Von Janis K., ein Schwarz-Weiss-Fotograf.
estland
Ist Estland eigentlich "baltisch"? Die estnische Sprache ist ja dem Finnischen ähnlich (finno-ugrisch), und das sogenannte "Baltikum" ist sowieso ein Behelfsbegriff ohne Grundlage. Noch viel zu wenig ist in Deutschland bekannt über Kultur und Geschichte, über Politik und Gesellschaft in Estland. Die jungen Europäer in Deutschland und Estland werden die Zukunft prägen! Wir rufen auf zur Diskussion.
Sonntag, Mai 19, 2013
Mittwoch, Mai 08, 2013
Keine Damen in Paris
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| Jeanne Moreau - diesmal als mürrische Alte mit estnischen Wurzeln |
Da zitiere ich doch lieber "Giustino" aus seinem Blog "Itching for Eestimaa": "Da war etwas in dem Film, das mir die Tränen in die Augen trieb. Ich weiß nicht genau warum. Vielleicht war es der betrunkene Ex-Ehemann, die brave Großmutter mit ihrer Demenz, das stille Begräbnis mit einem Schuß Vodka, die unrenovierte Wohnung mit den Möbeln aus der Sowjetzeit, die gestylten, egozentrischen Kids die keine Zeit für eine Beerdigung haben weil sie so viel arbeiten, ganz zu schweigen von der Dunkelheit und dem Schnee. Das rührte mich zu Tränen - vielleicht, weil es so gut beobachtet ist."
Ja, genau - auch ich war überrascht dass der Film fast 30Minuten Leben in Estland zeigt - obwohl Verleih und Medien ihn offenbar gern auf das verkürzen wollen, was Deutsche so von Frankreich, Paris und französischen Schauspielerinnen zu kennen glauben. Das gibt jedem Zuschauer die Chance, sich einzufinden in estnische Befindlichkeiten: zart, zurückhaltend, leise, wortkarg - wie Estinnen und Esten eben so sind.
In der deutschen Kritik wird es dann einem "schwachen Drehbuch" angekreidet, teilweise auch dem Regisseur, dessen erster Film "Klass" ja viele Szenen bot die Stoff für den Klatsch unter Facebook-Freunden sein können.
Das Estland-Missverständnis
Vielleicht steht die bisherige deutsche Rezeption des Films auch für eine Reihe heutiger, ganz typischer Missverständisse im europäischen Zusammenleben. Ein Film aus Estland, na und? In diesem Film spielt niemand mit dem Handy herum, geht drahtlos ins Internet, fährt als Einwohner Tallinns kostenlos Bus, oder fabuliert vom angeblichen "Baltikum". Vielleicht sollte man zweimal hinschauen (wer im genauen Hinschauen nicht so geübt ist)?
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| ...aber sehr wohl Estinnen und Französinnen in Europa? |
Ein weiteres Mißverständnis: vergessen Sie Jeanne Moreau, entdecken Sie Laine Mägi! Wer von Beginn des Films an auf Jeanne Moreau wartet, der macht sowieso etwas entscheidendes falsch, und Moreau läuft erst dann zu Höchstform auf, als Mägi (als Anne) ihr als Charakter ebenbürtig entgegentritt und sie einen adäquaten Gegenpart bekommt.
Also - um bei den deutschen Filmkritiken zu bleiben - da ist Carsten Beyer vom "Kulturradio" schon eher zuzustimmen, der den Film "wegen den Hauptdarstellern sehenswert" findet. Allerdings unterschlägt auch er, dass sich der Zuschauer schon ein wenig mit Estland befassen sollte, und nicht nur damit, wieviele Männer die Filmfigur "Frida" (Jeanne Moreau) nun eigentlich hatte. Es geht hier um das Zusammentreffen zweier Kulturen, und auch mehrerer Generationen: nur zu gern würde ich Näheres darüber lesen, wie Estinnen und Esten in Estland die dargestellte "Ex-Exil-Estnische Gemeinde" in Paris sehen, so wie sie Ilmar Raag auftreten lässt. Kurze Szenen nur, die aber Folgen für Generationen haben: zerstritten und missgünstig, ewig gleiche Diskussionen in einzelnen Sätzen eingefroren und wie Tropäen ausgesprochen vor sich hertragend, wortkarge Menschen, die sich gegenseitig selbst die wenigen Worte noch verbieten wollen. Bissig oder ironisch? Schade, dass nicht jeder Deutsche zusammen mit einem/einer Esten/Estin ins Kino gehen kann - immerhin besteht die Chance, erst nach Estland zu fahren und dann sich den Film anzusehen. Oder: mit weniger vorgefertigten Schablonen den Film anschauen und sich auf das durchaus vorhandene typisch estnische konzentrieren (Jeanne Moreau kommt dann von selbst und ist natürlich unverzichtbar!).
Hier noch ein Lob an die deutsche Synchronisierung: die deutsch eingesprochenen Szenen der im Film in Frankreich lebenden Esten sind ziemlich gut getroffen, und diesmal glücklicherweise nicht mit "irgendwelchen radebrechenden Osteuropäern" besetzt worden.
Sehnsucht nach Frankreich - und nach sich selbst
Vielleicht kann man Ilmar Raag, der ja auch das Drehbuch schrieb, doch an einigen Stellen kritisieren - vor allem für den Schluß. Es wirkt etwas unentschlossen sowohl zwischen den Figuren schwebend wie in Bezug auf die vorher so betonten verschiedenen Gefühlswelten, wenn am Schluß Fridas junger Liebhaber Anne leicht über die Backe streichelt, und Frida energisch Anna bedeutet: "Du bist doch hier zu Hause!"
Die tatsächlich in Estland auch historisch verankerten Frankreich-Bezüge Estlands kann ein europäischer Kinobesucher hier ja nicht ahnen: man muss nämlich gar nicht die angeblich so vorherrschenden Sowjet-Sehnsüchte nach "freiem Reisen" hervorkramen, um Frankreich-Sehnsüchte in Estland zu begründen; manch wohlmeinender Deutscher wird hier vielleicht auch "Ossi-Gaby und ihre Banane" vor Augen haben, also vermeintlich eher ahnungslose Illusionen. Nein, Estland hatte, ähnlich wie die Nachbarländer Finnland oder Lettland, schon zur Jahrhundertwende 1900 oder in der Zwischenkriegszeit ein derart reges Kulturleben, das sich von Paris anregen und verzaubern ließ. Auch Französisch als "Sprache der Kultur" (gegenüber Englisch als Sprache des Business, Russisch und Deutsch als Sprache der übermächtigen Großmächte) trägt das seinige dazu bei. Im Film wird das nur kurz angerissen - im Drehbuch gibt es keine Figuren aus dieser Zeit, etwa Annes oder Fridas Vorfahren. Aber immerhin können Estland-Kenner sich auch an diesen Details erfreuen, die stimmig eingebaut werden und auch ein Teil des Beziehungsgeflechts bilden, warum Esten sich mit Frankreich auseinandersetzen - ganz abgesehen von der Qualität der Croissants.
Am Schluß bliebt festzustellen: ich möchte gerne den Film nochmal sehen, und zwar in französicher Fassung. Denn auch mein Urteil ist natürlich subjektiv, geprägt von deutscher und estnischer Erfahrung. Ein Blick von Frankreich aus auf Estland wäre neu.
Ilmar Raags Film entzaubert beide "Damen" gleichermaßen: die zurückhaltende Estin muss erkennen, dass Sehnsucht nach Harmonie, moralisch geprägten Partnerbeziehungen und nachgeholten Jugendträumen nicht das einzig mögliche Lebensmodell ist. Genauso wichtig aber, dass auch die Französin mit estnischen Wurzeln hier nicht als "Besserwisserin" auftreten kann, je länger der Film dauert. Ob ihre lange als "freie Lebensart" empfundenen dunstigen Beziehungen zu verschiedenen Männern wirklich dauerhaft und wichtig sind, wird sie neu entscheiden müssen - auch in ihrem hohen Alter. Vielleicht ist also am Ende wichtiger, dass Frida in Anne eine ziemlich ebenbürtige Freundin gefunden hat - egal was der einzig verbliebene, und scheinbar ziemlich überforderte Mann (Patrik Pineau) dann noch zu tun gedenkt (ganz so wie es auch der TAGESSPIEGEL schreibt).
Also, Endversion 1: Anne mit Koffer vor dem riesigen Eiffelturm (ein paar Minuten wegschneiden also).
Version 2: Anne begleitet Frida nach Estland, das Flugzeug über den Lichtern Tallinns. Ende.
Version 3: Anne und Frida gehen zusammen einfach mal in ein anderes Café. Und reden, und reden ....
Die schönsten und berührendsten Momente im Film, in dem nun wirklich eher zwei Estinnen als zwei Damen präsentiert werden, sind für mich immer dann, wenn ein Mensch innehält, eine Tür leise geschlossen wird, ein Mensch geht hinaus und der andere bleibt zurück. Ein Plädoyer vielleicht dafür, auch im eigenen Leben mal ein wenig innezuhalten und genauer hinzusehen. Oder die lärmenden Geräusche von draußen einfach mal abzuschalten - und Momente der Einsamkeit nicht als Verlassenwerden zu begreifen, sondern als Chance: entweder bleiben und beharren, oder ändern und Wagnis - beides ist möglich, beides ist gleichviel wert. Zwei, drei Sekunden des Sich-Bewußtwerdens über diese Momente nur, das reicht. Und - sicherheitshalber für diejenigen hinzugefügt, die glauben alle Esten suchten einfach eine Chance im "Westen" zu bleiben: Estinnen sind beharrlich. Nicht nur weil sie an der Wohnungstür sich gewöhnlich die Schuhe ausziehen. Wer's nicht glaubt, wird einen Film mit Damen wie Jeanne Moreau in Estland machen müssen.
Infoseite zum Film des französischen Co-Produzenten "TS Productions"
UniFrance Films / Filminfos bei AMRION, dem estnischen Co-Producer /
Infos bei "Filmstarts.de" / Webseite zur deutschen Fassung / ARSENAL-Filmverleih /
Infos zur Schauspielerin Läine Mägi /
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Dienstag, Mai 07, 2013
UEFA lobt Estlands Frauen
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| Stolz auf steigende Popularität des Fußballs auch beim weiblichen Nachwuchs: Keith Boanes und seine starken Frauen |
Europaweit gibt es insgesamt inzwischen 1,8 Millionen Fußballspielerinnen, in Estland wurden entsprechende Vereine erst in den 1990er Jahren gegründet. In den beiden obenen Ligen Estlands spielen insgesamt 15 Teams.
Schottisches Training, geizig nur bei Gegentoren
Als Keith Boanas 2009 von Schottland nach Estland zog um hier Frauenfußball-Nationaltrainer zu werden, musste er zunächst mit zwei 0:12 Niederlagen seines frisch formierten Eesti-Teams gegen Island und auch gegen Frankreich verkraften. Boanas hatte auch in England bereits Frauenfußball-Teams der Premiere-League trainiert und war auch Manager gewesen - beinahe hätten ihn die "Lincoln-Ladies" für 2013 auch erfolgreich mit einem neuen Vertrag locken können (siehe Bericht der BBC) - aber er entschied sich für Estland (ebenfalls BBC).Diese Gespräche zwischen England und Estland seien zumeist - typisch estnisch? - via Skype gelaufen, berichtet Boanas bei "Womensoccerunited". In Estland habe er Möglichkeiten die er in England nicht bekommen könne, und dabei sei Geld nicht das allein entscheidende gewesen.
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| Frauen und Fußball -inzwischen in Estland auch ein zunehmend interessantes Thema für eine breitere Öffentlichkeit |
Obwohl es bei einer Trainertätigkeit in einem anderen Land einige der üblichen Schwierigkeiten gäbe - Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede - der Respekt und die Anerkennung seiner Arbeit in Estland beeindrucke ihn immer wieder. Die Spielerinnen seien immer bereit, vier- bis fünfmal die Woche zu trainieren - trotz aller Belastungen in der Schule oder bei der Arbeit. Mangel herrsche aber an gut ausgebildeten Trainer/innen. Auch qualitative Sportanlagen seien nicht immer vorhanden, und manche Eltern hätten noch Vorurteile wenn ihre Mädchen sich fürs Fußballspielen interessierten.
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| Estnisches Frauen-Nationalteam vor dem Spiel am 20.3. gegen Luxemburg (1:1) |
In Estland ist die "Frau an seiner Seite" (Co-Trainerin) Katrin Kaarna, die als eine der ersten Estinnen die Trainer-A-Lizenz im Frauenfußball erreichte. Mit Anne Rei gibt es im Fußballverband EJL inzwischen auch eine weibliche Generalsekretärin. Inzwischen ist die Anzahl der estnischen Fußballerinnen bereits auf 800 angestiegen und der Verband hofft bald die 1.000-Grenze zu übersteigen.
Und sportlich? Schon 2010 gab es erste überraschende Erfolge: Nord-Irland wurde geschlagen, Kroatien sogar auswärts, und die Niederlagen gegen Frankreich mit 0:6 "halbierten" sich sozusagen. Das estnische Nationalteam nimmt heute zumindest für sich in Anspruch, das beste Frauenfußballteam der baltischen Staaten zu sein - am 30.März wurde Lettland in Riga 5:3 besiegt.
Webseite Estnisches Nationalteam Frauen / UEFA-Bericht zur Frauenfußball-Konferenz
Montag, April 22, 2013
Estland zum Beispiel
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der estnische Regierungschef Andrus Ansip loben sich gerne gegenseitig - soviel haben wir gelernt in der vergangenen Woche. Oder, wie es bei "Reuters" nachzulesen ist: "Deutschland und Estland preisen sich als Modelle der EU".
Aus deutscher Sicht mögen ja die Presseerklärungen und das Selbstlob, was Politiker bei solchen Anlässen gern verbreiten, eher nebensächliche Bedeutung haben - vielleicht ist es in den Augen der deutschen Öffentlichkeit bestenfalls eine Anerkennung dafür das Estland inzwischen nicht mehr ganz unbekannt ist in Europa. Estland seinerseits arbeitet daran in Deutschland nicht als eines derjenigen Länder gesehen zu werden, die "nur an unser Geld wollen", wie es Kritiker der EU-Erweiterung manchmal sagen.
Wie "typisch estnische Schlagzeilen" liest sich da der Estland Bericht den die WAZ am 12.4. brachte: "Ein Besuch in der ersten Internet-Republik". Gäbe es ein Land wie Estland nicht - denken sich dabei vielleicht die Leser - so könnte es auch virtuell erfunden sein. Die deutsche Seite fügt das Thema Datensicherheit hinzu - und schon kann die Diskussion ziemliche Längen einnehmen.
Regierungsmüde? Wir nicht.
Wer nur ein Jahrzehnt zurückschaut wird aus estnischer Sicht vielleicht feststellen, dass fast "nebenbei" nun Wirklichkeit geworden ist, was Estland ebenso wie Lettland und Litauen anzustreben versuchten: noch vor wenigen Jahren fanden deutsch-estnische Treffen fast nur "auf dem Weg zu" statt. Kurz vor Treffen mit russischen Politikern meistens, oder vor Gipfeltreffen mit osteuropäischen Themen. Heute hat ein deutsch-estnisches Treffen seine eigene Agenda. Das ist anerkennenswert, auch aus Sicht der deutschen Politik, und empfehlenswert auch für zukünftige Regierungschefs. Da bleibt das sogenannte "Baltikum" allenfalls der Wetterkarte vorbehalten - von Estland ist die Rede.
Die gewählten Schwerpunktthemen entsprechen natürlich den politischen Prägungen der beiden Hauptakteure. Ansip, wie Merkel naturwissenschaftlich ausgebildet (er Chemiker, sie Physikerin), hat ebenfalls Erfahrung mit einer ungewöhnlich langen Amtszeit als Regierungschef: seit April 2005 ist er ununterbrochen Estlands Ministerpräsident, und damit ein paar Monate länger noch als seine deutsche Kollegin. Und da Estland momentan mit der Einführung des Euro noch einen Schritt mehr gewagt hat als seine südlichen "baltischen" Nachbarn, kann in den entsprechenden Presseerklärungen auch allein vom "Modell Estland" die Rede sein. Ansip seinerseits stellt sich deutlich an die Seite Deutschlands und Merkels, wenn er sagt: "Ich bin davon überzeugt, dass meine Kollegin Angela Merkel nicht nur Deutschland gut führt, sondern sie ist auch eine gute Führungskraft für die ganze EU. Ich bin davon überzeugt, dass sie in der Europäischen Union auch Estland vertritt. " (siehe: Pressekonferenz 17.4.)
Estland für die Wirtschaft, Estland für die Bayern
Nun könnte man spitzfindig sein und sagen: nun ja, Russland liegt ja auch außerhalb der EU, und die Esten behalten es sich vor, zum nahen Nachbarn im Osten eine eigene Meinung zu haben. Hierzu gäbe es in der CDU sicherlich verschiedene Meinungen: wenn Putin gerade bei einem wichtigen Wirtschaftstreffen wie der Hannover-Messe stürmisch kritisiert wird sind die meisten CDU-Wirtschaftspolitiker wahrscheinlich doch eher peinlich berührt. Ansip sagte hierzu nichts - er wurde aber auch nicht danach gefragt. Lieber erklärte er den Ausbau der Bahnstrecke nach Estland ("Rail Baltica") für wichtig für alle drei baltischen Staaten (im Wissen, dass zumindest Lettland bei diesem Thema momentan sehr zögerlich agiert). Oder der Ausbau der Verbindungen im Energiesektor sei vordringlich. Wie schon bekannt.
Nur die vom Büro des Regierungschefs in Estland verbreitete Meldung enthält sehr feine Kritik, wenn man das denn so lesen möchte: Deutschland rangiert bei den Investitionen in Estland "nur" auf Rang acht, aus der Sicht Estlands ist Deutschland Handelspartner Nr.5, beim estnischen Außenhandel hält Deutschland einen Anteil von 7,5%. Und der Anteil deutscher Touristen in Estland stieg (gemäß statistischen Daten) im dritten Jahr in Folge an und liegt jetzt bei 111.251 deutsche Gäste in Estland im Jahr 2012; auch das kann sicherlich noch mehr werden - lediglich 6% der Übernachtungen in Estland buchen deutsche Touristen, und sehr viele übernachten selten außerhalb von Tallinn, und sehr wenige buchen mehr als zwei Übernachtungen.
Auch Ansip besuchte ja diesmal "nur" Berlin. In Tallinn gibt es diesertage allerdings auch genug "Deutsches" - einen "deutschen Frühling", zu dem die Deutsche Botschaft, das Goethe-Institut und das Land Bayern eingeladen hatten (Programm siehe "Saksa Kevad"). Nun distanziert sich Rest-Deutschland, besonders der nördliche Teil, ja sowieso gern von den Bajuwaren und wird wahrscheinlich eher mit dem Kopf schütteln, wenn der "deutsche" Beitrag einer Ausstellung im Kunstmuseum KUMU ausgerechnet in "bunt angemalten BMWs" besteht ("bayrische Kultur", oder schlicht "Poduct Placement"?). Den estnischen Erwartungen wird es allerdings wahrscheinlich entsprechen: Autos, Bier, "Volksmusik" und Billig-Einkauf - was soll Deutschland auch sonst bieten? Vielleicht hatten die Bayern Glück, dass sie mangels estnischer Fußball-Begeisterung nicht auch noch mit Deutschlands reichstem Fußballklub auftraten - angesichts der nun bekannt gewordenen Hoeneß-Verfehlungen. Jeder weitere Kommentar sei aber denjenigen Estinnen und Esten vorbehalten, die den "deutschen Frühling" (der meteorologisch ja eher auf sich warten ließ) miterlebt haben.
Aus deutscher Sicht mögen ja die Presseerklärungen und das Selbstlob, was Politiker bei solchen Anlässen gern verbreiten, eher nebensächliche Bedeutung haben - vielleicht ist es in den Augen der deutschen Öffentlichkeit bestenfalls eine Anerkennung dafür das Estland inzwischen nicht mehr ganz unbekannt ist in Europa. Estland seinerseits arbeitet daran in Deutschland nicht als eines derjenigen Länder gesehen zu werden, die "nur an unser Geld wollen", wie es Kritiker der EU-Erweiterung manchmal sagen.
Wie "typisch estnische Schlagzeilen" liest sich da der Estland Bericht den die WAZ am 12.4. brachte: "Ein Besuch in der ersten Internet-Republik". Gäbe es ein Land wie Estland nicht - denken sich dabei vielleicht die Leser - so könnte es auch virtuell erfunden sein. Die deutsche Seite fügt das Thema Datensicherheit hinzu - und schon kann die Diskussion ziemliche Längen einnehmen.
Regierungsmüde? Wir nicht.
Wer nur ein Jahrzehnt zurückschaut wird aus estnischer Sicht vielleicht feststellen, dass fast "nebenbei" nun Wirklichkeit geworden ist, was Estland ebenso wie Lettland und Litauen anzustreben versuchten: noch vor wenigen Jahren fanden deutsch-estnische Treffen fast nur "auf dem Weg zu" statt. Kurz vor Treffen mit russischen Politikern meistens, oder vor Gipfeltreffen mit osteuropäischen Themen. Heute hat ein deutsch-estnisches Treffen seine eigene Agenda. Das ist anerkennenswert, auch aus Sicht der deutschen Politik, und empfehlenswert auch für zukünftige Regierungschefs. Da bleibt das sogenannte "Baltikum" allenfalls der Wetterkarte vorbehalten - von Estland ist die Rede.
Die gewählten Schwerpunktthemen entsprechen natürlich den politischen Prägungen der beiden Hauptakteure. Ansip, wie Merkel naturwissenschaftlich ausgebildet (er Chemiker, sie Physikerin), hat ebenfalls Erfahrung mit einer ungewöhnlich langen Amtszeit als Regierungschef: seit April 2005 ist er ununterbrochen Estlands Ministerpräsident, und damit ein paar Monate länger noch als seine deutsche Kollegin. Und da Estland momentan mit der Einführung des Euro noch einen Schritt mehr gewagt hat als seine südlichen "baltischen" Nachbarn, kann in den entsprechenden Presseerklärungen auch allein vom "Modell Estland" die Rede sein. Ansip seinerseits stellt sich deutlich an die Seite Deutschlands und Merkels, wenn er sagt: "Ich bin davon überzeugt, dass meine Kollegin Angela Merkel nicht nur Deutschland gut führt, sondern sie ist auch eine gute Führungskraft für die ganze EU. Ich bin davon überzeugt, dass sie in der Europäischen Union auch Estland vertritt. " (siehe: Pressekonferenz 17.4.)
Estland für die Wirtschaft, Estland für die Bayern
Nun könnte man spitzfindig sein und sagen: nun ja, Russland liegt ja auch außerhalb der EU, und die Esten behalten es sich vor, zum nahen Nachbarn im Osten eine eigene Meinung zu haben. Hierzu gäbe es in der CDU sicherlich verschiedene Meinungen: wenn Putin gerade bei einem wichtigen Wirtschaftstreffen wie der Hannover-Messe stürmisch kritisiert wird sind die meisten CDU-Wirtschaftspolitiker wahrscheinlich doch eher peinlich berührt. Ansip sagte hierzu nichts - er wurde aber auch nicht danach gefragt. Lieber erklärte er den Ausbau der Bahnstrecke nach Estland ("Rail Baltica") für wichtig für alle drei baltischen Staaten (im Wissen, dass zumindest Lettland bei diesem Thema momentan sehr zögerlich agiert). Oder der Ausbau der Verbindungen im Energiesektor sei vordringlich. Wie schon bekannt.
Nur die vom Büro des Regierungschefs in Estland verbreitete Meldung enthält sehr feine Kritik, wenn man das denn so lesen möchte: Deutschland rangiert bei den Investitionen in Estland "nur" auf Rang acht, aus der Sicht Estlands ist Deutschland Handelspartner Nr.5, beim estnischen Außenhandel hält Deutschland einen Anteil von 7,5%. Und der Anteil deutscher Touristen in Estland stieg (gemäß statistischen Daten) im dritten Jahr in Folge an und liegt jetzt bei 111.251 deutsche Gäste in Estland im Jahr 2012; auch das kann sicherlich noch mehr werden - lediglich 6% der Übernachtungen in Estland buchen deutsche Touristen, und sehr viele übernachten selten außerhalb von Tallinn, und sehr wenige buchen mehr als zwei Übernachtungen.
| Selbstdarstellung in weiß-blau: Bayern prägt dieses Jahr das Deutschland-Bild in Tallinn |
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Dienstag, April 02, 2013
Blumen, Sonne, Sex und Rock'n Roll
| Menschen auf der Suche nach der Frühlingssonne? Fast. |
Seit einigen Wochen arbeitet Kuratorin Terje Toomistu an einer Ausstellung, die zunächst mal im Estnischen Nationalmuseum in Tartu angesiedelt ist.Auch ein Dokumentarfilm ist noch in der Entstehung.
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| Filmteam und Protagonisten |
Es war ein Trend der Zeit damals, wo durchaus auch Künstler, Lebenskünstler und Akademiker zusammen angetroffen werden konnten. "In" war Rockmusik und das Propagieren von Liebe und Pazifismus, Reisen wohin immer möglich und mit einem Outfit das absolut nicht zu einem Sowjetbürger passte. Estnische Hippies orientierten sich an ihren eigenen Frontfiguren und lasen verbotene Samiszdat-Literatur. Hosen durften nicht weiter geschnitten sein als 33cm, einige wurden als "Landstreicher" ständig verhaftet, andere steckte der KGB auch schon mal in geschlossene Anstalten. Aber je strenger sich die Ordnungsmacht gebärte, desto mehr bekam auch die Bewegung der Blumenkinder Zulauf."
(aus dem Ausstellungstext)
Zur Webseite der Ausstellung / Filmtrailer
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Freitag, März 29, 2013
Das Maß der Freiheit
Nur wenige Tage nach den lettischen Nachbarn gibt es jetzt auch seitens des estnischen Außenministeriums eine Pressemeldung zur zeitlichen Dauer der estnischen Unabhängigkeit. Die Letten setzten den Tag am 21.März fest, die Esten am 27.März 2013: den Eintritt in die zeitlich längste Periode des Andauern staatlicher Unabhängigkeit. Wie aber kann diese enge zeitliche Nähe entstehen, wo doch Estland seine Unabhängigkeit bereits am 24.Februar 1918 verkündet hatte, Lettland aber erst am 18.November 1918?
Die lettische Rechnung sieht so aus: vom 18.11.18 bis zum 17.6.1940, als die Rote Armee Lettland besetzte, vergingen ebenso viele Tage (7884) wie vom 21.8.1991 bis zum 20.3.2013. Genau am 21.März 2013 verging also ein Tag mehr - der Eintritt in die zeitlich längste Periode der lettischen Unabhängigkeit.
Die Esten rechnen aber anders:
Am 24.Februar wurde ein "Manifest der Bürger Estlands" als Unabhängigkeitserklärung aufgesetzt und verkündet. Aber schon am folgenden Tag besetzten Truppen des Deutschen Reichs Tallinn - die Freiheit Estlands dauderte also zunächst nur .... einen Tag.
Erst am 11.November 1918, als Wilhelm des Ersten Deutsches Reich endgültig zusammenbrach, konnte Estland die Erklärung vom 24.Februar voll umsetzen - erklärt uns das estnische Ministerium heute. An diesem Tag kam die estnische Regierung ins Amt, die Ministerien begannen ihre Arbeit.
Das Ende dann am 17.Juni 1940 abrupt, als in Folge des Hitler-Stalin-Pakts Truppen der Roten Armee Estland besetzten - nach 7889 Tagen des freien Estlands.
Am 27.März 2013 seien genau diese 7889 Tage wieder erreicht gewesen - so die Diplomaten-Mathematiker des Außenministeriums - plus ein Tag. Also sei der 27.März 2013 der Tag, der die bisher längste Freiheitsperiode Estlands gekennzeichnet habe.
Immerhin wurde einiges unternommen, um diesen Tag besonders zu begehen. Es wurde ein offizieller Beflaggungs-Tag ausgerufen, an allen Schulen stand das Thema auf dem Lehrplan, mittags läuteten Kirchenglocken, und früh morgens habe es in mehreren estnischen Städten Gesangsvorführungen gegeben. Ob es auch eine Rolle spielte, dass Estland "fünf Tage mehr Freiheit" bekannt geben konnte? (allerdings auch erst ein paar Tage später). Vorerst werden dann also für den gegenwärtigen Zeitraum die estnischen und lettischen "Freiheitslängenrechnungen" angeglichen. Womit die Politik wieder zu wichtigeren Themen übergehen könnte ...
Die lettische Rechnung sieht so aus: vom 18.11.18 bis zum 17.6.1940, als die Rote Armee Lettland besetzte, vergingen ebenso viele Tage (7884) wie vom 21.8.1991 bis zum 20.3.2013. Genau am 21.März 2013 verging also ein Tag mehr - der Eintritt in die zeitlich längste Periode der lettischen Unabhängigkeit.
Die Esten rechnen aber anders:
Am 24.Februar wurde ein "Manifest der Bürger Estlands" als Unabhängigkeitserklärung aufgesetzt und verkündet. Aber schon am folgenden Tag besetzten Truppen des Deutschen Reichs Tallinn - die Freiheit Estlands dauderte also zunächst nur .... einen Tag.
Erst am 11.November 1918, als Wilhelm des Ersten Deutsches Reich endgültig zusammenbrach, konnte Estland die Erklärung vom 24.Februar voll umsetzen - erklärt uns das estnische Ministerium heute. An diesem Tag kam die estnische Regierung ins Amt, die Ministerien begannen ihre Arbeit.
Das Ende dann am 17.Juni 1940 abrupt, als in Folge des Hitler-Stalin-Pakts Truppen der Roten Armee Estland besetzten - nach 7889 Tagen des freien Estlands.
Am 27.März 2013 seien genau diese 7889 Tage wieder erreicht gewesen - so die Diplomaten-Mathematiker des Außenministeriums - plus ein Tag. Also sei der 27.März 2013 der Tag, der die bisher längste Freiheitsperiode Estlands gekennzeichnet habe.
Immerhin wurde einiges unternommen, um diesen Tag besonders zu begehen. Es wurde ein offizieller Beflaggungs-Tag ausgerufen, an allen Schulen stand das Thema auf dem Lehrplan, mittags läuteten Kirchenglocken, und früh morgens habe es in mehreren estnischen Städten Gesangsvorführungen gegeben. Ob es auch eine Rolle spielte, dass Estland "fünf Tage mehr Freiheit" bekannt geben konnte? (allerdings auch erst ein paar Tage später). Vorerst werden dann also für den gegenwärtigen Zeitraum die estnischen und lettischen "Freiheitslängenrechnungen" angeglichen. Womit die Politik wieder zu wichtigeren Themen übergehen könnte ...
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Mittwoch, März 27, 2013
Trojanisches Hotel, oder Botschaft der Freiheit?
In den Büchern von Sofi Oksanen taucht es als Thema auf, aber auch diejenigen Reisenden, die Tallinn bereits in den 80er Jahren besucht haben, werden sich gut erinnern: das Hotel VIRU war damals ein ganz besonderer Ort. Gebaut mit finnischen Firmen, streng sowjetisch überwacht, war das Hotel Viru einer der seltenen Berührungspunkte der östlischen und westlichen damaligen Welt. Ein neuer Dokumentarfilm dazu kommt in diesem Monat in die finnischen Kinos.
(Trailer zu einem neuen Dokumentarfilm zum Hotel Viru in Tallinn)
Produktionspartner des Films in Estland ist "Amrion Productions", die nach Projekten wie "Poll", und die "Lotte"-Kinderfilme sich auch in Deutschland einen Namen gemacht haben sollte. "Oratorium für Hotel Viru" (Oratoorium Viru hotellile) lautet offenbar der Arbeitstitel für das erst kürzlich abgeschlossene Projekt, aber es ist englisch auch von "Embassy for freedom" als Filmtitel zu lesen. Für das Drehbuch des 79min-Streifenbs zeichnen Margit Kilumets und Taru Mäkelä verantwortlich, das Produktionsbudget belief sich auf 289.000 Euro. Die Hotels der Sokos-Hotelgruppe, zu denen das "Viru" heute gehört, haben bereits die Möglichkeit des Kaufs der Doku auf DVD in allen angeschlossenen Hotels angekündigt.
Vorberichte in finnischen Medien verheißen interessante Einblicke ins sowjet-estnische Leben damals, die der Film aufgreift. Ein Beispiel: der Hoteldirektor erzählt aus dem Jahr 1984, als Moskau entschied die Olympischen Spiele in Los Angeles zu boykottieren. "Das sowjetische Fernsehen zeigte also nichts von der Olympiade. Also reiste fast die gesamte Moskauer Elite ins Viru-Hotel nach Tallinn, wo das finnische Fernsehen bequem zu sehen war!"
Info der Sokos-Hotelgruppe zum Film / Info zum Film (bisher nur Finnisch)
Kinosto Ltd. / Amrion Productions / Interview mit Taru Mäkelä (finnisch) / Filmtrailer (finnisch)
(Trailer zu einem neuen Dokumentarfilm zum Hotel Viru in Tallinn)
Produktionspartner des Films in Estland ist "Amrion Productions", die nach Projekten wie "Poll", und die "Lotte"-Kinderfilme sich auch in Deutschland einen Namen gemacht haben sollte. "Oratorium für Hotel Viru" (Oratoorium Viru hotellile) lautet offenbar der Arbeitstitel für das erst kürzlich abgeschlossene Projekt, aber es ist englisch auch von "Embassy for freedom" als Filmtitel zu lesen. Für das Drehbuch des 79min-Streifenbs zeichnen Margit Kilumets und Taru Mäkelä verantwortlich, das Produktionsbudget belief sich auf 289.000 Euro. Die Hotels der Sokos-Hotelgruppe, zu denen das "Viru" heute gehört, haben bereits die Möglichkeit des Kaufs der Doku auf DVD in allen angeschlossenen Hotels angekündigt.
Vorberichte in finnischen Medien verheißen interessante Einblicke ins sowjet-estnische Leben damals, die der Film aufgreift. Ein Beispiel: der Hoteldirektor erzählt aus dem Jahr 1984, als Moskau entschied die Olympischen Spiele in Los Angeles zu boykottieren. "Das sowjetische Fernsehen zeigte also nichts von der Olympiade. Also reiste fast die gesamte Moskauer Elite ins Viru-Hotel nach Tallinn, wo das finnische Fernsehen bequem zu sehen war!"
Info der Sokos-Hotelgruppe zum Film / Info zum Film (bisher nur Finnisch)
Kinosto Ltd. / Amrion Productions / Interview mit Taru Mäkelä (finnisch) / Filmtrailer (finnisch)
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Montag, März 25, 2013
Estland demnächst völlig schwerelos
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| 21.Januar 2013: im Rahmen einer Presseveranstaltung im Fernsehturm Tallinn wird "EstCube-1" verpackt für die große Reise ins Schwerelose |
Das im Umfang relativ kleine Ding (10x10x11cm) soll im All die elektrischen Kräfte der geladenen Teilchen des Sonnenwindes nutzen. Sternförmig um eine Raumsonde ausgebrachte Kupferdrähte werden
elektrisch aufgeladen und stoßen gleichgeladene Plasmateilchen ab. Die
Sonde bekommt dadurch einen Impuls. Diese "Sonnensegel"-Theorie geht zurück auf den finnischen Forscher Pekka Janhunen. Bisher wurde diese errechnete, mögliche Funktionsweise offenbar noch nicht in der Praxis nachgewiesen. EstCube-1, die bereits im April 2013 mit der nächsten ARIANE-Vega-VV02-Mission ins All befördert werden soll, befindet sich inzwischen bereits startbereit in Französisch-Guyana. ![]() |
| Nein, diesmal kein neue Variante eines Rubiks-Würfels: diese estnische Innovation soll nicht Rätsel aufgeben, sondern helfen sie zu lösen |
Dabei steht die Idee im Vordergrund, unter Nutzung der Energie der Sonnenwinde, sich im Weltraum nahezu frei bewegen zu können. Roland Rischer schätzt in seinem Beitrag dass ein solches "E-Segel" über 100 Metalldrähte von etwa 20km Länge verfügen müsste, um in diesem Sinne zu funktionieren.
Roland Rischer: "Drahtlos war einmal" (Raumfahrt.net) / ERR 1.2.2013 / Video von der Presseveranstaltung (Ohtuleht) / Pressemitteilung ARIANESPACE / EstCube Homepage
Die Projektvorstellung im hochauflösenden Rundumblick / Studentenblog der Uni Tartu
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Freitag, März 22, 2013
Pilzsuche populär
"Seenelkäik" ist gegenwärtig das Stichwort für alle Kinoliebhaber in Estland - zumindest unter denjenigen, die einheimische Produktionen erfreuen. 73712 Zuschauer haben den mit Ironie und trockener Satire gespickten Film des Regisseurs Toomas Hussar bereits 2012 gesehen, das gab das Estnische Filminstitut bekannt."Eestlanna Pariisis" - "Eine Estin in Paris" landete auf Platz 2 der estnischen Popularitätsstatistik, der neue Film von Ilmar Raag, der mit "Klass" einen großen Filmerfolg landete. Hier sind neben der großartigen Jeanne Moreau auch Laine Mägi, Patrick Pineau und Ita Ever zu bewundern (siehe Trailer). Während es in Deutschland noch so gut wie gar meine Rezeption dieses Films gibt (ob in Frankreich, weiß ich nicht), ist in Estland dieses französisch-estnisch Verhältnis bereits auf DVD zu haben.
Auch die Verfilmung des Sofi Oksanen Romans ""Puhastus" (Fegefeuer), ein Buch das allein in Estland 17.000 mal verkauft wurde, ist nun auch als Film in Estland bereits sehr populär. Anfang September 2012 feierte das 2-Stunden-Epos von Regisseur Antti Jokinen in Tallinn Premiere, der von Solar Films produziert wurde.
Sofi Oksanen wird nun am 10.April in Stockholm auch den "Nordic Price", einen Buchpreis der Schwedischen Akademie erhalten. Gleichzeitig wurde angekündigt, dass ihr neuestes Werk mit dem Titel "Als die Tauben verschwanden" dann auch bereits in Norwegen, Schweden und Dänemark erscheinen wird. Da steht doch bereits eine weitere deutsche Übersetzung auf der Wunschliste ... ! (ist bei Kiepenheuer & Witsch für Herbst 2014 angekündigt)
Beim GoEast-Filmfestival in Wiesbaden Mitte April 2013 werden sowohl die Estinnen in Paris wie auch die Pilzsammlersatire zu sehen sein (siehe Programm).
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Samstag, März 02, 2013
Rückblick auf die Feierwoche
Einiges wirkte vielleicht bereits wie eine Generalprobe: der nächste runde Geburtstag Estlands wird dann der 100. sein. Nicht alle Festveranstaltungen fanden genau am 24.Februar statt, und so reihten sich sehr unterschiedliche Eindrücke aneinander.

Estland als Erdbeerfeld - ein Zeichner des ERR fand diesen Vergleich offenbar am auffälligsten an der Rede des estnischen Präsidenten. Ursprünglich und klein, schwer zu finden und manchmal für diejenigen, die nicht wissen wie, auch schwer einzuschätzen - eben wie ein wildes Erdbeerfeld (voller Redetext englisch hier). Nun werden die meisten, die schon mal die kleinen, aber sehr süßen Walderdbeeren gefunden und probiert haben, vermutlich eher zufrieden sein mit diesem Vergleich. Selbstbewußtsein hat sich in Estland noch selten gepaart mit Prahlerei.
Andererseits erzeugte Meelis Kaldalu, ein Journalist und Künstler, erhebliche Aufmerksamkeit beim festlichen Empfang des Präsidentenpaares allein durch seine Verweigerung des Handschlags mit Evelina Ilves, der Präsidentengattin. Trotz sehr zögerlicher Berichterstattung mancher Medien - die wohl meinten sowas gehöre eher in die "Yellow-Press"-Abteilung - tauchte Kaldalu dann in manchen Berichten als "Studentenführer", in anderen als "Mitglied der estnischen Piratenpartei" auf. Das ließ das Publikum ebenso aufmerksam werden wie Kandalus Äußerung, Frau Präsidentin benehme sich wie eine "Marie Antoinette Estlands".
Also doch Estland nicht nur einfach ein bescheidenes Erdbeerfeld? Offenbar nicht für alle. Ein Fernsehsender suchte und fand des "Sünders" 92jährige Großmutter, die sich geschockt zeigte vom ihrer Ansicht nach unpassenden Benehmen des Piratenenkels. Erstaunlich dass auch die Parteispitze der Piraten sich distanzierte - offenbar nicht wirklich glücklich ob dieser Chance zum ersten Mal von sich reden zu machen. Wer sich die Ausschnitte der Aufzeichnung ansieht, staunt vielleicht über die fast zwei Stunden lange Direktübertragung der Vorstellungsrunde beim Präsidentenpaar. Die Namen jeweils von einem Moderator laut angekündigt - es wirkt wie ein Beweis dass Kleidungsfragen und Politik manchmal eng vermischt werden. Warum es nicht wie Kaldalu als Bühne nutzen? Auch in der Demokratie, die ja immer die Freiheit der Meinungsäußerung betont ist es wohl erlaubt nicht einfach damit zufrieden zu sein, den Herrschenden nicht einfach als Staffage dienen zu müssen. Aber Kaldalu war wohl selbst etwas erschrocken ob der großen öffentlichen Wirkung seiner kleinen Geste - so lesen sich manche seiner nachgereichten Erläuterungen (z.B. delfi.ee). Fernsehsender TV3 dagegen greifen die 30 Sekunden seines Nicht-Händedruck gern auch mehrfach in Super-Zeitlupe auf.
Aber auch andere Schlagzeilen wirken nicht wie Geburtstagsglückwünsche. Laut einer neuen Umfrage könnten sich 37% aller Estinnen und Esten vorstellen, innerhalb der nächsten 6 Monate eine Arbeit im Ausland zu suchen. Laut Berechnungen des ERR würde, wenn das wahr würde bedeuten, dass 365.000 der 988.000 Menschen im arbeitsfähigen Alter Estland verlassen würden. Nach Zahlen von Eurostat hatte Estland auch im Januar 2013 mit 3,7% die höchste Inflation in der gesamten Eurozone. Estland, klein und schön - aber Walderdbeeren pfücken allein bringt es wohl auch nicht.
Von den estnischen Geburtstags-veranstaltungen in Deutschland wurden keine weiteren Handschlag-Verweigerungen bekannt. Zwischen dem 22.2. und 27.2. trafen sich Estland-Freundinnen und -Freunde in Frankfurt, Hamburg, München, und Karlsruhe. In Berlin empfing Botschafterin Dr. Kaja Tael zahlreiche Gratulationsgäste im Gebäude der estnischen Botschaft.
Von Deutschland aus gesehen hat Estland im Moment kaum Imageprobleme: brav drucken die deutschen Zeitungen die von estnischen Tourismusagenturen vorformulierten Meldungen über Eisstraßen und Saunamarathon nach - Estland, ein lustiges, gemütliches Land an der nord-östlichen Ostsee. Wer am 24.Februar in Tallinn die Feierlichkeiten mitverfolgte, könnte höchstens über die estnische Art der Zelebrierens kritisch anmerken: während die Litauer einen Nationalfeiertag haben an dem sie auch die Flaggen der Nachbarn aus Lettland und Estland ehren, während in Riga am 18.November viele emotionale Lieder erklingen und die Menschen sich an den Händen fassen, da paradiert in Estland das Militär eine Stunde lang am Präsidenten vorbei. Fast wie in Moskau - nur kleiner natürlich, jeder Jeep und jede Kanone werden vorgezeigt. In sofern schade, dass hier in der Kälte des Februar gefeiert wird - im Mai oder Juni wären auch die Esten vermutlich zu etwas Fröhlicherem fähig!
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Sonntag, Februar 24, 2013
Estland wird 95
EESTI MINUT - Eine Aktion zum 95.Geburtstag der Republik, auch zum Mitmachen: Fotografen sammeln Eindrücke und interessante Momente hier ...
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Die Republik Estland wird 95
Wer noch mehr Clips sehen möchte: Eesti Vabariik 95
Und wer mit .ee googelt hat heute dieses Bild:
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Montag, Februar 11, 2013
Dienstag, Januar 29, 2013
Alles klar Uwe!
Etwas verspätet, aber der deutsche Fußballtrainer Uwe Erkenbrecher (vormals 2. Bundesliga und Indonesien) trainiert neuerdings den Erstligaclub Tammeka Tartu. Der Titelspruch stammt aus diesem Interview im Januar:
Quelle: hier.
Und er ist nicht allein. Frank Bernhardt ist Coach von Kalev Tallinn seit Dezember 2012. Und er hat schon Erfahrung in Estland als Trainer der U 19 und U 21 in Estland.
Samstag, Januar 26, 2013
Umfragen sehen Opposition vorn
Das demoskopische Institut Emor hat gerade seine aktuellen Zahlen veröffentlicht. Die Unterstützung der Parteien hat sich dabei grundlegend verändert. Es gibt erstmalig eine deutlich Mehrheit für Parteien, die man als mehr oder weniger links bezeichnen könnte. Nach den diversen Skandalen rund um die Parteienfinanzierung und dem Rücktritt des Justizministers ist die Unterstützung des bisher stärksten politischen Kraft in der Regierung, der liberalen Reformpartei, auf nurmehr 20% gesunken. Der Koalitionspartner, die konservative Vaterlandsunion / Res Publica kommt gar nur auf 16%. Die oppositionellen Sozialdemokraten hingegen, die bereits im Frühjahr 2011 ein überraschend gutes Ergebnis bei den Parlamentswahlen erzielt hatten, werden inzwischen von 27% der Wähler unterstützt und die Zentrumspartei des enfant terrible der estnischen Politik, Edgar Savisaar, liegt mit einem Prozentpunkt darüber bei 28%. Tatsächlich stehen Wahlen erst wieder 2015 an, und freilich kann sich bis dahin viel ändern und immerhin 38% haben Emor gegenüber geäußert, daß sie sich einstweilen nicht entscheiden können. Sicher aber scheint, daß die estnischen Wähler der politischen Stabilität überdrüssig sind. Ministerpräsident Andrus Ansip ist immerhin schon seit 2005 im Amt, ein einsamer Rekord für baltische Verhältnisse.
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Dienstag, Januar 22, 2013
Einsteigen zum Test!
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| Ob Bus und Straßenbahn nun den Tallinnern sympathischer werden - wo jeder die Linien bis zur Endstation ausnutzen kann? |
In den Leserforen derselben Zeitungen fallen die Bewertungen etwas krasser aus: die positiven Stimmen loben das Vorbild und beobachten interessiert die Entwicklungen in Tallinn, heben auch die dem Verkehrsexperiment vorangegangene Volksabstimmung in Tallinn hervor.
Negativ äußern sich meist Autofahrer, die derartige "Gängelung" als Einschränkung des Autoverkehrs ablehnen. Manche scheinen auch jeglichen Kostenlos-Dienstleistungen der öffentlichen Hand zu mißtrauen und werten die Tallinner Kostenlos-Busse als "Wärmestube für Penner" ab. Andere meinen in der estnischen Maßnahme auch Bekanntes aus der DDR-Vergangenheit zu entdecken und meinen "am Ende hat der Staat nichts mehr zu verteilen und geht pleite".
174.000 Menschen in Tallinn sollen in den ersten zwei Wochen den neuen Service bereits genutzt haben, dazu kommen auch 49.000 Rentner, die auch bisher bereits freie Fahrt hatten, und die auch nicht ihren Wohnort nachweisen müssen. 570 Fahrzeuge mussten in Tallinn zuvor mit entsprechenden Lesegeräten ausgestattet werden, Anschaffungskosten pro Gerät etwa 500 Euro, Instandhaltungskosten jährlich 760.000 Euro. Die städtischen Verantwortlichen gaben erste Schätzungen zur Entwicklung der ersten zwei Wochen Praxis ab: angeblich soll der private Autoverkehr um 10-15% ab, der öffentliche Verkehr um 6% zugenommen haben.
Dennoch gibt es auch kritische Nachfragen zur Tallinner "Null-Lösung" - auch innerhalb Estlands. Der Erfolg des Modells wird sich wahrscheinlich daran messen lassen müssen, ob zu diesen Fragen Lösungen gefunden werden können.
Das erste kritische Thema ist rein technischer Art. Die meisten Estinnen und Esten besitzen bereits einen elektronischen Personalausweis, eine kleine Chipkarte. Dennoch war es nicht möglich, die in Tallinner Bussen und Bahnen eingebaute Kontrollgeräte auf diese abzustimmen - es müssen neue E-Cards beantragt werden, die Ausstellung der sogenannten "Grünen Karte" (Ühiskaart) verursacht beim Kunden Kosten in Höhe von 3 Euro. Das widerspricht ein wenig der Strategie, den Bürgern möglichst viele Wege zu Ämtern und Nutzungsfunktionen einheitlich mit dem E-Ausweis zu liefern. Andererseits hätten die E-Ausweise Lesegeräte benötigt, während das neue System "kontaktlos" arbeitet, also den Chip auch aus einigen Zentimetern Entfernung bereits erkennt. Allerdings gibt es kein Foto des rechtmäßigen Eigentümers auf dem neuen Kärtchen - so dass für den Fall der Kontrolle weitere Identitätsdokumente mitzuführen nötig sind. "Mit Foto wäre die Produktion zu teuer geworden", so die Stadtväter.
Aber sogar der estnische Datenschutz hat sich schon kritisch gemeldet: es wurden "Datenlücken" entdeckt, offenbar war es Nutzern möglich, auch an Daten anderer Nutzer zu gelangen. Während bei anderen estnischen elektronischen Neuerungen von deren estnischen Erfindern oder Produzenten immer genüßlich erläutert wird, bei Exporten ihrer Produkte nach Deutschland seien spezielle "deutsche Lösungen" möglich - vermeintliche deutsche "Übergenauigkeit" beim Datenschutz. Diesmal sind die Probleme offenbar anders gelagert. Vize-Bürgermeister Taavi Aas hatte auf entsprechende Fragen kürzlich noch eine vielleicht etwas zu einfache Antwort parat: "Niemand wird die Daten manupulieren." (ERR 4.1.13)
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| Tallinn macht von sich reden - ob für oder gegen fahrscheinfreies Busfahren, Hauptsache die estnische Hauptstadt ist mal wieder Diskussionsgegenstand .... |
Eine andere Kritik setzt eher politisch an: mit kostenlosen Busfahrten wolle sich Bürgermeister Savisaar erstmal bei den anstehenden Kommunalwahlen die Wiederwahl sichern, meint die politische Opposition vor allem von der Reformpartei, die ja im nationalen Parlament den Regierungschef stellt. Und nach denn Wahlen müsse man dann sehen, ob noch Geld für die dringende Auffrischung des Fuhrparks übrig sei.
Der am meisten zum Tallinner Stadtverkehr interviewte Politiker ist gegenwärtig Vizebürgermeister Taavi Aas. Er rechnet so: von den etwa 417.000 Menschen die in Tallinn leben haben 5-10% ihren Wohnsitz hier nicht offiziell registriert. Pro 1.000 Neuregistrierungen würde die Stadt etwa eine Million Euro mehr an Steuern einnehmen können (ERR 25.10.12). Wessen Rechnungen aufgehen und welche nicht, vielleicht wird es schon der Verlauf des ersten Praxisjahres zeigen.
Infos:
Gebrauchsanweisung für die "Grüne Karte" / Ticketkauf online (vom Fahrschein über die Angellizenz bis zum Massagesessel!) /Aktuelle Fahrpreisinfos Tallinn / Infos zur Tallinn Card für Touristen /
Mittwoch, Januar 16, 2013
POLL bei ARTE
Angesichts der kürzlich stark angestiegenen Leserzahl des alten Blogbeitrags zum Film POLL (siehe "Untergang in Estland") hier auch für die anderen der Hinweis: der Film läuft heute (16.Januar) 20.15 Uhr bei ARTE. (Wiederholung Samstag nacht, 19.1., 2.35 Uhr)
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Montag, Januar 14, 2013
Estlands Politikverdrossenheit
Estland erlebt derzeit eine Welle der Unzufriedenheit mit der Politik. Seit Monaten wird die Regierung öffentlich und in den Medien heftig kritisiert. Dies gipfelte nun in einer Demonstration am 17. November vor dem Parlamentsgebäude in Tallin mit der Losung: „Schluß mit der Lügenpolitik“.
Die Aufregung überrascht ein wenig, ist Estland doch politisch unter den baltischen Staaten ein Hort der Stabilität. Seit 1994 ist keine neue Partei mehr gegründet worden, die sich anschließend etabliert hätte. Seit der Wahl von 2011 gibt es nur noch vier Fraktionen im Parlament Riigikogu. Und Ministerpräsident Andrus Ansip ist nunmehr seit sieben Jahren im Amt. Das ist ein Zeitraum, der sich mit westlichen Demokratien messen kann und im Vergleich mit den baltischen Nachbarn ein einsamer Rekord.
Trotzdem sind die Esten in jüngster Zeit zunehmend unglücklich mit ihrer politischen Elite, der Selbstherrlichkeit und fehlende Kommunikation mit den Bürgern vorgeworfen wird. Entscheidungen würden einsam in Hinterzimmern getroffen wie etwa im Frühjahr im Konflikt um ACTA, dem Handelsabkommen gegen Produktpiraterie. Als Parallele zu Deutschland beschweren sich die Menschen über die Basta-Politik Ansips ebenso wie über die angebliche Alternativlosigkeit. Manche unterstellten dem Regierungschefs auch Amtsmüdigkeit. So wischte die Regierung in letzter Zeit Widerspruch mit dem Hinweis weg, sie sei nun einmal die gewählte Vertretung des Volkes, und man solle sie jetzt einfach arbeiten lassen.
Diese allgemeine Stimmung ist nur der Hintergrund eines handfesten Parteienfinanzierungsskandal der letzten Wochen mit schwarzen Kassen, der ebenfalls Parallelen zu Deutschland aufweist. Der langjährige Abgeordnete Silver Meikar von der Reformpartei des Ministerpräsidenten veröffentlichte am 22. Mai dieses Jahres in der Tageszeitung Postimees eine Selbstbezichtigung. Er habe der Partei nicht von ihm selbst stammendes Geld übergeben, das er wiederum von einem anderen Parteimitglied erhalten habe, nachdem der damalige Generalsekretär und derzeitige Justizminister ihn gefragt hatte, ob er mit dieser Prozedur einverstanden sei. Erst jetzt, drei Jahre später, kamen ihm Zweifel. Die Staatsanwaltschaft ließ den Justizminister verhaften, setzte jedoch ihn und weitere Beschuldigte bald wieder auf freien Fuß mit dem Kommentar der Ermittler, daß die Beschuldigten alle Vorwürfe bestritten und es keine ausreichenden Beweise gäbe.
Zunächst war das Echo gering. In den Umfragen verschob sich die Zustimmung zu konkreten Parteien kaum, und die Opposition versuchte auch nicht, sich den nun als Silver-Gate bezeichneten Skandal im großen Stile zu Nutzen zu machen. Dies führt der Politikwissenschaftler Tõnis Saarts zurück auf das Kartell der politischen Kräfte. Die Parteienfinanzierung ist seit jeher ein schwieriges Thema und trotz langer Debatten darüber herrsche immer noch keine Klarheit darüber, wie sich die Parteien tatsächlich finanzierten und nicht einmal darüber, wie sie sich finanzieren sollten. Und richtig, in der Vergangenheit wurde allem voran der Zentrumspartei des Tallinner Bürgermeisters Edgar Savisaar vorgeworfen, sich von Moskau finanzieren zu lassen; selbst die oppositionellen Sozialdemokraten standen in diesem Ruf. Mit einem Fragezeichen versehen ist außerdem der Verkauf des Büros des konservativen Koalitionspartners von Ansip im Zentrum der Hauptstadt für ein Mehrfaches des eigentlichen Wertes.
Im Oktober wurde dann auch auf Bestreben des Ministerpräsidenten Silver Meikar aus der Partei ausgeschlossen. Das brachte das Faß zum Überlaufen. Am 12. November demonstrierte die Bevölkerung in Tartu, der Heimatstadt von Ansip, vor dem Büro der Reformpartei. Anschließend verfaßten 17 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Intellektuelle die Charta „Harta 12“, unter ihnen so bekannte Personen wie der etwas schillernde Politiker und Publizist Ignar Fjuk, der Sozialoge Juhan Kivirähk, die Politologin und ehemalige Politikerin Marju Lauristin, der Journalist Ahto Lobjakas, der Kolumnist Rein Raud, der Fernsehjournalist Indrek Tarand, der 2009 ein individuelles Mandat im Europaparlament gewonnen hatte wie auch der betroffene Silver Meikar selbst. Die Charta wurde inzwischen von vielen tausend Bürgern im Internet unterzeichnet..
Marju Lauristin und Juhan Kivirähk äußerten sich zu den wichtigsten Punkten der Charta im estnischen Radio. Sie werfen den Parteien eine Monopolisierung der Macht vor, sie kümmerten sich weniger um das Gemeinwohl als um das Wohl bestimmter einflußreicher Kreise. Gerade die Konzentration auf vier Parteien schließe so einen Teil der Bevölkerung von er Partizipation aus. Die Demokratie, so heißt es gleich im ersten Absatz, breche vor den Augen aller zusammen, weil die Macht die demokratischen Spielregeln nicht einhalte. Sie sei käuflich und im Interesse ihres Erhaltes werde gelogen. Aufgabe der Politik sei es, Verantwortung zu übernehmen. Die Bevölkerung erkenne ihre Vorstellung von Ethik in der gegenwärtigen Situation nicht wieder. Die Forderung nach mehr Transparenz bei der Finanzierung ist ebenso nachvollziehbar wie mehr Kommunikation über die Arbeit der Regierung und die Öffnung der Parteien gegenüber der Zivilgesellschaft. Für Sozialwissenschaftler und erfahrene Politiker überraschend die Forderung von Marju Lauristin nach vereinfachten Möglichkeiten für Parteineugründungen und deren Weg ins Parlament anstelle der Aufforderung an die Zivilgesellschaft, sich in den bestehenden Parteien mehr einzubringen.
Samstag, Dezember 22, 2012
Viele Heimschläfer zum Jahreswechsel
Mindestens 25.000 Estinnen und Esten werden also auch zum Jahreswechsel für einen "Heimatbesuch" hin- und herpendeln: sie arbeiten, gemäß dem estnischen Statistikamt vorliegenden Daten, im Ausland. Das sei eine Verzehnfachung gegenüber der vergangenen Datenerhebung vor 12 Jahren, so Diana Beltadze, die zuständige Mitarbeiterin bei den estnischen Statistikern (im Jahr 2000 hatten nur 2646 Bürger Estlands angegeben im Ausland eine Arbeit zu haben).
Ist das nun eine Verbesserung (= mehr Arbeitsmöglichkeiten) oder eine Verschlechterung (= mehr Arbeitslose, die nur noch im Ausland eine Chance haben)? 61% aller Esten die im Ausland arbeiten zieht es nach Finnland (15.140 - 1.872 in Norwegen, 1.532 in Schweden, 1.357 in Russland, 732 in Großbritannien und 616 in Deutschland).
Innerhalb Estlands haben nur Tartu und die Hauptstadt Tallinn eine positive "Wanderungsbilanz". Ein Resultat scheint sicher: massive Landflucht! So schön in Estland die Natur ist - Frau Estin oder Herr Este kann sich wohl maximal noch ein Sommerhäuschen auf dem Lande leisten, falls das im Ausland verdiente Geld dazu reicht.
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Ist das nun eine Verbesserung (= mehr Arbeitsmöglichkeiten) oder eine Verschlechterung (= mehr Arbeitslose, die nur noch im Ausland eine Chance haben)? 61% aller Esten die im Ausland arbeiten zieht es nach Finnland (15.140 - 1.872 in Norwegen, 1.532 in Schweden, 1.357 in Russland, 732 in Großbritannien und 616 in Deutschland).
Innerhalb Estlands haben nur Tartu und die Hauptstadt Tallinn eine positive "Wanderungsbilanz". Ein Resultat scheint sicher: massive Landflucht! So schön in Estland die Natur ist - Frau Estin oder Herr Este kann sich wohl maximal noch ein Sommerhäuschen auf dem Lande leisten, falls das im Ausland verdiente Geld dazu reicht.
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Mittwoch, Dezember 19, 2012
Ein Flirt per Bahn
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| Bald im Einsatz: Stadler-Züge in Estland |
Die Herstellerfirma meint zu ihren Zügen: "Die Breitspurzüge (1520 mm) wurden so konzipiert und hergestellt, dass sie der für Estland typischen strengen Winterbedingungen standhalten. Die Aluminium-Leichtbauweise und energiesparende Systeme ermöglichen dem Betreiber Elektriraudtee auch bedeutende Kostenersparnisse." (siehe DMM Travel)
![]() |
| Zugpräsentation mit Wirtschaftsminister Parts (Mitte): Wie oft er selbst Bahn fährt, war den Pressemeldungen nicht zu entnehmen |
85% der Investitionskosten in die neuen Elektrozüge, deren Wert etwa 80 Millionen Euro beträgt, werden vom EU-Kohäsionsfond finanziert. Die Dieselzüge dagegen werden durch einen Leasingvertrag finanziert.
STADLER hatte eine Ausschreibung zum Projekt gewonnen die 2010 durchgeführt worden war.
Die Firma "Elektriraudtee AS" betreibt gegenwärtig in Estland folgende Strecken mit einer Gesamtlänge von 131.6 km:
Tallinn - Aegviidu - Tallinn
Tallinn - Riisipere - Tallinn
Tallinn - Paldiski - Tallinn
Tallinn - Klooga-rand - Tallinn
Tallinn - Keila - Tallinn
Tallinn - Pääsküla - Tallinn
Die STADLER-Flirt-Züge sind bisher in 11 Ländern im Einsatz: der Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Ungarn, Algerien, Polen, Finnland, Norwegen und Weißrussland.
Details zu technischen Daten
Bericht estnisches Fernsehen
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Donnerstag, Dezember 06, 2012
Binneneis
Der Winter schreitet im Inland voran. Auch die Ostseevereisung hat begonnen, wenn auch erst ganz im Norden.
Eismeldungen mit aktueller Karte beim finnischen itameriportaali.
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Montag, November 19, 2012
Heißes Eisen „Nordstream“
Als wenn Energie nicht sowieso schon ein heißes Eisen wäre, ist dieses Thema vor allem im Baltikum wichtig. Neben der Wasserkraft in Lettland und Litauen verbrennen die Esten ihren Ölschiefer, außerdem wird die Windkraft in den letzten Jahren ausgebaut. Das alles reicht aber nicht, und man ist deshalb nach wie vor zu einem guten Teil von russischen Gaslieferungen abhängig.
Aus diesem Grund fand man es am Ostufer der Ostsee überhaupt nicht witzig, als Gerhard Schröder mit seinem lupenreinen Demokraten die Nordstream Pipeline durch die Ostsee und den finnischen Meerbusen plante. Diese Pipeline ging nämlich zunächst durch internationale Gewässer und damit buchstäblich an den baltischen Staaten vorbei. Inzwischen ist nicht nur das erste Rohr schon eine ganze Weile in Betrieb und im Oktober durch ein zweites ergänzt worden, sondern es soll noch einmal erweitert werden. Da bleibt eine Reaktion aus Estland nicht aus.
Der estnische Verteidigungsminister Urmas Reinsalu bat seinen Kollegen im Außenamt, Urmas Paet, gegen die dritte und vierte Linie Einspruch einzulegen, nachdem vor einem Monat das russisch-deutsche Projekt Untersuchungen über den estnischen Meeresboden in Auftrag gegeben hatte. Bereits 2007 hatte die estnische Regierung ihre Bedenken gegen die erste Pipeline aus Umweltgründen vorgetragen.
Seit der Fertigstellung der zweiten Linie im Oktober, können nunmehr 55 Millionen Kubikmeter jährlich geliefert werden. Eine Verdoppelung der Kapazität brächten zwei weitere Rohre, die allerdings angesichts der vorher erforderlichen Prüfungen nicht vor 2017 realistisch sind.
Während Moskaus Interesse an Nordstream sich vor allem mit der Umgehung von Ukraine und Weißrußland begründet, wo es regelmäßig in den letzten Jahren zu Konflikten kam, gibt es in Estland gerade in konservativen Kreisen nach wie vor sicherheitspolitische Bedenken, die aus der estnischen Zustimmung zu sowjetischen Militärbasen im Land in der Zwischenkriegszeit mit den bekannten Folgen herrühren. Gleichzeitig gibt es aber auch Stimmen aus der Wirtschaft, die bei einer Zustimmung zur Trasse durch estnische Gewässer Geschäfte mit beiden Partnern von Nordstream, Deutschland und Rußland, wittern. Die früheren Umweltschutzzweifel werden derweil zerstreut, weil die erste Pipeline seit inzwischen mehr als einem Jahr ohne Zwischenfälle betrieben wird.
Daß die neuen Pipelines durch estnisches Gewässer verlaufen sollen, hängt mit zwei Faktoren zusammen: Erstens ist der Weg nach Westeuropa geographisch kürzer als durch finnisches Unterwassergebiet, das zweitens durch entschieden felsigeren Untergrund gekennzeichnet ist, was das Projekt also doppelt verteuern würde. Rußland, das seinerseits im großen Maße für die geordnete Staatsfinanzen vom Verkauf seiner Energieressourcen abhängig ist, fürchtet sich vor steigenden Preisen und damit verbundener größerer Sparsamkeit im Westen, meinen Beobachter.
Deutschland hat gegenüber den Esten zwei Trümpfe in der Hand. Erstens könnte es Estland bei dem geplanten Bau eines schon lange im Baltikum geplanten Flüssiggasspeichers unterstützen, der dann eben nicht nach Lettland gehen würde, wo ebenfalls Interesse als potentieller Standort bekundet wird. Zweitens hat Deutschland in der Eurozone, in der Estland eines der kleinsten und ärmsten Länder ist, einstweilen eine Führungsrolle, weshalb sich die Esten geneigt sehen könnten, sich mit Deutschland gut zu stellen. Und auch Rußland ist trotz aller historischen Belastungen in den vergangenen Jahren angesichts der Krisensituation in der EU ein zunehmend wichtiger Handelspartner geworden.
Es geht also offensichtlich vorwiegend darum, daß es Rußland und Deutschland gelingt, die Angst der Esten vor dem großen östlichen Nachbarn zu zerstreuen und ihn als verläßlichen Partner nicht nur erscheinen zu lassen.
Samstag, November 10, 2012
Waben für die Schule
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| Foto: Baulinks.de / Rehau |
Infos: Baulinks / Rehau / Sirkel & Mall / Valga Kutseõppekeskus
Sonntag, Oktober 28, 2012
St. Olai im Oktoberlicht
Nicht nur in Deutschland ist vorübergehend Winter angesagt.
Das Foto stammt von Guillaume Speurt, der auch eine Art Reiseblog schreibt und dieses mit vielen Fotos versieht.
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