Mittwoch, Oktober 05, 2005

Rückblende1992: Mart Laar PM mit 32



Der Artikel besagt, dass die Wirtschaft am Boden liegt, die Vorgängerregierung die Mindestlöhne gegen den Rat des IMF erhöht hat, ein harter Winter vor der Tür steht.

Statt die Leute weiterhin mit Almosen zufrieden zu stellen, wird die neue Regierung anders entscheiden.
Das wird der Beginn einer der radikalsten Wirtschaftsreformen Europas, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Den Seitenhieb auf Deutschland-heute verkneife ich mir jetzt. Denn die parlamentarischen Mehrheiten waren auch in Estland schwer zu bekommen.

Tartu, Universitätsstadt Estlands im Spätwinter 1992:

Ende 91, drei Monate ist Estland nun unabhängig. Einige Einrichtungen aus der sowjetischen Zeit funktionieren noch. Das Verkehrssytem: Bus und Bahn fahren regulär, aber PKWs sind für eine Großstadt eher wenig zu sehen.
Die Geschäfte leeren sich, es kommen keine neuen Waren nach, es beginnt das Ablaufen, Abklappern von unzähligen Verkaufsstellen, Supermärkten; denn anständig Essen will man troztdem. In Tartu als Gast der Universität wird mir das dunkle oder helle Brot und eine Art Frischkäse zum Hauptnahrungsmittel. Ja, ich habe Devisen mehr als reichlich, aber was kann und soll ich damit, mich von Parfums aus den Valutashops ernähren. Wenigstens gibt es dort trinkbaren finnischen Kaffee. Soll ich dort horrende Summen für exotisches Obst ausgeben?
Ein Freund, bei dem ich im Apartment in der Küche auf der Isomatte übernachte, weil nebenan, das einzige kleine Zimmer zum Schlafen und Wohnen dient: Für ein Ehepaar über 30. Tarmo, so heisst der Este, hat herausgefunden, wo die Produkte eines Finnisch-Estnischen joint ventures erworben werden können. Also gibt es eine Woche lang Fischstäbchen mit Kartoffeln - der Qualität wegen, versteht sich.
Ein anderes düsteres Kapitel im Winter 91/92: Am Wochenende fahre ich regelmäßig nach Tallinn, dort kenne ich mehr Leute, die einsamen Samstage im Gästehaus - Plattenbau- in Tartu, die Sonntage natürlich auch, vermeide ich dadurch. Das Wasser wird dort tagelang nicht erwärmt, auch im März nicht bei Schnee. Bin damals sehr norddeutsch geprägt, so wie die Esten nordeuropäisch, da entwickelt sich alles langsamer.(Internet Vorzeiten sind auch zu bedenken. In einer einzigen Postzentrale in der Großstadt Tartu kann man mit der Aussenwelt, sprich Deutschland, telefonieren. Schreiend in einer Kabine einmal die Woche, zu mehr habe ich keine Lust,weil nebenan die lauten Anrufe in den Kaukasus und was weiss ich wohin gehen. Gut, dass ich kein Russisch verstehe ;-).)
Zurück zur unglücklichsten Situation bei einer Familie in Tallinn. Habe mich vorher angekündigt. Als ich ankomme steht die junge Mutter in der Tür, verliert die Stimme und möchte erklären ,sie habe nichts zum Kochen im Haus. Einer der beschämensten Momente, den ich nicht lange ertragen kann. Sofort werfe ich ein - "Kein Problem!": "Ich gehe gleich los und besorge was!" Es endet wie es enden muss, ein Laden hat Gurkentöpfe, der andere auch, einer suspekte Eintopfsuppen in Gläsern. Wo sind Nudeln, wo sind Kartoffeln? Daraus könnte man was machen. Die ganze Tour durch die Stadt bringt nichts. Ich erinnere nicht mehr, wie ich zurückgekommen bin und was ich gesagt habe. So depremierend. Es gab ja auch den kleinen Jungen im Haus.
Diese Art von "Shopping" hatte eine Begleitmusik. Das Öffnen einer Tür, und deren folgten ja viele, endete mit einem lauten Knall. Weil eine stramme Feder die Tür wieder schloss. Dieser rüde Vorgang veranlasste mich einmal zu einer Prognose. Wenn dieses Zuknallen der Tür (Ständig wollen Leute einkaufen, gerade, wenn es nichts zu kaufen gibt)endlich aufhöre, dann hat es Estland geschafft.

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