nicht in Estland, dann im eigenen Garten!


Offenbar angeregt durch unseren Beitrag zu KIIKING schickte uns ein Leser dieses Blogs schöne Fotos zu, die eindrucksvoll demonstrieren, was als Eigenbau im eigenen Garten möglich ist.
Diesen Beitrag möchte ich doch dann auch den Kiiking-Fans auf keinen Fall vorenthalten!

Hallo,nicht nur in Estland ist Kiiking beliebt - auch bei uns im Garten gibt's das seit 1982.
Leider sind Überschlag Schiffschaukeln aus Kostengründe
n (Versicherung) fast ausgestorben.Meine Schaukel hat eine Höhe von 3,15 m und ist inzwischen aus Sicherheitsgründen mit einem Kahn versehen worden.
Meine Kinder und Freunde haben damit ihr Vergnü
gen. Freunde aus Estland, die hin und wieder zu Besuch kommen, haben sich allerdings bisher noch nicht getraut!
Ich hänge ein paar Bilder an, die Sie auch gern veröffentlichen dürfen.

Mit freundlichen Grüßen
Winfried Voigt

Freitag, Februar 27, 2009

Saft mit Frühstück

Über die guten und schlechten Seiten eines Übersetzungsprogramms haben wir hier schon diskutiert. Es war aber mein Wunsch für 2009. Ohne es zu wissen, Google übersetzt jetzt tatsächlich. Ich habe mir gleich die erstbeste Nachricht der Postimees als Test genommen.
Helsingisse teel olnud Tallinki reisilaev Superstar seisis täna tehnilise rikke tõttu pea kaks tundi Soome lahel, laevafirma teatel hakkas laev taas liikuma kell 10.30.
Helsingisse peaks laev kõudma kell 11.30.
Tallinki pressiesindaja Luulea Lääne sõnul avastati kell 8.45 laeval tehniline rike, mille kõrvaldamisega tegeles meeskond oma jõududega.
Tallink vabandab reisijate ees ebamugavuste pärast.
Postimees.ee lugeja teatel Superstari mootorid ei töötanud ning laev andis teda ümbritsevas tihedas udus signaali.
Laeval toimuvast saab inglisekeelset otsereportaaži lugeda siit.
Kirjutaja Elver Loho andmetel oli laeval osaliselt ära elekter. Laeval jagati reisijatele tasuta mahla ning hommikusööke.


Was ist passiert? Google übersetzt:
Ein Kreuzfahrtschiff nach Helsinki von Tallink Superstar stand heute aufgrund eines technischen Versagens müssen zwei Stunden auf den Golf von Finnland, laevafirma berichtet das Schiff setzte sich in Bewegung wieder um 10.30 Uhr.


Das Schiff sollte kõudma Helsinki um 11.30 Uhr statt.
Estland Luulea West-Sprecher sagte das Schiff wurde in 8:45 durch technisches Versagen, bei denen die Entfernung des Teams aus eigener Kraft.
Tallink uns für die Unannehmlichkeiten der Passagiere im Vordergrund.
Alert den Leser Postimees.ee Superstars Motoren funktionierte nicht und gab ihm ein Schiff in dichtem Nebel rund um das Signal.
Vorstand otsereportaaži Englisch kannst du hier lesen.
Glasaale Loho Schriftsteller war ein Teil der Strom Bord. Das Schiff wurde an Reisende kostenlos, und der Saft mit Frühstück.


Hier ist das Tool.

Montag, Februar 23, 2009

Reconversion


Reconversion
Originally uploaded by LHOON
In Tallinn. Rotermannviertel.

Morgen ist Nationalfeiertag. Mein Beitrag: drei Fotos mit CC (Creative Commons)
Zum ersten Foto gibt es diesen Überblick.





Von wstryder
Und Landschaft in:

Von northsky71

Samstag, Februar 21, 2009

Wirtschaftskrise II


"Dem Tiger fallen die Zähne aus". Nette Schlagzeile. Nicht wenige Medienartikel befassen sich mit dem Abschwung in Osteuropa. Und bei manchen liest man auch unterschwellige Schadenfreude heraus.
Nun, Estland hatte eine Krise, aber die war anders als diese hier. Als Erinnerung bewahre ich mir diesen Lebensmittelcoupon von 1992 auf. Einiges war damals nur noch mit Karte zu bekommen, oder erschwinglich mit diesen zugeteilten Karten. Ironischerweise auch für Alkohol.
Also, die etwas älteren Jahrgänge haben das noch gut in Erinnerung. Und 2009 ist doch entschieden anders.
Warum? Hier ein Beispiel. Flasher_T in Who Wants The Euro?.
Und warum schon wieder Flasher? Weil er einer der Europäer ist, die oben unter dem Titel unseres Blogs erwähnt sind. Er wurde als Blogger von einem europäischen Wettbewerb als Teilnehmer ausgewählt. Sie bloggen nun um die Wette über die Wahlen zum Europaparlament. Und gemeint sind wir, alle: Th!nk about it
Flasher_T

Update: Hier noch eine offizielle Stellungnahme. Mart Laar im Wallstreet Journal.
Freedom Is Still the Best Policy
Eastern Europe won't be looking for government-led recovery.

Es gibt also immer noch starke Positionen gegen staatliche Eingriffe. Andere Meinung: siehe Kommentare.

Dienstag, Februar 17, 2009

Die Finanz-und Wirtschaftskrise

In Berichten über Nord-Osteuropa werden häufig wie in alten Zeiten, alle Staaten östlich von Deutschland in einem Satz zusammengefasst. Da werden Länder wie Polen, Ukraine und Russland mitunter in einer Schlagzeile untergebracht. Telegraph:

Failure to save East Europe will lead to worldwide meltdown
The unfolding debt drama in Russia, Ukraine, and the EU states of Eastern Europe has reached acute danger point.


Warum auch die baltischen Staaten. Vielleicht wegen Lettland?
Telegraph:
In Poland, 60pc of mortgages are in Swiss francs. The zloty has just halved against the franc. Hungary, the Balkans, the Baltics, and Ukraine are all suffering variants of this story. As an act of collective folly – by lenders and borrowers – it matches America's sub-prime debacle. There is a crucial difference, however. European banks are on the hook for both. US banks are not.

Almost all East bloc debts are owed to West Europe, especially Austrian, Swedish, Greek, Italian, and Belgian banks. En plus, Europeans account for an astonishing 74pc of the entire $4.9 trillion portfolio of loans to emerging markets.

They are five times more exposed to this latest bust than American or Japanese banks, and they are 50pc more leveraged (IMF data).

Ha, die Wiederauferstehung des "Ostblocks". Aber nehmen wir die Zahlen. Der Telegraph sagt "sie" seien mehr den Risiken ausgesetzt als amerikanische und japanische Banken. Vielleicht ist mir hier etwas entgangen. Es gibt meiner Meinung nach keine nennenswerten estnischen Banken mehr. Für die Aktionäre der gut laufenden Hansapank gab es damals eine Ausschüttung und danach war sie schwedisch. In Estland haben im Bankwesen zu 90 Prozent die Schweden und Dänen das Sagen:

Quelle:Estnisches Finanzministerium
Trotzdem ist der Druck auf das Finanz- und Währungssystem in Estland groß. Inwieweit eine Abwertung der Eesti Kroon ernsthaft in Betracht kommt, kann ich nicht beurteilen, hier aber wird es angedacht:
Latvia, Estonia and Lithuania are ''under pressure'' to follow Russia and Kazakhstan in reducing their currency management and allowing devaluation, Nouriel Roubini, New York University professor, said last week.
BBH predicts that, by the middle of this year, the Baltic currencies could see a 50% decline against the euro, writes BLOOMBERG/LETA.
Thin also added that dwindling reserves may also force the devaluation of the Baltic currencies.
Latvia’s reserves have dropped 27% to USD 4.7 billion since July. Estonia’s declined 5% to USD 3.9 billion in the second half of last year, and Lithuania’s slumped 13% to USD 6.3 billion, International Monetary Fund data show.

Quelle: The Baltic Course
Hier noch eine kurzer Überblick über die Zahlen des Abschwungs, auch The Baltic Course
Die beiden Blogger Knut und Kloty über die Wirtschaftskrise in Estland, hier:
Estland: ein flammendes Inferno?
Und noch eine kurze Erinnerung an den Beginn der Krise, die vor allem 2008 die Immobilienblase betraf:
Zuversicht in Zeiten der Krise - Von Hang-over nach dem Ende der Party (noch) keine Spur
Konrad-Adenauer-Stiftung Länderbericht Oktober 2008.
Ständige Updates von Wirtschaftsdaten und Meldungen im Blog von Kairi Kurm
Darunter auch die Nachricht, dass trotz sinkender Touristenübernachtungen in Estland, die Anzahl der Besucher aus Russland steigt.

Montag, Februar 16, 2009

Vabaduse Väljak - Tallinn


vabaduse auk
Originally uploaded by -marten-
Zwar schon eine Aufnahme vom Januar, aber hier ist eine gute Übersicht zu den Bauarbeiten auf einem der wichtigsten zentralen Stadtplätze in Estland, dem Vabaduse Väljak. Unter grüner Abdeckung die freigelegten Festungsmauern. Man kann gut den rechten Winkel erkennen. Es handelt sich also nicht um die Mittelaltermauern sondern spätere Verteidigungsanlagen.


Hier ist nochmal ein Link zu einer Karte, wo man am südlichen Ende der Altstadt den Zickzackverlauf der Mauern verfolgen kann. Im 19. Jahrhundert bereits als Parkanlagen genutzt.
Worauf die Arbeiten hinauslaufen, ist hier zu sehen.

Sonntag, Februar 08, 2009

Dreimal Vorbild Estland

Manchmal ist es geradezu beängstigend, wie oft sich mediale Gewohnheiten einprägen, und ständig wiederholt werden. Da werden Themen der (relativ kleinen) baltischen Staaten, mit ihrer natürlich durch ihre jeweils eigenen Sprachen geprägten medialen Selbstwahrnehmung, oft lange Zeit litaneiartig abgelehnt oder für unwichtig erklärt. Aber hat Estland es einmal mit einem "Branding" in die internationale Öffentlichkeit geschafft, zieht es ungeahnte, ständig wiederholte Kreise.


Beispiel 1: Maßnahmen gegen Cyberwar als "estnische Erfindung"

Zwar war das kleine Estland ja eher "Betroffener" eines Angriffs auf die virtuellen Kommunikationswege, aber inzwischen wird auch die Reaktion darauf als estnisch geprägt eingeschätzt. So berichtet der SPIEGEL in dieser Woche: "Bundeswehr baut geheime Cyberwar-Truppe auf". Bei der Ortangabe des Übungsplatzes beschleichen manche vielleicht auch unangenehme Gefühle (Rheinbach bei Bonn), denn nahe Bonn wurden auch schon mal kilometerweise unterirdische Atomschutzbunker gebaut, weil die damalige Bundesregierung sich öffentlich nicht zu sagen traute, dass dies alles gegen eine atomare Kathastrophe nichts helfen wird. Laut SPIEGEL trainieren die Damen und Herren im Rheinischen den "elektronischen Ernstfall, wie es ihn zuletzt in Estland und Georgien gab." Ob damit eher gemeint ist, dass nun estnische Probleme auch in Deutschland ernst genommen werden, oder ob es nur als Warnzeichen möglicher Bedrohungen gesehen wird (wo dann wieder Einschränkungen der demokratischen Freiheit mit dem Vorhandensein diffuser Bedrohungen gerechtfertigt werden), das muss vorerst unklar bleiben. (Bericht auch bei Heise/Telepolis - dort auch eine Menge Leserreaktionen darauf)

Beispiel 2: Bundeskabinett verabschiedet Bürgerportalgesetz
Wie ebenfalls auf "Heise online" ausführlich fachlich kommentiert wird, ist ein vom Bundesinnenministerium erarbeitete Gesetzentwurf über Einrichtung und Betrieb von "Bürgerportalen" von der Bundesregierung verabschiedet worden. "De-Mail steht für Fortschritt, IT und IT-Sicherheit made in Germany", hat angeblich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) das Projekt gelobt. Aber schnell folgt das Zugeständnis zumindest der Fachpresse: "Mit De-Mail folgt Deutschland in gewisser Weise dem e-Vorbild Estland."

Beispiel 3: Bauern lernen Fremdsprachen: in Estland!
Wie die Schweriner Volkszeitung berichtet (und gleich auch noch eine nette Karikatur zum Thema anbietet), lernen Bauern aus der Region Bützow nun verstärkt "Agrar-Englisch". Gegenwärtig eilt es offenbar besonders, denn "im Frühjahr und Sommer haben die Bauern wenig Zeit", das haben auch die Veranstalter der Kurse erkannt. Möglich also, dass wir auf mecklenburger und vorpommerischen Bauernhöfen also demnächst auch mit einem "Good morning, nice to see you" begrüßt werden könnten.
Woher haben die Bützower Bauern Idee und Erkenntnis? "Bei einem Besuch in Estland ist mir aufgefallen, dass mein Englisch nicht so gut ist", muss selbst Bauernverbands-Geschäftsführerin Katrin Kauer zugeben. Nun ja: zwar ist es zwischen "Estnisch" und "Englisch" noch ein kleiner Schritt, aber eins steht ja schon mal fest: uninteressant kann der Besuch in Estland ja nicht gewesen sein, wenn mecklenburger Bauern gerne noch mehr davon verstehen wollen. Übrigens: Bützow unterhält eine Partnerschaft mit Sillamäe in Estland.

Samstag, Februar 07, 2009

Lodi

Nicht Hansekogge und nicht Wikingerzeit. Dieser Bootstyp war jahrhundertelang zwischen Tartu und dem Peipus-See unterwegs, einer der größten Seen Europas.

Die einzige Rekonstruktion, auf Erprobung zur Zeit. Der Hinweis kam über dieses Foto, wo ähnliche Schiffe 1918 in Tartu anlegen:
Emajõgi
Update:
Nicht Erprobung, sondern im Einsatz, auch als Tourismus- und Freizeitprojekt.
Hier noch mehr Hintergrund zu einem der Initiatoren: Tanel Laan
Die Webseite des Projekts und des Vereins: Emajõe Barge Society

Samstag, Januar 31, 2009

Das digitale Estland

Allmählich verliere ich den Überblick, inwieweit die computerisierte Vernetzung Estlands voranschreitet, und was dies in der Zukunft für die Gesellschaft bedeutet. Sascha Lobo hat da auf seiner Blogseite einige Aspekte gesammelt. Zum Beispiel Schule:
Wie tief die gesellschaftlichen Auswirkungen einer guten digitalen Infrastruktur reichen kann, lässt sich an den estnischen Schulwebsites erahnen. Hausaufgaben erledigen estnische Kinder gemeinsam im Netz. Die Eltern sind angehalten, die Hausaufgaben online zu kontrollieren. Lehrer wiederum können einsehen, ob die Eltern die Hausaufgaben tatsächlich kontrolliert haben. Perfekt - so führt man nicht nur die ältere Generation ans Netz heran, sondern hat auch einen guten Anhaltspunkt, ob sich Eltern überhaupt um ihre Kinder kümmern - eine Art über Bande gespieltes sozialstaatliches Kinderschutzprogramm.

Für alle Skeptiker auch der Hinweis, dass der estnische Bürger ein Recht auf Einsicht aller gesammelten Daten seitens des Staates hat. Ob der die auch freigibt, kann ich nicht überprüfen.
Hier der lange Post von Sascha Lobo: Administration ohne Admin - Auf dem Weg in die Websiety

Montag, Januar 26, 2009

Als Sportmanager nach Estland

Aus dem Zeitungsbericht im "Gießener Anzeiger" läßt sich noch etwas fassungslose Verständnislosigkeit herauslesen: André Cornus, bisher als Basketballspieler des Regionalligisten VfB 1900 Gießen bekannt, zuletzt auch als Vereinsmanager und Sponsorenbetreuer tätig, geht nach Estland. Dort soll der 27-Jährige helfen, die "Baltic League" aufzubauen, also eine gemeinsame Sportliche Liga der drei baltischen Staaten.

Und wieder ein Anlaß, an der "virtuellen Legende" Estlands zu stricken: wenn man diesem Zeitungsbericht glauben kann, kam das estnische Angebot zustande, als Cornus im Internet "chattete" (sich an einem "sozialen Netzwerk" beteiligte, drückt es der Gießener Anzeiger zurückhaltend aus). Nun ja, Cornus ist noch Student, und mit den Fächern "Sportmanagement / Betriebswirtschaft" liegt er hier ja zumindest richtig. Erstaunlicherweise geht es nicht nur um Basketball: dort klappt es ja mit der "Baltic League" schon ganz gut, wird Cornus von seiner Heimatzeitung zitiert, und nach Eishockey soll nun wohl auch im Fußball Ähnliches aufzubauen versucht werden. Bisher ist dort nur eine englische Wettfirma als Sponsor eingestiegen, und das entspricht offenbar noch lange nicht dem, was an finanzieller Unterstützung erforderlich wäre.

Vielleicht also kein leichter Job für André Cornus, wo doch alle von Finanzkrise reden. Aber ist das nicht auch typisch für die estnische Herangehensweise? Machen, was woanders für unmöglich gehalten wird. Seiner Heimatzeitung wird André Cornus schon bald zumindest erzählen können, dass in Tallinn nicht "Estisch" gesprochen wird. Und wer da am Ende "Entwicklungshelfer" für wen gespielt haben wird, ist wohl auch noch nicht raus.

Kontaktadressen "Baltic League" Fußball-Liga

"Baltic League Hymne"

"Baltic League" Basketball

Wikia Baltic Eishockey Portal

Beitrag in "Eesti Päevaleht" zum Aufbau der "Baltic League"

Samstag, Januar 17, 2009

Marktwirtschaft nur besoffen zu ertragen?

Kunst provoziert
Das mediale Aufsehen der vergangenen Woche um das in Brüssel präsentierte Kunstwerk des Tschechen David Černý könnte auch f
ür die verschiedenen Eindrücke im schnellen Wandel der Zeiten stehen: hier sind immer noch Hammer und Sichel die Symbolik. Eine hämische Replik auf das sich so bewußt modernisierend gebende Estland? (nicht weniger ironisch kommt der südliche Nachbar Lettland scheinbar besser weg, indem der Länderumriss als bloßes Gebirgsrelief dargestellt wird). Eine "Humorprobe", schreibt das ART-MAGAZIN zurecht.

Auch andere Schlagzeilen dieser Woche spiegeln Themen des schnellen gesellschaftlichem Umbruchs. Was es doch ausmacht, wenn eigentlich bereits seit Jahren bekannte Fakten mal im Internet an bevorzugter Stelle neu gepostet werden, zeigt die Untersuchung von David Stuckler und Lawrence P. King von den Universitäten Yale und Cambridge. Die Studie wurde bereits 2007 veröffentlicht, erschien im "Social Science Research Network" im Januar 2008. Aber erst jetzt, als das Thema der Studie - "soziale Kosten der Massenprivatisierung" - in Zeiten der weltweiten Finanzkrise ausschlachtbar erscheint, greifen die Medien zu: Spiegel online, der österreichische Rundfunk ORF, der Bayrische Rundfunk, die WELT - um nur einige zu nennen. Auffällig: alle genau mit demselben Veröffentlichungsdatum, dem 15.Januar 2009. Alle genannten Beiträge berufen sich auf das englischsprachige Online-Fachblatt "The Lancenet", und siehe da: hier steht es tatsächlich mit dem gleichen Datum (15.1.09) als Veröffentlichung verzeichnet. Dazu eine weitere Veröffentlichung der Universität Oxford: oh Wunder, ebenfalls gleiches Datum!

Sch
nelle Arbeit
Arbeiten Journalisten wirklich so schnell? Innerhalb weniger Stunden aus dem "Netz" gefischt, überarbeitet, recherchiert und Quellen ge
prüft, eventuell die Studie möglichst noch in Langfassung gelesen und auf wissenschaftliche Qualität getestet?
Kein Wunder, die zentralen Aussagen sind hervorragend zu illustrieren. "Massenprivatisierung löst Sterbewelle aus" - so noch die harmlosesten Schlagzeilen. Die schlimmeren: "Marktwirtschaft brachte Männern den Tod" (angeblicher Grund: massiver Alkoholkonsum - so z.B. der Bayrische Rundfunk). In der im Intenet zugänglichen Zusammenfassung der Studie steht aber nur, dass die Untersuchung die Sterblichkeitsraten auf eine nationale Ebene hochgerechnet und als sozialer Indikator verwendet haben. In den Presseveröffentlichungen werden teilweise die Länder Russland, Estland, Lettland, Litauen und Kasachstan über einen Kamm geschoren, und dazu noch die drei Jahre 1991 bis 94 zusammengefasst (Spon).


Spätestens an dieser Stelle müssten doch eigentlich denjenigen, die sich einigermaßen mit den baltischen Staaten auskennen, die Ohren klingeln (oder die Augen beim Lesen brennen?). Fakt ist wohl, dass erstens ja die baltischen Staaten einen völlig anderen Weg gingen als Russland oder Kasachstan, dass aber 1994 die Erfolge der radikalen Hinwendung zur Marktwirtschaft ja gerade erst losgingen. Nicht umsonst verwenden Studien zur Wirtschaftsentwicklung gern 1994 als Referenzjahr - die neoliberalen Optimisten lassen die Zahlen davor einfach gerne völlig weg. Schlußfolgerung: eigentlich ist 1991 bis 1994 in den baltischen Staaten der Umbruch zu beobachten, die Schwierigkeit, sich von Mangel- und Mißwirtschaft wieder zu erholen, und Staatsbetriebe nicht nur zur Privatisierung freizugeben, sondern entweder lieber ganz zu schließen (wenn sie absolut unwirtschaftlich arbeiten), oder daraus zukunftfähige, effektive und moderne Betriebe zu machen. Dies alles war 1994 erst im Umbruch, aber noch längst nicht geschafft. Die eigenen Währungen wurden in dieser Zeit erst gerade wieder eingeführt, die stabilisierenden Wirkungen griffen aber erst nach einiger Zeit. Wer 1994 mit seiner Untersuchung einfach aufhört, der macht denselben Fehler wie die Wirtschaftsoptimisten, die von der Zeit vor 1994 nichts mehr wissen wollen.

Sind Sie auch betroffen?
Was lernen wir daraus, wenn wir noch nicht am Alkohol-Saufen gestorben sind? (Alkoholismus IST ein Problem, das mal ganz nebenbei bemerkt). Aber plötzliche Schlagzeilen mit überraschend drastischen Inhalten garantieren noch keine Seriosität. Etwas variiert wird das Thema tatsächlich von der englischen BBC. Der dortige Beitrag - zum gleichen Thema, vom selben Tag natürlich - differenziert überraschend die baltischen Staaten, und zählt Estland in eine Gruppe zusammen mit Albanien, Azerbaidschan, Turkmenistan, Polen, Belarus, Kroatien, Ungarn, Macedonien, Slowakei, Slowenien, Tajikistan, Bulgarien und Uzbekistan: denjenigen, die es angeblich besser gemacht haben. Also, vergleichen Sie selbst: in diesen Ländern müsste dann also auch weniger Alkohol getrunken werden, oder?

Im BBC-Beitrag ist dann plötzlich auch von einem Untersuchungszeitraum zwischen 1989 und 2002 die Rede, allerdings weitgehend bezogen auf Russland. Sollte dieses stimmen, dann wäre aber stark zu bezweifeln, dass hier wirklich "Privatisierung" untersucht worden ist - oder wer wollte etwa behaupten, Russland sei heute marktwirtschaftlich umgestaltet?
Interessant ist hier das interaktive Element von BBC-online: in einem Fragebogen an die Leser kann der Beitrag kommentiert werden. "Leben Sie selbst in einem früher kommunistisch geprägten Land?" fragt die BBC die vorbeizappenden Leser. "Dann schreiben Sie uns Ihre Kommentare. Waren Sie oder Ihre Familie betroffen vom Zusammenbruch der Sowjetunion oder schneller Firmen-Privatisierung?"

Also, nur zu, liebe Sowjet-Romantiker und Stammtisch-Wissenschaftler, hier ist die Chance, vom Alkohol loszukommen!

Nachtrag:
Es gibt auch Beiträge, die sich mit den Studien von David Stuckler auch unabhängig vom 15.Januar 2009 beschäftigt haben.
Beispiele: der Beitrag bei Homosoziologicus vom August 2008 (Dort werden auch Zweifel an den Ergebnissen der Studie erwähnt: "
wurde von den Autoren die Tatsache ausser Acht gelassen, dass die Implementierung von Krediten mit ökonomisch schwierigen Zeiten zusammenfiel und diese selbst der Grund für den Rückgang der Ausgaben gewesen sein könnten"), oder
Pressetext Austria vom Februar 2008, welche eine andere Studie von Stuckler vorstellt ("Bankenkrisen gefährden die Gesundheit"). Wichtige Schlußfolgerung, die sicherlich allgemeine Gültigkeit hat - auch für das nachträgliche Instrumentalisieren von wissenschaftlichen Studien: "
Verhindern von Hysterie und Panik!"

Freitag, Januar 16, 2009

Ein Blick nach Lettland


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Originally uploaded by Pēteris Nukša
Es gab jüngstens ähnliche Bilder in Riga wie in Tallinn im April 2007 nach den Ausschreitungen. Einige Zyniker meinten, Lettland folge in allem 2 Jahre dem nördlichen Nachbarland hinterher.
Über die Ursachen der Demonstrationen mehr auf dem Lettland-Blog.

Montag, Januar 12, 2009

Tallinn - nach den Bronzenen Nächten

Anderthalb Jahre sind vergangen und ein Gerichtsverfahren. Am Ende ging es um den Abschluss eines Verfahrens: Vier Angeklagte, die der Organisierung der Unruhen im April 2007 beschuldigt wurden:
Dmitri Klenski, Mark Sirõk, Maksim Reva, Dmitri Linter.

Zwei englischsprachige Stellungnahmen greife ich aus der Berichterstattung heraus. Wieder einmal die Blogger Flasher_T und Giustino:

Flasher: Der Freispruch bedeutet, es wird keine Märtyrer geben.

Giustino:
"I am also pleased that this event/circumstance/situation, barring any appeals, has run its course. Sirõk can go back to school; Klenski can go back on ETV to crow in his overdone Estonian; and Linter and Reva can go back to doing whatever it is they did before. Your 15 minutes are up for now fellas, but don't worry, if Deep Purple can still get gigs in Tallinn, so can you!"


Die Kommentare zu seinem Post zeigen weitere Perspektiven auf.

Eine andere Sichtweise bei Gedanken über Estland, ein Blog auf unserer Blogroll.

Mittwoch, Dezember 31, 2008

Este rettet deutschen Fußball

Wer hätte das gedacht! Ein Este rettet den deutschen Fußball und ....
holt Lukas Podolski zurück zum 1.FC.Köln. Die kölsche Presse überschlägt sich: "Dirigent holt Poldi zurück" - so titelt die BILD.
Nein, es ist nicht der 1.April, auch nicht Rosenmontag - es ist der 31
.Dezember. Es ist auch keine Falschmeldung: Dirigent Mihhail Gerts nahm mit dem WDR Rundfunkorchester Köln den Poldi-Song auf - und trifft damit die Seele der rheinischen Fußball-Fans.

Im Kölner Stadtanzeiger ist weniger von estnischen Bezüge zu lesen: der Südstadtchor in Köln hat das Liedchen zuerst gesungen, während das Management des WDR-Orchesters nun ein Geschäft daraus machen will: eine CD ist in Vorbereitung, und zum Mitsingen im Karneval ist das Liedchen allemal geeignet. "Wir stehen hinter ihm, wie ein Mann", singen die überwiegend weiblichen Mitglieder des Südstadtchors tapfer (die Youtube-Version hier).

Auch die
polnischsprachige Online-Presse hat von dem Projekt schon Wind bekommen.Derweil bereitet sich der 24 Jahre junge estnische Dirigent Gerts zusammen mit Sängerin Helene Fischer auf die WDR4-Sylvestergala vor, die ab 19.00 Uhr live übertragen wird (WDR4).

Vorbild Estland
Auch der "Chaos-Computer-Club" hat Estnisches noch in den letzten Stunden des alten Jahres zum Vorbild erkoren. Mehr "E-Government" ist hier der nicht ganz ernsthaft der Presse vorgetragene Wunsch, denn: "wenn dann mal was zusammenbricht, sind wir die ganze Bürokratie mit einem Schlag los."
Weitere Idee: ein "Bürger-Trojaner", der Volksvertreter und "Problempolitiker" heimlich online durchsuchen lassen kann. Ideen sind das ...

Wie man sieht: Estland inspiriert!

Sonntag, Dezember 28, 2008

Estland nur noch online?

Ist das glaubhaft - oder ist es nur entsprechend dem vituellen Ruf geschnitzt, den Estland in Europa so gerne pflegt?
"Esten lesen immer weniger Zeitungen" - so zitiert die Auslandshandelskammer der Schweiz eine akuelle Untersuchung (Saar Poll) in Estland. Mehr und mehr Menschen in Estland suchen sich die nötigen Informationen aus den Online-Medien. Von 3.000 befragten Personen gaben 14% an, die regelmäßige Lektüre von gedruckten Zeitungen innerhalb der vergangenen 12 Monate aufgegeben zu haben, weitere 6,5% wollen dies in allernächster Zeit tun. Die Leserschaft der Druckmedien sei so niedrig wie seit acht Jahren nicht mehr, so fassen es die Estland-interessierten Schweizer zusammen.

Allerdings schlägt dieser Trend nicht überall durch: die Leserschaft russischsprachiger Zeitungen und Zeitschriften zeigt sich stabil. Im Gegensatz zur russischsprachigen "Schwester" fiel bei der estnischen "Postimees" der Marktanteil im Laufe der vergangenen 8 Jahre von 26.7% auf 21.7%, bei "Eesti Paevaleht" von 21.7% auf 14%, und bei "Aripaev" von 10.9 percent auf 6.9%. Die meisten der Genannten setzen allerdings schon länger gleichzeitig auf ihre Online-Verfügbarkeit. So wurden gegenwärtig 91.000 regelmäßige Leser/innen der Online-Ausgabe von "Postimees" festgestellt, gegenüber 41.000 im Jahr 2004. Es folgen "Õhtuleht" mit einer regelmäßigen Leserschaft von 77.000, "Eesti Paevaleht" mit 64.000, die Wochenzeitung "Eesti Ekspress" 48.000, "Aripaev" mit 28.000 und die Wochenzeitung "Maaleht" mit 13.000 online-Leserinnen und -Lesern.

Wie sieht das im Vergleich in Deutschland aus? Trends werden regelmäßig von der "Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V." (auf www.ivw.de) veröffentlicht. Diesen Zahlen zufolge gibt es besonders bei Tageszeitungen und Fachzeitschriften einen enormen Rückgang. Dort ist nachzulesen, dass gegenwärtig etwa 3 Milliarden Besuche auf Seiten von Online-Medien gezählt werden (1997 waren es nur 0,02 Milliarden). Wen interessiert es also in erster Linie, ob Medien gelesen werden oder nicht? Weiterhin erstmal die Werbewirtschaft. Ob Menschen auch besser informiert werden oder sind, das wird wohl noch anderen Untersuchungen vorbehalten sein müssen.

Mittwoch, Dezember 24, 2008

Noor projektijuht - Kurz vor Weihnachten


Noor projektijuht
Originally uploaded by Siim Teller
Ich weiß: Das ist Klischee, Skype, die jungen Esten und so weiter. Trotz Wirtschaftskrise, an Projekten wird weiter gearbeitet.
Photo: Siim Teller


Und ein Lesetipp: Flasher_T schreibt in seinem Post vladivostok-2008 wie die Weltwirtschaftskrise sich auch auf den Fernen Osten auswirkt. Und was das alles mit Estland zu tun hat. Jedenfalls ein Beispiel mit was für Unbekannten wir 2009 rechnen sollten.

Freitag, Dezember 19, 2008

Mein Wunsch für 2009

Und überhaupt, damit Informationen leichter aus Estland in den deutschsprachigen Raum dringen, wünsche ich mir ein Textübersetzungsprogramm für Estnisch. Vorbild bablefish bei Altavista. Die Englisch-Russische Übersetzung dort hat deutlich an Qualität gewonnen. Solange das nicht auch auf Estnisch-Deutsch geht, werden weiterhin einige englische Übersetzungen aus estnischen Meldungen ins Deutsche übertragen, ein Internetfund, hier das Ergebnis, das jemand gepostet hat. Es geht um die Wahlmöglichkeit per SMS:

Das estnische Parlament wählte letzten Donnerstag auf einer Rechnung, die Estonians ihre Stimmen von ihren jeweiligen Mobiltelefonen würde setzen lassen.
Mit einer starken Geschichte des Seins Technologie-Vorwärts, führte Estland leicht das Maß und Bürger sind jetzt in der Lage, in ihren folgenden parlamentarischen Stimmen 2011 anzurufen.
Um durch Mobiltelefon zu wählen, wird Estonians ein spezieller Span für ihre Hörer herausgegeben die bewegliche Zahlungen sowie das Überprüfen des caller’ im Auge behalten; s-Identität.

Mittwoch, Dezember 10, 2008

Nicht zu fassen! Unglaublich Lebensrealität oder Phantasie und Fake?

Die Erwähnung des Estland-Blog-Posts über estnische Frauen im Postsozialismus im Emma-Forum führte zur Entdeckung eines dort erwähnten Interviews mit einer jungen Prostituierten unter dem Titel “Nur eine dumme Frau hat Sex ohne Bezahlung", das die estnische Zeitung Eesti Ekspress bereits am 17. Juli dieses Jahres veröffentlichte.

Eesti Ekspress ist eine während Glasnost und Perestroika entstandene unabhängige Wochenzeitung, die zwar viele Texte eines seriösen Journalismus publiziert, aber gleichzeitig auch ein Boulevardblatt ist.

Die Antworten des jungen Mädchens sind, wie der Titel bereits vermuten läßt, dermaßen haarsträubend, daß auch unter den Leserkommentaren das Wort “Fake” auftaucht und zahlreiche Zweifel angemeldet werden, ob sich diese nicht ein Journalist ausgedacht haben könnte.

Das Interview ist für eine komplette Übersetzung zu lang. Aber hier einige Kostproben dessen, was Jelena angeblich gesagt hat. So weit vulgäres Vokabular verwendet wird, handelt es sich um eine Übersetzung.

Die Beantwortung der Fragen, wann sie das erste Mal und unter welchen Umständen Geschlechtsverkehr hatte, möge im Original lesen, wer des Estnischen mächtig ist. Dies ist nur mit Vergewaltigung, Kindesmißbrauch und Zwangsprostitution zu umschreiben.

Jelenas Grundlebenseinstellung ist, daß Frauen nicht arbeiten müssen, sondern Männer sich um ihren Lebensunterhalt zu kümmern haben. Dafür bezahlen die Frauen: natürlich mit Sex. Und deshalb sei jede Frau eine Nutte.

Sex, erklärt Jelena, sei eine Sache, die für Männer gedacht ist, auf die Frage, ob sie je auch sexuelle Befriedigung erlebt habe. Manchmal verlangten die Kunden von ihr widerliche Dinge, aber alles sei eine Frage des Preises. Ältere Männer ab 40 lehnten Kondome ab, das sei auch kein Problem.

Damit drängt sich die Frage nach sexuell übertragbaren Krankheiten auf. Ja, solche habe sie schon gehabt, könne sich aber wegen der komplizierten langen Namen nicht mehr konkret erinnern. Einmal sei sie dumm genug gewesen, einem HIV-Test zuzustimmen, und anschließend habe man ihr erklärt, sie sei infiziert, so Jelena.

Die Konsequenz? Sie werde eben jetzt nicht mehr zur Untersuchung gehen. HIV sei keine Krankheit, sie fühle sich absolute wohl und kenne andere Mädchen, die ebenfalls angeblich infiziert, aber in Wahrheit kerngesund seien. – Richtig, HIV ist auch keine Krankheit, sondern ein Erreger.

Wie ist es zu diesem Lebenwandel gekommen, daß Jelena noch nie einer Arbeit nachgegangen ist? Ihre Mutter habe auch nie gearbeitet, sondern als Prostituierte gearbeitet, aber jetzt sei sie alt. Hätte sie ihr früher Klienten zugeführt, kümmert jetzt mitunter sie sich um ihre Mutter, wenn Kunden ältere Frauen wünschen.

Wie stellt sie sich ihre Zukunft vor? Nur in den rosigsten Farben. Sie werde einen reichen und gut aussehenden Ausländer kennenlernen, einen Amerikaner und in die neue Welt übersiedeln. Dort lebten die Menschen in Villen.

Kinder wolle sie freilich nicht. Eine Tochter würde nur wieder eine Nutte, ein Sohn könnte immerhin Sportler oder Schauspieler werden.

Jelena ist angeblich JETZT 17 Jahre alt.

Freitag, Dezember 05, 2008

Überraschendes politisches Schauspiel um Geld

Auch Estland ist von der derzeitigen globalen Finanzkrise betroffen. Aus diesem Grund planten die Parlamentarier einen Schritt, der für ihre Kollegen weltweit ungewöhnlich ist. Üblicherweise wird gerade über gegenteilige Beschlüsse gestritten: Die Abgeordneten von Riigikogu wollen sich angesichts der klammen finanziellen Situation der Einwohner Estlands die automatische Vergütungserhöhung verweigern.

Das aber verstößt nach Ansicht von Präsident Toomas Hendrik Ilves gegen die Verfassung. Bereits einmal hat er das Gesetz zu neuerlichen Beratung an das Parlament zurück verwiesen. Die Abgeordneten verabschiedeten es aber erneut. Jetzt hat der Präsident die Novelle beim Verfassungsgericht eingereicht, daß wohl bis Februar kommenden Jahres entscheiden wird.

Õiguskantsler[1] Indrek Teder ist der Ansicht, daß die Verfassung zwar in der Tat die Erhöhung des Einkommens der Abgeordneten für die laufende Legislaturperiode verbiete, diese also nur für das nächste Parlament in Kraft treten könne. Dies gelte aber nicht für eine Senkung und das Einfrieren der Bezüge. Diese Meinungsäußerung hat nach Auffassung des Vorsitzenden des Verfassungsausschusses, Väino Lind, die Abgeordneten so weit überzeugt, daß das Gesetz mit 58 von 101 Stimmen verabschiedet wurde.

Die Reformpartei hat sich der Stimme jedoch enthalten. Jürgen Ligi begründete, daß angesichts von Arbeitslosigkeit und stagnierenden Einkommen dies auch für die Parteifreunde unangenehm sei.

Der Vorsitzende der Fraktion der Grünen, Marek Strandberg, bestätigt, es sei für die Gesellschaft in Krisenzeiten nicht egal, ob das Parlament konsequenten Sparwillen beweise. Gleichzeitig halte er es für richtig, den Streit zwischen staatlichen Organen vor dem Verfassungsgericht auszutragen.
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[1] Diese Institution ist in der estnischen Verfassung ein über den Ombudsmann weit hinaus gehendes Amt, daß auch die Rechtmäßigkeit der Gesetzgebung und die Arbeit der kommunalen Selbstverwaltung beobachtet und berät.

Dienstag, Dezember 02, 2008

Estnische Frauen im Postsozialismus

Die vermeintlich weibliche Gesellschaft, ihre Formen, Ursachen und Fakten für das Beispiel Lettland wurden im Blog auf Deutsch und in der lettischen Tageszeitung Diena bereits diskutiert. Über die sozialen Folgen wird auch in der estnischen Presse berichtet: mit welchen Fragen werden heute im Ausland lebene Frauen konfrontiert und wie leben jene in Estland verbliebenen. Internationale Konflikte nach Trennungen bleiben ebenfalls nicht aus.

Aber zunächst einige Hintergründe.

Gesellschaftliche Realität im Sozialismus
Die Wirtschaft während er sowjetischen Zeit war weniger auf Dienstleistungen als auf Produktion ausgerichtet und diese war im Vergleich mit dem Westen wenig technisiert und deshalb eine arbeitsintensive. Da wenigstens ideologisch die Gleichstellung der Frau propagiert wurde, waren diese auch in Berufen beschäftigt, wo sie in westeuropäischen Gesellschaften kaum zu finden sind. Das fällt auch nach der Wende ausländischen Beobachtern meist schnell auf: Trolleybusse und Straßenbahnen werden überwiegend von Frauen gefahren.

Aber nicht nur darin unterscheidet sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Wegen der offiziellen und faktischen Gleichstellung, aber auch wegen der diktatorischen Herrschaft, die staatsbürgerliches Engagement nicht erlaubte, gab es in der Sowjetunion nie eine Frauenbewegung. Entgegen der bedeuteten Rolle der Frauen im Wirtschaftsbetrieb und oftmals als Manager ihrer Familie, hat sich ein archaisches Rollenbild der Geschlechter erhalten. Auch dies bemerken Ausländer schnell, daß die Damen im Alltag so viel wert auf ihr Äußeres legen wie in westlichen Gesellschaften nur zu bedeutenderen Anlässen. Bei längerer Beobachtung wird schnell deutlich, daß für die Frauen angesichts des männlichen Rollenverständnis die Verbindung von Beruf und Haushaltsführung der Normalfall ist.

Dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte eine Wirtschaftskrise und sozialer Niedergang, aber er brachte ebenso die Unabhängigkeit und neue Möglichkeiten.

Ausland und Ausländer als Ausweg?
Nach der Unabhängigkeit suchten viele Frauen ihr Heil in einer Verbindung mit einem westlichen Ausländer, zunächst häufig Finnen. Diese bilden allein wegen der geographischen Nähe den größten Anteil der touristisch oder geschäftlich in Estland reisenden Westler. Und dank der Empfangsmöglichkeit des finnischen Fernsehens schon während der Sowjetzeit war den meisten Esten diese eng verwandte Sprache geläufig. Die Attraktivität eines finnischen Partners minderte später der schlechte Ruf dieser Nation. Zu viele Finnen besuchten Estland vorwiegend wegen des günstigen Alkohols. Außerdem kamen als alternative Klientel Besucher zunehmend aus anderen westeuropäischen Staaten und aus Übersee.

Die Verbindung mit einem Ausländer bedeutet für die Frauen meistens früher oder später die dauerhafte Übersiedlung in ein anderes Land, denn die wenigsten Fremden übersiedeln auf Dauer nach Estland. Sie besuchen das Land meist nur zu Terminen oder leben als Vertreter ausländischer Firmen und Organisationen nur für einige Jahre an einem Einsatzort, um anschließend wieder versetzt zu werden. Für Vertreterinnen einer Nation, die gerade erst ihre Unabhängigkeit wiedergewonnen hat, ein schwerer Schritt, der mit dem Wechsel in eine andere Sprache einhergeht, denn das Estnische erlernen die wenigsten Ausländer. Trotzdem sind sie für einheimische Frauen eine so attraktive Partie, daß selten ein zeitweise nach Estland übersiedelter Ausländer lange alleinstehend bleibt. Keine Einheimische zur Frau nehmen meist nur jene, die bereits verheiratet sind.

Traditionelles Denken und Erhalt der Tradition
Ein Bestandteil des traditionellen Rollenverständnis ist der Kinderwunsch. Und damit wird der Erhalt der Muttersprache im Ausland und die Weitergabe an den eigenen Nachwuchs zum Thema. Viele im Ausland verheiratete Frauen lesen ihren Kindern vor, hören gemeinsam Kassetten und schauen Filme. Nichtsdestotrotz ist zu beobachten, wie die Kinder auf dem Weg zur Schule, so wird ein Beispiel aus New York beschrieben, die ersten Blocks noch mit Mama Estnisch sprechen, aber zehn Minuten später dann doch ins Englische wechseln. Eine mit einem deutschen verheiratete Estin, die mittlerweile in die USA umgezogen ist, mußte sich von ihrem elfjährigen Sohn fragen lassen, warum er in einer Sprache reden solle, die keiner seiner Freunde verstünde. Die Mutter antwortete ihm mit der Gegenfrage, wie er sonst mit seiner Großmutter kommunizieren wolle. Besonders schwierig wird es nach einhelliger Erfahrung, sobald die Kinder die Schule besuchen. Dann tritt die im Lande nicht gesprochene Muttersprache des einen Elternteils in den Hintergrund.

Das Rezept einiger Mütter dagegen ist, sich taub zu stellen. Ansonsten, so argumentieren sie, lernen die Kinder die Sprache nur passiv, verstehen sie, aber antworten doch in der anderen Sprache. Nicht immer ist dieses Vorgehen erfolgreich, weil manche Kinder darauf mit Trotz reagieren.

Aber manche Frauen berichten auch über innerfamiliäre Konflikte. Väter und Schwiegereltern fühlen sich mitunter ausgegrenzt, wenn Mutter und Kinder in ihrer Gegenwart in einer für sie unverständlichen Sprache kommunizieren. In manchen Familien ist der Gebrauch der Muttersprache der Mutter darum sogar verboten. Doch auch wenn es gelingt, die Muttersprache an die eigenen Kinder weiterzugeben, wird es in der dritten Generation zunehmend schwierig.

Traditionelles Denken und sowjetische Traditionen
Doch nicht alle Frauen können sich aus Patriotismus vorstellen, die Ehe mit einem Ausländer einzugehen und ihre Heimat zu verlassen. Einigen ist es vielleicht auch nicht gelungen, den entsprechenden Partner zu finden. So gab es gerade in den ersten Jahren nach dem Umbruch leider auch tragische Geschichten von Frauen, die ihr Geld in der Prostitution verdienten und sich dabei etwa mit AIDS infizierten. Sextourismus ist inzwischen vor allem auch im benachbarten Lettland ein Thema.

Neben den üblichen Gründen, sich diesem Risiko auszusetzen, wirkt hier ein vom Westen grundlegend abweichender Umgang mit Sexualität während der Sowjetzeit nach, der sich in der postsozialistischen Gesellschaft noch heute in einer über dem europäischen Durchschnitt liegenden Zahl von Abtreibungen wie auch im sozialen Profil der Patientinnen manifestiert. Während in westlichen Staaten die wenigstens Abtreibungen von Frauen gewünscht werden, die Familien haben und über 40 Jahre alt sind, sei es in Estland genau umgekehrt, so die Gynäkologin Kai Haldre. 71,4% der Frauen haben bereits wenigstens ein Kind und für 60,3% ist es nicht die erste Abtreibung. Das durchschnittliche Alter der Frauen beträgt 28,3 Jahre. Sie verfügen zumeist die über eine dem deutschen Realschulabschluß vergleichbare teils auch berufsspezifische Mittelschulbildung. Der Anteil mit Hochschulbildung ist seit 2001 von 9,5 auf 14,3% gestiegen. Die Frauen sind zu 57% berufstätig und leben zu 57% in einer festen Beziehung oder sind verheiratet. Sehr viele Patienten wollten irgendwann später noch einmal Kinder, so Heldre und erklärt dieses Verhalten mit fehlendem Vertrauen in Verhütungsmittel.

Ursächlich für diese beinahe als Ignoranz gegenüber der eigenen Gesundheit zu bezeichnende Haltung wie auch die Abwesenheit im Westen regelmäßig diskutierter moralischer Bedenken ist die Sowjetzeit. Im Gegenteil zu vielen westlichen Ländern, wo Abtreibungen erst in den 70er Jahren legalisiert wurden, wurden Abtreibungen hier ähnlich wie in anderen sozialistischen Bruderstaaten nicht besonders eingeschränkt. Die Zugänglichkeit von Verhütungsmitteln war es hingegen wohl, entsprechende Präparate geradezu verboten, wie Haldre sich ausdrückt. In den postsozialistischen Ländern wurden sie erst in den 90er Jahren verbreitet. Auch eine Sexualerziehung auf westlichem Niveau fehlte in der Sowjetzeit.

So ist es für Haldre nicht Ungewöhnliches, wenn eine Patientin in ihrer Praxis angibt, ihre Mutter habe gesagt, daß Verhütungstabletten gesundheitsschädigender seien als eine Abtreibung. Noch verbreiteter sind zweifelhafte Verhütungsmethoden. So haben nach eigenen Angaben 57,4% der Patientinnen, die eine Abtreibung wünschten, zwar in irgendeiner Form zu verhütet versucht, von denen sich 34,9% nur auf die Unterbrechung des Beischlafes verließen.

Derart unsichere Methoden sind in Estland, wie Haldre bedauert ganz im Gegenteil zu den nordischen Ländern, mit denen Estlands politische Elite sich gerne assoziiert, um sich von Osteuropa oder dem postsozialistischen Raum zu distanzieren, verbreitet. Die Ärztin ist sich unsicher, was in den Praxen, aber auch in den Köpfen der Betroffenen vorgeht, wenn weniger als ein Viertel der Frauen vor und nach der Wunschäußerung, eine Abtreibung vorzunehmen, sich mit Verhütung beschäftigen.

Als Gründe für die Abtreibung geben 37,2% der Frauen wirtschaftliche Probleme an, 23% vertrauen der Zukunft ihrer Partnerschaften nicht, respektive 11,9% möchten kein Kind von dem biologischen Vater. 17% beklagen eine zu kleine Wohnung und 16% wollen ihre Ausbildung erst beenden. Die Bereitschaft zur Erziehung fehlt 16,8% der Frauen und 11,1% sehen sich generell nicht als Mutter. 10,4% der Frauen möchten die Alleinerziehung vermeiden. 8% fühlen sich zu jung und ebenso viele berichten über einen entsprechenden Druck der Eltern. Ihre Arbeitsumstände sehen 5,7% als Problem, fehlende Unterstützung 3,5%, und 3,4% geben an, nicht genügend Zeit für ein Kind zu haben.

Die geographische Verteilung zeigt ein eindeutiges Bild. 2007 gab es auf 100 Geburten 101,2 Abtreibungen im nordöstlichen Landkreis Ida-Virumaa, wo vorwiegend russischstämmige Menschen leben und die wirtschaftliche Situation wenigstens als problematisch bezeichnet werden muß. 82,2 davon wurden auf Wunsch der Frau vorgenommen. Noch 1996, als die soziale Lage komplizierter war, kamen sogar 207,7 Abtreibungen auf 100 Geburten, davon 188,8 auf Wunsch der Frau. Der estnische Durchschnitt beträgt 70,5, davon 56,3 auf eigenen Wunsch. Der Unterschied zwischen Stadt und Land verschwindet, wenn auch die niedrigste Rate mit 28,8 auf der zweitgrößten Insel Hiiumaa verzeichnet wurde.

Nichtsdestotrotz wurden 2007 mit 8.900 so wenig Abtreibungen verzeichnet wie nie vorher seit der Unabhängigkeit. 1992 waren es 25.803 in einem Land mit damals etwa 1,5 Millionen Einwohnern.

Zurück in die Zukunft?
Und es gibt noch eine dritte Gruppe. Frauen, die tatsächlich ins Ausland gezogen sind, dort eine Familie gegründet, sich später aber wieder von ihrem Partner getrennt haben. Je nachdem, an welchem Ort sich die Kinder zu diesem Zeiptunkt befinden, entwickeln sich die Konflikte über das Sorgerecht und den Aufenthaltsort des Kindes wie auch die Rechte des anderen Elternteils, so berichtet die Referentin für internationale Rechtshilfe des Justizministeriums, Marju Kern.

Mitunter eskaliert der Streit so weit, daß ein Kind sogar von einem Elternteil entführt wird. Kern berichtet von dem Fall eines Norwegers, der sein Kind von der in Pärnu lebenden einfach mit in die Heimat nahm. Während die Mutter ihren Ex-Partner der Vergwaltigung, des Kontrollwahns und noch schlimmerer Verbrechen beschuldigte, versuchte der Vater die glücklichen Lebensumstände des Kindes mit einem Video zu beweisen. Darüber berichteten die Medien in der Sendung Pealtnägija. Während sich die norwegischen Behörden hinter ihren Staatsbürger stellten, unterstützten die estnischen die Mutter. Nach Kerns Aussagen hilft der Gang in die Öffentlichkeit überhaupt nicht, denn die Behörden im Ausland interessieren sich nicht für die Darstellung der Medien in Estland.

Wenn ein Kind in ein anderes Land gebracht wird, bevor sich die Eltern über das Sorgerecht geeinigt haben, dann wird per Gericht die Rückführung in das ursprüngliche Aufenthaltsland beschlossen, wo sich das dortige Gericht mit der Frage befaßt. So etwas kann, so Kern, zwei bis vier Jahre dauern. Sie empfiehlt deshalb, vor einem endgültigen Urteil das Kind eben nicht in ein anderes Land zu bringen, denn per Gerichtsbeschluß die Kinder von einem ins andere Land hin und her zu überführen, sei alles andere als eine angenehme Angelegenheit.

Da nach Kern allein die estnische Staatsbürgerschaft des Kindes als Grund nicht ausreicht, daß es künftig in Estland lebt, bedeutet im Klartext, daß juristisch gesehen die Hoffnung einer im Ausland lebenden Estin, nach der Trennung vom Partner mitsamt Kind in die Heimat zurückzukehren eher gering ist. Andererseits, so Kern, verliert im Laufe der Zeit und über Gerichtsprozesse mitunter auch ein Elternteil die Lust daran, diese Prozedur bis zum Ende auszufechten.

Montag, Dezember 01, 2008

Ein Denkmal im Aufbau

kalevkevad, der Norweger aus Stavanger, treibt sich wieder in Tallinn rum, sein Blick fällt diesmal auf die Ausgrabungen am Vabaduse Väljak und auf das entstehende Großdenkmal für den Freiheitskrieg (1918-1920), rechts im Bild.

Der Blick am Unabhängigkeitstag 1992
1992 Vabaduse Väljak

Etwa hinter der estnischen Flagge ist der Standort.

"Zombieherden" jagen zwischenzeitlich durch Estland

Aber nur durchs Internet. Seit der Begriff "Cyber War" auftauchte, ist die Aufmerksamkeit auf alles größer geworden, was so am kriminellen Rand der digitalen Vernetzung stattfindet.
Ein Mittel für Angriffe im Netz ist das Kapern von Servern, um sie dann als Spam-Schleudern zu mißbrauchen, oder den Netzverkehr damit lahm zu legen. Es zeigt sich, dass die estnische Internet-Abwehr zeitweise erfolgreich war.
Letztens nun das:
Als dem allzu Spammer-freundlichen Provider McColo vor zwei Wochen seine Internet-Anbindung gekappt wurde, standen mehrere 100.000 gekaperte PCs plötzlich ohne Mutterschiff da. Die Kommando-Server der Botnet-Betreiber waren offenbar zum großen Teil über McColo angebunden und auf einen Schlag offline. Zwischenzeitlich haben die Srizbi-Hirten ihre Zombie-Herden zumindest teilweise über Estland gesteuert.


so Eric-Cartman bei WinBoard

Hier der Artikel in Computerworld dazu.