Mittwoch, Februar 01, 2012

Grüne Estenwochen

Kaum ist das Kulturhauptstadtjahr vorbei, gibt das estnische Außenministerium weitere Pläne für besondere Ereignisse bekannt. Im Januar 2014 wird Estland Gastland der Grünen Woche in Berlin sein. Landwirtschaftsminister Helir-Valdor Seeder habe eine entsprechende Vereinbarung mit der Messeleitung in Berlin abgeschlossen. Gastland 2012 war Rumänien, 2013 werden es die Niederlande sein. Eine erste Bilanz der gerade abgelaufenen Grünen Woche 2012 ergab einen Besucherzuspruch von 420.000 Menschen.

Montag, Januar 30, 2012

Neuer Imagefaktor: die estnische Presse

Bekannt schwierige Ländersituationen
im Bild: hier ist es
ein US-Offizier in Afghanistan
(Foto: Richard Mosse / INSTITUTE)
Um Demokratie und Medienfreiheit geht es der Vereinigung "Reporter ohne Grenzen". Da die modernen Formen der Berichterstattung stark vernetzt und verzahnt abläuft ist es schon daher logisch, dass die Lage und die Arbeitsbedingungen von Journalisten auch erst im internationalen Vergleich ein übersichtliches Bild ergeben. Von manchen Ländern, die ständig entweder wegen kriegerischer oder kriegsähnlichen Auseinandersetzungen in den Schlagzeilen sind, wird vielleicht stärker öffentlich angenommen, dass dort auch die Berichterstattung schwierig ist. Gleiches gilt für diktatorenähnlich zwangsorganisierten Gesellschaften wie Nordkorea oder Belarus, oder für Länder mit extrem sich positionierenden religiösen Gruppierungen die abweichende Weltanschauungen mit öffentlichen Akitionen aggressiv bekämpfen. Einen im wahrsten Sinne des Wortes "anschaulichen" Überblick über möglicherweise problematische und für Journalisten auch oft lebensgefährliche Länder gibt zum Beipiel der Bildband "Fotos für die Pressefreiheit" (siehe Abbildung), der im vergangenen Jahr von "Reporter ohne Grenzen" veröffentlicht wurde.

Was aber verbinden wir zu diesem Thema mit Estland? Gab es Schlagzeilen dieser Art im vergangenen Jahr? Wurden estnische Journalisten mit Strafen belegt, wenn sie sich kritisch über bestimmte Politiker äußerten? Oder darf über die Lage der russischen Minderheit so berichtet werden, dass es auch mal ohne die gleichzeitige Rechtfertigung der Regierungspolitik geht? Vielen wird vielleicht beim Gedanken in diese Richtung gleich der hitzige Denkmalstreit des Jahres 2007 einfallen. Und auch 2010 gab es mal leere Titelseiten bei einigen Zeitungen, als estnische Journalisten wegen einer anstehenden Gesetzesänderung um den Informantenschutz fürchteten (siehe Süddeutsche Zeitung 6.4.10, Euronews, Transparency International). "Eurotopics" berichtete im gleichen Jahr von hoher Pressekonzentration und Befürchtungen, die Medien könnten zu sehr nach den Interessen ihrer Besitzer ausgerichtet sein, und auf der anderen Seite Russischsprachige vom russischen Staatsfernsehen gegen den estnischen Staats instrumentalisiert werden könnten. 2007 überraschte der estnische Ex-Kulturminister Raivo Palmaru in einem Interview bei "Cafe Babel" noch. "In den Medien Estlands sind Verleumdungen, Verletzungen des Urheberrechts und Beleidigungen so normal wie der Wetterbericht." Damit nicht genug, Palmaru fügte hinzu: "Esten sind wie Kellerasseln im Tageslicht." Und die Ex-Exil-Estin Aino Siebert sieht vornehmlich sich selbst im Kreuzfeuer der Kritik: ob als Aufklärerin von KGB-Verbindungen in der eigenen Familie, oder im Kampf mit zugeknöpften Behörden.

Haben wir da etwas verpasst? Die Estnisch- und Russisch-Kundigen zumindest werden die Lage besser überblicken können. "Reporter ohne Grenzen" zumindest sagt im Rückblick auf die Lage im Jahr 2011: Estland steht in der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit unter 179 Ländern auf Platz 3 (DREI). Nur in Finnland und Norwegen wird die Lage der Presse noch besser beurteilt. Damit stünde Estland fast noch besser da wie beim großen imagebildenden Thema IT und Internet. "Der Abstand zwischen den baltischen Staaten hat sich vergrößert", so schreibt dieser Bericht im Einzelnen weiter, "Estland rückte weiter an die Spitze der Rangliste vor. Lettland und Litauen fielen wegen einschlägiger Gerichtsurteile und wegen Eingriffen der Sicherheitsbehörden in die journalistische Arbeit auf Platz 30 bzw. 50." (Bericht "Europa und ehemalige Sowjetunion")
Schauen wir mal zurück auf die Entwicklung. Im Jahr 2003 taucht Estland auf Platz 13 auf, noch hinter Lettland. Gleiches gilt für 2004, wo Estland gleichauf mit Deutschland auf Rang 11 rangiert, beide knapp hinter Lettland. 2005 fallen Deutschland und Lettland weit zurück hinter Estland (weiterhin 11). Ein Jahr später rückt Estland auf Platz 6 vor, im meinungs-umkämpften Jahr 2007 sogar auf Platz 3 (Zusammenfassung: gute Noten für viel Diskussion zu umstrittenen Themen?). 2008 rutscht Estland leicht zurück auf 4, Spitze ist nun Island (Krisen als Lackmus-Test für die Presse?). 2009, im tiefesten Jahr der weltweisen Krise, ist Island plötzlich abgesackt auf Platz 9, Estland auf 6. 2010 nimmt Estland nur den 9ten Rang ein, Island ist zurück auf 2 (hinter Finnland). 

Aber ob nun diese ganze "Ranglisterei" Estland irgendwie weiterhilft - still ruht der See (im Moment), die kommenden kritischen Auseinandersetzungen werden es zeigen müssen. Der höchste Grad der Mediennutzung in Estland wurde bereits 1989-90 erreicht, schreibt Peeter Vihalemm in einer Untersuchung aus dem Jahr 2006, und fügt hinzu dass Ende der 80er Jahre in Estland über drei Stunden täglich Radio gehört wurde, Mitte der 90er Jahre sogar über 4 Stunden - doppelt so viel wie Stunden vor dem TV. Vielleicht hängt ja das "Endergebnis" von Mediennutzung auch vom "genauen Hinhören" ab, losgelöst von der Option für die Medien, möglichst ungezügelt Wahrheiten möglichst laut herausschreien zu können. Vihalemm weist nicht zu Unrecht darauf hin, dass auch schon die Menschenkette vom 23.August 1989 (gemeinsames baltisches Gedenken an die Folgen des Hitler-Stalin-Paktes, Menschenkette von Vilnius bis Tallinn) durch die Medien - und insbesondere durch Mitteilungen im Radio - mit organisiert wurde und strukturiert werden konnte. Heute aber, nochmal Vihalemm zufolge, haben viele Menschen nicht mal das Geld, um eine einzige Zeitung zu abonnieren. Die Printmedien gehen stark zurück. Ein Generationsunterschied sei ebenfalls erkennbar: die Älteren sitzen heute zunehmend vor dem Fernseher, die Jugend online im Internet.

Dienstag, Januar 24, 2012

E-Steckdosenland

Wird Estland zum Experimentierfeld für Elektroautos? Der Schweizer Konzert ABB meldete vor einiger Zeit den Abschluß von Verträgen, um in Estland Ladestationen für Elektroautos aufzubauen (ABB-Pressemitteilung vom 9.1.12) . Estlands Verkehrspolitiker planen, in allen "urbanisierten Gebieten" (so drücken es die Schweizer aus) mit mehr als 5000 Einwohnern Schnellladestationen zur Verfügung stellen. Auf Hauptverkehrsstrassen solle alle 50 Kilometer eine Schnellladesäule installiert werden, und im Ergebnis werde dann die bei weitem höchste Dichte an Gleichstrom-Ladestationen in Europa geschaffen. Kann das gehen? Bisher kannten wir Estland nur mit niedriger Einwohnerdichte - ob die Schweizer richtig verstanden haben, was Esten unter "urbanisiert" verstehen?

Mit Hilfe der ABB-Ladestationen soll die Ladezeit üblicher Elektroautos nur 15-30 Minuten betragen, berichtet "Clean Thinking". Und bis ins "Windkraft-Journal" hat sich die Nachricht verbreitet, die Regierung Estlands habe kürzlich 507 Elektrofahrzeuge des Typs Mitsubishi i-MiEV für Sozialarbeiter im gesamten Land erworben, an deren Amtsgebäuden hat ABB bereits Ladestationen errichtet. Estland muss seine CO2-Schadstoffbilanz verbessern,
"Green Investment" ist daher angesagt, das bestätigt auch der estnische EU-Vekehrskommissar Siim Kallas (EurAktiv). Darüber hinaus wird der Erwerb privater Elektroautos mit bis zu 50 Prozent von der Regierung Estlands gefördert. Bei einer durchschnittlichen Reichweite von nur 200km, die Elektroautos gegenwärtig erreichen, scheint ein Land wie Estland wieder einmal besser zum Modell-Land zu taugen als ein größeres EU Land wie Deutschland.

Noch nicht ganz ins positive Bild passt da die Meldung, trotz Förderung seien in Estland bisher erst 17 solche Förderanträge eingegangen, 9 davon bewilligt (ERR). Bis zu 50% Förderung und 18.000 Euro pro Autokauf sei möglich, vorerst bis zu einer Frist bis November 2012 zu beantragen. Wer gegenwärtig sich ein Elektromobil zulegt muss aber wohl noch hoffen, dass die geplanten Ladestationen schnell und zuverlässig fertig gestellt werden. Auch von Zweifeln der estnischen Autonutzer, ob denn so ein Elektroauto auch ordentlich winterfest sein könnte, ist zu lesen.

Sonntag, Januar 08, 2012

Der Drachen

The Dragon by Dimitrijev
The Dragon, a photo by Dimitrijev on Flickr.

Ende Dezember fand Dimitrijev diesen Vordergrund. Die Tallinn-Silhouette. So geht's auch.

Freitag, Januar 06, 2012

Lieber kein Zucker im estnischen Kaffee?

Was bringt das Jahr 2012 wirklich? Mehr noch als
in den amtlich veröffentlichten Statistiken wird
es im Alltag spürbar werden
Um durchschnittlich 5% stiegen die Preise in Estland im Vergleich zur Situation bei Einführung des Euro im Januar 2011, das teilte des staatliche estnische Statistikamt kürzlich mit. Am stärksten beeinflußt wurde der Preisindex von den Lebensmittelpreisen und den Preisen für nichtalkoholische Getränke. Daneben stiegen auch die Preise für Elektrizität und Heizung um 6.2%, die Treibstoffpreise sogar um 12,2%. Den stärksten Preisanstieg verzeichneten Zucker (43%) und Kaffee (45%). Kartoffeln blieben um durchschnittlich 34% teurer als im Vorjahr, während die Preise für Eier um 9.4% sanken.

Einige Daten:

Gesamt - +5.0
Lebensmittel & nichtalkoholische Getränke - +9.7
Alkohol und Tabak - +6.3
Kleidung und Schuhe - +3.5
Bauen & Wohnen - +5.9
Haushaltswaren - +0.7
Gesundheit - +0.4
Verkehr - +5.1
Kommunikation & Medien -4.2
Kultur & Freizeit +0.7
Schule und Bildung +2.2
Hotels, Cafés und Restaurants +6.0
Verschiedenes +2.8

Donnerstag, Dezember 29, 2011

Mittwoch, Dezember 28, 2011

Mittwoch, Dezember 07, 2011

Bandagierter Mann

Bandage man by kalevkevad
Bandage man, a photo by kalevkevad on Flickr.

Kalevkevad, ein Norweger aus Stavanger hat ein Fable für Streetart. Hier seine neueste Entdeckung in Tallinn. Wer auf's Foto klickt, findet noch mehr.

Montag, Dezember 05, 2011

Paldiski - noch eine Filmkulisse (2002)




Hatten wir bereits Stalker, den einflußreichen sowjetischen Film vorgestellt, der 1979 in Tallinn und Umgebung gedreht wurde, so ist Paldiski Drehort für die schwedische Produktion lilja4ever.
sludgegulper hat Aufnahmen von 1996, als die Atomreaktoren des U-Boot-Standortes bereits abgestellt waren und Paldiski allmählich zur Gespensterstadt wurde.



Wikipedia:
Die in einem nicht näher benannten Ort der ehemaligen Sowjetunion spielenden Szenen wurden in Paldiski und Vororten von Tallinn (Estland) gedreht. Die zu Sowjetzeiten rund um die Altstadt Tallinns entstandenen gewaltigen Trabantenstädte spiegeln die trostlosen Lebensverhältnisse in vielen Plattenbaugegenden im ehemaligen Ostblock wider. Die Szenen in Schweden spielen und entstanden in Malmö.

Der Film, der in den Anfangsszenen trotz Schauspielern bewusst dokumentarisch wirkt, orientiert sich an der Geschichte der sechzehnjährigen Litauerin Danguole Rasalaitė, die sich im Januar 2000 mit einem Sprung von einer Autobahnbrücke in Malmö das Leben nahm, nachdem sie monatelang zur Prostitution gezwungen worden war.

Mehr Info gibt es allerdings auf der englischsprachigen Seite von Wikipedia.
Der Trailer:

Im Moment findet sich der ganze Film auf Youtube.

Donnerstag, Dezember 01, 2011

Nochmal Baltikum


So ein Überblick-Buch über die drei baltischen Länder war schon länger wieder fällig. Seit Mitte des Jahres erhältlich. Diesmal hat es der Journalist Robert von Lucius geschrieben. Er arbeitet bei der FAZ und berichtete schon über die Jahre aus dem Nordosten Europas. Sogar vorwaerts.de lobt die Beschreibungen der Gegenwart und Entwicklung der letzten 20 Jahre.
Was mir selbst beim Lesen auffällt: Ich habe keine Ahnung von Litauen und Lettland mehr. Dass der Wiederaufbau des Großfürsten-Schloßes in Vilnius als Vorbild für deutsche Projekte genutzt wird, ist mir glatt entgangen.Innenpolitik südlich von Pärnu ist mir auch weitgehend unbekannt. Ich habe neben Estland auch andere Länderschwerpunkte, doch die Nähe der südlichen baltischen Länder hat bei mir kaum Informationsspuren in den letzten Jahren hinterlassen. Das macht auch deutlich, wie wenig wahrscheinlich von Estland bekannt ist.
Aber den Kapitel-Untertitel im Buch "Drei Baltische Wege" kann ich nachvollziehen:
Estland - Ein halbnordisches Erfolgsland; ja, und Lennart Meri kommt auch drin vor.

Sonntag, November 20, 2011

Neuer Blog aus Tallinn


Nachdem die Stadtschreiberin nicht mehr in Tallinn weilt, hat bereits ein weiterer deutschsprachiger Blog die Nachfolge angetreten: kulturweit.de
Karla Zipfel, beschäftigt an der deutschen Schule in Tallinn.

Donnerstag, November 17, 2011

Irland-Estland Euro 2012

Aus der Traum. Aber das 4:0 für die Iren im ersten Spiel war einfach zu viel. Am Ende waren es nur noch neun Spieler für die estnische Nationalmannschaft. Dafür gab es wenigstens dann ein 1:1.
Mein Tipp, mit Estland muss man in Zukunft rechnen und der "krasse Außenseiter" gilt nicht mehr, und es braucht auch Dusel wie es die Franzosen und wiederum die Iren in den letzten internationalen Qualifikationen hatten.
Danke MacEntee für die Commons.

Freitag, November 11, 2011

Jenseits von Rentieren und Lönneberga: Filmland Estland

Ein Schaufenster des nordischen Films nach Europa - diese oder ähnliche Zielsetzungen waren von Seiten der Lübecker Filmtage schon öfter zu hören und zu lesen. Da müsste doch ein Land, dass sich öfters ausdrücklich eher "nordisch" als "baltisch" definiert, ganz richtig sein, dachte ich mir und habe mich dieses Jahr mal nach Lübeck auf den Weg gemacht um die neuen Trends zu erkunden. Um die Frage dann umzudrehen: sind die "Nordischen Filmtage" auch "baltisch"? Finden estnische (lettisch, litauische) Filmproduktionen hier ihr Publikum, ihre Verleihpartner, oder eine kollegiale Diskussionsebene? 

aus: "Tänze für die Milchstraße"
(Tantsud Linnuteele)
Um es gleich zu sagen: die feierliche Preisverleihung habe ich mir gespart. Aber obwohl offenbar niemand Filme aus Estland preiswürdig fand ("Nachwuchs im höheren Sinne", so bezeichnete Festival-Intendantin Christine Berg im NDR-Fernsehen die Produktionen aus den baltischen Staaten), kann ich andererseits sagen: Ich habe auch keinen schlechten Film gesehen. 
49 Kinos, inklusive 3 Multiplex-Kinos, existieren momentan in Estland - von den 49 sind aber nur 12 Kinos ganzjährig betrieben. Durchschnittlich 3,70 Euro muss ein Zuschauer in Estland für ein Ticket bezahlen, aber nur 2% der insgesamt 2,1 Millonen Zuschauer sehen sich in den Kinos einen in Estland produzierten Film an (Baltic Film Statistik 2010). Im Jahr 2010 hatten 4 estnisch produzierte Spielfilme Premiere, 6 Kurzfilme, 1 Animationsfilm - aber 34 Dokumentarfilme. So begrenzt ist der einheimische Markt für jede estnische Filmemacherin und jeden Filmemacher - jeder fertige Film ein kleines Wunder.

aus: "Vahetus" (Schicht)
Am wenigsten ambitioniert aus dem diesjährigen estnischen Lübeck-Angebot wirkt vielleicht noch "Alte Fische" von Katrin Maimik und Triinu Ojalo. Die Aufnahmen der gealterten estnischen Schwimmgrößen Eve, Olav, Helle, Aksel, und Lembit wirken familiär und wie für einen Kreis gemacht, wo man sich kennt - wie auch die Schwimmheroen untereinander. Ob diese Sportgrößen in Estland immer noch bekannt sind? Oder treffen sie auf internationalen Wettbewerben immer nur dieselben, "die es nicht lassen können"? Der Film verrät es nicht wirklich, gibt für "Nicht-Esten" nur Ansätze preis. Klar wird einzig, dass es wohl nicht einfach war mit einer Kamera so eng an Schwimm-Familiäres heranzukommen. 
aus: "Eesti lood - vanad kalad"
(Estnische Geschichten - alte Fische)

Dann "Vahetus" (Schicht) von Anu Aun, gleichfalls ein Kurzfilm (15min.). Hier treffen das ganz normale Alltagsleben auf die Lustbarkeiten der estnischen dünnen Oberschicht, und gleichzeitig gedankenlose Männer auf willensstarke Frauen. Lichter der Großstadt, grelle und verblassende Farben, leise und rücksichtslose Töne. Der Film heimste schon eine Reihe estnische und internationale Preise ein - unter anderem den Titel "bestes estnisches Filmdebut" - völlig zurecht. Von Anu Aun wird man noch hören und sehen - wie zu lesen ist, ist sie gleich an mehreren neuen Filmproduktionen beteiligt.
Regisseur Andres Maimik
als Gast der Nordischen
Filmtage Lübeck
Schließlich ein Film über einen Filmemacher: wo in der Welt war einmal ein Filmemacher Präsident? Das fragte Regisseur Jaak Löhmus das Lübecker Publikum. Lennart Meri auf Reisen in unbekannte Welten: war er eher Künstler, Ethnologe oder Staatsmann? Vor allem Dokumente der vielen Filmdrehs auf Reisen hat Löhmus zusammengetragen: die vielen Gesichter des Lennart Meri (EstinFilm). Deutlich wird die lange Zeitspanne, in der er mit den Filmteams unterwegs war - das war nichts Zufälliges oder Spontanes, das war ein Lebenskonzept. "Er war vor allem derjenige, der interessante Leute zusammenbringen und zusammenhalten konnte," heißt es im Film über ihn. In "Tänze für die Milchstraße"  hängt das Gelingen der Aufnahme manchmal auch vom örtlichen Schamanen ab - den Filmen hat es nicht geschadet, aber dargestellten Lebensumstände wirken vielfach wie aus einer längst verflossenen Zeit - wie wahre Dokumente eben.

"Kuku" - Arvo Kukumägi als Arvo Kukumägi
Katrin Laur, die sich nach erfolgreichen Filmprojekten in Deutschland ("Geschlecht weiblich", "Ruudi") nun auch wieder sich in Estland und mit estnischen Themen beschäftigt (auch "Ruudi" lief schon äußerst erfolgreich in Estland), zeigt in "Die Tochter des Friedhofswärters" dass nicht alles glänzt in der estnischen Heimat. Vor allem auf dem Lande, weit ab von Tallinn, haben nicht alle den Anschluß gefunden, weder an die eigenen Konsumerwartungen noch an die verlorenen Träume. Laur, die zur Lage in Estland meint eigentlich würden ihre Landsleute in großer Mehrheit die allgemeine Entwicklung seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit befürworten, schwenkt den Fokus auf dennoch vorhandene Unzulänglichkeiten. Arbeitslosig- und Perspektivlosigkeit kann zu Alkoholismus führen, aber es sind auch noch andere Faktoren die ihre Figuren auf ihrem persönlichen Weg stolpern läßt. Selbst Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter, lenkt sie die Aufmerksamkeit auch auf die kommenden Generationen, und auch auf die estnischen Frauen, die wieder einmal mehr zu schultern haben, und eigentlich nicht nur an momentanes Vergnügen denken können - und meistens auch nicht wollen, wenn nicht die Sucht auf Irrwege lenkt. In diesem Film wird auch eine Brücke nach Finnland geschlagen, als Land eventueller Chancen für Arbeitsmigranten, und auch als Kontrast unterschiedlicher weiblicher Lebenskonzepte. Eine gewisse Schwere liegt über diesem Film, aber nie fällt der letzte Vorhang, immer ist klar: das Leben wird weitergehen. Die Landschaft ist schön, aber sie tröstet nicht - in der schönen neuen Welt, wo meist jeder nur an sich selbst denkt, sind es meist die Verbindungsfäden von Frauen untereinander, die eine Basis zum Überleben schaffen. Aber ein klein wenig anders darf auch das moderne Estland noch werden, scheint der Film sagen zu wollen. Nicht alles hängt nur davon ab, endlich mehr Geld zu haben - auch die Menschen müssen sich darauf einstellen, endlich ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

des Friedhofswärters Frau und Tochter:
"Surnuaiavahi tütar"
Alkoholismus ist auch Thema im Film über "Kuku" - Arvo Kukumägi. Ein Este, der es immerhin ins Filmlexikon bei "Zweitausendeins" geschafft hat, der in den 80er Jahren mehrere Hauptrollen in estnischen Filmen hatte die heute als Klassiker angesehen werden. Seit seinem Debut in Peeter Simms "Tätoveering" hat er in über 40 Filmen mitgewirkt, zuletzt auch 2004 in "Sigade revolutsioon" (Revolution der Schweine), ein Film der teilweise sogar in Deutschland zu sehen war. Doch "Kuku" hat auch Phasen, wo selbst letzte Strohhalme unerreichbar scheinen: Freundin, Bekannte, alles scheint dann völlig im Alkohol zu versinken. Und dieser Film schafft es, die Zuschauer nicht nur auf den einen Moment zu fixieren, wo Kuku "schwach" wird und zur Flasche greift - das wäre zu kurz, zu sehr in moralischen Wunschvorstellungen gedacht. Unter der Regie von Andres Maimik und Kaidi Kaasik werden vielmehr Phasen sichtbar: Phasen der unglaublichen Stärke und kommunikativer Fähigkeiten, der Hoffnung und der Menschlichkeit - denn Kuku weiß wie es um ihn steht. Kuku will noch etwas schaffen im Leben - und setzt sich energisch ein für andere, für die das Leben noch schwerer zu sein scheint. Dann plötzlich die anderen Phasen, wo ein Mensch sich selbst verhöhnt und gleichzeitig zu wissen scheint, dass niemand über seine im Suff gemachte Witze lachen kann. Ein Schicksal, aber auch ein trotz aller Probleme beeindruckender Mensch wird sichtbar. Vor ganzen 5 Zuschauern in Lübeck übrigens, denn die Vorführung von "Kuku - I will survive" war parallel zur großen Preisverleihung und Party angesetzt.

Nein, jeder muss es für sich selbst entscheiden: vielleicht wird in Lübeck auch nur Jahr für Jahr das Bild gepflegt, dass der gemeine Deutsche so vom europäischen Norden hat. Rentiere, ungerecht behandelte Samen, einsame Fjälllandschaften, süße Kinderhelden oder problematische Familiendramen. Der estnische Film - so begrenzt die Produktion und so klein der heimische Markt auch ist - hat die Nordischen Filmtage vielleicht nicht einmal nötig - wenn man herausstreicht, dass einige erfolgreiche estnische Produktionen eben ihre (verdienten!) Filmpreise woanders bekommen. Vielleicht hat eines Tages ein norddeutsches Filmfestival mal die baltische Filmlandschaft nötig - als Quelle von Inspiration, Kooperation und Tatkraft. In Lübeck oder anderswo. 
Der estnische Film wird 2012 einhundert Jahre alt - schon jetzt darf man gespannt sein, ob von dieser langen Schaffensspanne irgendwo in Deutschland im nächsten Jahr etwas zu sehen sein wird.

Donnerstag, November 10, 2011

Estland hoch Zehn

Pacal Behrenbruch, vor wenigen Wochen noch bester deutscher Zehnkämpfer bei der WM in Daegu / Korea, sucht Orientierung in Estland. Diese Nachricht ging diese Woche durch die deutsche Sportpresse. Erki Nool, Europameister, Vize-Weltmeister und Olympiasieger 2000 in Syndey - so etwas wie ein sportlicher Nationalheld der Esten - soll den Deutschen in Zukunft auf mehr Leistung trimmen.Da wird der sportliche Frührentner sich entscheiden müssen - immerhin sitzt Nool inzwischen schon seit einiger Zeit als Abgeordneter im estnischen Parlament (Riigikogu).

Ausführlich widmet sich die Sportseite der FAZ diesem Thema.Behrenbruch sei aus dem Perspektivteam für die Olympiade in London im nächsten Jahr geschmissen worden, so heißt es. Aufgrund diverser Eskapaden habe Behrenbruch beim Deutschen Leichtathletik Verband nicht mehr sehr viele Fürsprecher.

Auch in der estnischen Presse spiegelt sich das Thema wieder. Dort verrät Behrenbruch, er habe zunächst überlegt nach Los Angeles zu Bryan Clay zu gehen (delfi.ee). Der Offenbacher Post zufolge habe er aber auch die Gefahr gesehen, "mich von schönem Wetter und Strandleben ablenken zu lassen". Fans auf dem deutschen Leichtathletik-Forum machen sich vorerst nur Sorgen um den Unterschied zwischen "Estnisch" und "Esstisch". Immerhin steht nun erstmal der Winter in Estland bevor - oder wo werden Nool und Behrenbruch wohl die Trainingseinheiten einlegen? Behrenbruch will vor allem seine zwei schwächeren Disziplinen verbessern: Weitsprung und Stabhochsprung. Genau diese galten immer als Stärken bei Erki Nool.

Donnerstag, Oktober 27, 2011

Erotisches Kapital gesichtet - in Estland

Nein, dies ist kein Börsenbericht, und hat nichts mit Strategien zur Rettung des Euro zu tun. Es geht auch nicht um eine Variante der Berlusconi-Affären, und erst Recht nicht um philosophische Betrachtungen über den Reiz des Geldes an sich. Vielmehr hat Roland Mischke, Autor bei "Die Welt", Betrachtungen darüber aufgeschrieben, wie "erotisches Kapital" eingesetzt werden kann. Und wo hat er diese Eigenschaften gefunden? Im Fokus stehen bei ihm weder leicht bekleidete Italienerinnen oder Spanierinnen, sondern an erster Stelle stehen offenbar Frauen aus Estland.


Einblicke ins
"erotische Kapital" -
jetzt neu in
deutschen
Medien
Wo dem Autor Estinnen mit ebensolchen Eigenschaften begegnet sind, bleibt aber leider etwas unklar. Weder die Illustration zum Beitrag zeigt eine Estin, noch die persönliche Erinnerung scheint zuverlässig. "Als sie das erste Mal zwischen unseren drei Schreibtischen stand, blond bis zu den Hüften und mit so strahlend blauen Augen, wie wir Bürostubenhocker sie bisher nur beim vorbeischnürenden Husky des Nachbarn bestaunt hatten, rückte sie sofort in den Mittelpunkt." Nun gibt es auch schwarzhaarige Mädchen in Estland, und auch Huskys sind dort nicht jedermanns Haushund. Estland wird es egal sein: irgendwie Eindruck scheinen estnische Frauen schon gemacht zu haben bei Mischke: "Wir Bürogemeinschaftler wollten nur noch wissen, wann sie anfing."

Soweit, so gut. Nun aber meint Mischke seine estnischen Assoziationen gleichsetzen zu müssen mit dem Buch „Erotisches Kapital“ von Catherine Hakim, eine Art "Ratgeber für Frauen, die stilvoll Karriere machen wollen".Das weist auf einen weiteren Beitrag in der WELT hin, ein Interview mit Elisabeth Bonneau, der so stilvolle Fragen gestellt werden wie "Ist Schönheit hilfreich oder hinderlich für den Erfolg?".Immerhin weist die Antwort dort darauf hin, dass sich auch Estinnen nie die Nase operieren lassen sollten - Einheit von innen und außen reicht, meint die weibliche Expertin (auch wenn sie dabei nur Goethe zitiert, und nicht den Kalevipoeg). "Kleidung ist weniger wichtig als Mimik", erzählt Frau Bonneau bereitwillig - womit immerhin nicht behauptet wird, Estinnen seien schlecht gekleidet. In Mischkes männlichen Beschreibung seiner estnischen Frauenträume kommt immerhin vor, dass die estnische Bewerberin "langsam ihren Mantel aufknöpft". Und nach ein paar aus verschiedenen Büchern gepflückten Zitate wie "Schöne Frauen verdienen 20% mehr" geht es noch weiter: "Wir Bürohengste, zwei davon mit hohem IQ, waren von Maarja betört. Am ersten Tag räumte sie um, am zweiten besaß sie die Hoheit über Kaffeemaschine und Kücheneck, am dritten orderte sie Büromöbel auf unsere Rechnung. Sie war präsent, schaute, redete, handelte. Staunend ließen wir sie gewähren." 

Was haben wir nach Lektüre dieses Beitrag über Estland gelernt? Wir wissen nicht, ob es die vom Autor beschriebenen Frauen überhaupt gab, oder ob es eher als Rechtfertigung dafür dienen soll, dass hier ein Mann Aussagen macht über Ratgeber für Frauen. Zumindest eines scheint klar, besonders für zukünftige Praktikantinnen in der Redaktion der "Welt": wer geschickt auftritt, und noch dazu behauptet aus Estland zu kommen, kann es dort offenbar weit bringen ...
Anmerkung eines Online-Lesers zum Beitrag: "Eine Frau die wirklich über 'erotisches Kapital' verfügt, zeigt es, aber sie gibt es nicht aus!"

Dienstag, Oktober 25, 2011

Kontrast

Contrast by lakesly
Contrast, a photo by lakesly on Flickr.

Auf der Suche nach einem Oktoberbild. Glen Forde hat eins. In Tallinn.

Mittwoch, Oktober 12, 2011

Aitäh, Sloveenia!


So bedankt sich die Ohtuleht für das Spielergebnis in Slowenien bei der Fußball-EM Qualifikation. Serbien hatte die Chance mit einem Sieg an Estland vorbeizuziehen, aber die serbische Nationalelf hat verloren. Estland ist noch im Rennen. Erstmals.

Dienstag, Oktober 11, 2011

Tallinn geflutet

Das estnische "Land Board" (Maa amet) gibt eine Karte heraus, die verdeutlichen möchte was passieren würde, wenn sich aufgrund Klimaveränderungen der Meeresspiegel der Ostsee verändern (ansteigen) würde. Eine Veränderung um mehr als 1 Meter nach oben ist nach Angaben dieses Amtes äußerst selten und passierte zuletzt bei einem Sturm im Jahre 2005, als der Wasserspiegel um 152cm anstieg. Ähnliche Karten wurden bereits für Pärnu, Haapsalu, Kuressaare and Tartu erstellt und sollen den Katastrophenschutz in diesen Gebieten verbessern.
Wer sich generell für Karten bezüglich Estland interessiert: dieselbe Institution hält auch allerlei andere Karten zur Einsicht bereit (link Geoportaal). 

Samstag, Oktober 08, 2011

Tabellenzweiter!

Das ist Fußballgeschichte, obwohl das Spiel nicht schön gewesen war. Estland hat 2:1 gegen Nordirland wiederholt gewonnen, nicht zu Hause, ist nun Tabellenzweiter in der Euro 2012 Qualifikation. Slowenien und Serbien entscheiden im folgenden Endspiel um Platz 2, wer noch Chancen auf das Weiterkommen hat, Estland oder Serbien. Soweit war die estnische Nationalmannschaft noch nie. Nur, warum mussten sie ausgerechnet einmal gegen die Faröer verlieren.

Donnerstag, Oktober 06, 2011

BIFF 2011 Idioot

BIFF 2011 Haeundae by Jens-Olaf
BIFF 2011 Haeundae, a photo by Jens-Olaf on Flickr.
Samstag ist es soweit. Der Film Idioot von Rainer Sarnet wird auf dem Busan International Filmfestival aufgeführt. Er läuft unter der Kategorie Flash Forward und basiert auf einer Vorlage des Schriftstellers Dostojewski. Einige werden das Buch gelesen haben. Der Film ist aber keine historische Rekonstruktion.