Donnerstag, Januar 17, 2019

Alt in Estland

"Estland first" - das bestätigt auch eine Schlagzeile der Zeitung "Die Presse" aus Österreich. Nur, dass es diesmal nicht positiv gemeint ist: zitiert wird hier eine europaweite Studie, der zufolge 46,1% aller Rentnerinnen und Rentner in Estland armutsgefährdet sind. Am anderen Ende stehen die Franzosen - die offenbar wissen, wofür sich das streiken lohnt: nur 7% der Alten sind dort tendenziell auch arm (siehe auch: ERR).

Die drei baltischen Staaten an der Spitze: in Lettland wird die Armutsgefährdung für Ältere bei 43,7% diagnostiziert, in Litauen bei 36,7% - dahinter folgen alle übrigen EU-Länder (Deutschland 17,5%, Österreich 12,1%). Wie auch ein Rückblick auf die vergangenen Jahre zeigt, hat das Armutsrisiko in Europa eher zugenommen (Destatis). Weiterhin sind ältere Frauen mehr armutsgefährdet als ältere Männer.

Die Tücken der Statistik zeigt diese Grafik: da die Armutsrate immer
im Vergleich zum statistisch durchschnittlichen Einkommen
berechnet wird, sinkt die Armut scheinbar genau dort,
wo das Durchschnittseinkommen geringer ist. Statistisch
gilt dann: keine Armut in der Krise!
Einziges Manko dieser Zahlen: in den Medien die solche Zahlen verwenden wird nicht exakt Bezug genommen auf eine Quelle und das Datum der Datenerhebung. Noch im Oktober 2018 gab die EU Zahlen heraus, die sich auf die Gesamtbevölkerung beziehen. Demnach gäbe es nur drei EU-Länder, wo mehr als ein Drittel der Menschen armutsgefährdet seien: Bulgarien, Rumänien und Griechenland. In dieser Statistik wird Estland mit nur 23,4% Armutsgefährdung genannt. Eine ähnliche Größenordnung verwenden auch viele deutschsprachige Internetportale. Auch das estnische Statistikamt bestätigt das, und nennt auch konkrete Zahlen: wer weniger als 523 Euro im Monat hat, gilt als von Armut gefährdet. Und eine weitere Tatsache wird klar: der Prozentsatz der von Armut gefährdeten Personen wird nur durch Sozialleistungen geringer gehalten - ohne diese läge der Anteil der Geringverdienenden bei 40% (der Gesamtbevölkerung).

Die EU rechnet drei Armutsfaktoren gesondert: die Quote gemessen an Sozialleistungen, die Anzahl von Personen die in Haushalten mit geringer Erwerbsquote leben, und die Quote der sogenannten "erheblichen materiellen Deprivation" - eingeschränkte Lebensbedingungen aufgrund fehlender Mittel. Wo hier der Unterschied liegt - werden die drei Faktoren zusammengerechnet? Das ist leider nicht auf Anhieb für jeden verständlich. 

Wo liegt die Wahrheit? Welche Schlußfolgerungen sind nötig? Offenbar macht jede Zeitung, jedes Internetportal eigene Schlagzeilen daraus. "DIE ZEIT" entdeckte in Deutschland das "EU-weit höchste Armutsrisiko" - allerdings, wenn man genau liest, nur "bei Arbeitslosen". Demnach seien 70,8% aller Arbeitslosen in Deutschland armutsgefährdet (60,5% in Litauen, 55,8% in Lettland und 54,8% in Estland). Das "Pech" der Balten ist dabei wohl, auch schon bei vorhandenem Arbeitsplatz arm zu sein (und nicht nur "gefährdet").

Also, eines scheint klar: wenn beides zusammen kommt, also in Estland alt + arbeitslos zu sein, erzeugt Armut - soviel scheint sicher.Über die Höhe eventueller Renten braucht hier wohl nicht spekuliert werden.
Die estnischen Experten beurteilen die Lage etwas anders. Ein Zitat aus dem Sozialbericht 2015: "Obwohl viele Rentner in relativer Armut leben (Prozentsatz für 2015 war 44,6%), reicht diese Armut nicht sehr tief. Die Durchschnittsrenten liegen sehr nahe an der Grenze zur Armutsgefährdung. Das bedeutet, dass auch geringe Lohnerhöhungen für die Haushalte rein statistisch viele Rentner zu den Armutsgefährdeten rechnet, obwohl ihre tatsächlichen Bedürfnisse sich nicht viel ändern." (Eesti Statistika Kvartalikiri)

Viele Estinnen und Esten bleiben offenbar grundsätzlich optimistisch. So kommentierte Jevgeni Ossinovski, Sozialdemokrat und ehemaliger Gesundheitsminister, die Lage so: "die nächste Statistik wird definitiv besser werden, denn dann wird sich die Steuerreform auswirken." Die gegenwärtige estnische Regierung, eine Koalition aus Zentrumspartei, Sozialdemokraten und Vaterlandspartei, will einen größeren Teil geringer Einkommen von der Besteuerung freistellen.

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