Freitag, Oktober 31, 2008

Welcher Este will wirklich nach Brüssel umziehen?

Seit einiger Zeit wird in der estnischen Presse berichtet, wer wohl für welche Partei bei den kommenden Wahlen zum Europaparlament kandidieren wird.

Gegenwärtig sind unter den sechs Abgeordneten in der Heimat ziemlich bekannte Politiker wie der frühere Ministerpräsident Andres Tarand und die frühere Ministerin Katrin Saks von den Sozialdemokraten, die frühere Sozialministerin der Zentrumspartei Siiri Oviir, der vormalige Parlamentspräsident Toomas Savi und der Dissident Tunne Kelam, welcher zu den Mitgründern der estnischen Unabhängigkeitspartei gehörte. Von diesen haben jüngst Andres Tarand und Toomas Savi ihren Rückzug aus der Politik angekündigt.

Im kommenden Jahr werden auf dem Wahlzettel wohl wieder vergleichbar bekannte Namen stehen. Als erster erklärte der Chef der Zentrumspartei, Edgar Savisaar, er werde kandidieren. Savisaar war von 1990 bis 1992 Ministerpräsident der Volksfrontregierung und führte das Land in die Unabhängigkeit. Sein Politikstil machte ihn unter Politikerkollegen jedoch unbeliebt, weshalb er noch vor der ersten Parlamentswahl abgelöst wurde und es seither nur zwei Mal wieder auf die Regierungsbank geschafft hat. Dabei war der erste Erfolg nur von kurzer Dauer und ging unter dem Namen Lindiskandaal (Aufzeichnungsskandal) in die jüngere estnische Geschichte ein. Savisaar hatte heimlich seine Gespräche während der Koalitionsverhandlungen mitgeschnitten.

Savisaar ist seither in der Heimat gleichermaßen gehaßt wie geliebt, seine Partei erzielt regelmäßig gute Wahlergebnisse, nur will eben von den anderen Parteien – wenn es denn rechnerisch eben geht – keine mit ihm zusammenarbeiten. Aber Savisaars Partei wird insbesondere von der nicht estnischen Bevölkerung gewählt, weshalb er derzeit, und nicht zum ersten Mal, wenigstens in der Hauptstadt Tallinn auftrumpfen kann – er ist Bürgermeister.

Angesichts dieses Zugpferdes bei der Zentrumspartei lassen sich auch die Spitzenvertreter der Konkurrenz nicht lumpen. So planen die Sozialdemokraten bereits auch, ihren Vorsitzenden zu portieren. Ivari Padar ist derzeit Finanzminister in einer Koalitionsregierung mit der Vaterlandunion / Res Publica und der Reformpartei. Die Regierung führt deren Parteichef Andrus Ansip, der nach dem letzten Urnengang 2007 die Koalition mit Edgar Savisaar trotz rechnerischer Möglichkeit durch den Dreierbund ablöste. Auch wird angeblich von seiner Partei gedrängt anzutreten.

Aber warum dieser Aktionismus für eine Wahl zu einem Organ, das bekanntlich eher wenig politischen Einfluß hat?

Nun steht es außer Frage, daß Ansip in seiner politischen Karriere im Inland kein einflußreicheres Amt mehr erreichen kann. Angesichts der verbreiteten Kurzlebigkeit von Regierungen in Estland – Mart Laars zweite Regierung von 1999-2002 hält einstweilen den Rekord – ist es nicht unwahrscheinlich, das jedwede innenpolitische Krise oder irgendein Skandal auch vor den nächsten Wahlen seinen Sturz herbeiführen könnte.

Edgar Savisaar wiederum steht zwar als Bürgermeister im Rampenlicht der Medien, langweilt sich aber sicher auf diesem doch eher einflußlosen Posten, den er entgegen vorherigen Versprechungen von Jüri Ratas übernehmen konnte, weil 2005 seine Partei in der Kommunalwahl gut abgeschnitten hatte. Damals war ihm der Posten weniger wichtig, weil er gerade wenige hundert Meter vom Rathaus entfernt auf dem Domberg als Wirtschaftsminister einen offensichtlich interessanteren Job hatte – eben bis zur Aufkündigung der politischen Ehe mit Ansip 2007. Bürgermeister war Savisaar vorher schon einmal gewesen, hatte das Amt aber durch ein Koalitionsrevirement wieder verloren.

Ivari Padar wiederum hat eine Partei im Rücken, die zu klein ist, um ihm nach der Übernahme verschiedener Ministerien in verschiedenen Koalitionen weitere Perspektiven zu eröffnen.

Da in Brüssel und Straßburg dank der Schwierigkeiten rund um den Lissaboner Vertrag und den Diskussionen innerhalb der Union über die Reaktion auf die Krise im Kaukasus diesen Sommer einige gleichermaßen interessante wie schwierige Dossiers zu verhandeln sind, reizt die erwähnten Herren die Aufgabe vielleicht tasächlich.

Über Ansips Kandidatur gibt es allerdings einstweilen nur Spekulationen. Er selbst hat eine Absicht negiert und darauf verwiesen, daß ein amtierender Regierungschef nicht für das Europaparlament oder bei Kommunalwahlen kandidieren könne. Die öffentliche Spekulation freilich begründet sich durch das kategorische Nein des Gründers der Reformpartei, früheren Notenbankchefs und Ministerpräsidenten Siim Kallas, der zur Zeit EU-Kommissar in Brüssel ist.
Es ist jedoch zu bezweifeln, daß einer der genannten Politiker tatsächlich im Falle einer erfolgreichen Wahl nach Brüssel übersiedeln würde. Edgars Savisaar erklärte bereits öffentlich, eine solche Zusage könne einstweilen kein Politiker geben, weil bis zur Wahl noch viel Wasser ins Meer fließe. Er selbst sei außerdem verliebt in Tallinn, wo es noch viel zu tun gebe.

Kern dieser Fragen ist, daß die vergangenen Europawahlen in den baltischen Staaten von den Wählern als Protestwahl genutzt wurden und jene Parteien, die damals an der Regierung waren, abgestraft wurden und auch kleine Parteien Erfolge verbuchen konnten. So kommt es, daß gerade die Reformpartei keinen zugkräftigen Kandidaten hat, der bereits im Europäischen Parlament säße.

Die erst 2007 neu in das nationale Parlament eingezogenen Grünen wollen mit allen ihren Spitzenpolitikern kandidieren. Die Volksunion will sich erst nach ihrem nächsten Parteikongreß entscheiden. Sie hat die Korruptionaaffäre rund um ihren früheren Chef Villu Reiljan zu verkraften.

Da nur sechs Mandate zu vergeben sind, ist die Konkurrenz eng. Es geht für alle Parteien darum, wenigstens ein Mandat zu erringen, für die größeren wäre natürlich nur der Gewinn von zwei Vertretern ein Erfolg.

Donnerstag, Oktober 30, 2008

EE wie Estland - und was nun?

Wer ist Vladimir Tsastsin? Im Netz gab es bereits seit einiger Zeit Warnungen, EstDomains (ee) registieren zu lassen (so z.B. Talkgold).
Auf den Namen Tsastsin stieß in der Regel, wer eine estnische Domain mit der Endung ee registieren lassen wollte. Dazu befugt war bisher die Firma ESTHOST INC in Tartu.

Fachportale melden nun, Tsastsin sei nun von der internationalen Agentur zur Vergabe der registrierten Domains ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) das Recht zur Vergabe der ee-Domains und die Betreuung der bereits bestehenden 281.000 Domains mit dieser Endung entzogen worden.
Tsastsin war in Estland am 6. Februar 2008 von ei
nem estnischen Gericht rechtskräftig wegen Kreditkartenbetruges, Geldwäsche und Urkundenfälschung verurteilt worden.
Verschiedenen Meldungen zufolge ist das Recht zum Betrieb einer neuen Registrarstelle neu ausgeschrieben worden.

Ob es Probleme für die bisherigen Kunden gibt, hängt weitgehend davon ab, ob sich Tsastsin sich in soweit kooperativ verhält, dass er die bestehende Kundendatenbank an die neue Registrarstelle übergibt.

Mehr dazu:

ZDnet Security

Meldung der ICANN


Softpedia

Washington Post (mit Einzelheiten zum Gerichtsprozess)

PCWelt

Mittwoch, Oktober 22, 2008

Frauen in Estland: Funsport oder lustiges Landleben?

Als deutschsprachiger Mensch und Estland-Freund ist es immer interessant mitzuverfolgen, welches Bild sich in den deutschsprachigen Medien wiederspiegelt. Da fallen in dieser Woche zwei Beiträge auf, die Frauen aus und in Estland zum Thema haben.

Da ist einerseits Evelin Ilves. "SCC-Running" interviewt sie als teilnehmende Inline-Skaterin beim Berlin-Marathon 2008. Das steht wohl unter dem Motto "Coole Präsidentin haben diese Esten (und Estinnen)"...

Interessant die Begründung zur Frage, wie denn die Bedingungen zum Inline-Skaten in Estland ausfallen: "
Jede neue Straße in Estland muss einen Fahrradweg haben, daher sind die Bedingungen besser als in vielen anderen Ländern." - Nun, sehr vereehrte Frau Ilves, das ist Europarecht (das mit den neuen Straßen und den dazu zu bauenden Radwegen!). Aber können Sie uns erstens verraten, ob Sie nun etwa auf den Radwegen skaten (ist das in Estland erlaubt? oder wegen nur wenigen Radfahrer/innen möglich?), und zweitens, warum denn die anderen EU-Länder (etwa die Nachbarländer Lettland und Litauen) nicht auch diese Gesetze gleichermaßen umsetzen?

Andere Aspekte zum Thema "Frauen in Estland" sind bei Agrar-heute nachzulesen. Dass die angeblich positive Entwicklung in der estnischen Landwirtschaft immer nur in Form von kurzfristigen Statistiken gemessen wird (nicht etwa von 1990 an gerechnet oder damit verglichen!), das sind wir ja schon gewohnt. Hier aber steht unkommentiert, dass 37% der 12.700 Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe in Estland Frauen seien. "Frauen spielen eine wichtige Rolle", steht da zu lesen. Als Geringverdiener, als landwirtschaftliche Zuerwerbsbetriebe (40% aller Betriebe haben zusätzlich eine außerlandwirtschaftliche Tätigkeit), als Alleinerziehende, als Öko-Bäuerinnen, oder als Liebhaberinnen des Landlebens? Vielleicht steht das ja mal woanders nachzulesen.

Dienstag, Oktober 21, 2008

Sumo-WM in Rakvere: "der Balte" kämpft für Estland

Mit Bezeichnungen wie "der Balte" (japanisch: "Baruto" siehe auch frührer Blogbeitrag) lassen sich offenbar in Japan Sumo-Ringer erschrecken - das wurde angesichts der Sumo-Weltmeisterschaft in Rakvere / Estland jetzt noch mal klar. Sumo-Ringen in "Barutos Homeland" Estland, sogar eine Weltmeisterschaft? Das ist wohl der Bekanntheit von Kaido Höövelson zu verdanken, früher Türsteher in einem Nachtklub und Judo-Kämpfer, geboren 40km von Rakvere entfernt (heute Star-Sumoringer). Zusammen mit Andres Jaadia, Bürgermeister von Rakvere, holte er nun die WM in sein Heimatland. Auch eine GEO-Reportage brachte inzwischen schon ein Interview mit diesem ungewöhnlichen Esten. Bei Enews wird auch auf Riho Rannikmaa verwiesen, der 2004 zwei estnische Sumo-Ringer erstmals dazu veranlasst haben soll, nach Japan zu gehen. Welche Schwierigkeiten es geben kann, wenn mal eine Sumo-WM außerhalb von Japan stattfindet, daran erinnert ein Beitrag bei "Spiegel-online" über die WM 1999 in Riesa.

Besonders ausführlich berichtet wurde in der deutschen Presse diesmal rund um Osnabrück: Sumo-Kämpferin Nicole Hehemann holte in Rakvere Bronze.

Mehr dazu:
Homepage Sumo-WM 2008

über "Baruto" bei "DCEstonian" (Englisch)

Bericht Neue Osnabrücker Zeitung

Sumo Eesti keeles


Montag, Oktober 20, 2008

Erinnerungskulturen - eine Fortsetzung



Seit zwei Jahren posten wir ab und zu über die verschiedenen Erinnerungskulturen rund um den 2. Weltkrieg in Europa, besonders Osteuropa. Ein Fazit lässt sich ziehen: Es tut sich wenig auf dem Weg zu einer einheitlichen Bewertung des 2. Weltkriegs, seiner Ursachen, seines Ablaufs und seiner Folgen. Zu sehr ist jeder in seinem eigenen Geschichtsraum verfangen.
Hier zitiere ich noch einmal Professor Dr. Stefan Troebst aus seinem Essay "Holodomor oder Holocaust?" in der FAZ vom 4. Juli 2005, Troebst ist zu dem Zeitpunkt stellvertretender Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Uni Leipzig.

Wenn in historischer Perspektive das Europäische an Europa ist, daß es Nationen gibt, dann ist und bleibt der Nationalstaat auf absehbare Zeit der primäre Bezugsrahmen für Erinnerung. Somit werden sich viele "Erinnerungsorte" wie der russ(länd)ische Erinnerungsort Stalingrad und das polnische Jalta mutmaßlich nicht in eine wie auch immer geartete Übereinstimmung bringen lassen. ...

Eher wird die Vierteilung Europas in Westeuropa, Westmitteleuropa, Ostmitteleuropa und Osteuropa, wie sie derzeit besonders deutlich hervortritt, zunächst noch tiefer werden. Die Kontroverse zwischen dem Jalta-Lager, also den postkommunistischen EU-Mitgliedsgesellschaften Ostmittel- und Nordosteuropas, und dem auf Stalingrad ausgerichteten Rußland hat gerade erst begonnen.


Das war 2005, dazwischen liegen die Bronzenen Nächte in Tallinn. Schöne Vorhersage und weiterhin aktuell. Warum das alles so ist, aus estnischer Perspektive, hier ein recht neues Buch. Das Überleben des estnischen Pastors Harri Haamer im sibirischen GULag. "Unser Leben ist im Himmel - Erinnerungen an Sibirien", Projekte Verlag 1. Auflage 2007.

Auf Englisch: "We shall live in heaven". (Meie elu on taevas)

Erinnerungsgeschichte, Erinnerungsorte, Erinnerungsschichten –
Annäherungen an Osteuropa

Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V. 15.04.2008

Geschichtspolitik und Gegenerinnerung in Osteuropa Heft 06/2008

Daraus die Einleitung zu einem Beitrag von Karsten Brüggemann:
Karsten Brüggemann
Denkmäler des Grolls
Estland und die Kriege des 20. Jahrhunderts

Im April 2007 löste die Umsetzung des „Bronzesoldaten“ in Estlands Hauptstadt Tallinn Straßenkrawalle und diplomatische Konflikte mit Russland aus. Der Streit wurde zum Symbol für die gegensätzlichen Vergangenheitsbilder in Ost und West. 2004 hatte ein Gedenkstein für estnische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in deutscher Uniform gekämpft hatten, international Aufsehen erregt. Nun plant Estlands Regierung, ein Denkmal zur Erinnerung an den Sieg im Freiheitskrieg 1918–1920 zu errichten. Damit geht der Denkmalstreit in die 3. Runde.

Samstag, Oktober 18, 2008

Jaan Kross und Professor Li

Gestern habe ich Professor Sang Gum Li getroffen. Eigentlich ist er zuständig für die deutschsprachige Literatur an der Pusan National University in Südkorea. Weit im Norden von Busan an einem Berghang:
Estland in Korea II
Wahrscheinlich haben Germanistikstudenten dieses Fenster beschriftet:
Estland in Korea
Die Sturm und Drang Zeit und überhaupt deutsche Philosophie stehen bei Professor Li wie bei vielen Koreanern im Vordergrund. Deutschland kennt er schon lange. 1989 hat er vor Ort in der Bundesrepublik miterlebt.
Irgendwann bekam er Joschka Fischers Buch: "Mein langer Lauf zu mir selbst" in die Hände. Da war er auch schon ein Endvierziger. Und tatsächlich, innerhalb weniger Jahre lief er eine Marathonbestzeit unter 3 Stunden und 40 Minuten. 2004 in der Altersklasse über 50 absolvierte er den Berlin-Marathon in 3:43 Stunden. Und nicht nur das, naturverbunden, waren ihm Schuhe suspekt. Einen Lauf hat er barfuß bestanden. Triathlon ist seine andere Leidenschaft, aber das führe hier zu weit.
In dieser Zeit las er in Deutschland über die EU-Osterweiterung. Estland gehörte dazu. Und besonders ein Artikel über den wichtigsten Schriftsteller des Landes lies ihn nicht los. Er wollte mehr erfahren über Jaan Kross, der in seinen Romanen die Geschichte Estlands verarbeitet hat. Gleichzeitig erfuhr er von den deutschsprachigen Balten und ihrer Literatur, die nun schon selber zur Geschichte gehören. Zwei Estlandaufenthalte folgten. Und tatsächlich beherrscht Professor Li schon ein Alltagsestnisch. Ein Essay von Jaan Kross, den er noch persönlich kennen lernte, wurde von ihm ins Koreanische übersetzt, in diesem Band:
Estland in Korea III
Und überhaupt, er ist der einzige Experte für baltische Literatur in Korea. Der erste Schritt ist getan.

Update April 2009:
Ein ganzseitiger Artikel von Professor Li in der Pusan-Ilbo (Südkorea) über Estland.
Hier die Online-Version.

Donnerstag, Oktober 16, 2008

Luxus-Spa oder Bankenkrise?

Estland braucht keine EU-Bürokratie! Solche Sprüche waren 2003 vor dem EU-Referendum von estnischen EU-Gegnern zu lesen und zu hören. Der estnische Wirtschaftsaufschwung werde nur von der lahmen EU behindert, so selbstbewußte estnische Wirtschaftsgurus damals. - Heute schwimmt nicht nur Estland mitten in der Banken- und Finanzkrise, und manche Experten sagen auch, kleinere Länder hätten ihre Währungen schon längst erheblich abwerten müssen ohne den Schutz der EU (siehe Island). Gespannt blicken wir also auch nach Estland und hoffen vielleicht insgeheim wieder auf estnische Kreativität und Erfinderreichtum. "Die Krise erfasst jetzt Osteuropa", titelt zum Beispiel der ARD-Börsenbericht, und bezeichnet die baltischen Staaten als neben Ungarn am stärksten von der Finanzkrise betroffenen Regionen. Ein Einschätzung der Financial Times pflichtet dem bei, und nennt ein hohes Leistungsbilanzdefizit und den Einfluß krisengeschüttelter skandinavischer Banken als Gründe.

Aber es gibt dem auch scheinbar wiedersprechende Meldungen. Angeblich sollen doch gerade die fallenden Immobilienpreise ein deutliches Zeichen überzogener Erwartungen sein? "Neues Luxus-Ferienresort an der estländischen Küste" meldete Gewerbeimmobilien24 gestern. Gleiches meldet "Cash-online" (schöner Name, angesichts der Milliarden-Stützungssteuergelder für die Banken!). Zugegeben wird allerdings, dass Baubeginn der Projekte erst 2009 sei. Ein Vier-Sterne-Hotel, Luxus-Eigentumswohnungen und -villen sollen entstehen - und wo? Gerade dort, wo manche deutschen Reiseführer sogar bisher von einem Besuch abgeraten haben: in der Region Narwa.

Nun ist plötzlich von "Grundstücken in attraktiver Küstenlage" die Rede, von "Medical-Spa-Bereichen" mit über 7.000 qm und Hotels mit Luxus-suiten. Aber der Estland-Freund wird vielleicht spätestens spätestens bei der Ortsbeschreibung stutzen: "Narva-Jõesuu, ein von Russen wie von Estländern gleichermaßen beliebter Ferienort", so preist es das Immobilienportal. Wird hier noch schnell angepriesen, was nachrichtenmäßig noch nicht in der letzten Ecke Estlands angekommen ist? Die IGP Ingenieur AG aus Berlin ist bei diesem Projekt Auftragnehmer eines Investors aus St.Petersburg (Novost-info nennt Andrej Katkov als für das Projekt verantwortlichen Unternehmer, und bezeichnet diesen als Vertrauten von Präsident Putin). Oder retten nun wirklich die Russen das estnische (und nebenbei das deutsche im Ausland tätige) Baugewerbe?Dass Bauplanungen der IGP momentan nicht überall vorankommen, zeigt zum Beispiel ein Bauprojekt in Wattenscheid (Bericht Emsdettener Volkszeitung 5.10.08). Sogar bei den neuen Luxusbauten Moskaus soll es neuerdings Baustopps geben. Oder, wie bei einem Bauprojekt in Berlin-Lichtenberg, dort dauerte es schlappe 10 Jahre bis aus einem begonnenen Projekt und einer langjährigen Bauruine dann doch noch (durch die IGP) eine Luxusanlage wurde (Bericht Berliner Morgenpost 27.06.08). Also: Krise, welche Krise? Irgendwelche Reichen, die hübsch abgeschirmt schick Urlaub machen wollen, werden schon übrig bleiben, auch in Estland!

Für Investoren, die noch "flüssig" sind:

Webseite Narva Jõesuu Spa

Wohungen kaufen in Narva-Jõesuu

Virumaa.ee

Fussball WM-Qualifikation

Eigentlich waren die letzten Fußball-Qualifikationsspiele der estnischen Nationalmannschaft nicht sehr bewegend.
Aber das Unentschieden gegen die Türkei lässt aufhorchen. Für eine Weile wird Estland nun für Gesprächsstoff am Bosporus sorgen.
Übrigens besuchen laut Botschaftsinformation jedes Jahr mehr als 10 000 Esten die Türkei, etwa 600 Türken kommen dagegen vor allem nach Tallinn.

Die politische Seite der Beziehungen: Estland befürwortet den angestrebten EU-Beitritt der Türkei, allerdings mit der nüchternen Einschränkung, dass die Aufnahmekriterien erfüllt werden müssen. Eine große Kulturdebatte zur EU-Erweiterung mit der Türkei, etwa wie in Deutschland, hat es bis jetzt nicht gegeben.

Donnerstag, Oktober 09, 2008

Was ist das schon wieder: Kiiking?

Kiiking - dieses Wort klingt wie der Begriff für einen neuen Straftatbestand – wie Stalking oder eine neu erfundene Sportart. Alles in der Regel eine Anleihe aus dem Englischen. Die Annahme mit dem Sport ist zutreffend, aber die bezeichnung kommt nicht aus dem Englischen, sondern aus dem Estnischen und bedeutet Schaukeln.

Schaukeln eine Sportart? Haben in Estland Kinderspielplätze und Sportplätze fusioniert? Keineswegs. In Estland ist Schaukeln nicht nur ein Kinderspaß und es wird viel geschaukelt. An Stränden und in Parks oder Naturschutzgebieten stehen überdimensionale Schaukeln aus Holz, auf denen problemlos zehn Erwachsene Platz haben. Da diese Konstrukte das ganze Jahr über bei Wind und Wetter im Freien stehen, ächzt es regelmäßig verdächtig beim Schaukeln, aber bislang wurde von nennenswerten Unfällen nicht berichtet.

Da diese Schaukeln schon im benachbarten Lettland weniger bekannt sind, verwundert es wenig, daß gerade die Esten daraus einen Sport machen. Daher auch der Name. „Kiik“ heißt Schaukel, „kiikuma“ schaukeln und Kiiking ist eben das Schaukeln – obwohl das korrekt substantivierte Verb „kiikumine“ heißt. Es gibt sogar einen Weltmeister im Schaukeln, der heißt Andrus Ääsmäe und kommt natürlich auch aus Estland. Davon berichtet nunmehr sogar der Spiegel online.

Aber wenn Schaukeln nun ein Sport ist, in dem sogar Wettbewerbe stattfinden, wo liegt dann die Leistung, die sich messen und vergleichen läßt? Schaukeln ist eben doch nicht gleich Schaukeln. Es geht beim Kräftemessen um den Überschlag. Die Wettbewerbschauekeln sind denn auch andere als jene, die vielerorts an öffentlichen Plätzen in Estland zu finden sind.

Ääsmäe erklärt im Interview, wie man sich zum Weltmeister aufschaukelt. Während der Bewegung nach unten müsse man in die Knie gehen und sich dann blitzschnell am tiefsten Punkt wieder aufrichten, um Schwung zu holen. Dabei liege die Anstrengung eben vor allem darin, den Körper aus den Beinen hochzustemmen, während gleichzeitig die Eingeweide nach unten sacken.
Auf jeden Fall, so Ääsmäe, mache Schaukeln süchtig. Und es sei doch toll, ohne Drogen in den Himmel zu fliegen. Die Gefahr betreffend berichtet der Weltmeister nur von einem gebrochenen Handgelenk bei einem Athleten, der vor der Akrobatik doch nicht auf flüssiges Doping hatte verzichten wollen.

Freitag, Oktober 03, 2008

Startups in Estland

Estland halten viele für einen IT, Internet- und Computervorreiter. Was die Umsetzung von neuen Technologien betrifft, stimmt das schon.
Eine skandinavisch-baltische Webseite beobachtet die Gründerzene bei den Softwareunternehmen: Arcticstartup
Einer der fleissigsten Startup-Initiatoren ist Jüri Kaljundi in Estland. Er ist schon mit 19 in das Geschäft eingestiegen. Eine der bekannten Webprojekte ist das estnische Gegenstück zu Flickr: Nagi.
Arcticsturtup hat Jüri Kaljundi interviewed. Und wieder taucht eine altbekannte Kritik auf. Die technische Entwicklung ist das große Plus in Estland, aber bei der Verbreitung, beim Marketing, ist Estland zu lokal. Es fehlten zumindest europaerfahrene Geschäftsleute, die auch das Marketing verstehen.

Estonia also lacks people with previous international sales, marketing and commercialization skills, even if we have good product development skills. So the key would be to join forces between people in Estonia and those who have done these things already in Western Europe and USA.

Dienstag, September 23, 2008

Baltische Staaten: Politiker als Fixpunkte und verschiedene Varianten von parteipolitischer Fluidität

Das Manuskript zum Beitrag in: Ellen Bos, Dieter Segert: Osteuropäische Demokratien als Trendsetter? Parteien und Parteiensysteme nach dem Ende des Übergangsjahrzehnts erschienen Mai 2008 hier.

Freitag, September 19, 2008

Eesti muutub Saksamaaks[1]

Das war Ende der 90er ein im privaten Kreis regelmäßiger geäußerter, scherzhafter Kommentar über Estland. Damals stand dahinter eine Mischung aus Genugtuung über die rasante Entwicklung Estlands und der Trauer über das Verschwinden verschiedener sowjetischer oder postsojwetischer Exotica im Alltag.

Nunmehr haben alle osteuropäischen Staaten das stürmische erste Jahrzehnt der Transformation durchgestanden, wirtschaftlich und politisch wurde von der Transformationstheorie schon früher eine Stabilisierung prognostiziert. Dies ist damals von Pzreworski in Zweifel gezogen worden und wird durchaus auch heute noch diskutiert. So ist denn Stabilität in den meisten Staaten wenigstens politisch nur teilweise eingetreten. Nach wie vor ist es eine Seltenheit, wenn wie Dzurinda in der Slowakei 2002 oder Gyurcsány in Ungarn 2006 amtierende Regierungen wiedergewählt werden. In Estland gelang dies 2007 ebenfalls, jedoch wählte Ministerpräsident Ansip andere Koalitionspartner.

In Estland hat so wie in den baltischen Nachbarstaaten noch nie eine Regierung eine ganze Legislaturperiode durchgehalten. Auch gibt es nach wie vor so viel Instabilität im Parteiensystem, daß infolge des Popularitätsverlustes der liberal-konservativen Regierungen bei gleichzeitigem Wunsch der Wähler nach Parteien ähnlicher Coleur, neue Parteien wie Res Publica 2003 und die wiedergegründeten Grünen 2007 den Sprung in Parlament geschafft haben.

Doch die Umfragen zeigen derzeit eine große Stabilität, wie die Zeitung Postimees am 15. September berichtete, und damit efreut sich Ministerpräsident Andrus Ansip nach wie vor großer Beliebtheit.
Die liberale Reformpartei (Reformierakond) des Regierungschefs hat sich von 21% auf 19 geringfügig verschlechtert, damit sind sich aber immer noch ein Fünftel der Wählerschaft sicher, diese Partei zu bevorzugen. Die Koalitionspartner der Vereinigten Vaterlandsunion und Res Publica (Isamaa ja Res Publica Liit) kommen mit 10% auf zwei Punkte mehr als vor Monatsfrist. Die Sozialdemokraten (Sotsiaaldemokratlik Erakond), aus deren Reihen auch Präsident Toomas-Hendrik Ilves stammt, bleiben bei 8%.
Dieses würde den reinen Zahlen nach derzeit für eine Mehrheit im Parlament (Riigikogu) nicht reichen, doch 16% der Befragten gaben an, unentschlossen zu sein. Diese Zahl belegt ebenfalls die Stabilität, ist sie doch überraschend niedrig für ein baltisches Land.

Stabilitätsfaktor wären ebenfalls die Grünen (Rohelised), die bereits 2007 mit Ansip Koalitionsverhandlungen geführt hatten. Daß die Beteiligung schließlich nicht zustande kam, ist auf die Verweigerung des gewünschten Umweltressorts zurückzuführen. Doch damals waren die Grünen für eine Mehrheit eben auch nicht erforderlich.
Ein dritter Stabilitätshinweis ist die starke Opposition der Zentrumspartei (Keskerakond) unter Edgar Savisaar, welche sich, immer wenn in der Opposition, sozialdemokratisch geriert. Sie war allerdings bis 2007 der Partner Ansips in einer nur aus den beiden stärksten Fraktionen bestehenden Koalition. Und dies war auch nicht das erste Mal, daß im Laufe einer Legislaturperiode ein Partnertausch stattfand.

In den Jahren seit 1992 hat sich auf diese Weise zwar keine Regierung vier Jahre an der Macht halten können, die Politik hat sich jedoch jeweils nur in Nuancen verändert, das Ergebnis stabiler Verhältnisse.
Wenig verwundert, daß die Volksunion (Rahvaliit) den Sprung ins Parlament laut Umfragewerten nicht schaffen würde. Seit der frühere kommunistische Funktionär und spätere Präsident Arnold Rüütel die Politik verlassen hat, fehlt die populäre und bekannte Figur. Hinzu kommt, daß der wichtigste Politiker dieser Partei, Villu Reiljan, kämpft seit langem mit Korruptionsvorwürfen. Vor wenigen Monaten entzog das Parlament ihm die Immunität.

Gewiß ist Estland nicht Deutschland. Aber in den 90ern sollte der entsprechende Satz einen Prozeß andeuten. Doch in einem Punkt gibt es eine vielleicht sogar deutlichere Ähnlichkeit: Das Vertrauen in staatliche Institutionen und die Politik sinkt, wie Postimees am gleichn Tag in einem anderen Artikel berichtet. Hintergrund sind nach Meinung der Demoskopen die Krise im Kaukasus wie auch innenpolitische Debatten um den Haushalt. Interessant ist besonders die anhaltende Beliebheit des Ministerpräsidenten Andrus Ansip. Sein Vertrauenswert übersteigt mit 59% alle anderen politischen Institutionen.

[1] Estland wird zu Deutschland

Montag, September 15, 2008

Straßenbahn von Kadriorg nach Tondi

tarmo888 hat sich die Mühe gemacht 40 Minuten lang ein Video zu drehen. In der Hauptstadt Tallinn mit der Tram von Kadriorg nach Tondi. Das ist von Ost nach West und streift die Altstadt. Da aber Flickr nur 90 Sekunden erlaubt, sehen wir die Strecke in dieser Zeit komprimiert. Hier das Video.Alltag in der Hauptstadt Estlands.
Ein wichtiger Hinweis: Vom 16. September bis 24. Oktober, fahren die Linien 1 und 3 nur ersetzt durch eine Busverbindung. Solange wird an der Strecke gebaut.

Samstag, September 13, 2008

Ausgrabungen auf dem Vabaduse Väljak in Tallinn

Tallinn ist bekannt vor allem durch die mittelalterliche Altstadt. Aber einiges wurde schon in früheren Jahrhunderten ersetzt oder abgerissen. So das Harju Tor. Aber gerade finden Ausgrabungen am Vabaduse Väljak, einem der zentralen Plätze statt. Kalevkevad hat nun auch die wiederentdeckten Turmreste dokumentiert.




Gerade im südlichen Teil der Altstadt fehlen Mauerteile. Da wo die Linie nur gepunktet ist. In dieser Karte unten sieht man das Harju Tor eingetragen: Harju värav. Ausserdem sind mehrere Mühlen verzeichnet. Hier floss früher ein Wasserlauf. Möglicherweise stoßen die Archäologen auf Holzreste. Aber nur wenn hohes Grundwasser die Reste konserviert hat.


Aus dem Eesti Ajaloo Atlas 2006, Avita Verlag

Wer es noch genauer sehen möchte: hier ist ein anderes Fotoset von Hakatani Tenfu al Issiduunia

Freitag, September 12, 2008

Ein Finne hat ein Buch geschrieben

Ein Buch über Estland. Ja, sowas kommt vor. Er hat kein gutes Bild von Estland. Warum? Das kann man begründen. Macht er auch.
Und weil das Buch nun auch im deutschsprachigen Internet bekannt wird, greife ich einen Punkt heraus, der mir nicht gefällt.
Ich meine nicht, dass er prognostiziert, dass Estland möglicherweise in 10 Jahren nicht mehr als unabhängiger Staat existieren wird.
"Estland in zehn Jahren Teil der Russischen Förderation" Der Standard, Österreich
Die Menge der Kommentare ist beachtlich.

Was mich ärgert, sind herangezogene historische Parallelen, die immer an der Oberfläche beim Halbwissen steckenbleiben.
Bäckman sieht in der Vorherrschaft einer kleinen, nationalistisch geprägten Elite, die das Land mit der falschen Politik in den Untergang führt, Parallelen zu den 1930er Jahren, als das Land unter Präsident Konstantin Päts, der nicht umsonst im heutigen Estland eine unantastbare Ikone ist, autoritär regiert wurde.

Batz! Estland eine Diktatur.
Die Mathematik geht immer auf:
Päts = Diktator
Hitler = Diktator
Stalin = Diktator
Ist doch egal, ob Estland besetzt wurde oder nicht, kommt auf dasselbe raus.

Und da mache ich den offiziellen Webseiten, die Estlands Geschichte darstellen sollen, den Vorwurf: Ihr bringt nur Geschichtsfetzen.
Bei der Internetrecherche fällt auf: es fallen kaum Namen wie Juhan Kukk, Jaan Tõnisson,
Begriffe wie "Era of silence", Andres Larka und Artur Sirk müssten erwähnt werden, denn sie waren der Auslöser für die autoritäre Präsidentschaft von Konstantin Päts:
Der Estnische Bund der Freiheitskämpfer (est.: Eesti Vabadussõjalaste Liit, EVL) war eine estnische quasi-faschistische politische Partei. Die Mitglieder des Bundes wurden im Volksmund Vapsid genannt. Er gilt als die einzige faschistische Partei weltweit, die bei Parlamentswahlen die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erringen konnte. Charismastischster Politiker des Bundes und Vorsitzender war Andres Larka.


Der Bund wurde 1920 von Artur Sirk als Interessenvertretung ehemaliger Soldaten gegründet. 1933 trat der Bund in einem Referendum dafür ein, das parlamentarische Regierungssystem durch ein präsidentielles Regierungssystem zu ersetzen und legte so den Grundstein für die Präsidentenwahl im April 1934, für die er sich gute Siegchancen versprach. Am 12. März 1934 kam ein vorsorglicher Staatsstreich diesen Bestrebungen zuvor. Über den Bund wurde ein Parteiverbot verhängt, im Dezember 1935 löste er sich schließlich auf.
Wikipedia
Estnischer Bund der Freiheitskämpfer

Wo sind detaillierte Darstellungen der Bestrebungen 1938 und 1939, zur normalen parlamentarischen Demokratie zurückzukehren? Wo sind Pressezitate von damals (bitte nicht nur Estnisch)? Die Diskussionen um die Verfassungsänderung 1938.
Jaan Tonisson
Das Jaan Tõnisson Denkmal in Tartu, das Todesjahr unbekannt, nach der sowjetischen Okkupation.
Noch während der sowjetischen Besetzung Estlands im Sommer 1940 versuchte Tõnisson, bei den kommunistischen Scheinwahlen demokratische Gegenkandidaten aufzustellen. Im Dezember 1940 wurde er vom NKWD verhaftet. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Nach Vermutungen wurde er im Juli 1941 durch den NKWD erschossen.


Und genauer müsste noch untersucht werden, inwieweit die Geheimniskrämerei der estnischen Politiker während der Verhandlungen mit der Sowjetunion 1939 zum Untergang der Estnischen Republik beigetragen haben. Mangelnde Transparenz. Die Öffentlichkeit hatte kaum einen blassen Schimmer, mit ein Grund , warum die Estnische Republik so sang und klanglos unterging. Finnland hat bekanntlich anders reagiert. Da waren schon ehemalige estnische Offiziere auf dem Weg ins Ausland. Die zurückgeblieben Militärs haben die sowjetische Besatzung dann zum großen Teil mit dem Leben bezahlt. Trotz Nichtstuns.

Mittwoch, September 10, 2008

Noch ein 11. September

Ein neuer Dokumentarfilm in Estland beleuchtet eine Tragödie, die sich bereits 1997 am 11. September ereignete. "Surmaretk", so der Titel, zeigt eine postsowjetische Episode, eine außer Kontrolle geratene Militärübung.
Eine Einheit des noch jungen Peacekeeper-Battalions für die UN befindet sich auf der Insel Suur Pakri. Sie sollen zum Festland rüber, einen Teil der 3,2 km Strecke müssen sie dabei schwimmen. Mit Ausrüstung. Das Unglück beginnt mit einem aufziehenden Sturm bei Wassertemperaturen um 13°C. Schnell sind die Soldaten erschöpft und unterkühlt. 14 Männer werden ertrinken. Der Kommandeur hat keine Rettungsvorkehrungen für Notfälle getroffen. Drei Stunden nach Beginn der Übung erreicht ein erstes Boot die Unglücksstelle. Es ist ein örtlicher Hafenkapitän, der die Überlebenden aufgreift, am Ende werden noch acht aus dem Wasser gezogen.
Das Ganze entwickelt sich zu einer Staatsaffäre, die Kommandokette ist unklar, oder noch nicht angepasst. So konnte die Einheit selbstständig Manöver durchführen, ohne weitere Kontrollen.
Die Details finden sich hier: East European Constitutional Review, Herbst 1997.

Dienstag, September 09, 2008

Estland und die koreanischen Verwandten

Darauf habe ich lange gewartet. Es ist ein altes Thema. Finnen und Esten sind verwandt. O.k., auch gibt es einen berüchtigten Artikel aus Finnland, wo es vor Jahrzehnten hieß: Wir sind keine Mongolen!
Aber in Asien denken einige etwas anders. In "Genes and 'Memes'" greift Shin Chul-ho heute in der Korea Times die Verbindungen auf.

Estonia stretching along the southern coast of the Gulf of Finland has reached a per capita income of $16,000 since its independence from the Soviet Union 17 years ago. Its people mostly belong to the Ural-Altaic division of the human race like Koreans, which means they share a lot of genes with us. However, I dare to say that their memes are much better than ours, considering their brilliant and very rapid economic achievement.


Grob übersetzt:
Estland erstreckt sich entlang der Südküste des Finnischen Meerbusens. Es hat ein Jahreseinkommen von 16 000 US Dollar erreicht und das seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion vor 17 Jahren. Die Menschen dort gehören zur Ural-Altaischen Abteilung der menschlichen Rassen wie die Koreaner. Das heißt, sie teilen eine Menge Gene mit uns. Jedoch, ich traue mir nicht zu behaupten, dass ihre Memes besser seien als unsere angesichts ihrer hervorragenden und schnellen wirtschaftlichen Errungenschaften.

Bitte nicht zu ernst nehmen.

Sonntag, September 07, 2008

Fotos von Saaremaa

Nathan Wind as Cochese, so sein Flickr-Name, hat ein ganzes Set vom Ende der Insel Saaremaa zusammengestellt. Es muss nicht immer ein Leuchtturm sein. Aber der kommt dort auch noch vor.

Auch lassen die Aufnahmen von Ende August den beginnenden Herbst vorausahnen.

Donnerstag, September 04, 2008

RIA Novosti feiert 1. April

Sagt Larko. Wir erleben gerade ein schönes Beispiel des Medienspiels rund um die Georgienkrise. Vielleicht ist es tatsächlich ein rauher und verspäteter Aprilscherz, der jetzt von weiteren Medien aufgegriffen wird, die ersten Blogger kopieren und transportieren das einfach weiter:
RIA Novosti berichtet über zwei estnische Farmen/Bauernhöfe, die sich als Sowjet-Republiken ausgerufen haben sollen, ihre Grenzen ziehen und die Anerkennung durch Russland wünschen.
Außerdem haarsträubend:
Meanwhile, residents of the republic claim that the "bourgeois" Estonian government has sent a "squad of relatives of Estonian Nazi SS veterans" to regain control over the breakaway territory.

Und schon greift das die Denverpost auf, nicht weiter hinterfragend.

Ein gutes Beispiel für Informationen aus zweiter Hand, aber das Thema kommt an, einfach Estonian Soviet Republic bei Google eingeben und man sieht die Weiterverbreitung. Andere Quelle ist die Kommunistische Partei in St. Petersburg mit Fotos.

Update:
David McDuff erwähnt auch die Komsomolskaya Pravda, die das weiter verbreitet haben.

Update 6. September:
Die Geschichte zieht weite Kreise durch russische Medien und weiterhin vereinzelt durch die Blogosphäre verschiedener Sprachen. Die Familien der Bauernhöfe konnten nicht ermittelt werden, also bleibt unklar woher diese Meldung stammt, nur wer sie zu einem Pressebericht zusammengebaut hat steht fest.
Das ist ein kleiner Vorgeschmack auf zukünftige Medienauseinandersetzungen. Falschmeldungen werden lanciert und hinterher ist es schwierig der Sache auf den Grund zu gehen. Aber das Bild bleibt: In Estland spalten sich Teile ab, klingt für viele augenscheinlich plausibel. Da kann dann auch Giustino nach Sillamäe im Nordosten Estlands fahren und kein Anzeichen irgendeiner Sezessionsbestrebung entdecken.

Mittwoch, September 03, 2008

Estland-Georgien und weiter geht's

Der EU-Sondergipfel ist vorbei: Gegen Russland werden keine Sanktionen beschlossen. Das ist die gemeinsame Linie, die betont, dass sich jetzt alles um das Abkommen dreht, in dem Russland selbst den Abzug aus georgischem Territorium (ohne Ossetien und Abchasien) zugesagt hat. Eigentlich ein sehr rationaler Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung, und jenseits von gegenseitigen Schuldzuweisungen.
Was bleibt noch. Da sind die Forderungen nach mehr NATO-Sicherheit für Estland.
Kurt Volker, Der neue US-Botschafter für die NATO fordert, dass der Artikel 5 der NATO-Verträge nicht nur eine politische Willensbekundung sein sollte, sondern konkretisiert werden müsste.
Nato urged to bolster Baltic defence
Allerdings soll er laut Sueddeutsche am 22. August Folgendes zu Georgien gesagt haben:
"Wir sagten, 'macht es nicht' "

Aus den USA kamen neue Aussagen zum Ausbruch der Kampfhandlungen vor zwei Wochen: Die USA haben nach Angaben ihres Nato-Botschafters Georgien mehrfach vor einem Einmarsch in die abtrünnige Region Südossetien gewarnt. Die Regierung in Washington habe dem Land selbst am Tag vor dem Beginn der Offensive gesagt, dass es keine militärische Lösung in dem Konflikt gebe, sagte der Nato-Gesandte der USA, Kurt Volker.

"Wir sagten, 'macht es nicht, lasst euch nicht in einen militärischen Konflikt ziehen, das ist nicht in eurem Interesse'", sagte Volker bei einem Besuch des norwegischen Instituts für Internationale Angelegenheiten. Jedoch sei der Druck auf Georgien zu groß gewesen. "Sie hatten den Eindruck, handeln zu müssen und das gab Russland eine Rechtfertigung für einen großen Militäreinsatz mit über 20.000 Soldaten."

Dagegen soll der NATO-Kommandeur Egon Ramms laut Newsru.ru gesagt haben,dass das Bündnis bereits vorbereitet sei und nicht nur innerhalb eines Monats in Estland reagieren könne, sondern schon nach sieben Tagen.
Ramms: Nato will defend Estonia
Via: A Step At A Time

Und vor allem, wer mehr herausfinden möchte, was in Ossetien geschah, der sollte sich den Wikipedia-Artikel samt der Diskussion anschauen,ein Artikel der ständig im Umbau begriffen ist.
2008 South Ossetia war

Montag, September 01, 2008

Europa und Georgien

Heute in Brüssel wird es einen Krisengipfel geben, während die Ursachen, die zum Auslöser des 5-Tage Krieges führten, noch nicht ganz geklärt sind.
Die OSCE spielt hier eine Rolle, sie hat Beobachter in Georgien. Wer hat nun welche Informationen weitergegeben? Pressemeldungen sind mit Vorsicht zu genießen, ein Beispiel:

Die Presse: Georgien - Streit um Kriegsschuld und Sanktionen

Der Standard (Österreich): EU kalmiert vor dem Krisengipfel

Was fehlt, sind englischsprachige Blogs aus dem Zentrum des Konflikts. In der Ukraine zur Zeit der Orangenen Revolution 2004 konnte man sich noch ein gutes Bild von den kontroversen Meinungen machen.
Bei GlobalVoices wird versucht über die Entwicklung der Blogosphäre im Kaukasus Bilanz zu ziehen.
South Ossetia Crisis 2008

Hier ein Foto von der Flickr-Seite des estnischen Außenministeriums. Urmas Paet vom 16.-17. August in Georgien. Zusammen mit Richard Holbrooke, v.l., (Dayton-Abkommen über Jugoslawien und Nachfolgestaaten) diskutiert er, weißes Hemd, mit dem russischen General Borrisov in Gori.


Update: Nachgereicht eine Zusammenstellung von uebersetzten Berichten aus Ossetien, von Veronica via Globalvoices. Beim Durchlesen wird deutlich, dass wir es mit unterschiedlichen Informationswelten zu tun haben, die vor allem durch die Sprachhuerden getrennt sind: Russisch, Georgisch und Englisch.

Freitag, August 29, 2008

Boom, Boom, und Knut - in Estland

Einen neuen Estland-Blog hat Windows-Live-Fan und IT-Mangager Knut Albers unter der Bezeichnung >http://pealinn.spaces.live.com< eröffnet (alternativ auch unter >www.pealinn.tk<)

Erstes Kennzeichen: Deutschsprachig! Das ist schon mal sehr begrüßenswert, herzlich willkommen!
Als Einsteiger ist dort ein längerer Beitrag zur aktuellen Wirtschaftssituation in Estland zu lesen, garniert von interessanten Fotos zur Bausituation.
Ein zweites Kennzeichen ist leider, dass eine Beteiligung nicht so einfach ist: weder Kommentare schreiben, noch den Verfasser per Email erreichen ist möglich, ohne sich bei "Windows live" anmelden zu müssen. So bleibt uns vorerst das interessierte Lesen.
Einer Passage aus der dortigen "internen Hausmitteilung" dort können wir aber nur zustimmen: "Es gibt bisher leider nur wenige deutschsprachige Blogs über das aktuelle Geschehen in Estland und schon gar nicht auf politische und wirtschaftliche Themen spezialisiert. Diese Lücke soll mit diesem Blog geschlossen werden, in der Hoffung, dass die bereit gestellten Informationen nützlich sind."
- Also: viele Grüße, und viel Erfolg!

Mittwoch, August 27, 2008

Bundeskanzlerin Merkel in Tallinn

Georgien ist DAS Thema beim Besuch der Bundeskanzlerin in Estland. Ihre Rede im neuen Kunstmuseum wurde in den Agenturen zitiert. Eins wurde deutlich, estnische Politiker drängen auf Konsequenzen nach den Ereignissen in Georgien. Ich halte hier mal kurz einen Punkt von Präsident Ilves fest (aus der FAZ, der Artikel wird wohl nur vorübergehend online lesbar sein):
Ilves hält nichts mehr von kleinlichen Beschlüssen. Der Westen stehe vor einer enormen Herausforderung, denn die Grundannahme der internationalen Beziehungen der vergangenen zwei Jahrzehnte sei hinfällig. Es sei eben keineswegs anzunehmen, dass Russland vor einem Einmarsch in ein anderes Land wie 1968 in die Tschechoslowakei zurückschrecken werde. Die Nato müsse sich daher auf ihre Kernaufgabe besinnen, den territorialen Schutz seiner Mitgliedstaaten. Alle Aufmerksamkeit müsse vorerst darauf gerichtet werden, den Artikel 5 des Nato-Vertrages zu konkretisieren, also die Pflicht zum militärischen Beistand. Eventualplanungen für Polen gebe es im Bündnis bereits, führte Ilves aus. Nun müsse es auch Planungen für die Verteidigung der baltischen Staaten geben.


Bisher hat Estland erreicht, dass das Cyberwar-Forschungszentrum der NATO in Tallinn eingerichtet wurde. Aber für viele ist das nun kein ausreichender Schutz mehr.

Rückblickend bleibt die Suche nach den Details des Kriegsausbruchs, um festzustellen, was im August um und in Ossetien geschehen ist. Ein Beispiel liefert dieser Spiegel-Online Bericht. Aus anderer Perspektive hatte ich schon einen Artikel des Telegraph verlinkt: "In Washington nahm niemand das Telefon ab".
Und hier aus ossetischer Sicht die entscheidenden Tage:
Carnage in Tskhninvali

Offene Fragen bleiben viele: Wie kann ein Staat anerkannt werden, der möglicherweise gar keine Staatsbürger hat? Angeblich haben die meisten Südosseten die russische Staatsbürgerschaft. Die Meßlatte für die Anerkennung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten war hoch. Mehrere freie Wahlen unter internationaler Beobachtung, zusätzlich ein Referendum unter Einschluß aller im Lande lebenden Personen. Noch nicht einmal das hatte am Ende gereicht.
Also, gibt es eine vernünftige, machbare Perspektive für eine Unabhängigkeit Ossetiens, nicht nur weil Russland es so will?

Sonntag, August 24, 2008

Fantasievoll für den Frieden

Estland ist ein fantasievolles Land. Hier wurde Skype erfunden, Genom-Projekte, E-Straßenschilder, der Buchstabe õ, und kostenlose Internetportale fürs Volk. Sicher einiges mehr. Dass die Esten dabei zwar manchmal wortkarg, aber doch sehr beharrlich auf ihre Eigenständigkeit pochen, ihre Sitten und ihre eigene Sprache pflegen, dürfte inzwischen bekannt sein. Auch wenn die eigenen Politiker und Repräsentanten in ihren Entscheidungen nicht immer das beste Bild abgeben (siehe kurzfristiger Umzug von Denkmälern), dann schweißt das die Esten doch offenbar noch mehr zusammen, und erstaunlicherweise zeigen die estnischen Imagekamgnen - verglichen mit denen ihrer südlicheren baltischen Nachbarn - ganz wirkungsvolle Effekte rund um die Welt.

Haben sich nun die Fragestellungen geändert?
Der bewaffnete Konflikt in Georgien scheint wie ein Katalysator zu wirken auf eine Neupositionierung der Kräfte Osteuropas, das heisst zwischen
Berlin und Moskau, zwischen Helsinki und Sarajewo. Voraussehbar oder nicht (einige bauen eben auf eine Verschärfung von Konflikten, auch wenn das manchmal aus Sicht der allgemeinen Menschlichkeit schwer vorstellbar ist). Könnte sein, dass Esten auch stur, engstirnig und so gar nicht weltläufig wirken, wenn sie sich um ihresgleichen scharen dort, wo sie leben.

Bedeutet die hervorgehoben klare Positionierung Estlands, zusammen mit Polen, Litauen, Lettland, an der Seite Georgiens auch eine innenpolitische Umorientierung? Jahrelang wurde immer von der "Brückenfunktion zu Russland" geredet. Inbegriffen alles, was den Esten an Integrationsaufgaben verschiedener Volksgruppen alles aufgebürdet wurde - mit hohen Ansprüchen an die internationale Rechtslage natürlich. Diese Positionen scheinen nun eingerissen zu sein - und zwar von beiden Seiten.
Es kann nicht so ganz beruhigen, wenn sich allgemein an Waffengewalt berauscht wird. Was wäre denn gewesen, wenn Präsident Saakaschwili seinen "internen Konflikt" in Südossetien einfach mit Waffengewalt hätte durchziehen können? Hätte jemand Beobachter gesch
ickt, die Toten gezählt, Beschwerden geschrieben, Botschafter abgezogen? Die Solidarisierung mit Georgien baut ja wohl völlig auf einer Frontstellung gegenüber Russland auf - und auf der Hoffnung auf eine internationale Solidarisierung. Diese Frontstellung gegenüber Russland ist dabei, halb Europa zu ergreifen, und muss ein kleines Land, dass direkt an der Grenze liegt, ja wohl auch erfassen. Auch wenn - oder gerade weil - noch so viele Raketen oder andere Waffen irgendwo stationiert sind.

Was soll die Welt von Estland lernen?
Es gibt ja die Auffassung, gerade bezüglich dem Umgang mit Russland müsse der Westen noch viel von den neuen, östlichen EU-M
itgliedsstaaten lernen. In punkto der estnischen Georgienbegeisterung (wer anders denkt, möge sich zu Wort melden!) bin ich mir da momentan nicht so sicher.

Auffällig ist jedoch die große Kampagnentauglichkeit mancher Ideen und Projekte auf estnischer Seite. Neben allen Auseinandersetzungen, ob nun estnische Kriegsfreiwillige nach Georgien reisen, oder um die Effektivität oder monetäre Höhe der estnischen humanitären Hilfe in Georgien gibt es immer wieder Schlagzeilen, die trotz des ernsten Themas schmunzeln lassen. Noch während der in Georgien aufgeflammten kriegerischen Auseinandersetzungen gab es Berichte, dass der Verkauf von georgischem Wein sich in Estland teilweise verdoppelt habe (speziell die Marke "Alt-Tbilisi"). Die Esten wollten damit ihre Unterstützung für Georgien ausdrücken, so berichteten einige Medien (im Unterschied zu Litauen und Lettland übrigens, aber die Letten zogen, offenbar animiert durch entsprechende Medienberichte, eine Woche später nach - siehe "Baltic Course").

Solidarische Trinker
Das Thema "georgischer Wein" geht übrigens noch weiter: die zwei britischen Journalisten
Matthew Lynn and Hugh Fraser beschreiben in ihrem Blog, es sei "schwierig, Georgien zu besuchen, und nicht diesen wundervollen Wein zu trinken". Auch das Raketenstationierungsabkommen zwischen Polen und den USA sei zwischen den beiden Außenministern Rice und Sikorski mit georgischem Wein begossen worden (Zitat aus "The Independent"). Es zieht sich also durch, das solidarische Weintrinken (und was wird wohl Kanzlerin Merkel bei ihrem Estland-Besuch morgen von Präsident Ilves kredenzt bekommen?). Keine Angst, Antialkoholiker können auch solidarisches Mineralwasser aus der Region Borjomi trinken.

Russland hatte die Einfuhr von Weinen auch schon mal verboten, weil diese angeblich "gesundheitsschädlich" seien. Aber damit waren wohl eher die illegal gepanschten Waren gemeint.
(Foto: aus der Borjomi-Werbung)
Den Esten das Singen verbieten?
Warum sollte die Wirksamkeit von konsumorientierten Aktivitäten von Estland gegen Russland eigentlich wirksamer sein als umgekehrt? Aber vielleicht kommt zumindest den Esten ihre Ausgangslage schon allzu alltäglich und gewohnt vor: die Energiepreise steigen, die Öl-Transportwege werden an ihnen vorbeigeführt, nach Osten hin ist die Grenze im Brüsseler Auftrag abzuschotten, und von Landesfläche und Einwohnerzahl her haben Esten in der Welt allein sowieso nichts auszurichten (ähnlich dem in Deutschland früher so bekanntem Spruch: "was kümmert mich, ob in China ein Sack Reis umfällt"). Nun kommt noch mit der Wirtschaftsflaute die offenbare Abhängigkeit von erstens den US-Banken und zweitens dem Weltmarkt zutage.
Was kann man tun? Estnisches Public Relation geht in die Offensive. Nun will Kulturministerin Laine Jänes ihren Landsleuten das Singen verbieten.

Nein, Mundtücher werden die Esten nicht tragen müssen. Seit der Ausrichtung des Grand Prix d'Eurovision im Jahre 2002 in Tallinn wissen sie, was ein gutes Kulturmanagement ausmacht - auch und vor allem für die Imagewerbung (für Bremer: gleichzeitig war es das Debakel von Corinna May). Die Ausrichtung der Eurovision hat damals Estland ganz sicher auf dem Weg in die Europäische Union geholfen. Also: wenn wir uns doch von der gegenwärtigen Politik Russlands bedroht fühlen (um das mal von den Beziehungen zwischen den Menschen zu unterscheiden), dann fokussieren wir uns doch mal auf diejenigen Events, die speziell für Wirtschaft und Imagewerbung gemacht sind. Olympia in Sotschi wäre das eine - aber noch zu weit weg. Schon im Mai 2009 richtet Russland den Schlagerwettbewerb der Eurovision aus. Dies könnte ja eine reine Propagandaschow Russlands werden, beeilen sich die Esten nun zu verbreiten, und kündigen die Möglichkeit an, Estland könne dem Event fernbleiben.

Die Meldung geht offenbar schnell rund um die Welt. Nur kurze Zeit später reagieren Medien in
Finnland, Belgien, Rumänien, Aserbaidshan, Österreich, Deutschland (um nur ein paar Beispiele zu nennen) und natürlich Estland selbst - um nur einige zu nennen. Ein "Boykott" sei das aber nicht, lassen sich zwei der Initiatoren - Kulturministerin Jänes und Radio- und Fernsehchef Allikmaa sorgfältig zitieren, lediglich eine "Haltungsdemonstration".

Während einige salopp sagen "na gut, endlich hat dieses Trällern mittelmäßiger Lieder ein Ende", ist die Eurovisions-Fangemeinde naturgemäßg keinesfalls begeistert. Ob es denn richtig sei, gerade die Künstler zu bestrafen, so werden etwa bei ESCTODAY zurückhaltendere Äußerungen zitiert. Auch auf den Unterschied zwischen Eurovision und Olympia wird hingewiesen: während bei Olympia die Vergabe von politischen Entscheidungen abhänge, erwirbt bei der Eurovision ja nur der Sieger des vorangegangenen Wettbewerbs für sein Land die Austragungsrechte (ebenfalls Zitat Jänes).

Kultur + Politik = Kulturpolitik?

Beistand wird gesucht und gefunden vom schon in der Sowjetzeit äußerst erfolgreichen Komponist Raimonds Pauls aus dem Nachbarland Lettland (einige auf estnischer Seite wünschen sich einen gemeinsamen Boykott aller drei baltischer Staaten). Pauls erklärt eine derartige Reaktion erstens für verfrüht und erklärt zweitens sein Mißfallen gegenüber einer Vermischung von Kultur und Politik.

Tja, aber ist nicht auch sonst das Einsetzen von Kulturschaffenden für politische Zwecke gang und gäbe? Da müssen Jongleure und Feuerschlucker auch schon mal Atomkraftwerke eröffnen, Tänzer und Musikanten bei dutzenden politischen Anlässen den Rahmen garnieren, und gerade in diesem Jahr bemüht sich Deutschland mit deutsch-estnischen Kulturveranstaltungen darum, ein allzu verschrödertes Image wieder aufzupolieren.

Jedenfalls: nun diskutieren auch die Schlagerfans über Georgien, Süd-Ossetien und Abchasien (siehe ESCTODAY, oder auch OIKOTIMES). Zu hoffen bleibt eigentlich, dass all diese fantasievollen Aktionen letztendlich nur einem Ziel dienen: der Erhaltung des Friedens. Die Menschen in Russland, oder gar diejenigen russischer Abstammung oder Sprache in Estland hätten anderes sicher nicht verdient.

Donnerstag, August 21, 2008

Öölaulupidu 19.08.08


Öölaulupidu 19.08.08
Originally uploaded by Martinlu
Das Nacht-Songfestival, ein Höhepunkt des Kultursommers in Tallinn. Unter anderem standen die Festival-Hits der letzten Jahrzehnte auf dem Programm.
Wie immer im Sängerstadion. Martinlu mit einigen Eindrücken der Veranstaltung auf seiner Fotoseite.