Dienstag, Oktober 17, 2006

Wo endet Skandinavien? 2.Teil

Die Diskussion über nordic Estonia, die Giustino in seinem Blog angestoßen hat (siehe letzter Post), zeigt Wirkung. Noch nie haben so viele Skandinavier in der englischsprachigen Blogosphäre über die Rolle Estlands gestritten. Aber es geht jetzt endlich weg von der Uralt-Kontroverse Esten-Russen. Es geht darum, welche Postitionen im neuen Europa bezogen werden.
Es wird deutlich, dass es schon vor Jahrzehnten ganz andere Verschiebungen gegeben hat. In den 20ern entwickelte sich Großbritannien zum wichtigsten Handelspartner Estlands. Es waren nicht, wie viele annehmen, Deutschland und die Sowjetunion. Die Briten hatten schon im Unabhängigkeitskrieg Unterstützung geleistet. Die Queen wird diese Woche das erste Mal in Tallinn eintreffen. Sie werden mit Sicherheit an diese Zeiten erinnern.
Für die Ausbildung estnischer Diplomaten gibt es einen lesenswerten Text über Identität und geopolitische Lage des Landes, hier zwei Auszüge:
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Geographical aspect. Estonia (and other Baltic states) is located very far away from western Europe and is a neighbor to Russia. Western European countries have no historically based vital interests in the region. Even more, they are reluctant to develop any in order to avoid the clash of interests with Russia. This aspect is further strengthened by the fact that in the 1990s British, French and German investments into Estonian economy were by far smaller than Finnish-Swedish contributions. This is considered as a definite proof of the Baltic States’ low attractiveness in the Core.
However, for Sweden the Baltics remained mainly a non-land until the end of the First World War. Until then Stockholm was not aware of any political and security interests to protect on the eastern shores of the Baltic Sea.
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There have been ideas of a Baltic-Finnish-Scandinavian Federation, first proposed by Jaan Tõnisson on the opening session of the Estonian Land Council on August 25, 1917. Later, in the 1930s, geographist Edgar Kant associated Estonia with the Baltoscandian area. The Scandinavian response to such aspirations has never been very optimistic. The importance of the Baltic states for Sweden grew since 1918, but a truely active and multi-dimensional cooperation was launched only after Estonia and other Baltic states regained their independence in 1991.
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Wir werden mit unseren altbackenen Osteuropa-Stereotypen, "ehemalige Sowjetrepubliken", im Abseits landen. Die jüngere Generation im Baltikum wächst bereits unter drei Präsidenten auf, die für Jahrzehnte auf dem amerikanischen Kontinent gelebt haben.
Das gilt auch für Schweden, bald wissen die russischsprachigen Schüler mehr über die schwedische Zeit in Estland, als sie jenseits der Ostsee ahnen können.
Vi bläddrar i deras lärobok, Estlands historia I. Kapitel IV heter ”Den svenska tiden”. Den svenska tiden är utförligt skildrad. Både den första och den andra delen, som behandlar Estlands historia fram till i dag, är ordagrant översatta till ryska och används även i de ryskspråkiga skolorna. Sedan beror det förstås på den enskilde historieläraren hur stor vikthon eller han lägger på de olika avsnitten, menar Inna Grau-siene, som är historielärare i Gustav Adolfgymnasiet.
Quelle.

Kommentare:

  1. Die positive Betrachtung des "vana hea rootsi aeg" sollte doch bitte auch in einen Kontext gestellt werden. Letzten Endes hat Schweden doch eher wenig für Estland getan. Als romantisiertes Gegenmodell zum Zarenreich mag die Schwedenzeit bei der Herausbildung der estnischen Selbstbetrachtung jedoch wertvolle Dienste geleistet haben. Bei näherer Betrachtung entzaubert sich da Vieles, was nicht nur mit der verheerenden Kriegsökonomie des schwedischen Großreichs zu tun hat. Wesentlich für die Zugehörigkeit zum nordischen Kulturraum dürfte doch eher der Protestantismus sein, und damit einhergehend der starke, über Jahrhunderte prägende Einfluß (nieder)deutscher bzw. hanseatischer Kultur. Da sind die Schweden wie die Finnen und die Esten alle ähnlich auf ihre Weise miteinander verwandt. Diesen Sommer hatte ich eine estnische Freundin zu Besuch in Vorpommern und Mecklenburg - sie fühlte sich in mancher Hinsicht "Zu Hause" und gab zu Protokoll, daß sie dergleichen in Deutschland nicht erwartet hatte (frühere Besuche fanden in den südlicheren und westlicheren Landesteilen statt.)

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  2. Guter Hinweis zur Geschichte. Wer legt eigentlich fest, was skandinavisch oder 'Norden' sein soll oder nicht? Meist steht dahinter eine positive Vorstellung aus jüngerer Vergangenheit und verbunden damit für manche das Grauen, wenn in Zukunft plötzlich ein "baltisches" Land dazugehören sollte.
    Das Schöne an der Diskussion bei Giustino, 'Itching for Eestimaa, ist, dass auf einmal ganz viele Perspektiven durcheinanderwirbeln. Finnland-Estland, Schweden-Finnland, Baltikum-Skandinavien, alles weit weg von den alten Ostblock-Klamotten, die uns in Europa nicht mehr weiterbringen. Oder anders ausgedrückt, jetzt fangen die letzten an zu begreifen, dass die Ostsee tatsächlich nicht mehr trennt wie in Sowjetzeiten.

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