Donnerstag, Oktober 29, 2026

Sprechen lernen

Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit hat das kleine Land Estland schon so manche überrascht, nicht nur mit einer konsequenten Digitalisierung aller Serviceleistungen. Eine Frage ist geblieben: wenn nur etwa eine Million Menschen auf der Welt diese Sprache als Muttersprache haben, dieses Estnisch, mit wem wird man sich auf diese Weise unterhalten können? Ist nicht gerade für Handel und Wirtschaft zumindest eher Englisch die Sprache der Wahl? 

Finde die Wurzeln 

Es gibt auch kostenlose Sprachkurse
im Internet, wie hier bei "Loecsen". 
Aber steckt hier wirklich Qualität dahinter?
"Mit 14 Fällen und deutschen Wurzeln" - so formuliert es "Visit Estonia" (und wir versuchen, bei Wurzeln weder an den deutschen Wald noch an Zahnärzte zu denken). Aber gleich im dritten Satz folgt dort auch: "In Estland kommt man auch ohne Estnisch gut durchs Leben". Haben also die Estinnen und Esten es schon aufgegeben, irgend jemand anderem ihre Sprache beizubringen? 

Nein, in Estland wird auch nicht Finnisch gesprochen. "Wir haben das õ - das haben die Finnen nicht!" so argumentieren die Nordbalten (oder südliche Nordländer?). 

Halten die Estinnen und Esten es für möglich, dass irgendwelche Leute aus anderen Ländern Estnisch lernen? Jahrzehntelang war man gewohnt, es mit Russischsprechenden zu tun zu haben, die nur ihre eigene Sprache für den richtigen Weg des Verstehens hielten. Nun aber sind neue Zeiten angebrochen, und digitale Kommunikationsmöglichkeiten: überall in den digitalen Medien machen sich Leute auf, anderen Estnisch beizubringen. 

Grete, Tiina & Co. 

Auf dem Portal des ERR werden mehrere "Influencerinnen" beispielhaft vorgestellt. Grete Maidla ("Estonian with Grete" auf Instagram) begann ihre ersten Lehrversuche online, als sie in Norwegen studierte, und immer wieder zu hören bekam, es gäbe zu wenig kostenlose Lernmöglichkeiten im Internet. "Durch meinen Auslandsaufenthalt habe ich wohl meine eigene Sprache noch mehr schätzen gelernt", sagt Grete. 

Einige ihrer Beiträge lösten auch Diskussionen aus. „Ich habe folgenden Satz gesagt: Estnisch wird genau so ausgesprochen, wie es geschrieben wird. Die Esten selbst aber streiten sich darüber, und Ausländer sehen das anders. Ich habe einige lustige Wörter hervorgehoben, die gleich aussehen, aber unterschiedlich ausgesprochen werden. Das kommt bei den Leuten wirklich gut an.“ 

Bei "LingoHut" kann man sich
den Klang einzelner Wörter und 
Sätze eingesprochen anhören
Aber aus einem Estnisch-Kurs eine Serie mit vielen Followern zu machen, kann in den "sozialen Medien" ungeahnte Schwierigkeiten hervorrufen. "Man muss die Regeln des Algorithmus verstehen und sich streng daran halten, wenn man Aufrufe und Interaktionen erzählen will" sagt Grete Maidla. "Vielleicht finde ich etwas besonders interessant oder denke, dass es den Schülern nützen würde, aber dann gefällt es dem Algorithmus nicht.“ 

Esten sind anders - in der Sauna ... 

Auch Tiina Pruus (@flip_Estonian) hat ERR kontaktiert - aber keine Fragen gestellt, ob in ihrem Profil ein Foto verwendet wird oder nur ein KI-erzeugter Avatar. "Man muss lustig sein, denn die Leute lachen gern", sagt sie. Ihre Schüler hätten erzählt, die Esten reden tatsächlich viel und tratschen auch viel. Auf ihre ungläubige Rückfrage kam die Antwort: "Ja, wenn sie in die Sauna gehen."

Bei "Lernlaterne" ist, wie bei vielen anderen
Portalen, nur der Einführungskurs kostenfrei
Anastasiia Polubotko (@saan_targaks) kam vor 10 Jahren aus Moskau nach Estland, um dort an der Akademie für Musik und Theater zu studieren. Heute arbeitet sie mit Kindern an einer Oberschule in Lasnamäe. Sie gründete ihren Account, Russischsprachigen, darunter auch Ukrainer und Weißrussen, Estnisch beizubringen. „Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen, die in Estland leben, die Sprache nicht sprechen und entweder keinen Bedarf dafür sehen oder keine Unterstützung haben, um sie zu lernen“, sagte sie. Inzwischen kennt Anastasiia sich sehr gut mit den Lernschwierigkeiten der Russischsprachigen aus. „Viele russischsprachige Menschen haben zum Beispiel Schwierigkeiten mit dem Wort „korvpall“ (Basketball). Sie sagen alle „kõrvpall“, weil „kõrv“ (Ohr) und „korv“ (Korb) Grundbegriffe sind, die man gleichzeitig lernt.“ 

Kaire Savi (@everything_estonian) dagegen ist im Tourismus aktiv, konzentriert sich mehr auf Redewendungen und spezielle Ausdrücke und Begriffe. Nach einiger Zeit hat sie festgestellt, dass ein großer Teil der Follower auch Menschen aus Estland waren. Sie hat ein Jahr in England gelebt und dort sind ihr Details der estnischen Kultur aufgefallen, die ihr bisher entgangen waren. "Ich liebe es, alltägliche Dinge in den Fokus zu nehmen, über die Esten kaum noch nachdenken", sagt sie. „Ich glaube, ich spreche für viele Esten, wenn ich sage, dass es uns wirklich glücklich macht, wenn Menschen sich dafür entscheiden, unsere Sprache zu lernen. Es ist eine so kleine Sprache, dass sich jeder neue Lernende besonders fühlt.“

 

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