Sonntag, Dezember 13, 2020

Denk ich an Deutsche, wird mir Nacht ...

Ein Roman von Ungern-Sternberg - nein, kein Stück Literatur. Eher ein Stichwort für Spezialisten. Vielleicht müssen da erst einmal die "basics" erklärt werden: Ungern-Sternberg = deutschbaltisches Adelsgeschlecht. Zunächst "von Ungern", ab 1593 mit dem Zusatz "Sternberg". Eine Sippe voller Mythen und Geschichten, eine davon war einmal, sie kämen "aus dem Lande der Ungern". Unter den heute bekannten Persönlichkeiten sind unter anderem die Journalistin Christina von Ungern-Sternberg, oder der Diplomat Michael Freiherr von Ungern-Sternberg die öffentlich sichtbarsten Figuren. Vielleicht auch noch der Historiker Jürgen von Ungern-Sternberg. Aber "Roman" taucht erst kürzlich wieder in den Schlagzeilen auf - in der estnischen Presse (err). 45.000 Euro will die estnische Regierung für ein Denkmal bereitstellen. Da gilt es herauszufinden, welche Art Gedenken hier gemeint sein könnte.  
 
Als Kommandeur einer Teilgruppe der Weißen Armee, die im Russischen Bürgerkrieg (1918-22) gegen die Bolschewiki kämpften, besetzte "Roman" Anfang 1921 die Äußere Mongolei, woraufhin er vom Bogd Khan den Titel eines "Khan der Mongolei" verliehen bekam. Nach etwa sechs Monaten wurden seine Truppen von der Roten Armee zerschlagen. Ungern-Sternberg selbst wurde gefangen genommen - von seinen eigenen Leuten an die Rote Armee ausgeliefert - und nach kurzer Zeit hingerichtet.

Geschichten über seine Person werden demzufolge auch in der Mongolei diskutiert: früher mordender Antikommunist, neuerdings eher Bekämpfer der chinesischen Herrschaft? Starke Mythenbildung rund um seine Person - meint auch Mongolei online. Aber, wir lesen dort auch von unverhohlener Brutlalität seines Vorgehens. Der russische Schriftsteller Leonid Jusefowitsch bezeichnet Roman von Ungern-Sternberg als "Ideologen der Brutalität". 

Als Nikolaus Robert Maximilian am 10. Januar 1886 geboren, nannte sich der Sohn von Baronness Sophie von Wimpffen und ihres Mannes Baron Leonhard von Ungern-Sternberg später "Nikolai Roman Fjodorowitsch". Nachdem sich die Eltern scheiden ließen, blieb der Sohn bei der Mutter, und lebte nach deren zweiter Ehe mit Baron Hoyningen-Huene auf desse Gut Järvakanki (Järwakand). Schon als Schüler des Nikolaus-Gymnasiums Tallinn (damals Reval) soll er bekannt dafür gewesen sein, niemals irgendwelche Regeln zu akzeptieren: regelmäßig Schulbücher aus dem Fenster zu werfen, um dann, vorbei an seinen hilflosen Lehrern, den Büchern nachzurennen und nicht wieder zurück zu kommen, war da noch eine der harmlosesten Marotten (Wimpfen-Geschichte). Sein Stiefvater erbat dann seine Aufnahme in die Marineakademie St.Petersburg, wo er ebenfalls durch endlose Disziplinlosigkeiten auffiel. Er meldete sich dann freiwillig zur Russischen Armee (James Palmer: der blutige weiße Baron / die-andere-Bibliothek). 

Seit seinem Tod am 17. September 1921 in Nowosibirsk wurde dieser von den meisten eher gefürchtete Mensch schon vielfach zur Figur in Büchern. Mit unterschiedlicher Konotation: als paranoider Narzist, hemmungsloser Antisemit, entfesselter Warlord, heldenhafter Vorläufer des Führers Adolf Hitler, Dschingis Khan für ein halbes Jahr, oder doch eher eine Mischung aus Don Quichote und Iwan dem Schrecklichen? Warum aber will Estland so einer Person nun unbedingt ein Denkmal bauen?

Das beruht offenbar auf einer estnische Vereinigung mit dem Namen "Ungern Khan", sowie die "Sinine Äratus" (Blaues Erwachen), die der Partei EKRE nahesteht. Noch am 1. Dezember meldete der estnische Nachrichtenkanal ERR, die Partei würde die Errichtung eines Denkmals für Roman von Ungern-Sternberg finanziell unterstützen wollen. "Wir haben das Recht, Projekte zu unterstützen, die unseren Werten entsprechen", so Finanzminister und EKRE-Parteichef Martin Helme dazu. Einen Tag später erklärten die Vertreter von "Sinine Äratus" ihren Verzicht auf die Staatsgelder (err) - aber nicht auf das Denkmal. 
Wollen wir wirklich wissen, welcher estnische Bürgermeister (oder Bürgermeisterin) ein solches Denkmal gerne errichtet sehen will? Oder welche Organisationen in Deutschland dazu vielleicht applaudieren würden? Liebes Eestiland, wir hoffen, du bist noch nicht so tief gesunken, dass du solche zwielichtige "Helden" brauchst ...

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