Samstag, November 19, 2005

Künstler der Selbstdarstellung

Estland hat sich in den 15 Jahren seit der erneuten Erklärung der Unabhängigkeit rasant entwickelt. Fast scheint es so, dass man dem "eigentlichen estnischen Wesen" vorbeugen möchte: wortkarg, zurückhaltend, eher schüchtern.
Während eines Vortrags oder einer Präsentation estnischer Geschäftsleute erinnert in der Regel fast nichts mehr an mögliche Kommunikationsschwierigkeiten im Lande: sprachgewandt (oft Deutsch UND Englisch), gutaussehend, auftrittssicher, technisch gut gerüstet - so arbeitet jeder Einzelne am Image der jung-dynamisch Erfolgreichen. Die Veranstaltungen der "Estnischen Tage" in Hamburg wurden von professionellen Eventmanagern wie "RESTLING EVENT" aus Tallinn vorbereitet und begleitet. Auch die "dunkle" Phase der sowjetischen Zeit wird gelegentlich geschickt übersprungen: So präsentiert ENTERPRISE ESTONIA etwas augenzwinkernd ein altes estnisches Holzfahrrad unter dem Stichwort "wie alles begann".

Die Veränderungen in den 15 Jahren seit der Unabhängigkeit Estlands sind teilweise rasant - zumindest was die Entwicklung der Städte und der Geschäftswelt angeht. Dennoch hinken Investitionen und Gästezahlen aus Deutschland weit hinterher. Die kürzlichen Entwicklungen in der internationalen Bankenszene zeigen, dass Deutschland wirtschaftlich höchstens noch mit ein paar superreichen Firmen vertreten ist, die nach Abschluß einer Entwicklung sich an gut situierten Firmen beteiligen, oder diese gleich ganz aufkaufen.
Was die touristische Entwicklung angeht, so war 2004 mit dem Beitritt zur EU und der entsprechenden Medienaufmerksamkeit zwar ein Boom festzustellen, aber deutsche Touristen sind nun mal in Estland erst weit hinter den Finnen und den übrigen direkten Nachbarländern wirklich ein Kalkulationsfaktor. Allzu viel Aufmerksamkeit scheinen auch die eher von kurzfristigen Preisgestaltungen abhängigen Billigflieger abzubekommen: wie wichtig auch gute Fährverbindungen wie die Finnjet zwischen Rostock und Tallinn war, wird offensichtlich von estnischer Seite unterschätzt - das zeigten mir Gespräche mit den in Hamburg anwesenden Firmenvertreter/innen. Das zeigt andererseits auch, dass eine nachhaltig positive Entwicklung der Region eben doch nur in enger Zusammenarbeit mit anderen Ostseeanrainern zu erreichen ist - und manche leicht überheblichen Spitzen estnischer Repräsentanten ("wir sind die Besten der Welt") dann bei gemeinsamen Projekten etwas anders ausfallen.

Ministerpräsident Ansip wurde übrigens von deutschen Geschäftsleuten danach gefragt, was er empfehlen würde, wenn er die Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und SPD in Deutschland mit schreiben könnte. Angesichts dessen, dass Estland immer gern als "Paradies der Neoliberalen" bezeichnet wird, war seine Antwort überraschend: er stellte die Einführung eines "Elterngeldes" positiv heraus, da dies die Absicherung der Familien darstelle.
Foto rechts: Ministerpräsident Andrus Ansip mit Anda Silde, Leiterin des Baltikum Tourismusbüros in Berlin

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