Freitag, März 29, 2013

Das Maß der Freiheit

Nur wenige Tage nach den lettischen Nachbarn gibt es jetzt auch seitens des estnischen Außenministeriums eine Pressemeldung zur zeitlichen Dauer der estnischen Unabhängigkeit. Die Letten setzten den Tag am 21.März fest, die Esten am 27.März 2013: den Eintritt in die zeitlich längste Periode des Andauern staatlicher Unabhängigkeit. Wie aber kann diese enge zeitliche Nähe entstehen, wo doch Estland seine Unabhängigkeit bereits am 24.Februar 1918 verkündet hatte, Lettland aber erst am 18.November 1918?

Die lettische Rechnung sieht so aus: vom 18.11.18 bis zum 17.6.1940, als die Rote Armee Lettland besetzte, vergingen ebenso viele Tage (7884) wie vom 21.8.1991 bis zum 20.3.2013. Genau am 21.März 2013 verging also ein Tag mehr - der Eintritt in die zeitlich längste Periode der lettischen Unabhängigkeit.

Die Esten rechnen aber anders:
Am 24.Februar wurde ein "Manifest der Bürger Estlands" als Unabhängigkeitserklärung aufgesetzt und verkündet. Aber schon am folgenden Tag besetzten Truppen des Deutschen Reichs Tallinn - die Freiheit Estlands dauderte also zunächst nur .... einen Tag.
Erst am 11.November 1918, als Wilhelm des Ersten Deutsches Reich endgültig zusammenbrach, konnte Estland die Erklärung vom 24.Februar voll umsetzen - erklärt uns das estnische Ministerium heute. An diesem Tag kam die estnische Regierung ins Amt, die Ministerien begannen ihre Arbeit.
Das Ende dann am 17.Juni 1940 abrupt, als in Folge des Hitler-Stalin-Pakts Truppen der Roten Armee Estland besetzten - nach 7889 Tagen des freien Estlands.
Am 27.März 2013 seien genau diese 7889 Tage wieder erreicht gewesen - so die Diplomaten-Mathematiker des Außenministeriums - plus ein Tag. Also sei der 27.März 2013 der Tag, der die bisher längste Freiheitsperiode Estlands gekennzeichnet habe.

Immerhin wurde einiges unternommen, um diesen Tag besonders zu begehen. Es wurde ein offizieller Beflaggungs-Tag ausgerufen, an allen Schulen stand das Thema auf dem Lehrplan, mittags läuteten Kirchenglocken, und früh morgens habe es in mehreren estnischen Städten Gesangsvorführungen gegeben. Ob es auch eine Rolle spielte, dass Estland "fünf Tage mehr Freiheit" bekannt geben konnte? (allerdings auch erst ein paar Tage später). Vorerst werden dann also für den gegenwärtigen Zeitraum die estnischen und lettischen "Freiheitslängenrechnungen" angeglichen. Womit die Politik wieder zu wichtigeren Themen übergehen könnte ...

Mittwoch, März 27, 2013

Trojanisches Hotel, oder Botschaft der Freiheit?

In den Büchern von Sofi Oksanen taucht es als Thema auf, aber auch diejenigen Reisenden, die Tallinn bereits in den 80er Jahren besucht haben, werden sich gut erinnern: das Hotel VIRU war damals ein ganz besonderer Ort. Gebaut mit finnischen Firmen, streng sowjetisch überwacht, war das Hotel Viru einer der seltenen Berührungspunkte der östlischen und westlichen damaligen Welt. Ein neuer Dokumentarfilm dazu kommt in diesem Monat in die finnischen Kinos.


(Trailer zu einem neuen Dokumentarfilm zum Hotel Viru in Tallinn) 

Produktionspartner des Films in Estland ist "Amrion Productions", die nach Projekten wie "Poll", und die "Lotte"-Kinderfilme sich auch in Deutschland einen Namen gemacht haben sollte. "Oratorium für Hotel Viru" (Oratoorium Viru hotellile) lautet offenbar der Arbeitstitel für das erst kürzlich abgeschlossene Projekt, aber es ist englisch auch von "Embassy for freedom" als Filmtitel zu lesen. Für das Drehbuch des 79min-Streifenbs zeichnen Margit Kilumets und Taru Mäkelä verantwortlich, das Produktionsbudget belief sich auf 289.000 Euro. Die Hotels der Sokos-Hotelgruppe, zu denen das "Viru" heute gehört, haben bereits die Möglichkeit des Kaufs der Doku auf DVD in allen angeschlossenen Hotels angekündigt. 

Vorberichte in finnischen Medien verheißen interessante Einblicke ins sowjet-estnische Leben damals, die der Film aufgreift. Ein Beispiel: der Hoteldirektor erzählt aus dem Jahr 1984, als Moskau entschied die Olympischen Spiele in Los Angeles zu boykottieren. "Das sowjetische Fernsehen zeigte also nichts von der Olympiade. Also reiste fast die gesamte Moskauer Elite ins Viru-Hotel nach Tallinn, wo das finnische Fernsehen bequem zu sehen war!" 

Info der Sokos-Hotelgruppe zum Film / Info zum Film (bisher nur Finnisch)
Kinosto Ltd. / Amrion Productions  / Interview mit Taru Mäkelä (finnisch) / Filmtrailer (finnisch)

Montag, März 25, 2013

Estland demnächst völlig schwerelos

21.Januar 2013: im Rahmen einer Presseveranstaltung
im Fernsehturm Tallinn wird "EstCube-1" verpackt für
die große Reise ins Schwerelose
Erstaunliches berichten Raumfahrt-Experten von estnischen Satelliten-Plänen. EstCube-1, so wird Estlands erster, 1,33 kg schwerer Satellit bezeichnet, der von einer Projektgruppe an der Universität Tartu gemeinsam gebaut und entwickelt wurde. Sechs Jahre, etwa 40 Forschungsprojekte und drei Doktorarbeiten hat es gedauert bis zur Fertigstellung, bei der auch Kontakte mit der Estnischen Luftfahrtakademie, der Technischen Universität Tallinn, dem Finnischen Meteorologischen Institut und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geknüpft wurden. Details dazu sind nun ausführlich erläutert in einem Beitrag von Roland Rischer für "Raumfahrt.net" und ist - in Anlehnung an estnische Bestrebungen zur flächendeckenden Nutzung des Internet: "Drahtlos - das war einmal!"

Das im Umfang relativ kleine Ding (10x10x11cm) soll im All die elektrischen Kräfte der geladenen Teilchen des Sonnenwindes nutzen. Sternförmig um eine Raumsonde ausgebrachte Kupferdrähte werden elektrisch aufgeladen und stoßen gleichgeladene Plasmateilchen ab. Die Sonde bekommt dadurch einen Impuls. Diese "Sonnensegel"-Theorie geht zurück auf den finnischen Forscher Pekka Janhunen. Bisher wurde diese errechnete, mögliche Funktionsweise offenbar noch nicht in der Praxis nachgewiesen. EstCube-1, die bereits im April 2013 mit der nächsten ARIANE-Vega-VV02-Mission ins All befördert werden soll, befindet sich inzwischen bereits startbereit in Französisch-Guyana.

Nein, diesmal kein neue Variante
eines Rubiks-Würfels: diese
estnische Innovation soll nicht Rätsel
aufgeben, sondern helfen sie zu lösen
An der Weiterentwicklung der erzielten Ergebnisse durch EstCube-1 wird die estnische Consulting "Invent Baltics" und das Observatorium in Tartu im Rahmen eines von der Europäischen Union geförderten Projekts mit einem Finanzierungsrahmen von 500.000 Euro beteiligt sein. Weitere Partner sind die Universität Aalborg in Dänemark, die schwedische Nanospace AB und auch die deutsche OHB AG aus Bremen.
Dabei steht die Idee im Vordergrund, unter Nutzung der Energie der Sonnenwinde, sich im Weltraum nahezu frei bewegen zu können. Roland Rischer schätzt in seinem Beitrag dass ein solches "E-Segel" über 100 Metalldrähte von etwa 20km Länge verfügen müsste, um in diesem Sinne zu funktionieren.

Roland Rischer: "Drahtlos war einmal" (Raumfahrt.net) / ERR 1.2.2013  / Video von der Presseveranstaltung (Ohtuleht) / Pressemitteilung ARIANESPACE / EstCube Homepage 
Die Projektvorstellung im hochauflösenden Rundumblick / Studentenblog der Uni Tartu

Freitag, März 22, 2013

Pilzsuche populär

"Seenelkäik" ist gegenwärtig das Stichwort für alle Kinoliebhaber in Estland - zumindest unter denjenigen, die einheimische Produktionen erfreuen. 73712 Zuschauer haben den mit Ironie und trockener Satire gespickten Film des Regisseurs Toomas Hussar bereits 2012 gesehen, das gab das Estnische Filminstitut bekannt.

"Eestlanna Pariisis" - "Eine Estin in Paris" landete auf Platz 2 der estnischen Popularitätsstatistik, der neue Film von Ilmar Raag, der mit "Klass" einen großen Filmerfolg landete. Hier sind neben der großartigen Jeanne Moreau auch Laine Mägi, Patrick Pineau und Ita Ever  zu bewundern (siehe Trailer). Während es in Deutschland noch so gut wie gar meine Rezeption dieses Films gibt (ob in Frankreich, weiß ich nicht), ist in Estland dieses französisch-estnisch Verhältnis bereits auf DVD zu haben.
Auch die Verfilmung des Sofi Oksanen Romans ""Puhastus" (Fegefeuer), ein Buch das allein in Estland 17.000 mal verkauft wurde, ist nun auch als Film in Estland bereits sehr populär. Anfang September 2012 feierte das 2-Stunden-Epos von Regisseur Antti Jokinen in Tallinn Premiere, der von Solar Films produziert wurde.
Sofi Oksanen wird nun am 10.April in Stockholm auch den "Nordic Price", einen Buchpreis der Schwedischen Akademie erhalten. Gleichzeitig wurde angekündigt, dass ihr neuestes Werk mit dem Titel "Als die Tauben verschwanden" dann auch bereits in Norwegen, Schweden und Dänemark erscheinen wird. Da steht doch bereits eine weitere deutsche Übersetzung auf der Wunschliste ... ! (ist bei Kiepenheuer & Witsch für Herbst 2014 angekündigt)


Beim GoEast-Filmfestival in Wiesbaden Mitte April 2013 werden sowohl die Estinnen in Paris wie auch die Pilzsammlersatire zu sehen sein (siehe Programm).

Samstag, März 02, 2013

Rückblick auf die Feierwoche

Einiges wirkte vielleicht bereits wie eine Generalprobe: der nächste runde Geburtstag Estlands wird dann der 100. sein. Nicht alle Festveranstaltungen fanden genau am 24.Februar statt, und so reihten sich sehr unterschiedliche Eindrücke aneinander.

Estland als Erdbeerfeld - ein Zeichner des ERR fand diesen Vergleich offenbar am auffälligsten an der Rede des estnischen Präsidenten. Ursprünglich und klein, schwer zu finden und manchmal für diejenigen, die nicht wissen wie, auch schwer einzuschätzen - eben wie ein wildes Erdbeerfeld (voller Redetext englisch hier). Nun werden die meisten, die schon mal die kleinen, aber sehr süßen Walderdbeeren gefunden und probiert haben, vermutlich eher zufrieden sein mit diesem Vergleich. Selbstbewußtsein hat sich in Estland noch selten gepaart mit Prahlerei. 

Andererseits erzeugte Meelis Kaldalu, ein Journalist und Künstler, erhebliche Aufmerksamkeit beim festlichen Empfang des Präsidentenpaares allein durch seine Verweigerung des Handschlags mit Evelina Ilves, der Präsidentengattin. Trotz sehr zögerlicher Berichterstattung mancher Medien - die wohl meinten sowas gehöre eher in die "Yellow-Press"-Abteilung - tauchte Kaldalu dann in manchen Berichten als "Studentenführer", in anderen als "Mitglied der estnischen Piratenpartei" auf. Das ließ das Publikum ebenso aufmerksam werden wie Kandalus Äußerung, Frau Präsidentin benehme sich wie eine "Marie Antoinette Estlands". 
Also doch Estland nicht nur einfach ein bescheidenes Erdbeerfeld? Offenbar nicht für alle. Ein Fernsehsender suchte und fand des "Sünders" 92jährige Großmutter, die sich geschockt zeigte vom ihrer Ansicht nach unpassenden Benehmen des Piratenenkels. Erstaunlich dass auch die Parteispitze der Piraten sich distanzierte - offenbar nicht wirklich glücklich ob dieser Chance zum ersten Mal von sich reden zu machen. Wer sich die Ausschnitte der Aufzeichnung ansieht, staunt vielleicht über die fast zwei Stunden lange Direktübertragung der Vorstellungsrunde beim Präsidentenpaar. Die Namen jeweils von einem Moderator laut angekündigt - es wirkt wie ein Beweis dass Kleidungsfragen und Politik manchmal eng vermischt werden. Warum es nicht wie Kaldalu als Bühne nutzen? Auch in der Demokratie, die ja immer die Freiheit der Meinungsäußerung betont ist es wohl erlaubt nicht einfach damit zufrieden zu sein, den Herrschenden nicht einfach als Staffage dienen zu müssen. Aber Kaldalu war wohl selbst etwas erschrocken ob der großen öffentlichen Wirkung seiner kleinen Geste - so lesen sich manche seiner nachgereichten Erläuterungen (z.B. delfi.ee). Fernsehsender TV3 dagegen greifen die 30 Sekunden seines Nicht-Händedruck gern auch mehrfach in Super-Zeitlupe auf.

Aber auch andere Schlagzeilen wirken nicht wie Geburtstagsglückwünsche. Laut einer neuen Umfrage könnten sich 37% aller Estinnen und Esten vorstellen, innerhalb der nächsten 6 Monate eine Arbeit im Ausland zu suchen. Laut Berechnungen des ERR würde, wenn das wahr würde bedeuten, dass 365.000 der 988.000 Menschen im arbeitsfähigen Alter Estland verlassen würden. Nach Zahlen von Eurostat hatte Estland auch im Januar 2013 mit 3,7% die höchste Inflation in der gesamten Eurozone. Estland, klein und schön - aber Walderdbeeren pfücken allein bringt es wohl auch nicht. 

Von den estnischen Geburtstags-veranstaltungen in Deutschland wurden keine weiteren Handschlag-Verweigerungen bekannt. Zwischen dem 22.2. und 27.2. trafen sich Estland-Freundinnen und -Freunde in Frankfurt, Hamburg, München, und Karlsruhe. In Berlin empfing Botschafterin Dr. Kaja Tael zahlreiche Gratulationsgäste im Gebäude der estnischen Botschaft. 

Von Deutschland aus gesehen hat Estland im Moment kaum Imageprobleme: brav drucken die deutschen Zeitungen die von estnischen Tourismusagenturen vorformulierten Meldungen über Eisstraßen und Saunamarathon nach - Estland, ein lustiges, gemütliches Land an der nord-östlichen Ostsee. Wer am 24.Februar in Tallinn die Feierlichkeiten mitverfolgte, könnte höchstens über die estnische Art der Zelebrierens kritisch anmerken: während die Litauer einen Nationalfeiertag haben an dem sie auch die Flaggen der Nachbarn aus Lettland und Estland ehren, während in Riga am 18.November viele emotionale Lieder erklingen und die Menschen sich an den Händen fassen, da paradiert in Estland das Militär eine Stunde lang am Präsidenten vorbei. Fast wie in Moskau - nur kleiner natürlich, jeder Jeep und jede Kanone werden vorgezeigt. In sofern schade, dass hier in der Kälte des Februar gefeiert wird - im Mai oder Juni wären auch die Esten vermutlich zu etwas Fröhlicherem fähig!

Sonntag, Februar 24, 2013

Estland wird 95

EESTI MINUT - Eine Aktion zum 95.Geburtstag der Republik, auch zum Mitmachen: Fotografen sammeln Eindrücke und interessante Momente hier ...

Die Republik Estland wird 95

Wer noch mehr Clips sehen möchte: Eesti Vabariik 95 Und wer mit .ee googelt hat heute dieses Bild:

Montag, Februar 11, 2013

Pühajärve

Pühajärve by hanspoldoja
Pühajärve, a photo by hanspoldoja on Flickr.

Winterzwischenstand Anfang Februar am Pühajarve im Südosten Estlands.

Dienstag, Januar 29, 2013

Alles klar Uwe!

Etwas verspätet, aber der deutsche Fußballtrainer Uwe Erkenbrecher (vormals 2. Bundesliga und Indonesien) trainiert neuerdings den Erstligaclub Tammeka Tartu. Der Titelspruch stammt aus diesem Interview im Januar: Quelle: hier. Und er ist nicht allein. Frank Bernhardt ist Coach von Kalev Tallinn seit Dezember 2012. Und er hat schon Erfahrung in Estland als Trainer der U 19 und U 21 in Estland.

Samstag, Januar 26, 2013

Umfragen sehen Opposition vorn

Das demoskopische Institut Emor hat gerade seine aktuellen Zahlen veröffentlicht. Die Unterstützung der Parteien hat sich dabei grundlegend verändert. Es gibt erstmalig eine deutlich Mehrheit für Parteien, die man als mehr oder weniger links bezeichnen könnte. Nach den diversen Skandalen rund um die Parteienfinanzierung und dem Rücktritt des Justizministers ist die Unterstützung des bisher stärksten politischen Kraft in der Regierung, der liberalen Reformpartei, auf nurmehr 20% gesunken. Der Koalitionspartner, die konservative Vaterlandsunion / Res Publica kommt gar nur auf 16%. Die oppositionellen Sozialdemokraten hingegen, die bereits im Frühjahr 2011 ein überraschend gutes Ergebnis bei den Parlamentswahlen erzielt hatten, werden inzwischen von 27% der Wähler unterstützt und die Zentrumspartei des enfant terrible der estnischen Politik, Edgar Savisaar, liegt mit einem Prozentpunkt darüber bei 28%. Tatsächlich stehen Wahlen erst wieder 2015 an, und freilich kann sich bis dahin viel ändern und immerhin 38% haben Emor gegenüber geäußert, daß sie sich einstweilen nicht entscheiden können. Sicher aber scheint, daß die estnischen Wähler der politischen Stabilität überdrüssig sind. Ministerpräsident Andrus Ansip ist immerhin schon seit 2005 im Amt, ein einsamer Rekord für baltische Verhältnisse.

Dienstag, Januar 22, 2013

Einsteigen zum Test!

Ob Bus und Straßenbahn nun den Tallinnern
sympathischer werden - wo jeder die Linien bis
zur Endstation ausnutzen kann?
Kostenloses Busfahren, bargeldlose Nutzung der Straßenbahnen - das ist seit dem 1.Januar 2013 für die Einwohner Tallinns Realität. Die estnische Tourismuswerbung ruft Tallinn zum "Vorreiter beim kostenlosen öffentlichen Verkehr" aus (Visit Estonia). Aber inzwischen muss sich Estlands Hauptstadt offenbar den Ruf Ort innovativer Neuerungen nicht mehr groß erarbeiten: "die Umstellung scheint den gewünschten Effekt zu erzielen" urteilt die FAZ, und die TAZ stellt fest: "das restliche Europa ist neugierig".

In den Leserforen derselben Zeitungen fallen die Bewertungen etwas krasser aus: die positiven Stimmen loben das Vorbild und beobachten interessiert die Entwicklungen in Tallinn, heben auch die dem Verkehrsexperiment vorangegangene Volksabstimmung in Tallinn hervor.
Negativ äußern sich meist Autofahrer, die derartige "Gängelung" als Einschränkung des Autoverkehrs ablehnen. Manche scheinen auch jeglichen Kostenlos-Dienstleistungen der öffentlichen Hand zu mißtrauen und werten die Tallinner Kostenlos-Busse als "Wärmestube für Penner" ab. Andere meinen in der estnischen Maßnahme auch Bekanntes aus der DDR-Vergangenheit zu entdecken und meinen "am Ende hat der Staat nichts mehr zu verteilen und geht pleite".

174.000 Menschen in Tallinn sollen in den ersten zwei Wochen den neuen Service bereits genutzt haben, dazu kommen auch 49.000 Rentner, die auch bisher bereits freie Fahrt hatten, und die auch nicht ihren Wohnort nachweisen müssen. 570 Fahrzeuge mussten in Tallinn zuvor mit entsprechenden Lesegeräten ausgestattet werden, Anschaffungskosten pro Gerät etwa 500 Euro, Instandhaltungskosten jährlich 760.000 Euro. Die städtischen Verantwortlichen gaben erste Schätzungen zur Entwicklung der ersten zwei Wochen Praxis ab: angeblich soll der private Autoverkehr um 10-15% ab, der öffentliche Verkehr um 6% zugenommen haben.
Dennoch gibt es auch kritische Nachfragen zur Tallinner "Null-Lösung" - auch innerhalb Estlands. Der Erfolg des Modells wird sich wahrscheinlich daran messen lassen müssen, ob zu diesen Fragen Lösungen gefunden werden können.

Das erste kritische Thema ist rein technischer Art. Die meisten Estinnen und Esten besitzen bereits einen elektronischen Personalausweis, eine kleine Chipkarte. Dennoch war es nicht möglich, die in Tallinner Bussen und Bahnen eingebaute Kontrollgeräte auf diese abzustimmen - es müssen neue E-Cards beantragt werden, die Ausstellung der sogenannten "Grünen Karte" (Ühiskaart) verursacht beim Kunden Kosten in Höhe von 3 Euro. Das widerspricht ein wenig der Strategie, den Bürgern möglichst viele Wege zu Ämtern und Nutzungsfunktionen einheitlich mit dem E-Ausweis zu liefern. Andererseits hätten die E-Ausweise Lesegeräte benötigt, während das neue System "kontaktlos" arbeitet, also den Chip auch aus einigen Zentimetern Entfernung bereits erkennt. Allerdings gibt es kein Foto des rechtmäßigen Eigentümers auf dem neuen Kärtchen - so dass für den Fall der Kontrolle weitere Identitätsdokumente mitzuführen nötig sind. "Mit Foto wäre die Produktion zu teuer geworden", so die Stadtväter.

Aber sogar der estnische Datenschutz hat sich schon kritisch gemeldet: es wurden "Datenlücken" entdeckt, offenbar war es Nutzern möglich, auch an Daten anderer Nutzer zu gelangen. Während bei anderen estnischen elektronischen Neuerungen von deren estnischen Erfindern oder Produzenten immer genüßlich erläutert wird, bei Exporten ihrer Produkte nach Deutschland seien spezielle "deutsche Lösungen" möglich - vermeintliche deutsche "Übergenauigkeit" beim Datenschutz. Diesmal sind die Probleme offenbar anders gelagert. Vize-Bürgermeister Taavi Aas hatte auf entsprechende Fragen kürzlich noch eine vielleicht etwas zu einfache Antwort parat: "Niemand wird die Daten manupulieren." (ERR 4.1.13)

Tallinn macht von sich reden - ob für oder gegen
fahrscheinfreies Busfahren, Hauptsache
die estnische Hauptstadt ist mal wieder
Diskussionsgegenstand ....
Nein, vor allem an statistischen Daten sind die Stadtplaner interessiert: wer fährt wohin, wie oft - das lässt sich mit dem neuen System leicht feststellen.
Eine andere Kritik setzt eher politisch an: mit kostenlosen Busfahrten wolle sich Bürgermeister Savisaar erstmal bei den anstehenden Kommunalwahlen die Wiederwahl sichern, meint die politische Opposition vor allem von der Reformpartei, die ja im nationalen Parlament den Regierungschef stellt. Und nach denn Wahlen müsse man dann sehen, ob noch Geld für die dringende Auffrischung des Fuhrparks übrig sei.

Der am meisten zum Tallinner Stadtverkehr interviewte Politiker ist gegenwärtig Vizebürgermeister Taavi Aas. Er rechnet so: von den etwa 417.000 Menschen die in Tallinn leben haben 5-10% ihren Wohnsitz hier nicht offiziell registriert. Pro 1.000 Neuregistrierungen würde die Stadt etwa eine Million Euro mehr an Steuern einnehmen können (ERR 25.10.12). Wessen Rechnungen aufgehen und welche nicht, vielleicht wird es schon der Verlauf des ersten Praxisjahres zeigen.

Infos:
Gebrauchsanweisung für die "Grüne Karte"  / Ticketkauf online (vom Fahrschein über die Angellizenz bis zum Massagesessel!) /Aktuelle Fahrpreisinfos Tallinn /  Infos zur Tallinn Card für Touristen /

laud - Das Winterhochwasser

laud by Aivar Ruukel
laud, a photo by Aivar Ruukel on Flickr.

Stand schon mal höher. Die Bäume dokumentieren das natürlich. Soomaa.

Mittwoch, Januar 16, 2013

POLL bei ARTE

Angesichts der kürzlich stark angestiegenen Leserzahl des alten Blogbeitrags zum Film POLL (siehe "Untergang in Estland") hier auch für die anderen der Hinweis: der Film läuft heute (16.Januar) 20.15 Uhr bei ARTE. (Wiederholung Samstag nacht, 19.1., 2.35 Uhr)

Montag, Januar 14, 2013

Estlands Politikverdrossenheit

Estland erlebt derzeit eine Welle der Unzufriedenheit mit der Politik. Seit Monaten wird die Regierung öffentlich und in den Medien heftig kritisiert. Dies gipfelte nun in einer Demonstration am 17. November vor dem Parlamentsgebäude in Tallin mit der Losung: „Schluß mit der Lügenpolitik“.

Die Aufregung überrascht ein wenig, ist Estland doch politisch unter den baltischen Staaten ein Hort der Stabilität. Seit 1994 ist keine neue Partei mehr gegründet worden, die sich anschließend etabliert hätte. Seit der Wahl von 2011 gibt es nur noch vier Fraktionen im Parlament Riigikogu. Und Ministerpräsident Andrus Ansip ist nunmehr seit sieben Jahren im Amt. Das ist ein Zeitraum, der sich mit westlichen Demokratien messen kann und im Vergleich mit den baltischen Nachbarn ein einsamer Rekord.

Trotzdem sind die Esten in jüngster Zeit zunehmend unglücklich mit ihrer politischen Elite, der Selbstherrlichkeit und fehlende Kommunikation mit den Bürgern vorgeworfen wird. Entscheidungen würden einsam in Hinterzimmern getroffen wie etwa im Frühjahr im Konflikt um ACTA, dem Handelsabkommen gegen Produktpiraterie. Als Parallele zu Deutschland beschweren sich die Menschen über die Basta-Politik Ansips ebenso wie über die angebliche Alternativlosigkeit. Manche unterstellten dem Regierungschefs auch Amtsmüdigkeit. So wischte die Regierung in letzter Zeit Widerspruch mit dem Hinweis weg, sie sei nun einmal die gewählte Vertretung des Volkes, und man solle sie jetzt einfach arbeiten lassen.

Diese allgemeine Stimmung ist nur der Hintergrund eines handfesten Parteienfinanzierungsskandal der letzten Wochen mit schwarzen Kassen, der ebenfalls Parallelen zu Deutschland aufweist. Der langjährige Abgeordnete Silver Meikar von der Reformpartei des Ministerpräsidenten veröffentlichte am 22. Mai dieses Jahres in der Tageszeitung Postimees eine Selbstbezichtigung. Er habe der Partei nicht von ihm selbst stammendes Geld übergeben, das er wiederum von einem anderen Parteimitglied erhalten habe, nachdem der damalige Generalsekretär und derzeitige Justizminister ihn gefragt hatte, ob er mit dieser Prozedur einverstanden sei. Erst jetzt, drei Jahre später, kamen ihm Zweifel. Die Staatsanwaltschaft ließ den Justizminister verhaften, setzte jedoch ihn und weitere Beschuldigte bald wieder auf freien Fuß mit dem Kommentar der Ermittler, daß die Beschuldigten alle Vorwürfe bestritten und es keine ausreichenden Beweise gäbe.

Zunächst war das Echo gering. In den Umfragen verschob sich die Zustimmung zu konkreten Parteien kaum, und die Opposition versuchte auch nicht, sich den nun als Silver-Gate bezeichneten Skandal im großen Stile zu Nutzen zu machen. Dies führt der Politikwissenschaftler Tõnis Saarts zurück auf das Kartell der politischen Kräfte. Die Parteienfinanzierung ist seit jeher ein schwieriges Thema und trotz langer Debatten darüber herrsche immer noch keine Klarheit darüber, wie sich die Parteien tatsächlich finanzierten und nicht einmal darüber, wie sie sich finanzieren sollten. Und richtig, in der Vergangenheit wurde allem voran der Zentrumspartei des Tallinner Bürgermeisters Edgar Savisaar vorgeworfen, sich von Moskau finanzieren zu lassen; selbst die oppositionellen Sozialdemokraten standen in diesem Ruf. Mit einem Fragezeichen versehen ist außerdem der Verkauf des Büros des konservativen Koalitionspartners von Ansip im Zentrum der Hauptstadt für ein Mehrfaches des eigentlichen Wertes.

Im Oktober wurde dann auch auf Bestreben des Ministerpräsidenten Silver Meikar aus der Partei ausgeschlossen. Das brachte das Faß zum Überlaufen. Am 12. November demonstrierte die Bevölkerung in Tartu, der Heimatstadt von Ansip, vor dem Büro der Reformpartei. Anschließend verfaßten 17 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Intellektuelle die Charta „Harta 12“, unter ihnen so bekannte Personen wie der etwas schillernde Politiker und Publizist Ignar Fjuk, der Sozialoge Juhan Kivirähk, die Politologin und ehemalige Politikerin Marju Lauristin, der Journalist Ahto Lobjakas, der Kolumnist Rein Raud, der Fernsehjournalist Indrek Tarand, der 2009 ein individuelles Mandat im Europaparlament gewonnen hatte wie auch der betroffene Silver Meikar selbst. Die Charta wurde inzwischen von vielen tausend Bürgern im Internet unterzeichnet..

Marju Lauristin und Juhan Kivirähk äußerten sich zu den wichtigsten Punkten der Charta im estnischen Radio. Sie werfen den Parteien eine Monopolisierung der Macht vor, sie kümmerten sich weniger um das Gemeinwohl als um das Wohl bestimmter einflußreicher Kreise. Gerade die Konzentration auf vier Parteien schließe so einen Teil der Bevölkerung von er Partizipation aus. Die Demokratie, so heißt es gleich im ersten Absatz, breche vor den Augen aller zusammen, weil die Macht die demokratischen Spielregeln nicht einhalte. Sie sei käuflich und im Interesse ihres Erhaltes werde gelogen. Aufgabe der Politik sei es, Verantwortung zu übernehmen. Die Bevölkerung erkenne ihre Vorstellung von Ethik in der gegenwärtigen Situation nicht wieder. Die Forderung nach mehr Transparenz bei der Finanzierung ist ebenso nachvollziehbar wie mehr Kommunikation über die Arbeit der Regierung und die Öffnung der Parteien gegenüber der Zivilgesellschaft. Für Sozialwissenschaftler und erfahrene Politiker überraschend die Forderung von Marju Lauristin nach vereinfachten Möglichkeiten für Parteineugründungen und deren Weg ins Parlament anstelle der Aufforderung an die Zivilgesellschaft, sich in den bestehenden Parteien mehr einzubringen.

Samstag, Dezember 22, 2012

Viele Heimschläfer zum Jahreswechsel

Mindestens 25.000 Estinnen und Esten werden also auch zum Jahreswechsel für einen "Heimatbesuch" hin- und herpendeln: sie arbeiten, gemäß dem estnischen Statistikamt vorliegenden Daten, im Ausland. Das sei eine Verzehnfachung gegenüber der vergangenen Datenerhebung vor 12 Jahren, so Diana Beltadze, die zuständige Mitarbeiterin bei den estnischen Statistikern (im Jahr 2000 hatten nur 2646 Bürger Estlands angegeben im Ausland eine Arbeit zu haben).



















Ist das nun eine Verbesserung (= mehr Arbeitsmöglichkeiten) oder eine Verschlechterung (= mehr Arbeitslose, die nur noch im Ausland eine Chance haben)? 61% aller Esten die im Ausland arbeiten zieht es nach Finnland (15.140 - 1.872 in Norwegen, 1.532 in Schweden, 1.357 in Russland, 732 in Großbritannien und 616 in Deutschland).

Innerhalb Estlands haben nur Tartu und die Hauptstadt Tallinn eine positive "Wanderungsbilanz". Ein Resultat scheint sicher: massive Landflucht! So schön in Estland die Natur ist - Frau Estin oder Herr Este kann sich wohl maximal noch ein Sommerhäuschen auf dem Lande leisten, falls das im Ausland verdiente Geld dazu reicht.

Mehr Infos

Mittwoch, Dezember 19, 2012

Ein Flirt per Bahn

Bald im Einsatz: Stadler-Züge in Estland
Die estnische Bahn Elektriraudtee AS rüstet auf: die ersten Elektro- und Dieseltriebzüge der Firma Stadler aus der Schweiz sind seit kurzem im Einsatz. Bis zum Sommer sollen 18 Elektro- (12 dreiteilige und 6 vierteilige) und 20 Dieseleinheiten (6 zweiteilige, 8 dreiteilige und 6 vierteilige Züge) nach Estland geliefert werden. Sie tragen den schönen Namen FLIRT ("Flinker Leichter Innovativer Elektro Triebzug"). Gegenwärtig sind die ersten im Testbetrieb, im Sommer 2013 sollen dann einige in den fahrplanmäßigen Betrieb übernommen werden (siehe Zeitplan).

Die Herstellerfirma meint zu ihren Zügen: "Die Breitspurzüge (1520 mm) wurden so konzipiert und hergestellt, dass sie der für Estland typischen strengen Winterbedingungen standhalten. Die Aluminium-Leichtbauweise und energiesparende Systeme ermöglichen dem Betreiber Elektriraudtee auch bedeutende Kostenersparnisse." (siehe DMM Travel)

Zugpräsentation mit Wirtschaftsminister Parts (Mitte):
Wie oft er selbst Bahn fährt, war den
Pressemeldungen nicht zu entnehmen
Noch auffälliger aber die Technik, mit der beim Bremsvorgang der Züge Energie zurückgewonnen und über die Oberleitung ins Netz wieder eingespeist werden kann. Die Züge erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 160km/h. Außerdem im Angebot: Fahrgastinformationssystem, Klimaanlage, kostenloses WLAN, Steckdosen zum Aufladen von Laptops und Handys, Videoüberwachung und Mehrzweckbereiche für Rollstühle, Kinderwagen oder Fahrräder. 70% sind Niederflurwagen.
85% der Investitionskosten in die neuen Elektrozüge, deren Wert etwa 80 Millionen Euro beträgt, werden vom EU-Kohäsionsfond finanziert. Die Dieselzüge dagegen werden durch einen Leasingvertrag finanziert.
STADLER hatte eine Ausschreibung zum Projekt gewonnen die 2010 durchgeführt worden war.
Die Firma "Elektriraudtee AS" betreibt gegenwärtig in Estland folgende Strecken mit einer Gesamtlänge von 131.6 km:
Tallinn - Aegviidu - Tallinn
Tallinn - Riisipere - Tallinn
Tallinn - Paldiski - Tallinn
Tallinn - Klooga-rand - Tallinn
Tallinn - Keila - Tallinn
Tallinn - Pääsküla - Tallinn
Die STADLER-Flirt-Züge sind bisher in 11 Ländern im Einsatz: der Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Ungarn, Algerien, Polen, Finnland, Norwegen und Weißrussland.

Details zu technischen Daten

Bericht estnisches Fernsehen

Donnerstag, Dezember 06, 2012

Binneneis

First Ice by Axiraa
First Ice, a photo by Axiraa on Flickr.

Der Winter schreitet im Inland voran. Auch die Ostseevereisung hat begonnen, wenn auch erst ganz im Norden.

Eismeldungen mit aktueller Karte beim finnischen itameriportaali.

Montag, November 19, 2012

Heißes Eisen „Nordstream“

Als wenn Energie nicht sowieso schon ein heißes Eisen wäre, ist dieses Thema vor allem im Baltikum wichtig. Neben der Wasserkraft in Lettland und Litauen verbrennen die Esten ihren Ölschiefer, außerdem wird die Windkraft in den letzten Jahren ausgebaut. Das alles reicht aber nicht, und man ist deshalb nach wie vor zu einem guten Teil von russischen Gaslieferungen abhängig.

Aus diesem Grund fand man es am Ostufer der Ostsee überhaupt nicht witzig, als Gerhard Schröder mit seinem lupenreinen Demokraten die Nordstream Pipeline durch die Ostsee und den finnischen Meerbusen plante. Diese Pipeline ging nämlich zunächst durch internationale Gewässer und damit buchstäblich an den baltischen Staaten vorbei. Inzwischen ist nicht nur das erste Rohr schon eine ganze Weile in Betrieb und im Oktober durch ein zweites ergänzt worden, sondern es soll noch einmal erweitert werden. Da bleibt eine Reaktion aus Estland nicht aus.

Der estnische Verteidigungsminister Urmas Reinsalu bat seinen Kollegen im Außenamt, Urmas Paet, gegen die dritte und vierte Linie Einspruch einzulegen, nachdem vor einem Monat das russisch-deutsche Projekt Untersuchungen über den estnischen Meeresboden in Auftrag gegeben hatte. Bereits 2007 hatte die estnische Regierung ihre Bedenken gegen die erste Pipeline aus Umweltgründen vorgetragen.

Seit der Fertigstellung der zweiten Linie im Oktober, können nunmehr 55 Millionen Kubikmeter jährlich geliefert werden. Eine Verdoppelung der Kapazität brächten zwei weitere Rohre, die allerdings angesichts der vorher erforderlichen Prüfungen nicht vor 2017 realistisch sind.

Während Moskaus Interesse an Nordstream sich vor allem mit der Umgehung von Ukraine und Weißrußland begründet, wo es regelmäßig in den letzten Jahren zu Konflikten kam, gibt es in Estland gerade in konservativen Kreisen nach wie vor sicherheitspolitische Bedenken, die aus der estnischen Zustimmung zu sowjetischen Militärbasen im Land in der Zwischenkriegszeit mit den bekannten Folgen herrühren. Gleichzeitig gibt es aber auch Stimmen aus der Wirtschaft, die bei einer Zustimmung zur Trasse durch estnische Gewässer Geschäfte mit beiden Partnern von Nordstream, Deutschland und Rußland, wittern. Die früheren Umweltschutzzweifel werden derweil zerstreut, weil die erste Pipeline seit inzwischen mehr als einem Jahr ohne Zwischenfälle betrieben wird.

Daß die neuen Pipelines durch estnisches Gewässer verlaufen sollen, hängt mit zwei Faktoren zusammen: Erstens ist der Weg nach Westeuropa geographisch kürzer als durch finnisches Unterwassergebiet, das zweitens durch entschieden felsigeren Untergrund gekennzeichnet ist, was das Projekt also doppelt verteuern würde. Rußland, das seinerseits im großen Maße für die geordnete Staatsfinanzen vom Verkauf seiner Energieressourcen abhängig ist, fürchtet sich vor steigenden Preisen und damit verbundener größerer Sparsamkeit im Westen, meinen Beobachter.

Deutschland hat gegenüber den Esten zwei Trümpfe in der Hand. Erstens könnte es Estland bei dem geplanten Bau eines schon lange im Baltikum geplanten Flüssiggasspeichers unterstützen, der dann eben nicht nach Lettland gehen würde, wo ebenfalls Interesse als potentieller Standort bekundet wird. Zweitens hat Deutschland in der Eurozone, in der Estland eines der kleinsten und ärmsten Länder ist, einstweilen eine Führungsrolle, weshalb sich die Esten geneigt sehen könnten, sich mit Deutschland gut zu stellen. Und auch Rußland ist trotz aller historischen Belastungen in den vergangenen Jahren angesichts der Krisensituation in der EU ein zunehmend wichtiger Handelspartner geworden.

Es geht also offensichtlich vorwiegend darum, daß es Rußland und Deutschland gelingt, die Angst der Esten vor dem großen östlichen Nachbarn zu zerstreuen und ihn als verläßlichen Partner nicht nur erscheinen zu lassen.

Samstag, November 10, 2012

Waben für die Schule

Foto: Baulinks.de / Rehau
Einen interessanten Blickfang setzt das Architektenteam "Sirkel & Mall" in Valga: das neue Gebäude des neuen Berufsbildungs-zentrums in Valga (Valga Kutseõppekeskus) soll das erste energieeffiziente Gebäude in Estland sein. 550 Schülerinnen und Schüler werden hier weitergebildet. Ziel der Architekten war es einen Energieverbrauch für Heizung und Lüftung pro Quadratmeter und Jahr von nicht mehr als 120 kWh zu erreichen. In den Komplex sind auch ein Gästehaus und Konferenzräume integriert, auch eine Sauna fehlt nicht. Im Haus gibt es eine Autoreparaturwerkstatt, eine Betriebsküche, eine Holzwerkstatt, und einiges mehr. Zwei Trainingsgruppen werden sogar in Lettisch angeboten, um auch ein Angebot für die nord-lettische Region darstellen zu können. Die insgesamt 410 Fenster des Gebäudes wurden von der deutschen Firma Rehau geliefert. Fehlen ja wohl nur noch bienenfleissige Schüler ...

Infos: Baulinks / Rehau / Sirkel & Mall / Valga Kutseõppekeskus

Sonntag, Oktober 28, 2012

St. Olai im Oktoberlicht

Church of Saint Olaf by Guillaume Speurt
Church of Saint Olaf, a photo by Guillaume Speurt on Flickr.

Nicht nur in Deutschland ist vorübergehend Winter angesagt.
Das Foto stammt von Guillaume Speurt, der auch eine Art Reiseblog schreibt und dieses mit vielen Fotos versieht.

My Last Destination in Europe

Freitag, Oktober 26, 2012

Donnerstag, Oktober 25, 2012

The Arbiter

Noch haben wir keinen deutschen Filmtitel, noch viele Informationen über den Inhalt. Es spielt in England, ist aber eine Idee von Kadri Kõusaar und dort umgesetzt. Lassen wir also die Rohfassung als Treiler. Vielleicht eine der wichtigsten estnischen Beiträge zur Kinowelt im Moment, mal schauen:

The Arbiter Trailer from Kadri Kõusaar on Vimeo.

Die offizielle Homepage: The Arbiter

Dienstag, Oktober 23, 2012

Kiiking-News aus Germany

Ein neuer Beitrag zum "Kiiking" nach estnischem Vorbild. Vor einiger Zeit hier im Blog beschrieb Winfried Voigt seine Eigenbau-Versuche im eigenen Garten - nun gibt es eine neue filmische Dokumentation über den deutschen Kiiking-Fan, hier zu bewundern:

(notice:
licence for the music is limited to users in Germany - please excuse possible inconvenience)

Freitag, Oktober 19, 2012

Ansip zweifelt - ein wenig

In verschiedenen Medien ist es nachzulesen, was der estnische Regierungschef Andrus Ansip kürzlich zu Protokoll gab: die Risiken eines gemeinsam mit den Nachbarn Lettland und Litauen zu bauenden und zu finanzierenden Atomkraftwerks seien "erheblich gestiegen". Gemeint ist damit das klare Ergebnis der Volksabstimmung in Litauen zur Atomkraft, als 62.68% sich gegen einen aKW-Neubau aussprachen und 52,58% der Wahlberechtigten sich an der Abstimmung beteiligten.

Abb. aus einer Werbebroschüre der "ALSTOM"
Gleichzeitig meint Ansip aber, der Gegenwind für die Atomkraft könnte in Estland mehr Unterstützer für Pläne gewinnen, Ölschiefer noch weiter zu nutzen. Die französische Firma Alstom SA (ALO) hatte bereits im Januar 2011 einen Vertrag mit "Narva Elektrijaamad AS" zum Bau eines weiteren Ölschiefer-Dampfkraftwerks unterzeichnet. Angeblich soll der dort geplante Einsatz einer Wirbelschicht-Verbrennungsanlage effizienter und umweltschonender sein als die bisherigen Technologien zur Nutzung des Ölschiefers.
Ansip sprach sich allerdings dafür aus, das AKW in Litauen trotz "ungünstig" verlaufener Volksabstimmung in Litauen dennoch zu bauen.

Donnerstag, Oktober 18, 2012

Es ist Herbst

old town by Sami Keinänen
old town, a photo by Sami Keinänen on Flickr.

Und das war wohl noch nicht der trübste Tag in Tallinn.