Samstag, April 30, 2005

Auswandern nach Estland - Die Geschichte des Wolfgang Richter

Auf nach Osten. Tatsächlich, Wolfgang Richter hat es getan. Und die deutsche Presse verfolgt seine zweite Karriere in Estland mit großer Aufmerksamkeit. Es scheint leichter zu sein, den estnischen Alltag durch die Augen eines deutschen Auswanderers zu betrachten. Ansonsten hätten wir wohl nicht soviel von den Verhältnissen in der Milchindustrie hoch im Norden erfahren. Ein paar Auszüge aus einem abenteuerlichen Leben:


DIE WELT 30. April 2004

Pioniere - Wolfgang Richter, 60, Estland

"Als wir das erste Mal vor zehn Jahren mit dem Schiff in Tallinn ankamen, war es ziemlich kalt. Wir mussten erst mal unser Taxi anschieben, um weiterzukommen. Die Esten sind zwar zurückhaltende Menschen, lautes Auftreten ist ihnen zuwider. Aber sie haben uns sehr freundlich aufgenommen, und wenn man sie einmal näher kennen gelernt hat, dann sind sie sehr herzlich. Da wird man schnell mal zum Saunagang eingeladen. Seit wir hier sind, hat sich rasend viel verändert. Die Menschen sind unheimlich motiviert, kreativ und flexibel. Vorhaben, die in anderen. Ländern Jahre dauern, werden hier innerhalb weniger Monate umgesetzt.



Jan Pallokat in DIE WELT über Richter:

Deutsche Investoren staunen zudem über den ungeheuren Ehrgeiz der kleinen Nation. Wolfgang Richter, der bei Tartu (Dorpat) in einer ehemaligen Kolchose Käse produziert und monatlich sechs Tonnen "Tilsiter" und "Parmesan" an estnische Supermärkte und Restaurants liefert, scheint es, als wollten es die Esten den Russen und dem Rest der Welt zeigen: "Seht her, wir sind existenzfähig, und nicht nur das kleine Anhängsel großer Staaten."

Während anderswo Landwirte bangen, ob die nötigen Erfassungssysteme für die EU-Agrarhilfen rechtzeitig funktionieren, sind die Esten mal wieder die Ersten. "Die Anteile an den Milchquoten wurden längst unter den Bauern aufgeteilt", berichtet Richter. Alles müsse immer 100prozentig korrekt sein, immer ganz genau nach den EU-Normen. "Die Lebensmittel-Inspektoren kamen zwei bis drei Mal im Monat auf den Hof und haben einfach alles kontrolliert", erzählt er. Wer Auflagen nicht erfüllt, bekäme eine Warnung, dann die vorübergehende und schließlich die endgültige Stilllegung. "Da sind die knallhart", sagt der Deutsche.


Der Tagesspiegel

Richter ist jetzt Meier

Tartu, km 4774: Ein deutscher Ex-Diplomat ist weit herumgekommen – und auf einer estnischen Kolchose gelandet, wo er Käse produziert

Wirtschaftsreferent Wolfgang Richter hat seine Beamtenlaufbahn im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland abgebrochen, um jetzt in einer estnischen Kolchose Käse herzustellen. Tilsiter Butterkäse – gewürfelt, gerieben, in Scheiben oder im Block – sowie Parmesan: pur, mit Zwiebeln, mit Knoblauch oder brasilianisch gewürzt.




Wolfgang Richter ist 60 Jahre alt und wohnt in einem hässlichen grauen Block in einem Dorf bei Tartu, wo der Boden erst Mitte April auftaut und hinter einem riesigen Sumpf die russische Grenze verläuft. Richter fährt einen Opel Astra Caravan, in dem der Platz zwischen Vordersitzen und Heckklappe für seinen sperrigen, aber sehr verständnisvollen Labrador Bossi reserviert ist. Es geht Wolfgang Richter den Umständen entsprechend gut.

Richter ist ein schneller Redner, aber ein gemächlicher Autofahrer, was auf der Buckelpiste zur Kolchose ein Vorteil ist. Als ihm ein junger Landarbeiter entgegenkommt, stoppt er kurz und ruft aus dem Fenster: „Mach’s gut! Aber keinen Alkohol heute Abend, ja?“ Der schaut seinen Chef freundlich an, bevor er wortlos weitergeht.

Richters Geschäfte laufen jetzt einigermaßen, nachdem er die Startprobleme überwunden hat. So musste er sich mit einem Kolchosenverwalter aus Sowjetzeiten herumschlagen, der sich auf seine letzten Diensttage zur Größe eines Landwirtschaftsministers aufplusterte. Und die Fahrt durch halb Estland mit dem gebraucht gekauften, rechtsgelenkten Milchlaster war auch nicht einfach. Die Viehwirtschaft mit 220 Kühen hat Richter im vorigen Jahr aufgegeben, weil sie mehr Ärger als Geld einbrachte. Zwei von vier Melkerinnen waren Alkoholikerinnen. Es war schwierig, morgens um halb vier Ersatz herbeizutelefonieren. Jetzt kauft Richter die Milch für seinen Käse anderswo ein.

In der Meierei arbeiten nur sechs Leute fest. Auf die kann Richter sich verlassen. Eine Kollegin schmeißt den Laden so gut, dass Richter ihr 6000 Kronen zahlt, also fast 400 Euro. Sonst sind knapp 300 Euro üblich. Richter verdient zurzeit kein Geld mit seinem Käse, weil die großen Monopolisten den Milchpreis hoch halten, nachdem viele kleine Milchbauern im Zuge der EU-Vorbereitungen aufgeben mussten. Estland ist nämlich besonders eifrig, wenn es um die neuen Normen geht. So eifrig, dass viele Kleinbauern ihre Kühe schlachten mussten, weil ihre Milch bei den ständigen EU-Qualitätskontrollen wegen zu vieler Bakterien durchfiel. Jetzt wursteln sich die Kleinbauern mit Getreideanbau und ein paar Schafen durch und haben gerade genug zu essen. Und Richter hofft, dass der Milchpreis sinken wird, wenn der Markt auch der lettischen und litauischen Konkurrenz offen steht.

Auch er will expandieren und seinen Parmesan bald in Finnland und Schweden verkaufen. Vom russischen Markt hat Wolfgang Richter sich zurückgezogen, nachdem er sein Geld nicht bekam. Er braucht wenig zum Leben, aber betrügen lässt er sich nicht – zumal er ja auch Volkswirtschaft studiert hat. Es war ja nur eine Kette von Zufällen, die den Diplomaten auf die Kolchose geführt hat. Richter kann das bei Kaffee und Käsewürfeln schön erzählen, während der Labrador unter dem Tisch döst, und der Abend eine Reifschicht auf den Opel legt. Kurz gesagt, hat Richter zwei Brüder, von denen einer Lehrer in Berlin ist und der andere Pferde auf der schwedischen Insel Gotland züchtet. Dort war vor Jahren ein Este zu Gast, der erzählte, wie in seiner Heimat gerade die einst staatlichen Kolchosen verschleudert würden. Der Lehrer gab den Brüdern das Geld, mit dem sie ihr Glück im Osten versuchen wollten. Der Pferdezüchter kniff. Wolfgang Richter blieb mit Frau und 400 Tieren in der ehemaligen Sowjetrepublik Estland zurück.


In der aktuellen Druckausgabe des Tagesspiegel:

Die schicken Landmaschinen sind den Brüsseler Fördertöpfen und den günstigen Leasingangeboten der estnischen Banken – zumeist Ableger skandinavischer Geldhäuser – zu verdanken. Schon vor dem Beitritt förderte die EU den Kauf von Landmaschinen, teilweise mit mehr als 50 Prozent. Den Eigenanteil konnten Landwirte dank der Leasingmodelle leicht aufbringen: Nach mehrjähriger Ratenzahlung an die Bank gehören ihnen die Maschinen. Das Zinsniveau ist gering; Richter etwa zahlt 4,6 Prozent.

Nachdem der Fuhrpark erneuert ist, gibt Brüssel jetzt Geld für landwirtschaftliche Gebäude. Nun werden Silos und Ställe gebaut. Allerdings findet der Boom ohne die Kleinbauern statt: „Die haben verloren, die sind getötet worden“, sagt Richter. Kleinbetriebe, die sich keine modernen Kühlsysteme oder geflieste Räume leisten konnten, wurden wegen Nichteinhaltung der neuen Hygienevorschriften geschlossen. Das Sterben der Kleinbauern macht dem Käsehersteller aber weiter zu schaffen: Seit deren Milch vom Markt verschwand, halten die Großen die Preise hoch.

Auch bei den Handelsbeziehungen ist Richters Meierei exemplarisch für das kleine Land: Er bemüht sich intensiv – aber bislang vergeblich – um einen Einstieg in den finnischen und schwedischen Markt. Auf Geschäfte mit dem riesigen, vielen Esten noch immer verhassten Nachbarn Russland setzt er nach einem gescheiterten Anlauf nicht mehr. „Es gibt eine totale Hinwendung nach Westen“, sagt Richter – und zwar in allen Lebensbereichen.



Sogar die Postimees (Tageszeitung) berichtete im März 2005. Das muss für die Esten schon eine kuriose Geschichte sein. Am Ende des Artikels gab es sogar noch den Lebenslauf von Richter als Curriculum Vitae

CV

• Sündis 18. septembril 1943 Dresdenis seitsmelapselise pere kolmanda lapsena.

• Kasvas üles Lõuna-Saksamaal Regensburgis, kus tema ohvitserist isa, kes 1947. aastal naasis Venemaalt sõjavangist, oli kasarmu komandör.

• Lõpetas Müncheni ülikoolis majandusteaduskonna ja rahvusvahelise õiguse instituudi.

• Hannoveris aega teenides oli ka ujumistreener ja õppis selgeks portugali keele.
• 1976–1983 Saksamaa Liitvabariigi diplomaat Portugalis. Pärast seda töötas kuni erruminekuni (1990) diplomaadina Argentiinas, Tšiilis, Uruguais, Brasiilias ja Venezuelas.
• 1990–1993 pidas vennaga Stockholmi lähedal pastatööstust. 1993. aastal ostis koos kahe vennaga Tammistusse suurfarmi, hiljem pani seal käima saksa juustu tegeva väikese meierei.
• Abielus brasiillanna Marlyga. Revali hotelligrupis konverentsikorraldusega tegelev tütar ja Tele2 arvutiinsenerina töötav poeg elavad Stockholmis.

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