Sonntag, November 18, 2007

Down Town - Unterwelt Tartu II


Down Town
Originally uploaded by Flasher T
Das ist Flasher_Ts Foto der Grabungsfläche im März, im letzten Post die Situation von Juli mit den Archäologen bei der Arbeit. Tartu am Rathausplatz.

Freitag, November 16, 2007

Unterwelt Tartu


Zoo
Originally uploaded by decade_null
decade_null hat dieses Foto zwar mit "Zoo" betitelt und gerade veröffentlicht, aber es ist Alltag der Archäologen in alten Städten beim Ausgraben beobachtet zu werden. Die Aufnahme scheint im Juli gemacht worden zu sein. Und was gut zu erkennen ist, dass die Archäologen einige Meter tiefer gehen müssen, um an die ältesten Zivilisationsspuren zu kommen.
Leider habe ich im Moment keine weitergehenden Informationen zu dieser Ausgrabung bei der Hand. Aber aus dem Foto lese ich heraus, dass sie wahrscheinlich im Bereich von Mittelalterfundamenten arbeiten, die mit ihren Häuserfluchten nicht mit der "modernen" Struktur und Wegeführung übereinstimmen müssen. Das mittelalterliche Tartu wird wahrscheinlich andere Grundzüge gehabt haben. Lediglich die Jaanikirche, Reste der Stadtmauer und wenig anderes haben noch einen direkten Bezug zum Mittelalter.


Eine Übersicht:

In the old part of the town, around the Town Hall and the main building of Tartu University, underneath the pavement level there is cultural layer of 3-metre thickness.

Starting from the bottom: above the earliest traces of the prehistoric period, stratigraphy reveals layers from the Middle Ages - covered by the rubble strata of 16th and 18th century destruction.In the 13th century Tartu became the centre of the eponymous bishopric and the easternmost Hanseatic town.

Its 27,6 hectare territory was surrounded by the solid town wall and encircled by suburbs.The remains of 13th and 14th century log pavements and wooden houses are well preserved in the ground. The unearthed ground-floor constructions of 15th-16th century brick-buildings give an idea of the local merchants' way of life - and wealth.

Of the seven medieval churches and three monasteries only St John's Church, currently under reconstruction, and the majestic ruins of St Peter and Paul's on the cathedral hill, Toomemägi, have survived to this day.


3 Meter beträgt also die Kulturschicht über der man spazieren geht. Und heutzutage kaum zu glauben, es fehlen von sieben Kirchen und drei Klöstern alle, bis auf zwei Ausnahmen. Quelle.

Die Geschichte systematisch in solchen Tiefen zu untersuchen ist nicht selbstverständlich. Früher meinte man mit alten schriftlichen Dokumenten das Wesentliche erklären zu können. In Deutschland wird erst seit den 70ern die Stadtkernarchäologie ernsthaft ausgeübt. Mit der Folge, dass wir uns von einem einheitlichen Städtebild des Mittelalters verabschieden müssen. Nicht diese Fachwerkidylle der Märchenbücher. Es ist komplexer.Besonders für den ersten Höhepunkt der Städte um 1300. Für Tartu:
Rünno Vissak resümiert die letzten Jahrzehnte archäologischer Forschungen in Tartu (Estland). Analog zur Situation in Deutschland war auch in Estland vor 1980 das Interesse an Stadtkernarchäologie gering. Mittlerweile sind jedoch über 100 Fundstellen bekannt, die als Grundlagen für partielle 3D-Rekonstruktionen historischer Zustände dienen.


Die dreidimensionale Darstellung und Rekonstruktion Tartu befindet sich auf der Seite der Stadt. Hier das Quicktime-Video.

Update: decade_null hat eine wertvolle Zusatzinformation geliefert. Die Grabung hat an der Ecke Universitäts-Hauptgebäude und dem Rathausplatz stattgefunden. Im Video ist es der Bereich der Kirche in der Mitte der Stadt. Der große Platz ist auch schon im Mittelalter zu erkennen, wo der virtuelle Einstieg vom Fluß Emajogi durch die Stadttore in die Stadt beginnt.

Die Bebauung des Tartuer Rathausplatzes ist nach dem Stand von 1682 dargestellt und das äußere Bild der Marienkirche ist vom Grundriss der Kirche und den von den Ruinen angefertigten Zeichnungen abgeleitet. Aus viel früherer Zeit, wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert, stammen die Holzbauten, deren Rekonstruktion sich auf Anhaltspunkte aus erhalten gebliebenen Gebäuden stützt. Der vorliegende Videoclip hat provisorischen Charakter und gibt eine erste Vorstellung davon, was in Zukunft noch möglich ist.

Samstag, November 10, 2007

Mal für ein Semester nach Estland

Judith ist 23 und ihr chinesisches Sternzeichen ist Ratte. Aber Judith ist auch eine der deutschen Studentinnen in Estland, deren Erfahrungen per Blog öffentlich nachzulesen sind. Seit dem 3.Oktober schreibt Judith über ihre Erlebnisse als Deutsch-Tutorin, über Ausflüge, und über die Saksa Keele Oppetool.

Interessant nachzulesen sind natürlich die Vergleiche zwischen den beiden Ländern. "Als typisch deutsch wird angesehen, wenn wir vorzugsweise mit Bargeld bezahlen", schreibt Judith. In Tallinn seien Handy, Wifi-Zonen, Laptop und per SMS die Parkgebühren zahlen überall zu finden. Dementsprechend liest frau auch beim estnischen Frühstück am Laptop die neuesten Nachrichten aus Deutschland, und notiert, dass Esten an Deutschen Pünktlichkeit (was sonst!), Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit schätzen, und gelegentlich Deutsch auch vor dem Fernseher lernen. Foto: Judith und Freundinnen.

Mehr aus Judith's Blog hier

Weitere Blogs:
- Was Saloniere an Estland findet. ein Sprichwort: “Ära räägi lollust”.

- Was Seeadler in Estland findet: Biber und Nordlichter.

- Was der "50plus-Treff" findet: viele Kirchen, trotz wenig Gläubigen.

- Was der Paddelblog in Estland findet: natürlich Paddeltouren.

- was der Internationale Bauorden in Estland findet: viel Arbeit.

- Was Jakob in Estland findet: eine "gewisse russische Note", und betrunkene Finnen.

- Was der Luftsport Blog in Estland findet: einen unschlagbar billigen Fallschirmsprung.

- Was Lukas, Erasmus-Student in Tartu, in Estland findet: wunderschöne waldige Landschaft.

- Was Hausmeister Pachulke in Estland findet: zu wenig Urlaub für Arbeitnehmer.

- Was der Corporate Blogging Weblog in Estland findet: Business-Blogging.

- Was Mia, Voluteer in Viljandi, in Estland findet: ein Mädchen namens Triini, eine vom Himmel geschickte
Szilvia, und ein Tag am Meer.

- Was Zora, per YFU-Austauschjahr in
Karksi-Nuia, in Estland findet: Schlittschuhlaufen in Viljandi und wie man einen Saal voll stocksteifer Esten zum Tanzen bringt.

- Was Ulli in Estland findet: das Bahnhofsmuseum in Haapsalu, und Elchschilder auf Saaremaa.

- Was Sophie in Estland findet: Geschenke auspacken und den ersten Schnee.

- Was Christian in Estland findet: das Uni-Jubiläum in Tartu, und eine unruhige Busfahrt nach St.Petersburg.

- Was Alex in Estland findet: die drei größten Inseln an einem Tag, und die Internetevolution.

- Was Kathleen in Estland findet: ein nettes Hallenbad, die beste Schokolade, und das Leben in Haapsalu.

- Was Helene in Estland findet: eine Reggaeparty!

- Was Kaddi in Estland findet: ein Blick in die estnische Musiklandschaft.

- Was Patrick in Estland findet: ein Lasteaed und viele Kinder.

- Was Andrea in Estland findet: Viljandi-Leute, die Studentenstadt Tartu, und ein komisches Gefühl, nicht in Deutschland zu sein.

Freitag, November 09, 2007

Georgien und Estland


Georgian Restaurant
Originally uploaded by Jens-Olaf
Was verbindet beide Länder? Auf jeden Fall dieses georgische Restaurant in Tartu mit, wie mir scheint, authentischer grusinischer Küche.
Ja, es gab gegenseitige Unterstützung während der Krisen in den eigenen Ländern,so geschehen bei den Aprilunruhen in Estland oder bei der Rosen-Revolution in Georgien.
Aber ich muss gestehen, dass ich keinen tiefen Einblick in georgische Verhältnisse habe. Aber Flasher_T hat sich neben offiziellen russischen Informationsdiensten in die Tiefen des Bloganbieters LiveJournal begeben, wo viele russischsprachige Diskussionen über die Nachbarstaaten Russlands stattfinden .
Hier ist seine Analyse.
Auch gibt es eine deutschsprachige Quelle, die genauer auf die Entwicklung in Georgien eingeht und die Unterschiede zu Estland erklärt. In Eurozine von Vicken Cheterian:
Im heutigen Georgien haben wir es trotz der prowestlichen Wende und einer demokratischen Rhetorik im Grunde mit einer Reproduktion der alten Strukturen zu tun, wobei nur der institutionelle Überbau erneuert wurde.

Georgian
Und noch eins ist sicher: Die georgische Küche kann schärfer sein als es die Esten jemals wünschen wollen.

Montag, November 05, 2007

Wo liegt eigentlich Estland?

Jetzt wäre es einfach eine Anspielung auf amerikanische Geografiekenntnisse zu machen. Aber über die Schwierigkeiten andere Länder auf der Karte zu orten können die Amerikaner selbst Witze machen.
Ausserdem landet man schnell bei der Besserwisserei, wenn man europäischen Überblick herauskehren möchte. Zum Beispiel: Wer weiß wieviel Länder zu Europa gehören? Kann jeder aus dem Stand alle aufzählen? Immerhin lernen die Schüler in Amerika die eigenen Bundesstaaten, und die sind in der Anzahl mehr als Europas Staaten. Der jüngste in Europa ist Montenegro.
Lassen wir das. The Singing Revolution, eine Dokumentation über die Jahre vor 1991 hat seit dem Filmfestival in Toronto, Kanada, für einige Aufmerksamkeit gesorgt.
Vorweg die Kritik: Der Blick auf die Vergangenheit vor der Singenden Revolution bis zurück auf die drei sowjetischen und deutschen Besetzungen während des 2. Weltkrieges sei flüchtig und lückenhaft. Im Mittelpunkt steht Estland, während zwei weitere baltische Länder ebenfalls an dieser Revolution mitgewirkt haben. Es heisst, die Berücksichtigung von Lettland und Litauen hätte den Rahmen gesprengt.
Also, der Fokus ist Estland und der Film wird im Dezember in Los Angeles und New York gezeigt. "life after eesti" berichtet.
Jason Cherniak war bei der Aufführung in Toronto, wo Mart Laar der Historiker und Expremier ebenfalls anwesend war unter vielen Exilesten. Er beschreibt die Veranstaltung hier.
Eine Szene aus der Dokumentation zeigt die Schwierigkeiten der Umbruchjahre. Die pro-sowjetische Interfront war gegen die Unabhängigkeitsbewegung, und verlangte entschlosseneres Eingreifen der Zentrale in Moskau.

Es ist fraglich ob diese Dokumentation jemals im deutschsprachigen Raum eine Rolle spielen wird. Ohne die Gesamtlänge des Films gesehen zu haben, fällt es schwer ein Urteil darüber zu fällen.
Und es ist nicht die erste Dokumentation dieser Art. Und dann kommen wir doch wieder zum gesamtbaltischen Kontext. Wer damals 1991 Homeland von Juris Podnieks gesehen hat und seine Crew mit der Szene "Keep Filming", als Slapins tödlich getroffen im Schnee des Parks im Zentrum Rigas lag und Zvaigzne wenig später ebenfalls an den Verwundungen starb, der wird verstehen was ich meine, wenn es um Emotionen geht. Dieser Film war noch unmittelbar am Geschehen. Und dazu gehören Litauen, Lettland und Estland.

Aus dem gleichen Film stammen diese Szenen. Die Litauer haben die größte Last getragen, was die Bedrohung durch militärische Angriffe angeht. Hier ein weiterer Ausschnitt.
Natasha Slapins in Latvians.com:
Slapins' widow, Natasha Dushen, doesn't expect that to happen.
"I've thought endlessly about who is to blame, but in the end, I think it was the system," she said. "It created primitive people by teaching them that everything can be solved by force of arms."
"Andris once told me he would even give his life for Latvia to be free," she said. "The Soviet forces really underestimated that desire for freedom."

Mittwoch, Oktober 31, 2007

Grenz - Meditationen

Grenzen wecken schnell Emotionen, besonders wenn sie nicht leicht passiert werden können.
So war es an der deutsch-polnischen Grenze und den kilomterlangen LKW-Staus vor über 10 Jahren. Die Warteschlangen am damals engen polnisch-litauischen Übergang sind vielen Betroffenen noch in Erinnerung.
Und 1991 war vorübergehend der Übergang von Russland nach Estland dicht. Von Ivangorod nach Narva. Daraus lassen sich leicht Schlagzeilen machen:
"Nieder mit der Grenze" titelte in einem Beitrag DER SPIEGEL 52/1992 in der Serie: Die Leiden der Russen. LKWs wurden bei nicht ganz formal richtigen Papieren zurückgeschickt, die Wartedauer war lang von russischer nach estnischer Seite:

Nicht wenige in Russland äusserten ihre Angst wegen des Warenabflusses Richtung Baltikum. Das hat sich nun geändert. 2007 stauen sich die LKWs auf estnischer Seite. Und es sieht so aus als seien die Gründe ähnlich wie damals nach Polen und Litauen. An der Landesgrenze wurde erst spät investiert. Mit steigendem Gütervolumen leiden die Fahrer am meisten.
Hier das Meditationsvideo, aufgenommen von Narva bis zum Ende der Warteschlange, von Pudrumulk:

via Larko, der darauf hinweist, dass auch in Finnland die gleiche Situation herrscht. Also "normale" europäische Zustände, wie wir sie von früher kennen.

Samstag, Oktober 27, 2007

Harte Schule des Lebens

Wenn in dieser Woche der Film "Klass" ("Die Klasse") von Ilmar Raag auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck gezeigt werden, sollten sich die Besucher/innen auf einen harten Stoff gefaßt machen. Und wer bisher keinen persönlichen Kontakt zum Thema "Gewalt an Schulen" hatte, der wird nach dem Film sicher einen nachhaltigen Eindruck mit nach Hause nehmen.

Mir ging es so, dass ich vom Verlauf der Story doch etwas überrascht wurde. Gut, also dass es Außenseiter in einem Klassenverband gibt, dass diese oft gemobbt, gemieden und ungerecht behandelt werden - wer kennt das nicht. Auch Schlägereien gibt es hier und da. Ursache für Gewaltanwendung wird aber oft entweder bei "schlecht erzogenen" oder sozial benachteiligten Jugendlichen gesucht.
Hier treten aber zwei Filmhelden auf, die beide aus ihrer Abneigung zum Thema Gewalt eigentlich keinen Hehl machen. Der eine, Joosep, als Neuling in der Klasse benachteiligt, mag sich so überhaupt nicht wehren gegen die Gewalt - einen muskelstarken, aber psychisch schwachen Vater zu Hause vor Augen, der es gerne anders hätte. Dann Kaspar, der die Haltung "alle gegen einen" nicht lange mitmacht, aber durch Tricks und Hinterhältigkeiten gerade der Urheberschaft der Prügeleien angeschwärzt wird - jedenfalls gegenüber seiner ängstlichen Oma, die zu Hause abseits aller Schulrealitäten auf ihren "guten Jungen" hofft. Beide "Gewaltlosen" wandeln sich dann im Laufe des Films zu denjenigen, die das blutige Ende herbeiführen - nicht ohne einen großen Teil der Sympathien der Zuschauer mitzunehmen.

"Wie kam es dazu?" das ist ja die beliebte Frage, wenn international blutige Ereignisse in Schulen durch die Nachrichten geistern. Ilmar Raag läßt seinen Film nicht einfach mit einem simplen Schuß und einem mahnenden Zeigefinder enden. Es breitet sich ein quälendes Szenario aus, das auch den Aspekt mit beleuchtet, dass eben mit einem Schuß nicht alles zu Ende und die Erleichterung der Täter vollkommen wäre. Da gibt es Verletzte, zufällig Getroffene, aus Versehen Erschossene und am Schluß einen ratlosen Kaspar, der vor seiner schwer verletzten Freundin am Ende doch die Entschlossenheit zu nur einer einzigen Lösung verliert.

Die Menschen in Ländern, wo "die Klasse" gezeigt
wird, werden sich jeweils an die dunkelsten und blutigsten Stunden auf Schulhöfen und in Universitäten erinnert sehen. Auch der New York Times fällt natürlich das Massaker auf dem Gelände der Columbine High School ein, und für Deutschland steht zum Beispiel der Name Erfurt. Auch Diskussionsbeiträge und Blogs zum Film gibt es in estnischer Sprache einige. Darunter sind auch Beiträge, die sich dafür aussprechen den Film in die Lehrmaterialien an allen Schulen aufzunehmen.

Ilmar Raag (Foto rechts) war auch schon in vielen anderen Funktionen für den estnischen Film aktiv. Für die estnische Filmstiftung, als Direktor des Estnischen Fernsehens ETV. Nun bekam Raag ein besonderes "Ehrenzeichen" von seinem Heimatland: Estland hat "Klass" für die Oskar-Verleihung 2008 anmelden lassen. Kontakt zu Raag aufzunehmen dürfte ebenso nicht schwer sein: er pflegt seinen eigenen Blog.

"Class" bei den Nordischen Filmtagen Lübeck 2007

New York Times

Liste der für den Titel "bester ausländischer Film" (Oscar 2008) eingereichten Filme

Blogbeitrag von Thalia Kell zu "Klass" (engl.)

Ilmar Raag's Blog (estnisch)

Mittwoch, Oktober 24, 2007

Nõmme in Tallinn


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Originally uploaded by kalevkevad
Kalevkevad ein Norweger aus Stavanger, der viel Zeit in Tallinn verbringt, hat einen Rundgang durch die Hauptstadt unternommen. Und zwar durch den Stadtteil Nõmme. Eine eigenartige Mischung. Es erinnert stark an Berlin-Tegel und dort zum Beispiel an Hermsdorf. Die breiten Straßen und die Architektur. Hier ist sie etwas anders, östlicher und doch mit vielen Vergleichsbeispielen wie Anlehnungen an das Bauhaus. Hier ist die Slideshow.

Montag, Oktober 22, 2007

Reden über Estland

Geschichtsbetrachtungen aus stalinistischen Zeiten, sie kehren wieder in den Medien-Auseinandersetzungen zwischen Estland und Russland mit einem Echo in Deutschland.
Darüber handelten die letzten beiden Posts. Aber wann können wir endlich weitergehen, jenseits der Faschismusvorwürfe? Zum Beispiel: Estland sei eine Diktatur gewesen 1939. Demnach egal, ob es befreit oder besetzt wurde. Aber so können wir nie diskutieren, warum die Vapsid, der Freiheitskämpferbund, versuchten die Macht in Estland, die Regierungsmacht, zu übernehmen Mitte der 30er. Die Vapsid, die Annäherungsversuche der nationalsozialistischen Deutschen in Estland ablehnten. Präsident Päts führte dann selbst eine autoritäre Staatsführung ein, um die Vapsid, den Freiheitskämpferbund fernzuhalten.
Alles zu kompliziert, ja.
Jetzt ist 2007 und die interessantesten Diskussionen über Estland und seine Minderheiten finden in der englischsprachigen Blogosphäre statt. Flasher_T,ein russischsprachiger Este verweist auf den nun folgenden Schulbuchstreit: This Place needs a chill. Er verlinkt dort auf sein "Estland steht noch" vom Mai diesen Jahres.
Und ein Link zu Stralau-Blog "Schöner sterben am Wasser", der unsere Linkpolitik kritisiert, und der noch aus erster Hand berichten kann, aus der DDR.

Mittwoch, Oktober 17, 2007

Warum Sozialisten so erfolglos sind ...

Es wäre ja so schön gewesen: alle Menschen werden Brüder (oder Schwestern), und linke Utopien wirken so schön sympatisch. Es hat wirklich eine Berechtigung, sich Gedanken zu machen über Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten in dieser Welt, um an Verbesserungen zu arbeiten.
Wenn da nicht so ein riesiges Loch klaffen würde zwischen schönen Sprüchen und realem geistigen Vermögen der Politikerinnen und Politiker, die vorgeben, solch edles Ansinnen umsetzen zu wollen. Statt Menschen mit ihren Erfahrungen zuzuhören, reisen Politiker eben oft gerne einfach durch die Welt, engstirnig und selbstherrlich, um nach so einer Schnellkur in interkulturellen Fast-Food-Erlebnissen anschließend vor die Presse zu treten und unbedacht dahergeredeten Müll zur neuen Erkenntnis zu erklären.
Anschauliches Beispiel ist seit dieser Woche die PDS/Linke-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke.

Warum sind Sozialisten so erfolglos, und wirken so weltfremd? Die Bezeichnung "Sozialisten" wird in den baltischen Staaten angesichts einschlägiger politischer Erfahrung mit denjenigen identifiziert, die erstens 1991 den Putsch gegen Gorbatschow unterstützten, und zweitens heute meinen, die Est/innen, Lett/innen und Litauer/innen würden immer noch den früher angeblich so angenehmen Errungenschaften des Sowjetsystems nachtrauern. Der Umbruch, die Wiedererlangung der Freiheit Estlands, Lettlands und Litauens, nur ein Irrtum extremistisch veranlagter Nationalisten?
Nun gut, momentan scheinen die "Balten" fast erstarrt in fest fixiertem Glauben in eine konsumorientierte Wohlstandsgesellschaft, Zehntausende Wanderarbeiter sind inzwischen in Irland oder England, und der baltische Mainstream ist weit davon entfernt, den Fortschritt beim Ausgleich sozialer Härten anzupacken. Aber entschuldigt das eine derart politische Blindheit, die historische Fakten ignoriert, und Esten, Letten und Litauer rücksichtslos vor den Kopf stößt?

Wer ein eigenes Hausorgan wie die "Junge Welt" hat, kann es sich wohl leisten (die so schön vorgaukelt, das Organ einer jungen frischen Generation zu sein - Leserbriefe zu schreiben, wird wohl kaum etwas nützen).

So kann man eben mal frisch behaupten:

- es gäbe kein demokratisches Parteiensystem in den baltischen Staaten. Hier zitiert Frau Jelpke sogar Quellen: das Buch "Aktuelle Probleme postsozialistischer Länder. Das Beispiel Lettland", erschienen im Verlag Wilhelm Surbir, Wittenbach. Autor ist der deutsche Politikwissenschaftler Axel Reetz. Allerdings scheint Frau Jelpke das Buch - das ansonsten sehr lesenswert ist - nur als Lektüre für den Rückflug benutzt zu haben. "Postsozialistisch" - das klingt so schön nach den Nachwehen vergangener Zeiten (war das Sowjetsystem eigentlich "postfreiheitlich" oder "postdemokratisch", bezogen auf die baltischen Staaten?). Es kann nur zu einem geraten werden: fragen Sie den Autor selbst, was er tatsächlich gemeint hat, denn er spricht tatsächlich fließend Estnisch und Lettisch und analysiert die Entwicklung in den baltischen Staaten schon lange (Kontakt kann vermittelt werden).

- Frau Jelpke meint, der "breiten Masse" (die sie selbstverständlich auf ihrer politischen Geschäftskurzreise ausführlich kennengelernt hat) gehe es "schlechter als zuvor". Was ist bitte "zuvor", Frau Jelpke? Ist es nicht vielmehr so, dass in den baltischen Staaten das Sowjetsystem beinahe schon vergessen scheint, nach 17 Jahren eigenständiger und demokratischer Entwicklung? Gerade deshalb muss die Erinnerung wach gehalten werden: das "Sowjetsystem" war eben keine angenehme Alternative zur faschistischen Besatzungszeit. Wer das im Zusammenhang mit den baltischen Staaten nicht begreifen will, dem fehlen schlicht alle fünf Sinne. Man kann den baltischen Staaten vorwerfen, zu leichtgläubig gegenüber einer konsumorientierten kapitalistischen Welt daherzukommen, und mit großem Risiko (viele müssen private Kredite aufnehmen!) auf eine gemeinsame Entwicklung im demokratischen Europa zu setzen. Aber wer ihnen einfach mal so erzählen möchte, Massendeportationen, Überwachungssystem, Okkupation und zwangsweise Zugehörigkeit zum Sowjetsystem habe es nie gegeben - der muss eben einfach nur schnell wieder wegreisen. Aber wenn dann nur solche Leute als "Linke" identifiziert werden, dürfte man sich nicht einmal über "Rechtsdrall" in der baltischen Politik beklagen. Auch linke Politik kommt nicht ohne Glaubwürdigkeit aus.

- im Land herrsche Antikommunismus und Russenhass. Ein Wunschtraum der deutschen Stalinisten, dass dies gleichzusetzen wäre! Tatsache ist: wer so blöde daherkommt, wie Frau Jelpke, kann keine Sympathien ernten. Dazu kommt die gebetsmühlenartige Wiederholung der Behauptung, die Rote Armee habe "das Baltikum befreit". Wer sich nur halbwegs mit politisch linken Ideen identifiziert, wird vor so viel stalinistisch angehauchtem Blödsinn peinlich angeekelt sein. Werbung für die Linke ist das nicht.

- die Sowjetunion hat ja wohl nicht die baltischen Staaten annektiert, um sie "vor den Nazis zu schonen". Danke, würden wir da wohl lieber sagen: wir entscheiden gerne selbst! Frau Jelpke wundert sich, dass die Geschichte in den Museen der baltischen Staaten völlig anders dargestellt wird. Da kann nur empfohlen werden: noch mal hinfahren, und ein wenig mehr Lernbereitschaft und weniger ideologische Verblendung mitbringen!

- und noch eine Korrektur:
"nach der Auflösung der UdSSR durch die von Michail Gorbatschow, damals Generalsekretär der KPdSU, ins Leben gerufene Perestroika erklärten die baltischen Nationen ihre Unabhängigkeit" erklärt Frau Jelpke. Ganz falsch, Frau Oberlehrerin, und auch hier liegt der Kern dessen begraben, was zur Basis des Verständnisses der baltischen Staaten heute gehört: Estland, Lettland und Litauen stellten ihre Unabhängigkeit wieder her, die ihnen 1940 und 1945 genommen worden war. Hier handelt es sich nicht um Demokratien von Russlands Gnaden! Das ist jüngste Vergangenheit, und jeder Este, Lette und Litauer, der es mit erkämpft hat, kann das bestätigen.

- Frau Jelpke bemängelt die mangelnde Aufarbeitung von Holocaust, Judenmord und Kollaboration mit den Nazis. Eine der vielen Gedenkstätten, die daran erinnern, hat sie offensichtlich nicht besucht. Die Berichte der baltischen historischen Kommission offensichtlich auch nicht gelesen. Aber sicher, wer so offensichtlich die "einseitige Verurteilung des Stalinismus" im Baltikum beklagt - also Mord, Deportation und politischer Verfolgung das Wort redet - wird auch gerade mal besserwisserisch "fehlende Aufarbeitung" in fremden Ländern bemängeln dürfen. Herzlichen Glückwunsch, ein Bärendienst!

- Frau Jelpke bemängelt es, dass es Prüfungen zur Erlangung der Staatsbürgerschaft gibt, in deren Rahmen auch Geschichtskenntnisse abgefragt werden. Wer noch an deren Notwendigkeit zweifeln sollte, braucht ja nur Jelpkes Artikel zu lesen! Aber noch einmal: die Tatsache, dass einige Einwohner sich immer noch nicht zur Erlangung der lettischen oder estnischen Staatsbürgerschaft entscheiden mögen, heißt eben nicht, dass alle so denken wie unverbesserliche Stalinisten (oder Frau Jelpke). Im Gegenteil: Russen sprechen zunehmend Estnisch oder Lettisch im Alltag, und im Gegenzug geht das Russische nicht verloren. In Estland haben auch "Nicht-Staatsbürger" kommunales Wahlrecht, und damit mehr als in Deutschland. Frau Jelpke deutete es einfach um: das Zusammenleben "funktioniere besser, als von der Politik beabsichtigt". Na also!

- doch nun kommt es: im Rausch des Eintretens für "Migranten" plädiert Frau Jelpke sogar für die Öffnung der baltischen Arbeitsmärkte für Billiglohnkräfte aus Osteuropa! Und hier färbt die Innenpolitikerin durch und vergleicht Immigrationspolitik in Deutschland mit dem Arbeitskräftemangel in den baltischen Staaten. "Große Firmen" seien auf den Zuzug von Arbeitskräften aus Osteuropa angewiesen - ein verstecktes Plädoyer für die globalisierte Wirtschaft? Können Sie sich damit zu Hause noch sehen lassen, Frau Jelpke?

- Frau Jelpke meint Meinungsumfragen zitieren zu müssen, die "EU-Skepsis" zeigen. Tatsächlich ist das momentane Bild aber sehr indifferent: während die EU-Zustimmung der Litauer bei über 70% liegt, die der Esten moderat darunter, erweisen sich momentan nur die Letten als EU-Skeptiker. Oder wollte hier jemand unterstellen, alle Balten seien "heimlich gegen das System"? Worauf dann wieder jemand kommen könnte, um sie gegen ihren Willen zu "befreien"?

- Freund/innen hat Frau Jelpke wohl keine Freund/innen gefunden in den baltischen Staaten, nicht einmal politisch (linke). Schon die Aufzählung der kathegorisch zersplitterten Parteienlandschaft fällt offensichtlich schwer und macht schon beim lettischen Politiker Janis Jurkans halt, der inzwischen längst nicht mehr Leitfigur ist. Andere bestimmen das Bild, aber hier ein wenig mehr zu analysieren, fällt wohl schwer. Es würde kein gutes Bild abgeben für die Linke!

- als es die Sowjetunion noch gab, da "gab es das Recht auf eigene Wohnung und einen wirksamen Kündigungsschutz" (Jelpke). Selten so gelacht! Glück hat, wer diese brüchigen Wohnungsbauprojekte Ende der 80er Jahre noch erlebt hat: von zentrale Zuweisungen, endloser Bürokratie, aufgeschobenen Reparaturen, Zwangs-Kommunalkas - davon hat die "Westpflanze" Jelpke wohl noch nie etwas gehört.

Bei so viel offensichtlicher Unkenntnis fallen auch die wenigen richtig angesprochenen Schwachpunkte (z.B. Datenschutz, oder verschäfte Sicherheitspolitik) leider nicht mehr ins Gewicht.

Der bessere Verträglichkeit dieses Beitrags zugunsten wird an dieser Stelle auf eine illustrative Darstellung unserer "Heldin" oder viele Links verzichtet. Vergessen werden wir diesen Beitrag aber nicht ("Junge Welt", 17.10.07). Sollte nochmals ein/e deutsche/r Politiker/in kurzfristig eine Dienstreise in die baltischen Staaten planen, und Illusionen darüber haben, Deutsche könnte sich dort nicht blamieren: lesen Sie Jelpke!

Geschichtsmythen in Deutschland


Nearby Pronkssodur
Originally uploaded by Jens-Olaf
Sahra Wagenknecht, eine der bekanntesten Vertreterinnen der Linkspartei, hatte diese Behauptung auf ihrer Webseite:
"Mündliche Anfrage der Europaparlamentarierin Sahra Wagenknecht (Linkspartei.PDS) an die EU-Kommission bezüglich der »geplanten Zerstörung sowjetischer Denkmäler in Estland, d..."


Zerstörung schreibt sie , obwohl es um die Versetzung eines Denkmals ging.

Und Ulla Jelpke legt jetzt in Junge Welt nach. Sie "ist Mitglied der Bundestagsfraktion von »Die Linke« und deren innenpolitische Sprecherin"

"Dabei verdanken Litauen, Lettland und Estland ihre Existenz als selbständige Staaten dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk aus dem Jahr 1918 zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Sowjetrußland."


Verdanken? 1918? Den Unabhängigkeitskrieg gibt es wohl nicht und den Friedenschluss mit der Sowjetunion, die Estland auf ewig anerkannte, auch nicht.

"Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, 1939, gab es im geheimen Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrag eine Aufteilung der Interessensphären, wonach Litauen, Lettland und Estland von den Nazis verschont bleiben sollten."


Verschont? Regierungsmitglieder. Parlamentarier fast alle wichtigen Persönlichkeiten, Politik und Militär des estnischen Staates wurden festgenommen, deportiert, ermordet oder flohen rechtzeitig, bevor die Nazis kamen. Im Sommer 1941 rollten die Güterzüge mit willkürlich Verhafteten und nicht wenigen Kindern,Richtung Sibirien.

"Im August 1940 entschieden sich die Bürger der drei baltischen Staaten in Volksabstimmungen für den Anschluß an die UdSSR als sozialistische Sowjetrepubliken."


"Entschieden sich die Bürger"? Jeder, der es wissen will, kann nachlesen, dass Gegenkandidaten ausgeschlossen wurden, war da nicht auch Militär? Sowjetisches. Durch die Sowjetunion verschont? Finnland wird sich ebenfalls für den Winterkrieg bedanken oder was?


Das Foto stammt oben vom Soldatenfriedhof in Tallinn, wo jetzt in der Mitte der umstrittene Bronzene Soldat steht. Wenig daneben zum Beispiel der abgebildete Gedenkstein. Der Friedhof ist gleichzeitig einer der wichtigsten Bestattungsorte für estnische Militärangehörige.
Um bei Geschichtsklischees zu bleiben. Einer der ersten Symphonien, die ich mir als Schallplatte gekauft habe, war die Leningrader von Schostakowitsch. Zuerst wird das "friedliche" Vorkriegsleben in der Sowjetunion gezeichnet, um sich musikalisch mehr in einen Militärmarsch zu verwandeln. Der Überfall der Wehrmacht. Am Ende wird dieser Gegner auch in der Melodie besiegt. So einfach war das.
Nur 1939 waren "17 Millionen" Menschen in der Sowjetunion vermisst.
The Census Bureau had just enough time to put an announcement in Izvestia saying that 17 Million people were missing, before the census-makers themselfs were shot.

Norman Davies "Europe At War", zitiert hier Robert Conquest.

Update: Ein Zeitungsartikel aus Moskau News vom Juli 1991. So wurde berichtet,als der Zugang zu den Archiven möglich wurde. In der Sowjetunion, in Moskau: "Hand in Hand mit der Gestapo. Stalins Geheimdienst hat Hunderte Antifaschisten nach Deutschland abgeschoben." von Irina Schtscherbkowa

Montag, Oktober 15, 2007

Magnus der Film - und die künstlerische Freiheit

Magnus ist ein estnischer Film. Idee und Drehorte stammen von hier, siehe letzte Posts. Aber der Film kann nicht in allen Theatern laufen. Weil jemand sich in den Filmszenen wiedererkennt. Eine Parallele zu Maxim Biller und seinem Roman Esra. Seit 2003 ist das Verfahren in der Schwebe in Deutschland. Die FAZ berichtet regelmässig, jetzt heisst es bei Nils Minkmar:
Leider vermischen sich auch in der Debatte um Maxim Billers verbotenen Roman „Esra“ die Empfindungen über den Autor als Zeitgenossen mit der Würdigung des literarischen Gehalts des Buches. Denn der Fall „Esra“ wäre gar kein Fall, wenn dies nicht ein so gutes Buch wäre. All die anderen Bücher, die in den letzten Jahren im Zuge von solchen Persönlichkeitsrechtsprozessen bekannt wurden, hat man mehr oder weniger zu Recht vergessen. In diesem Fall liegen die Dinge völlig anders: Wer dieses Buch gelesen hat, wird es nie vergessen: Ein so von Liebesschmerz, Liebesglück und allgemeinen Liebeswirren durchdrungenes und dabei kompromisslos modernes, ja in der Zeitgenossenschaft seiner Sprache radikales Buch hat es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht gegeben. Es reicht dabei tief in die dunkelsten Ecken der Liebe und schildert virtuos die ganz leichte Alltagsoberfläche des Münchens der frühen neunziger Jahre, die sich wie Staub über das Drama legt. Biller ist es gelungen, ein Deutsch zu finden, das wie eben erzählt klingt und doch sorgsam komponiert und treffend, teuflisch suggestiv wirkt.

Das Verfassungsgericht hat endgültig gegen das Buch entschieden. Weil es "intimste Details" enthält. Bei Magnus ist das nicht der Fall, und die Geschichte ist künstlerisch verfremdet.
Kadri Kousaar hat eine Filmsprache gefunden, die auch jenseits von gewöhnlichen Alltagsbeschreibungen liegt. Nach den Cannes-Vorführungen hat es Variety.com so formuliert:
Kousaar's talent is enhanced by the good judgment of not being too timid with her creative gambles or overusing them as many first-timers do.

Montag, Oktober 08, 2007

Kadri Kõusaar II

Sie ist Jahrgang 1980, hat mit 13 Jahren angefangen journalistisch zu arbeiten, auch fürs Radio, schreibt während des Internationalen Film Festivals in Korea Kolumnen für das wichtigste estnische Wochenmagazin Eesti Ekspress, selbst von Korea aus, hat schon mehrere Bücher veröffentlicht. Aber in Busan stellt sie ihren ersten Film vor. Wahrscheinlich ist Filmemachen der nächste Schwerpunkt ihrer Projekte. Und mit ihrem Film war es die erste estnische Produktion, die in Cannes, ebenfalls in diesem Sommer, jemals als unabhängig produzierter Film aus dem immer noch recht unbekannten und nördlichen Land vorgestellt wurde.
Kousaar
"Hinter der Leinwand" bedeutet häufig so eine Szene: Die Estin, eine Filmpromoterin mit ihrer Tochter, ein Fotograf und zwei Interviewerinnen. Das sind die Pflichten, die bei einem Festival als Beteiligter absolviert werden müssen.
Kousaar II
Ausserdem ist sie eine der Wenigen, die jetzt noch schwimmen gehen in Busan. Wüßte nicht, dass noch andere Filmdirektoren das Wasser getestet haben. Außer ein paar Surfern, war nichts mehr los. In der Mitte des Fotos einer der Haupttreffpunkte des Filmfestivals, der Piff Pavilon.

Kousaar - film director
Trotzdem, Wald und Wasser und Abgeschiedenheit sind für viele Esten wichtig. Eine der wichtigsten Szenen neben dem offiziellen Programm findet hier statt, vielleicht eine Idee für zukünftige Produktionen:

Und wenn schon 10 000 km entfernt über Estland gesprochen wird. Wir haben dieselben Menschen kennengelernt und darüber berichtet, wie zum Beispiel die erwähnte "Magnetnaine" aus einem der letzten Posts.
Update: 9.10.2007
Und so sieht das Ergebnis des Interviews in der Tageszeitung Pusan Ilbo aus.
Kadri Kousaar Pusan Ilbo
Zahlenspiele: Diese Tageszeitung hat eine Auflage von 600 000. Damit dürfte sie für eine zeitlang die bekannteste Estin in dieser Gegend sein. Die größte estnische Tageszeitung hat übrigens eine Auflage von etwa 68 000. Nur mal so zum Vergleich. Und gerechterweise angemerkt, die Zahlen sagen nichts über die Qualität einer Zeitung aus. Aber wem sag ich das.
Update 11.10.2007
Der estnische Film hat einen festen Platz bei diesem Festival. Nimed Marmortahvlil zum Beispiel, oder Shop of Dreams 2005, The revolution of pigs.
Nur Magnus hat ein Problem, die Vorstellung des Films in Busan war am Dienstag.
Die kann als Erfolg verbucht werden, wichtige Tageszeitungen in Korea werden berichten, allerdings hat die Sache einen Haken. Gegen den Film “Magnus” läuft ein Verfahren in Estland. Er wurde gedreht nach einer wahren Begebenheit und obwohl Namen und alles geändert wurden, hat sich eine darin verwickelte Person wiedererkannt und persönlich bloßgestellt gefühlt. So traut sich kaum ein Kinobetreiber diesen Film aufzuführen, und man kann damit auch nichts verdienen, eine vertrackte Situation. Drei Jahre Arbeit stecken bereits in diesem Projekt

Nachtrag 25.10., hier ein Video über das Zusammenteffen einiger koreanischer Mittelstufen-Schülerinnen mit der estnischen Filmdirektorin.

Freitag, Oktober 05, 2007

Kadri Kõusaar


Kadri Kõusaar
Originally uploaded by Jens-Olaf
Ist ihr aktueller Film Magnus auf dem Index in Estland oder nicht?. Mit Jahrgang 1980 eine beachtliche Leistung. In Busan, Korea, wird der Film während des Pusan International Film Festival aufgeführt. Unter einer neuen Rubrik: Flash Forward.
Sie war der erste Newcomer der Esten überhaupt in Cannes 2007,
gegen Ende des folgenden Festivals werden Updates folgen.

Kadris Homepage.

Aus den director's notes von der Webseite "Magnusfilm":
Once I asked a famous author how does one recognize the day when one has to write the first sentence of the first novel. The author replied that when this day comes, one would just recognize it, like you'll understand when you're in love when you're in love. It really is so.
I recognized my first love, my first book and... my first film.
The idea about Father and Son grabbed me totally and wouldn't set me free. I would have liked to have my writer's idyll back: to sip tea and write on the laptop in my cosy kitchen. Now, in addition to having tea and typing on the laptop, I had to beg for money, support and advice, I had to organize, run around, explain WHY.


Und weiter:
I was lucky to meet Donal Fernandes, who was sufficiently good-willing, crazy and bold to do something what hundreds of other film buffs hadn't dared to do – to produce the first Estonian independent feature film.


Das heisst, die ersten Tage des Filmfestivals hat sie viele repraesentative Aufgaben wie Interviews und Stellungnahmen uebernommen. Die Busan Ilbo, die Tageszeitung der 4 Millionenstadt wird ebenfalls berichten. Ein seltener Fall, dass das Wort Estland fallen wird. Die Vorstellung des Films beim Festival wird mitte naechster Woche sein.

Montag, Oktober 01, 2007

Alles Junkies, die Deutschen!

Nun geht es also doch nicht ganz allein, als "Gutsherrenprojekt" zwischen Ex-Kanzler Schröder und dem "lupenreinen Demokraten" Putin angekündigt. Hat da jemand den beiden Gas-Kumpeln mit einem dicken Strich einfach mal eine Pipeline auf die Ostseekarte gemalt? Was anfangs allein als Projekt zwischen Russland und Deutschland (und den entsprechenden Energiekonzernen) angekündigt war - inzwischen müssen eine Reihe weiterer Ostseeanrainer einbezogen werden. Als Paradestück deutschen Renomées im Ostseeraum steht es jedenfalls keinesfalls mehr da.

(Foto: TAZ / DPA) Deutschland hänge "wie ein Junkie" am russischen Erdgas - diese Äußerung der estnischen Parlaments- präsidentin Ene Ergmaa meldet AFP am 30.9. (AFP / Verivox). Die TAZ geht schon einen Schritt weiter, und erklärt den Zeitplan für den Pipelinebau als ins Wanken geraten (TAZ). Anlaß ist die Weigerung Estlands zur Erlaubnis von "Voruntersuchungen" in estnischem Seegebiet: vor Estland wäre der Meeresboden flacher, und gleichzeitig tiefer gelegen. Eine Route über Finnland würde umfangreiche Sprengungen erfolgen. Letzteres würde unüberschaubare Folgen für die Fisch- und Vogelpopulationen haben, zitiert die TAZ Jorma Jantunen von der Umweltbehörde der Provinzverwaltung im finnischen Uusimaa.

Das NordStream-Konsortium selbst (an dem die russische GazProm 51%, E-ON Ruhrgas und Wintershall je 25% Anteile halten) gab am 21.August die Verlegung der Pipeline-Route nördlich der dänischen Insel Bornholm bekannt - angeblich, um noch am Meeresboden befindliche Munitionsreste aus dem 2.Weltkrieg zu umgehen. Nun ist die neue Route aber nahe den schwedischen Gewässern, und dortige Fischer geraten bereits in Aufregung.

Die Ukraine, Litauen und Polen sind gleichfalls abgeschreckt von dieser Strategie (erst Baubeginn bekannt geben, dann Einzelheiten verhandeln). Da kann auch nicht die Zusicherung deutscher Politiker trösten, man könne ja jederzeit das Gas dann aus Deutschland beziehen, denn für den Bau einer Energiebrücke zwischen Polen und Litauen ist bereits ebenfalls grünes Licht gegeben.

Schon tauchen aber auch Kostenargumente in der Diskussion auf. Der Bau der Pipeline wird immer teurer; angeblich ist der Gasbedarf niedriger, als bei Abschluß des Vertrages zwischen Putin und Schröder kalkuliert. Andererseits ist klar, dass die strikte Weigerung Estlands gegen Voruntersuchungen zur Pipeline die estnisch-russischen Beziehungen nicht verbessern helfen kann. Dem entsprechend zitiert die russischsprachige Presse auch regierungskritische Pressestimmen in Estland: da wird etwa die Ausgabe von "Eesti Päevaleht" vom 20.9. zitiert, in der die Regierungsentscheidung als "hinsichtlich der langfristigen Interessen Estlands" als "dumme und kurzsichtige Politik" kommentiert worden sei. Oder "Postimees" vom 24.9.: "Die Innenpolitik wird zunehmend von traumatischem Nationalismus, Russenhass, Populismus sowie von einem Kult apokalytischer Szenarien und Bedrohungen geprägt." Und „Pöhjarannik“ habe am 24.09. geschrieben: "Nun wird das Rohr auf der finnischen Seite verlegt (…) Estland wird sich indes in europäische Sackgasse verwandeln." (Aussagen zitiert in: RIA NOVOSTI vom 28.9.07).

Aus deutscher Sicht muss sicherlich erinnert werden, dass Estland eher als "Ölschieferjunkie" dasteht (wenn man solche Vergleiche schon bemüht), oder auch, zusammen mit den baltischen Nachbarn, als "Atom-Jünger" (in Litauen soll ein neues, teures Atomkraftwerk gebaut werden, ganz im Sinne immer wiederkehrender Lobpreisungen natürlich besser, sicherer und effektiver als alle AKWs vorher ...)

Oder erkundigen wir uns doch mal selbst, was "unser Mann bei Gazprom & Nordstream" so macht. Die Handynummer von NordStream-Manager Jens Müller ist die folgende: +41-792959608.

Sonntag, September 30, 2007

Estland und Burma

Manche in Deutschland bestehen auf den Begriff Myanmar für Burma/oder Birma. Aber das ist Ansichtssache. Basic Thinking Blog ist eine der zentralen deutschsprachigen Bloggererschaltstellen für Infos aus Burma und Reaktionen gegen den Militäreinsatz dort.
Burma ist auch in Estland ein Begriff vor allem durch diesen Mönch, vormals Karl Tõnisson, später Vend Vahindra:


Buddhism arrived in Estonia in the beginning of the 20th century with the Buddhist monk Brother Vahindra (civil name Karl Tõnisson, also known as Karlis Tennissons). Born in 1873 near Põltsamaa (Estonia), the XIII Dalai Lama designated him as the first Buddhist Archbishop of Latvia, Estonia and Lithuania. Brother Vahindra was a colourful figure who became the subject of Estonian folklore. He left Estonia in the 1930s and died a saint in 1962 in Burma.


aus Buddhism in Estonia, Estonica.org

Mehr Hintergrund zu dem rätselhaften Mönch hier von Alois Payer:
"Karlis Alexis Tennisons wurde 1873 im Gouvernment Wilna als Sohn katholischer Eltern geboren. Er war Litauer von Geburt (das kleine 3-Millionen-Volk der Litauer bekennt sich fast vollzählig zum römisch-katholischen Glauben) und war als junger Mann zur buddhistischen Lehre gestoßen. Er sammelte in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine kleine Gemeinde von Landsleuten um sich, denen er die Lehre Buddhas lehrte. Bald stießen auch einige Livländer, Esten, Russen und Polen zu dieser Gemeinschaft. Einer der engsten Mitarbeiter Tennissons wurde ein Deutsch-Balte, Friedrich von [richtig: Voldemar] Lustig. Es war die erste buddhistische Gemeinde weißer Rasse auf europäischem Boden. Nicht Deutsche, Engländer oder Franzosen gründeten die erste buddhistische Gemeinde in Europa, sondern Litauer. (Im Jahre 1956 entdeckten europäische Buddhisten im thailändischen Dschungel eine alte buddhistische Nonne. sie war Litauerin und eine Schülerin von Karlis Alexis Tennissons.)

Inzwischen war Tennissons vom 13. Dalai-Lama zum Buddhistischen Erzbischof von Litauen, Estland und Lettland ernannt worden. Er leitete und beaufsichtigte den Bau des Tempels [in Petersburg 1907], segnete -- wie er später zu seiner Rechtfertigung schrieb -- jeden Stein und sah sein Werk langsam wachsen. Die feierliche Einweihung das Petersburger Buddhistentempels fand 1915, mitten im Ersten Weltkrieg statt. Der Tempel von Petersburg ist der erste uns bekannte buddhistische Sakralbau auf europäischem Boden. 1917 wurde der Tempel von Rotgardisten geplündert und geschlossen. Einige Jahre später wurde er wiedergeöffnet, freilich nicht als Sakralstätte, sondern als Labor ...

Noch mehr Fotos bei Wikipedia: Buddhism in Estonia.
Sollte jemand Probleme mit der Swatiska, dem "Hakenkreuz" im Photo haben, es ist eines der zentralen Symbole des Buddhismus.

Samstag, September 22, 2007

Staatenlose in Estland

Eine Agenturmeldung macht die Runde - wieder wird Estland kritisiert. Die Quote der Staatenlosen in Estland, die jährlich die estnische Staatsbürgerschaft erhält, sei zu gering. Die letzten der noch über 100 000 Staatenlosen würden bei der jetzigen Anzahl erst in 20 Jahren eingebürgert.
Der Vorwurf stammt von Rene Van der Linden:
"We cannot accept in Europe, in so many countries, member states with so many stateless people," the president of the Council of Europe's Parliamentary Assembly, Rene Van der Linden, told a news conference.
He said Estonia's programme of granting citizenship meant between 5,000 and 7,000 new citizens were created each year.
"I expressed my concerns on this situation and I hope sincerely that the government will push this forward because if you have 100,000 or more stateless persons and it takes 5,000 a year, that means it takes 20 years," he added.


Bei den Vorwürfen wird häufig der Begriff Russen benutzt. Aber passen die Staatenlosen in Estland in eine Kategorie?
Sergej Magaj passt jedenfalls nicht in ein vorgefertigtes Schema. Der neueste Stand 2007: Er strebt nicht mehr die estnische Staatsbürgerschaft an, ein Sohn von ihm hat in den USA Fuß gefasst. Magajs Restaurant in Tallinn bleibt sein Lebensmittelpunkt. Er hatte vor kurzem einen Schlaganfall erlitten und musste deshalb Geschäftsideen in Rußland, vor allem in Moskau, aufgeben. Er steht den Auseinandersetzungen um den Bronzenen Soldaten so fern, dass er meinte, die Esten hätten die Randale in Tallinn verursacht im vergangenen April. Auch er hatte Angst um sein Geschäft, dass es geplündert oder zerstört werden könnte. 1994 habe ich ihn das erste Mal getroffen. Grundsätzlich hat sich nicht viel geändert in dem Restaurant Ariran in Tallinn, nur die Fotos sind aktuell.
Sergej Magaj
Tallinn Ariran
Juni 1994, InfoBlatt Baltische Staaten 2/94
Als Koreaner in Estland
Das Restaurant Ariran des Sergej Magaj in Tallinn
Esten und Russen sind die beiden stärksten Bevölkerungsgruppen der Hauptstadt Estlands. Unter ihnen leben aber auch Zuwanderer und Nachkommen anderer Völker und Nationen, wie z.B. die kleine Gemeinde der Koreaner, die kaum mehr als 200 Personen umfaßt. Haupttreffpunkt der Koreaner in Tallinn ist das Restaurant Ariran, unter dessen Dach sich auch das estnisch-koreanische Kulturzentrum befindet.
Tallinn
Das Ariran gehört zu den ethnischen Restaurants, die in den letzten Jahren mit der beginnenden Privatisierungswelle eröffnet wurden. Bekannt unter ihnen sind vor allem das Maharaja (Indisch) und das Ai Sha Ni Ya (Chinesisch).
Ariran ist koreanisch und gleichzeitig der Titel eines bedeutenden Volksliedes der Halbinsel zwischen China und Japan. Im weitesten Sinn ist Ariran Ausdruck für Freude und Not der einfachen Menschen Koreas, das bis vor wenigen Jahrzehnten überwiegend von Kleinbauern bewohnt war. Gesang hat für die Koreaner einen ähnlich hohen Stellenwert wie für die baltischen Nationen.
Das Lied entwickelte sich während der letzten großen Dynastie zu einem Symbol der koreanischen Identität, das in unzähligen Variationen gesungen werden kann. Das jahrhundertelange Regierungssystem der Yi-Dynastie wurde erst vor dem Ersten Weltkrieg ausgelöscht.
Der Inhaber des Ariran, Sergej Magaj, trägt einen russischen Namen. Aber eigentlich hieß sein Vater Ma. Das ist ein Name mit chinesischer Herkunft, der auch in Korea verbreitet ist. Der Vater stammte aus der Hafenstadt Pusan und wurde im Laufe des zweiten Weltkriegs in die japanische Armee zwangsrekrutiert. Das Kriegsgeschehen verschlug ihn auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion.
Später lebte er in der Sowjetrepublik Usbekistan, wohin zehntausende seiner Landsleute aus den chinesisch-russischen Grenzgebieten deportiert worden waren. Es war die Zeit der großen Umsiedlungen, die der Despot Stalin in den vierziger Jahren angeordnet hatte.
Der Vater heiratete eine Russin. Er verlor seinen ursprünglichen Familiennamen. Von jetzt an hieß er nicht mehr Ma sondern Magaj. Bis auf die Familien Kim wurden die meisten Koreaner umbenannt.
Ein Teil der Koreaner ging anschließend ganz in der Gesellschaft der russischen Bevölkerung auf. Andere wiederum versuchten alte Traditionen und die Muttersprache mit der dazugehörigen Schrift am Leben zu erhalten. Ein schweres Unterfangen, da ein entsprechendes Schulsystem und kulturelle Einrichtungen nicht zur Verfügung standen. In Usbekistan konnten Magajs Söhne, darunter Sergej, wenigstens in den ersten Schuljahren die koreanische Schrift und Sprache erlernen.
Tallinn Ariran
Vor über zwanzig Jahren entschied sich Sergej, nach Estland zu gehen, wo er eine Stelle in Tallinns Hafen bekam. Das sowjetische System empfand er im Baltikum weniger bedrückend als in seinem Geburtsland Usbekistan. Sein Vater hatte ihm stets erklärt, daß der Sozialismus nicht für Menschen geschaffen sei. Die ablehnende Haltung gegenüber diese Gesellschaftsordnung gab er an den Sohn weiter. Dazu kamen die Seitenhiebe und Demütigungen einiger Russen, die gerne herablassende Bemerkungen über die "kleinen" Koreaner machten.
In einer Moskauer Metrostation hatte er darüber einmal seine Zurückhaltung verloren und vor aller Öffentlichkeit zwei vorlaut arrogante Passanten aufgemischt. Als die Umwälzungen in Estland Ende der Achtziger stattfanden, und sich die Sowjetunion allmählich auflöste, nutzte er die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen.
Sein Hauptinteresse galt dem Aufbau eines koreanischen Restaurants. In der Telliskivi, einer Straße hinter dem Hauptbahnhof, fand er ein altes einstöckiges Holzhaus, das zum großen teil schon zerfallen war. Bei der Stadtregierung erhielt er eine Baugenehmigung, die er für die gründliche Renovierung des Hauses benötigte. Ein eingetragener Besitzer konnte nicht ausfindig gemacht werden.
Etwa 60 000 Dollar investierte er in den Wiederaufbau. Das Gebäude bekam einen gelbbraunen Anstrich und einen neuen Hof. Das Erdgeschoss wurde für die Gäste und die Küche eingerichtet. Neben koreanischen werden hier auch zentralasiatische Gerichte angeboten. Einer der Stammkunden ist der koreanische Botschafter in Helsinki. Ansonsten sind die Kunden russischer Abstammung.
Tallinn Gimchi-chigae
Das Restaurant gehört zum guten Standard in Tallinn; der Innenraum ist mit koreanischer Dekoration ausgestattet.
Zenzen viin
Auf Verlangen erhält der Gast sogar Eßstäbchen - und so lange der Chef anwesend ist, wird im Hintergrund anstelle der obligatorischen Popmusik auch Volkstümliches aus Korea gespielt. Das Personal besteht nämlich aus Russen und Koreanern zugleich; Umgangssprache ist dagegen ausschließlich Russisch. Möglicherweise eine Ursache dafür, dass Esten selten unter den Gästen zu finden sind.
Als das Restaurant vor drei Jahren fertiggestellt war, meldete sich doch noch ein Besitzer, der jetzt da gesamte Haus zurückerhalten möchte. Die neue Stadtregierung erkennt die Verträge, die Sergej Magaj in sowjetischer Zeit abgeschlossen hatte, nun nicht mehr an. Die Eigentumsfrage ist dadurch wieder völlig offen. Der Ärger über den angeblichen Eigentümer ist umso größer, als dieser selbst in Tallinn wohnt und in der Zwischenzeit gesehen haben mußte, daß das Haus renoviert wurde.
Für Sergej Magaj steht fest: Er möchte estnischer Staatsbürger werden. Falls seine Sprachkenntnisse für den Anerkennungstest noch nicht ausreichend genug sein sollten, hofft er auf die Fürsprache seiner estnischen Freunde. Dann kann er endlich seinen roten sowjetischen gegen einen blauen estnischen Pass eintauschen. Die Alternative russische Staatsangehörigkeit kommt für ihn nicht in Frage. Außer der Sprache hat er keine besondere Bindung an Rußland. Zur russischen Kultur hält er bewußt Abstand: z.B. hat er in seinem Haus Platz für eine Buddha-Statue freigehalten, obwohl er wie viele in der ehemaligen Sowjetunion nicht sonderlich religiös ist. Er benötigt den Buddha eher als Gegengewicht zu den russisch-orthodoxen Reliquien seiner Ehefrau.
Das Obergeschoß des Ariran beherbergt neben Büroräumen und einem Gästezimmer das estnisch-Koreanische Kulturzentrum (EESTI-KOREALASTE KULTUURiÜHING). Vielleicht werden von hier aus bald neue Geschäftsverbindungen mit Südkorea geknüpft, denn der Handel ist das nächste Projekt des Sergej Magaj, der übrigens noch mehrere Gaststätten unterhält und einen Teil der benötigten Lebensmittel selber produzieren läßt.
Das Kulturzentrum ist vor allem Treffpunkt der alten Koreaner, die in dem Gemeinschaftsraum wichtige Familien- und Behördenangelegenheiten besprechen. Enge Verwandtschaftsbande sind nämlich eine der Hauptstützen der koreanischen Gesellschaft.
Bis jetzt existiert das Zentrum aber nur vom Geld und dem Enthusiasmus des Inhabers und ist deshalb nur sehr spartanisch eingerichtet. Auf einem Schrank stehen die südkoreanische und estnische Fahne nebeneinander. Eine große Hoffnung ist, wenn hier die Voraussetzungen für einen unterricht in koreanischer Sprache geschaffen werden könnten. Es ist nämlich zu befürchten, daß die junge Generation der Koreaner ohne Unterstützung von außen zwischen Esten und Russen endgültig verschwinden wird.

Nachtrag 2007: Das genannte Kulturzentrum kann aus gesundheitlichen Gründen Magajs nicht mehr weitergeführt werden. Ein Teil der (koreanisch-russischen) Jugend ist bereits ins Ausland und Übersee gegangen.

Montag, September 17, 2007

Bornholm - Estland und die Befreiung durch die Sowjetarmee

Das alles liest sich anders durch die dänische Erfahrung der Besetzung bis Frühjahr 1946.
Bornholm atter frit

Man oplevede russernes sidste dage på Bornholm, dansen og musikken på kajen, og lastning af den sidste russiske damper.

Den 5. april 1946 var alt klart til afgang - og til en bornholmsk fest- og mindedag - en dag, der i historien korn til at stå som dagen for Bornholms befrielse.


Und ehrlich gesagt habe ich kaum Lust, das zu übersetzen. Es heisst dort "Befrielse", also Befreiung von den Sowjets.
Wer diesen Blog regelmäßig liest, weiß, dass oft auf Giustino verwiesen wird. Er hat eine Zeit lang in Dänemark verbracht, bevor er sich in Estland niedergelassen hat. Sein Blog dreht sich vor allem um die Gegensätze zwischen Russland und Estland. Welche Rolle spielt nun Dänemark darin? Ganz einfach. Sie haben auf Bornholm eine sowjetische Besetzung bis ins Frühjahr 1946 erlebt, und Gedenken dem Abzug als BEFREIUNG. Ein unbekannter und interessanter Aspekt der jüngeren Ostseehistorie. Anmerkung vom mir: Obwohl indirekt deutsche Geschichte betreffend, gehen die deutschsprachigen Quellen im Internet gegen Null. Hier Giustinos Post.
Ach ja, vergessen. Die Dänen waren unter den Ersten, die Estland wieder diplomatisch anerkannt haben, 1991.

Sonntag, September 16, 2007

Erasmus-Studenten in Tartu

Schade. Ein Zitat aus einem der Blogs der Neuankömmlinge in Tartu. Erasmus-Studenten aus Deutschland und Europa. Neben den üblichen ersten Eindrücken, Altstadt Tallinn, oder Szenen aus dem Pulverkeller in Tartu:
Pulverkeller
leider auch das:

An den darauffolgenden Tagen ist nicht so viel passiert, wir hatten Uni, vor allem den estnischen Sprachkurs. Der ist drei mal in der Woche für zwei Stunden. Viele machen stattdessen den Russischkurs, denn Estnisch würden doch nur 1,2 Millionen Leute sprechen. Ich finde aber schon, dass es sinnvoll ist, die Sprache des Landes, in dem man gerade lebt, ansatzweise zu sprechen.


Erasmus in Tartu WS 2007/08 und die Blogroll mit weiteren bloggenden Studenten in Tartu.

Samstag, September 15, 2007

Tallinn - ausserhalb der Altstadt


The Patarei prison in Tallinn
Originally uploaded by kalevkevad
Das Internet, die Fotoseiten mit Thema Estland sind randvoll mit Aufnahmen der Altstadt Tallinns. Unterstadt vom Domberg, Türme und vielleicht noch Pirita. Und dann wieder alles von vorne. Ich behaupte, dass das Bild Estlands durch die wiederkehrenden Motive des mittlelalterlichen Hauptstadtkerns mehr geprägt ist als Paris und Frankreich durch den Eifelturm.
Ein paar Schritte ausserhalb der Stadtmauern gibt es zwar immer noch gängige Touristenmotive, aber jede Abwechslung tut gut. Kalevkevad, hier auf unserem Blog schon öfter zitiert, war wieder unterwegs: Diesmal zum alten Gefängniskomplex Patarei, der Link führt zur automatischen Diashow.
Eines der großen aktuellen Gefängnisse liegt in Tartu, wo viele der Festgenommenen der Aprilunruhen untergebracht wurden. Infos zu Tartu und der Größenordnung aus der Seite des Justizministeriums:
There are 479 chambers and one chamber is ca 10 m2. The number of detained persons is 925 (as of 01.01.2005), incl. 550 detainees and 375 custodials. There are 361 job positions in the Tartu Prison with 269 positions belonging to prison officials.
Security is provided by 200 video cameras, assault emergency systems for the staff protection and special surveillance systems to protect the prison's almost a kilometer-long outer border.
Close to 100 detainees receive education from the Tartu Adult Gymnasium and the Tartu Vocational Education Center.


Foto: www.einst.ee

Donnerstag, September 13, 2007

Geomanten, Wünschelrutengänger und Schamanen


Wer sich längere Zeit in Estland aufhält, wird irgendwann auch mit diesen Dingen konfrontiert. Es gibt Leute, die schlechte und gute "Energieströme" unterscheiden können. Menschen in der Nachbarschaft, die mit dubiosen Methoden therapieren, so wie es Giustino, einem englischsprachigen Blogger aus Tartu, ergangen ist. In seinem Post, Nõid hat er aufgerufen ähnliche Erlebnisse zu schildern. Drei habe ich beigetragen: Von einer Familie in Voru, die meinte über schädlichen Wasseradern zu wohnen, einer Schamanin, die mittlerweile als Magnetnaine (Magnetfrau) bekannt ist und einem Esten, der in einem norddeutschen Megalithgrab, auf den großen Steinen, eine Stelle fand, wo die Energie besonders gut übertragen wird. So meinte er. Andere Kommentare bestätigen ähnliche Erlebnisse. Mir fällt noch die Geschichte zu Kalevipoeg, der Großskulptur, in der Nähe Tallinns ein. Ein Este war überzeugt, dass sie in Kriegszeiten zerstört wurde, um so indirekt die Widerstandskraft im Lande zu schwächen.
Manchmal werden diese Vorstellungen auch in Kunst umgesetzt. Rita Värnik, die "Magnetnaine" hat vor über 15 Jahren begonnen, zunächst nur mit einfachen Filzstiften, ihre Visionen umsusetzen. Mag jeder sich seine eigene Meinung dazu bilden:

Mittwoch, September 12, 2007

EESTI-Männer in Trainingsanzügen

Todesfelde - ein kleiner Ort inmitten von Schleswig-Holstein. Nicht weit von Bad Segeberg gelegen. Sportlich gesehen, verlor der Verbandsligist TV Todesfelde Ende August gegen den SV Henstedt-Rhen ein Pokalspiel mit 0:1. Die Lokalzeitung titelte: "SV Todenfelde verlor Prestigeduell".

Nun versuchen engagierte Fußballtrainer dort das Prestige von anderen aufzumöbeln: der Nationalmannschaft der estnischen Fußballjugend (U19). "Junge Männer mit EESTI auf den Trainingsanzügen geben im Raum Bad Segeberg Rätsel auf", ist in den "Lübecker Nachrichten" zu lesen.
In einem Haus des Landesjugendrings untergebracht, werden die Esten seit Anfang 2007 betreut vom Deutschen Frank Bernhard, davor Coach bei der 2.Mannschaft vom FC St.Pauli. Momentan ist ein einwöchiges Trainingslager angesetzt. „Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, bevor uns das einwöchige Camp genehmigt wurde“, erzählt Bernhard der heimatlichen Presse. Klar, wer wird in Estland ausgerechnet auf eine ruhmreiche Zukunft als Fußballmacht hoffen? Der deutsche Übungsleiter meint: "Die Spitzenklubs dort haben Regionalligaformat."


Vielleicht können sich ja die estnischen Nachwuchsfußballer am Ursprung des Namens ihres Gastgeberorts orientieren. Todesfelde-online schreibt: "
Die ursprüngliche Ortsbezeichnung war "Odesfelde". Diese wurde mit der Präposition to im Laufe der Zeit versehen. Od(d)e ist ein alter Personenname, so dass man Todesfelde mit "zum Felde des Ode" übersetzen kann."

Oder vielleicht so: eine Ode auf zukünftige Fußball-Siege!


Mehr Infos dazu:

Bericht bei "nordklick"

Bericht "SportNord Aktuell"

Pressemitteilung "Eesti Jalgpalli Liit" zu Frank Bernhard

Diskussion zum Thema estnischer Fußball bei "Soccernet.ee"

Montag, September 10, 2007

Vor zwanzig Jahren in Estland

Estland wird erstmals Thema westlicher Nachrichten 1987. Noch vier Jahre wird die Sowjetunion existieren, dann ist Schluss. Ein erster Spiegelartikel aus der noch unbekannten Region. Auch danach wird es noch Monate und Jahre dauern, bis regelmäßig berichtet wird.
Spiegel 17/1987 "Mit Rock gegen Streik"
Zwangseinsatz estnischer Reservisten in Tschernobyl

In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1986 ergingen in Estland Einberufungen von 4000 Reservisten zu zweimonatigen Militärübungen. ...
Die Ärzte, sagt Kippar, mußten reihenweise Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen aus dem Umkreis von 30 Kilometern um den Katastrophenort vornehmen. Die Traktor- und Lkw-Fahrer hatten radioaktiv verseuchten Boden abzutransportieren- oft nur mit Schaufeln oder sogar den nackten Händen. ...

Über"explosive Stimmung", "Erhebung oder Streik" berichtete im August 1986 die estnische Partei-Jugendzeitung "Noorte Hääl". Am Manuskript des Autors Tonis Avikson hatte die Zensurbehörde 42 Änderungen verlangt. Avikson wurde ins ZK der KP Estlands zitiert. Da er mit den Änderungen nicht einverstanden war, drohte man ihm, ihn selbst nach Tschernobyl zu schicken. Der Journalist verfaßte eine vier Seiten lange Selbstkritik.
Zwölf der Streikenden wurden zum Tode verurteilt. Im Juli erhielt der Ingenieur Gunnnar Hagelberg, Reserveleutnant bei den Fallschirmjägern, seine Einberufung nach Tschernobyl, wo man ihm zehn Soldaten mit dem Befehl zuteilte, auf Arbeitsverweigerer zu schießen. Im August kehrte er strahlenkrank nach Estland zurück; er starb zwei Wochen später.


Glückliche Gorbi Zeit, böse Esten. Kann mir den sarkastischen Seitenhieb nicht verkneifen. Das waren Zeiten vor dem Internet.

Dienstag, September 04, 2007

Öl im Schauspielhaus

Estnisches Theater zu Gast in Deutschland - ein seltenes Erlebnis! Im Rahmen der Reihe "Projektion Europa" bestand ganze zwei Abende die Möglichkeit, das Stück "NAFTA!" des jungen estnischen Theater NO99 aus Tallinn in Hamburg zu erleben - in einer deutschen Erstaufführung, und in aller Einzigartigkeit.

Ich weiß nicht, was deutsche Theaterkritiker gedacht haben - Estland-Freund/innen waren vereinzelt anzutreffen, aber im wesentlichen wird das
Hamburger Publikum von dem Stichwort "estnisches Theater" wohl eher überrascht worden sein. "Wir sind hier zu diesem Projekt eingeladen worden - beworben haben wir uns nicht", erzählt Tiit Ojasoo, Regisseur von "Nafta!", im Gespräch. Besonders das junge Publikum in Tallinn sei begeistert von dem Stück, so erzählt er, während die estnische Theaterkritik zurückhaltend reagiere.

Und wie wird so ein Stück für Deutsche verständlich? Gut, ein Stück Vorwissen kann schon nicht schaden. Über Estlands Ölschieferförderung zum Beispiel ("Nafta" = Oil = Öl), über die estnischen Neureichen und das so gegensätzliche lauschige Landleben, über Skandale in der Wirtschaft und die vergänglichen Sprüche in der Politik.
Aber glücklicherweise gibt es auch (inzwischen?) Ähnliches zwischen Estland und Westeuropa: die Internet- und Multimedia-Begeisterung der Esten ist ja fast schon Allgemeingut. So filmen also die Schauspieler/innen (
Mirtel Pohla, Jaak Prints, Gert Raudsep, Kristjan Sarv, Tambet Tuisk) sich selbst während ihres Spiels, ob nun eingesperrt in einer Kiste, oder indem sie einfach rausrennen auf die belebten Hamburger Straßen und dort für ein paar Minuten den Augen des Publikums entschwinden.

Das Theaterstück kommt über die Zuschauer, wie der gesellschaftliche Wechsel über Estland kam: mal schrill, laut, die Botschaften der Konsumwelt ausrufend, mal leise, wie ins Selbstgespräch versunken. Selbstgespräche, die allerdings (nämlich öffentlich laut lamentierend) wohl kein Este im wahren Leben so praktizieren würde. Also: Laut ausgesprochen, was Esten denken?
Aber nicht nur das: während die übersetzten Textzeilen über das an beiden Seiten der Bühne sitzende Publikum hinwegflimmern, rasante Rollenwechel der Akteure inklusive, führen die Schauspieler auch Szenen aus dem inzwischen gemeinsamen virtuellen Europa vor. Auch das Publikum wird einbezogen, und hier wechselt die Kommunikation ins Englische: "Sind Sie Deutscher? Haben Sie einen Kredit?" Die Angesprochenen ahnen, dass Leben in Estland vieles nur auf Kredit bekommen bedeuten könnte.
Und standardisierte Fernsehshows gibt es auch in Estland inzwischen zur Genüge, vom "Superstar", der angeblich gesucht wird, bis zu den bekannten Quizsendungen. "Makaber" nennt die bisher wohl einzige verfügbare Online-Theaterkritik bei "Nachtkritik" dieses Stilmittel. Aber makaber kann wohl auch die estnische (Fernseh-)wirklichkeit wirken, angesichts den wirklichen Problemen des Lebens ...

"NAFTA ist nicht unser neuestes Stück," erzählt Tiit Ojasoo. "Es ist schon anderthalb Jahre alt, und das ist in Estland eine lange Zeit. Jetzt führen wir gerade ein Stück mit dem Titel 'heisse estnische Jungs" auf (Titel: "ГЭП"), und hier thematisieren wir den Bevölkerungsrückgang, der für unser kleines Land existenzbedrohend wirkt." Ojasoo bejaht natürlich die Frage, ob im Falle weiterer Anfragen auch dieses Stück in Deutschland aufgeführt werden könnte: "Na klar!".


Und übrigens: ein Wort haben auch die deutschen Zuschauer von dieser estnischen Aufführung behalten. "JUHUIA" - "das ruft die Stewadess beim Flugzeugabsturz", so NO99. Erzwungenes Wohlbefinden, Fröhlichkeitsoffensive derer, die meinen, alles gehe schon so weiter wie bisher. konsumorientiert und sorgenfrei. Wenn NO99 für das junge Estland spricht - dann besteht vielleícht dennoch noch Hoffnung.

(Foto: Tiit Ojasoo und Eero Epner in Hamburg)

Mehr Info zum Thema:

Infoseite NO99 zu "NAFTA!"

Info der Kulturstiftung des Bundes zu "Projektion Europa"

Infoseite Schauspielhaus Hamburg

Info Andrea Tietz Theaterproduktionen

"Nachtkritik" zum Stück "Nafta!"

Eero Epner im POSTIMEES-Interview (zur Aufführung in Hamburg) - estnisch

Montag, September 03, 2007

Osaka WM - Nachbetrachtung


Valga athletics
Originally uploaded by Jens-Olaf
Leichtathletik war einmal ein Sport, der in Deutschland so populär war, dass in Hannover die nationalen Meisterschaften vor ausverkauftem Stadion stattfanden. Jeder kannte den schnellsten Sprinter und die schnellste Sprinterin. Das war in den 50ern und gilt auch für die 60er und 70er. Seitdem geht etwas schief mit der Leichtathletik. Einmal war die Erwartungshaltung riesig bei Meisterschaften. Die Medien, alle unsere "kompetenten" Sportreporter besonders vom Fernsehen, forderten Medallien. Obwohl jedem, der es wissen wollte, klar war, dass dafür gedopt wurde bis die Sinne schwinden. Gesundspritzen in Freiburg, in Westdeutschland, das war angesagt. Selbst Provinzsportler aus Norddeutschland sind in den 80ern zu einem Sportmedizin-Guru gepilgert, um sich die berüchtigten"Coctails" verpassen zu lassen. Was da wohl drin war? Auf der anderen Seite: die Masse der Leistungsleichtathleten trainiert 4 bis 6 Mal die Woche für 'ne Randnotiz in den Regionalmedien.
Dat lohnt sich nicht.
Das stimmt hinten und vorne nicht. Und das ist die Chance für kleine Länder. Überall kann Leichtathletik betrieben werden. Die nationalen Spitzensportler sind bekannt und man ist dankbar für jeden respektablen Platz. In Estland läuft das recht optimal. Gute Infrastruktur, selbst Valga hat eine gute Kunstoffanlage. Sponsoren und staatliche Förderung für den Leistungssport und die alten Trainerkenntnisse und Trainingsdisziplin aus Sowjetzeiten plus moderner Entwicklungen, die aufgegriffen werden. So streichen sich die baltischen Staaten regelmäßig einen Teil der vordersten Plätze bei Meisterschaften ein, obwohl die Bevölkerungszahl dagegen spricht.
Leichtathletik ist zu der internationalsten Sportart geworden. Wo werden so viele Medallien bei Weltmeisterschaften an so viele Länder verteilt? Und Estland ist regelmäßig dabei.