Donnerstag, Juni 30, 2016

Britain out, Estonia early in?

nach dem Brexit: noch keine
Übergabe-Modalitäten
von David zu Taavi
Der durch Volksabstimmung festgelegte, absehbare Ausstieg der Briten aus der EU wird auch aus Estland mit sorgenvoller Ungeduld beobachtet. Nicht etwa, weil Estinnen und Esten nun auch austreten wollen - nein, im Gegenteil. Die EU schließt sich enger zusammen, und blickt auf dringende Aufgaben. Das für die estnische Aussenpolitik wichtigste Ereignis auf der Agenda der EU-Politik wäre die EU-Ratspräsidentschaft, die für die erste Hälfte 2018 anstehen würde (siehe "Action plan"). Scheiden aber die Briten aus, gerät dieser Zeitplan durcheinander - und die Esten müssten schon sechs Monate früher ran.

Schon allein das für die Präsidentschaft benötigte Personal deutet die Notwendigkeit genauer Planungen an: mit 1300 Personen rechnete das estnische Aussenministerium, die für die Abwicklung und Koordiníerung von EU-Arbeitsgruppen und Gremiensitzungen nötig sind. Allein 500 Personen werden dafür benötigt, Arbeitsgruppen oder EU-Ausschüsse entweder zu leiten, oder stellvertretend tätig zu sein. Diese Leute müssen gut vorbereitet werden, dass kostet Geld und Zeit. Im Jahr 2015 waren insgesamt 479 Estinnen oder Esten bei EU-Instutionen tätig - Erfahrungen, die während der Präsidentschaft dringend gebraucht werden (siehe "personnel strategy"). Dabei werden bei der Suche nach guten Fachkräften u.a. auch deren notwendige Englisch-Kenntnisse hervorgehoben. Zitat: "Wünschenswert sind drei Jahre Arbeitserfahrung in englischsprechender Umgebung." (personnel strategy). Ziehen also auch die englischsprachigen estnischen Fachleute bald von England nach Brüssel um? 

Als "Examen eines EU-Mitgliedslandes" hatte schon 2015 der damalige estnische Botschafter in Brüssel, Mati Maatikas, die Präsidentschaft genannt (ERR). Innerhalb dieser sechs Monate sind zwischen 150 und 200 Sonderveranstaltungen in Estland geplant, europäische Events und Kongresse, deren Termine auch bereits vorfestgelegt waren - bisher. Nun ein vorgezogenes Examen? Für alles müssten neue Termine gefunden werden - wenn sich denn die Briten mal entscheiden würden, bzw. die konkreten Konsequenzen daraus absehbar wären. Momentan sieht es so aus, als ob Großbritannien die vorgesehene EU-Präsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2017 nicht wahrnehmen wird. GB out  - Estland's early in. Die Webseite zur EU-Präsidentschaft haben die Esten jedenfalls schon heute bereit gestellt. Was aber wohl kein Anzeichen dafür ist, dass die Esten diese Aufgabe rein virtuell angehen wollen. Presseberichten zufolge käme auch noch eine Teilung der Präsidentschaftsaufgaben zwischen Malta, die 2017 vor den Briten dran wären, und Estland in Frage (EUobserver, politico). Allerdings steht für Estland gleichzeitig auch noch eine andere Aufgabe an: das 100-jährige Bestehen der Unabhängigkeit Estlands soll gleich drei Jahre lang gefeiert werden: vom April 2017 bis Februar 2020 (siehe Webseite).

Donnerstag, Juni 16, 2016

Eine wahre Frau der Feder

Kennen Sie Ellen Hiob? Vielleicht Ellen Niit? Eine der bekanntesten estnischen Schriftstellerinnen, Geschichten-schreiberinnen, Übersetzerinnen und Autorin zahlreicher Kinderbücher starb am 30.Mai in Tallinn im Alter von 87 Jahren.

Neben Viivi Luik ist Ellen Niit eine der bekanntesten schreibenden Frauen des estnischen Kulturlebens. Deutschsprachige Leserinnen und Leser müssen zumeist auf Kinderbücher zurückgreifen, die noch zu DDR-Zeiten erschienen sind: Pille-Riin, Triinu und Taavi hießen damals die Kinderhelden - manche nannten sie auch die Astrid Lindgren Estlands.
Den "großen Maler" gibt es auch als Animationsfilm, vertont von Vaiko Eplik, produziert von Aina Järvine und Meelis Arulepp. Übersetzungen ins Deutsche unternahm Ellen Niit teilweise selbst. Neben dem Russischen muss die Beschäftigung mit der ungarischen und der finnischen Sprache besonders interessant gewesen sein, gilt diese Sprache doch als dem Estnischen verwandt.

Auch Jaan Kross war 87 Jahre alt, als er 2007 starb. Seit 1958 war Ellen Niit mit ihm in zweiter Ehe verheiratet gewesen (auf YouTube ist tatsächlich ein Eindruck der beiden aus dem Jahr 1960 zu bestaunen). In der Wohnung der beiden, gleich in der Tallinner Altstadt, sind so manche Gäste - auch aus Deutschland - bei Tee und Keksen zu Gast gewesen.
Jaan und Ellen Kross reisten gemeinsam durch Ägypten und ie Türkei und schrieben dasrüber. Cornelius Hasselblatt macht die Bedeutung Ellen Niits in seiner "Geschichte der estnischen Literatur" auch an ihren Gedichten fest, die in Sowjetestland zunächst nicht erscheinen konnten, und durch die Diskussionen, die sie auslöste.

Rühr die Feder nicht an!
Den halben Morgen bin ich
auf einem Bein
auf ihrem glänzenden Stiel
auf und ab gehüpft
wie über einen winzigen Balken, 
fallend, lachend und wieder hüpfend.
Rühr die Feder nicht an, 
sie schreibt heute wer weiß was!
(aus: "Vom Ursprung des Lieds" - Paekivi laul, Lied des Kalksteins, Tallinn 1998. Enthalten in ESTONIA, Jahrbuch estnischer Literatur 2007, Hempen-Verlag Bremen)

Dienstag, Mai 24, 2016

Estnischer Tiroler?

Der neue Präsident der Republik Österreich hatte estnische Vorfahren - ein besonders enges Verhältnis zum heutigen Estland gibt es aber offenbar bisher nicht. Oder sind die Wurzeln eher russisch, wie auch prompt das Portal "Russland.ru" meldet?

"Er bezeichnet sich als 'Flüchtlingskind', obwohl er in Wien geboren ist und auch jetzt wieder seit längerer Zeit in Wien wohnt," so formulieren es van der Bellens Kritiker.
Geboren wurde er wohl als estnischer Staatsbürger - als seine Mutter Alma (geborene Siebold, eine Russland-Deutsche) mit dem kleinen Alexander 1944 in Wien ankam, galten sie als estnische Flüchtlinge. Ursprünglich hatte die Familie holländische Wurzeln, und war 1917 schon einmal gefohen: die gutbürgerlichen, kleinadeligen Vorfahren wollten nichts mit den Bolschewiki zu tun haben, änderten den Namen "von Bellen" in Berufung auf das Niederländische in "van der Bellen" und gingen ins unabhängige Estland. Alexander van der Bellens Vater, ein Bankmanager, wurde 1934 estnischer Staatsbürger. 1940/41, als die Sowjets Estland besetzten, konnten die van der Bellens offenbar die Vereinbarungen des Hitler-Stalin-Paktes nutzen; wer als "Volksdeutscher" galt, konnte ausreisen. Zunächst ging es nach Laugszargen in Ostpreußen (heute Lauksargiai / Litauen), dann in ein Flüchtlingslager in Werneck (zwischen Würzburg und Schweinfurt gelegen). Schließlich weiter nach Wien, wo 1944 der Sohn Alexander geboren wurde. Als sich die Rote Armee näherte, ging die Familie noch weiter nach Tirol (van der Bellen: "mit mir als Baby im Rucksack"), ins Kaunertal in den Ötztaler Alpen.1958 erhielt Alexander van der Bellen die Staatsbürgerschaft Österreichs.

Über seine Wahl zum Bundespräsidenten freuen sich, der österreichischen Presse zufolge, sowohl Esten wie auch Russen; estnische Verwandte wie auch Menschen aus dem russischen Pskov, der Geburtsstadt der Eltern (Tiroler Tageszeitung). Es werden auch positive Aussagen zweier estnischer Politiker zitiert, Sven Mikser und Urmas Paet. Einer Auskunft des estnischen Aussenministeriums zufolge kann van der Bellen tatsächlich nicht nur theoretisch auch heute noch als Este gerechnet werden: Kinder von Bewohnern des 1940 besetzten unabhängigen Estlands, die vor dem 16. Juni 1940 über die estnische Staatsbürgerschaft verfügten, haben automatisch Anspruch auf die Staatsbürgerschaft des heutigen Estlands.

Zu den politischen Gegnern gehört - außer der Freiheitlichen Partei FPÖ - sicherlich auch ÖVP-Politiker Herwig van Staa, der einst behauptete, van der Bellens Vater sei ein Nazi gewesen (siehe "der Standard"). "Tarnen, Täuschen und Tricksen – Alexander van Bellen ist ein Rattenfänger" - so werden FPÖ-Politiker zitiert. Andere werden wohl (ganz im Sinne von Putin-diktierten Medien) sagen wollen: "Wie kann man denn vor den Befreiern fliehen?" - Angekreidet wird van der Bellen außerdem, dass er sich zum Dienst im österreichischen Bundesheer zwar mustern ließ, der Dienstantritt aber dann wegen Studium, dann wegen Heirat immer wieder verschoben wurde. Und bei Pressekonferenzen schauen Journalisten manchmal ganz genau hin - und notieren zum Beispiel, wenn van der Bellen keinen Ehering trägt, obwohl er verheiratet ist (zum zweiten Mal - nach seiner ersten Frau Brigitte, mit der er einen Sohn hat, nun mit Doris Schmidauer, einer Parteikollegin bei den Grünen - siehe news.at).

Zu namentlichen Unterstützern der Wahlkampagne Alexander van der Bellens zählen die auch in Deutschland bekannten Reinhold Messner und André Heller.

Also: wir sind gespannt auf die neuen Aspekte der Beziehungen zwischen Estland und Österreich. In einem Interview mit der Kronen-Zeitung verriet van der Bellen, dass er noch nie gemeinsam mit seinem Sohn in Estland war - das kann ja noch kommen! 

Webseite Alexander van der Bellen

Mittwoch, Mai 18, 2016

Marina, Mailis oder lieber Siim?

manch eine Politiker/innen-
Karriere sähe mit einem
Präsidentenauftrag sicher
sehr viel glänzender aus ...
Eine gefühlt Ewigkeit ist nun Toomas Hendrik Ilves Präsident der Republik Estland; da er ja auch vor Amtsübernahme bereits Politiker und Außenminister war, wird die für Herbst 2016 anstehende Neuwahl des estnischen Präsidenten vielleicht etwas Umgewöhnung notwendig machen. Noch ist nicht absehbar, wer erfolgversprechenster Kandidat oder Kandidatin werden könnte.

Zumindest international sind die bisher bekannten Kandidaten ziemlich unbekannt. Mailis Reps, zweifache Ex-Bildungsministerin (mit wechselnden Haarfarben), wurde unlängst von der Zentrumspartei zur Präsidentschaftskandidatin gekürt (ERR, Postimees). Sie bringt eine interessante familiäre Voraussetzung mit: sie ist mit einem lettischen Anwalt verheiratet (Agris Repšs). Würde sie gewählt, fände eine estnisch-lettische Verbindung im Präsidentenamt eine Fortsetzung (Ilves ist in dritter Ehe mit der Lettin Ieva Kupce verheiratet).

Auch Ex-EU-Kommissar Siim Kallas gilt als Kandidat fürs Präsidentenamt, und schaut auf seiner eigenen Webseite schon mal zuversichtlich-präsidial in die Zukunft.
Allerdings wählt in Estland das Parlament den Präsidenten - und die (mit)-regierende Reformpartei scheint außer Kallas auch Außenministerin Marina Kaljurand für eine gute Kandidatin zu halten - dass sie nie eine Mitgliedschaft in der Reformpartei angestrebt hat, gilt für die Ex-Badminton-Sportlerin offenbar nicht als Nachteil, und ihr Plus ist jahrelange diplomatische Erfahrung. Auch bei ihr wäre ein gemischter ethnischer Hintergrund gegeben: der Vater war Lette, die Mutter Russin. Kaljurand gilt als beliebt und baut auf gute Umfragewerte (ERR). Auch Europaparlamentarier Indrek Tarand, 2011 noch selbst Präsidentschaftskandidat, sprach sich in einem Interview zugunsten von Kaljurand aus.
Kallas, der schon zu sowjetestnischen Zeiten seine politische Karriere aufbaute, 2002/2003 kurz Ministerpräsident, hätte das Amt des Regierungschefs als Nachfolger von Andrus Ansip auch 2014 gerne wieder übernommen - aber diese Aufgabe übernahm dann Taavi Rõivas.
Auch der langjährige Ex-Außenminister Urmas Peat erklärte sich bereit zu einer Kandidatur (ERR) - auch er ist Mitglied der Reformpartei, hat aber offenbar weniger Unterstützer hinter sich. Von den übrigen im estnischen Parlament vertretenen Parteien (Sozialdemokraten SDE, Freie Partei EVA und Konservative Partei EKRE) ist bisher nur bekannt, dass sich alle für einen möglichst überparteilichen Kandidaten ausgesprochen haben; die "Pro-Patria- und Res-Publica-Union" (IRL) scheint eher mit sich selbst zu tun zu haben und mit Umfrageergebnissen, welche die Partei unter 5% Wählerzustimmung sehen. Auch der Name von Schriftsteller und Kurzzeit-Verteidigungsminister Jaak Jõerüüt wurde schon einmal als möglicher Kandidat genannt, scheint aber außer bei der Freien Partei kein großes Wohlwollen zu genießen.
Mindestens 21 Parlamentsabgeordete müssen eine Kandidatur unterstützen um zugelassen zu werden - am Ende wird es also eine recht übersichtliche Anzahl Präsidentschaftsanwärter und -anwärterinnen sein. Die Wahl eines neuen estnischen Präsidenten ist für den 29. August vorgesehen.

Info zu den estnischen Präsidentschaftswahlen (engl.)

Mittwoch, April 13, 2016

Pan-Estland

Warum ist aus estnischer Sicht so wenig über Erkenntnisse aus den Veröffentlichungen der "Panama-Papiere" zu hören, zu lesen oder zu sehen? Es liegt zunächst daran, dass in der internationalen Recherchegruppe kein estnischer Journalist dabei war (International Consortium of Investigative Journalists ICIJ) - immerhin ein ein Netzwerk von 160 Journalisten in etwa 60 Ländern. Hat Estland keine guten, unabhängigen Journalisten, die ausreichend unabhängig von Regierung oder Wirtschaft arbeiten?

Estnische Medien sehen das Thema aus anderer Perspektive: nur 22 Begünstigte, 80 Anteilseigner und "nur" 800 estnische Firmen werden in den "Panama-Papieren" erwähnt. "Wir sollten uns erinnern, dass Estland doch einen recht kleinen Markt darstellt" (Journalist Anvar Samost bei ERR) - solche Aussagen hat man von den sonst so selbstbewußten Esten lange nicht mehr gehört. Beliebt sind auch Vergleiche mit den südlicheren baltischen Schwestern: während von lettischer Seite darauf hingewiesen wird, dass die vielen Einzeleinträge von Transaktionen bei lettischen Banken vor allem von Kontoinhabern getätigt wurden, die nicht Staatsbürger Lettlands sind (wodurch diese Geschäfte allerdings nicht besser werden), wagt der estnische Kollege Samost zart anzudeuten: auch in Estland könnte es Korruption geben.

Wer sich wegen seiner Geschäftsbeziehungen mit Panama Sorgen macht, solle doch einfach die estnischen Steuerbehörden kontaktieren, meint Rainer Laurits, Sprecher des Finanzministeriums gegenüber der "Baltic Times". In Estland gelte das Steuergeheimnis, betont er, und das gelte selbst dann, wenn gegen bestimmte Personen Ermittlungen in Gang gesetzt werden sollten. Ob also die Wirtschaft Estlands - das sich ja selbst immer wieder als Land niedriger Steuern und geringer Belastungen für Unternehmen positioniert hat - ob es also Bezüge estnischer Firmen zu Mossack Fonseca gibt: das hat offenbar noch gar keiner so richtig untersucht. Leise und vorsichtig ist zwischen den Zeilen aus den spärlichen Kommentaren in der estnischen Presse herauszulesen: da es noch keine skandalösen Überraschungen gab, ähnlich wie Island oder Großbritannien, hoffen wir mal dass es zumindest keine estnischen Politiker/innen betreffen wird.

Estnische Finanzmarkt-Experten wie Aivar Paul hoffen sogar darauf, dass Estland der neue Ort für Anlageinteressierte werden könnte (delfi.ee); Panama-Nachfolger sozusagen. Schließlich sei eine Unternehmensgründung in Estland sehr einfach, und dank der Möglichkeiten einer "virtuellen Staatsbürgerschaft" stünden Firmen dann viele Dienstleistungen offen. - Na, dann muss der Kindervers wohl umgeschrieben werden: "Oh, wie schön ist Pan... - Estland!"

Gerade diese einfache Art, Firmen gründen zu können, geriet ja in den Fokus von Verdächtigungen - wenn zum Beispiel allein auf den Britischen Jungferninsels 481.000 Firmen registriert sein sollen (Spiegel). Unter den EU-Mitgliedstaaten ist da Estland, neben Malta, Liechtenstein, San Marino, Zypern, der Isle of Man, Guernsey und Jersey, Island und Gibraltar auch Eesti ein Land mit sehr vielen Firmen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Estland-Freunde werden vielleicht hoffen, dass Aussagen wie die vom GRÜNEN-Europapolitiker Sven Giegold nicht auch auf Estland zutreffen: "Nur für kleine Staaten rechnet sich das Steuergeschäft; Sie verkaufen ihre Souveränität an Vermögende und richten anderswo Milliardenschäden an." (zitiert nach: Spiegel)

Dienstag, März 15, 2016

Echt bärig!

Nein - keine Waldkapelle, und kein Örtchen für's
dringende Bedürfnis - eher eine Mensch-Versteck-Station
in Meister Petz' Revier
Estland, das Land des baltischen Tigers, des freien Internets und der frisch restaurierten Gutshöfe - zuviel Klischees? Fürs neue Jahr hat die estnische Tourismusindustrie noch mal tief in die Ideenkiste gegriffen und bietet etwas an, was nicht jede touristische Destination hat - in Europa schon gar nicht: Besichtigung beim Bären. Hier verbirgt sich hinter "Mietung von Deckung" ein Besuch bei Meister Petz: für einen guten Schuß - mit dem Fotoapperat.

"Haben Sie schon mal im Wald einen Bären getroffen?" fragte "VisitEstonia" schon 2010, und versprach gleichzeitig eine Wahrscheinlichkeit von über 90%. In diesem Fall ist dann meist ein Waldgebiet nordöstlichen Landkreis Ida Virumaa gemeint: Alutaguse. Zwischen Hochmoor und Sumpf sollen hier etwa 100 Bären leben - und dieses Angebot haben schon etliche Reiseveranstalter als Attraktion ins Programm genommen.

Nun wäre ein Ausflug mit Tierbeobachtung das eine - aber hier sollen die Gäste im Bärenrevier auch übernachten. Ein Quartier, was bei "VisitEstonia" noch "gemütlich und bequem" genannt wird, im Falle konkreten Interesses aber mit Vorsichtsmaßnahmen bedacht wird: keinen Lärm machen, keine stark riechenden Parfums benutzen, nicht nachts die Schutzhütte verlassen - so ist es auch in den zugänglichen Erfahrungsberichten nachlesbar.
Für alle, die sich daher erstmal langsam herantasten wollen, weist der "Looduskalender" auch auf andere tierische Sehenswürdigkeiten hin: Zwergschnepfen, Moorschneehühner, Bartkauz, Flughörnchen oder Wölfe - "Alutaguse von seiner ganz eigenen geheimnisvollen Aura umgeben", so die estnischen Naturschützer.

Leider enden die Angebote aber nicht bei der Tierfreundlichkeit. Als "einzigartiges Erlebnis" feiern auch die Jäger ihr privates Vergnügen - die Bärenjagd. Hier wird die Zahl der Bären in Estland auf 800 geschätzt, und behauptet "diese Zahl steige erheblich". Also Bärenschwemme in Estland? Jäger aus dem Ausland befreien die Estinnen und Esten von ihrer Not? Daran darf gezweifelt werden - eher wahrscheinlich ist auch hier eine vielversprechende und sichere Einnahmequelle für die Veranstalter. Vor allem im August, September und Oktober verschwinden also mindestens zweierlei Interessierte in den estnischen Wäldern: die einen mit Zooms und Speicherkarten, und auch die anderen machen Fotos: Beweisfotos vom Mensch als Ordner und Richter über Leben und Tod. Zählt man die auf den Seiten verschiedener Anbieter die Abschußstatistiken zusammen, so wurden 2007 in Estland 27 Bären erschossen, 2008 waren es 37, 2010 schon 65. Die Jagdveranstalter werben mit "flexiblen Preisen", "hoher Trophäenmöglichkeit" und "Extrapakete für Ihre Begleitung und Ihre Kinder, damit auch sie den Urlaub genießen" (Märchen von Meister Petz vorlesen, während Pappa im Wald ist?). An Verboten wird an dieser Stelle nur eines genannt: "Jagd mit Bogen und Armbrust".

Vielleicht ist die freie Natur in Estland einsam und menschenleer genug, dass Tierfreunde und Tierjäger sich nicht über den Weg laufen werden - allerdings sollte die estnische Tourismuswerbung vielleicht auch etwas sensibler mit dem Thema umgehen. Die im Internet einsehbaren "Dankesbriefe" der Jagdgäste sprechen bisher dafür, dass gewöhnlich eher Elche gejagd werden (was ja auch in Skandinavien eine weit verbreitete "Leidenschaft" ist). Estland hat schon manches Thema neu erfunden und erfolgreich zur Imagewerbung genutzt - wenn sich allerdings herausstellen sollte, dass lokale Veranstalter für die einen die süßen Bären fürs Fotoshooting herausputzen, um dann seine Gewohnheiten und Aufenthaltsorte so genau zu kennen, um die Tiere den nächsten Besuchern vor die Flinte treiben zu können, hätten die angeblichen Naturschätze Estlands in beiden Fällen eine große Gemeinsamkeit: sie wären lediglich Objekte zum Geldmachen geworden.
Alutaguse hat sich flexibel aufgestellt: auch ein "Abenteuerpark" wurde hier fertig gestellt, der vielseitige Angebote anderer Art bietet: Kletterstrecken im Wald, ein Sportzentrum mit Schwimmbad, Sauna und gesunder Ernährung - mit einer Vielzahl von Spielen und Unterhaltung. Typisch estnisch eben.

Dienstag, Februar 09, 2016

Ein echter Europäer

Eigentlich ist er schon seit vielen Jahren eine echte Größe in der estnischen Kulturlandschaft, wenn auch noch kein einziges Buch von ihm ins Deutsche übersetzt worden ist. Er gilt als scharfzüngiger, formulierungsstarker Beobachter der gesellschaftlichen Entwicklung in Estland, der die ganze Bandbreite von zarter Poesie bis hin zum politischen Engagement für die estnische Unabhängigkeit wie auch als Parlamentsabgeordneter ausprobiert; einer der einflußreichsten Lyriker Estlands bekam jetzt den Europäischen Literaturpreis zugesprochen: Jaan Kaplinski.

Als Sohn eines polnischen Vaters und einer estnischen Mutter 1941 in Tartu geboren, sind ihm Sichtweisen, die abseits liegen von verbohrtem Nationalismus, scheinbar geradezu in die Wiege gelegt. Deutschsprachige Leseinteressenten von Kaplinskis Werken müssen jedoch bisher lange suchen - Auszüge oder einzelne Gedichte sind bisher nur in einigen Ausgaben der inzwischen wieder eingestellten Zeitschrift "Estonia" zu finden (zuletzt im Hempen-Verlag erschienen), in einem Sonderheft der Literaturzeitschrift "Wespennest" des Jahres 2002, auch in dem 1999 erschienenen Band der Edition "Die Horen" von Georg Laschen "Die Freiheit der Kartoffelkeime - estnische Literatur". Bereits 1992 erschien eine Auswahl estnische Autor/innen bei der "Edition Junge Poesie" in Karlsruhe. Nichts darunter, was man in einer deutschen Buchhandlung heute noch finden könnte.

Der Europäische Literaturpreis wurde seit 2005 jetzt zum 11.Mal vergeben: Kaplinski ist der erste Preisträger der baltischen Staaten. Auszug aus der Laudatio:
"Kaplinski studierte Linguistik an der Universität Tartu. Er arbeitete wissenschaftlich in den Bereichen der Linguistik, Soziologie, Ökologie und als Übersetzer aus mehreren Sprachen ins Estnische. Er ist interessiert an keltischer Mythologie, den Indianern der USA und klassischer chinesischer Philosophie und Dichtung.
Während der Perestroika und der estnischen Unabhängigkeitsbewegung war er als Journalist aktiv, sowohl in Estland wie im Ausland. 1992-95 war er Abgeordneter des Estnischen Parlaments (Riigikogu). Er lehrte Geschichte der westlichen Zivilisation an der Universität Tartu. Er veröffentlichte mehrere Bücher mit Dichtung und Essays in Estnisch, Finnisch und Englisch. Seine Werke wurden bisher übersetzt in Norwegisch, Schwedisch, Lettisch, Russisch und Tschechisch.
Beeinflußt von Vertretern des Modernismus wie Rimbaud, Eliot und Pound sowie von der klassischen chinesischen Dichtung übersetzte er auch Werke aus dem Französischen, Englischen, Spanischen, Chinesischen und Schwedischen (Gedichte von Tomas Tanströmer). Er unternahm Reisen in viele Länder, darunter China, die Türkei und Russland. Er ist Mitglied mehrere Bildungsgesellschaften sowie der Universal Academy of Cultures, geleitet von Elie Wiesel."

Vielleicht sollte jemand mal Jaan Kaplinski fragen, was er dazu sagt, dass ihn der deutsche Buchmarkt bisher so ausdrücklich ignoriert hat - oder wird da noch was kommen?

Mehr zu Jaan Kaplinski: Wikipedia  -    Jaan-Kaplinski-Webseite (engl.) -

Online-Übersetzung der Geschichte "Wenn Heidegger ein Mordwinier gewesen wäre" (Übersetzung von Carola Haentsch)

"Eis und Heide" (zu finden auf der Jaan-Kaplinski-Webseite)

Jaan-Kaplinski-Blog (estnisch)

Donnerstag, Januar 28, 2016

Toomas hat ne Neue

Fast liest es sich wie eine estnische Variante des bekannten Merkel-Ausspruchs: "We will manage, Europe will manage" - so sagte es Präsident Toomas Hendrik Ilves in seiner Neujahrsansprache. Fürs verflossene Jahr diagnostizierte Ilves ein "Zittern und Wackeln" - nicht nur bei der europäischen Flüchtlingspolitik, auch in der Ukraine, und sogar in der estnischen Regierung.

Neue Stilikone Estlands: Ieva Kupce
Neujahrswünsche könnten viele Estinnen und Esten aber dieses Jahr für überflüssig gehalten haben, denn schon am 2. Januar fand die Trauung des estnischen Staatsoberhaupts (62) mit der Lettin Ieva Kupce (38) in der St.Anna.Kirche in Halliste statt. Wenig Zittern und Wackeln also im Privatleben - erst im April 2015 hatte Ilves die Trennung von seiner zweiten Frau Evelin Ilves bekannt gegeben. Nun also Ieva Kupce - zukünftige Ieva Ilves - 38 Jahre alt, aufgewachsen in Limbaži und Salacgriva; der Vater starb bereits als sie 3 Jahre alt war, die Mutter arbeitete in Limbaži als Kunstlehrerin. Ieva schloss ein Studium der Politikwissenschaften an der Lettischen Universität Riga ab, später auch an der John Hopkins Universität, Washington D.C., USA. Ihre offizielle Biographie zählt sie zu denjenigen Mitarbeiterinnen des lettischen Aussenministeriums, die bis 2004 die NATO-Mitgliedschaft vorbereiteten. 2006 war sie an der Durchführung des NATO-Gipfels in Riga beteiligt, danach arbeitete sie als Mitglied der lettischen Delegation bei der NATO in Brüssel und galt als Spezialistin für Azerbaidschan. Nachdem sie 2012 ihren Studienabschluß in Washington erreicht hatte arbeitete sie im lettischen Verteidigungsministerium als Expertin für Cybersicherheit. Es ist nicht überliefert, was Kupce von der Bezeichnung "Karrierediplomatin" hält.

Aus der Sicht von Ilves könnte man auch meinen, er suche nun seine Frau nach seinen politischen Vorlieben aus: NATO und USA, starker Westen und unbedingte Orientierung an modernen IT-Techniken - da ist zu erwarten, dass sich Ilves auch privat in Russland-kritische Betrachtungen oder zu nordisch-estnische Identitäten ausbreiten darf, ohne dass jemand ihm ungeduldig das Wort verbietet. Estinnen und Esten sind von ihrem gegenwärtigen Präsidenten allerdings auch gewohnt, dass er bunte "Patchwork-Spuren" hinterläßt. Seine jetzt geschlossene Ehe mit seiner 24 Jahre jüngeren Ieva ist seine dritte. Mit der US-amerikanischen Psychologin Dr. Merry Bullock hat er zwei Kinder: Luukas Kristjan (geb. 1987) und Juulia Kristiine (geb.1992). 2004 heiratete er Evelin Int-Lambot, die Tochter Kadri Keiu kam 2003 zur Welt.
Zur Familie Ilves dazu kommen nun zwei Kinder mit ebenfalls unterschiedlichem Namen: Ralfs Jānis Pundurs (geb. 2004, gemeinsames Kind mit Ivars Pundurs, momentan lettischer Botschafter in Griechenland) und Izabella Kupce (geb. 2014), deren Vater auf tragische Weise in Azerbeidschan verstarb.

Präsidiale Ex-Gattinnen: Merry (links) und Evelin

Nun muss sich die neue "First Lady" Estlands auch an öffentliche Auftritte und verschärfte Aufmerksamkeit der Medien langsam gewöhnen. Zu mehr als einem zögerlichen "tere õhtust" (estn. "Guten Abend") reichte es bei ihrem ersten Auftritt im estnischen Fernsehen noch nicht - es wirkte wie eine lästige Pflicht, so wie sie der stocksteife Moderator gleich nach diesen zwei Worten für ihre gute Aussprache lobte. Die folgenden 22 Minuten wurde Englisch parliert. "Ich muss akzeptieren, dass Toomas nicht nur Ehepartner, sondern auch Präsident ist," - auch dieses Statement wirkte sehr pflichtschuldig. Oder sind es Anzeichen gemeinsamen, nordisch-zurückhaltenden Temperaments?

Auch mit einer Frage "Was war der Moment, wann ist es passiert, als Sie sich verliebten?" lässt sich die lettische Präsidentengattin kaum aus der Reserve locken: natürlich folgten keine Details dazu, dass beide sich schon aus Brüsseler Zeiten kennen, als Ilves noch Abgeordneter des Europaparlaments war - also schon vor seiner voriger Ehe, die 2004 geschlossen wurde.
Seine neue Verbindung zur geliebten Ieva hatte der estnische Präsident im vergangenen Herbst zwar noch nicht öffentlich verkündet, aber auch nicht verheimlicht; das frisch verliebte Paar wurde gemeinsam auf mehreren Musikfestivals wie auch in Rigaer Cafés gesehen.
Beim Pilzeputzen habe Ilves - der seine neu Angetraute übrigens, deren eigener Aussage zufolge, für eine typische Livin hält - seinen Heiratsantrag gemacht, und diesen dann durch einen Verlobungsring bekräftigt. Und auf die Frage nach den Gründen einer kirchlichen Vermählung folgte kein öffentliches Glaubensbekenntnis, sondern ebenfalls ein recht allgemeiner Satz von der "großen symbolischen Bedeutung der Kirche". "Für mich war es die erste kirchliche Heirat, und wir beide sind der Überzeugung, dass es richtig war es so zu tun," so Ieva Kupce. "Und es war auch nicht zu früh dazu", begegnet sie Auffassungen, man habe sich ja auch noch etwas Zeit lassen können. "Ein Abschnitt mit Freunschaft lag schon hinter uns, nun entwickelten sich neue Dimensionen."

Offenbar reagierten estnische Medien auf die schnelle Wiederheirat ihres Noch-Präsidenten (seine Amtszeit läuft dieses Jahr aus) kritischer als die lettischen, wo hauptsächlich Begeisterung über ihre "zweite First Lady" vorherrschte. So sah sich Ieva Ilves offenbar veranlaßt öffentlich zu verkünden, dass auch Isabella, ihr erst 2 Jahre altes Kind, nicht etwa bereits ein gemeinsames Kind mit Präsident Ilves sei.
Allerdings hat auch die "Neatkarīgā Rīta Avīze" ("Unabhängige Morgenzeitung") sich zumindest in Ieva Kupces Steuererklärung näher vertieft: Grundbesitz in Salacgrīva, eine Wohnung in Limbaži, Anteile an gemeinschaftlichem Landbesitz in Riga, und auch noch eine Wohnung im malerischen georgischen Städtchen Kazbegi sei dort ebenso aufzufinden, wie der Besitz von zwei Autos (einen neuem BMW und einem alten VW Golf). Wo es andernorts ein Steuergeheimnis gibt, gelten solche privaten Details in Lettland, wo die Anschuldigung dass Politiker und Emporkömmlinge hemmungslos persönlich bereichern, als gewohnter oder erlittener Teil von öffentlicher Transparenz. So wird denn auch noch hinzugefügt, dass auf Kupces Haben-Seite 10.000 Euro und 5.000 US-Dollar verbucht sein sollen, dazu 82.000 Euro Schulden. (NRA 15.1.16)

Estlands neue First Lady machte klar, dass sie vorhabe, ihre berufliche Tätigkeit vorerst weiterzuführen, und präsidiale Aufgaben immer dann wahrzunehmen, wenn es notwendig sei. In sofern wird die Klatschpresse sicherlich genau verfolgen, wie zum Beispiel der Nationalfeiertag am 24. Februar ablaufen wird.

Samstag, Januar 02, 2016

Musketiere in Schulsporthalle

Auch in den Kinos bekommen es Interessierte mit "Die Kinder des Fechters" in diesen Wochen mit einem Sport zu tun, der in den deutschen Medien so gut wie keine Sendezeit hat, also kaum jemandem aktuell näher bekannt sein sollte: dem Fechtsport. "Die Zahl derer, die in Deutschland hobbymäßig dem Fechtsport nachgehen, wird auf zirka 25.000 geschätzt", schreibt der Deutsche Fechterbund, organisiert in 500 Fechtvereinen. Einerseits kann stolz berichtet werden, Fechten gehöre neben Boxen und Ringen zu den "ersten Wettbewerben der Menschheit" (auch besonders Ringen hat stark an Popularität verloren, gegen die Herausnahme aus dem olympischen Programm wurde kürzlich erfolgreich protestiert). Andererseits ist Fechten in der regionalen Sportberichterstattung vor allem in süd- und westdeutschen Landen präsent: die deutschen Meister kommen in der Regel aus Augsburg, Böblingen, Heidenheim, Koblenz - seltener auch mal aus Leverkusen, Düsseldorf, oder Bonn. In den 1980iger und 1990iger Jahren war Tauberbischofsheim in den bundesdeutschen Schlagzeilen als "Mekka des Fechtsports", und die Stadt ist wohl heute noch eine der wenigen, wo Fechten gleich auf den ersten Blick als Bestandteil des Images der Stadt zu erkennen ist. Mit über 370 Medaillen bei olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften zählt der Fecht-Club Tauberbischofsheim e.V zu den erfolgreichsten Vereinen weltweit - 1976 war der heutige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach Olympiasieger im Herrenflorett. Zuletzt vor 30 Jahren wurde mit Cornelia Hanisch eine Fechterin Deutschlands Sportlerin des Jahres (1985), im Jahr darauf war es die Degenfechter-Mannschaft.

Fechterimage
"Kids von heute können Fechten voll cool finden: Jede und jeder nimmt schließlich mal einen Holzstock vom Waldboden (oder den Strohhalm vom Saftglas) und fängt an  sich zu schlagen - pardon zu fechten." So schreibt es der Deutsche Fechterbund. Was gerne verschwiegen wird, sind häufige Assoziationen mit den früher häufigen "schlagenden Verbindungen" der deutschen Studentenschaften, weit verbreitet vor allem zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs (auch: "Burschenschaften"), zu deren bekannt-berüchtigten Ritualen Duell und Mensur (Fechten mit scharfen Waffen) gehörten. Verbindungen zu politischen Strömungen waren dabei unterschiedlich gelagert: mal waren es Katholiken gegen Protestanten, nach 1850 waren viele durch zunehmenden Antisemitismus, stark konservativen Einstellungen und Nationalismus gekennzeichnet. Zu studentenbewegten Zeiten (68iger) standen die Burschenschaften und Studentenverbindungen unter besonders starker Kritik, in den sozialistischen Ländern galt auch Fechten als Teil typischer Relikte der alten herrschenden Klassen. - Auch heute noch gibt es Streitfragen; aktuell traten in den letzten Jahren 40 Burschenschaften aus dem Dachverband aus, weil ihnen dessen Tendenzen - beispielsweise Ausschluß von nicht-deutschen Mitgliedern - zu rechtsradikal schienen.

estnisches Fecht-Idol:
Julija Beljajewa
Diese Thematik - fokussiert auf Sowjet-Estland - hat nun ein Film zur Grundlage, der im Dezember auch in die deutschen Kinos kam. Während der deutsche Kinobesucher vielleicht maximal etwas von den obigen Themen gehört hat - oder ganz neu zum ersten Mal Näheres über Fechtsport sehen wird - wie steht es um den Fechtsport eigentlich in Estland?
Im kleinen Estland erregt ja jeder Medaillengewinner große Aufmerksamkeit; so war es auch 2013, als bei den Fechtweltmeisterschaften sowohl Nikolai Novosjolov (Degen) wie auch Julia Beljajeva (Degen) die WM-Goldmedaille gewannen (Präsident Ilves gratulierte - wie sich das für einen estnischen Präsidenten gehört - per Twitter). Novosjolov, als ethnischer Russe gebürtig aus Haapsalu und seit 1996 im Besitz der estnischen Staatsbürgerschaft, wurde im gleichen Jahr (nach 2010) zum zweiten Mal Estlands Sportler des Jahres. Inzwischen ist er als Mitglied der Reformpartei sogar in die Politik eingestiegen. Für Beljajeva war der WM-Sieg eine kleine Sensation - wenn man den Sieg 2010 Juniorinnen-WM im Team 2010 mal ausnimmt - so wird man als Fechtsportlerin auch mal von Presse und Fans jubelnd am Flughafen Tallinn emfpangen. Aber vielleicht war es auch etwas Besonderes, als Beljajeva 2013 ebenfalls estnische Sportlerin des Jahres war und damit zwei Mitglieder aus derselben Branche in Estland geehrte wurden.

Eine Story von Drama und Abenteuer
Im estnischen Fechterfolgsjahr 2013 wurden sogar von Dichtern Loblieder aufs Fechten verfaßt (siehe Contra mit "Võimas Musketärimaa").
Schon seit 1971 wird jedes Jahr um das "Schwert von Tallinn" gefochten - beim ersten Mal waren 42 Teilnehmer/innen dabei, 2015 waren es 273. 
Beim Kinofilm "Kinder des Fechters" (estnisch: "Vehkleja”, Finnisch "Miekkailija") geht es um Endel Nelis aus Haapsalu, gespielt vom estnischen Schauspieler Märt Avandi. Das im Film erzählte Geschehen ist frei erfunden - anders gesagt, "dramatisiert" - und so kommt der Film darum herum, etwa von alten estnischen Burschenschaften oder gar glorreichen deutschbaltischen Zeiten erzählen zu müssen. "Jede Zeit schafft sich ihre neue Mythen" - das gilt auch für die Republik Estland. Die 2 Millionen Euro Budget teilen sich estnische, finnische und deutsche Produktionspartner, gedreht wurde natürlich in Haapsalu. Regisseur Klaus Härö wird mit diesem Film 2016 erneut Finnlands Oskar-Nominierung sein - für Härö zum dritten Mal. "Miekkailija" landete diesmal immerhin auf der Shortlist, (die besten 9 von 81 Bewerbungen), am 8.Januar werden die besten fünf für die Endausscheidung festgelegt (nominiert ist der Film übrigens auch für den Golden Globe). 2014 schaffte es die estnisch georgische Coproduktion "Mandarinen" (Mandariinid) auf die Liste der Oscar-Nominierten, gewann aber nicht. Dieses Jahr also hoffen die Esten auf den finnischen Umweg für den Einzug ins cineastische Pantheon.

Endel Nelis, mit Fechterstandarte
Der wirkliche Endel Nelis starb 1993 in Haapsalu. Aus dem von ihm gegründeten Fechtklub "En garde" gingen einige bekannte Esten hervor, wie z.B. der Politiker Andres Lipstok. Aber eine "wahre Geschichte" wird im Film nicht erzählt - besser gesagt wird die wirkliche Existenz dieser Person nur zum Anlaß genommen, einen eigenen Film zu machen - wohl vor allem, um die Filmhandlung in die Zeit 1952 / 1953 versetzen zu können. "Nelis hatte zwar oft mit Sowjetautoritäten zu tun, aber es gibt keinen Nachweis, dass er in ein Arbeitslager kam," gibt Regisseur Härö im Interview zu. Man habe mehr von Estlands Geschichte in die Handlung einbauen wollen. Und da ist ja auch noch Drehbuchschreiberin Anna Heinämaa, selbst Fechterin, die auf die Idee für den "Fechter" bei einem Spaziergang durch Haapsalu kam, als sie angeblich ungewöhnlich viele Menschen in Fechtkleidung herumlaufen sah (Tampere Magazin). In einem Fechtclub in Haapsalu sei sie dann auf Helen Nelis getroffen, Endels Tochter.
Die Verflechtung von angeblich realer Story mit dem Anspruch, estnische Geschichte erzählen zu wollen, treibt Kinogänger wie Lars Tunçay (indiekino) zu der Behauptung, in Estland kenne jeder Endel Nelis' Geschichte; das Schrauben am Image Estlands scheint zu funktionieren (und natürlich haben viele Esten nun den Film gesehen).

Kammerspiel in der Schulturnhalle
Ich musste unter den vielen kurzen Kinokritiken etwas suchen, bis ich eine Bezeichnung fand, die auch meinem Eindruck entspricht, nachdem ich den Film sah. Katharina Schulz bezeichnet es bei "Radio Berg" als "Kammerspiel in der Schulturnhalle". Treffend! Auch die Einordnung als "unkonventioneller Ansatz, der ansonsten abgesteckte Wege geht" kann ich teilen. Denn so ungewöhnlich zunächst der Ausgangsort der Geschichte sich anfühlt - am Ende des Films lassen sich doch eine ganze Menge Dinge aufzählen, die der Film eben NICHT erzählt: nicht über die Faszination des Fechtens an sich. Nichts über estnisches Leben in der Sowjetzeit. Sogar Endels wahrscheinlicher Hintergrund, dass er zu Zeiten der deutschen Besetzung als SS-Mitglied gekämpft haben könnte und daher auf der "schwarzen Liste der Roten" steht, wird nicht benannt. Vielmehr wird unter den Zusehern eine automatische Angst vor den "Schrecken des Kommunismus" vermutet und vorausgesetzt: "Der böse Schulleiter ist böse. Der weise Großvater ist weise. Die süßen Kinder sind süß, und die Politkommissare steigen in knöchellangen Ledermänteln aus ihren schwarzen Autos" (Katharina Schulz).
Dazu kommt dann noch, dass der Held der Kinder dann tatsächlich in Leningrad während des Fechtturniers vom KGB verhaftet wird - nur um dann nach einer kurzen Schwarzblende wieder - scheinbar unversehrt - am Bahnhof von Haapsalu aufzutauchen, unbeschadet, alle Kinderchen warten (und sehen noch genauso aus wie vor seiner Verhaftung), und der Held geht mit ihnen und seiner Geliebten im Arm in den Sonnenuntergang ...
Ross A. Lincoln drückt es bei "Dealine-com" so aus: "Ein Drittel 'Karate Kid', ein Drittel 'Club der toten Dichter', ein Drittel 'Animal Farm' ".

"Echter" Fechtnachwuchs, stolz auf das Geleistete
beim Fechtklub "En Garde" in Haapsalu
Ja, also ein schöner Film. Märt Avandi spielt durchaus beeindruckend, er entwickelt einen Charakter der Eindruck hinterläßt. Aber die Geschichte verharrt unentschlossen zwischen Kinderfilm und flach erzähltem Historienschinken. Es ist eben weder "Stalins Staat der Angst" (Badische Zeitung"), noch "David gegen Goliath". Diese heruntergekommende Schulturnhalle hätte auch im Westdeutschland der frühen Adenauerzeit stehen können, und die Lehrer hätten genauso menschenfeindlich und steif, auf Karriere bedacht, autoritätshörig und ähnlich unkollegial sein können.
Vielleicht ist es auch gerade die potentielle Ähnlichkeit zu eigenen Kindheitserlebnissen, die manche deutsche Kinokritker so positiv reagieren lässt. Oder vielleicht sogar die Begegnung mit vom Krieg traumatiesierten Kindern heute? Da trifft aktuell manches trendige zusammen.
Oder die vorgefassten Schablonen, die Deutsche nun mal so haben: Der "FilmNewsBayernBlog" zitiert die Münchner Produktionsfirma "Kick Film", die den Film offenbar mit Bezügen zur aktuellen poltischen Lage bewirbt. Von Putin bedrohte Esten als Motivation gerade diesen Film zu sehen. Putin, Stalin, Lenin ... alles dasselbe?

Kampfesmutige Esten und beachtenswert gute Kinderdarsteller - ok. Der Hauptdarsteller ein "schöner Ritter mit einem kleinen Geheimnis" (so Klaus Härö). Wenn da eben nicht das Drehbuch wäre, das alles zusammen wie in ein Korsett zwängt, keine Zweideutigkeiten, kein Konflikte, kein Scheitern und keine Lügen. Es kommt keine rechte Tiefe auf, trotz sehr gut komponierter Filmmusik (Gert Wilden Jr.). Eine gute Kameraführung und, schlicht und einfach "schöne Bilder", machen den Film dennoch zu einem recht kurzweiligen Kinoerlebnis.

Zorro Filmverleih / Fechtklub "En Garde" Haapsalu / Webseite zum Film

Mittwoch, Dezember 23, 2015

Schachgeburtstag

2016 wird ein Keres-Jahr! So ist es in estnischen Medien zu lesen, und offenbar ist es auch in der deutschen Schachwelt schon angekommen: die "Schachnachrichten" weisen besonders auf die 2-Euro-Gedenkmünze hin, die in Kürze erscheinen wird (ERR). Paul Keres, geboren am 7.Januar 1916 in Narwa, gestorben am 5.Juni 1975 in Helsinki, war - wie die Schachwelt weiß - einer der stärksten Schachspieler des 20.Jahrhunderts. Obwohl er nie Weltmeister war, hat er aber gegen neun amtierende oder ehemaligen Weltmeister Turnierspiele gewonnen. Paul Keres war auch Estlands Sportler des Jahres 1959 und 1962. Ganz oben an die Weltspitze kam er nie, daher nannten ihn manche auch "der ewige Zweite". Fast vierzig Jahre gehörte Keres zu den besten Schachspielern der Welt, auch bekannt durch seine Bücher mit brillianten Analysen. In der Straße Vene tänav 29 in Tallinn befindet sich das "Paul-Keres-Schachhaus".
Estland ehrte ihn schon zu Zeiten der estnischen Krone (1992 - 2010) mir einer Abbildung auf dem 5-Krooni-Schein. Vom 8.Januar an wird nun eine Gedenkmünze im Handel sein, in einer Auflage von 500.000 für den normalen Gebrauch als 2-Euro-Münze, 5.000 Stück werden speziell für Sammler in Sonderauflage produziert. (Eesti Pank). Den ausgeschriebenen Wettbewerb zur Gestaltung der Münze gewann Riho Luuse. 2016 werden auch eine Reihe von Schachturnieren in Gedenken an Paul Keres durchgeführt werden.

Montag, November 16, 2015

E-Estonia - englisches Estland

Estland ist stolz auf die Englisch-Kenntnisse der Estinnen und Esten. Nach der aktuellen Vergleichstabelle des "English Proficiency Index" (EPI) rangiert Estland auf einem sehr guten Platz 7. Ein Vergleich: Litauen liegt auf Platz 26, Lettland 22, Deutschland auf Platz 11. Vorn rangiert nahezu der gesamte skandinavische Block: Schweden (1), Dänemark (3), Norwegen (4) und Finnland (5). Dazu kommen die vielreisenden Niederländer (2) und mit Slowenien der erste Vertreter Osteuropas (6).

Die Macher des EPI, die 1965 in Schweden gegründete "Education First", nach eigenen Angaben "die größte privatwirtschaftliche Bildungsinstitution der Welt", gaben kürzlich zum fünften Mal die Vergleichszahlen zu den Englischkenntnissen in Europa heraus. "English first" ist hier die Devise - ob in Indonesien, Russland, China oder in Düsseldorf. Berechnet wird der EPI nach Englischtests, die in allen Ländern, in denen die Organisation tätig ist. Mindestens 400 Testteilnehmer pro Land sind nötig, jeder kann kostenlos an den Tests teilnehmen.

Natürlich werden die Englischkenntnisse nach diesem Verfahren speziell bei diejenigen überprüft, die auch Englisch lernen wollen. Wer gar kein Englisch kann und es auch nicht lernen will, wird nicht berücksichtigt. Also, man könnte auch sagen: wer bei EPI vorn liegt, ist Sieger unter den Eifrigen.

Gute Englischkenntnisse spiegeln ein höheres Einkommen wieder, meinen die Macher. Außerdem schneiden Frauen durchschnittlich besser ab als Männer. Für das estnische Außenministerium bedeutet EPI offenbar auch einen Indikator für die West-Orientierung: zwar konnte man den Platz gegenüber dem Vorjahr verbessern, betont das Ministeriums in einer eigenen Pressemitteilung, aber an den ehemals erreichten vierten Platz möchte man doch gerne wieder heran.
Einige Kommentare in den gängigen Internetforen (ERR) wiesen darauf hin, dass in vielen Ländern mit angeblich guten Englisch-Kenntnissen diese angeblichen Sprachkundigen auf den Straßen nicht wiederzufinden seien. Und: auch englisch Muttersprachler weisen darauf hin: sprecht so gut Englisch wie ihr wollt, wenn ihr nur auch euer Estnisch erhaltet!

Samstag, Oktober 31, 2015

Der schönste Mann

Bei den Estinnen und Esten sind eher Präsdent Ilves und Ex-Regierungschef Andrus Ansip beliebt, bei Russen in Estland eher Edgar Savisaar oder Vladimir Putin - soweit, so wenig überraschend. Wer aber ist Märt Avandi? Das estnische Umfrageinstitut EMOR TS fragte nach dem idealen Mann - und dieser war der meist genannte. Außerhalb Estlands vielleicht noch nicht so bekannt, aber das kann sich vielleicht bald ändern.

Freund der Kinder, starker Partner für die Frauen - aktuell
beeindruckend auch für die Estinnen (Abb.: Zorro-Film)
Märt Avandi - der estnische Til Schweiger? In der Pressemeldung zur Umfrage (ERR) ist davon die Rede, die "durchschnittliche estnische Frau" bevorzuge intelligente, gutherzige Männer. Avandi - der Name klingt für Unwissende ein wenig nach Autovermietung oder Italo-Restaurant - könnte aber zumindest auch deutschen Filmfans bald ein Begriff werden. Avandi ist aktuell der Hauptdarsteller in der finnisch-estnischen Koproduktion "Miekkailija" ("Vehkleja"), der bereits im Juni auf dem Filmfest München zu sehen war und im Dezember unter dem Titel "Die Kinder des Fechters" auch in die deutschen Kinos kommt (siehe Trailer).In Deutschland sind der Bayrische Rundfunk und ARTE Partner, also in diesen Programmen wird der Film wohl auch Platz finden. Für Regisseur Klaus Härö ist dieser Film bereits die vierte Nominierung (Vorschlag) Finnlands für den besten ausländischen Film bei den US-Acedemy Awards (Oscars). Auf diese Weise - denn es ist ja der Vorschlag Finnlands - gibt es jetzt zwei estnische Kandidaten: der estnische Vorschlag ist "1944" (siehe Blog).

Märt Avandi spielte bereits auf den Bühnen der Theater in Rakvere, Pärnu und Tallinn, trat auch als Sänger, Moderator und Comedian auf.2009 bekam er am estnischen Schauspielhaus den "Großen Ants" ("Suur Ants") verliehen, ein Preis für die Rolle des Asaf in dem Stück „Because ehk mängud tagahoovis“ ("Because", oder "Spiele im Hinterhof"). 2013 bekam er den Oskar Luts Preis für Humor. Auch Gastgeber der TV-Show "Estland sucht den Superstar" war Avandi schon. Ein viel beschäftigter Schauspieler ist Avandi sowieso. Und glücklich verheiratet ist er auch - mit Ehefrau Liis-Katrin, Tochter des Musikers, Komponisten und Sängers Tõnis Mägi; zur Familie gehören noch Sohn Herman und Tochter Helmi.

Aber was kümmert das die Verehrerinnen, wenn er dennoch in Filmclips sich weiterhin so exklusiv präsentiert wie gegenwärtig als Werbefigur für das Kinderspektakel "Pardiralli" - in einer Badewanne, allein. Mit einem ernsten Hintergrund: Märt und Liis-Katrins erster Sohn Albert starb 2012 an Krebs - das Festival wird zugunsten der Krebsforschung und der Behandlung von Krebskranken veranstaltet. Die Avandis engagieren sich auch für die estnische Vereinigung der Eltern von Krebspatienten (Eesti Vähihaigete Laste Vanemate Liit). Da scheint die Vorbildfunktion doch vielfach verdient, sicher nicht nur in den Augen der estnischen Frauen.

Freitag, Oktober 09, 2015

Nordlichter

Foto: Kalmer Saar/Minupilt.err.ee
Auch Norddeutsche nennen sich ja manchmal selbstbewußt "Nordlichter" - aber was Estland am vergangenen Dienstag an wahren Nordlichtern bzw. Polarlichtern (estn. "Virmalised") aufzubieten hatte, das lohnt den häufigeren Blick zum Himmel.
Ein gewaltiger Sonnensturm habe verursacht, dass es in ganz Estland ähnliche Farbfantasien am Himmel gegeben habe (ERR).

Wer mag da noch behaupten, ein Besuch in Estland lohne sich nur im Sommer?

Die "Naturmaler" des "Looduskalender"
Einige der schönsten Schnappschüsse des Naturphänomens hat auch "Estonian World" zusammengestellt. Wer in Estland vielleicht auf die Idee kommt, die Abendstimmung mit einem kühlen Bierchen zu "veredlen", könnte sich sogar mit "Virmalised-Bier" versorgen.

Oder man macht es wir die Macher des "Looduskalender" (Naturkalender), die zusätzlich zu den Himmelslichtern auch noch mit langzeitbelichteten Fotos experimentieren. 

Freitag, Oktober 02, 2015

Was ist los mit Savisaar?

Nachdem seit Ende der 1980iger Jahre in Estland eigentlich jede und jeder glaubte, Edgar Savisaar, der kantige, stets präsente Mann, der aus der nordwest-estnischen Gegend von Harku stammt, sei für das politische Leben in der kleinen Republik ebenso unvermeidlich wie einst diejenigen von Ungern-Sternberg für das Dorfleben eben dieser Gemeinde. Nun, die Ungern-Sternbergs sind in Deutschland gerade eben in Person einer jungen Nachrichtensprecherin wieder aufgetaucht - während es um die Sympathisanten Saavisaar's fast so einsam wird als hätte sich dieser auf eine Insel (estn. = saar) zurückgezogen. Oder er sei - wie Zyniker es sehen - an den Ort seiner Geburt zurückgekehrt (= ins Gefängnis).

Ausschnitt aus einem Werbespot des "Keskerakond":
Savisaar aller Orten ...
Eigentlich hatten sich die meisten Menschen in Estland bereits damit abgefunden, dass der Ex-Historiker, Philosoph, sozialistischer Parteigenosse, Wirtschaftsminister, Ministerpräsident, Bürgermeister und dreifach getraute Gatte wohl auf absehbare Zeit aus dem die Szene bestimmenden Leben nicht wegzudenken wäre - Rücktritte, Entschuldigungen oder Rückzug ins Privatleben stand eigentlich nicht auf der Agenda von Estlands erstem Edgar.

Nun kommt es aber "knüppeldick", wie man gerne sagt. Einerseits erhebliche Gesundheitsprobleme, zuletzt eine Operation an den Herzkranzgefäßen, und vor einigen Wochen bereits eine schwere Infektion, die letztlich zur Amputation eines Teiles des rechten Beines führte. Savisaar war danach zwar als Stadtbürgermeister zurückgekehrt, aber am 22.September mit der Anklage durch den estnischen Generalstaatsanwalt (Prokuratuur) konfrontiert, der ihn nicht nur in mehreren Korruptionsfällen für ausreichend verdächtig hält, sondern auch seine Entfernung aus dem Bürgermeisteramt fordert. Es soll um Vorgänge aus den Jahren 2014 und 2015 gehen und um Gelder - Summen jenseits der 100.000 Euro - die illegal auf Savisaar's Konto landeten. Ebenso angeklagt sind Ex-Politiker Vello Reiljan sowie fünf weitere estnische Geschäftsleute. Die Vorgänge sind wohl so fundiert, dass einige Medienschlagzeilen bereits lauten: "Savisaar's letzte Schlacht" (bbn).

Parteivorsitzender, Parlamentarier, Bürgermeister: der 65-jährige Politiker, der bereits einige Skandale fast unbeschadet überlebte, galt als ebenso politikbesessen wie rastlos. Nun fürchten aber bereits Parteifreunde der von Savisaar geführten Zentrumspartei (Keskerakond) bereits eine Ausweitung der Anklage wegen Bestechlichkeit auch gegen die Partei selbst.
Allerdings noch wagt sich niemand aus der (parteipolitischen) Deckung: am 29.November steht der Parteikongress der "Zentrumspartei", aber auch von den bisher für wahrscheinlich gehaltenen Nachfolgern, Jüri Ratas oder Kadri Simson, hat niemand bisher eine Kandidatur bekannt gegeben: gegen Savisaar möchte niemand antreten. Und wer weiß: manche hoffen immer noch auf dieselbe Dynamik wie bisher immer: Savisaar kehrte immer zurück.

Auch das Wahlergebnis zum Stadtrat zeigte wie dominant Savisaar bisher war: von etwa 115.000 Wahlberechtigten, die beim vergangenen Mal Zentrumspartei wählten, offenbarten sich allein 40.000 als Savisaar-Unterstützer, 25.000 persönliche Stimmen vereinigte der Politiker auf sich. Edgar Savisaar weist bisher alle Anschuldigungen des Gerichts als völlig unbegründet zurück und erklärte seine Unschuld.

Mittwoch, September 23, 2015

Ehrenrettung zwischen den Fronten?

Elmo Nüganen stellt sich keine leichten Aufgaben. Als Theaterregisseur ist er eigentlich bekannt für seine Adaptionen estnischer und russischer Novellen, seit 1992 Direktor des Stadttheaters Tallinn. Seit seinem Film "Nimed marmortahvlil" (zu deutsch: "Die Namen auf der Marmortafel", Estland 2002) könnte er als Chefkoordinator bei der Verbildlichung estnischer Geschichte gelten. Damals, weit vor dem 100.Jahrestags des Kriegsbeginns, war zumindest die deutsche Öffentlichkeit noch nicht eingestellt auf die estnische Variante des Kriegsausgangs: am Ende stand, nach hartem Ringen und mit dem Glück vom Zusammenbrechen zweier übermächtig scheinender Kriegsgegner profitieren zu können, die Unabhängigkeit Estlands.

Heute ist Nüganen einer der bekanntesten Regisseure Estlands. Aber er ist auch Schauspieler: erst kürzlich wurde "Mandarinen" (Mandariinid) für den Oscar nominiert, eine georgisch/estnische Koproduktion, in dem Nüganen eine Hauptrolle spielt; der Film schaffte es immerhin bis in die Endrunde der letzten fünf. Jetzt könnte Nüganen dieses Ziel als Regisseur erneut anvisieren: sein neuer Film "1944" (deutscher Arbeitstitel "Brüder / Feinde") wurde von Estland für die 88th "Academy Awards" 2016 vorgeschlagen.

Hintergrund des Films sind die Ereignisse bei den "Blauen Bergen" auf der Halbinsel Sõrve (Sworbe) auf Saaremaa (Ösel) gegen Ende des 2.Weltkriegs. Die Halbinsel war Schauplatz erbitterter Schlachten zwischen der deutschen Wehrmacht und der sowjetischen Roten Armee. 1944/45 beim Rückzug der Wehrmacht fanden tausende Soldaten hier den Tod. "Vend vena vastu" - ein Motto des Films: Brüder gegen Brüder.
Esten, die bei den Deutschen mitkämpfen mussten, Esten die auf der Seite der Sowjets standen. In diesem Fall die Geschichte von Karl und Juri. Der Filmtrailer stellt heraus: "Esten, in einem Krieg der anderen." So mögen sich manche Esten gefühlt haben, zwischen den Mühlsteinen der Großmächte, nach damals gerade mal zwei Jahrzehnten eines unabhängigen Landes. Möglichst objektiv wolle der Film das Schicksal diesser Männer darstellen, ihre Hoffnungen, Ziele, ihre Vorlieben und Träume. Kinobesucher dürfen gespannt sein - denn bei anderen filmischen Versuchen gerieten die filmischen Geschichten nur allzu oft entweder zu unscharfer Kriegsheldenverehrung, oder zur knatternden und knallenden Show von Spezialeffekten. Einseitige estnische Rechtfertigung nach dem Motto "unsere Motive waren stets ehrenhaft" wäre sicherlich ebenso fehl am Platze.

Seit Kinostart im Februar 2015 hatten den Film in Estland bereits nach 40 Tagen über 100.000 Menschen gesehen. Ein nach estnischen Maßstäben vergleichbares Debut legten nur Nüganen's "Marmorfafeln" hin. Der deutsche Titel "Brüder - Feinde" klingt noch ein wenig vorläufig und holprig: einfacher und schlichter wäre "feindliche Brüder". Produziert haben den Film die estnische "Taska Film", gegründet von Kristian Taska, Sohn des estnischen Filmemachers Ilmar Taska. Partner ist "MRP Matila Röhr Productions" aus Finnland. Die Realisierung wurde unterstützt vom Estnischen Filminstitut,dem estnischen Verteidigungsministerium, und privaten Sponsoren.

In der Sowjetzeit waren auf Sõrve Raketen stationiert. Ich persönlich hätte mir dieses Thema auch gut als estnisch-russische Koproduktion vorstellen können - aber nein, wie schade. Gegenwärtig sind Vergleiche der Auswüchse des Machtstrebens von Hitler und Stalin leider in Russland wenig in Mode. Einige im Internet eingestellte Ausschnitte bieten Anlaß für Diskussionen (zumindest Fragezeichen): ob Überschriften wie "Waffen SS in action" wirklich den Sinn des Filmes wiedergeben? Solange ich den Film nicht selbst gesehen habe fehlt allerdings die Vergleichsmöglichkeit, ob diese Szenen wirklich aus dem Nüganen-Film stammen. Die Reaktionen der "User" stimmen ebenfalls nachdenklich, zum Beispiel diese: "Whoah! An actual movie that shows how useless Russian actually were and how accurate Germans are."Bewunderer des "MG-42" melden sich dort ebenfalls zu Wort. Ähnliche Ausschnitte werden im Internet auch unter dem Schlagwort "battle on Tannenberg line" publiziert - natürlich nur mit solchen Teilen, die vermeintlich heroisch für die deutsche Seite enden. Von estnischer Seite sind einige "Making-off"-Szenen zu sehen, in denen besonders die Musik herausgestellt wird: Voldemar Kuslap und sein 'Lied von der fernen Heimat' (Laul kaugest kodust). Andere Szenen stammen offenbar von Privatpersonen. Und das Portal "PCGames" stilisiert den Film als "Antikriegsdrama". Auf "FilmTV" schreibt Jessica Neumayer: "Ein Anti-Kriegs-Drama, das vor allem durch seine Emotionalität punktet. Der Gewissenskonflikt der Soldaten, die auf ihre eigenen Landsleute schießen müssen wird so deutlich, dass man ihn fühlen kann. Brüder Feinde ist kein gewöhnlicher Kriegsfilm, weil er von allem etwas hat. Fans der Kriegsfilmreihen kommen auf ihre Kosten, aber ebenso ist der Film sehr gefühlvoll und hat auch ein paar kleine Witze bereit. Also wer etwas Ernsthaftes, zum Nachdenken sehen und dabei gut unterhalten werden möchte, ist hiermit gut bedient."
Im Internet ist die Diskussion um diesen Film offenbar schon ein paar Schritte weiter als in den Kulturspalten der Tageszeitungen.

Anfang Oktober kommt der Film auch in die deutschen Kinos.

Mehr über Elmo Nüganen / FilmTrailer deutsche Fassung

Montag, August 17, 2015

Zwischen Chemie und Alter Liebe: mit den Esten über die Elbe

In der Sommer- und Ferienzeit ist im deutschen Verkehrsfunk eine Durchsage über einen Stau an der Fähre Wischhafen-Glückstadt die Regel - und verkehrstechnisch bezeichnen viele, die nach Schleswig-Holstein wollen, auch den Weg durch Hamburg als "Nadelör".

Neben Hamburg, Bremerhaven, und auch Wilhelmshaven ist Cuxhaven eher als Kurort bekannt: auf der einen Seite das familien- und kinderfreundliche flache Wasser des Nationalparks Wattenmeer, auf der anderen Seite ein wenig Romantik um den Leuchtturm "alte Liebe", einen Helgoland-Anleger, die Reste des früher zu Hamburg gehörenden alten Amerikahafens, ein ziemlich heruntergekommender Fischereihafen, und eine Menge Alterswohnsitze für küstenliebende Rentner.
Diese leicht verschlafene "Halbinsel-Atmosphäre" scheint jetzt ein wenig aufgefrischt zu werden: schon die Investition von SIEMENS in ein Rotorenwerk für Windräder ließ aufhorchen, nun scheint auch eine schnelle Elbquerung wieder zu einem wirtschaftlich attraktiven Modell zu werden. Zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel, einer Strecke von (wg. der Strömungsverhältnisse nautisch anspruchsvollen) 17 Seemeilen (ca. 30 km) wird eine neue Fährverbindung eingerichtet. Die Betreiberin, die neu gegründete ELB-LINK-Reederei ist eine Tochter der estnischen "Saaremaa"-Reederei, Christian Schulz der Geschäftsführer. Irritationen entstanden durch Presseberichte, dahinter stehe auch der estnische TALLINK-Konzern - was dieser aber angeblich dementierte, berichtet "Schiffe-und-Kreuzfahrten.de".

Wer Teele Viira noch nicht kennen sollte: vielleicht
braucht jemand in Cuxhaven noch eine
Galionsfigur?
Das hindert die Betreiber jedoch nicht, die Eröffnung in Cuxhaven ausgiebig ESTNISCH zu feiern: auftreten sollen am Mittwoch, den 19.August in Cuxhaven die Folkband "Viirelind", die Akkordeonspielerin Reet Lõugas von der Insel Saaremaa, sowie die Popsängerin Teele Viira und ihre Band (Mai Agan, Ain Agan) (Cuxhavener Nachrichten).
Zur Eröffnung hat sich neben den beiden Wirtschafts- und Verkehrsministern aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen auch Vjatseslav Leedo von der "Saaremaa Laevakompanii" angesagt. Angeblich soll es am Nachmittag auch Ansprachen geben von Arnold Rüütel, Ex-Präsident Estlands, und Viljar Arakas vom Estnischen Unternehmer-Verband. Ein echter Estland-Stützpunkt in Deutschland also - vielleicht bei Erfolg der Fährlinie ausbaubar in Richtung einer Städtepartnerschaft? 

Die Wirtschaftsförderung in Cuxhaven hatte ein Verkehrsaufkommen für die neue Linie von jährlich 265.000 Pkw, 48.000 Lkw sowie 625.000 Passagieren vorausgesagt. Wie es heißt, soll sich besonders die Chemieindustrie in Brunsbüttel über die neue Verbindung freuen - denn die beiden Fährschiffe "Grete" und "Anne-Marie" (Ex "MV Saaremaa" und "MV Muhumaa") werden auch Waren aller Art, wie es heißt sogar Gefahrgut, transportieren. Die Schiffsnamen nehmen angeblich Bezug auf eine Cuxhavenerin, die zwischen 1919 und 1938 bereits einen Fährverkehr zwischen ihrer Heimatstadt und Brunsbüttel betrieben hatte (siehe "SHZ", Cux-Wiki - "Anne-Marie" war damals ein als Fähre umgebauter Fischkutter, die damalige "Grete" ein Krabbenkutter).
24 Fährfahrten pro Tag, das ergibt einen Abstand von 1 1/2 Stunden zwischen den einzelnen Abfahrten. Pro Fähre sollen 160 Pkw (oder 52 Pkw plus 16 LKW) Platz finden, dazu 600 Personen. Ohne Fahrzeug gelangt man schon für 5 Euro auf die andere Elbseite, eine Person plus Fahrrad kommt mit 8 Euro aus - eine Option also auch für Touristen und Reiseradler.
Dennoch: es gibt auch kritische Kommentare. Frank Behling weist in den "Kieler Nachrichten" auf die unterschiedlichen Fahrpreise hin: während man seinen PKW in Glückstadt / Wischhafen für 5 Euro über die Elbe bringen kann, sind es in Cuxhaven 25 Euro. Ob die Verhältnisse dann so bleiben, dass in Wischhafen die Autoschlangen teilweise stundenlang warten müssen und in Cuxhaven "Fährplatz frei" meldet, muss abgewartet werden. Für den Betrieb der Linie Cuxhaven-Brunsbüttel hatte es aber auch andere Interessenten gegeben: die Bremer "Naval Consult Lasse und Pache GmbH" hatte erst Anfang des Jahres ihr Projekt "Elbe-Ferry" vorgestellt. Diese Schiffe sollten mit schadstoffarmem verflüssigtem Erdgas betrieben werden, das Projekt fand jedoch keine Investoren.
Der letzte bisherige Versuch des Bremer Unternehmers Egon Herbert Harms mit seiner "Elb Ferry" dauerte nur 19 Monate, von 1999 bis 2001. Ob es unter estnischer Regie erfolgreicher sein wird? Vielleicht bringen die Esten ja auch noch ein paar "e-Lösungen" (e-Elbe von e-estonia?) mit nach Art der mobilen Cuxhaven-Info bei "Geocatching" - wundern würde mich es nicht. Eine Online-Buchungsmöglichkeit gibt es jedenfalls schon jetzt.

Einladung zur Eröffnung (PDF) / Webseite Elb-Link / Facebookseite Elb-Link/
Elb-Link auf Twitter
Berichte zur Eröffnung auf Estnisch:
meiemaa.ee / Saarte Hääl

Samstag, Juli 18, 2015

Öfter mal nachmessen!

Die Landesgrenze wurde neu vermessen - aber dass
deshalb auch die estnischen Euro-Münzen neu
geprägt werden müssen, bleibt vorerst nur
ein Gerücht ...
Estland wächst um fast 100 qkm! Wie geht das? Es wurde mal genauer nachgemessen. Die zuständigen Landvermessungsbehörden gaben jetzt bekannt, dass bisher auf Vermessungsdaten zurückgegriffen wurde, die mehr als 20 Jahre alt waren. Man hat neu vermessen lassen, und siehe da: nicht mehr 45.227 qm groß soll die Landesfläche Estlands sein, sondern 45.339 qm ist die neue Zahl.
Die meisten Korrepturen habe man bei der genauen Landgrenze die an die Ostsee grenzt vornehmen müssen. Manchmal habe es Ungenauigkeiten von mehr als 50m gegeben.(ERR).

Donnerstag, Juli 09, 2015

Estnische Sorgen

Die Aufnahme von Flüchtlingen in Estland könnte den Nationalstaat und seine Souveränität beeinträchtigen - in Estland braucht es keine zwielichtigen "Pegida"-Versammlungen, um solche Ansichten in der Öffentlichkeit bekannt zu machen; es war der ehemalige Präsident Arnold Rüütel, der sich in den estnischen Medien so äusserte (zitiert bei ERR).

Es ist ein seltsames Thema. Wer sich in der estnischen Geschichte nicht so gut auskennt, dem wird sicherlich sehr viel erzählt werden über estnische Flüchtlinge in der ganzen Welt, Estland zwischen zwei Diktatoren und dem langen Warten auf die wieder erkämpfte Unabhängigkeit. Sind Estinnen und Esten nur dorthin geflohen wo Menschen mit ähnlicher Lebensauffassung und Traditionen wohnten? Sicher nicht. Wer vor Krieg und Verfolgung flieht, hat wahrscheinlich andere Sorgen.

Regierungschef Taavi Rõivas, Verteidigungsminister
Sven Mikser und Sozialminister Margus Tsahkna
bei einer gemeinsamen Pressekonferenz
zum Flüchtlingsthema
Estnische Politiker allerdings nicht. Sie glauben offenbar fest daran, Flüchtlinge in irgendeiner Art und Weise "sortieren" zu können, bevor sie estnische Grenzen passieren. "Wir würden christliche Migranten bevorzugen", so läßt sich Sozialminister Margus Tsahkna, frisch gewählter Vorsitzender der konservativen IRL, zitieren. Andere Vorbehalte klingen folgerichtig: die Argumente versuchen von eigenen Schwächen abzulenken: "Man müsste den Esten erklären, warum Flüchtlinge eine Krankenversicherung haben, unsere Arbeitslosen aber nicht", meint Ohtuleht.

Ex-Kommunistenführer Rüütel, heute Ehrenvorsitzender der estnischen Konservativen Volkspartei (EKRE), appelliert offenbar immer noch im Bewußtsein der Unkenntnis in der Welt gegenüber estnischen Verhältnissen: "Wir haben bereits einen der größten Anteile von Nicht-Einheimischen in ganz Europa." EKRE behauptete schon vor Monaten, die estnische Regierung plane eine "Massenimmigration" von bis zu 50.000 Asylanten innerhalb der nächsten fünf Jahre.
Nicht-Einheimische? Da wird eine Doppeldeutigkeit estnischer Politik deutlich: einerseits tut die estnische Regierung alles, um die "Normalität" der estnischen Verhältnisse darzustellen - Russen als gleichberechtigte Mitbürger, entweder auf den Wartelisten zur Einbürgerung, oder als selbstgewählte Sonderlinge mit "Nichtbürgerpass". Alles ganz normal. Aber wenn es um die Belastbarkeit dieser "Normalität" geht, sind gebürtige Russen - egal ob mit oder ohne Staatsbürgerschaft - plötzlich wieder "Nicht-Einheimische". Und das 25 Jahre nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit.

Zukünftige Szenen in Estland? Eine Bildmontage
eines estnischen Bloggers
Aussenministerin Keit Pentus-Rosimannus sucht derweil Rat in Schweden. "Flüchtlingen bei der Jobsuche zu helfen, kann ihre Integration in die Gesellschaft beschleunigen," meint sie vor der Presse, sagt aber nicht dazu, ob damit Jobs in Estland gemeint sind. Im nordestnischen Vao wurde inzwischen ein ganzes Flüchtlingsheim "vorsorglich" geräumt, weil Proteste dagegen befürchtet wurden. Regierungschef Taavi Rõivas, Verteidigungsminister
Sven Mikser und Sozialminister Margus Tsahkna versuchten Bedenken entgegenzutreten: "Das Gerede von einem 'Trojanischen Pferd' durch Flüchtlinge ist absolut haltlos", so der amtliche Regierungston. Es gäbe auch estnische Unternehmer, die gerne bereit wären Flüchtlingen Arbeit zu geben. Die estnische Regierung hatte sich bereits energisch gegen feste Aufnahmequoten von Flüchtlingen ausgesprochen, deutete aber an, eine Aufnahme von 200 Personen innerhalb der nächsten zwei Jahre wäre möglich. Diese Flüchtlinge sollen dann "über ganz Estland verteilt" werden, angeblich um die Bildung von "Ghettos" zu vermeiden (siehe ERR). Ministerpräsident
Rõivas äusserte seine Überzeugung, diese Flüchtlinge würden auch Estnisch lernen wollen.